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Kundenrezensionen

4,1 von 5 Sternen
16
'Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne': Tagebücher 1939-1945
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
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am 27. Dezember 2017
als Deutscher. F. Kellner beweist jedem, der es wissen will, dass jeder Deutsche alles hätte sehen und wissen können. Die Propaganda der Nazis hat um wenig ein Geheimniss gemacht, denn die Nazis wollten ja gerade ein stillschweigendes Einverständniss für ihre Verbrechen. Ein bisschen hat das Buch mir Angst gemacht, wie verblendet Menschen sein können und zugleich auch Mut, wie man sich auch bei aller Lüge und Blödheit der Mitmenschen und Wegschauen, noch seinen klaren Verstand erhalten kann. Friedrich Keller hat aufgeschrieben, wie das geht und wie schwer (und gefährlich) es ist - absolut lesenswert.
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am 11. März 2014
Ein beeindruckendes Zeitdokument, sorgfältig bearbeitet und kommentiert.

Dass in der Tagebuchform die "Handlung" nicht immer so flüssig voranschreitet wie in einem Roman ist selbstverständlich. Aber warum müssen die Fußnoten zu allen Kapiteln ganz am Ende von Band 2 versammelt sein? So muss man, wenn man sich für die Fußnoten interessiert, ständig beide Bände zur Hand haben - das ist sehr unhandlich, und macht das Lesen unnötig mühsam. Schade.
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am 26. April 2012
Das Buch wurde eigentlich von kompetenter Seite nach Erscheinen vielfach rezensiert. Es enthält Tagebuchaufzeichnungen eines intelligenten Nazigegners (Sozialdemokrat), der sich vom Naziregime weder seinen Verstand noch seine Mitmenschlichkeit abkaufen ließ. Insofern weckt die Person des Verfassers Sympathie und Respekt. Das Buch widerlegt die Legende der alten Nazis, dass "alle"
hätten "mitmachen" müssen. Aufregend ist die Auseinandersetzung des Verfassers mit der Nazipropaganda. Mit schneidender Schärfe erkennt er die Lügen über Judendeportationen und über den Kriegsverlauf. Er versteht, die Wahrheit hinter dem Schleier der Lügen zu sehen.
Somit weist das Buch über den historischen Anlass hinaus auf den allgemein notwendigen Kampf um die Wahrheit hin.
ES handelt sich um ein äußerst notwendiges und lehrreiches Buch, für dessen Herausgabe man dem Verlag und den Bearbeitern dankbar sein muss.
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am 23. Juli 2015
Nachdem ich die beiden Bände voller Faszination und Begeisterung zu Ende gelesen habe, fiel mir heute ein Büchlein in die Hand: Solschenizyn – Nobelpreisrede (russisch und deutsch) dtv April 1974 (17.-32. Tausend). Dort heißt es Seite 65,67:

<Jeder, der die Gewalt zu seiner METHODE gemacht hat, muß zwangsläufig die Lüge zu seinem PRINZIP erwählen.>

Hier kann man meiner Ansicht nach bedenkenlos Hitler, seine SA, seine SS seine Gestapo und seinen Propagandaminister samt Propagandaministerium einsetzen. Und weiter:

<Die Gewalt wirkt im Augenblick der Geburt offen erkennbar, und sie tut es sogar mit Stolz. Aber sobald sie sich durchgesetzt hat, fühlt sie die Luft um sich dünner werden und kann nicht anders weiterbestehen als vernebelt durch die Lüge und verdeckt von deren Schönrederei. Sie würgt nicht immer, nicht unbedingt einfach die Kehle, öfter fordert sie von den Unterworfenen nur den Treueschwur auf die Lüge, nur die Teilnahme an der Lüge.>

Und nun kommt Friedrich Kellner ins Spiel:

<Es ist der einfache Schritt eines einfachen tapferen Mannes: sich nicht an der Lüge zu beteiligen, keine verlogenen Handlungen zu unterstützen! „Mag DIES alles sich in der Welt ausbreiten, etwa gar die Welt beherrschen – aber nicht durch mich.“ >

Jetzt geht es aber noch weiter mit Friedrich Kellner:

