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Kundenrezensionen

3,2 von 5 Sternen
134
3,2 von 5 Sternen
Baudolino, 5 Audio-CDs
Format: Audio CD|Ändern
Preis:12,00 €+ 3,00 € Versandkosten


am 25. Dezember 2006
Er lügt, der Schelm, und dichtet sich seine eigene Geschichte zusammen, die er einem Geschichtsschreiber diktiert! Oder auch nicht... Es beginnt, da Baudolino als kleiner Junge Kaiser Friedrich I. 1155 in einem norditalienischen Wald begegnete. Baudolino log ihm eine Vision vor, die der Kaiser, der seine Lügen durchschaute, gut brauchen konnte als himmlisches Zeichen, woraufhin der Kaiser ihn unter seine Fittiche nahm und sie ihr Leben gemeinsam als Adoptivsohn und Ziehvater verbrachten... diese und alle Arten anderer Lügen inszeniert Baudolino (teilweise theatralisch) sein ganzes Leben durchweg, und kommt bestens damit zu Rande. Die Leute glaubten die Lügen, weil sie etwas glauben wollten. Durch kaiserliche Billigung erhielten sie mehr als nur einmal praktisch Autorität.

Der Leser reist mit Baudolino durch das Europa des 12. Jahrhunderts, erlebt allerlei haarsträubende Dinge von weltpolitischer Tragweite, in die Baudolino verwickelt gewesen sein will - gerade diese Absurdität, das Spielen mit dem offenbar Unrichtigen, versetzt den Leser in einen Taumel, in dem er Dichtung und Wahrheit nicht mehr auseinander halten kann. Mit einem Kopfschütteln verlangt es den Leser, weiterzulesen, was allerdings nicht für die utopischen Sequenzen gilt, die sich zwischendurch einmengen, in denen Fabelwesen wie Skiapoden auftreten - ich hab leider ein Stückweit Verachtung für Utopien und musste mich quälen, dranzubleiben. Wem's ähnlich ergeht, der sollte diese Kapitel getrost überschlagen.

Dafür entschädigen aber wiederum so köstliche Kapitel wie "Baudolino bereichert die Schätze von Byzanz", in denen der Leser erfährt, wieviele ungeahnte heilige Reliquien man finden kann, wenn man auf einen Friedhof geht und nur "den rechten Glauben" hat. Gen Ende seines Lebens vertraut Baudolino (zum wiederholten Male in Konstantinopel gelandet) sich einem dort lebenden griechischen Geschichtsschreiber an und erbittet von ihm Hilfe, um sich im Lügengewirr seines Lebens zurechtzufinden. Es ist das erste Buch, bei dem ich richtig lachen musste, weil die Unverfrorenheit, mit der Baudolino und seine Begleiter im Verlaufe der Geschichte falsche heilige Reliquien, für die sie dumme christliche Käufer fanden, unter die Leute brachten, mich so sehr an die heutige Zeit erinnert... so sollte ein Komplize zum Friedhof gehen (auf dem Weg dorthin findet er eine alte Axt, das ist dann kurzerhand die, mit der Noah die Arche baute), mit dem Auftrag : "und finde den Unterkiefer des Apostels Paulus, nicht den Kopf, sondern den linken Arm Johannes' des Täufers und mehr von der Sorte: die Reste der heiligen Agathe, des heiligen Lazarus, der Propheten Daniel, Samuel und Jesaja, den Schädel der heiligen Helena, ein Stück vom Kopf des Apostels Philippus..." woraufhin der so Beauftragte erwiderte "wenns darum geht, brauch ich bloss dort unten ein bisschen zu wühlen, und im Nu finde ich euch ein Stück von der Krippe in Bethlehem, ein ganz kleines, bei dem man nicht genau weiss, wo es herkommt."... Die Betrügereien werden so dreist inszeniert, dass man nicht anders kann, als sich über die Dummheit der Menschen kaputtzulachen.

