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am 26. Juni 2016
Ich mag Haruki Murakami, seit ich begann fast alle seiner Geschichten zu lesen. Der Mann aus Kyoto hat eine Art zu schreiben, die mich fasziniert und in jede seiner Stories mitnimmt. Dabei haben mir nicht alle seiner Bücher gefallen. Einige haben mich tief beeindruckt, andere eher kalt gelassen. Vom handwerklichen Standpunkt eines Autors jedoch war ich immer zufrieden. Murakami beherrscht sein Handwerk perfekt.

Nach 318 Seiten -Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki- kann ich sagen: Brillant geschrieben, sehr interessant erzählt, aber leider unaufgelöst offen beendet. Für manche Geschichten sind solche Endungen ideal, bei dieser jedoch war es für mich so, als hätte der Maler beim Streichen der Wohnung einen Raum vergessen. Schade.

Die Geschichte ist schnell erzählt. In der Jugend ist die Freundschaft zwischen Ao, Aka, Shiro, Kuro und Tsukuru Tazaki scheinbar unzerstörbar fest. Doch irgendwann wird Tsukuru von den vier anderen verbannt. Warum weiß er nicht. Er fragt auch niemals nach. Tsukuru wird Ingenieur für den Bau von Bahnhöfen. Als er 16 Jahre später Sara kennenlernt, merkt diese sofort, dass mit Tsukuru etwas nicht stimmt. Als er ihr von damals erzählt, schickt Sara ihn auf eine Reise. Er soll alle vier Freunde aufsuchen und erfahren, wieso sie ihn damals ausgeschlossen haben. Tsukuru willigt ein. Er beginnt seine Vergangenheit aufzuarbeiten und stößt auf unerwartete Ergebnisse…

Sie wissen ja: Die Geschmäcker sind verschieden. Über die Reputation eines Haruki Murakami brauche ich kein Wort zu verlieren. Bei dieser Geschichte, die so unglaublich reizvoll erzählt wurde, fühlte ich mich lediglich am Ende vom Autor allein gelassen. Sie können und dürfen das völlig anders sehen. Probieren sie es einfach aus.
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Wer Glück malen möchte, braucht viel Blau: Für den weiten Himmel, das Meer und einen Hauch von Freiheit. Wer wütend ist, sieht rot. Wir werden gelb vor Neid oder ärgern uns schwarz. Farben sind untrennbar mit Gefühlen verbunden. Zehn Millionen Farbtöne kann der Mensch unterscheiden. Ein magischer Regenbogen, der sich seit Urzeiten in unserer Seele widerspiegelt. Farben sind aber auch Signale, werden weltweit verstanden und sind in ihrer Wirkung seit Jahrhunderten gleich. Dennoch interpretiert sie jede Kultur auf ihre ganz eigene Weise. In den traditionellen japanischen Handwerkskünsten zum Beispiel nehmen sie oft eine wichtige Rolle ein. Das glänzende Schwarz und erdige Rot der Lackwaren, das unergründlich tiefe Indigo-Blau von Noren (Vorhänge), der intensive Kontrast japanischer Schlösser mit ihren weißen Wänden und Renraku-gebrannten Kacheln in Anthrazit, die fein abgestimmten matt-erdigen Töne einer vermeintlich einfachen Teeschale und natürlich die immense Farbenvielfalt der prächtigen Kimono-Stoffe.