<Doch dem Schriftsteller und Künstler ist mehr erreichbar: DER SIEG ÜBER DIE LÜGE! Schon immer hat die Kunst im Kampf mit der Lüge gesiegt, und sie wird immer siegen – sichtbar, überzeugend für alle.>

Und genau dies ist meiner Ansicht nach die Stärke des Werkes von Friedrich Kellner, seine meisterhafte Darstellung und Beweisführung des Lebens im 3. Reich: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“. Was für ein tolles Ereignis, daß diese Tagebücher endlich – und auch noch auf diese hervorragend wissenschaftlich editierte Weise - veröffentlicht wurden! (Wem alles dafür zu danken ist, und was für ein langer Weg dorthin es war, kann man in den Nachworten im 2. Band nachlesen.)
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am 6. März 2016
Bis Dato habe ich nur Band 2 meiner Bestellung erhalten. Band 1 scheint auf dem Postweg verloren gegangen zu sein. Kann passieren,
Hatte auch recht guten Kontakt mit dem Verkäufer. Als ich allerdings nach der vereinbarten Zeit wieder Kontakt aufnahm um mit zu teilen, dass nichts weiter angekommen ist und ob es eine Möglichkeit gäbe dennoch zu Band 1 zu gelangen habe ich nichts mehr gehört. Kann sein, dass man mir inzwischen mein Geld zurück überwiesen hat, das kann ich zur Zeit leider nicht nachprüfen, aber ich hätte doch gerne eine Antwort auf meine Anfrage.
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am 25. August 2012
Ich habe mich lange gefragt, ob man ein Tagebuch überhaupt rezensieren kann. Aber da dieses Tagebuch ja zur Veröffentlichung vorgesehen war und ja nun auch in einer umfangreichen Edition veröffentlicht wurde, erscheint mir eine Rezension doch zulässig.

Leider ist diese Edition wenig ergiebig - gerade im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Quellen wie den Tagebüchern von Viktor Klemperer oder der Tagebuchzusammenstellung "Echolot" von Walter Kempowski. Das liegt zum einen an Schwächen des Textes selbst, zum Teil an Schwächen der Herausgeber.

Die Schwächen des Textes liegen darin, dass man eigentlich recht wenig aus der Umgebung des Autors erfährt. Denn das ist ja gerade das Spannende: die Frage, wie die Kriegsereignisse auf die Menschen wirken, was sie denken, was sie sagen. Oder was man wann wusste über die sich ankündigenden Feldzüge, die Vernichtung von Geisteskranken oder Juden. Das kommt natürlich auch vor, ist aber vergleichsweise wenig. Vielleicht 20 Prozent des Gesamttextes.

Dafür füllt der Autor das Buch mit drei weiteren "Textarten". Die erste besteht aus ellenlangen Beschimpfungen seiner Gegner. Damit hat er zwar durch die Bank recht, aber wenn das auf jeder zweiten Seite liest, dass alle Nazis Verbrecher sind, dann fängt man irgendwann an, diese Teile zu überspringen.
Die nächste - ebenfalls weitgehend überflüssige - Textart sind seine ebenso ellenlangen Betrachtungen über den Krieg. Hier erklärt er lang und breit, wie denn nun der Krieg zu führen wäre und was die Nazis (oder je nachdem die Gegenseite) in seinen Augen gerade richtig oder falsch machen. Kellner selbst beklagt sich in seinen Tagebüchern regelmäßig über "Bierzeltstrategen", die den anderen den Krieg erklären wollen. Er macht es leider nicht viel besser.
Das dritte sind die eingeklebten Presseartikel und seine Kommentare dazu. Das ist nun nicht uninteressant, wenn er darstellt, wie bestimmte Pressestimmen sich über die Zeit ändern oder wie er einzelne Presseartikel versteht. Darin liegt durchaus eine Stärke seines Textes.

Diese dargestellten Schwächen des Tagebuchs werden leider durch die unkritischen Herausgeber nicht behoben - konkret: hier hätte in vielen Teilen deutlich gestrichen werden können und müssen.

