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am 15. September 2007
Das Foucaultsche Pendel ist wahrlich ein dicker Wälzer. Auf hunderten von Seiten wird eine Geschichte erzählt, bei der es scheinbar um Verschwörungstheorien geht. Enorm detailliert und ausführlich erfährt man die Geschichte dreier Menschen, die sich beruflich bedingt mit allerlei Verschwörungstheoretikern und paranoiden Konspirationsfanatikern auseinandersetzen müssen. Eines Tages beschließen sie den "großen Plan" zu erfinden, bei dem es um nichts anderes als die Eroberung der Welt von einer geheimen Organisation geht. Somit nimmt das Schicksal seinen Lauf...

Umberto Ecos Roman ist enorm komplizert und verlangt vom Leser einiges an Geduld ab. Oftmals bedient er sich fremder Sprachen, für die es noch nicht einmal übersetzende Fußnoten gibt. Englisch, Griechisch, Latein, Französisch... Es gibt Szenen, die man gar nicht, oder nur schlecht versteht, wenn man aus diesen Sprachen nicht zumindest einige Wörter kennt. Die historischen Ereignisse, auf die Bezug genommen wird, werden mit einer Detailverliebtheit dargestellt, als ob Eco persönlich dabei war. Auf all dies sollte man vorbereitet sein, wenn man sich diesen Roman zu Gemüte führen möchte.

Fälschlicherweise wird dieses Buch oft als Verschwörungsroman bezeichnet. Das stimmt zwar, trifft den Nagel aber nicht auf den Kopf. Die Verschwörungen sind hier nur der Weg, aber nicht das Ziel. Eigentlich geht es um Wahrheit und Lüge, um Glück und Unglück und um die ewige Suche danach.
Die Meinungen zu diesem Roman gehen sehr stark auseinander. Das liegt wohl daran, dass er vieles gleichzeitig sein möchte. Historischer Roman, Verschwörungsgeschichte, Selbstverwirklichungsdrama... und doch geht es eigentlich nur um Wahrheit und Lüge...
Eine faszinierende Reise, die jeder mal gemacht haben sollte und auf jeden Fall große Literatur. Wer einmal den Zugang zu dieser Geschichte gefunden hat, den wird sie nicht mehr loslassen.
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Selten ist die Unwirksamkeit eines Buches so gut nachweisbar wie von diesem hier. Da macht sich Eco schon Ende der 80er Jahre über hunderte von Seiten über praktisch alle gängigen Verschwörungstheorien lustig. Und was passiert? Die Leute lieben nicht nur die einfältigen Romane von Dan Brown zum selben Thema, sondern schauen auch noch Dokumentationen über deren Hintergründe an und beginnen wirklich an Jesus Ehe mit Maria und die gemeinsamen Kinder in Südfrankreich zu glauben. Dabei lässt Eco doch sein Buch nun wirklich eindeutig enden und erklärt das mit den Templern, Rosenkreuzern und Illuminaten alles für Quatsch. Und er erklärt auch noch klug, wie solcher Quatsch entsteht. Nämlich in Form selbstreferenzieller Systeme: Solange es in Kunst und Wissenschaft formale Wahrheitskriterien gibt, so lange reicht es einfach aus, zu veröffentlichen und sich dann selbst zu zitieren (oder zitieren zu lassen), um am Ende Wahrheit künstlich zu erschaffen. Und da Eco hier einen Roman schreibt und kein Sachbuch, nutzt er den Weg der Parodie, der Satire, um diese Botschaft dem Leser zu vermitteln. Für den Vielleser und den Geisteswissenschaftler ist das sehr lustig und unterhaltsam, wie sich hier drei Dilettanten daran machen, mit Hilfe eines dubiosen Verlages und nicht weniger dubioser Autoren die Geschichte wissentlich umzuschreiben und damit in ein Schauermärchen zu verwandeln. Zitat: "Phantastisch, morgen bereite ich eine mystische Auslegung des Telefonbuchs vor" und "Wenn wir das nicht ordentlich erklären, dann stehen wir dumm da. - Vor wem? - Vor der Geschichte, vor dem Tribunal der Wahrheit. - Quid est Veritas? - Wir, sagte ich." Im Ergebnis entsteht dann übrigens wirklich eine großartige Verschwörungsgeschichte, die viele historische Romane schlägt, insbesondere natürlich die von Brown. Zu Ende führt Eco das alles dann als grausame Farce, als statt dem Pendel etwas ganz anderes von der Decke baumelt.