Eco gipfelt diese Unverfrorenheit in einer Persiflage auf den Heiligen Gral, die -gerade weil sie so grotesk ist- möglich sein kann! Was Baudolino tut, mag ein jeder selbst nachlesen, Fakt wird sein: Baudolinos Lüge macht sich wahr, weil die Belogenen sie glauben wollen. Und aus diesem "Glauben-wollen" entstehen Bewegungen, von denen ein Komplize Baudolinos sagt : "worauf es ankommt, ist, dass niemand ihn findet, sonst würden die anderen aufhören, nach ihm zu suchen." Dasselbe gilt für dieses Buch: entscheidend ist, dass niemand erfährt, was Lüge und was Dichtung ist, sonst würden sie aufhören, danach zu suchen...
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am 6. Juli 2017
Ich kann die vielen schlechten Rezensionen nicht nachvollziehen. Ich fand die Geschichte spannend und lehrreich zugleich. Die Handlung um den chronischen, aber liebenswerten Lügner Baudolino ist sicher etwas gewöhnungsbedürftig, aber gerade deshalb so unterhaltsam. Wer sich für mittelalterliche Geschichte interessiert und sich hier auch ein wenig auskennt, wird viel Freude mit dem Buch haben.
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am 20. November 2002
Ein großes Werk!
Umberto Eco erzählt in seinem Buch mit südländischer Fabulierfreude die Geschichte eines italienischen Spitzbuben, der auf wundersame Weise immer wieder am Pulsschlag der Geschichte seiner Zeit auftaucht. Der Held - wohl einer der Vorfahren des Autors höchstpersönlich? - steht mit beiden Beinen auf der einer Erde, die von tiefer christlicher Religiosität geprägt ist. Die unterschiedliche Auslegung und Ausprägung gerät immer wieder in das ironische Visier des Autors. Freskenartig setzt sich ein Gesamtbild der Wunderglauben, Hoffnungen, Sagen des Mittelalters zusammen - und siehe da - Parallelen lassen sich auch bis zur Gegenwart ziehen!
Alles in allem ein grandioses Buch, was die Erzählkonzeption und die Rahmenhandlung angeht. Auf der sprachlichen Ebene hätte ich mir etwas mehr Kunstfertigkeit erwartet.
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am 20. Juni 2003
Endlich ein Eco, den ich auch mag - das war meine Reaktion nach der ersten CD.
Hatte ich doch bei 'Der Name der Rose' und 'Das Foucaultsche Pendel' die Flügel gestreckt. Der Name der Rose war noch verständlich, düster ja, aber verständlich. Das Pendel hatte mich jedoch nach den ersten paar Seiten nicht mehr angesprochen.
Mit Baudolino ist die Düsternis gewichen und die Heiterkeit eingezogen. Somit ist es endlich ein Roman auch für mich. Geschichtliche Tatsachen gemischt mit Esprit, Witz und Lügen sind eine wunderbare Mischung für einen Historischen Roman. Eco serviert ein wirklich gelungenes Menü.
Dieses trefflich gelungene Hörspiel dazu ist ein Genuss. Die Kürzungen, die enthalten sein müssen, kann ich nicht beurteilen, weil ich das Buch nicht gelesen habe. Die Hörversion für sich betrachtet erscheint jedoch sehr rund.
Es beginnt mit dem ausführlichen Booklet, das uns in die Welt des Baudolino und die geschichtlichen Tatsachen einweist. Eine gute Wahl, weil ich gerade bei einer Lügengeschichte gerne wissen möchte, was die Geschichte belegen kann.