Farben spielen auch im neuen Roman Huraki Murakamis eine tragende Rolle. Fünf junge Leute zwischen sechzehn und siebzehn bilden den Kern. Alle eint eine zufällige Gemeinsamkeit: Sie tragen in ihrem Nachnamen eine Farbe. Die beiden Mädchen heißen Shirane (weiße Wurzel) und Kurono (schwarzes Feld), die Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer) und rufen sich auch in ihren Farben: Aka, Ao, Shoro und Kuro. Zudem verfügen sie jeder über ganz individuelle Eigenschaften. Shiro ist eine musisch begabte Schönheit, Kuro eine anregende, unermüdliche Leserin mit einem einmaligen Sinn für Humor, Aka ein bescheidener Schüler mit einem hervorstechenden Intellekt und Ao ein physisch markanter, geradliniger Typ und zudem ein herausragender Rugby-Spieler. Stop! Das sind erst vier! Da fehlt doch noch einer. Richtig: Tsukuru Tazaki teilt als einziger die farbliche Stofflichkeit der anderen nicht. Sein Name verweist auf keinen kolorierten Bezug. Dieser Umstand, der ihm schwer zu schaffen macht, lässt ihn glauben, dass er in allem eher mittelmäßig sei (einzig eine besondere Affinität zu Bahnhöfen ist ihm eigen). Tsukuru fühlt sich farblos, fad, unauffällig und reizlos. Um Robert Musils berühmtes Werk heranzuziehen: Er hält sich für einen Mann ohne Eigenschaften.
Ein einschneidendes Vorkommnis zerbricht die freundschaftliche, intensive Bande der fünf radikal. Ab sofort wird Tazaki von den anderen geschnitten, aus ihrem Kreis ausgestoßen. Er fällt in ein schwarzes Loch und steht kurz vor der Selbstaufgabe. Knapp zwanzig Jahre soll er seine Freunde nicht mehr sprechen und sehen. Nun, mit 36 Jahren und einer neu beginnenden, zarten Liebe zu Sara, macht er sich auf den (Pilger-)Weg in seine Vergangenheit, um die Ursache des damaligen dramatischen Zerwürfnisses herauszufinden. Vielleicht aber auch, um doch noch Farbe in sein Leben zu bringen, das die letzten Jahre nichtsagend an ihm vorbeigeglitten ist und das auch sein neuer, ebenfalls "farbiger" Freund Haida ("graues Feld") nur kurz beleben konnte. Denn dieser verschwindet ebenso mysteriös und symbolhaft wie die Vier zuvor.

Für surreale Beschreibungen von dystopischen Welten ist Haruki Murakami schon lange bekannt. Gefühlsmäßig verarmte und vereinsamte Menschen, mitunter Gewalt, Paralleluniversen, deren Grenzen zur realen Welt fließend und daher von dieser kaum zu unterscheiden sind, durchziehen das gesamte Oeuvre des japanischen Autors. Sein neuestes Werk allerdings bildet hierbei eine Ausnahme. Das Surreale hält sich dezent zurück, auch wenn es einige schwer greifbare Situationen gibt. Der mysteriöse Herr Midorigawa ("grüner Fluss") zum Beispiel, der die ganz individuellen Farben eines jeden Menschen sehen kann, dafür aber bald sterben wird, die in Formaldehyd eingelegten, kleinen, 6.!! Finger eines Menschen oder diverse andere vage angedeutete symbolische Botschaften. Zudem durchlebt sein Protagonist zeitweise wirre (Wach-)Träume an der Grenze zum Übergang in ein anderes Bewusstsein. Aber auf mystische Wesen wie die nächtens aus dem Maul einer toten Ziege steigenden und aus imaginären Fäden eine "Puppe aus Luft" spinnenden "Little People" ("IQ84") oder sprechende Schatten und mysteriöse Einhörner ("Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt") wird der Leser vergeblich warten. Dies könnte die Murakami-Fan-Gemeinde vielleicht enttäuschen, wie die sehr gespaltenen Meinungen auf dem japanischen Buchmarkt, wo das Buch bereits im Frühjahr 2013 erschien, aufzeigen.

