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Kundenrezensionen

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am 20. Juni 2017
Der Werbesubtitel (ein Zitat der ZEIT-Journalistin Iris Radisch) verspricht nicht weniger als: „Ein Liebesroman wie es noch keinen gegeben hat.“ Der Titel allerdings weckt hingegen ganz andere Assoziationen: Liebe (ein Universalgefühl) – wider die Natur? Kann es das überhaupt geben? Oder spielt hier ein kritisch beäugender und Distanz-schaffender „Zeigefinger“ die entscheidende Rolle? Zusammen mit dem Cover-Bild wird es ein wenig deutlicher: während er sich liebevoll anzulehnen scheint, ist ihr Blick in die Ferne gerichtet – Distanz vermittelnd. Und auch die gleich zu Beginn des Romans, geschilderte deftige Sex-Szene, erinnert eher an einen billig gemachten Porno, als an glühende oder gar sinnliche, mit allen Sinnen erlebte, Leidenschaft.

Also Widersprüche zuhauf. Spannend genug, um weiterzulesen und sich auf die Geschichte, mit offensichtlich autobiografischem Hintergrund (u.a. tragen Autor und Protagonist denselben Vornamen), einzulassen. Als Belohnung winkt eine ganz außergewöhnliche Liebesgeschichte (oder sind es gleich mehrere?), die im Rückblick betrachtet wird und die alle Facetten widerstreitender Gefühle beinhaltet und gleichzeitig (beim Leser) auszulösen vermag. Angestoßen durch: Nähe und Zurückweisung, Leidenschaft und Kälte, Liebeslust und Liebesverlust, Glück und Trauer, Hoffnung und Vergeblichkeit … Gespiegelt an eigenen ähnlichen Erfahrungen entwickelt der Text seine enorme Kraft und Sogwirkung. Untermalt und verstärkt von Stilmitteln, die zunächst etwas verwirren, dann allerdings, hat man sich erst einmal darauf eingelassen, die Geschichte noch intensiver, hautnaher machen. Sie nimmt einen schier gefangen. Und so sind dann die wohlgesetzten, kurzen Wiederholungen (meist nur in Form eines Teilsatzes) immer auch eine Möglichkeit zum Innehalten, möglicherweise zum Zurücklesen (hat man etwas überlesen?) oder dem Entwickeln ganz eigener Gedanken. Also nichts für den schnellen Leser, der nach entspannender Lektüre sucht. Zudem sorgen die Brüche in den einzelnen Erzählsträngen dafür, kurzzeitig aus dem Erzählstrom auszusteigen und der Wirkung des gerade Gelesenen nachzuspüren. Kurzsätze wiederum erhöhen das Tempo der Geschichte / des Leidens. Alles in allem eine wunderbare Komposition von Liebe und Leid.
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am 24. März 2017
Ein älterer Mann lernt auf einer Party eine jüngere Frau kennen. Die beiden verlieben sich und beginnen eine Affäre. Nach einiger Zeit verlässt die junge Frau den Mann wieder. Eigentlich nichts Besonderes. Doch für Tomas Espedal wird ein Prozess des Erinnerns ausgelöst: Erinnerungen an die Jugend, die erste Liebe, die Zeit mit seiner bereits verstorbenen Frau, alltägliche Erfahrungen.

