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am 8. Oktober 2013
Im Februar 2012 ging die Nachricht um die Welt: Eine Punk-Gruppe feministischer Frauen provozierte in einer orthodoxen Kirche Moskaus und wurde daraufhin verhaftet. Kürzlich trat eine von ihnen in der Lagerhaft, zu der sie inzwischen verurteilt wurde, wegen unerträglicher Haftbedingungen in einen Hungerstreik, der aber nach etwa einer Woche auf der Krankenstation beendet wurde. Ein Brief der Erkrankten wurde in diesem Zusammenhang an die Öffentlichkeit gegeben und in einigen Zeitungen veröffentlicht.
Joachim Willems, habilitierter Religionspädagoge und Kenner des russischen Systems, hat Anfang 2013 in einem als "Religionspolitisches Atelier" bezeichneten Vortrag an der Humboldt-Universität in Berlin einen Vortrag über die Punk-Gruppe Pussy Riot gehalten.
Den Vortrag erweiterte er zu diesem Buch, das auf 123 Seiten 360 Fußnoten hat, die das Gesagte gründlich belegen, dazu 16 Seiten Literaturverzeichnis und zwei Seiten eines Verzeichnisses von Internet-Links.

Zur drastischen Verurteilung der Punk-Frauen von Pussy Riot führten nach seiner Erkenntnis folgende Faktoren:
Erstens die Monopolstellung der orthodoxen Kirche, deren Vertreter die teilweise undemokratische Haltung der führenden Politiker Russlands uneingeschränkt unterstützen. Daher fand die politische Aktion vierzehn Tage vor der erneuten Wahl Putins zum Staatspräsidenten in der Kirche statt, die im Jahr 2000 als Prestigeobjekt des Staates in Moskau nach Zerstörung im Jahr 1931 wieder errichtet wurde, in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Der dokumentierte Text des von Pussy Riot im Internet veröffentlichten Videos zeigt deutlich, wie stark die Unterstützung der Kirchenvertreter für den Staat Putins angeprangert wird.
Der zweite Faktor ist die nationale Stimmung der Bevölkerung, wobei Christsein und die Zugehörigkeit zum russischen Volk als identisch angesehen werden. Aus diesem Grund ist die Beteiligung der Bevölkerung an der orthodoxen Kirche nach deren starker Einschränkung im Kommunismus von 1918 – 1989 zu erklären. Der Religionsunterricht und parallel Ethikunterricht ist seit 2012 verpflichtend, wobei das Religionsgesetz die Religionsausübung allgemein schützt, soweit sie nicht erkennbar als vom Ausland gesteuert erscheint. Die Menschenrechte dagegen gelten nur teilweise als mit der christlichen Religion vereinbar.
Der dritte Faktor ist ein Rechtssystem, das mit den Interessen des Staates verflochten zu sein scheint und wohl eher daran interessiert ist, die öffentliche Meinung zu bedienen. Rechtsstaatliche Prinzipien sind z. B. im Urteil von Pussy Riot nicht klar erkennbar, denn sonst hätte das Verfahren allenfalls zu einer Geldstrafe geführt. Die Einschätzung mancher Medien, dass Putin selbst, der im Text von Pussy Riot persönlich angesprochen wird, durch einen quasi diktatorischen Akt für die Lagerhaft gesorgt hätte, ist nach der Einschätzung von Willems wohl eher Phantasie. Die Tatsache, dass seit Anfang 2013 das Sprechen über Homosexualität unter Strafe gestellt wurde, wird im Buch ebenfalls angesprochen und eingeordnet.
Im Text von Pussy Riot klingt dies alles nun zusammen:
"Schwarze Soutane, goldene Schulterstücke,
Alle Gemeindeglieder kriechen an, um sich niederzuwerfen,
Das Gespenst der Freiheit in den Himmel,
Gay Pride wird nach Sibirien geschickt." (Erste Strophe ohne Kehrvers, Willems, S. 31)
Auch wenn nach den Recherchen des Autors Joachim Willems die Religionsfreiheit selbst in Russland nicht sehr eingeschränkt ist und unterschiedliche Richtungen möglich sind, so liegt nach seiner Beobachtung das Hauptproblem an "allgemeinen Mängeln im Blick auf die Wahrung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" (S. 122). Während auf den ersten Blick die Aktion von Pussy Riot und ihre Verurteilung auf die Person des dann gewählten Präsidenten Putin hin erschien, zeigt das Buch die ästhetische Funktion des Auftritts und die Hintergründe der Reaktionen darauf in der russischen Gesellschaft auf und führt zu einem differenzierten Bild.
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am 20. Dezember 2013
Pussy Riot hat in Deutschland, wie in fast der ganzen westlichen Welt, hohe Wellen geschlagen. Meist waren dabei die Fronten klar: Einerseits das böse, diktatorische Regime, andrerseits die unschuldig Verfolgten jungen Frauen. Nur selten war dabei etwas über die Hintergründe zu hören, vor allem Antworten auf die Frage, warum eine aus westlicher Sicht so harmlose Aktion solche Auswirkungen haben konnte. Das Buch von Joachim Willems geht genau diesen Fragen nach.

Die Aktion und die Beteiligten werden detailliert analysiert, die Situation der Kirche in Russland einschließlich ihrer Geschichte wird minutiös nachgezeichnet und damit werden die Ereignisse nachvollziehbar. Willems entschuldigt kein Unrecht, das geschehen ist. Sein großer Verdienst aber ist, dass er es in einen realistischen Rahmen stellt. Aus der historischen Entwicklung wird das aus westlicher Sicht fast hysterische Verhalten der Kirche nachvollziehbar und auch erkennbar, dass Pussy Riot hier einen Nerv getroffen hat.

Das macht das Verhalten von Staat, Kirche und Justiz nicht besser. Aber es ist mE wichtig, um zu klären, wie man mit Russland in Zukunft umgeht. Wenn nicht klar ist, wie zu dieser Situation gekommen ist, ist es schwierig das Problem zu lösen. Die Forderung nach Menschenrechten ohne zu wissen, wie man dort hinkommt, ist naiv. Das Buch hilft hier, Argumente zu finden und Ideen zu entwickeln.

Das Buch ist sachlich und gut geschrieben. Manchmal ist es etwas trocken, dann merkt man den wissenschaftlichen Hintergrund des Autors. Gleichzeitig ist das der große Vorteil des Buches, das fundiert und mit vielen Belegen eine gute Analyse der aktuellen Situation in Russland liefert. Angesichts der anstehenden Olympischen Spiele im Februar und der damit verbundenen Propaganda ein sehr empfehlenswertes Buch.
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am 25. Dezember 2013
Was daran so politisch oder anspruchsvoll geschweige denn toll sein soll mit Strumpfmasken in einer Kirche rumzutollen mag sich mir nicht erschließen. Noch seltsamer ist aber der hier vorliegende Versuch des Autors hierin noch irgendeinen Sinn hineinzuinterpretieren, der zufälligerweise seine eigenen Vorurteile widerspiegelt.
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