Auch die Informationen zu Eco und seinem bisherigen Werk sind interessant. Die Hauptsprecher und ihr bisheriger Werdegang sind ebenfalls aufgeführt. Eine Reihe bekannter Stimmen und Schauspieler versammelte sich für dieses Hörspiel mit dem SWR-Rundfunkorchester Kaiserslautern.
Die Orchestermusik kommt einem von "Die Säulen der Erde" her bekannt vor. Und richtig, liest man das Booklet aufmerksam, stellt man fest, dass Henrick Albrecht verantwortlich für die Komposition und Leonhard Koppelmann, der Regisseur, auch dort beteiligt waren.
Akustische Effekte wie das Hin- und Herspulen von Cassetten zum Abtippen der Geschichte und Schreibmaschinengeklapper bilden die Klangkulisse für die Entstehung des Buches - eine unaufdringliche gute Idee, wie ich meine.
Die Geschichte selbst wird mit den vielen Stimmen und den ruhenden Polen der beiden Erzähler Baudolino und Niketas variantenreich und lebendig erzählt. Einzig das häufige Gekicher, Gegiggel und Gegluckse erscheint mir deplaziert. Es ist eine Lügengeschichte mit viel Witz - gut - aber das muss man dem Hörer nicht so aufdringlich und ständig auf die Nase binden, das bemerkt er auch so.
Die Tracklängen sind in bewährter 'der hörverlag-Qualität' kurz genug für einen Wiedereinstieg und der Preis liegt derzeit nur einen Euro über dem des Gebundenen Buches. Das lässt mich alles in allem zu der Aussage gelangen:
Die Gesamtheit dieser Hörversion ist absolut Klasse, rundum gelungen und hörenswert.
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am 14. Juli 2004
>Das beste buch über das mittelalter ist BAUDOLINO: ein buch über den größten betrüger, ketzer, hochstapler, lügner und geschichtenerzähler aller zeiten.
Im mittelalter gab es keine wissenschaftliche geschichtsschreibung: ließ ein kaiser seinen stammbaum schreiben, so schrieb man einfach hinein, das Julius Caesar und Karl der große seine vorfahren waren. Schrieb ein gelehrter ein buch über asien berichtete er von fabelwesen wie kopflosen oder einfüßlern, die er selber gesehehen hatte. Er hatte diese wesen natürlich nicht gesehen, aber da jeder wußte, dass es solche wesen gab, hatte er ein recht sie in seinen bericht zu schreiben.
Baudolino erzählt in einer rückblende was er alles vollbracht hat: kriege verursacht, frieden vermittelt, städte gegründet, die heiligsprechung karls des großen initíiert, die legenden vom heiligen gral und von den hl. 3 königen erfunden, usw. usw.
Am ende des buches wird man ein wenig verwirrt: ist alles erlogen, auch die rahmenhandlung? das buch ist nicht spannend wie ein krimi, da es ja nicht auf eine auflösung oder einen höhepunkt zusteuert, es ist aber ein einziges feuerwerk von orginellen geschichten mit unglaublichen wendungen. Und je wahnwitziger und tolldreister die lügen, desto wahrer sind die geschichten.
Beste Unterhaltung auf höchsten niveau!
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TOP 500 REZENSENTam 6. November 2011
Es dürfte kaum möglich sein, einen Roman perfekter, lebendiger und faszinierender als Hörspiel zu inszenieren: Der Hörverlag setzt Umberto Ecos literarische Vorlage Baudolino meisterhaft um. 34 Sprecher, die sich in Film und Fernsehen bzw. auf der Bühne einen Namen gemacht haben, wie Michael Mendl, Peter Fricke, Irina Wanka oder auch Christoph Eichhorn,leihen den Charakteren ihre Stimme, verzaubern die Zuhörenden und entführen sie in die Welt des Mittelalters.