Das Buch Wider die Natur des norwegischen Autors Tomas Espedal beginnt mit dem Kennenlernen zwischen dem Mann und der jungen Frau auf einer Silvesterparty. In der Bibliothek des Gastgebers schlafen die beiden miteinander und noch in derselben Nacht sagt er zu ihr die drei Worte: „Ich liebe dich“ und meint es wirklich so. Doch letztlich wird er allein sein, in seinem Arbeitskeller, wo er sich an die Frauen erinnert, die er geliebt hat. Jede der drei Beziehungen ist gescheitert. Er selbst stammt aus dem Arbeitermilieu, arbeitet als Jugendlicher in der Fabrik seines Vaters, wo er für das Ölen und Reinigen der Webstühle zuständig ist. Aus diesem Milieu stammt auch seine erste Freundin. Auf einer Party erhält er das Angebot eines anderen Mädchens, diese nach Haus zu begleiten. Er schlägt das Angebot aus. Zehn Jahre später, der Erzähler ist mittlerweile Schriftsteller, wird er der Partybekanntschaft nach Rom folgen. Sie, mit Namen Agnete, ist mittlerweile Schauspielerin. Agnete ist exzentrisch und eigensinnig, die Beziehung alles andere als einfach.

"Ich saß vorn in dem LKW und dachte an Knut und sein Lachen; wovor hast du Angst?, hatte er gefragt. Ich saß in dem Wagen und fuhr einem neuen Leben in einem Kleinbauernhof in Sunnfjord entgegen, und jetzt konnte ich es endlich sagen, laut und deutlich, aber nur zu mir selbst: Ich habe Angst vor der Liebe, Knut."

Auch nach der Hochzeit bleibt Agnete die Bestimmende. Sie kauft ein Haus in der Natur und entschließt sich, mit ihm und der gemeinsamen Tochter nach Nicaragua zu gehen, um dort eine Frauentheatergruppe zu leiten. Der Erzähler hört auf seiner Tätigkeit des Schreibens weiter nachzugehen, lässt von Agnete über sein Leben bestimmen und verliert dabei das aus dem Blick, was er eigentlich selbst von seinem Leben will. Der einzige Trost ist die gemeinsame Tochter, um die er sich hingebungsvoll kümmert. Tomas Espedal muss seine Frau nach einiger Zeit zwingen, das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land wieder zu verlassen, um in die Heimat zurückzukehren, wo es bald darauf zur Trennung kommt. Einige Zeit später stirbt Agnete.

Tomas Espedal stützt sich in Wider die Natur allerdings nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, sondern baut gleichzeitig ein Netz aus literarischen Referenzen auf, zu denen Samuel Beckett, Marguerite Duras, Malcolm Lowry und Ovid gehören. Der wichtigste literarische Bezugspunkt sind aber die Liebesbriefe von Abaelard und Heloise aus dem 12. Jahrhundert. Zitate aus dem Briefwechsel baut er ein und spiegelt in ihnen sein eigenes Empfinden.

Doch es sind nur die Beobachtungen der Liebe, der dieses Buch so lesenswert machen. Viele kleine, fast schon banal und selbstverständlich anmutende Beobachtungen, sind ebenso interessant und spannend. Die Blicke aus dem Küchenfenster auf die verschneite Winterlandschaft und vor allem das liebevolle Kümmern des Erzählers um die Tochter.

"Ich war allein mit meiner Tochter im Haus. Sie wachte früh auf, meist um fünf Uhr morgens, es war dunkel; wir saßen in der Küche und warteten auf den Morgen. Wir saßen in der Küche und warteten darauf, dass die Nacht ein Ende hatte, dass das Licht kam, dass der Morgen anbrach."

Obwohl die grundlegende Geschichte, alter Mann verliebt sich in deutlich jüngere Frau einen schnell an Klischees und Midlife-Crisis denken lassen könnte, macht Tomas Espedal nicht den Fehler, diese (negative) Erwartungshaltung zu erfüllen. Vielmehr erzählt er direkt, offen und intim von seinem Liebesleid. Dabei zeigt sich Espedal schonungslos sich selbst gegenüber, schildert seine Gefühle, ohne etwas zu beschönigen und präsentiert sich als fünfzigjährigen Mann in all seiner Verzweiflung und Verletztheit.

