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am 28. November 2016
Als literarisches Genre erfreuen sich Reiseerzählungen schon seit der Antike großer Beliebtheit, Fernweh ist das Hauptmotiv dafür. Wobei der besondere Reiz für manchen Leser wohl auch darin bestehen mag, all die Abenteuer und Strapazen solcher Reisen vom bequemen Sessel in der warmen Stube aus miterleben zu können. Der Titel «Die Schrecken des Eises und der Finsternis» von Christoph Ransmayrs frühem Roman, 1984 erschienen, weist überdeutlich auf diesen Zusammenhang hin. Der österreichische Autor ist selbst ein begeisterter Globetrotter, der in seinen Werken Fiktionales und Historisches vermischt und menschliche Grenzerfahrungen thematisiert.

Im Wesentlichen geht es in diesem Buch um die österreichisch-ungarische Polarexpedition von 1872 bis 1874 zur Erkundung der Nordostpassage, dem nördlichen Seeweg zum Pazifik, in deren Verlauf das Franz-Josef-Land entdeckt wurde. Basierend auf diverse, im Original erhaltene Berichte und Tagebücher der Teilnehmer und ergänzt um viele sachliche Informationen über die Arktis und die Geschichte ihrer Erforschung, wird in diesem Handlungsstrang reportageartig über die Geschehnisse während der dramatischen Expedition berichtet. Ausführlich werden dabei viele originale Texte zitiert, kursiv gekennzeichnet, die Verfasser sind jeweils benannt. Der sachbuchartige Eindruck wird durch ergänzenden Tabellen, Zeichnungen und Fotos noch verstärkt, die Sprache ist auffallend nüchtern auch in den Passagen, in denen immer wieder die bizarre Eislandschaft beschrieben wird in ihrer Schönheit, aber auch in ihrer für Menschen lebensbedrohlichen Unwirtlichkeit.

Dieser montageartig gefügte Bericht wird abschnittsweise im Wechsel mit einem zweiten, fiktiven Handlungsstrang erzählt, der hundert Jahre später einen italienischen Abenteurer auf den Spuren der historischen Expedition in die Arktis lockt und ihn dort schließlich mit einem Hundeschlitten im Eis Spitzbergens spurlos verschwinden lässt. Zweifellos eine Farce, deren Motive allerdings undeutlich bleiben, die allenfalls als skurrile Form eines Selbstmords gedeutet werden könnten. In Ergänzung mit diesem fiktionalen Teil ist somit also tatsächlich die vom Autor deklarierte Romanform gegeben, wozu auch beiträgt, dass die historischen Texte von Ransmayr mutmaßlich redigiert wurden. An denen nämlich fällt die geradezu poetische Sprache auf, in der sie verfasst sind und die oft so gar nicht zu den extremen Situationen während ihrer Niederschrift passen will. Wie auch immer, einig sind sich Autor wie auch der historische Expeditionsleiter Weyprecht in ihrer Skepsis, was die Jagd ehrgeiziger Entdecker und Erstbezwinger nach Ruhm anbelangt, allein die wissenschaftliche Erkenntnis rechtfertige alle Mühen und Entbehrungen derartiger Expeditionen. «Die arktische Forschung sei doch zu einem sinnlosen Opferspiel verkommen und erschöpfe sich gegenwärtig in der rücksichtslosen Jagd nach neuen Breitenrekorden im Interesse der nationalen Eitelkeit», lautet ein spätes, skeptisches Fazit Weyprechts.

