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am 10. Juli 2008
Karl Wolfskehl, ein treuer Freund der Autorin Fanny Reventlow, bezeichnete "Herrn Dames Aufzeichnungen" noch Jahrzehnte später als das treffendste Porträt der Schwabinger Bohème anfangs des 20. Jahrhunderts. Und Wolfskehl musste es wissen, gehörte er doch zu den markantesten (und klügsten!) Mitgliedern eben jener Bohème-Szene. Dass er ein enger Freund Reventlows war, hinderte die mythenüberschüttete Gräfin freilich nicht daran, auch Wolfskehl in ihrem Schlüsselroman mit gewohnt spitzer Feder zu porträtieren; er heißt hier "Professor Hofmann" und muss Einiges erdulden (darunter auch weniger Lustiges; dazu gleich). Dass Wolfskehl wiederum sich nicht an Reventlows Witz stieß, spricht für ihn, aber das nur nebenbei.

In ihrem Schlüsselroman "Herrn Dames Aufzeichnungen" porträtiert also Fanny Reventlow die skurrile bis überkandidelte Münchner Bohème vor gut 100 Jahren; den Ort des Geschehens nennt Reventlow treffend "Wahnmoching". Mehr oder weniger deutlich treten noch weitere Prominente unter Decknamen auf, darunter: Franz Hessel, Stefan George, Alfred Kubin, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl, Friedrich Huch, Maria Römermann, O.A.H. Schmitz... und Reventlows scharfem Blick entging nichts, nicht einmal, wenn es um sie selber ging: Man trifft sie im Roman gleich in doppelter Gestalt, als Maria und als Susanna.
Da sie selber zur "Szene" gehörte, im Zweifelsfalle als skeptische Beobachterin, darf man hier Satire vom feinsten erwarten, und man wird nicht enttäuscht: Hier erlebt man, wie treffsicher Satire sein kann.

Reventlows Trick ist ebenso einfach wie genial: Man liest die imaginären Aufzeichnungen eines reichlich naiven Herrn Dame, der begeistert an allem teilnimmt, auch wenn ihm der Durchblick abgeht, und dem immer wieder Fachvokabular und Weltsicht der Wahnmochinger "Enormen" erläutert werden müssen. Zwar irritieren ihn diese Erläuterungen noch mehr, aber mit seiner kindlichen Naivität entlarvt er durch seine Fragen die aufgeblasene Verstiegenheit der "enormen" Philosophie der "Kosmiker" samt all ihren mythenumwaberten logikresistenten Herrenmenschen-Allüren und ihrer latenten antisemitischen Gewaltbereitschaft. (Letztere dürfte zwar auch im hier persiflierten Original nicht so blutig ernst gemeint gewesen sein, wie es ihre Sprache vermuten lässt, aber aus heutiger Sicht lesen sich diese Passagen mitunter prophetisch.)
Reventlows Satire entfernt sich nicht weit von den Ereignissen 1903, die sie hier thematisiert; Vergleiche mit ihren eigenen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen jener Zeit, aber auch die Erinnerungen von Zeitgenossen bestätigen das. Wolfskehls eingangs zitierter Kommentar tut ein übriges. So absurd die verschiedenen Theorien auch klingen mögen, von denen der gute "Herr Dame" hier berichtet -- Reventlow musste nicht übertreiben, nur ein wenig komprimieren, um sie in ihrer Lächerliche zu zeigen.
Wie man sieht, ist der naive Herr Dame der ideale Berichterstatter, der treuherzig allzu verstiegenes Gedankengut flugs auf den Boden zurückholt, ohne es selber zu bemerken -- Kennzeichen der guten Satire.