Aber möglicherweise kommen viele Leser gar nicht erst dazu, diese aus meiner Sicht eindeutige Botschaft zu lesen. Wie bereits in seinem ersten Roman hat Eco nämlich vor das Vergnügen die Arbeit gesetzt. Also heißt es erst einmal viel unübersichtlichen Text lesen. Hier hat der Leser mit ca. einem halben Dutzend verschiedener Zeitebenen zu kämpfen. Unter anderem geht um eine Nacht in einem Museum in Paris, zwei Tage in einem Landhaus in Italien, ein bis zwei Jahre im zweiten Weltkrieg, und dann noch um die Jahrzehnte vom Ende der 60er bis in die Mitte der 80er. Und alles geht immer schön durcheinander. Insbesondere dürfen wir auch noch viel über das Schicksal Nachkriegsitaliens mit dem besonderen Schwerpunkt Norditalien und der dortigen 68er Generation erfahren. Und für sich gesehen wird auch dabei ein schöner Roman erzählt, mit um ihr Glück kämpfenden Männern, mit glücklichen und unglücklichen Liebschaften und einigen wunderbar beschriebenen Szenen über die Träume eines Kindes und die daraus folgenden Neurosen im Mann. Und was hat das mit dem Komplex um Templer und deren Verschwörungen zu tun? Eigentlich nichts. Die Verbindung zwischen beiden erscheint oft gewollt, fast zufällig.

So wird kaum ein Leser das Buch durchgehend als gut zu lesen einstufen. Damit man wirklich alle Passagen spannend findet, bedarf es schon einer ungewöhnlichen Zusammenstellung von Interessen und auch von Vorwissen. Man sollte schon mit dem Mittelalter vertraut sein und der Aufklärung. Man sollte die Ideen der 68er spannend finden und es nachvollziehen können, dass man die Autoritäten als Feind betrachtet und auf einen gesellschaftlichen Wandel hofft. Über Geheimgesellschaften braucht man allerdings kein Vorwissen, das wird im Buch erklärt. Man sollte sich für Okkultismus und Semiotik interessieren, vielleicht auch für die jüdische Religion, für die Bauten von Paris und die Geschichte der Erfindungen. Frauen, die zu Obsessionen von Männern werden, sind ein Thema. Einsicht in das Verlagswesen schadet wohl auch nicht. Nicht zu vergessen das Trompetespielen. Und dann wären noch die Voodoo-ähnlichen Kulte Brasiliens - aber hier geht der Autor wirklich zu weit, diese Episode hätte nicht sein müssen. Auf der anderen Seite: Selbst hier gibt es eine sehr witzige Karikatur einer typischen 68er-Persönlichkeit, eine Frau versucht wissentlich und zunehmend verzweifelt, sich zwecks Selbsterfahrung in Ekstase zu versetzen, was natürlich scheitern muss. Das ist gut beschrieben und es gibt um Buch viele weitere gute und wahre Beschreibungen. Vielleicht zu viele.

Ist das nun deshalb ein misslungenes Buch? Man darf wohl nicht ganz vergessen, dass dieses Buch in einem merkwürdigen Kontext entstanden ist. Im Rückblick erscheinen uns die 80er Jahre als etwas orientierungslos, eine Übergangszeit vor der großen, politischen Wende in Osteuropa. Aber damals wurde im Westen ernsthaft darüber diskutiert, was nach der Moderne denn noch kommen kann, wie die Geschichte weitergeht, nachdem alle Wahrheiten ausdiskutiert, alle Ideologien entlarvt und alle Erkenntnis langweilig geworden sind. Und damit wären wir wieder beim zuerst genannten Thema des Buches: Selbstreferenzen. Der Roman demonstriert die Postmoderne in Aktion, die immer wieder neue Anordnung des Alten, die Schöpfung von neuer Kunst durch die Kombination von längst Bekanntem. Oft wird darauf verwiesen, dass eigentlich jede Information mit jeder anderen einen Zusammenhang hat, den man nur aufdecken muss. Letztendlich hat das etwas von einem Spiel. So wie Eco in seinem ersten Buch den Krimi und den historischen Roman zu einem Erfolgsbuch verbunden hat, so versucht er es hier ebenfalls mit vielen Gattungen. Passt das zum heutigen Zeitgeist oder hat sich das überholt? Wohl eher letzteres. Und so muss man sagen, dass das Prinzip der postmodernen Zitatkunst in "Der Name der Rose" erfolgreich war, aber schon im dritten Buch von Eco, "Die Insel des vorherigen Tages" einen Bankrott erlebte. "Das Foucaultsche Pendel" ist irgendwo dazwischen.