Schlimmer noch: die Ausgabe verärgert durch seine Fußnoten. Nichts gegen erläuternde Fußnoten, aber zunächst stolpert man darüber, dass es einmal Fußnoten gibt und dann noch einmal Erläuterungen. Die Fußnoten sind auf der jeweiligen Textseite, die Erläuterungen hingegen am Ende des zweiten Bandes! Wenn mal also wissen will, was die Erläuterung auf Seite 23 im Band 1 ist, dann muss man erst mal Band 2 aufschlagen. Zudem ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum bestimmte Dinge in die Fußnoten kommen, andere hingegen in die Erläuterungen. Ein System konnte ich hier nicht erkennen.
Ärgerlich ist auch, dass absolute Banalitäten erläutert werden. Hat Kellner z.B. in seinem Text Streichungen vorgenommen, so wird anscheinend jede einzelne Streichung in den Erläuterungen behandelt. Das mag an ganz wenigen Stellen sinnvoll sein, aber an den meisten Stellen ist dies schlicht überflüssig. Ebenfalls wird jedes Zitat eines Klassikers, das Kellner verwendet, erläutert. Warum? Anderes Beispiel: Auf einer Seite wird allen Ernstes erläutert, dass die Bezeichnung "Heuochse" für einen Nazi ein Schimpfwort sei. Ehrlich wahr? Wäre ich jetzt nicht drauf gekommen.

Insgesamt gesehen: Durchaus ein interessanter Text mit einigen Stärken. Aber weniger wäre mehr gewesen. Eine kritischere Herausgabe und eine deutliche Straffung wäre dem Text und den Lesern gut bekommen.
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am 15. Mai 2012
Seit Weihnachten lese ich an diesem Buch. Da ich (Mai) immer noch nicht fertig bin, sieht man, dass ich zum Einen noch zwischendurch andere Bücher lese. Und zum anderen das es eben keine leichte Lektüre ist.
Diese Buch liest man nicht mal so zwischendurch. Dafür ist de Thematik aber auch unpassend.
Und bei mir gehen auch immer wieder die Gedanken in der Richtung: "Hatten meine Großeltern auch diese Informationen?" "Was haben die anderen gemacht."
Ganz oft aber auch: "Wow, es war also manches wirklich (vorher-)sehbar."
Es ist nach meiner Meinung ein tolles Buch und fast unglaublich, dass wenn ein Einzelner soviel Informationen haben konnte das 3. Reich trotzdem so lange mit relativ wenig Widerstand überleben konnte.
Manchmal habe ich auch den Gedanken bekommen: Zum Glück haben die Alliierten gewonnen denn ein Leben wie der Autor beschreibt im täglichen Leben wäre furchtbar.
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am 11. April 2012
Als Nachsatz zu den anderen Rezensionen:
Ich meine, man sollte hier den dokumentarischen Wert und den literarischen Wert voneinander trennen. Wie es in dem Vorwort steht: "Nicht immer wird einem Friedrich Kellner dabei sympathisch sein..." So ist es. Manchmal, wie auch von anderem hier bemerkt, versteigert er sich zu vergleichbaren gewalttätigen Emotionen und Gedanken (aber nicht Taten!!) seinem Mitmenschen gegenüber, wie von dem Nazipropaganda selbst an den Tag gelegt. Das will ich nicht entschuldigen, und manchmal finde ich es persönlich ziemlich nervig oder peinlich. Und Kellner ist immer wieder (jedoch längst nicht immer!) selbstgefällig und/oder selbstgerecht in seinen Urteilen. Allerdings ist dies, aus dem Zeit- und Kulturkontext heraus, nicht ganz überraschend. Wenn man bedenkt, wie lange der Mann auf ziemlich alleinigen Posten stand (natürlich auch ohne wirklich zu wissen, wie die ganze Geschichte ausgehen würde - vielleicht doch mit einem Sieg der Nazis...), dann ist es zumindest nachvollziehbar, dass er sich innerlich immer wieder 'aufputschen' musste. Besser das, als vollkommen zu resignieren. Es ist klar, dass Herr Kellner kein Heiliger war, sondern ein normaler Mensch mit ein paar deutlichen Ecken und Kanten. Gerade auf dieser Basis - als 'normaler' Deutscher eben - wird das Buch noch beeindruckender. Ich finde den Mann richtig in Ordnung.

