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Kundenrezensionen

4,4 von 5 Sternen
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am 16. März 2014
Mit seinem Werk über „Stalins Kinder“ ist Owen Matthews etwas Besonderes geglückt: es gelingt ihm mühelos, seine Leser über achtzig Jahre russische Geschichte zu fesseln.

Er erzählt gewissermaßen „aus dem Nähkästchen“, von den Schicksalen einzelner Personen seiner Familie, die eng verwoben sind mit der wechselhaften Politik der Sowjetunion verschiedener Epochen.
Sein Familienepos umfasst drei Generationen. Es beginnt mit dem Leben und Sterben des russischen Großvaters in den Dreißiger Jahren der Stalinzeit. Aus Berichten seiner Großmutter, die selbst in einem Arbeitslager inhaftiert gewesen war, und eigenen Archivrecherchen zusammengestellt zeichnet Matthews ein eindrucksvolles Bild jener Zeit. Er lässt den Leser mit leiden und mit hoffen, ganz eintauchen in eine Zeit unvorstellbarer Rechtlosigkeit und Menschenverachtung.
Auch den Lebensweg der nachfolgenden Generation, der Mutter des Autors und ihrer Schwester, lässt er sehr bildhaft lebendig werden.
Abwechselnd mit Abschnitten über Ljudmilas Leben wird in Kapiteln über das Heranwachsen und den Werdegang des Vaters in England, berichtet, bis sich die Wege seiner künftigen Eltern, Ljudmila und Mervyn, kreuzen.
Unpathethisch, aber nicht emotionslos, schildert Matthews den jahrelangen, frustrierenden Kampf des jungen Paares gegen die Bürokraten Russlands und Englands zur Zeit des Kalten Krieges. Hierbei stützt er sich auf den Briefwechsel der Verliebten ebenso wie auf Veröffentlichungen und Aufzeichnungen Mervyns, die seine verzweifelten Bemühungen, Ljudmila heiraten und mit ihr zusammen leben zu können, detailliert dokumentieren.
Schließlich fließen auch Matthews' eigene Russland-Erfahrungen der späten Achtziger und Neunziger Jahre mit ein und schlagen eine Brücke zum modernen Russland.
So sehr sich die politische Landschaft auch wandelt, für den Autor des Buches steht unausgesprochen immer eine Frage im Mittelpunkt: was zählt der einzelne Mensch und sein Schicksal im großen Zusammenhang mit Politik und Weltgeschichte?

Achtzig Jahre Zeitgeschichte, nicht abstrakt und lehrbuchhaft, sondern lebendig und menschlich dargestellt durch Familienschicksale: sehr lesenswert!
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am 18. April 2017
Das Buch ist sehr interessant zu lesen. Es zeigt den Wahnsinn des Stalinismus und dessen Nachwirkungen bis zum Ende des Kommunismus am Beispiel der Protagonisten auf. Und dass die Probleme des Landes mit dem Zusammenbruch des Kommunismus keineswegs gelöst sind. Für mich etwas zu pathetisch waren die zititierten Briefe, aber sie sind ja wohl authentisch. Eine schöne gebundene Buchausgabe, illustriert mit Fotos zur Familiengeschichte des Autors.
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am 1. Juli 2015
Der Autor hat in jahrelanger Kleinarbeit und Recherche die Geschichte seiner Vorfahren aufgeschrieben.Die Geschichte beginnt in Russland im Jahre1937.Sein Großvater mütterlicherseits lebte mit seiner Frau Marta und den beiden Töchtern in Moskau und genoß als Parteimitglied großes Ansehen.An jenem Morgen im Jahre 1937 fällt er der Säuberung des Stalin-Regime zum Opfer und wird erschossen.Er verabschiedet sich am Morgen von seiner Frau und seinen Töchtern Lenina und Ljudmila(Mila) und kehrt nicht mehr zurück.Seine Frau kommt ins Gefängnis ,die Töchter werden ins Waisenhaus gebracht.Sie haben für lange Zeit keinen Kontakt zu ihrer Mutter.Lenina kümmert sich als ältere Schwester aufopferungsvoll um Mila,die sie als ihr erstes Kind betrachtet.Als Mila an Tuberkulose erkrankt ,werden die Schwestern getrennt, erst Jahre später später sehen sich Lenina und Mila wieder.Mila hat mehrere Operationen überstanden, behielt aber ein verkrüppeltes Bein zurück.Als Mila ihre Schwester wiedersieht ,ist diese bereits Mit Sascha,einem entfernten Cousin ,verheiratet und zum ersten Mal Mutter geworden.
Trotz aller Widrigkeiten mit denen sie zu kämpfen hatte, gelang es Mila einen guten Schulabschluß zu erlangen und zu studieren, später hatte sie eine Stelle im Institut für Marxismus-Leninismus.
Während des Studiums lernte sie den jungen Engländer Mervyn kennen und verliebte sich in ihn.Als der Hochzeitstermin der Beiden bereits feststeht ,werden sie durch die Ausweisung von Mervyn getrennt.Nun beginnt ein sechsjähriger Leidensweg für die Liebenden,den sie durch viele Briefe und wenige (weil zu teure ) Telefonate überbrücken.
Trotz aller Widrigkeiten finden Mila und Mervyn wieder zueinander und können endlich heiraten.
Der Autor Owen Matthews hat bei der Spurensuche in Russland seine spätere Frau Xenia ,ebenfalls eine Russin ,kennengelernt.
Ihm ist es gut gelungen seine eigene Familiengeschichte mit der Zeitgeschichte zu verknüpfen.
Ich habe die Geschichte mit großem Interesse gelesen.Was ich nicht so gut fand ,waren die ständig wechselnden Erzählperspektiven,manchmal dreimal auf einer Seite.
Dennoch gebe ich eine Leseempfehlung für dieses Buch ab.