Warum gefällt mir der Roman trotzdem ausgesprochen gut?
Die Stilistik ist es jedenfalls nicht. Mit seinem lapidar-kühlen Duktus und einfachem Satzaufbau zählt Murakami nicht zu den Sprachkünstlern. Bei ihm liegt die Finesse im Detail: im formalen Handlungsaufbau, in seiner gewieften Erzählweise, in der strukturellen Melange unterschiedlicher Themen. "Vereinfacht ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln. Durch Merkmale und die Richtung dieser Wandlung deutete sich auf der erzählenden Ebene eine Antwort an.", ist in "IQ84" zu lesen. Darin ist Haruki Murakami zweifelsohne ein Meister. Soziologie, Literatur und Musik fließen in einem wohldurchdachten Potpourri zusammen, werden perspektivisch verwirbelt und zeitlich verschliffen, auch wenn dies im jüngsten Werk nicht direkt ins Auge sticht, sondern eher zwischen den Zeilen verborgen liegt. Neben dem zentralen Farbthema finden sich zum Beispiel immer wieder Einschübe zu Franz Liszts "Le mal du pays" (Heimweh). Entstand diese Musik doch gleichfalls als Teil eines Entwicklungsprozesses bei dem der Komponist unter dem Eindruck seiner Reisen musikalisch immer mehr zu sich selbst fand. Ein Merkmal, das auch Murakamis Protagonist auszeichnet. Der japanische Autor fungiert jedenfalls erneut als souveräner Strippenzieher, als Mittler zwischen Vergangenheit und Jetztzeit. "Bald tauchen, wie von der Melodie angelockt, gewisse Bilder hinter seinen Augenlidern auf - tauchen auf und verschwanden wieder. Es war eine Reihe von Schemen ohne Form und Inhalt. Verschwommen stiegen sie vom dunklen Rand seines Bewusstseins auf, durchquerten lautlos sein Gesichtsfeld und gelangten auf die andere Seite, wo sie verschluckt wurden und verschwanden. Wie winzige Lebewesen mit einem rätselhaften Umriss, die die Linse eines Mikroskops durchquerten."

Murakamis jüngstes Werk entpuppt sich als Buch über die Bedeutung der Werte im Leben eines Menschen, der Entdeckung seines wahren Ichs und dessen möglichen Freiheiten. Es ist ein sensibler Text über Einsamkeit, die Wichtigkeit von Freundschaften und persönliche Wertigkeiten. Dem Japaner ist es erneut hervorragend gelungen, seine an der Wegkreuzung der Gegenwart stehenden Figuren, von dort aus die Vergangenheit genau in Augenschein nehmen zu lassen und Wege zur Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Ein Buch, das voller Wahrheiten über das Leben steckt und den Leser in einen permanenten Sog zieht. Es liest sich flüssig, ohne flach zu sein. Einen nicht unerheblichen Anteil hat daran gleichfalls die Übersetzerin Ursula Gräfe, die dem deutschen Leser das japanische Werk ohne spürbare Qualitätsverluste zugänglich machte. Auch wenn das offene Ende den Leser grübelnd und nachdenklich zurücklässt. Aber: "Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der Fragen löst. Es ist ein Mensch, der Fragen aufwirft." Denn auch wenn einiges im Unklaren bleibt, so hat Haruki Murakami alles gesagt. Oder vielleicht doch nicht? Für mich persönlich ist Tsukuru Tazaki keineswegs so farblos, wie er sich selbst hält. Er strahlt in einem warmen, goldenen Sonnununtergangsgelb. Ein Gelb, das neben Rot und Blau zu den Primärfarben gehört und Bestandteil der schillernden Orange- und Grüntöne des Schmetterlingsflügels auf dem außergewöhnlich schönen Buchcover ist. Und letztendlich ist Gelb in Japan eine kaiserliche Farbe. Sie steht für Mut und Stärke, Weisheit, Glück und für die Zukunft. Eine Zukunft, die Tsukura vielleicht neu gestalten wird. Auch wenn er zunächst noch ziemlich ratlos vor ihr steht: "Das Leben war wie eine schwierige Partitur (...). Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstanden hatte und anderen verständlich machen konnte. Ganz zu schweigen davon, jemanden glücklich zu machen. Warum musste das Leben so unendlich kompliziert sein?"

Haruki Murakami, meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum 65. Geburtstag am 12. Januar 2014!
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am 16. September 2015
Nur am Rande kommen "Leichen" ins Spiel und trotzdem ist es spannend.
Wenn sich der Sachverhalt klärt, ist man traurig, dass sich ein so wertvoller Mensch jahrelang kasteit.
Und man entdeckt, wie immer, wenn eine Figur gut und liebevoll beschrieben ist, einen Teil von sich selbst.
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am 18. März 2016
Sehr witzig und mit einen gehörigen Schuß --Selbstironie,fallen hier die Pilgerjahre vom Herrn Taziki aus .Dem Author ist es gut gelungen,anhand einer Romanfigur,den Herrn Taziki wirklich blaß aussehen zu lassen.Obwohl einigen Passagen das Feuer fehlt.Doch für Leute die noch über sich selbst lachen können--ein guter und unterhaltsamer Lesestoff.
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am 9. Februar 2016
Achtung Spoiler.