Die Dramatik dieses historischen Geschehens ist durchaus spannend zu lesen, sowohl was die physischen Herausforderungen einer äußerst feindlichen Umwelt in diesen nördlichen Breiten anbelangt als auch die psychischen Belastungen, denen zwei Dutzend Menschen in einer fast zweijährigen Isolation ausgesetzt sind. Eine ereignislose, entbehrungsreiche Zeit, in der gleichwohl die militärische Hierarchie aufrecht erhalten bleiben muss. Der stilistisch anspruchlose Text ist leicht lesbar und hat mich anfangs in den Schilderungen der menschenfeindlichen Natur überzeugt, die dann leider durch allzu häufige Wiederholungen aber bald langweilig werden. Herzlich wenig konnte ich dem modernen Handlungsstrang abgewinnen, er stört nur den Lesefluss, ohne die Erzählung in irgendeiner Weise wirklich zu bereichern. Ein zwiespältiges Leseerlebnis also, sachlich informativ, den Horizont weitend, in der literarischen Umsetzung aber wenig überzeugend.
11 Kommentar| 3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. Januar 2017
Entdeckergeschichten sind per se für mich interessant, umso mehr, als Ramsmayr von einen doch etwas unbekannten Entdeckerfahrt erzählt. Im Kontrast schildert er einen Nachahmer nach mehr als 100 Jahren im Düsenflugzeugzeitalter. Offenbar wollte er diesen Kontrast, obwohl dadurch für mich die eigentliche Story etwas verwässert wird!
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am 5. April 2005
Ransmayr erzählt in seinem fesselnden Erstling von der zerstörerischen Sehnsucht des Menschen nach dem nördlichen Eismeer und den gleissenden Wüsten der Arktis. Hierzu spinnt er in einer interessanten Collage historische Dokumente und eine einfühlsame Nacherzählung der österreichisch-ungarischen Arktisexpedition von 1872-1874 mit der fiktiven Geschichte von Josef Mazzini zusammen, der sich aufmacht, den Spuren dieser ersten Expedition zu folgen und schliesslich in den unwirtlichen Weiten Spitzbergens verschwindet. Gleichezeitig erfahren wir von einem Ich-Erzähler, der Mazzinis persönlich bekannt war und nun seine Geschichte nachzeichnet. Es ist also auch eine Parabel über die Entwurzelung und Unbehaustheit des modernen Menschen, der dem Sog der Einsamkeit ausgesetzt ist und in den Weiten der Welt einfach so verloren gehen kann. Diese melancholische Stimmung prägt das Buch, und die Erzählweise schwankt stets zwischen Tragödie und Farce. Ransmayr kann zwar seinen Unglauben und seine Trauer über die vielen sinnlosen Opfer und Materialschlachten der Polarexpeditionen nicht verhehlen, nähert sich seinen Figuren aber stets vorsichtig, mit Respekt und Mitgefühl. Das macht das Buch so sympathisch. Der Erzählstil mit seinen scharfen Kontrasten zwischen den historischen Tagebucheintragungen, der bedrückend sachlichen Schliderung der Strapazen und Torturen der Polfahrer und den seltenen und stets nur angedeuteten philosophischen Exkursen des Erzählers ist sehr unterhaltsam, und den Wechsel von Tempo und Perspektive beherrscht der Autor absolut meisterhaft.
Schliesslich entlässt einen das Buch mit einem doppelten Geheimnis. Eines auf der Erzählebene, es bleibt nämlich ungelöst, was aus Mazzini geworden ist, warum von seinem Schlittengespann nur zwei halbirre Köter mit zerfetzten Leinen zurückkehren. Aber vor allem: ist der Ich-Erzähler mit Josef Mazzini identisch? Will er uns sagen, dass er, Ransmayr, im Zuge seiner Recherchen über die Arktis beinahe dem Sirenengesang des Eises verfallen wäre und sich fast darin verloren hätte? Der Erzähler erscheint jedenfalls so ungreifbar, körperlos, dass die Anverwandlung des Suchers mit dem Gesuchten total unheimlich wird, und sich der Erzähler entweder in Mazzini aufgelöst hat oder aber Mazzini selbst, aus dem Jenseits seine Geschichte erzählt.
Ein vieldeutiges, spannendes, tolles Kunstwerk.
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Reinhold Messner nannte, in der ZDF-Sendung Das große Lesen", dieses Buch als eines seiner Lieblingsbücher. Das weckte mein Interesse an Ransmayrs Romandebüt von 1984. So ein Buch hatte ich vorher noch nicht gelesen! Es ist ein wenig ungewöhnlich. Eine Mischung aus Tatsachenbericht und fiktiver Geschichte. Ransmayer erzählt von der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition von 1872-1874. Er zitiert aus den Aufzeichnungen der Teilnehmer dieser Expedition. Außerdem enthält das Buch zahlreiche stimmungsvolle Zeichnungen der Reise, die erstmals 1876 in einem Buch über die Expedition abgedruckt wurden. Auch ein Foto des Schiffes, der Tegetthoff im Hafen von Bremerhaven findet sich in Ransmayers Roman. Weiterhin kommentiert der Autor die historische Reise aus heutiger Sicht und gibt in kurzen Exkursen Einblicke in andere Expeditionen aus verschiedenen Jahrhunderten. So weit, so gut! Doch da wäre ja noch die fiktive Geschichte des Italieners, der ein Jahrhundert später die Reise der Tegetthoff nachstellen will und dabei verloren geht. Dieser spielerische Umgang mit der Historie hat etwas erfrischendes, sorgt allerdings auch dafür, daß das Lesen anstrengend ist. Immer wieder wird zwischen Wahrheit und Fiktion hin und her gesprungen. Das ist etwas verwirrend und verhindert, daß der Leser in das 19. Jahrhundert eintauchen kann. Wer das will und diese abenteuerliche Atmosphäre und dieses entbehrungsreiche Erlebnis einer Grenzsituation miterleben will, der wird hier nicht sehr gut bedient. Es ist eher ein Roman für den Kopf als für den Bauch. Mir hat das gefallen und demnächst werde ich dann zu einem reinen Sachbuch über das Thema Expedition greifen. Das Interesse ist geweckt!
Christoph Ransmayr hat mit Die Schrecken des Eises und der Finsterniß" ein sehr gescheites und interessantes Buch geschrieben, das sich leider etwas holprig lesen läßt, aber auf jeden Fall lesenswert ist!
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am 6. April 2011
Die Geschichte einer Expedition zur Erforschung der Nordost-Passage wird vom Autor dreifaltig erzählt. Zum ersten und zu mehr als 50 % entpuppt sich der Autor als JOURNALIST. Er hat recherchiert, zusammengestellt, Listen und Aufstellungen erstellt, Tagebucheintragungen zusammengetragen, in eine bestimmte Reihenfolge gefügt.

