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am 19. Mai 2007
Das Geschichtswerk" von Jacob Burckhardt hat der Verlag Zweitausendeins in einer wunderbar gesetzten zweibändigen Ausgaben günstig herausgegeben. Liest man das einzigartige Geschichtswerk Jacob Burckhardts, so erhellt die Nüchternheit seiner Betrachtung und begeistert die Meisterschaft seiner typisierenden Darstellung, systematisch wie sprachlich.

"Die Kultur der Renaissance in Italien"

Von großer Bedeutung war Burckhardts Werk: "Die Kultur der Renaissance in Italien" (1860), das den Strukturwandel von Staat und Kirche im Ausgang des Mittelalters und die damit einhergehende Ausbildung des "modernen", individuellen Menschen beschreibt. Diese erste umfassende Darstellung jener Epoche hat das Renaissancebild Europas nachhaltig geprägt und wurde zum beispielgebenden Werk der Kulturgeschichtsschreibung, deren moderner Ahnherr und Nestor Jacob Burckhardt bis heute geblieben ist.

Kultur- und Weltgeschichte

Burckhardts Betrachtung der Kultur- und Weltgeschichte ist eine Geschichte der Menschen ohne metaphysische Überbauten. Sie ist psychologisch vielschichtig angelegt, bewegt sich auf den Grenzen zwischen Kunst-, Kultur-, Welt- und Profangeschichte, benennt das Pathologische in der Geschichte und doch versagt er sich einem verhaltenen Pathos nicht: Er spricht es selten aus, viel öfter schwingt es in seinem unvergleichlich geschmeidigen Stil mit, einem Höhepunkt wissenschaftlicher Prosa im 19. Jahrhunder, ein Stil, dessen Rhythmus sich immer im Gleichklang mit den Gedanken, die weit ausholen und langsam ausklingen, befindet.

Als moralischer Pessimist stellt sich Burckhardt dezidiert gegen idealistische und ideologisierende Geschichtsmodelle. Sein Wurf ist unmittelbar, er verlebendigt psychologisierend das historische wie kulturelle Geschehen, läßt jederzeit die Quellen sprechen, entwickelt eine Hermeneutik der Fakten, die sich historischen Wasserstandsmeldungen versagt und der Faktenhuberei entzieht. Sein Ausgangspunkt, den er als einzigen bleibenden und für uns möglichen Zentrum" ist aber nicht weniger geschichtsphilosophisch; sein Unternehmen ist nur" bescheidener, methodisch moderner, vor allem den Quellen verpflichtet, überzeugend bis heute und Burckhardt wird es noch lange bleiben.Ihm gelingt es, die Geschichtsphilosophie engzuführen, sie auf die Kultur- und Weltgeschichte zu zentrieren, ohne sie einzuengen, sie diesseits der Götter in die Wirklichkeit zu verankern und den Menschen mit sich selbst zu konfrontieren: Burckhardt fundiert die Geschichte anthropologisch und schreibt keine Metaphysik.

Der ästhetisch-kritische Bildungsprozeß

Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit (Ranke, Mommsen, Droysen) der Geschichtsschreibung: weite Panoramen, große Erzählungen, tiefe Perspektiven. Aber diese Geschichtsphilosophien waren - obgleich sie sich oft den Anschein gab - nicht enzyklopädisch, jedenfalls nicht im systemasierenden Sinne des Idealismus, insbesondere Hegels. Es wurden Epen der Weltgeschichte vorgetragen: Geschichtsphilosophien waren Schöpfungen und wogten wie die Meere. Die Elegien überließ man Burckhardt und seinen Nachfolgern. Die Skepsis gegen den Idealismus war bei ihm nicht zu überlesen, ein beständige reservatio mentalis gegen Hegel und die Folgen schwang gerade bei Burckhardt mit. Es entstand kein in sich mündender Kosmos mehr, keine Ordo, kein System der historischen Ideen mehr, sondern je unterschiedlich bilderreiche Panoramen ganzer Epochen und Kulturen, orientiert an den harten Fakten der Geschichte: Die Götterdämmerung der Systeme hatte mit dem Tod Hegels, spätestens mit dem Tod Schelling eingesetzt.

Jacob Burckhardt unterschied sich also von den großen deutschen Geschichtsdemiurgen deutscher Provinienz: War deren geistige Geburtsstunde die Epoche Winckelmanns und der deutschen Klassik, so läßt sich Burckhardts geistige Herkunft zwar zeitgleich zu Winckelmann orten, aber mit genau entgegengesetzter Intention und Umkehrung der geistesgeschichtlichen Perspektive: Es ist das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das Voltaire veranlaßt vom Aufklärungsoptimismus abzurücken.Und man weiß von Carl Spitteler, einem seiner Schüler, daß Candide" Burckhardts Lieblingslektüre war. Der sich festigende Einfluß von Schopenhauer auf Burckhardts Pessimismus ist nicht zu bezweifeln und deutet auf Bewunderung Nietzsche voraus.