Ich gehöre zu den Leuten die keine Lust haben, sich nach dem Ende eines Buches oder auch Filmes Gedanken darüber zu machen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Daher war dieses Buch nur eines mehr in einer langen Reihe von Büchern wo ich vom Ende enttäuscht war. Ich hätte gerne gewusst, ob er seine Traumfrau kriegen konnte und was es mit dem anderen Mann auf sich hatte. Die Sache mit seinem Freund, der ihn nach ein paar Monaten wieder verlassen hatte, fand ich auch seltsam, genau wie die Geschichte die dieser erzählt hatte irgendwie nur eine Geschichte in der Geschichte war. Eine interessante Geschichte, die aber keinen Bezug zum Rest des Buches hat und auch wieder nur offene Fragen zurücklässt. Naja. Also ich finde die Geschichte hört zu früh auf, da wäre noch Potenzial gewesen. Zumindest das Anfangsmysterium wurde aufgeklärt, das war ja auch wichtig.
Ansonsten mag ich den Erzähl-/Schreibstil von Murakami sehr gerne, kann seine Bücher recht flüssig lesen wo ich sonst oft Konzentrationsprobleme habe und Absätze mehrmals lesen muss bis ich das Gefühl habe sie bewusst gelesen und verstanden zu haben. Aber bei ihm passiert das selten, also lese ich seine Bücher sehr gerne. Manche Leute haben anscheinend Probleme mit der Übersetzung ins Deutsche, die nehmen es wohl sehr genau, mir macht das garnichts aus, solange es Sinn macht. Er kann sehr schön und bildhaft Szenerien und Landschaften beschreiben, man fühlt sich direkt vor Ort; dies und die Melancholie in seinen Büchern mag ich am liebsten. Zumindest die, die ich bisher gelesen haben waren immer ein bißchen traurig. Jetzt habe ich Sputnik Sweetheart angefangen, mal sehen ob sich da auch solche Gefühle einstellen.
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am 17. Februar 2014
Andere Rezensenten haben sich auf Schilderung von Handlung und Personen konzentriert. Ich möchte einen Blick auf die eher weichen Faktoren dieses Meisterwerks werfen. Es ist einige Zeit seit der letzten Lektüre eines Murakami vergangen.

Doch mit "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" liegt wieder ein großartiges Buch vor uns – auch wenn "Kafka am Strand", das ich sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung gelesen habe, mir nach wie vor als sein bemerkenswertestes Werk erscheint.

Der Einband mit dem transparenten Schutzumschlag ist alles andere als farblos und deutet grafisch die Farbensymbolik der Geschichte an. Sehr praktisch und wertig auch das leuchtend rote Lesebändchen. In Zeiten digitaler Bücher spielt der bibliophile Charakter von Hardcover-Büchern eine zunehmend wichtigere Rolle.

Wie immer bei Dumont sind Typografie und Papier optimal auf einander abgestimmt. Im Gegensatz zu den Einbänden der IQ84-Trilogie bleibt das Buch – einmal aufgeschlagen – jedoch nicht offen liegen.

Wie kaum ein anderer beherrscht Murakami die Kunst, den Leser absolut mit der Handlung zu verschmelzen; als würde der Leser das Buch selbst schreiben, während er es liest! Man hat das Gefühl, dass alle seine Bücher in den gleichen Landschaften spielen.

Die Personen scheinen miteinander verwandt und sind in ihren Wesenszügen so klar und reduziert, dass einem die sonst eher fremden Japaner hier sonderbar vertraut vorkommen. Ebenso geht es dem Protagonisten, der sich auf seiner ersten Auslandreise in Helsinki zwar einsam – aber nicht fremd fühlt.

Während frühere Bücher häufig in zeitlosen Räumen des vergangenen Jahrhunderts spielen, so ist diese Handlung fest in unsere Jetzt-Zeit gesetzt. Ein bei Murakami auffälliges Stilmittel hierfür, ist die unverblühmte Nennung von Markennamen wie Facebook, Lexus, Marlboro, TAG Heuer.