Das Buch folgt dabei keiner festen Textform, sondern ist eine Mischung aus Notizen, Tagebüchern, Essays und Erzählungen. In seiner Ehrlichkeit versucht der Autor nicht, den Leser mit komplizierten Formulierungen zum Thema Liebe für sich zu gewinnen, sondern schreibt klar, ohne große Schnörkel seine autobiografischen Erinnerungen, die sich durch ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auszeichnen.

"Ich versuche, möglichst rasch und direkt zu schreiben, ohne darauf zu achten, ob das Ergebnis gut oder schlecht ist, ohne Berichtigungen oder Striche, ohne Gedanken an mögliche Leser; nur dann erlange ich eine ganz unentbehrliche Freiheit, kann ich schreiben, was ich will."

Wider die Natur ist ein eindrucksvoller autobiografischer Roman, der einen Mann mit all seinen Gefühle und Erinnerungen an seine Liebeserfahrungen zeigt. Er beschönigt nichts, ist ehrlich in seiner Trauer und Verzweiflung und beschreibt gleichzeitig alltägliche Beobachtungen, sowie das Älterwerden und die Vergänglichkeit.
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Das Buch beginnt spektakulär. Am Silvesterabend tobt die Party und abseits im Dunkel der Bibliothek umschlingen sich der 48 jährige Icherzähler und Schriftsteller und seine viel jüngere neue Bekanntschaft Janne und kommen sich so nahe wie ein Mann einer Frau nur nahe kommen kann. Beide werden danach einige Jahre glücklich zusammen leben. Am Ende des Buches verlässt die junge Frau aber doch den wesentlich älteren Schriftsteller, der darüber im Schmerz versinkt. Dieser Schmerz des plötzlichen Verlassenwerdens, der verlorenen Liebe ist so groß, dass im letzten Drittel des Romans nur noch aus den Notizbüchern des Schriftstellers zitiert wird. Der Erzählstrang löst sich auf zugunsten kurzer dahingeworfener Sätze, in denen der ganze ohnmächtige Schmerz und die Wut auf das Leben, das kein dauerndes Glück zulässt, herausgeschrieben wird. In diesen Notizbucheintragungen beschreibt der Schriftsteller diesen Schmerz des Verlassensein in immer neuen Anläufen und Wendungen - irgendwann begann die Lektüre dieser selbstquälerischen Reflexion für mich ermüdend zu werden.

Der Roman handelt also vom schönen Glück eines Menschen, der sich bedingungslos verliebt, aber mehr noch vom tiefen Schmerz, wenn diese Liebe zerbricht. Jedem, dem dies auch geschehen ist, weiß wovon der Autor spricht. Das Buch über das Glück ist dünn. Über das Glück kann man eigentlich nicht viele Worte machen, es begleitet und durchdringt einfach den Alltag. Es wird manchmal erst bewußt, wenn es sich bereits verflüchtigt hat.

In Rückblenden erzählt der Schriftsteller dann von seinem ersten Job in einer Textilfabrik, und wie ihm klar wird, dass er so nie arbeiten wird. "Wir waren Maschinen, bevor wir an die Maschinen kamen." Er heiratet schließlich Agneta und folgt ihr nach Rom, dann zurück nach Norwegen und schließlich nach Südamerika und wieder zurück nach Norwegen. Es wird ein Kind geboren, um dass sich im Wesentlichen der Schriftsteller kümmert. Alles, was im Leben des Schriftstellers passiert, geschieht wegen Agneta. Der Schriftsteller lässt sich treiben, mit ihr treiben in der Welt. Er sitzt wegen Agneta in Südamerika. Im Land herrscht Krieg, im eigenen Haus herrscht Krieg. Erst als es ihm zu gefährlich wird in Südamerika und ihm klar wird, ein falsches, schwaches und feiges Leben zu führen, steigt in ihm der Wille auf, sich endlich aus dieser unglücklichen Ehe zu befreien und er setzt alles daran, nach Norwegen zurück zu kommen.