Ich persönlich aber mag das Buch, vielleicht nicht wegen seiner Gesamtkonzeption, aber wegen vieler einzelner, starker Passagen. In einer davon sagt ein Mann "Kikerikii". Aber vielleicht liegt meine Begeisterung ja nur daran, dass die Zusammenstellung meiner persönlichen Interessen auch etwas merkwürdig ist.
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am 20. November 2014
Als sich Pim Casaubon und Jacopo Belbo in einer Mailänder Bar kennenlernen, ist schnell der intellektuelle Kontakt hergestellt. Belbo, Lektor im kleinen Garamond-Verlag, lässt sich von Casaubon eine ausführliche Nachhilfestunde über dessen Fachgebiet, die Geschichte der Tempelritter, geben und verhilft seinerseits dem neuen Bekannten zu einer Mitarbeit im Verlag. Als sich ein undurchsichtiger Oberst Ardenti ankündigt zieht Belbo seinen Freund hinzu, denn was der Oberst in einem Buch zu veröffentlichen wünscht, ist nicht weniger als die Aufdeckung eines über Jahrhunderte währenden Welteroberungsplans der Templer. Die Geschichte klingt so unglaubhaft, weshalb Belbo den Oberst erst einmal abwimmelt. Als dieser aber am nächsten Tag auch für die Polizei spurlos verschwunden ist, kommt das den Freunden schon ziemlich verdächtig vor.

Mühelos fängt Umberto Eco den Leser im Netz einer welthistorischen Verschwörungstheorie ein und entwickelt dabei an seinem Beispiel der Tempelritter die Grundsätze vom Funktionieren jeglicher Verschwörungstheorien. Am Beginn steht eine gut erzählte Geschichte, die der Zuhörer einer Legende gleich mangels Detailwissen nicht widerlegen kann. Bald erhebt sich auf den Pfeilern einiger weniger Grundannahmen ein gewaltiges Gedankengebäude; jedes weitere Argument passt sich in dieses Bauwerk ein und bestätigt seinerseits die ersten Annahmen. Schon scheint es völlig überflüssig zu sein, nach der Richtigkeit der Prämissen zu fragen. Wehe aber, einer der Pfeiler erweist sich als morsch: dann bricht der ganze Bau wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Eco hat mit seiner furiosen Geschichte eines sich verselbständigenden Komplotts eine augenzwinkernde Satire über Geheimbünde und Okkultismus geschrieben. Dabei erlangt der Roman durch das enzyklopädische Wissen dieses Meisters der Semiotik faktische Tiefe und historischen Gehalt. Er zeigt an seinen Protagonisten, dass gerade gebildete Menschen nicht ohne weiteres gegen Verführung und Manipulation gefeit sind. Der leichtfertige Glaube, hinter jedem Ding könne sich ein anderes verbergen, hinter jedem Zeichen stecke ein Symbol, ist ein uns aus den Urzeiten der Menschheit erhalten gebliebener Reflex, den man nur durch wissenschaftliches Hinterfragen und gesunden Menschenverstand beherrschen kann.

Der Erfolgsautor Dan Brown bedient sich gegenwärtig aus demselben historischen Fundus. Gegenüber diesen effektvollen Büchern wirkt Eco vielleicht etwas antiquiert. Eigentlich aber verbietet sich jeder Vergleich, denn Eco fordert den aktiven, geistig beteiligten Leser. Seine Bücher sind stets auch eine Herausforderung an den mündigen Rezipienten. Und sich dieser Herausforderung zu stellen, ist der besondere, außergewöhnliche Genuss seiner Romane.

