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Kundenrezensionen

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am 30. Januar 2012
Chemda Horowitz liegt im Sterben. Über achtzig Jahre alt, befindet sie sich in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen in einem Krankenhaus in ihrer Stadt in Israel. Sie denkt über ihr Leben nach. Ihre Kindheit, die sie als spät sich entwickelndes Kind in einem Kibbuz verbrachte, ihren Vater, der sie zum Laufen regelrecht zwang, an ihre Ehe und vor allem immer wieder an ihre beiden Kinder. Chemdas "Rest des Lebens" ist knapp bemessen und sie nutzt ihn, indem sie nachdenkt.

Auch ihre beiden schon lange erwachsenen Kinder plagen sich nicht nur mit dem Gedanken an das zu Ende gehende Leben ihrer geliebten Mutter, sondern sie haben beide unabhängig voneinander erhebliche Problem mit ihrem eigenen. Avner ist ein ehemals sehr erfolgreicher Anwalt, der immer wieder Mandate von palästinensischen Bürgern annimmt und versucht, ihnen gegen eine übermächtige israelische Besatzungsmacht zu ihrem Recht zu verhelfen. Doch in den letzten Jahren kann er nicht mehr viel erreichen. Da auch seine Ehe an einen kritischen Punkt gekommen ist, befindet er sich mitten in einer ernsten Lebenskrise, als er im Krankenhaus seiner Mutter zwei Menschen beobachtet, eine Frau und einen Mann. Der Mann liegt im Sterben und die Frau spricht sehr liebevoll mit ihm. Avner erscheint dies als Sinnbild für das, was in seinem eigenen Leben fehlt, und er versucht nun in der Folge, der Geschichte des zwischenzeitlich verstorbenen Mannes nachzuforschen und vor allen Dingen dieser Frau nahezukommen. Er ist ihr regelrecht verfallen, doch sie erwidert seine Liebe nicht.

Dina, die Tochter von Chemda Horowitz, hat Probleme eigener, weiblicher Art. Ihr Mann Gideon hat lange Jahre hindurch ihren Wunsch nach einem zweiten Kind abgelehnt und nun, da die gemeinsame Tochter Nizan in der Pubertät sich von ihrer Mutter löst, fällt Dina in ein tiefes Loch. Sie glaubt es schließen zu müssen, indem sie ein Kind adoptiert. Dafür unter nimmt sie die unmöglichsten Anstrengungen und gibt sie auch bis zum überraschenden Ende des Buches nicht auf.

Was hier so klingt wie ein Roman über die Midlifekrisen zweier Menschen und ihre Familien, ist aber viel mehr. Wie in ihren früheren Romanen auch, geht es Zeruya Shalev nicht nur um das Innenleben der Menschen, die sie beschreibt, sondern es geht ihr auch immer um das Land, indem sie leben. Es geht um Israel, seine Geschichte und schwierige Gegenwart. Und so erfahren wir viel über die Welt des Kibbuz, über die Ideologie der Staatsgründer, wir erfahren etwas über die aktuelle politische Situation.

Das, was den einzelnen Menschen geschieht, wie sie versuchen, die Frage, was sie mit dem "Rest des Lebens" anfangen sollen, wie sie ihrem Leben einen Sinn geben und positive Perspektiven für ihre Zukunft entwickeln können - in dem scheint zwischen den Zeilen auch immer die Frage durch, wie es mit diesem zerrissenen und gebeutelten Land weitergehen soll, das gedacht war als Zuflucht für alle verfolgten Juden, als ein Land, in dem die Gerechtigkeit wachsen kann.

Sie tut es, indem sie ihre Protagonisten zu den Anfängen zurückkehren lässt. Beide, Avner und Dina, sitzen immer wieder getrennt und auch zusammen am Sterbebett ihrer Mutter Chemda und irgendwann, Chemda ist vom Krankenhaus nach Hause verlegt worden und wird von eine Pflegerin betreut, ziehen beide sogar wieder bei der Mutter ein, als die Konflikte in den beiden Ehen zu groß werden. Dina formuliert an einer Stelle:
"Die Zeit verspottet ihre Kinder, ist es nicht lächerlich, in der Mitte des Lebens, zum ersten Mal die Existenz der Ursprungsfamilie zu spüren?"