Dem Autor gelingt eine schöne Erzählung, viele Bilder prägen sich ein - besonders die reale Gefahr durch zwielichtige Gestalten, marodierende Banden oder Verbrecher in Südamerika. Er beschreibt einmal seine Todesangst hervorgerufen durch den Blick eines Soldaten, wie er ihn zuvor nur ein einziges Mal gesehen hat, und bei dem sich ihm das Blut zu Eis gefror. Das alles ist schön erzählt, zweifellos, aber ich frage mich, was geht mich das alles an, was lerne ich daraus, wie kann ich das Geschehene mit meinem Leben verbinden? Und da bleibt mir als Antwort: es ist die Beschreibung und Erkenntnis der Fragilität und Flüchtigkeit des Glückes.

Das eigentliche Hauptthema des Romans ist diese Flüchtigkeit des Glückes und der Liebe. Die Einschübe über die Liebesgeschichte zwischen Abaelard und Heloisa zeigen, dass es sich für den Autor um ein allgemeines Gesetz des Lebens handelt. Kurz hintereinander sterben dem Schriftsteller dann auch seine geschiedene Ehefrau Agneta, deren Mutter, Vater und Bruder weg - als hätte der Tod eine Kettenreaktion ausgelöst. Und was passiert? Wir gehen weiter als ob nichts geschehen wäre. Aber etwas hat sich doch ereignet, etwas hat uns verletzt, aber wir gehen trotzdem weiter, mit diesen Erfahrungen im Leib - jeder nachfolgende Schritt ist verändert und nicht mehr so leicht und unbeschwingt wie vorher.

Der Roman hat etwas pessimistisches, trauriges und hoffnungsloses. Glückliche Momente scheint es nur in den wenigen Jahren mit Janne gegeben zu haben. Aber selbst diese Zeit wird durch eine Brille gesehen, die das Helle und Schöne abdunkelt. Immer wieder die Frage, ob denn auch die jüngere Janne in der Beziehung glücklich ist. Kaum ein Wort vom Glück, ein gesundes Kind zu haben. Stattdessen die Trauer, dass auch dieses Kind das Haus verlassen hat - mit immerhin 19 Jahren. Glück scheint für den Schriftsteller nur in der Liebe zu einer Frau möglich zu sein. Das Buch endet dann im Stadium der Verzweiflung über die verlorene Liebe. Kann dies wirklich das Ende der Geschichte sein, kann das die Lebensbilanz des 50 jährigen Schriftstellers sein? Wars das? Vielleicht erzählt uns der Autor im nächsten Werk etwas über eine neue Hoffnung, ein neues Glück, vielleicht eine neue Liebe, die jetzt noch so weit weg zu sein scheint. Denn wie heißt es in dem Roman so schön: wir gehen trotzdem weiter.
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Ein Mann, noch keine 50, verliebt sich in eine halb so alte Frau. Für ihn eine große Liebe. Doch sie verlässt ihn und er leidet abgrundtief. In Rückblicken berichtet er von seiner ersten Arbeit in einer Fabrik, die ihn dazu bewog, nie wieder mit den Händen arbeiten zu wollen; von seiner Ehe, eine schwierige Beziehung ohne große Liebe. Die gemeinsame Tochter wächst bei ihm auf, ist unterdessen aber erwachsen und bereits ausgezogen.
Die Liebe mit der jungen Frau bietet nur den Rahmen der Geschichte (Einleitung und Schluss). Im Hauptteil berichtet er vor allem von seinem Leben mit seiner Frau, der er nach Rom folgt und später mit ihr zusammen eine Zeit lang in Nicaragua lebte, in politisch unruhigen Zeiten.

Ich habe schwer in den Handlungsverlauf hinein finden können. Täusche ich mich, oder gab es da die ein oder andere seltsame Wiederholung? Auf den ersten Seiten konnte mich auch der Schreibstil nicht begeistern (das wurde im Verlauf dann jedoch etwas besser). Was ich nicht mehr gut vertragen mag, sind Schriftsteller, die über ihr Leben als Schriftsteller schreiben.
Interessant fand ich die Abschweifung zu Petrus Abaelard, der im 12 Jahrhundert bereits die Liebe zu einer halb so alten Frau beschrieb.