Buchtitel: Winterkinder
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am 19. März 2014
Dieses Buch geht tief unter die Haut. Ich habe verzweifelt mitgefiebert, konnte es nicht glauben, war fassungslos und wütend. Und dann kamen wirder so liebevolle und rührende Passagen, dass mein Herz gleich doppelt so laut geschlagen hat. Was einen Großteil dieser Geschichte ausmacht, ist ihre Echtheit. Es ist ein Biographie der Eltern des Autors und man kann regelrecht dankbar sein, dass er diese so wundervoll umsetzen konnte. Doch es geht nicht nur um den harten Weg zweier Liebenden. Man erfährt so viel über Russland und das stalinistische System, dass es einem immer wieder kalt den Rücken hinunter läuft. Der Großvater ist so sehr im System verankert, dass er anfangs die Früchte in vollen Zügen genießen kann und dann genau diesem System zum Opfer fällt. Man versteht teilweise die Welt nicht mehr, liest und liest, in der Hoffnung, dass gleich alles wieder gut wird. Doch das unterscheidet einen flüchtigen Roman von der realen Welt. Und so finden die Liebenden zusammen doch erwecken den Eindruck, aus ihren Welten trotz allem nicht wirklich ausbrechen zu können. Es ist ein enorm aufwühlendes Buch. Das bezaubert und verzweifelt. Dieses Werk ist auf jeden Fall nachhaltig. Man vergisst es nicht. Es bleibt. Und man denkt ganz lange darüber nach, spürt nach, atmet nach. Ist froh, es anders zu haben. Und hofft, dass es so bleibt.
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Die meiste Zeit in Russland glaubte ich mich in einer Geschichte ohne Handlungsstrang, einer ständig wechselnden Diaschau der Phantasmagorien, die Moskau zu meiner persönlichen Erbauung auf mein Leben projizierte. Tatsächlich aber war ich gefangen im Gespinst familiärer Vorgeschichte, das sich immer enger um mich legte.

Ich ging nach Moskau, weil ich meinen Eltern entkommen wollte. Aber genau dort fand ich sie wieder, auch wenn ich das lange Zeit nicht wusste oder sehen wollte. Dies ist eine Geschichte über Russland und über meine Familie, über einen Ort, der uns geschaffen und befreit und inspiriert und beinahe gebrochen hat. Und letztlich ist es einer Geschichte über Flucht, darüber, wie wir aus Russland geflohen sind, auch wenn wir alle – selbst mein Vater, ein Waliser, selbst ich, der ich in England aufwuchs, immer noch etwas Russisches in uns tragen, das unser Blut wie ein Fieber infiziert.
(Winterkinder, Seiten 14,15)

Mit genau der richtigen Mischung aus Nähe und Distanz legt der Autor, Sohn einer Russin und eines Engländers, Zeugnis ab über ein junges Stück Zeitgeschichte, welches seine Familie ganz persönlich betroffen hat. Drei Generationen Liebe und Krieg – so lautet der Untertitel der deutschen Ausgabe seines berührenden Werkes und Owen Matthews ist für diese Familiengeschichte selbst zum Historiker geworden. Das erforschte Akten- und Bildmaterial hat er in diesen faszinierenden Bericht eingebunden und vermittelt dem Leser stets ein Gefühl der tiefen Verbundenheit mit den toten und lebenden Menschen, die er ohne Pathos aber mit viel Empathie schildert. Und letztlich ist es natürlich auch sein eigenes Zeugnis, welches der Leser mit Interesse verfolgt.

Der historische Bericht beginnt mit dem Aufstieg der jungen Familie Bibikow in den 1930er Jahren. Der Großvater des Autors, Boris Bibikow, ist in dieser Zeit ein Held der Arbeit, ein tatkräftiger und pflichtbewusster Genosse der Partei, der seine Männer in der Fabrik in Tschernigow, einer Kleinstadt der Ukraine. Natürlich glaubt er sich zu Höherem berufen und die Einladung zum Parteikongress in Moskau betrachtet er genauso als Ehre, als seine beruflichen und privaten Privilegien, die sogar einen Urlaub im staatlichen Sanatorium einschließt. Ersteres wird ihm jedoch nachträglich zum Verhängnis, als sich Genosse Stalin Jahre später an all den Beteiligten rächen wird, die für eine Verlangsamung der staatlichen Pläne stimmten und in den inneren Reihen eine paranoide Säuberungsaktion stattfindet. Ausgerechnet als Bibikow im Jahre 1937 in seinen wohlverdienten Staatsurlaub aufbricht, wird er von der Verhaftungswelle überrollt, die auch das Leben seiner Frau und seiner Töchter für immer verändern wird.