Und auch Avner lässt sie an einer Stelle einen Satz sagen, der für den israelischen Staat genauso Geltung hat wie für Avners Familie: "Kann man gegen die Angst kämpfen, ohne Angst zu erzeugen? Kann man sich schützen ohne anzugreifen?"

Shalevs Sprache ist mächtig. Lange Sätze baut sie, setzt viele Kommata, will gar nicht zum Ende kommen. Sie wechselt wie spielerisch die Zeitebenen und die Sphären von Traum und Wirklichkeit. Doch schnell hat man sich an diesen faszinierenden Stil gewöhnt, und liest sich wie mit angehaltenem Atem durch einen Roman, der mich jedenfalls gefesselt hat bis zu seinem Ende.
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am 28. Februar 2012
Über einen Roman von Zeruya Shalev zu meckern, ist meckern auf verdammt hohem Niveau. Die Autorin ist eine begnadete Stilistin, die packende und ganz und gar ungewöhnliche Bilder für seelische Zustände, aber auch für Körperlichkeit findet, und unter einer Schicht der individuellen Geschichte ganz viel ort- und zeitlose Wahrheiten bloßlegt, in diesem Fall über die entttäuschten Erwartungen, Wünsche, Sehnsüchte zwischen Eltern und Kindern, und das über mehrere Generationen. Dass dabei wenig an äußerer Action passiert, ist kein Fehler - auch in "Späte Familie" passiert "nur", dass eine Frau sich trennt, sich mit einem neuen Partner zusammentut und die Patchworkfamilie auch wieder vom Scheitern bedroht ist. Hier, ganz kurz: Alte Mutter liegt im Sterben, erwachsene Kinder hadern mit ihren Ehen und Lebenssituationen, Frau in Wechseljahren mit Teenagertochter möchte noch ein Kleinkind adoptieren. Das reicht durchaus für viele 100 Seiten.
Warum ich aber trotzdem nur vier statt fünf Sternen geben würde, geht in eine ähnliche Richtung wie eine andere Rezension hier: Ich finde das alles doch sehr trist, was möglicherweise sogar realistisch sein mag, aber dadurch beim Lesen auch irgendwann eintönig wird. Alle Figuren sind gleichermaßen unglücklich und enttäuscht von Eltern, Partnern, dem ersten Liebhaber, sehnen sich nach Neuanfängen, erleben wenige hoffnungsvolle Momente. Das ist nicht nur deprimierend, ich finde es auch nicht besonders gut komponiert. Es hätte für meinen Geschmack noch eine andere Farbe gebracht im Graubraun, einen Kontrapunkt.
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Auf der Leipziger Messe war mein Highlight das Interview mit Zeruya Shalev zu ihrem neuen Buch "Für den Rest des Lebens", welches ich mir natürlich vor Ort auch gleich zulegen musste.

Shalevs vorhergehende Werke "Mann und Frau", in der es um eine Trennung eines Paares nach vielen Jahren geht; "Liebesleben", worin die Autorin die obsessive Liebe einer jungen Frau zu einem wesentlich älteren Mann beschreibt und "Späte Familie", die Geschichte einer sich neu findenden Patchwork-Familie haben mich alle begeistert und so kann man mich getrost als Fan der israelischen Star-Autorin bezeichnen.

Umso gespannter war ich auf ihren neuen Roman und bin nicht enttäuscht worden. Die Geschichte vereint die Geschichte dreier Familienmitglieder: der Mutter Chemda, die dem Ende ihres Lebens entgegen sieht und dieses Revue passieren läßt und versucht, ihren Frieden mit dessen Verlauf, den sie lange Zeit in einem Kibbuz verbrachte, zu finden. Der zweite Hauptdarsteller ist Chemdas Sohn Avner, den sie mehr liebte als ihre Tochter Dina, die Dritte im Bunde.