P.S. Im Roman "Der Friedhof in Prag" hat Eco 2011 das Thema einer Weltverschwörung noch einmal aufgegriffen. Am Beispiel der "Protokolle der Weisen von Zion" verdeutlicht er, dass historisch der weltweite Judenhass tatsächlich auf einer perfiden Manipulation beruht und nichts glaubwürdiger ist als eine erfundene Geschichte.
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am 17. November 2003
Das Pendel ist eine geniale Verschränkung von Wissenschafts-/Gesellschaftssatire und Kriminalroman. Wie schon bei der "Name der Rose" lässt Eco hier seine philosophische Arbeit stark einfließen, diesmal geht es um seine Theorien über die Interpretation von (nicht nur literarischen) Texten. Eco nutzt dies zu einer gewitzten Generalattacke auf Tendenzen in der zeitgenössischen, postmodernen Philosophie sowie - allgemein gesellschaftlich gesehen - alle "vernunftkritische" Strömungen die man unter "New Age" zusammenfassen könnte.
Diese Kritik ist stark politisch motiviert, aber ganz und gar nicht trocken formuliert. Eco entwickelt aus dieser Analyse des Zeitgeistes einen superspannenden Krimi, der den Leser ständig an der Nase herumführt, bis man am Ende merkt, dass man auch nicht besser ist als die drei Lektoren, deren intellektueller Hochmut zu einer Katastrophe führt. Das letze Kapitel ist das Entscheidende, ein wunderschöne Absage ans "Geheimwissen" und das "Okkulte" und eine großartig formulierte Hommage an die Schönheit und Geheimnisse des Lebens, die ganz offen vor uns liegen und nicht in irgenwelchen obskuren Büchern.
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am 25. Dezember 2006
In Ecos -wie ich finde langatmigstem- Werk geht es um drei Lektoren, die über ein Fragment eines mittelalterlichen Schriftstückes stolpern. Die Zeilen jedoch sind unvollendet, es fehlen Bruchstücke. Goethe grüßt : "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." (Faust, 2566-2567) Und so handeln die drei, sie erfinden, sie stricken sich einen Text zurecht, sie nehmen Ereignisse der Geschichte und verbinden diese, decken darum herum einen roten Faden in der Menschheitsgeschichte auf, der zu einer bestimmten Zeit unterbrochen worden ist, und gipfeln ihre Kreativität in einer Karte, welche die Ruhestatt des Heiligen Grals bezeichnen solle. Das lockt Neider auf den Plan, Diaboliker, die alles für bare Münze nehmen und sich als die Nachkommen einer Bruderschaft verstehen, die den Gral zu schützen sich geschworen hat. Aus Spaß wird tödlicher Ernst...

Ein abgegriffenes, abgeschmacktes, ausgekautes Eisen, das Eco angepackt hat; zwar ist die Erstausgabe schon vor dem "Neo-Templer-Hype" der ausgehenden 90er Jahre entstanden, galt damals -vielleicht- als Novum, steht aber mittlerweile aufgrund seiner Thematik in einer Reihe mit den Trivialwerken Dan Browns (Illuminati), Andreas Eschenbachs (Das Jesus Video) und zahlreicher anderer. Doch bei Eco gilt: Bibelthemen einmal anders! Die Konstruktion der historischen Zusämmenhänge um die Tempelritter und den heiligen Gral bis in die Neuzeit hinein ist erfrischend und lässt schmunzeln, alles passt ineinander; im Licht der Abenddämmerung atmet halt alles, auch die Guillotine, einen tiefen Goldgrund von Friede aus - man muss es nur im rechten Licht betrachten. Dinge, die bei Tage betrachtet, absolut nicht zueinander passen, ergeben bei Nacht einen Sinn. Warum glauben die Diaboliker die konstruierten Zusammenhänge? Eco gibt hier die Antwort: "Die Leute glauben dem, der Haarwuchsmittel für Glatzköpfige anpreist. Sie spüren instinktiv, dass er Wahrheiten zusammenkleistert, die nicht zusammenhalten, dass er nicht logisch ist und nicht seriös. Aber man hat ihnen gesagt, Gott sei komplex und unergründlich, und daher empfinden sie Inkohärenz als etwas Gottähnliches. Das Unwahrscheinliche ist dem Wunder am ähnlichsten."

Eco macht sich hier, wie in anderen Werken auch (z.B. Baudolino, Der Name der Rose usw.), über die Naivität der Menschen lustig; er begeht dies auf eine sehr espritvolle Art und Weise und beschwört in seiner oft subtilen Kritik bei mir Parallelen zu Aphorismen Sören Kierkegaards herauf. Der Philosoph Eco bricht an jeder Ecke durch das Gestrüpp, das er konstruiert, bleibt Herr darüber und gibt dem Leser Anreize zum Nachdenken.