Gegen Hegel und mit Schopenhauer verstand Jacob Burckhardt sich als Kulturhistoriker, war Grenzgänger zwischen Geschichtsschreibung und ihrer Nachbardisziplinen. Ihm gelang vorsichtig skeptisch und verhalten pessimistisch, wie er war, eine stupend gelehrte wie stilistisch brillante Synthese der Weltgeschichte, die keines Gottes, keiner Ideenhimmels mehr bedurfte.

Durch die Mitarbeit an den Handbücher von Franz Kugler orientierte sich Burckhardt in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunächst an den Idealen der Klassik von Winckelmann, Goethe und Alexander von Humboldt. Den konnotierten Optimismus revidierte er nach und nach, vor allem in historischer Hinsicht, übernahm mehr und mehr eine europäisch-humanistische Sichtweise und rückte von den bestimmenden Paradigmen politischer Geschichte ab.

Burckhardts Pathos ist leidenschaftliche Nüchternheit im Stil, die sich keiner Wahrheit verschließt. Zugleich ist er fähig, das Lebensgefühl fernster Zeit lebendig werden zu lassen und den Leser in die Schwebe zwischen dieser längst vergangenen Epoche und seiner konkreten Gegenwart in die Schwebe zu bringen, um dadurch einen viel tieferen nachhaltigen Gewinn der Geschichte zu ermöglichen als vielen enzyklopädischen Geschichtswerken - damals wie heute.

Gegen die Dialektik von Gott, Welt, Mensch

Denn Burkhardt wendet sich von der Trias Gott-Welt-Mensch ab; er schreibt eine Geschichtsphilosophie im Geiste Schopenhauers. Seine Weltgeschichte ohne Gott läßt den Mensch ins Zentrum des Handelns rücken. Die Welt ist eine entgötterte Bühne, auf der nicht der" Mensch oder gar die" Menschheit, dieser gefährliche Singulare tantum, vorführen, was ihnen gelingt. Burckhardt erkennt den menschlichen Inszenierungstrieb. Psychologisch tiefsinnig und nüchtern erkennend zeigt er, daß die Kulturgeschichte einer der entscheidenden und eigentlich kritischen Zugänge zur Geschichte ist.

Gerade ohne den bis dahin geltenden Überbau wird der Mensch als Macher der Geschichte auf den Menschen als Erdulder der Geschichte zurückgeworfen, zurückgeworfen auf sich selbst. Es ist nicht irgend eine ominöse Macht, es sind die Individuen selbst, die Geschichte machen, sie erleben, inszenieren, dramatisieren, verbrämen, verstellen, entstellen, idealisieren, besprechen, verschweigen oder eben, wie es Burckhardt gelingt es und zeigt, ohne zu appellativ zu werden: sie nach und nach zu erkennen und zu verstehen. Das heißt für Burckhardt sich als Mensch in der Geschichte wieder zu entdecken und sich überhaupt als Mensch zu erkennen. Diese Erkenntnis erfolgt in erster Linie in und durch die Kultur, die Welt des Beweglichen, Freien, nicht notwendig Universalen", wie dies bei den politischen wie metaphysischen Bedürfnissen, Staat und Religion" (Band I, 785, Weltgeschichtliche Betrachtungen), der Fall ist. Burckhardt hebt die klassischen metaphysische und ideologische Trias von Gott, Welt und Mensch zugunsten des letzteren auf. Sein Ausgangspunkt, den Burckhardt als einzigen bleibenden und für uns möglichen Zentrum" ist aber nicht weniger geschichtsphilosophisch, nur bescheidener, methodisch modern und überzeugender.

Burckhardt beerdigt seine Leser weder unter dem positivistischen Faktenschutt seiner Zeit, noch wird der Leser sich in seinen Werken am Geist der Zeiten ergetzen". Burckhardt schildert Übergangs-und Krisenzeiten, arbeitet an langen Umbruchsepochen die Morgen- und Abendröte der Weltgeschichte heraus: Die Wende von der heidnischen Antike zum frühen Christentum oder die Geburt des modernen Individuums in seinen beiden grandiosen Kulturporträts über Die Zeit Constantins" und Die Kultur der Renaissance"; er spart die Ziele der Geschichtsphilosophie und die weltgeschichtlichen Krisen nicht aus, benennt die Gefahren historischer Größe und das ideale Verhältnis von Kirche und Staat in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen".