Die letzten ca. 40 Seiten des Buches sind als Art Tagebuch-Aufzeichnung wiedergegeben und sind vor allem eines: deprimierend.

Fazit: Weder Inhalt noch Umsetzung hat mich besonders angesprochen. Für mich wollte das Buch einfach nicht rund werden. Ich empfehle zu ähnlich gelagertem Thema Sándor Márai.
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am 2. März 2017
Ich las zuerst Espedals Buch "Wider die Kunst" und war deshalb mit der Person des Autors, seiner früheren Frau und der Tochter vertraut. "Wider die Natur" erschien mir trotzdem viel mehr zu sein als die bloße Weitererzählung von Espedals Leben und Lieben, denn in diesem Buch widerfährt ihm mit einer neuen, viel jüngeren Frau die Liebe seines Lebens. Nach all dem Tod und der Zerschmetterung, der Hinwendung zum totalen Vatersein, von der man in "Wider die Kunst" gelesen hat, folgt man hier seiner bedingungslosen Hinwendung zu einer Frau. Das war für mich interessant zu lesen, zum einen, weil mir die Konstellation junge Frau / viel älterer Mann vertraut ist, zum anderen, weil sich Espedal als Schriftsteller so offen, nicht schamlos, entblößt, dass es mich emotional über weite Strecken mitgerissen hat.
An sich bin ich nicht gerne Voyeur, die Gefahr, ein solcher zu werden, liegt nahe bei Ich-Erzählern, die keine Geschichte erfinden, sondern ihr gesamtes Leben schonungslos der schriftstellerischen Ausbeutung übereignen bzw. zwischen Leben und Schreiben keine Grenze ziehen oder Filter legen. Die Voyeurismus-Gefahr besteht bei Espedal deshalb nicht, weil er die Themen Schreiben, Liebe, Tod und Vaterschaft auf einem Niveau erfasst, das deutlich über ihn hinausreicht und jeden einbezieht, der mit diesen Bereichen bereits in Berührung gekommen ist.
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"In dem Augenblick, als er sie sah, hatte er sein eigenes Alter vergessen."

Lebensgeschichten sind meist auch Liebesgeschichten. Beide handeln zwangsläufig von Ewigkeit und Vergänglichkeit. In der Liebe wie im Leben kann der Mensch sich unsterblich fühlen mit dem, was er erlebt hat und glaubt erreicht zu haben. Und wie der Tod das Leben beendet, so endet auch die Liebe unvorhergesehen oder erwartet und reißt alles ein, was man erlangt hat; öffnet darunter eine tiefe Verletzlichkeit. Denn die weiche Stelle, an der eben noch die Liebe lag, ist plötzlich der Vergänglichkeit ausgesetzt, die kalt ist und gleichzeitig diese weiche Stelle verbrennt mit dem Gedanken an alles, was nun entbehrt muss. Eigentlich bleibt viel, nämlich alle Liebe, die bereits war; aber plötzlich wirft dieses helle Licht der Vergangenheit tiefe Schatten auf die Gegenwart.

Das Ende der Liebe ist ein kleiner Tod, nur, dass man danach weitermachen muss. Vom Lieben und vom Weitermachen, vom Glücksversuch und vom Schmerz, handelt dieses Buch. Es ist eine Geschichte von der Unsicherheit, die man irgendwann als in der Liebe beheimatet erkennt; der Ferne, die alle Menschen um sich haben und die überbrückbar scheint, eine Durchquerung wert, wenn wir lieben. Es ist eine Lebensgeschichte, eine Biographie, die bei der frühen Liebe einsetzt, weitergeht zu Frau und Kind, und endet bei der großen Liebe zu einer jüngeren Frau. Nichts davon löst das Versprechen ein, hier geschehe etwas "Wider die Natur". Wenn überhaupt geht es darum, dass in der Natur, die wir sind, diese seltsame Einrichtung der Liebe ganz unumgänglich und trotzdem unmöglich ist, was sich verändert von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt.