Lenina und Ljudmila, deren Geschichte in diesem Jahr beginnt und deren Kindheit ein jähes Ende nimmt, sind 12 und 3 Jahre alt. Von ihrer Mutter getrennt, die als Volksfeindin in ein Arbeitslager verbannt wird, kommen die Mädchen schließlich in ein Kinderheim. Nur durch die Güte des Leiters werden die Geschwister nicht getrennt, auch wenn die kleine Mila, die spätere Mutter des Autors, die erste Zeit auf der Krankenstation verbringt, wo sie eine Maserninfektion auskuriert und sich durch eine üble Knochentuberkulose quält. Doch Mila bewahrt sich auch hinkend und mangelernährt ihre Lebensfreude und lässt sich nicht unterkriegen, als sie in den Kriegswirren von ihrer Schwester getrennt wird. Wie durch ein Wunder finden sich die Schwestern schließlich wieder!
Nach dem Tode Stalins erlebt Russland ein politisches Tauwetter. Martha (ironischerweise nennt sich diese vor der Verhaftung Mara, weil dies eleganter klingt. Mara bedeutet aber wörtlich bitter) Bibikow kehrt zu ihrer Tochter Lenina zurück, die ihren Cousin Sascha, der im Krieg verwundet wurde geheiratet hat. Auch Mila wohnt in der Nähe und hat sogar einen Studienplatz an der Universität in Moskau erhalten. Doch die Mutter ist eine Fremde und dazu noch eine bittere Frau geworden, die ihrer Umgebung das Leben bitter macht. Erst in dieser Zeitperiode erfährt die Familie, das Boris Bibikow bereits 1937 hingerichtet wurde und nicht, wie von staatlicher Stelle mitgeteilt, eine jahrelange Haftstrafe verbüst.

Im Juli 1964 lernen sich der Engländer Mervyn und Mila kennen und lieben, doch der junge Mann hatte naiv einen Wodka zu viel mit dem KGB getrunken und seine Tage im geliebten Russland sind schon bald gezählt. Fünf Jahre setzt der ehemalige Oxford Student als Zielvorgabe an, um Mila nach England zu holen und zu heiraten, ansonsten will er sein Scheitern eigestehen.

Im Oktober 1969 geht der Liebestraum gegen alle Widrigkeiten in Erfüllung, doch die englische Realität relativiert die Höhenflüge des Paares. Dies ist schließlich kein Roman, sondern das wirkliche Leben.

Was natürlich auch ein Vorteil ist, denn das Portrait eines Sohnes seiner Mutter ist eine überaus gelungene Liebeserklärung. Mila, die Frau, die auf den Bildern immer dem Beobachter entgegenlacht, die gebildete, aber niemals eingebildete Frau, die ihre Gäste mit so viel Geschick unterhält und trotz ihrer kaputten Hüfte noch für ihren Enkel Seil springt, wird vor den Augen des Lesers so lebendig, das man glaubt, sie fast zu kennen.

In dem Buch ist ein Liebesbrief der unzähligen, die Mila an ihren englischen Geliebten geschrieben hat, veröffentlicht und spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Owen Matthews nicht nur den Lebenshunger, sondern auch das literarische Talent seiner Mutter geerbt hat. Der Schreibstil Matthews ist sehr ansprechend, weil er bildhaft, aber niemals zu ausschmückend ist. Er berührt Emotionen, bleibt aber auch angemessen sachlich, wenn es um persönliche Dinge vor dem Hintergrund historischer Gegebenheiten geht. Tatsächlich setzt er sich gerade mit seinen Großeltern und deren Geschichte sehr differenziert auseinander, indem er zwischen den historischen Fakten, dem Aktenmaterial und letztlich den persönlichen Erfahrungen von Angehörigen sich sehr vorsichtig und behutsam dem Menschen selbst annähert. Die russische Seite scheint nicht nur ein Teil von Matthews Seele zu sein, auch optisch ähnelt er am meisten seinem Großvater. Schade ist indes, dass es nur ein Bild der Großmutter gibt, welches sie als Oma des kleinen Owen zeigt. Der dreidimensionale Charakter dieser Frau, die als Bauerstochter geboren, aus hungernden ukrainischen Familie ausgestoßen wurde, ihre sterbende Schwester zurückließ, mit dem ehrgeizigen Parteigenossen eine neue Familie gründete, wegen diesem schließlich als Volksfeindin misshandelt und traumatisiert und schließlich als bittere, lebensverachtende Witwe ihr Dasein bei der fremden Tochter zu leben.