Lange vor Benjamins Abhandlung Über den Begriff der Geschichte" läßt dieser angeblich randständige Basler Professor in seinen Betrachtungen" aufscheinen, daß der Untergang von Kulturen für diue Betroffenen nicht gleichgültig war. Mehr noch, bei ihm klingt an, daß die Geschichte aus der Perspektive der Unterlegenen, der Besiegten ein moralisches Desiderat für die Geschichtsschreibung damals noch war. Denn die Gescheiterten und zumeist Vergessenen ignorieren heißt, sich stillschweigend mit ihrem Schicksal einverstanden erklären. Wer vernichtet ist, ist auch meist nicht in der Lage, Geschichte zu schreiben. Aber gerade eine solche andere Geschichte tut not.

Burckhardts Betrachtung" ist unmittelbar, antikonstruktiv, , psychologisierend, verlebendigend, pessimistisch, eine Hermeneutik, die dem historisch Konstanten und Typischen verpflichtet ist, aber diese nicht aus der idealistischen Überschau, sondern aus dem Konkreten, dem Ereignis, der dokumentierten Überlieferung, wie sie sich den Quellen entnehmen lassen. Seine Geschichtsphilosophie ist kontemplativ-ästhetisch, unzeitgemäß" wie diejenige Nietzsche, sie bindet Resignation, Freude und Weisheit in einer anthropologischen Konzeption.

Griechische Kulturgeschichte"

Nicht weniger bedeutend sind die postum erschienen Hauptwerke des Alters. Die großangelegte "Griechische Kulturgeschichte", die die griechische Kultur und den Hellenismus umfassend darstellt, würdig und deutet. Seine vielgelesenen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" sind ein Grundlagenwerk, in dem er den "Nachweis von Kontinuitäten, den typisierenden Vergleich" erbringt und die bildenden Funktionen" und moralische Verantwortung des historischen Denkens" (R. Vierhaus) belegt.

Burckhardts Griechische Kulturgeschichte" steht quer zu den bis dahin üblichen Idealisierungen von Winckelmanns und der deutschen Klassik, die Burckhardt schätzt und dennoch schon längst zermalmt", ehe Nietzsche die Ruinen des Idealismus dem Erdboden gleichmacht. Burckhardt umreißt ein realistisches Bild der Polis und verwirft die Vorstellung eines goldenen Zeitalter unter Perikles entschieden, eine Vorstellung, die er als eine der allergrößten Fälschung des geschichtlichen Urteils" geißelt. Er ist der erste, der sich skeptisch gegenüber den Griechen stellt, obgleich er vorhaltlos ihre geistigen und künstlerischen Leistungen anerkennt und leitet damit die Entidealisierung des Griechentums ein, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitet war.

Das Wesen der Geschichte ist die Wandlung", ist Menschen- nicht Weltgeist

Der Menschen- nicht der Weltgeist verwirkliche sich historisch in Staat, Religion und Kultur, konstatiert der Basler. Es sind für ihn jene drei Potenzen", die miteinander wechselwirken und für Politik, Metaphysik und Kritik stehen. Geschichte ist für Burckhardt Welt- und Kulturgeschichte. Ihr Wesen ist Wandlung", ihre Bedeutung erkennt er in den "Kontinuitäten", den allgemeinen Maßstäben historischer Wertungen. Dadurch gerät Geschichte zu einem ästhetisch-kritischen Bildungsprozeß, ein Außenseiterposition im 19. Jahrhundert, die mit ihrer anthropologische Grundlegung durch typisierende Vergleich die Methode der Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts vorwegnahm.

Seine pessimistischen Geschichtsauffassung ließ Burckhardt den sozialen und kulturellen Wandel des 19. Jahrhunderts mit tiefer Skepsis wahrnehmen, den Fortschrittsglauben und Optimismus seiner Zeit geißeln und vor dem industriellen Kapitalismus, der Massengesellschaft und dem Nationalismus, der "Staatsvergötterung", der Demokratie und der Nivellierung, die mit ihr einhergehe, warnen; Entwicklungen, die zu "Völkerkriege" führen könnten und Burckhardt nach dem Ersten Weltkrieg den Ruf einen Propheten und Kritiker seines Jahrhunderts" einbrachte.

Fazit

So viel Burckhardt für so wenig Geld gab es noch nie. Zweitausendeins spielt eine seiner Stärke, klassische Texte zu Prekariartspreisen" einem breiten Publikum anzubieten, souverän aus. Und Jacob Burckhardt? Er macht uns den souveränen Cicerone, stilistisch brillant und lehrt uns spielerisch und ernst zugleich Kultur- und Weltgeschichte. Kaufen, lesen, lesen, lesen ...
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