"Begriff ich, was für ein Glück darin bestand, dass sie auf dem Sofa lag und las? Dass wir zusammen Abendessen würden? Ich dachte nicht darüber nach; ich war glücklich?"

Es ist auch ein Buch über das Glück. Und als solches hab ich es gelesen. Die Frage danach wird in Espedals Buch selten so offen gestellt wie in diesem Zitat, schwingt aber hinter allen Geschichten mit, weil es ja letztlich darum geht, wenn man die Hollywoodliebe beiseitelässt: darum, wie man Partnerschaften und Liebe in sein Leben integrieren kann, wie diese Beziehungen unseren Lebenswege unverhofft kreuzen und bestimmen. Und wie wir darauf aus sind, aus diesem Umstand Glück zu münzen, was aber immer wieder eine frustrierende Angelegenheit ist, denn da sind zwei Menschen, zwei Vorstellungen vom Glück, und man kann nie wissen, ob sich diese Vorstellungen aufeinander zu bewegen oder schon wieder am Auseinanderdriften sind.

Es ist ein poetisches, gesetztes Buch. Es ist fast durchgängig tiefgreifend geschrieben, was es in gewissem Sinne besonders macht. Aber dieser Stil kreiert auch eine Oberfläche, die ein bisschen wie eine eingehaltene Sorgfalt wirkt und mich daher nicht ganz mitgerissen hat. Ich konnte an dem Buch viel gewinnen, aber viel erlebt habe ich bei der Lektüre nicht und auch über die Liebe hat das Buch zwar viel zu sagen, auch viel Greifbares, aber bleibt trotzdem vor vielen Schwellen stehen, statt sie zu übertreten.