Daher gebe ich dem Buch und dem Herrn Kellner fünf Sterne. Nicht für seinen literarischen Stil oder für seine feine Sensibilität - sondern für das, was er uns als unabhängiger und sehr scharfdenkender Zeitzeuge auch noch heute gibt. Dieses Werk ist wichtig für ein besseres Verständnis der Nazizeit und auch wichtig für die Gegenwart und die Zukunft.
Danke, Herr Kellner!
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HALL OF FAMETOP 500 REZENSENTam 11. August 2011
"Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne! Man muss an den Menschen verzweifeln" - dieses vernichtende Urteil schrieb bereits im September 1938 der Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner (1885-1970) in sein gerade begonnenes Tagebuch, das er fast sieben Jahre heimlich führte. Was der 41jährige Sozialdemokrat vor dem Kriegsausbruch und später aufschrieb, darauf stand die Todesstrafe. Jeden Moment hätten seine Aufzeichnungen entdeckt werden können und Kellner hätte wahrscheinlich auf dem Schafott geendet. Immerhin wurde er bespitzelt und mehrfach bedroht, nur mit Glück entging er einer beabsichtigten KZ-Einweisung.

Von Anfang an begegnete Kellner dem NS-Regime mit Ablehnung und Abscheu. Seit 1933 war er Justizinspektor im oberhessischen Laubach, trotzdem verfolgte er aufmerk-sam und misstrauisch die Politik des Nazi-Regimes. Er wollte der Nachwelt ein Zeugnis ablegen von der gedankenlosen Unterwürfigkeit seiner Zeitgenossen.

Während des Zweiten Weltkrieges füllte Kellner zehn Notizbücher, fast 900 Seiten. Fast täglich äußerte er darin seine Kritik am NS-Regime und dokumentierte akribisch die vielen kleinen und großen Verbrechen der Faschisten bis hin zum Vernichtungsprogramm an der jüdischen Bevölkerung.

Im Gegensatz zur Mehrheit der "Volksgenossen" durchschaute er die hohlen Propagandaphrasen der Naziideologie. Besonders die Euphorie im Zuge der anfänglichen militärischen Erfolge der Blitzkriege geißelte er und erkannte mit bewundernswerter Weitsicht die künftige Niederschlagung Deutschlands. Aus den ihm (und eigentlich jedem Normalbürger) zur Verfügung stehenden Informationen wie Zeitungsberichten, Nachrichtenmeldungen usw. zog er seine messerscharfen Analysen. So klebte er zahlreiche Zeitungsausschnitte in seine Aufzeichnungen ein und kommentierte sie mit wachem Geist und einfacher Sprache.

In diesen Tagebüchern trifft das Weltgeschehen während der Kriegsjahre auf das tägliche Leben in Dritten Reich, denn immer wieder hielt Kellner die Stimmungslage seiner Landsleute fest. Dabei machte er die vielen kleinen Veränderungen im Alltag sichtbar und stellte stets die Frage: Warum sehen die anderen den Weg in den Untergang nicht?

Nach Kriegsende zog sich Kellner enttäuscht zurück. Für ihn arbeitete der neue Staat die Nazi-Vergangenheit viel zu wenig auf. Die neuen Bundesbürger wollten nicht mehr daran erinnert werden. Das bewog Kellner fast zum Verbrennen seiner Tagebücher.

Durch einen glücklichen Umstand gelangten neun Notizbücher in den Besitz eines Enkels (Robert Martin Scott Kellner) aus den USA, der sich für die Aufzeichnungen seines Großvaters interessierte. Diese wurden 2005 mit Fotos und Erinnerungsstücken in den USA zum 60. Jahrestag des Kriegsende ausgestellt. Dadurch wurde man auch in Deutschland auf dieses außergewöhnliche Zeitdokument aufmerksam. Gießener Wissenschaftlern gelang dann sogar, den fehlenden zehnten Band bei einem langjährigen Bekannten Kellners ausfindig zu machen.

Die nun im Göttinger Wallstein Verlag vorliegende Edition gibt den handschriftlichen Text Kellners sowie den Text der Zeitungsausschnitte wieder. Ziel der zweibändigen Edition im Schober war eine lesbare Ausgabe. Um dem Leser jedoch auch eine Vorstellung von den Originalaufzeichnungen zu vermitteln, wurden zahlreiche Abbildungen von den Tagebuchseiten mit aufgenommen.