Besonders gern höre ich Hörbücher auf ausgiebigen Autofahrten, egal ob ich mit oder ohne Beifahrende unterwegs bin. Mitunter kommt es vor, dass man sich nebenbei kurz unterhält. Manchmal hält man auch die CD an oder wechselt sie nicht gegen den nächsten Teil aus, weil man dann doch lieber miteinander kommuniziert als konzentriert zu lauschen. Bei "Baudolino" ist das undenkbar: Man will und kann sich nicht aus dieser Welt lösen. Man muss einfach wissen, wie es weitergeht.

Die Faszination für Lüge, Betrug und Täuschung begleitet den Schriftsteller und Universalgelehrten Umberto Eco seit Jahrzehnten. Gleichzeitig liebt er es, historisch verbürgte Figuren mit fiktiven Gestalten interagieren zu lassen. So greift er tatsächliche Ereignisse auf, räumt bestehende Unklarheiten aus und schließt kreativ bekannte Lücken. Genau das macht einen Großteil des Lese- bzw. Hörvergnügens aus.

Es ist der Geschichtsschreiber Niketas Choniates, den es tatsächlich gegeben hat, der Baudolinos Lebensgeschichte für die Nachwelt festhält. Ein pfiffiger Rahmen für diese vielschichtige, augenzwinkernde Erzählung!

Eco selbst bezeichnet sein viertes Werk als Schelmenroman. Allerdings ist "Baudolino" noch sehr viel mehr als das: Er beinhaltet typische Bestandteile des Abenteuerromans, darunter eine Schatzsuche, spannende Reisen zu entlegenen Orten, Kriege und Schlachten. Und auch fantastische Elemente sind in Gestalt von Fabelwesen wie Basilisken, Mantikoren und Einhörnern zu finden. An Kirchen- und Gesellschaftskritik wird auch nicht gespart. Dieses Buch ist so facettenreich, dass man sich dem Hörgenuss ruhig mehrfach hingeben kann.

Zur Handlung: Im 12. Jahrhundert sind die Geschehnisse um den charmanten Bauernburschen Baudolino angesiedelt. In einfachsten Verhältnissen in der Gegend von Alessandria geboren, wird er als 13-Jähriger von Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) adoptiert und bei Hofe erzogen. Was sonst nur Adligen möglich ist, fällt ihm in den Schoß: Er studiert in Paris, steigt auf zum kaiserlichen Berater und begleitet 1189 Barbarossas Heer zum Dritten Kreuzzug. Abenteuer im fernen Osten erlebt er ebenso mit wie die Plünderung Konstantinopels.

Baudolino präsentiert den einfachen, hölzernen Trinkbecher seines Vaters als den "heiligen Gral", der hier von Anfang an als Fälschung auftaucht. Er verfasst historisch dokumentierte Schriften, darunter den Brief des Priesters Johannes. In Wirklichkeit - so stellt sich heraus - steht Baudolino hinter Barbarossa und beeinflusst seine politischen Schachzüge. Karl der Große wird auf Anregung Baudolinos heilig gesprochen, man erfährt, wie die sterblichen Überreste der Heiligen Drei Könige in den Kölner Dom gelangt sind und wie Barbarossa zu Tode kam.

Den Titelhelden nicht zu mögen, ist schier unmöglich: Schelmisch und verschmitzt, gewitzt und gewieft bewegt er sich durch die Zeitgeschichte, lenkt und beeinflusst das Weltgeschehen und meistert jede Herausforderung mit Bravour. Wenn er sich einen Vorteil verschaffen kann, dann tut er das auch. Dabei perfektioniert er seine Fähigkeit zu lügen. Allerdings agiert er fernab jedweder Boshaftigkeit.

Wie man es von Umberto Eco gewohnt ist, besticht der Roman durch inhaltliche Dichte, historisch-korrekte Darstellungen, literarische Qualität, Fantasie sowie Gedankenanstöße und Kritik.

Hervorgehoben werden muss besonders Jens Wawrczecks Leistung, der als Baudolino die perfekte Besetzung darstellt. Bekannt ist er unter anderem als Synchronstimme von Peter Shaw aus "Die drei Fragezeichen" und Spence Olchin aus "King of Queens". Gekonnt erweckt er den Schelm zum Leben. Dabei spiegelt sich dessen wachsende Bildung in Aussprache und Sprachmelodie. So wird das Sprachtalent glaubhaft in Szene gesetzt.

Man hat nicht das Gefühl, dass hier etwas "gespielt" wird. Vielmehr wirkt alles verblüffend echt und realistisch. Wenn Baudolino lacht oder gluckst, dann nimmt man ihm die dahinter stehenden Emotionen ab. Während des Kampfgetümmels ist man mittendrin, als sei man tatsächlich dabei.

Für ein passendes musikalisches Ambiente sorgt das SWR-Rundfunkorchester Kaiserslautern.