Ein Buch, das einen schnell neugierig macht, das man schnell mit Erwartung liest. Diese Erwartung wird gleichsam eingelöst und gleichsam nicht. Wie in der Liebe.
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am 19. Mai 2014
Tomas Hespedal ist eine wichtige Stimme in der norwegischen Gegenwartsliteratur und wer diesen kleinen Roman liest, wird sofort verstehen können, warum dem so ist.
"Wider die Natur" ist als Roman eine Lebens- und Liebesbilanz vor Hintergrund der letzten großen Liebe des Ich-Erzählers.
Auf einer Silvesterfeier verliebt sich der Erzähler - ein achtundvierzigjähriger einigermaßen erfolgreicher, norwegischer Schriftsteller - Hals über Kopf in eine deutlich jüngere Frau. Beide geben sich in der Bibliothek der Gastgeber einem ausgedehnten Liebesakt hin, während in den angrenzenden Zimmern die Party weiterläuft, um dann noch vor 24:00 Uhr wieder bei den Gästen zu sein. Der Erzähler hat einige Romane veröffentlicht und daneben eine deutlich größere Zahl von kleinen, schwarzen Notizbüchern mit allerlei Gedanken und Ideen gefüllt. Diese Textsammlungen, hat man den Eindruck, sind sein eigentliches Werk, und so werden wir in insgesamt 6 Romanteilen unterschiedlicher Länge alles über sein Leben erfahren. Dieses Leben scheint im Rückblick in vielen Teilen irgendwie immer wider die Natur, wider den eigentlichen Absichten und Wünschen des Protagonisten abgelaufen zu sein und er scheint mit den Entscheidungen in seinem Leben - nicht alle von ihm selbst getroffen - zu hadern. Eigentlich wollte unser Schriftseller nicht arbeiten, heiraten und Kinder kriegen, aber genau das geschieht und wie immer im Leben ist alles viel komplexer und unvorhersehbarer, als man es sich jemals ausgemalt hätte. Er muss als Aushilfe zunächst körperlich hart arbeiten, muss heiraten, muss Bergen verlassen und einige Zeit in den Tropen leben und dann seine Familie ernähren. Dann lernt er die für ihn schönste Frau in seinem Leben kennen, eben jenes junge Mädchen. Aber auch das ist irgendwie wider die Natur, da ihn junge Männer ansprechen, die sich für die junge Frau an seiner Seite interessieren, da sie sie für seine Tochter halten. Am Ende sitzt der Schriftsteller wieder in seinem Schreibkeller in seinem alten Haus in Bergen 2 Meter tief unter der Erde und schreibt anstatt eines Romans tagebuchartig in seinen Notizheften.
Hespedal hat diesen Roman in einer knappen und glasklaren Sprache verfasst, die es zu einem Vergnügen werden lässt, dieses Buch zu lesen. Tatsächlich habe ich in den letzten Tagen immer wieder Teile des Romans ein zweites Mal gelesen, was mir bei einem deutschen Text (auch wenn er aus dem Norwegischen übersetzt wurde) in der letzten Zeit eher selten passiert ist. Sehr zu empfehlen.
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Tomas Espedal ist ein 53-jähriger norwegischer Schriftsteller der bisher elf Bücher geschrieben hat. In seiner Heimat hat der in Bergen lebende Autor viele Preise bekommen. Zwei seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt, sodass man diesen Autor jetzt auch bei uns entdecken kann. Beide zeichnen sich durch ihre radikale autobiografische Schonungslosigkeit aus. „Wider die Natur“, von Hinrich Schmidt - Henkel ins Deutsche übersetzt ist auf den ersten Blick eine Geschichte wie man sie schon dutzende Mal gehört hat, aber diese symbolisch ordentlich behaftete Geschichte, bei der auch ein asymmetrisches Liebespaar aus der Antike, ein klassisches Liebespaar in der tiefsten metaphysischen Zeit, fokussiert, ist ein Liebesroman wie man ihn bisher noch nie gelesen hat. Am Anfang schreibt Tomas Espedal in der dritten Person, dann springt er in die erste Person und dokumentiert dass es nun alles autobiografischer wird.

Zum Plot: Alles beginnt damit, dass sich ein 48 - jähriger Mann, von Beruf Schriftsteller, in einer Bibliothek in der Silvesternacht Hals über Kopf in eine junge Frau Anfang zwanzig verliebt. Es ist der Beginn einer großen erotischen Leidenschaft. Doch man ahnt schon sehr bald, dass ihn diese junge Frau in naher Zukunft verlassen wird. Dann erfolgt ein großer Sprung zurück in die jungen Männerjahre des Protagonisten und wir lernen die Geschichten seiner gescheiterten Lieben kennen.

Im Moment dieses aktuellen Liebesunglücks blickt der Protagonist zurück auf sein Leben. Es sind die Liebes „Lebensgeschichten“ aus den 70er und 80er Jahren, und ganz nebenbei merkt man was es in der Literatur bedeutet, Geschichten zu erzählen. Unter dem Leidensdruck fügt sich seine ganze bisherige Lebensgeschichte als eine Geschichte von drei Stationen - Bilanz und Anklage. Zunächst ist es die Liebe zu einer jungen Frau die wie er aus dem Arbeitermilieu entstammt. Dann war er mit einer sonderlich überspannten Schauspielerin verheiratet, die ihn überredet mit nach Rom und Nicaragua zu gehen. Die Frau stirbt. Das ist der mittlere Erzählblock dieses berührenden Romans.