In zweiter Linie hat er einen fiktiven Charakter - Mazzini - entworfen, der meiner Meinung nach dünn und leer ist und seine schriftstellerischen Ambitionen ziemlich alt aussehen läßt. Dieser Mazzini hat mich null interessiert. Eine Unperson.

Hübsch trotzdem die journalistische Schilderung des Lebens in Longyearbyen.

Die dritte Linie ist ein Ich-Erzähler, der sich unvermutet hier und da, wo's ihm gerade paßt, einmischt.

Der Autor spaltet sich quasi in drei Identitäten auf, von denen eine so feige wie die andere ist.

Mir fehlt hier der Mut einer zeitgenössischen Meinung. Wenn hier schon ein Ich-Erzähler auftaucht.

Angesichts der unglaublichen, extremen, herzzereißenden Erfahrungen der "eigentlichen" Protagonisten bewahrt der Autor sein kühles Mütchen, hält sich aus allem heraus, klaubt wie ein Leichenräuber alles zusammen auf der Jagd nach dem Pulitzerpreis.

Ich gebe dennoch 3 Sterne, weil ich mir meiner persönlichen Antipathie gegen diese Schreibweise bewußt bin. Man kann die Darstellungsweise des Autors auch als diskret, zurückhaltend, offen lassend, dezent etc. empfinden.

Möchte aber an dieser Stelle das Buch von Caroline Alexander "Endurance" empfehlen, das bar jedes schriftstellerischen Jochs knallhart zu fesseln vermag. Eine Südpolexpedition, fast des gleichen Inhalts.
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Durch die zahlreichen Verschränkungen, Sprünge zwischen Dokument und Fiktion, Wechseln von Zeit und Ort der Handlung nimmt die "akustische Wahrnehmung" dieses Hörbuch eine fast experimentelle Dimension ein. Ein "einfach mal so nebenbei" Hören ist dabei ein gewagtes Unterfangen, denn wer Ransmayr nicht genau zuhört, hat den Zusammenhang schnell verloren.
Das symphonische Stimmengewirr und die Verzahnung von Dokumentation und Fiktion sind ungewöhnlich und aufregend, wirken aber trotzdem wie aus einem Guss. Alle Handlungsstränge reihen sich scheinbar naht- und mühelos in das Textgewebe ein. Was Fakt ist und was Fiktion, wird angesichts der spannenden, tragischen, amüsanten und beängstigenden Handlung zunächst recht unwichtig. Doch die komplexe Erzählkonstruktion, ihre Vielschichtigkeit, wirft nach und nach die Frage nach der Zusammensetzung der vom Autor hervorragend intonierten Stimmen auf.