Zum Inhalt:
Der Erzähler, Herr Dame, wird Augenzeuge eines grotesken Zusammentreffens der ganz anderen Art: Einerseits ist gerade Faschingszeit, und entsprechend wild entschlossen ist man im "Eckhaus" zum Amüsement (Mit dem "Eckhaus" meint Reventlow das Haus, in dem sie mit Franz Hessel /im Roman: "Willy"/ und Bohdan von Suchocki /"Orlonsky"/ jahrelang in Wohngemeinschaft lebte). In dieses harmlose Geschehen mischt sich nun der verstiegene Kreis der Philosophen um Ludwig Klages (pardon, Dr. Hallwig natürlich) und Alfred Schuler (Delius), die unermüdlich nach der alles veredelnden antiken "Blutleuchte" im Menschen fahnden, und der Wirrnis nicht genug: Die wahre Antike in ihrem Gespinst ist natürlich "nordisch", was wiederum den Juden Dr. Hofmann mit seiner "semitischen Blutleuchte" in böse Bredouille bringt. Der Ärmste wird am Ende höchst real und gar nicht mehr komisch bedroht von wildgewordenen "Philosophen" und deren Männern fürs Grobe (zur Erinnerung: Reventlow schrieb diesen Roman 1913 und bezieht sich auf wirklich stattgefundene Ereignisse von 1903!).
Freilich hindert der düstere Hintergrund Reventlow nicht daran, ernstgemeinte Absurditäten nach Strich und Faden aufs Korn zu nehmen. Selten hat jemand geistreicher "Der Kaiser ist nackt!" gerufen, und selten wurde dumme Überheblichkeit souveräner am Nasenring herumgeführt.
Aber das komische pièce de résistance im Roman ist sicher das Kapitel, in dem Reventlow sich die ach so orgiastischen Antikenfeiern im Hause Wolfskehl vorknöpft: Der gute Dr. Hofmann ist höchst ekstatisch in dionysischen Tänzen gefangen -- da klettert die vorwitzige Maria an des Dionysos ungeheuren goldenen Stab (wirklich nur ein Stab!) empor, und Dionysos guckt entgeistert, denn der Stab geht entzwei: "Schade, aber in diesem Moment versagte sein heidnisches Empfinden, und er wurde ärgerlich. Nach meinem Gefühl dürfte Dionysos sich nicht ärgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas entzweibrechen. Aber außer mir hat es wohl niemand bemerkt."

"Mirobuk", ruft am Ende des Romans der freundliche Dr. Sendt (Paul Stern), der sich vergeblich bemüht hat, Herrn Dames Gedanken zu entwirren. Und "wenn Sendt 'Mirobuk' sagt, so hat es meistens eine gewisse Berechtigung."

Zu dieser Ausgabe
So genial Reventlows Satire, so schlampig die Edition im Rahmen der "SZ-München Bibliothek". Zwar wird dem Roman ein bemerkenswert unvollständiges Namensverzeichnis vorangestellt, das die "Klarnamen" einiger weniger Romanfiguren nennt. Aber erstens hätten die Herausgeber mit ein klein wenig mehr Recherche circa doppelt so viele Namen entschlüsseln können, und zweitens hätten sie die paar Namen, die sie herausrücken, wenigstens richtig schreiben können (Ich sag nur "Albrecht [sic!] Hentschel").
Da braucht der neugierig gewordene Leser auch keine Erläuterungen erwarten, die ihn womöglich in die historischen und biographischen Hintergründe hätten einführen können -- er bekommt sie nämlich nicht.
So viel dreiste editorische Schlamperei lässt mich Interessenten die Suche nach antiquarischen Ausgaben empfehlen, beispielsweise zur guten alten dtv-Ausgabe von 1969 -- zwar auch mit unvollständiger Namens-Entschlüsselung, aber dafür wenigstens mit Friedrich Podszus' Nachwort.
Aus diesem Grunde auch nur vier Sterne, nicht die eigentlich angemessenen fünf.
Mirobuk!
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am 10. Mai 2014
Dieser Text ist ein weiteres Puzzlesteinchen in der Erkundung der Münchner Boheme um Franziska von Reventlow. Man kann diese kleine Geschichte fast als Dokumentation der faschingstollen Zeit im damaligen München lesen.Die Autorin lässt uns hineinschauen in die wilde von Toleranz und Eifersucht erfüllte Welt „Wahnmochings“.
An der schönen handlichen Ausgabe der Süddeutschen ist nichts zu kritisieren.
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