Häufig hält man seine junge Geliebte für seine Tochter, deshalb nennt er sein Buch devot „Wider die Natur“. Wenn für ihn dieser Altersunterschied naturwidrig zu sein scheint, so haben möglicherweise andere Männer da keine Bedenken. Aber Kritik sei erlaubt, ich fand, dass sich der Romanheld in seinem Alter überschätzt. Er fühlt sich doch nur so alt, weil eine wesentlich jüngere Frau ihn verlassen hat. Eine solche Liäson, ist zwar sehr anrührend, aber eine solche Liebe erfordert möglicherweise von dem älteren Part eine Übererfüllung des biologischen Programms, das so vielleicht nur schwer zu schaffen ist.

Am Ende nimmt der Roman noch einmal eine ganz entscheidende Wende, denn die letzten Passagen sind die eines Verlassenen. Schonungslos, also unerbittlich aufrichtig, erzählt Espedal glasscherbenscharf die Geschichte eines verzweifelten Verlassenen, der nicht fassen kann, dass die Frau auszieht und ihn alleine zurück lässt. Aber vielleicht hatte er von Anfang an seine Gefühle und Erwartungen überfrachtet, so dass ein Scheitern schon vorprogrammiert war. Er sitzt dort wo er mit ihr gelebt hat, verfällt zunehmend dem Alkohol. Alles endet in einem seelischen Desaster, in einem ergreifenden, erhabenen Lamento.

Wenn auch alles sehr wehleidig daher kommt, so gibt es auch Momente die in ihrer Art melancholisch und doch schön sind. Espedal kann nicht nur Leid schildern und jammern, sondern es gibt wunderbare Szenen, wo er dieses Liebesglück mit Empathie beschreibt, doch auf den letzten dreißig, vierzig Seiten des Romans ändert sich der Stil stakkatoartig. Der Untertitel (die Notizbücher) deutet schon an, dass sich dieser Lebensüberdruss, diese tief empfundene Verzweiflung, diese unglaubliche Traurigkeit die der Romanheld empfindet in einer Sprache wiederfindet die nur wenige Zeilen umfasst. Ein großartiges autobiografisches Buch in dem Espedal autobiografisch Leid kurz und treffend und skelettiert beschreibt, ganz anders wie sein Freund Karl Uwe Knausgard, dessen Name auch einmal fällt. Knausgard mäandert und erzählt sein Leben ausladend in sechs Bänden. Espedal liebt die Reduktion in wahren Geschichten, in denen er die Wirklichkeit krass naturalistisch und unreflektiert darstellt. Unbedingt lesenswert.
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am 23. August 2015
Schreibe sonst keine Buchrezensionen, aber die hier muss sein - habe selten ein so emotionales Buch gelesen, das völlig ohne Patina, Kitsch und Schnörkel auskommt. Völlig puristisch und straight wird hier vom Verlassen werden erzählt oder vielmehr „berichtet“. Espedal schafft es einen Liebesroman ohne eine einzige triefende Szene zu schreiben. Ohne emotionsgeladene Wörter so viele Emotionen ausdrücken zu können ist bemerkenswert.
Wünsche mir mehr solche Autoren!
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am 8. März 2016
Die Liebe eines älteren Mannes zu einer jungen Frau, ist wider die Natur aber kann glücklich machen.6 Jahre währt dieses Glück bevor sie ihn verlässt.Der Mann vergräbt sich in seinem Haus, leidet als Verlassener, physische Schmerzen. Immer wieder sieht, riecht er seine junge Geliebte,in seiner diffusen, liebeskranken Welt.Er kann die aufwühlenden Gedanken an sie nicht abschütteln.
Er denkt an das lange vollkommene Glück mit ihr, groß und bedingungslos war ihre Liebe.
Für ihn war es ein Wunder so zu lieben.
Das Leben mit seiner früheren Frau war nicht so von großem Glück geprägt. Chaotisch und anstrengend war das Leben mit ihr. Er war nicht frei und am Ende war alles ein einziges Desaster.
Das leben wider die Natur hat ihn glücklich gemacht.
Er weiß, daß er nie wieder so lieben kann.
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