Der Roman gibt vor, keinen Anfang und kein Ende zu haben, und doch ist das (Hör-)Buch von einer Dichte und Abgeschlossenheit, dass man unwillkürlich mitgerissen wird. Sowohl die Geschichte selbst, als auch die Art, Geschichte zu machen und ihren Sinn zu hinterfragen, expliziert Ransmayr wunderbar. Dabei tastet der Roman nach jener "Formel", die das Menschliche im Menschen ausmacht und probt Grenzsituationen menschlichen Verhaltens an jener Grenze, die auch die Grenze des Lebens ausmacht.

Gleichzeitig wird auf die Tradition einer Kultur und einer Geschichtsschreibung hingewiesen, in der nur die Sieger eingetragen werden und nur jene Toten zählen und gezählt werden, die in diesen Eroberungskämpfen mit der Natur umgekommen: "Wer auf einem Fischkutter rettungslos ins Eis gerät und ersäuft, verhungert oder erfriert, hat keinen Anspruch auf eine historische Notiz. (...) Wer seine Arbeit auf einem Fangschiff verrichtet, hat keinen Anspruch auf Ruhm. Aber den Expeditionen, und seien sie noch so erfolglos, ein Denkmal."

Ransmayr verfügt über eine hohe Vortragskunst, doch setzt er seine Mittel sparsam ein, verzichtet auf Pathos. Der distanzierte, jedoch keineswegs leidenschaftslose Ton des Erzählers findet in der Intonation des Autors seine Entsprechung. Seine gleichmäßig ruhige, niemals dramatisierende Stimmlage gibt die Kälte und Trostlosigkeit des Eises grandios wieder. Dem Hörer wird beinahe physisch kälter und kälter. Gleichzeitig vermag er jedoch durch seine behutsame, beinahe zärtliche Lesung den Gestalten Leben einzuhauchen.

Fazit:
Das (Hör-)Buch "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" ist eine Spurensuche nach dem Weg der Vorgänger, eine Deutung der vorgefundenen Zeichen, ein Prozess des (Er-)Findens und das Erfragen und Hinterfragen der menschlichen Existenz am Randgebiet der Welt und des Menschlichen - beeindruckend gelesen vom Autor selbst.
Eine hervorhebenswerte "Komponente" in der GEO-Hörbuchedition "Weit draußen".
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am 21. Juli 2008
Vor einiger Zeit las ich das Buch schon einmal. Ein Bekannter lieh es mir mit der Empfehlung: 'Das musst du gelesen haben.'
Leider konnte ich seine Begeisterung nicht teilen. Ich musste mich durch das Buch quälen. Vor ein paar Wochen hörte ich mir das Hörbuch zwei Mal an, gelesen von Ransmayr selbst. Auch das gefiel mir nicht besonders.
Nun kaufte ich mir den Band aus der SZ-Reihe. Warum, weiß ich auch nicht recht. Ich begann also zu lesen und legte es erst weg, als ich das gesamte Buch und einige Abschnitte ein zweites Mal gelesen hatte. Viele Punkte, die ich bisher kritisiert hatte, waren jetzt genau die Punkte, die mich begeisterten, nämlich das Springen durch die Zeiten und der Wechsel zwischen Dokumentation, Biographie und Fiktion. Die Erlebnisse der k.u.k.-Nordmeerexpedition sind so fesselnd beschrieben, dass man die Schrecken des Eises zu spüren beginnt.
Nebenbei bemerkt ist das Buch mit den vielen Zeichnungen wirklich schön anzuschauen.
Das Hörbuch würde ich eher mit drei als mit fünf Sternen beurteilen. Das liegt nicht an Ransmayr, der das Buch selbst vorträgt, ganz im Gegenteil, er liest hervorragend. Ich denke, das Buch eignet sich einfach nicht zum Hörbuch. Es werden immer wieder Tagebucheintragungen eingestreut, die im Buch kursiv erscheinen und damit sofort zu erkennen sind. Im Hörbuch ist dieses Stilmittel nicht möglich. Am Ende einer Passage hört man plötzlich einen Namen, z.B. Julius Payer. Nun weiß man, dass der Abschnitt ein Tagebucheintrag war, aber wo hat er begonnen?
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am 19. Februar 2016
»Unbeschreibliche Einsamkeit liegt über diesen Schneegebirgen … Wenn das Strandeis nicht durch Ebbe und Fluth ächzend und klingend gehoben wird, der Wind nicht seufzend über die Steinfugen dahinstreicht, so liegt die Stille des Todes über der geisterbleichen Landschaft. Wir hören von dem feierlichen Schweigen des Waldes, einer Wüste, selbst einer in Nacht gehüllten Stadt. Aber welch ein Schweigen liegt über einem solchen Lande und seinen kalten Gletschergebirgen, die in unerforschlichen duftigen Fernen sich verlieren, und deren Dasein ein Geheimnis zu bleiben scheint für alle Zeiten … So stirbt man am Nordpol, allein und wie ein Irrlicht verlöschend, ein einfältiger Matrose als Klageweib, und draußen harrt des Dahingegangenen ein Grab aus Eis und Steinen.«