Dieses Buch ist kein Roman, aber es liest sich unglaublich flüssig und leicht. Diese ganz besondere Familien- und Zeitgeschichte wird man bestimmt nicht so schnell vergessen.
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am 5. April 2015
Dieses Buch ist die beeindruckende Familiengeschichte von Owen Matthews und die berührende Lebensgeschichte seiner Eltern. Wir steigen 1937 in die Geschichte ein, die Zeit der Säuberungen unter Stalin. Sein Großvater, obwohl ein höherer Funktionär, wird verhaftet und, wie wir später erfahren, ermordet. Seine Frau wird in Sippenhaft genommen und für viele Jahre in ein Arbeitslager verbannt. Die Kinder, Lujdmilla und Lenina werden von ihren Eltern getrennt und wachsen in sowjetischen Kinderheimen auf, werden auch dort wieder getrennt. Am Ende des Krieges finden zumindest die beiden Schwestern wieder zueinander. Hier beginnt auch der zweite Teil des Buches, die Liebesgeschichte zwischen Lujdmilla und Marvyn, Owens Eltern. Marvyn kommt als britischer Student nach Moskau zur Zeit des Kalten Krieges. Er gerät, ohne es wirklich zu merken, in den Fokus des KGB. Er trifft und Lujdmilla und die beiden verlieben sich ineinander. Einige Tage vor der geplanten Hochzeit wird Marvyn aufgrund eines Komplotts, in das auch der KGB involviert ist, aus der Sowjetunion ausgewiesen. Jetzt beginnt der 6 jährig Kampf der beiden Liebenden, um ihr Recht miteinander zu leben. Aber nicht nur der Kampf mit den Autoritäten wird beschrieben, sondern wir dürfen auch wunderschöne Liebesbriefe der beiden lesen.
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Eine schöne Mischung aus Beschreibung eines dramatischen Familienschicksals und einer Liebesgeschichte, die trotz eines furchtbaren Regimes bestehen kann. Man sieht hier so richtig die Menschenverachtung einer Diktatur, die Menschenleben zerstört, sowohl im eigentlichen Sinne durch Ermordung als auch durch sonstiges Unrecht, das den Menschen zugefügt wird. Für mich waren aber auch die Einblicke in das tägliche Leben der Menschen in Moskau, ihre Lebensverhältnisse und der Einfluß der Politik auf ihr tägliches Lebens sehr interessant. Ich kann diese Buch wirklich nur empfehlen.
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am 5. Mai 2014
Der reiselustige englische Vater, die lebensoffene, leidenschaftliche Mutter, ein großes Umfeld an Familie, dass auch später noch immer wieder und nach und nach und immer mehr aus Russland „eintröpfelte“, das ist, was Owen Matthews an Familie geprägt hat.

Eine Familiengeschichte, gerade was seine Eltern und die Großeltern mütterlicherseits betrifft, die nun in Buchform dem Leser einen tiefen Einblick in die Atmosphäre und jüngere Geschichte Russlands zu geben vermag.

Aber auch in innere Seiten, Mentalitäten, Haltungen, in denen sich jene „russische Seele“ zwar nicht einfach zu begreifen zu Händen gibt und ebenso nicht platte Vorurteile bestätigt werden, wohl aber der eine oder andere „Blick“ nach innen möglich wird.

„Was sie mit den anderen Emigranten teilte, war die Verachtung des russischen Systems“. Und was seine Mutter auch in sich trug, war die Lust am Schönen, auch am Materiellen und damit die ständige Reibung mit dem „englischen Geiz“.
Da öffnet sich so ein leichter Blick, ein tieferes Verstehen der überschäumenden Lebens- und Kauflust der (nicht aller, aber mancher) „Russen“.

„Was machst Du, wenn die Roten wiederkommen?“.
Dann, zumindest eben hat man das gehabt! Genossen. Sich darin verloren und geschwelgt.

Denn Armut, Bedrängung, Kälte innen wie außen, sich kaum etwas gönnen können (selbst wenn Geld dagewesen wäre, wäre kaum etwas an Dingen im Angebot gewesen), das alles prägte tief jene Generation, die unter Stalin und Nachfolgern den Kalten Krieg und die Bedrängung des eigenen Volkes miterleben musste.

„Milas Beispiel erwies sich als ansteckend. Einer nach dem anderen sollten fast alle ihre Freunde und Verwandten entweder Russland verlassen oder Ausländer heiraten“.

Und das, im Übrigen, interessanterweise, nicht aus Berechnung. Nicht „um herauszukommen“, sondern ebenfalls aus „tiefstem Herzen“.
„Wenn schon, dann mit allem, was man innerlich hat“, so könnte man die innere Haltung vor allem Milas, der Mutter, ausdrücken.

Dafür steht die Liebesgeschichte von Mila und „ihrem Engländer“, Mutter und Vater des Autors, die sich mitten im kalten Krieg in Russland kennen und lieben lernten.