Avner hadert mit seinem Leben. Obwohl er als erfolgreicher Anwalt für Menschenrechte arbeitet und eine Familie mit zwei Söhnen hat, ist er zutiefst unzufrieden, möchte ausbrechen aus einer lieblosen Ehe, die er viel zu früh eingegangen ist. Er möchte am Ende seines Lebens mit Liebe aus demselben scheiden, so wie er es am Nachbarbett seiner kranken Mutter im Krankenhaus bei einem Paar erleben durfte. Er verliebt sich in die zurückbleibende Geliebte des Sterbenden, sie ist für ihn aber unerreichbar.

Dina ist die ungeliebte Tochter und liebt vielleicht deshalb ihre einzige eigene Tochter umso mehr. Weil sie deren Zwilling noch vor der Geburt verlor und weil die Tochter sich im pubertären Alter immer mehr von ihr entfernt, entsteht bei ihr der unausweichliche Wunsch nach einem weiteren Kind. Und da sie bereits in dem Alter ist, wo ihr eigene Kinder nicht mehr vergönnt sind, möchte sie ein fremdes Kind adoptieren. Mit diesem Wunsch stößt sie jedoch auf steinharten Widerstand bei ihrem Mann und zuerst auch bei der Tochter.

Zeruya Shalev zeigt in allen drei Mitgliedern die tiefe Verbundenheit mit der eigenen Familie, egal, ob man versucht, die Verbindung zu kappen, egal wie enttäuscht man manchmal ist. Am Ende ist diese Verbindung stärker als alles Andere und hilft über Krisen hinweg.

Wie tief blickt die Autorin in die Seelen ihren Figuren, macht Unverständliches verständlich. Ich bewundere dieses psychologische Einfühlungsvermögen und staune, wie Shalev es in all ihren Büchern schafft, den Kern menschlichen Handels zu erspüren. Als Leser findet man sich in allen Personen wieder: im Zweifel, in der Hoffnung, im Hadern und in der Emanzipation. Ich trage all dies in irgendeiner Form selbst in mir, kenne Situationen, in denen ich ähnlich empfunden oder gedacht habe. Und daraus entsteht eine tiefe Verbundenheit mit den Figuren, die einen auch lange nach Beenden der Lektüre noch nachklingen.

Ich kann allen nur wärmstens die Werke von Zheruya Shalev ans Herz legen. Wer sie noch nicht entdeckt hat - es wird Zeit.
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am 6. Februar 2012
Das das Leben kaum 'nach Plan' geht. Das im Leben vielmehr die Emotionen, die tiefliegenden, meist kaum bewussten Gefühle jene Kräfte sind, die dem Leben Veränderungen, Richtungen geben, als die 'Vernunft'. Emotionen, die auf inneren 'Programmen' beruhen, von Kindheit an geprägt. Dies beschreibt Zeruya Shalev präzise und genau in ihrem neuen Roman. Intensiv widmet sie sich dem, was in ihren Protagonisten vorgeht, zeigt ausführlich und sprachlich sehr genau ausgedrückt die manchmal taumelnde, oft widersprüchliche, immer aber leidenschaftliche Gefühlswelt ihrer Personen auf. Und ihre Verstrickung in die eigene Geschichte, die zugleich, natürlich, eine Familiengeschichte ist.

Personen, die an Scheidewegen stehen, zumindest die drei Hauptpersonen des Romans. Die Geschwister Dina und Avner stehen, beide je für sich, an diesen Scheidewegen. Dina sieht ihr bisher gewohntes Leben offenen Auges davon gehen. Die Tochter wird flügge, ihr Mann lebt seit ehedem ein stückweit zumindest in seiner eigenen Welt, zu der Dina wenig Zugang erfährt. Der bisherige Lebensinhalt trägt nicht mehr, so er je wirklich getragen hat. Ins Taumeln gerät die Frau, Mitte 40, und spürt, dass sich nun etwas ändern muss, das der Rest der Lebenszeit nicht einfach abgesessen werden kann. Aber dennoch hält sie fest an ihrem 'Programm'. Versucht mit einer fast zwanghaften Idee, das Spiel eines Familienlebens noch einmal und neu in Gang zu setzen. Vielleicht nur aus Angst vor der Leere, die droht?