Ein recht ausführlicher Anhang bringt auf ca. 80 Seiten erläuternde Anmerkungen zu Kellners Aufzeichnungen. Darüber hinaus gibt sein Enkel in einem biografischen Bericht Auskunft über das Leben seines Großvaters, ergänzt mit vielen Familienfotos. Bemerkungen zur Edition und zum Sprachgebrauch Friedrich Kellners sowie ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis komplettieren dieses einmalige Zeitdokument.

Manfred Orlick
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TOP 500 REZENSENTam 30. Juli 2011
Victor Klemperer schrieb in seinem Buch über die Sprache des Dritten Reiches: "Worte können wie winzige Arsendosen sein; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da." Nahezu alle scheinen damals diese Giftdosen bedenkenlos geschluckt zu haben. Sie haben sich eingereiht in einen Sieges- und Heldenrausch ohnegleichen. Nicht so Friedrich Kellner. Auf der Rückseite dieses Buches sagt er: "In der Gegenwart konnte ich damals die Nazis nicht bekämpfen, also entschloss ich mich, sie in der Zukunft mit diesem Tagebuch zu bekämpfen, um künftigen Generationen eine Waffe gegen jede Wiederholung solcher Untaten zu geben."

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die man befragen könnte. Alle früher zu dieser Sache Angesprochenen waren merkwürdig ruhig und verschlossen, verwiesen immer wieder auf die Erfolge einer Partei (Stichworte Abbau von Arbeitslosigkeit, Autobahnen), deren Umtriebe Kellner als erklärter SPD-Anhänger auf ihren Grund zurückbrachte, die er als eine Mischung aus niederträchtiger Propaganda und einer zu großen Führergläubigkeit des Volkes ausmachte. Dieses Buch beweist, dass man mit etwas Nachdenken schon damals hätte sehen können, was gespielt wird. Am 26. September 1938 schreibt Kellner: "Der Sinn dieser Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein großes Geschehen daraus zu konstruieren." Er beschreibt genau und hält schon im September 38 fest, dass niemand begeistert war, zur Armee gehen zu müssen. "Die Mannschaften befanden sich durchwegs in gedrückter Stimmung." Im gleichen Abschnitt analysiert er: "Es tut mir leid feststellen zu müssen, dass das primitive Denken des deutschen Volkes einen Grad erreicht hat, der schlechterdings nicht mehr zu überbieten ist. Das ist dein Werk, Propagandaminister! Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne. Man muss an den Menschen verzweifeln."

Die Mischung aus aktuellen Nachrichten der Weltpolitik mit dem Alltag der Menschen in Laubach, die dazwischen geflochtenen Erklärungen von Friedrich Kellner, es ist ein Mix, der einfach besticht. Er schreibt am 6. Oktober 39: "Warum muss denn immer in so furchtbarer Weise mit der anderen Welt gesprochen werden? Die Angst hütet den Wald, das war das Rezept für das Innere Deutschlands. Man kann aber doch nicht erwarten, dass Staaten wie England und Frankreich einfach vor unserem lauten Geschrei in ein Mauseloch kriechen." Er beschreibt die Situation im Fleischladen, in dem eine alte Jüdin einkaufen will, aber nichts mehr bekommt. "Abgrundtiefe Gemeinheit und erbärmlich Feigheit! Herr R. (der Metzger), sie werden ihren Lohn erhalten."

Friedich Kellner analysiert die Vorteile des Nachfolgens: "Es ist ja so bezaubernd schön, wenn der Führer aber auch rein alles für die denkfaule Menschheit erledigt. Der Führer macht es schon richtig, war ein geläufiges Sprüchelchen. Oder wie ein bedauernswerter Zeitgenosse einmal zu mir sagte: Machen Sie sich nur keine Gedanken, das wird schon alles geregelt." Kellner sieht nach 7 Jahren Naziherrschaft, dass in den wesentlichen Stellen "Gaukler, Blender, Bonzen und Postenjäger" aufgerückt sind. "Der Terror ist Trumpf. Gemeine, brutale Unterdrückungsmethoden gelten als geheiligte Gesetze. Alte Kämpfer sind Heilige. Vom Gauleiter aufwärts gibt es nur Heilige."