Und das mit Überschwang, das kann man durchaus sagen in Hinsicht auf jene Briefauszüge seiner Mutter, die Matthew im Buch nutzt. Leidenschaft, Tiefe, eine Form des Ausdrucks und der dargestellten Liebe, die den emotional eher distanzierten Westeuropäer (und damit auch den jungen englischen Mann) immer wieder fast überrollt.
Wie aus „Romeo und Julia“ entnommen, mit dramatischer Geste und Pathos an allen Enden gelingt hier ein weitere Blick in eine Form der russischen Mentalität, der fremd und doch faszinierend vor dem Leser sich ausbreitet.

Gegen alle Systeme, gegen KGB und Widerstand der eigenen Mutter, im Hinterkopf noch das „einfach so“ Verschwinden des Großvaters, der im Zuge einer Verhaftung hingerichtet wird. Da ist der leidenschaftliche Kampf für sich selbst, die innere Aufwühlung als fast „zweite Natur“ verständlich vorgelegt.

Eine Prägung für das Leben. Die einerseits Grenzen durchlässig machte mit all ihrer Energie der Liebe, die andererseits späterhin immer wieder zu Reibungen einfach führen musste.

„Nun, da meine Mutter keine epischen Gefechte mehr auszufechten hatte, richtete sie ihre Energien auf die Menschen, die ihr am nächsten waren ….. Das Reihenhaus in Pimlico war viel zu kleine für diesen Dynamo emotionaler Energie“. Woraufhin sich Matthews Vater regelmäßig auf sich selbst und sich selbst zurückzog.

Diese Energie ist das eine, die Matthews in dieser im Ton sehr sachlichen Biographie hervorragend darstellt, das Leben in Russland, die Zeiten Stalins, des Krieges, des späteren Kalten Krieges du das Ergehen seiner Familie darin hat er fundiert recherchiert und in diesem Buch nachvollziehbar zusammengetragen. Auch eine Elegie des Leides und des Überlebenskampfes beinhaltet diese Familiengeschichte. Ein Eintreten für die (persönliche) Freiheit mit aller Kraft. In nicht einfachen Systemen.

„Das waren furchtbare Zeiten … Ihr Großvater glaubte, aber glauben sie nicht, dass die Ankläger selber glaubten? Oder die Männer, die ihn erschossen haben?“

Eine Hilfe zu einem tieferen Verstehen der jüngeren russischen Geschichte und der Prägung der Menschen dort, eine Geschichte der Emigration und mancher Emigranten, ein Kampf und Sieg der Liebe in sehr leidenschaftlicher Form, ein sich zurecht finden im normalen Alltag (was schwierig war).

Alles in allem eine sehr gelungene, lange nachhallende Lektüre, die im Beschreiben des äußeren Leben und im Offenlegen des inneren Erlebens den Leser mitten hineinnimmt in diese besondere Lebens- und Familiengeschichte.
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am 17. März 2014
Winterkinder ist die Geschichte einer russisch-englischen Familie. Sie beginnt mit dem Großvater des Autors, der in Russland als hoher Parteifunktionär und überzeugter Kommunist ein Traktorenwerk aufbaut. Trotzdem wird er angezeigt und im Zuge der Säuberungen 1937 erschossen. Seine Frau kommt für viele Jahre ins Gefängnis, seine beiden Töchter ins Waisenhaus. Aber sie sind fast immer zusammen. Die ältere Lenina versucht, auf die jünger Ljudmilla (Mila) aufzupassen. Erst der 2. Weltkrieg trennt sie für eine Weile, doch mit viel Glück überleben beide und finden auch wieder zueinander. Mila – die Mutter des Autors – studiert und arbeitet an der Universität. Dort lernt sie Mervyn kennen, einen englischen Studenten. Es ist die große Liebe, doch nach wenigen Monaten, kurz vor der Hochzeit, muss Mervyn das Land verlassen. Er wollte nicht mit dem KGB zusammenarbeiten und so wird er ausgewiesen. Ein fast 6-jähriger Kampf beginnt, um Mila doch noch heiraten zu können. Mit viel Mühen und Glück und sturer Beharrlichkeit gewinnen sie, dürfen heiraten, aber Mila muss dann mit nach England gehen. Erst nach der Wende in den 90er Jahren kann sie ihre Familie in Russland wieder besuchen. Ihr Sohn Owen verbringt viele Jahre in Russland und hat dann dieses Buch mit der Familiengeschichte geschrieben.

Das Buch war gut lesbar, trotzdem lässt es mich etwas zwiegespalten zurück. Der Anfang – die Erzählung über den Großvater – war regelrecht überfrachtet mit den politischen Erklärungen zur Zeit. Die eigentliche Geschichte des Großvaters trat fast in den Hintergrund. Der Mittelteil – vor allem die Kindheit und Jugend von Mila und ihrer Schwester – haben mich sehr berührt. Hier war die Geschichte sehr persönlich, sehr nachvollziehbar und auch sehr zum Mitfühlen. Das Ende wiederum war wieder etwas langatmig. Der Kampf um die Heirat, die vielen Briefe – das alles hinterließ bei mir nicht so einen großen Eindruck. Hier ging es mir wie Mila, die sich fast gar nicht freute, als sie endlich den Kampf gewonnen hatten. Gestört hat mich hier auch der dauernde Wechsel zwischen der Geschichte der Eltern und den Einfügungen des Autors über eigene Anekdoten im Moskau der Nachwendezeit.