Die Geschichte ist streckenweise zu Beginn sehr langatmig geschrieben, Eco protzt mit einer Fülle an Wissen und fördert in seiner Eloquenz Schätze des Fremdsprachenvokabulars zutage, die kein Mensch im täglichen Leben benutzt. Dies ermüdet, aber ist gleichsam ein Beispiel dafür, dass man sich oft vieles anhören muss, bevor man zu einem eigenen Schluss gelangt; und der ist gelungen, Eco lotst den verständigen Leser durch die Stolperfallen, die er den "gewöhnlichen Menschen" auslegt, und stellt ihn zuletzt vor seine -des Autors- bekannte atheistische Weltanschauung, die in dem Aphorismus gipfelt : "die Wahrheit von Malchuth, die einzige Wahrheit, die in der Nacht der Sefiroth leuchtet, ist, dass die Weisheit sich nackt in Malchuth enthüllt, und sie enthüllt, dass ihr Geheimnis im Nicht-sein liegt, im Nicht-existieren, ausser für einen einzigen Augenblick, nämlich den letzten." Der Leser wird gefordert, er muss nachdenken, was das bedeutet, und wird sich -wenn er soweit ist- an Philosophen wie Parmenides oder Emanuele Severino erinnert fühlen.

Diese Geschichte ist nichts für jemanden, der abends sich bei leichter Kost entspannen will; aber es ist ein lohnenswertes Buch, nicht nur wegen der zahlreichen Zitate, die man diesem abgewinnen kann ("Mit Würde leben heisst Tag für Tag sein Horoskop korrigieren"; "Was die andern Tiefe nennen, ist nur ein Tesserakt, ein vierdimensionaler Kubus : du trittst auf der einen Seite hinein, auf der anderen hinaus, und befindest dich in einer Welt, die nicht mit deiner koexistieren kann." usw usf). Es überzeugt vor allem durch seinen Erfindungsreichtum. Erfinde, erfinde den großen Plan, Casaubon. Das ist es, was alle getan haben, um die Pfirsiche und die Dinosaurier zu erklären...
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am 19. Januar 2004
Der Semiotikprofessor hat sich Zeit seines Lebens damit befasst, wie Literatur funktioniert, dann hat er all sein Wissen zusammengenommen und hat dieses Werk geschaffen. Und es ist tatsächlich etwas Großes dabei herausgekommen.
Inhaltlich berichtet der Icherzähler Casaubon, der Lektor bei einem kleinen Verlag in Mailand ist, seine Erfahrungen mit den Verschwörungstheorien rund um die Templer, Rosenkreuzer, Freimaurer, etc. Diese Erfahrungen sind derart verwirrend, dass man kaum mehr durchblickt, die Ideen die sich in den Köpfen des Erzählers und seiner Kollegen entwickeln sind derart absurd, dass man am liebsten schreien möchte. Schließlich entwickeln sie eine Theorie des "Großen Plans" deren Grundlage eine zufällige Konstellation von Worten ist, die ein Computer über einen Zufallsgenerator ausgewählt hat. Dieser "Große Plan" wird für alle drei zum Verhängnis. Zu all diesen chaotischen Theorien passt der anscheinend chaotische Erzählstil perfekt. Letztlich bleibt bloß noch der Schluss zu ziehen, dass all diese Verschwörungstheorien absurde Hirngespinste sind, so wie der "Große Plan" des Protagonisten. [Oder sollte Eco auch ein Mitglied des Templerordens sein und hat eben darum ein Buch geschrieben um alle zu verwirren - wer weiß ;-)]
Die Personen machen sehr interessante Entwicklungen durch und sind sehr tiefschichtig erzählt. Die Sprachgewalt Ecos kann man niemals anzweifeln und auch die Übersetzer haben ganze Arbeit geleistet. Die Unmenge von Anspielungen auf andere Texte und Situationen die in dem Buch zu finden sind, zeigt welch großer Geist in Eco steckt. Unverkennbar ist auch, dass Eco extrem gut recherchiert hat.
Als Quintessenz kann man zusammenfassen: Große Sprache, perfekte Technik, interessante Figuren, umfangreiches Wissen - Eco hat sein Ziel erreicht, er hat sich ein Denkmal gesetzt. Für jeden der nun überlegt ob er das Buch lesen soll, nochmals die Warnung: Nehmen Sie sich viel Zeit und seien Sie bereit viele Stunden unter höchster Konzentration zu "arbeiten".
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am 24. Juli 2013
"Das Foucaultsche Pendel" ist der Roman, den Dan Brown gerne schreiben würde, aber nie schreiben wird. Umberto Eco zeigt darin, wie Verschwörungstheorien funktionieren und welch Eigendynamik sie als selbsterfüllende Prophezeiung erhalten. Goethes Zauberlehrling würde sagen: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los". Bei Woody Allen hieße es: „Nur weil ich paranoid bin, heißt noch lange nicht, dass ich nicht verfolgt werde“.