Wiederkehrendes Stilelement ist auch die Inszenierung vordergründig unbedeutsamer, spekulativer und bizarrer Gegebenheiten – wie in diesem Buch der sechste Finger, der im Laufe der Geschichte zu einem mystischen Hintergrundmotiv aufgeladen wird.

Auch die Verwendung seltener Worte und Fremdworte ist ihm lieb: "Diese Möglichkeit schwebte wie eine feste, kleine Lenticulariswolke ständig über ihnen." Erst ein Blick in Wikipedia gibt Aufschluss: eine Wolke in Linsenform, die an ein außerirdisches Raumschiff erinnert.

Und wer hat Beiläufigkeit besser so konzis inszeniert: "Sara nahm einen Schuck von ihrem Mojito und inspizierte die Form des Minzblatts von allen Seiten."

Synästhesie, das Zusammenklingen und Überlagern verschiedener Sinneseindrücke um Stimmungen zu erzeugen, ist wohl sein wichtigstes Stilmittel. Meist benutzt er dafür Musik, hier das Thema "La Mal du Pays" aus den Années de Pèlerinage von Franz Liszt. Die wiederkehrenden Erinnerungen daran legen einen Schleier grundloser Trauigkeit über die Handlung.

Und immer wieder das Spiel mit der fast nicht wahrnehmbaren feinen Linie, die das Realistische vom Phantastischen trennt: "Er hatte gelebt wie ein Schlafwandler … wie jemand, der von einem Orkan überfallen wird, sich von einer Straßenlaterne zur nächsten hangelt."

"Er hing gerade noch an der Welt wie die trockene Hülle eines Insekts, die an einem Ast schaukelt und kurz davor ist, vom nächsten Windstoß für immer davon geweht zu werden." Ständig grenzüberschreitend, Assoziationen auslösend, abschweifend jedoch immer wieder in den Alltag zurückkehrend: " … und stupste mit einer sanften Geste, die an die weiche Nase eines großen Hundes denken ließ, eine Taste des Haustelefons an."

Oder wenn seine Gedanken sich nächtens im Kreise drehen und er immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt: "Es war wie bei einem Schraubenkopf ohne Schlitz – er wußte nicht mehr, wo er noch ansetzen sollte."

Den wie gelähmten Zustand zwischen Träumen und Wachen, kann kein anderer so gut beschreiben wie Murakami: "Er konnte weder seine Lippen noch seine Zunge bewegen. Nur lautloser, trockener Atem entströmte seiner Kehle."

Wenn es in dem Buch Längen geben sollte, sind diese so gut bemessen, dass genau in dem Moment, wo man sie wahr nimmt, wieder ein spannendes Element auf der Bühne erscheint. Beim Lesen wird Bewußtheit erzeugt – oft durch das Dehnen und Zusammenziehen von Zeitempfindung.

Das Buch lebt von dem Faszinosum der Versenkung; lebt von der Suche nach Erkenntnis und endgültigen Wahrheiten in philosophischen Dialogen: "Die Freiheit des Denkens kann man nicht erreichen, wenn man willentlich danach strebt."

Manchmal ahnt man eine Verwandschaft zu Hermann Hesses "Glasperlenspiel": die Bewunderung der Perfektion des Geistes und die Ohnmacht und Zerissenheit gegenüber der Unvollkommenheit und Hinfälligkeit des Körpers.

Vermutlich ist auch in diesem Buch viel Autobiografisches eingearbeitet. Es geht um die metaphysischen Transformationen menschlicher Existenzen, die mit unsichtbaren Schicksalsfäden aneinander gebunden scheinen: Verhaftung überwinden, loslassen, überleben …

Es geht um Schuldigkeit, Todessehnsüchte und Identitätsverlust… Kann schlechtes Gewissen töten? Es geht um die Sinnhaftigkeit des Lebens, darum für andere bedeutsam zu sein.
Ein Leitmotiv des Buchs ist unterdrückte Sexualität und die Angst von deren Auswüchsen, die scheinbar immer unterhalb der Oberfläche lauern.

Im letzten Kapitel werden alle Geschenisse noch einmal kontemplativ zusammengefasst:
"Es ist schon seltsam … dass diese wunderbare Zeit vorbei ist und niemals wieder so sein wird. Dass der Fluss der Zeit all unsere fabelhaften Möglichkeiten mit sich fortgetragen hat und sie nun verschwunden sind."