Avner, ihr Bruder, leidet weniger unter zu großer Distanz, sondern eher unter einer unguten, ungesunden, zu großen Nähe seiner Frau. Einer negativen Nähe. Beständig sieht er sich im Privaten als Objekt der Kritik, abgestoßen und dennoch nicht losgelassen, aber nicht in Liebe verbunden. Immer stärker wird in ihm die Sehnsucht nach echter Verbundenheit und so macht er sich auf die Suche nach einer, nein, nach 'der Anderen'.

Dina und Avner sind allerdings nicht nur durch ihre nun anstehenden Umbrüche und nicht nur als Geschwister miteinander verbunden. Auch die Beziehung zur Mutter wird in dieser Phase ihres Lebens noch einmal eine wichtige Rolle einnehmen. Chemda, die Mutter, sieht dem Tod entgegen, der dritte anstehende 'Umbruch' im Buch, und lässt ihr Leben Revue passieren, gerade im Blick auf ihre beiden Kindern, denen sie sehr unterschiedlich gegenüberstand. Dem Sohn innig, der Tochter distanziert, ein Leben lang. Ein Verhältnis, welches, so wird im Lauf der Seiten eindrücklich und sprachlich intensiv von Shalev verdeutlicht, das Leben der Kinder Dina und Avner intensiver und nachhaltiger geprägt hat, als viel andere Erfahrungen.

Ein Leben, dass in konkreten Bezügen stattfand und stattfindet. Auch Chemda wird ihre Prägung im buch offen legen durch das Land Israel an sich und die besonderen Umstände der Lebensweise im Land.

Wechselnd aus den Perspektiven ihrer drei Hauptpersonen und in vielen Rückgriffen auf die Geschichte der Personen erzählt Zeruya Shalev ihre Geschichte vom Suchen, Finden und Verlieren, von Zerrissenheit und Hoffnungen, von Nähe und Distanz. Eine Geschichte, in der sich die Frage nach dem 'Ist' des Lebens und dem Wunsch nach einem anderen Leben aneinander reiben. Eine Geschichte, in der sich aber auch große Bögen schließen, in der eine Nähe zur Mutter, eine 'gesündere' und versöhnlichere Nähe beider Kinder sich langsam einzustellen scheint.

In ganz besonderer, teils fast mäandernder Sprache (die gewöhnungsbedürftig ist) erzählt Zeruya Shalev diese Familiengeschichte, die in erster Linie wie ein Psychogramm die Protagonisten seziert und vor den Augen des Leser all jene kleinen und großen Linien offen legt, die ein Leben prägen ohne dass dies einem immer klar und bewusst wäre. Und Shalev erzählt von der Notwendigkeit, den Bogen im Leben zu schließen, um damit Altes, Ungesundes hinter sich lassen zu können, trotz der Ungewissheit einer noch offenen Zukunft.