Die Hauptfigur des Romans ist der Erzähler Casaubon, ein Geschichtsstudent aus Mailand. Gemeinsam mit seinen Freunden Belbo und Diotallevi, zwei Verlagsangestellten, ersinnt er aus intellektuellem Zeitvertreib die ultimative Weltverschwörung, genannt 'Der Große Plan'. Mit den 'Tres' erfinden die Drei einen Geheimzirkel und locken dadurch Okkultisten und Obskuranten an; ein Spiel mit dem Feuer! Ohne zu viel zu verraten, worum geht's beim Großen Plan? Beginnend mit der Johannisnacht 1344 beginnen so genannte "Ritter der Rache" eine Mission. Alle 120 Jahre muss an einem jeweils anderen Ort eine Aufgabe erfüllt werden. Insgesamt fünfmal, dann steht der Weltherrschaft nichts mehr im Wege.

Bei der Konstruktion dieser gigantischen Verschwörung werden alle Register gezogen: Hermetiker, Rosenkreuzer, Templer, Freimaurer, Illuminaten, Cagliostro, der Graf von Saint Germain und viele mehr spielen gewichtige Rollen. Alles, was in Mystik und Okkultismus Rang und Namen hat, trägt seinen Teil bei, so auch die Kabbala, nach deren zehnstufigem Lebensbaum die zehn Großkapitel des Buches unterteilt sind.

Wer das "Foucaultsche Pendel" genießen will, sollte ein gewisses Vorwissen oder zumindest ein Faible für Verschwörungstheorien haben, sonst kann die Übersicht leicht verloren gehen, denn Eco geizt nicht mit Fakten, Theorien, Spekulationen samt deren Rekombinationen.

Die Handlung springt zudem zeitlich und örtlich von Paris über Mailand und Brasilien und wieder zurück. Der einzig ruhende Pol scheint jener Punkt zu sein, in dem das das Foucaultsche Pendel verankert ist. Um ihn dreht sich die Welt. Scheinbar! Umberto Eco verwendet Foucaults Installation als Gleichnis für die Relativität des vermeintlich Absoluten. Denn das Pendel muss nicht an einem bestimmten Ort hängen: es hängt vom jeweiligen Monteur ab, wo er es anbringt. Ebenso relativ ist der Große Plan selbst. Erst dadurch, dass einige an ihn glauben, rutscht er vom Fiktiven ins Reale, ohne dabei wirklich wahr zu sein.

Umberto Eco spielt mit Metaphern und Allegorien: Er beschwört die energetische Schlange Kundalini herauf, die vom unteren Wirbelsäulenansatz in die Zirbeldrüse emporschlängelt und ebenso die Erde mit Ley Lines umschlingt. Unten wie oben, im Kleinen wie im Großen! Und er bringt eine verführerische Frauenfigur zu Papier, Lorenza Pellegrini, die er mit der Göttin Sophia gleichsetzt. Ein Schelm, wer da an Sophia Loren denkt!

"Das Foucaultsche Pendel" bietet kein Ende, keine Erlösung, es regt zum Nachdenken, zum Hinterfragen an und zeigt, welche Gefahr im Glauben an Verschwörungen liegen kann; aber auch welche Gefahr, nicht daran zu glauben. Quid est veritas? Ein wunderbar vielschichtiges Buch! Umberto Eco ist einer der letzten Weisen!
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am 11. Mai 2005
Hintergrund:
Der französische Physiker Jean-Bernard-Léon Foucault (1819 - 1868) hängte 1850 in der Pariser Sternwarte eine Kugel an einen langen Faden und ließ sie schwingen, um die Rotation der Erde nachzuweisen. An den Polen würde so ein Pendel eine nach 24 Stunden geschlossene Kreisbahn beschreiben.
Inhalt:
Drei Lektoren eines kleinen Mailänder Verlages, die aus viel über Okkultismus und Weltverschwörungen lesen, stoßen auf ein seltsames Dokument aus dem 14. Jahrhundert, bei dem es sich um ein Vermächtnis des Templerordens handeln könnte. Die Rede ist von einer alle 120 Jahre wiederkehrenden Zusammenkunft der geistlichen Ritter. Es geht um die Durchführung einer Weltverschwörung - ein großes Spiel auf der Bühne der menschlichen Charaktere beginnt. Der auch für sein enormes kulturgeschichtliches Wissen bekannte Semiotik-Professor Umberto Eco führt vor, dass sich zu jeder Zeit und überall auf dieser Welt scheinlogische Zusammenhänge konstruieren lassen, mit denen sich dann auch alles scheinbar plausibel deuten lässt. Nach dem Motto: Jede unsinnige Handlung findet eine vernünftige Erklärung. Indem Eco bekannte und unbekannte historische Ereignisse in einen neuen Kontext stellt, erzählt er die Weltgeschichte komplett neu und alles, was wir bislang annahmen, wird total auf den Kopf gestellt.
Gehalt:
Wer den Gedankenspielen eines literarischen Genies folgen kann und will, der findet hier sicherlich viel Futter, denn das Werk ist ebenso dick wie amüsant. Manchmal trägt Eco für meinen Geschmack allerdings zu sehr auf - das hat er gar nicht nötig und darum ziehe ich einen Punkt ab.
Das Werk ist streckenweise nicht leicht zu lesen, doch das hat mir wiederum sehr viel Spaß bereitet.
Ein moderner Krimi der gehobenen Extraklasse!
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am 17. Juni 2006
und das in einer eigentlich banalen Historienschnitzeljagd verpackt.