Die Suche nach der Nordostpassage, auch der nordöstliche Traum genannt, beschäftigte über Jahrhunderte hinweg Forscher, Händler, Politiker und Abenteurer. Irgendwo entlang der sibirischen Polarküste suchten sie nach einem kurzen Seeweg nach Japan, China und Indien, einer Durchfahrt vom Atlantik in den Pazifik. Als im Jahr 1872 die k.u.k. Nordpolexpedition unter dem Kommando von Carl Weyprecht und Julius Payer startet, waren bereits ganze Flotten im Packeis verschwunden. Auch an Bord der Admiral Tegetthoff ist man sich darüber im Klaren, dass diese Reise eine ohne Wiederkehr sein könnte. Zumindest in den Reihen der Offziere…
»Im Hafen wird eine Verzichtserklärung hinterlegt: Die k.u.k. Nordpolexpedition wolle für den Fall ihres Schiffbruchs keinerlei Rettungs- und Suchexpeditionen bemühen. Man käme entweder aus eigener Kraft oder niemals mehr zurück. Das Dokument trägt die Unterschriften der Offiziere … An eine Zeichnung der Matrosen kann ich mich nicht erinnern. Es hätten da auch Kreuze stehen müssen. Nicht alle konnten lesen und schreiben.«
Weyprecht und Payer träumten von großen Entdeckungen und Berühmtheit, die Matrosen erlagen vermutlich der flammenden Rede, mit der Weyprecht sie anwarb und der in Aussicht gestellten Prämien. Im Laufe der Reise wird nichts mehr davon von Bedeutung sein, wird nur noch das Überleben zählen, das Bestehen gegen die gnadenlose Kälte, gegen „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (selten war ein Buchtitel so zutreffend!)

Der Autor nimmt sich sehr zurück, berichtet sachlich und lässt in großen Zügen die Teilnehmer der Expedition berichten. Es existieren Tagebücher von Weyprecht und Payer, vom Maschinisten Otto Krisch und dem Jäger und Hundetreiber Johann Haller, aus denen er zitiert. Außerdem bringt er drei Exkurse ein, die sich ausführlich mit der Vorgeschichte des nordöstlichen Traums befassen (die „Chronik des Scheiterns“), er listet die Teilnehmer der Expedition auf (einschließlich der Schlittenhunde und Bordkatzen) und zitiert Hinweise für Touristen. Diese vielen, für ein gutes Sachbuch sprechenden Fakten, vermag er zu einem fesselnden Roman zu verknüpfen, bei dessen Schilderungen man geneigt ist, zur wärmenden Decke zu greifen. Zudem integriert er die fiktive Geschichte von Josef Mazzini, einem Nachkommen eines der Expeditionsmitglieder, der im Jahr 1981 die Reise seines Vorfahren nacherleben möchte und im Eis verloren geht.

Beide Handlungsstränge sind packend geschrieben und stellen zudem schön die Unterschiede einer Nordpolfahrt im Jahre 1872 einer solchen über 100 Jahre später gegenüber. Gelegentliche kritische Töne fließen ebenfalls ein, beispielsweise wenn den 1981 mitreisenden Geologen zugeschrieben wird, dass sie „dem Eismeergrund unermüdlich Bodenproben [entnehmen] und … ihr Interesse an allfälligen Erdölvorkommen nur mühsam hinter der Reinheit der Wissenschaft verbergen [können]“. Oder wenn Weyprecht in späteren Jahren die arktische Forschung als ein „sinnloses Opferspiel“ bezeichnet, das sich „in der rücksichtslosen Jagd nach neuen Breitenrekorden im Interesse der nationalen Eitelkeit [erschöpft]“.