'Für den Rest des Lebens' ist ein intensives Buch, das lang nachhallt in seiner Frage (die sich nicht nur mit Mitte 40 im Leben stellt), wie denn der 'Rest des Lebens' aussehen soll und ob es nicht (ebenfalls nicht nur mit Mitte 40) an der Zeit ist, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und die eigenen Lebensautomatismen im Blick auf die Zukunft zu überwinden. Sprachlich durch die Neigung zu ausufernden Sätzen allerdings im Stil gewöhnungsbedürftig.
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am 30. November 2013
Die Grundidee des Romans - eine im Sterben liegende Mutter läßt ihr Leben Revue passieren, um Frieden mit sich selbst zu schließen - ist spannend und bietet ausreichend Raum, um einzelne Geschichten und das Schicksal verschiedener Familienmitglieder daran aufzuhängen. Das geht im Falle Chemda's - so ihr Name - über vier Generationen : ihre Eltern, sie selbst, ihre Kinder und die Enkeltochter. Den Rahmen dafür bildet das Nachkriegs-Israel mit einer kleinen Auswahl aus seinen leider so zahlreichen Traumata : aufbauwütige Shoa-Überlebende, kollektivgeschädigte Kibbuzkinder, gegen Ausgrenzung kämpfende Berber und Palästinenser... So weit das eher vielversprechende Setting. Es hätte sich durchaus gelohnt, dabei zu bleiben, und ein oder zwei Israel-typische Themen tiefgründiger zu beleuchten. Vielleicht die Person der Mutter, deren Abwesenheit Chemda so grundlegend geprägt hat, und die trotzdem nur eine Randfigur bleibt - wir erfahren praktisch nichts über die Hintergründe, die sie dazu bewegt haben, ihre kleine Tochter mit dem Vater im Kibbuz allein zu lassen. Oder die israelische Kindheit unter dem Stern des kollektiven Kibbuzgeist. Oder Avner's Anwaltstätigkeit für die Rechte der Araber...
Im Gegensatz dazu wird vieles nur oberflächlich gestreift - vielleicht um der Vielzahl der verschiedenen Charaktere Rechnung zu tragen ? Oder vielleicht, um der modernen israelischen Gesellschaft - die auch heute noch meilenweit davon entfernt ist - so etwas wie "Normalität" abzugwinnen ? Leider driftet jedoch der Roman, zumindest für mein Gefühl, zu sehr in Richtung Allerwelts-Midlife-Crisis ab und bedient dabei im Vorbeigehen so ziemlich alle Klichés : die verlassene Tochter, die selbst ihre Tochter vernachlässigt; der gewalttätige Vater; die ständig nörgelnde Ehefrau; das überbehütete Kind; der ungeschickte Sohn; die Torschlußpanik der Einzelkind-Mutter; der vom Seitensprung träumende Ehegeschädigte; die perfekte, aber heimliche Liebe bis zum Tod... und am Ende ein neues Kind, das alle wieder versöhnt - und Chemda's Vermächtnis gewissermaßen fortführt ? So gesehen ist die Abgrenzung zur x-beliebigen Soap-Opera nicht immer so ganz klar. Und zuviel des Guten macht das Gesamtpaket irgendwie ein bißchen langweilig und stellenweise unglaubwürdig.
Toll ist der Wechsel der Erzählerperspektive, der die Charaktere jeweils aus dem Ich-Blickwinkel, aber in der dritten Person Einzahl ausleuchtet. Das schafft eine Art Distanz und spannt einen interessanten Bogen zur sehr subjektiven und intimen Gefühlswelt, die eigentlich dargestellt wird. Es gibt Stellen, an denen man auch mal länger rätselt, um wen es eigentlich geht... und das macht Spaß.
Alles in allem trotzdem eine nette Lektüre - speziell für Psychosüchtige - der es zwar an Tiefgründigkeit fehlt, die aber im Schreibstil einiges wieder aufholt. Wer nach ergänzender Lektüre aus dem gegenwärtigen Raum Israel-Palästina sucht, dem empfehle ich meinen absoluten Favoriten : "Während die Welt schlief" von Susan Albuhawa - ein Generationendrama nach realistischer Vorlage aus der Sicht einer palästinensischen Familie.
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am 3. Februar 2012
Was tun mit dem Rest des Lebens? Alte, schmerzlich bekannte Wege gehen oder neue suchen und unbekannte Schmerzen auf sich nehmen? Diesen Fragen geht Zeruya Shalev in ihrem jüngsten Roman "Der Rest des Lebens" nach.

Drei Personen stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Mutter Chemda und ihre Kinder Dina und Avner. Chemda liegt im Sterben. Vom Pflegebett aus wandert sie durch ihr Leben. Ihre Eltern gehören zur Gründergeneration der Kibbuzim. Die Mutter selten anwesend, widmet sich dem Eintreiben von Geldern für die Kibbuzbewegung. Der Vater erzieht Chemda mit aller Härte und Strenge des Pioniers. Wärme und Anteilnahme sind Fremdwörter für Chemda. Entsprechend kühl wachsen ihre Kinder Dina und Avner auf. Erst auf ihrem Sterbebett gesteht sich Chemda ihre Einsamkeit im Kinderhaus und später in ihrer Ehe ein. Sie erkennt ihre Versäumnisse Dina und Avner gegenüber. Doch ihr bleiben nur wenige Augenblicke, die sie bei Bewusstsein ist, um ihren erwachsenen Kindern bei der Weichenstellung für deren Rest des Lebens zu helfen.