Entstanden ist ein brillantes Audioabenteuer, das neue Maßstäbe setzt. Ein einzigartiges, intellektuell anspruchsvolles Hörvergnügen, dem man sich nicht entziehen kann. Sprachlich auf höchstem Niveau und perfekt inszeniert. Empfehlenswert!
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VINE-PRODUKTTESTERam 1. Januar 2004
... wenn er "Baudolino" lesen würde, denn der gleichnamige Held und Erzähler des Buches läßt den Leser die Europäische Geschichte des Mittelalters, genauer gesagt die zweite Hälfte des 13. Jahrhundert, aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen, als man es bisher gewohnt war. Anders gesagt: Baudolino schreibt die Geschichtsbücher um. Da erfährt man z.B., wie Friedrich I. Barbarossa tatsächlich ums Leben gekommen ist, oder daß es weit, weit im Osten das Reich des Priesters Johannes gab, einem legendären Nestorianer, der ein sagenhaftes Reich aufgebaut hat. Und Baudolino war natürlich dort, hat zwar nicht den Priester Johannes getroffen, aber immerhin dessen gleichnamigen Adoptivsohn. In diesem Reich treffen Baudolino und seine Gefährten, die ihn fast das gesamte Buch über begleiten, auf verschiedene komische Wesen, die z.B. nur einen Fuß haben oder Ohren, so groß, daß sie ihren ganzen Körper bedecken können.
Die ganze Geschichte muß man mit einem Augenzwinkern betrachten. Wer von Eco Anspruchsvolles à la "Der Name der Rose" oder "Das Foucaultsche Pendel" erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Seine sonst recht ausschweifenden, philosophischen Gedankengänge kommen nur ansatzweise zum Tragen. Das tut der Geschichte aber keinen Abbruch. Wenn man über die meiner Meinung nach etwas zähen ersten Seiten weggekommen ist, erwartet einen eine amüsante und phantasievolle Reise.
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am 3. April 2002
Ein Schelmenroman. Sagt der Klappentext.
Eine ermüdende, wenig amüsante Historienschwarte. Sage ich.
Der Bauernsohn Baudolino begegnet im Wald, unweit seines italienischen Heimatdorfes, (aus dem später Alexandria wird), Kaiser Friedrich, genannt Barbarossa. Der deutsche Herrscher findet Gefallen an dem Burschen, der sich mit einer Flunkerei einführt, die weitreichende, für Friedrich positive Konsequenzen hat. Barbarossa adoptiert Baudolino, und dieser greift fortan aktiv in die Geschichte ein. In die vorliegende und die tatsächliche.
Jahrzehnte später erzählt der notorische Lügner seine Lebensgeschichte dem Logotheten Niketas Choniates, während Konstantinopel brennt, quasi im Hintergrund. Eco vollführt einen erzählerischen Kopfstand, denn wie die Antwort auf die Frage "Lügst Du jetzt?" an einen Lügner niemals wirklich Aufschluß geben kann, wackelt die Erzählung Baudolinos permanent, pendelt zwischen innerer und vermeintlich vorhandener äußerer Lüge, und genau das ist das Problem. Über hunderte von Seiten zweifelt der Leser nicht etwa daran, ob der Bauernsohn - den es nie gab - tatsächlich die Wahrheit erzählt, was seinen Eingriff in die Geschichte anbetrifft, (die Antwort auf diese Frage ist eindeutig), sondern wie und ob sich das abstruse und teilweise recht lächerliche Lügenbauwerk als solches entpuppt. Und zwar jenes, das die gesamte erzählte Handlung darstellt, auf beiden Ebenen.
Angereichert mit einer Vielzahl an Hintergrundinformationen und Fakten aus dem zwölften Jahrhundert, über Kirchenhierarchien, Monarchien, Städteherrschaften, Pakte und Ligen, berichtet Eco in einfacher Sprache über das Leben seines Protagonisten, der neben seiner vorstechenden Charaktereigenschaft bläßlich bleibt, wie übrigens auch alle Nebendarsteller, Friedrich eingeschlossen. Schwerwiegende Ereignisse werden zu lachhaften Anekdoten, von Dramatik oder Spannung keine Spur, einzig die zarte Liebesgeschichte zwischen Baudolino und Kaiserin Beatrix hat so etwas wie Charme, Atmosphäre, endet aber mitten im Buch. Der Spaß daran, im Nachhinein die Geschichte - die tatsächliche, jene des zwölften Jahrhunderts - neu zu lesen, verpufft schnell - irgendwo in der Mitte.