An die alte Sprache in den vielen Tagebuchauszügen muss man sich kurz gewöhnen, aber sie ist gut verständlich und sorgt natürlich für ein besonders realistisches Miterleben der damaligen Geschehnisse. Und wenn man vom „entsetzlichen Wuthgeheul der Eisschollen“, aber auch von den „Lichtwundern des arktischen Himmels“, von der Mitternachtssonne und den Nordlichtern liest, dann entsteht eine ganz besondere Atmosphäre, die ich überaus faszinierend fand.

Neben Bildern der Charaktere finden sich zahlreiche Abbildungen aus dem 1876 erschienenen Buch „Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874“. Meine Ausgabe des Buchs ist zudem eine sehr schöne (leider nicht mehr neu zu bekommende) Sonderedition des Zeitverlags, die sich im Anhang noch ausführlich mit dem Thema „Roman und Realität“ auseinandersetzt und eine Chronik der Entdeckung der Nordostpassage ab dem Jahr 1553 bringt.

Fazit: Erzählte Wissenschaft – einfach faszinierend!

»Sie wehren sich. Sie schlagen um sich. Mit Beilen und Hauen hacken sie auf die Scholle ein, versuchen mit langen Sägen Kanäle ins Eis zu schneiden, bohren Löcher, die sie mit Schwarzpulver füllen, in dieses verfluchte, erstarrte Meer, zünden Sprengsatz um Sprengsatz, Maschinist Krisch schmiedet aus einem Eisanker einen mächtigen Meißel, den die Matrosen an einem Balkengerüst hochziehen und immer wieder gegen die Eisklammer wuchten, sie werden die Tegetthoff aus dem Eis schlagen, sie werden freikommen, sie müssen freikommen…«
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am 8. Juli 2008
Christoph Ransmayr ist offensichtlich ein Schriftsteller, der aus jedem Stoff einen packenden Roman formen kann, egal ob er sich Ovid als Ausgangspunkt vornimmt, oder die "Payer-Weyprecht Expedition von 1872", wie hier in "Die Schrecken des Eises und der Finsternis". Einerseits sind es Tagebucheinträge, das Logbuch und andere überlieferte Schriften der Mannschaft dieser Expedition, die 1872 aufbrach, um neues Land zu finden, zwei Jahre im Packeis gefangen war, das "Franz Joseph Land" fand und dann, da klar war, dass die "Admiral Tegetthoff" im Eis bleiben würde, sich, die Beiboote über das Eis schleppend, bis Nowaja Semlja durchkämpfte, wo sie am 24.08.1874 vom russischen Schoner "Nikolaj" gerettet wurden. Hier zitiert Christoph Ransmayr im Orginal, zusätzlich erfindet er, aufbauend auf diesen Schriften, eine Erzählung, wie es hätte sein können. Eine weitere Ebene ist die fiktive Geschichte des in Wien lebenden Italieners Josef Mazzini, der sich mehr als hundert Jahre später auf die Spuren der "Tegetthoff" heftet und letztendlich in Spitzbergen unter mysteriösen Umständen verschollen ist. Großartig gelungen ist die Verflechtung der beiden Erzählstränge, man lebt mit der Mannschaft der "Tegetthoff" mit und kann sich mit Josef Mazzini identifizieren, vor allem ist es heute viel einfacher als zur Zeit der Entstehung dieses Romans (vor mehr als zwanzig Jahren), nach Longyearbyen zu kommen, es gibt mittlerweile täglich Flüge (SAS, Braathens u.a.), einige gute Hotels und sogar einen Campingplatz in der Nähe des Flughafens (das sind ein paar Ergebnisse meiner durch das Buch inspirierten Reise-Recherche, ich habe wirkliche Lust bekommen, diese kalte Gegend zu erkunden- ein bis zwei Wochen). Sprachlich von erlesener Schönheit, ist es ein Genuss, in diese eiskalte Welt einzutauchen. Ein spannender literarischer Abenteuerroman, der alle Sinne befriedigt, mehr kann man eigentlich nicht verlangen.
66 Kommentare| 17 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 10. Januar 2017
Die Kindle-Version ist unglaublich lieblos zusammengestiefelt. Ein Teil des Buches besteht offensichtlich aus Tabellen, in denen verschiedene historische Daten von Polarexpeditionen zusammengestellt werden. Diese Tabellen sind in der Kindle-Version nicht lesbar. Ärgerlich. Also besser das Taschenbuch kaufen.
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