Denn erst der Rest von Chemdas Leben bringt die Geschwister auf die Idee, ihr eigenes Leben zu überdenken und neu zu gestalten. Avner und Dina sind beide verheiratet, haben Kinder, sind berufstätig und stehen für das bürgerliche Ideal von Glück und Zufriedenheit. Doch unter der Oberfläche ist alles andere als Zufriedenheit.

So sehnt sich Dina seit 16 Jahren nach dem im Mutterleib verstorbenen Zwillingsbruder ihrer Tochter. Sie wünscht sich nichts mehr als einen Sohn. Und da ihr Mann all die Jahre keine weiteren Kinder wollte, soll es nun ein Adoptivsohn sein. Das ist es, was sie vom Rest des Lebend erhofft, einem Kind all ihre Liebe zu geben. Und Avner ist als junger Mann geradezu in seine lieblose Ehe und damit in sein Unglück gestolpert. Er träumt davon, endlich eine Frau wirklich zu lieben und geliebt zu werden.

Doch Shalev kriecht nicht nur in diese drei Menschen hinein und legt ihre privaten Verletzungen und Sehnsüchte frei. Sie spürt auch den besonderen politischen Umständen Israels nach. Die Abschnitte zum Kibbuzleben klingen wie eine Abrechnung mit diesem Mythos. Einen Sohn aus dem Ausland zu adoptieren bedeutet für Israelis auch, ihn in ein Kriegsland zu bringen und für den Dienst in der Armee zu erziehen. Avner ist Menschenrechtsanwalt und streitet seit Jahrzehnten gegen Ausweisungen oder Beschlagnahmungen. Er kann zwar den einen oder anderen Erfolg verbuchen, doch seine Arbeit trägt selten Früchte für seine Mandanten. So zeichnet die Autorin ein Bild von einer Gesellschaft, die von Angst und Schrecken gelähmt und gefangen ist und sich gleichzeitig nach Liebe und Frieden sehnt.

Der Leser zittert bis zuletzt, ob Dina und Avner ihre Angst vor Veränderungen abstreifen können und den Mut für einen Neubeginn haben. Ob die israelische Gesellschaft es schafft, sich aus dem Kreislauf von Gewalt und Angst zu befreien, muss der Roman offen lassen.

Ich habe dieses Buch, wie auch seine Vorgänger, verschlungen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich auch in der Mitte des Lebens mit all seinen Fragen angekommen bin. Shalev ist erneut ein ungemein berührendes und vielschichtiges Werk gelungen. Allerdings war ich zwischendurch verunsichert, wie leicht Dina und Avner ihr altes Leben abzustreifen scheinen. Aber man soll ein Buch eben doch bis zum Ende lesen.
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am 13. März 2012
Eine Familiengeschichte: Die alte Mutter liegt im Sterben, die beiden Kinder - Anfang und Mitte 40 - setzen sich mit Ihrer Mutter, ihrem Älterwerden und ihrem bisherigen Leben auseinander. Alte Wunden reißen auf, andere werden geschlossen. Das Buch besteht aus Rückblenden, die bis in die Kindheit der alten Mutter reichen und erklären so - für mich schlüssig - warum die Charaktere so sind, wie sie sind und warum sie mit Ihren Ängsten zu kämpfen haben.
Es gibt viele Verletzungen und ungesagte Worte in der Familie, doch am Ende finden sich alle selbst als Individuum und als Familie: die alte Mutter im langersehnten Tod, die Tochter in der Erfüllung ihres späten Kinderwunsches, der Sohn in der Trennung von seiner Frau und der Beziehung zu seinen Kindern. Der Weg zu dieser Selbstfindung war für jeden schwer und einsam und trotzdem gewinnbringend für das weitere Leben. Es ist ein hoffnungsvolles Buch, das rührt und berührt.