Friedrich Kellner listet die 18 Kardinalfehler des Unterdrückungssystems auf, z.B.

1) Zwangsgruß
2) Die Spaltung des Volkes in Parteigenossen und Volksgenossen
3) Unterdrückung jeder freien Meinungsäußerung
7) Verfolgung und Ausrottung der Juden
11) Grausame Ämterwirtschaft

Hier schreibt jemand, der das Kampf-Buch des AH wirklich gelesen, der verstanden hat, was dem deutschen Volk blüht. Er hört in Wartezimmern mit und schüttelt ob der infantilen Siegeszuversicht der Menschen, ja ihrer kompletten Ahungslosigkeit den Kopf. Unglaublich, die Nachrichten, die man nach-lesen kann z.B. über Todesurteile an jenen, die diese Siegeszuversicht durch laute Zweifel gestört haben.

Er sieht im deutschen Militarismus eine der wesentlichen Krankheiten überhaupt und vermerkt zum Geburtstag eines Generalleutnants aus dem 1. WK am 22.11.1942: "Seit 70 Jahren hält dieser Generalleutnant Fett immer noch keine Ruhe. Im Kriegerverband wird der militärische Geist gepflegt und wachgehalten. Diese Kriegerverbände sind die Brutstätten künftiger Kriege. Augen auf nach diesem Kriege!" Als Schwabe, der in Vahingen geboren wurde, schreibt er: "Alles, was die Nazis wünschen, das glauben sie hartnäckig. <Da kanscht nix mache> sagt der Schwabe."

Zum Tod eines 19-jährigen Kompanieführers bzw. dessen Todesanzeige (auf Seite 551 abgedruckt) analysiert Kellner: "Mit 19 Jahren Kompagnieführer. Als Minderjähriger Vorgesetzter von Volljährigen. Das gibt zu schwerwiegenden Bedenken Anlass. Nur noch Kanonenfutter? Sonst nichts mehr? Liebes Vaterland, höre auf! Ich meine es gut mit Dir!"

Am 7. Mai 45 summiert Kellner die in die Zukunft wirkenden Schandtaten des 3. Reiches: "Die Auswüchse Adolf Hitlers und seiner ihm ergebenen Banditen werden bis in die fernsten Zeiten als leuchtende Warnsignale in dem Geschichtsbuch der Menschheit bestehen bleiben. Auch einen Höchtleistung!" Gleichzeitig lehnt er eine Kollektivschuld des deutschen Volkes für die beganenen Untaten ab, ebenso wie man dem amerikanischen Volk nicht vorwerfen könne, dass Einzelne schwarze Mitmenschen gelyncht haben.

Man fragt sich nach dem Lesen dieser über 1000 Seiten, woher Friedrich Kellner (seine Vorfahren waren Metzger und Gerber) eine so entschlossene, klare Kraft und vor allem intellektuelle Schärfe herbezieht. Im biografischen Bericht seines Enkels ab Seite 1027 wird darauf eine Antwort gegeben: "Friedrich wurde von einem Gerechtigkeitssinn getrieben, den sein Vater ihm eingepflanzt hatte." (S. 1028) Er organisierte als Sozialdemokrat in Mainz Demonstrationen, in denen er das Buch von AH hochhielt und rief: "Gutenberg, deine Druckerpresse ist durch dieses böse Buch verletzt worden." Die Tagebücher wurden durch einen Enkel Kellners herausgegeben ( wurde Literaturprofessor in den USA) und alleine diese Entwicklung (Entdeckung der Tagebücher) ist lesenswert. Das persönliche Schicksal Friedrich Kellners (er schickt seinen Sohn Mitte der 30er nach USA), die Wirrungen des Sohnes und die Entdeckung des Enkels sind ein Stück bewegender deutscher Geschichte.

Ein wirklich hervorragendes Buch mit umfassenden Erklärungen, Verzeichnissen, Literaturlisten und einem Inhalt, der mich wirklich zutiefst beeindruckt hat. Unbedingt lesen! Noch nie war mir der Alltag in den 30/40-ern so erschreckend nah und nachvollziehbar.
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