Kurz zur Lesbarkeit: Eco ist kein Groschenromanautor a la Dan Brown, insofern braucht es schon ein wenig mehr Aufmerksamkeitsinvestition beim Lesen des Pendels als beim Lesen eines dieser Mega-In-08/15 Verschwörungsschinken. Dem dtv-Verlag sollte allerdings jemand stecken, dass Fußnoten eher zum Lesegenuss beitragen als die nervende Suche der Übersetzungen auf den letzten Seiten des Buches (wohl eine Frage der Gewinnspanne, kosten Fußnoten beim Schriftsetzen wohl zwei Cents mehr) und das es etliche Leser gibt, die ihr Schulfranzösisch direkt nach dem Schulabgang begraben haben.

*Achtung Spoiler*

Nun aber zu den drei Fliegen, beginnend mit der dicksten Fliege:

- Die Entzauberung sämtlicher abstrusen Verschwörungstheorien der Neuzeit

Drei Verlagsmitarbeiter, jeder mit einem anderen Fachgebiet, entschließen sich aus Jux und Tollerei entlang eines unvollständigen alten Dokuments, welches ihnen exklusiv angeboten wird, die Weltgeschichte neu zu schreiben. Im Laufe der Jahre nimmt ihr "großer Plan" monströse Ausmaße an und was anfänglich nur eine Geschichte um die Tempelritter herum ist, wird zu einer Art roter Faden, der das alte Ägypten problemlos mit Nazideutschland in kausal historischen Zusammenhang bringt. Der Leser ist in Ecos Buch von der Entstehung dieser Verschwörungsweltgeschichte bis zu den zwei schallenden Ohrfeigen der Enttarnung (Wäscheliste/Ockhams Rasiermesser sowie der Annexion des erfundenen Weltengeschehens durch dankbare Allesgläubige) dabei. Die drei Autoren, die sich für ihren "großen Plan" zur Bedingung setzen, nur auf Fakten zurückzugreifen - wobei Faktenstatus einzig durch Publikation erreicht wird, Humboldt oder Dänicken ist dabei Jacke wie Hose -, führen dem Leser die herkömmlichen Fehler jeder Verschwörungstheorie Schritt für Schritt vor Augen. Beginnend mit der Fehlinterpretation eines Schnipsels der Geschichte, dem Konstruieren historischer Kausalitäten -unabhängig von Raum und Zeit der Geschehnisse-, dem "Passendmachen" der historisch bewiesenen Begebenheiten bis hin zum Verbiegen physikalischer Gesetze, ist die ganze Palette fadenscheiniger Argumentation Illuminatengläubiger u.a. Spinnern dabei.

Eco lässt bspw. seine Protagonisten mit viel Mühe die jüdische Glaubensgemeinschaft (dürfen natürlich in keiner guten Verschwörungstheorie fehlen) in ihren "großen Plan" einweben, Jahre später werden sie, da nicht mehr passend, von den Autoren mit einem beiläufigen Federstrich wieder aus der Verschwörung gestrichen. Köstlich!

Fazit: brillant gemachte Enttarnung des Heers üblich nebulös daherschwallender Ahnungsloser, die sich, egal ob es um Kornfelder, Elvis oder die Ereignisse des 11.September geht, aufgerufen fühlen, ihren Schwachsinn in die Welt hinauszuposaunen. Wer jemals einer Diskussion über den Schmelzpunkt von Stahlträgern im WTC beigewohnt hat, wird verstehen was ich meine und wird sicherlich seine Freude an diesem Buch haben.