Wie immer brilliert Zeluya Shalev nicht nur mit der Geschichte und dem Einblick in das Innere ihrer Protagonisten, sondern mit Ihrer Sprache, die ich, wie in allen ihren anderen Büchern, als atemlos und doch tiefgründig empfinde. Die Intensität dieser Atemlosigkeit ist nicht ganz so stark, wie in den anderen Büchern Shalevs, aber es passt zur Geschichte. Meine Empfehlung: unbedingt lesen, wenn man ein kluges und tiefgründiges Buch sucht, das durchaus auch Einblicke, wenn auch sparsam, in das Leben im moderenen Israel erlaubt.
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am 17. August 2012
Vorneweg: Ich bin absolut bekennender Shalev-Fan und habe all ihre Bücher (mehrmals) verschlungen. Ich liebe Shalevs Sprache, die Leidenschaft, mit der sie ihre Figuren spickt, ihr schonungsloser Blick auf die Welt und die Tiefe, die sie dabei immer wieder wie nebenbei herstellt.

Umso mehr hat mich dies Buch enttäuscht. Wenn ich bei ihren ersten drei Büchern manche Absätze nochmals gelesen habe, oftmals berührt und voller Staunen, dass sie die Dinge auf den Punkt bringt und präzise mit Sprache jongliert - so habe ich diesmal gleich mehrere Seiten überblättert und einfach nicht in die Handlung hineingefunden. Shalevs Bücher sind Innenansichten, innere Monologe, diesmal war es eine einzige Qual für mich als Leserin, den narzisstischen, obsessiven Anwandlungen ihrer Heldin zu folgen. Bei "Für den Rest des Lebens" schießt sie übers Ziel hinaus.

Da lese ich lieber zum dritten / vierten Mal: Liebesleben, Mann und Frau, Späte Familie!
Bettina Storks
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am 13. Dezember 2012
Bücher von Zeruya Shalev faszinieren - die Übersetzerin leistet eine großartige Arbeit - feinfühlig, sprachgewandt. Der Stil von Zeruya ist großartig. Nach meiner Meinung ist aber das Buch "Späte Familie" ihr bedeutendstes Werk.
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am 15. Mai 2012
Wie alle Vorgänger zeugt auch dieser Roman von Zeruya Shalev auf jeder Seite von der Klugheit und Reife der Autorin. Dieses Buch ist nichts für Leser, die Leichtigkeit oder spannende, aktionsgeladene Geschichten lieben. Es ist schwermütig und lebt vor allem von Gedanken der Protagonisten, die ihren Handlungen vorausgehen, sie begleiten oder reflektieren. Die Menschen, um die es geht, sind verletzt, sie leiden an einem Mangel an Liebe. Aber sie erdulden ihre Wunden nicht tatenlos, sondern jeder trägt am Ende des Romans seinen ganz persönlichen Sieg davon, der zunächst einmal nur darin besteht, dass dem jeweiligen Leben eine entscheidende Änderung widerfährt. Die Figuren bleiben in ihrem Leiden nicht isoliert, sondern es gelingt ihnen, sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst zu werden und auseinander Kraft und Trost zu schöpfen. Zeruya Shalev hat zum Glück keine Angst vor den ganz großen Themen: Einsamkeit, Liebe, Verlusst, Tod - all diese gewichtigen Komplexe sind die Zutaten, aus denen die meisterhafte Erzählerin Shalev ein wunderbares Menü zaubert, schwer und vollmundig zwar, aber niemals zu mächtig oder schlecht verdaulich. Ihre größte Geheimwaffe ist neben der behutsamen und lebesklugen Komposition ihrer Figuren ihre Sprache. Hier werten sich Form und Inhalt, wie die Speisen und der Wein, gegenseitig auf, das eine bleibt niemals hinter dem anderen zurück, erdrückt es jedoch auch nicht. Man muss ein bisschen Zeit mitbringen, um diesen gehaltvollen Roman zu lesen. Zu einer luftigen Urlaubslektüre taugt er nicht. Wer sich aber ganz auf die jüdische Familie einlässt, die im Zentrum der Erzählung steht, der wird belohnt durch Erkenntnisse, die vielleicht auch sehr tief in die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben eindringen.
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