Alles in allem ist es aber ein gutes Buch. Hier wird Zeitgeschichte mit persönlicher Geschichte verbunden, die Veränderungen in der Sowjetunion/Russland aufgezeigt, persönliche Schicksale beleuchtet.
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am 1. Juli 2014
Russland ist für mich das fiktive Land von Anna Karenina, Krieg und Frieden, Doktor Schiwago und Schuld und Sühne. Mit Tolstoj habe ich eine Literatur entdeckt, die mich für alle weiteren Leseerlebnisse prägte, die für mich bis heute Maßstäbe bildet. Das reale Russland löst in mir ein mulmiges Gefühl hervor, russophil wie Owen Matthews Vater bin ich bei weitem nicht. Die aktuellen Entwicklungen auf der Krim, Russlands Rolle darin rufen in mir literarische Erinnerungen an apokalyptische Science Fiction Märchen hervor, die unserer Zukunft nichts Gutes verheißen wollen. Meine historischen Kenntnisse über Russland gehen bis zur Revolution unter Lenin im Jahr 1917, danach kommt noch ein bisschen Allgemeinwissen über den Zweiten Weltkrieg und dann fiel bei mir der Eiserne Vorhang – bis heute. Schockiert habe ich in meinen Jugendtagen eine historische Pseudodokumentation über die letzten Tage der Romanows gesehen und bin kaum darüber hinweg gekommen, dass die Familie ausgerechnet an dem Tag ausgelöscht wurde, der Jahrzehnte später zu meinem Geburtstag werden sollte.
Owen Matthews wunderbares Buch über die Geschichte seiner Eltern und damit auch über Russland, dessen nahe Historie mit Einblicken in die russische Seele ließ mich den ichbezogenen Kummer über den Todestag der Romanows schnell vergessen, wie viel mehr Elend mussten Millionen von Menschen in ihrem eigenen Land über Jahre und Jahrzehnte ertragen! Tief erschüttert hat mich Matthews mit der nüchternen Darstellung über das kurze Leben seines russischen Großvaters, den Folgen für seine Familie und den grausamen russischen Alltag dieser Tage. Erst als Held des Kommunismus gefeiert, wurde Boris Bibikow unter dem Einfluss von Stalins Paranoia verhaftet und heimlich hingerichtet. Seine Frau, also Owen Matthews Großmutter kam in ein Frauenlager und Matthews Tante Lenina sowie seine damals knapp dreijährige Mutter Ljudmila ins Kinderheim. Der Zweite Weltkrieg trennte die Schwestern, nur durch Zufall, oder Vorsehung, wie Lenina glaubte, fanden sie sich wieder.
Nach dem Krieg schottete sich Russland weiter gegen den kapitalistischen Westen ab. Nur wenigen Ausländern war die Einreise erlaubt. Matthews Vater Mervyn wollte seine russophile Neigung ausleben und nutzte in den späten 50er Jahren jede Möglichkeit, um nach Moskau zu kommen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der englischen Botschaft erreichte er sein Ziel und wurde später sogar Student an der Moskauer Universität. Der russische Geheimdienst hatte die westlichen Ausländer zu jeder Zeit im Blick und versuchte auch Mervyn mehrfach für den KGB anzuwerben. Freundschaften zwischen Ausländern und Russen waren ungern gesehen, eigentlich verboten. Mervyn wird Ljudmila vorgestellt und eine tragische Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Denn den Frust über den unerschütterlichen Patriotismus des jungen englischen Wissenschaftlers lässt der KGB schließlich an dessen privatem Glück aus. Der angemeldete Hochzeitstermin wird von oben zurückgezogen, Mervyn muss unverzüglich das Land verlassen und landet unabänderlich auf der schwarzen Liste des KGB.
„Ein tief berührendes und mitreißendes Stück Zeitgeschichte“ – so lautet eine der abgedruckten Pressestimmen im Buch. Und der Begriff Zeitgeschichte trifft es ziemlich genau. Drei Generationen erlebt der Leser, er taucht ein in eine fremde Welt, in ein riesiges Land und in die furchtbare grausame Historie einer Weltmacht. Matthews Buch einen Roman zu nennen, fällt mir hingegen schwer. Es ist zum einen die Erzählung seiner eigenen Familiengeschichte, aber diese ist nicht fiktiv literarisch ausgeschmückt, sondern immer mit einem leicht distanzierten Blick fast sachlich erzählt. Zum anderen ist es eine subjektiv eingefärbte, aber weitestgehend historische Betrachtung und Beschreibung Russlands in all seiner Macht, Härte, Ideologie und seinem Leid im 20. Jahrhundert. Schrecklich und faszinierend zugleich.
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am 17. März 2014
Der junge walisische Student Mervyn Matthews und die Russin Ljudmila Bibikowa lernen sich 1963 in Moskau kennen, mitten im Kalten Krieg. Während Mervyn einen unbedeutenden Job in der Botschaft wahrnimmt und vom KGB beschattet wird, entspinnt sich eine große Liebesgeschichte, die nahezu hoffnungslos scheint, als den beiden die Heirat verweigert und Mervyn ausgewiesen wird. Es sollte fast sechs Jahre dauern, bis Mervyn seine Braut heiraten und nach England holen darf.