Mag sein, daß der eine oder andere Chronist Gefallen an dieser Posse um die Zeit Friedrich I. findet, Vergnügen hat an der vermeintlichen Geschichtsfälschung, in deren Kontext natürlich - und alleine das habe ich als halbwegs spannend empfunden - die Frage steht, inwieweit überhaupt Verlaß auf die Überlieferungen und Dokumente aus jener, eigentlich *jeder* Epoche ist. Aber das reicht nicht. Die fade, sprachlich eher unterdurchschnittliche Erzählung kommt nie wirklich aus den Hufen, quält den Leser durch inflationäre Fakten- und Namensansammlungen, wirkt spröde und leblos, entwickelt aber vor allem keine plastischen Figuren, mehr noch, läßt die Menschen jener Zeit zu lächerlichen Figuren auf dem kaiserlichen Schachbrett werden, ohne Schicksal und Emotionen.
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am 11. Oktober 2001
Umberto Eco, der Semiotikprofessor aus Bologna, ist in seinem vierten Roman wieder in jene Epoche zurückgekehrt, die ihm seit seinem Weltbestseller „Der Name der Rose" zur zweiten Heimat geworden ist: das Mittelalter. Diesmal befinden wir uns im 12. Jahrhundert und den Hintergrund der Handlung bilden die Auseinandersetzung Kaiser Friedrich Barbarossas mit den oberitalienischen Städten und der von ihm angeführte dritte Kreuzzug, die Orte der Handlung umfassen Oberitalien ebenso wie Freising, Paris, Rom, Byzanz und die fernen, unbekannten Länder des Ostens.
Eco selbst hat „Baudolino" als Schelmenroman bezeichnet, und tatsächlich handelt es sich bei der Titelfigur, die nicht umsonst einige Züge des Autors trägt, um einen schlauen, durchtriebenen Lügner, den die Lust am Fabulieren oft unfreiwillig dazu verführt, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. Seine erste Lügengeschichte verhilft dem Bauernsohn aus Alessandria (der Geburtsstadt Ecos) dazu, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert zu werden, und von da an gelingt ihm in nahezu jedem Kapitel ein weiterer Geniestreich. Der bauernschlaue Baudolino („Es macht mir Vergnügen, Dinge geschehen zu lassen und der einzige zu sein, der weiß, dass sie mein Werk sind!") ist bei jedem historischen Großereignis dabei und drückt ihm gnadenlos seinen durchtriebenen Stempel auf.
Nahezu endlos wäre eine Liste der auf Baudolino zurückgehenden Wunder des Mittelalters, nur soviel sei verraten: unserem Schulwissen über diese Epoche wird mehr als einmal zugesetzt, wenn uns Baudolino seine „Wahrheit" über die Kölner Reliquien der Heiligen Drei Könige, über die Heiligsprechung Karls des Großen, über den berühmten Archipoeten am Hofe Barbarossas und über den (von Historikern übereinstimmend als Fälschung bezeichneten) Brief des Presbyters Johannes erzählt, dessen sagenumwobenes Reich jenseits der bekannten Weltregionen Baudolino und seine Gefolgschaft zu finden versuchen. Die zwei Glanzstücke dieses Panoptikums sind aber Baudolinos Version des Heiligen Grals und - es wäre kein Eco - ein mysteriöser Mordfall. Dass es sich bei dem Opfer um niemand geringeren als Barbarossa selbst handelt, von dem wir bisher annahmen, er sei auf dem Kreuzzug beim Baden im Fluss Saleph ertrunken, setzt der Geschichte nur noch die Kaiserkrone auf.