Das Ende ist diffus optimistisch, fast heiter – aber auch melancholisch, immer mit der Melodie des Themas von "La Mal du Pays" im Ohr …
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am 14. März 2016
Bahnhöfe in japanischen Großstädten sind ein Phänomen. Shinjuku in Tokio zum Beispiel zählt mit bis zu vier Millionen Passagieren täglich zu den verkehrsreichsten Bahnhöfen der Welt. Die Hauptfigur des Romans „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami ist jedenfalls derart fasziniert, dass er sogar Bahnhofsarchitektur studiert, um beim Bau mitzuwirken.

Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, wofür sich der Protagonist jemals interessiert hat. Mit 36 Jahren erzählt Tsukuru Tazaki seiner Angebeteten Sara Kimoto von seiner Schulzeit in Nagoya. Damals gehörte er zu einer unzertrennlichen Clique, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen. Dabei verstand er gar nicht, was sie an ihm fanden. Er kam sich nichtssagend und farblos vor – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die anderen vier trugen alle Farbbezeichnungen in ihren Namen. Trotzdem war es die glücklichste Zeit seines Lebens – bis zu dem Zeitpunkt, als er ganz plötzlich ohne jegliche Erklärung aus der Gruppe verstoßen wurde. Erst 16 Jahre später ermutigt ihn Sara, der Sache auf den Grund zu gehen. Tsukurus Reise in die Vergangenheit führt ihn bis nach Helsinki und zu der Erkenntnis, wie stark Selbst- und Fremdbild voneinander abweichen können.

