Am höchsten bewertete positive Rezension
5,0 von 5 SternenDoppelter Boden durch Märchen
Rezension aus Deutschland vom 16. Dezember 2016
Reckless - drei Bände.
Zunächst: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe, lese aber gerne Jugendbücher. Von Cornelia Funke habe ich viel gelesen, natürlich auch die drei „Tinten“-Bücher. Danach ging sie ja nach Amerika, und als Reckless, 1. Band, erschien, waren die Kritiken so widersprüchlich, dass ich ihn erstmal liegen ließ. Zufällig, nachdem 3 Bände erschienen waren, geriet ich an sie und las sie alle drei hintereinander, und zwar mit viel Vergnügen. Danach las ich viele Rezensionen und fand darunter auch heftige Verrisse. Ja, es stimmt, da sind Regiefehler drin, aber wäre das nicht Aufgabe von Lektoren gewesen? Es sind auch Kommafehler drin, besonders beliebt vor „als“ im Komparativ, ist wohl auch Aufgabe eines Lektors. Im 3. Band steht sogar „sponn“ anstatt „spann“. Druckfehler? Auch ihr Stil wurde teilweise böse kritisiert. Aber all das hat mein Vergnügen nicht wirklich mindern können. Mir gefällt der doppelte Boden mit den Märchen, und mich hat besonders C. Funkes Art, diese und die damit verbundene Kultur in die Geschichte einzubauen, angesprochen. Sehr schön im 2. Band bei der Gestalt des Guy de Troisclerq, der zunächst als eine Spiegelung der drei Musketiere auftritt – deus ex machina, ritterliches Verhalten, stundenlange Diskussionen über Fechtkunst in der Kutsche – und dann die sanft-perfide Drehung in Blaubart, der beim Kampf bei einem besonders raffinierten Hieb nur fragt „Woher hast du diese Finte?“ Auch die Gestalt des Juweliers Hippolyte Ramee ist ein eindrucksvoller Extrakt aus dem gascognischen Märchen „Goldfuß“. Dem zur Seite stellen kann man im dritten Band die Szene bei der Baba Jaga. Wer das Original kennt mit seiner märchentypisch kurzen und flächigen Darstellung der Hütte auf den Hahnenfüßen und dem berühmten Tor davor, bewundert die Art, wie Muster und Figuren hier lebendig werden. Der Anfang des dritten Bandes ist beklemmend nahe an unserer Gegenwart, zunächst in der Charakterisierung Brunels, dann bei den inflationären Spiegeln und beim „Spieler“, der hoch über allen im Hintergrund sämtliche Fäden zieht. Doch wenn die dunkle Fee ihren Motten Worte zuflüstert, womit sie „das Geschwätz auf dem Marktplatz säten, auf die Lippen von Kutschern und Soldaten, Worte, die man für Wahrheit halten würde“, dann weiß man zwar, was damit auch in unserer Welt gemeint sein kann, aber die Erzählung ist wieder da.
Der dritte Band lässt genug lose Enden. Wohin sie führen – ich lass mich überraschen, aber ein 4. Band müsste irgendwann zwangsläufig erscheinen.