Dreißig Jahre später wiederholt sich die Geschichte, wenn auch unter anderen politischen Voraussetzungen: Sein Sohn Owen reist mehrfach als Journalist nach Russland, genießt das Moskauer Partyleben und die Frauen und verliebt sich ebenfalls in eine Russin. Nach einer wilden Zeit wird er schließlich in Istanbul sesshaft. Durch seine Erlebnisse in Russland und die Erforschung ihrer Geschichte nähert sich Owen immer mehr seinen Eltern an und erfährt von ihnen überraschende Details aus ihrer aufregenden Zeit in den 60er Jahren.

Wunderbares, unsagbar fesselndes und zu Herzen gehendes Buch über das Leben in Russland während der Stalin-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg, eine große Liebe während des Kalten Krieges und die Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Owen Matthews wandelt auf den Spuren seiner Eltern und legt Zeugnis ab über das Leben und Lieben in Russland während des stalinistischen Terrors und des Kalten Krieges. Gespickt ist das Ganze mit intimen Zitaten aus Briefen, die sich sein Vater Mervyn und seine Mutter Mila in der Zeit ihrer Trennung schrieben, und mit vielen Fotos.

Für mich liegt im Buch eine Zweiteilung vor: Der erste Teil behandelt die Geschichte von Owens Großeltern, die Herkunft Ljudmilas, ihre Vertreibung und schließlich ihr Erwachsenwerden. Der zweite Teil setzt mit dem Kennenlernen von Owens Vater Mervyn und Ljudmila ein, behandelt ihre Trennung und lebt dabei hauptsächlich von den anrührenden Briefen, die sich die beiden schreiben. Dazwischen kommen immer wieder Owens eigene Erlebnisse und die Parallelen zu den Ereignissen in der Vergangenheit. Dabei setzt sich Owen auch gefühlsmäßig mit den Ereignissen auseinander und fragt nach Motiven und Gefühlen seiner Protagonisten.

Das Buch kommt sehr edel daher, schön gebunden und mit Lesebändchen. Das Cover des Einbandes ist sehr ansprechend und passend zum (deutschen) Titel. Ich finde allerdings den englischen Titel (Stalin's Children) wiederum zum Inhalt passender, denn es sind wirklich Stalins Kinder, Ljudmila und ihre Generation, in seiner Zeit aufgewachsen, in seiner Ideologie erzogen, und trotz aller Repressionen, allem Terror können sie ihre Liebe zu ihrem Heimatland nie ablegen und vermissen es schmerzlich. Der Autor liefert außerdem eine sehr ausführliche Bibliografie sowie ein umfangreiches Namensverzeichnis.

Wer sich wundert, so viele doch recht persönliche Bilder zu sehen und detaillierte Beschreibungen von Mervyns und Ljudmilas Liebesverhältnis: Mervyn ist selbst Autor nicht nur von Büchern über die russische Gesellschaft, sondern er hat auch seine eigene Geschichte und die Geschichte seiner Liebe zu Mila niedergeschrieben. Sein Sohn Owen greift also zunächst lediglich seines Vaters Geschichte auf, zitiert auch einiges aus dessen Werken und führt sie fort beziehungsweise erweitert sie um die Geschichte seiner Großeltern und seiner eigenen. Dabei geht er grundsätzlich durchaus chronologisch vor, spickt sie aber immer wieder mit Passagen aus seinem eigenen Leben und vergleicht seine Erlebnisse mit den Erfahrungen seines Vaters. Beide sind von Russland und von Moskau fasziniert, beide entfliehen den engen familiären Banden und finden in Russland ihre Selbständigkeit und die Frau fürs Leben. Owen fährt ursprünglich gar nicht mit der Absicht nach Moskau, um dort nach seinen Wurzeln zu suchen, im Gegenteil, er will seiner Familie und dem englischem Mief entfliehen. Und doch findet er genau in Moskau seine Eltern wieder und beginnt, ihre Geschichte, die ihrer Eltern und damit seine eigene zu rekonstruieren. Dabei herausgekommen ist eine Familiengeschichte von Menschen, die Russland sehr gut kennen und es sehr lieben, die dort gelebt und geliebt und dabei seine innerste Seele erforscht haben.