- Gesellschaftsstudie der italienischen (kein wesentlicher Unterschied zu dt. oder frnz. Zeitgenossen) Linken - Marke 68er

Quasi im "Vorbeischreiben" beschreibt der Zeitzeuge Eco anhand der Entwicklung einer linken Szenekneipe der frühen siebziger Jahre bis in die späten 80iger den Untergang linker Utopien und den Wandel der einstigen Revolluzer zu erzkonservativen "Linken" mit gesicherter Staatsanstellung und Ferienhaus auf Sardinien. Eco macht sich aber nicht nur süffisant über den Marsch durch die Institutionen lustig, sondern beschreibt auch präzise und genauso süffisant den scheinbar völlig unkomplizierten Marsch von linker Utopie zu Esoterik, Okkultismus und grüner Religion (nicht zu verwechseln mit grüner Politik).

Dafür allein gebühren dem Buch schon 5 Sterne.

- Köstliche Karikatur des Eigenverlagswesen

Ich möchte nicht zu viel verraten, daher kurz und knapp: die Geschichte der AEK (Autoren auf eigene Kosten) ist zum Brüllen komisch. Mich ausgerechnet bei einem Buch von Eco laut lachend wieder zu finden, hätte ich nicht erwartet (da kannte ich den Baudolino noch nicht ;-)). Natürlich passt diese erhellende Episode exzellent in das Gesamtthema des Romans. Denn nicht alles was zwischen Buchdeckeln erhältlich ist, muss unumstößliche verschwörerische Wahrheit sein, meine lieben Verschwörungsfanatiker, meistens wird da nur ein eitler Selbstdarsteller nach Strich und Faden finanziell erleichtert, es sei denn, er findet wider Erwarten genug Allesgläubige mit zuviel Geld (vielleicht auch zuviel Freizeit) denen historische Fakten einfach nur zu langweilig sind - böse Federn würden schreiben, zu komplex sind.

Fazit: nie waren fünf Sterne so verdient wie hier.
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TOP 1000 REZENSENTam 4. November 2016
Ich habe Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ in einer Hörspielversion von Der Hörverlag in 3 Audio-CDs mit einer Länge von 217 Minuten, in einer Bearbeitung von Richard Hey gehört und werde auch diese bewerten. Dabei mag ich Hörspiele mit Hintergrundtönen und verschiedenen Sprechern noch viel lieber als Hörbücher mit nur einem Sprecher.

Zum Inhalt: Drei Experten treffen sich und tauschen ihr Wissen zu Geheimbünden und Tempelrittern. Dabei lassen sie sich auf ein gefährliches Spiel ein. Was hier als Spiel begann, artet in gefährliche Wirklichkeit aus, und man schreckt dabei auch nicht vor Toten zurück.

Hörspieladaption: Der Hörverlag hat ein akustisch sehr hörenswertes Hörspiel geschaffen. Die Atmosphäre wird gut dargestellt, die Charaktere ebenso. Aber über die mangelnde Handlung kann natürlich auch eine sehe lebhafte Hörspieladaption des Buches nicht hinwegtäuschen.

Meine Meinung: Leute vom Fach können hier sicher in Informationen schwelgen. Laien bekommen interessante Anstöße. Aber: Dieses Hörspiel kann man ganz sicher nicht nebenbei hören, wie ich es aber stets tue. Hier bekommt der Zuhörer so viele Informationen, die er erst einmal verarbeiten muss, wenn er nicht schon Experte ist. Was mir dazu immer wieder durch den Kopf ging: Dieses Buch hat der Autor geschrieben, um geballtes Wissen endlich auf diesem Wege loszuwerden. Und so kann man ihm seine Expertise auf dem Gebiet der Tempelritter und Geheimbünde nicht absprechen, aber ich wurde während des Hörens das Gefühl nicht los, dass hier jemand zeigen möchte, was er weiß.

Fazit: Für den Laienzuhörer bleibt kaum Hörvergnügen, weil die Inhalte und das Wissen überwiegen, aber die Handlung dafür in den Hintergrund tritt. Im Buch wird oder muss sich der Leser sicher mehr Zeit für die einzelnen Abschnitte nehmen, im Hörspiel gelingt dies kaum. Daher würde ich auf den Inhalt hier gern nur einen Stern geben, da ich aber das exzellent gestaltete Hörspiel bewerten möchte, kann ich gerade noch zwei Sterne vergeben.
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