Doch die Mordgeschichte bleibt diesmal sehr im Hintergrund und der blinde Weise Paphnutios, der sie letztlich auflöst, tritt gerade auf den letzten zwanzig Seiten in Erscheinung. „Baudolino" ist vielmehr ganz in der Tradition der Schelmenromane dem puren Erzählen und der Lust am ausufernden Fabulieren verhaftet. Das ist zwar über weite Strecken des immerhin 600 Seiten umfassenden Werkes überaus unterhaltsam, doch hinterlassen die sehr detaillierten und adjektivstrotzenden Beschreibungen ferner Länder, unbekannter Fabelwesen, menschlicher und menschenähnlicher Völker und philosophischer Auseinandersetzungen über die Form der Erde (Tabernakel, Scheibe oder gar Kugel?) oft ein unbestimmtes Gefühl der Substanzlosigkeit. Doch gelingt es Eco, diesen Passagen immer wieder solche entgegenzusetzen, die den Leser durch ihren feinsinnigen Humor in ihren Bann ziehen oder die Charaktere endlich aus der durch die Erzählweise bedingten Distanz holen und den Leser mit ihnen fühlen lassen, etwa die drei unglücklichen Liebesgeschichten Baudolinos, die ihn in den seltenen Momenten absoluter Aufrichtigkeit das größte Unglück erfahren lassen oder der Tod von Baudolinos Vätern Gagliaudo und Friedrich Barbarossa.
Am Ende zweifelt Niketas Choniates, Geschichtsschreiber und Kanzler des Basileus von Byzanz, dem sein Lebensretter Baudolino die ganze wüste Geschichte erzählt („Ich glaube, wer Geschichten erzählt, muss immer jemanden haben, dem er sie erzählt, nur dann kann er sie auch sich selbst erzählen."), so sehr an der Glaubwürdigkeit des Baudolino, dass er seine Geschichte nicht niederschreibt. Nur Eco lässt sich vom weisen Paphnutios als noch weniger vertrauenswürdig entlarven, wenn dieser sagt: „Früher oder später wird diese Geschichte jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino!". Mit diesem eleganten kleinen Kunstgriff hat es Eco wieder einmal geschafft, uns - wie in seinen vorangegangenen Romanen - bezüglich der Vertauenswürdigkeit seiner Quellen vollständig im Dunkel zu lassen.
Doch wie Baudolino selbst sagt: „Ja, ich weiß, es ist nicht die Wahrheit, aber in einer großen Geschichte kann man kleine Wahrheiten ändern, damit die größere Wahrheit hervortritt." Allein dieser Kunstgriff, der die Entlarvung von „Baudolino" als die Geschichte eines Lügners über einen Lügner wieder relativiert, macht diesen Roman, der über die Massenware des boomenden Literaturzweigs der historischen Romane turmhoch hinausragt, ausgesprochen lesenswert.
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am 17. Januar 2004
Vielleicht habe ich eine sehr eigene Haltung zu historischen Romanen: Ich liebe es, mit Hlfe von Nachschlagewerken die Grenze zwischen Geschichte und Fiktion ausfindig zu machen. Besonders stört es mich dann, wenn die Geschichte zurechtbogen werden "muss".
Bei U. Eco ist das aber praktisch nie der Fall.
Er recherchiert genau und fügt nahezu ausnahmlos historisch belegbare Persönlichkeiten und Überlieferungen des 12. Jahrhunderts durch den Erzähler Baudolino zusammen. Egal welche Episode nachgeschlagen wird: Die Statue von Gagliaudo, dem legendenhafte Verteidiger Alessandrias, findet sich wirklich in der Dommauer von Baudolinos (und Ecos) Heimatstadt eingemauert; die fabelhaften Wesen des Reiches hinter dem Sambyaton sind mittelalterlichen "Reise"erzählungen entnommen; der byzantinische Gesprächspartner Baudolinos, Niketas Choniates, hat seinen festen Platz in der griechischen Geschichtsschreinung usw.
Baudolino aber, dieses ins Historische entrückte Spiegelbild Ecos, ist die Klammer für das vergnügliche und fast durchwegs spannende Panoptikum zur Kreuzfahrerzeit.
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