Herausgekommen ist aber auch ein erschütterndes Dokument über ein Stück russischer Zeitgeschichte, die Grausamkeiten während der Säuberungen Stalins, staatliche Willkür, Verhaftungen, Zwangsarbeit und Zerstörung ganzer Familien und Dörfer. Zeitweise wurden ganze Völker, ethnische Minderheiten, ins Gulag deportiert, außerdem Priester und Mönche, Großteile der militärischen Führungsspitze, Parteimitglieder und selbst Angehörige der Opfer wurden in Scheinprozessen verurteilt, unter der Folter Geständnisse erpresst und schließlich ermordet. Dass Marta, Ljudmilas Mutter, überlebt, grenzt an ein Wunder und zeugt von starkem Überlebenswillen. Sie hat einen schwierigen und eigenwilligen Charakter, dennoch ist sie gebrochen und schwer traumatisiert, und ihr ambivalentes Verhalten (Hass und Aggressivität auf der einen und Hilflosigkeit und bedingungslose Zuwendung auf der anderen Seite) gegenüber ihren Mitmenschen verwundert wiederum nicht. Der geneigte Leser erfährt sehr viel über das alltägliche reale Leben zu Zeiten des Terrors, und man fragt sich mehr als einmal, wie man selber mit solchen Extremsituationen umgegangen wäre. Besonders berührend fand ich übrigens, wie sich Lenina und Ljudmila durch Zufall wiederfinden, nachdem sie brutal in den Wirren des Zweiten Weltkrieges getrennt wurden. Für Lenina wird Mila zu ihrer ersten Tochter, und auch Mervyn wird – obwohl Ausländer und „Klassenfeind“ – herzlich in die Familie aufgenommen.

Neben all den zweifellos interessanten und starken Charakteren wie die Eltern Ljudmilas, ihre Schwester Lenina und all die anderen ragt jedoch Ljudmila am meisten heraus, eine großartige, intelligente, gefühlvolle und unglaublich starke Frau, die nicht nur Waisenhaus und Vertreibung, Hunger und Verzweiflung überlebt hat, sondern sich auch an die Moskauer Universität gekämpft hat, ihre Verkrüppelung (als Ergebnis ihrer Tuberkulose-Erkrankung) akzeptiert und nicht zuletzt um ihre große Liebe kämpft und sich schließlich die Familie und das Zuhause aufbaut, die sie nie hatte und das sie sich immer gewünscht hat. Auch wenn sie oftmals von Zweifeln geplagt ist und später, als sie in England ist, ihr Heimatland schmerzlich vermisst, siegen doch ihr angeborener Optimismus und Überlebenswille und sie baut sich in der Fremde ein neues Leben auf.

Zum Anderen – und das ist das Außergewöhnliche des Buches und macht es eben nicht zu einer reinen Biografie und damit zu einem trockenen historischen Sachbuch - ist es eine große Liebesgeschichte, voller Tragik, Hoffnung und Sehnsucht, Abschied und Wiederfinden. Owens Erzählkunst schafft es, die Schrecken der Zeit sachlich darzulegen, aber immer auch emotional zu bleiben, die Menschen zu zeigen, wie sie sind, was sie dachten und fühlten, und auch wenn einiges Spekulation bleiben muss, so fühlt man doch mit ihnen mit, hängt atemlos an der Geschichte und wünscht sich sehnlichst das Happy End herbei. Die Liebesbriefe von Ljudmila sind romantisch und schwanken zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zweifeln aber nie an ihrer großen Liebe zu Mervyn. Und auch Mervyn lebt ganz für seinen Kampf um Ljudmila, er geht bis an die Grenzen seiner finanziellen Möglichkeiten und schöpft alles aus, was auch nur im Entferntesten Erfolg bringen könnte. Er dringt bis in die höchsten Kreise vor, übergibt Briefe an sowjetische Politiker, an Diplomaten und Konsuln und bringt seine und Ljudmilas Geschichte an die Presse und macht sie so einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Sein „Fall“ wird zum Politikum, mit dem sich die höchsten Beamte befassen. Dennoch ist es einigermaßen überraschend, wie dann tatsächlich die Wiedervereinigung der beiden zustande kommt, nämlich im Zuge eines Austausches zwischen hochrangigen amerikanischen KGB-Spionen und dem britischen Russischlehrer Gerald Brooke. Da dieser nicht so hoch eingestuft wurde wie das amerikanische Spionageehepaar, wurden weitere Zugeständnisse an die Briten gemacht, unter anderem auch die Bewilligung der Hochzeit dreier britischer Staatsbürger und die Ausreise ihrer russischen Verlobten.

Fazit: Großartiges Buch über eine wahre Familiengeschichte, die Kombination aus historischen Fakten und ergreifender Emotionalität, dazu russisches Alltagsleben und starke Charaktere machen das Buch zu einem echten Erlebnis. Es ist hervorragend geschrieben und fesselnd und trotz der Grausamkeiten auch ein hoffnungsvolles Buch. Besonders Ljudmila beeindruckt durch ihr Wesen, ihre Stärke, ihre Liebe und Güte. Für alle, die ein Stück (russische) Geschichte lesen und sich gleichzeitig auf eine große Liebesgeschichte einlassen wollen.
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