Haruki Murakami zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern und spielt auch in diesem Roman seine besondere Stärke aus, vermeintlich gegensätzliche Welten miteinander zu verschmelzen. Aus der Sicht von Tsukuru erleben wir, wie die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität und Traum, zwischen vollkommener Harmonie und Zerrüttung zerfließen. Tsukurus Stimmung schwankt zwischen düsterer Todessehnsucht und heiterer Melancholie. Stets findet der Autor den perfekten Ton, um etwa die perfekte Chemie in der Clique oder Tsukurus tiefste Depression zu beschreiben. An Murakamis typischen philosophischen Exkursen und Episoden, die ans Mystische und Fantastisch-Absurde grenzen wie zum Beispiel die Frage, ob sechs Finger wohl nützlich oder eher hinderlich seien, mangelt es auch diesmal nicht. Darüber baut der Autor geschickt einen Spannungsbogen und lässt die Leser bis zum Schluss grübeln, was wohl die vermeintlich perfekte harmonische Gemeinschaft von damals entzweit hat.
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am 20. Januar 2014
Ich nehme vorweg, dass ich (noch immer) ein Murakami-Fan bin und jeden in unseren Breiten verfügbaren Roman des Meisters mehrmals gelesen habe. Ich habe Romane wie Hard boiled Wonderland, Kafka am Strand oder Mister Aufziehvogel etc. genossen und bin sehr dankbar für die vielen schönen Stunden, die ich beim Lesen verbringen durfte.
Murakamis neuestes Werk allerdings ist gelinde gesagt eine Frechheit. Weniger eine Frechheit vom Autor selbst, denn es erscheint mir fast klar, dass ein Schriftsteller, der schon so viel geschrieben hat und alle Jahre einen neuen dicken Schmöker rauswerfen muss, irgendwann beginnt, von sich selbst abzukupfern. Genau das tut Murakami immer öfter - und ganz besonders in diesem Text!
Eine Frechheit ist es jedoch vor allem vom Verlag, der sich erdreistet, dieses Buch in so großartigen Tönen anzupreisen, als sei es ein neuer Meilenstein der Literaturgeschichte. Haben die Verlage heutzutage keine professionellen Lektoren mehr?! Das war und ist ein Hype sondermaßen um diesen Roman. Wirklich kaum zu fassen!
Ich frage mich, ob ein ehemals vielfach preisgekrönter und für den Nobelpreis gehandelter Autor, der in den letzten Jahren nur mehr von sich selbst abschreibt und wirklich nichts nennenswert Neues mehr produziert noch immer dieselben positiven Kritiken und Vorschusslorbeeren verdient wie früher.
Wäre der vorliegende Text der Debütroman eines jungen Autors, so würde ich sagen: Na ja, ganz gut, da können wir ja vielleicht noch einiges erhoffen. Dieser Text jedoch wurde von einem MEISTER des Erzählens verfasst und verdient deshalb auch eine schärfere Kritik. Offensichtlich gelangweilt und ideenlos geschrieben bezieht er sich auf ein gutes Dutzend Protagonisten aus früheren Murakami-Romanen, mit den selben Ängsten und Schwächen und Vorlieben und Handicaps und Symbolen und Metaphern. Der selbe Duktus, die selbe Leier, die gleichen erotischen Episoden, ein Haufen uralter Versatzstücke aus dem Fundus früherer Texte und ein Schluss, der so viel offen lässt, dass man sich fast schon genarrt fühlt. Nicht dass ich mehrdeutige Schlüsse rundweg ablehne (es gäbe hier viele großartige Beispiele in der Literatur), aber in diesem Text wirkt es so, als schaltete man mitten im Finale einer Sonate den CD-Player einfach ab und überließe den frustrierten Hörer der Stille.
Ich finde, auch wenn jetzt mancher Fan protestieren wird, dass Herr Murakami eine Pause nötig hat. Vielleicht zwei oder drei Jahre, wo er mal was anderes macht, als zu schreiben. Dann klappt's vielleicht auch wieder mit den neuen Ideen.
Ich bleibe ein Murakami-Fan, aber der vorliegende Roman verdient meiner Meinung nach nicht mehr als zwei Sterne.
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Nein, eigentlich gibt es nicht viel rumzunörgeln an dieser Geschichte, dem neuen Bestseller des Kult-Autoren, hochgelobt, allseits angepriesen, überall gefeiert. Die Pilgerjahre lesen sich flüssig, technisch-stilistisch ist das Ganze gut und sehr professionell gemacht, wir treffen auf alte Bekannte wie "Die Schöne", "Der Einsame" und vagabundieren mal wieder größtenteils durch japanische Großstädte. Wir lesen die Geschichte, erfreuen uns an vielsagenden Andeutungen, machen uns auf die Suche nach der tiefsinnigen Botschaft des Ganzen und fühlen uns diffus irgendwie ganz gut unterhalten und sehr im Zeitgeist verhaftet, weil wir ihn ja schließlich lesen, den neuen, angesagten Murakami. So weit, so gut. Allerdings gibt es bedauerlicherweise aber auch nicht besonders viel zu loben: Holzschnittartig, erschreckend beliebig kommt sie daher, diese Geschichte, wie am Reißbrett entworfen und eilig, fast lieblos zu Papier gebracht. Farbe fehlt, Leidenschaft, das Mitreißende, das Wichtige, das, was ein Buch unvergesslich machen kann - all das fehlt. Man könnte meinen, der Autor sei nach dem Motto verfahren: "Mein Name ist Murakami und egal, was und wie ich es schreibe - ein Verkaufsschlager wird es sowieso." Und damit hat er anscheinend recht, was weder ihn noch seine Leserschaft adelt. Mit dem Nobelpreis wird das so wohl nichts - bleibt jedenfalls zu hoffen.
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am 12. April 2015
Der neuste Roman von Haruki Murakami kommt im Vergleich zu seinen früheren Werken sehr viel realistischer und erwachsener daher. Die Geschichte von Tsukuru Tazaki und seiner Verarbeitung nie verheilter Narben wirkt insgesamt recht unspektakulär und wie schon oft gesagt wurde "farblos". Dennoch schildert der Roman mit einer beachtlichen Präzision Tsukurus Reise zu sich selbst, sowie die damit verbundene Entwicklung. Zu guter Letzt lässt Murakami einige für den Leser nicht ganz uninteressante Fragen im Dunkeln, bietet diesem aber ein durchaus zufriedenstellendes Ende, vor allem im Bezug auf seine Hauptfigur. Insgesamt liest sich auch dieser Murakami sehr stimmig, obwohl er deutlich leisere Töne anschlägt als noch seine Vorgänger.
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