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am 1. Juli 2013
Über Leben und Werk Johann Sebastian Bachs ist ohne Frage viel Gutes und Interessantes geschrieben worden. Das vorliegende Buch eröffnet dennoch eine neue, in der Literatur über Bach bislang nicht eingenommene Perspektive: Es nutzt Erkenntnisse und Theorien der psychologischen Alternsforschung für die Entwicklung eines vertieften Verständnisses von Leben und Werk. Dabei wird dem Leser zunächst ein Eindruck von zentralen Fragestellungen, Theorien und Ergebnisse moderner psychologischer Alternsforschung vermittelt. In einem ersten Teil entwickelt Andreas Kruse ein differenziertes Verständnis von Alterskreativität, das er dann unter Bezugnahme auf das Werk von Bach weiter vertieft. Im zweiten Teil folgt eine psychologische Analyse der Familiengeschichte und Biografie, der dritte Teil beschäftigt sich detailliert mit der Entwicklung Bachs am Lebensende. Das Buch verdeutlicht nicht nur - wie im Rückentext beschrieben - die in der Musik von Bach hörbaren Grenzgänge zwischen Weltlichem und Göttlichem, Leben und Tod, es kann darüber hinaus selbst als ein sehr gelungener Grenzgang betrachtet werden. Zum einen gibt der Autor nicht nur einen vorzüglichen Überblick über zentrale Stationen des Lebenslaufs von Johann Sebastian Bach, sondern es gelingt ihm darüber hinaus auch, dem Leser durch den Hinweis auf biografische Entwicklungen ein tieferes Verständnis des musikalischen Werkes zu ermöglichen. Zum anderen wird in den verschiedenen Teilen des Buches ein differenziertes Verständnis menschlichen Alterns und Alters entwickelt, das, ohne die Begrenztheit und Verletzlichkeit des Alters zu leugnen, schöpferische Potenziale erkennt, die bis zum Lebensende bestehen und sich zum Teil gerade erst in der Konfrontation unabänderlicher Grenzen verwirklichen. Das Buch vermittelt entsprechend nicht nur – im Übrigen in einer vorzüglichen Sprache – psychologische Einblicke in Leben und Werk von Bach, sondern – weit darüber hinaus gehend – auch Einblicke in das Wesen menschlicher Entwicklung und Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Grenzen des Alters. Ein wirklich lesenswertes Buch, das uneingeschränkt empfohlen werden kann.
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am 11. Juni 2013
Ein gut recherchiertes, aufschlussreiches und mitunter sehr bewegendes Buch eines Mediziners über mögliche Wurzeln von Bachs Spiritualität, die vor allem in frühen Erfahrungen von Tod und Leid gesehen werden.
Hier ist das Buch am besten: in der sorgfältigen Rückbindung von Musik an biographische Verläufe, in Skizzierungen von Bewältigungsmechanismen, in der Erforschung von Kreativitätsschüben bei Bach gerade infolge von schmerzhaften existenziellen Erlebnissen (Tod seiner ersten Frau, Krankheiten und Demütigungen im Alter etc.) Problematischer sind Auffüllungen von Bachs Gottesbegriff mittels Pythagoras oder Plotin, die Bach durch die "Correspondierende Societät" in Leipzig kennengelernt haben soll. Ob Bachs späte Fugen die Sphärenharmonien von Pythagoras spiegeln, eine göttliche Ordnung harmonischer Abläufe, in die seine Seele dann nach dem Tod auch wieder "gnostisch" aufsteigen wollte, bleibt eher Vermutung. Bach glaubte an Gott und sicher auch an ein Eintreten der Seele in eine höhere, geistige Schöpfungsordnung. Wie diese aber aussah, muss offen bleiben und macht auch das unauslotbare Mysterium des Komponisten aus. Die Frische, Dynamik und Unvorhersehbarkeit seiner Musik verträgt sich nicht gut mit regelmässigen Planetenbewegungen oder mathematischen Zahlenkombinationen. Dazu ist sie zu sinnlich, wild, innovativ und spielerisch. Das Hören von Bachscher Musik lässt einen eher an einen dynamischen, aus der schieren Überfülle schaffenden Gott denken, als an eine feste, determinierende Ordnung. Das macht auch seine Modernität aus. Insgesamt aber bietet Kruse eine Fülle von Anregungen und interessanten, auch aus aktueller Wissenschaft gespeisten Erkenntnissen und Denkerweiterungen. Die grosse Liebe des Autors zu Bach verleiht dem Buch ausserdem einen lebendigen und warmen Ton, was es sehr gut lesbar macht.
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am 21. August 2017
Das größte Problem ist die unkritische Wiedergabe der waghalsig argumentierten Theorie Helga Thoenes, Bachs Chaconne aus der Partita in d-Moll sei ein Tombeau, eine Reflektion über den Tod Bachs erster Frau Maria Barbara. Natürlich ist diese Interpretation attraktiv und wird in Musikerkreisen oft wiedergegeben, aber für ein Sachbuch sollte man das doch ein wenig prüfen. Silbiger sagt, diese Interpretation ist aus mehreren Gründen unplausibel, eine post-1800 Sicht der Chaconne, und David Humphrey geht sogar so weit zu polemisieren, sie wäre "eine Unverantwortlichkeit, die den schlimmsten Exzessen von Bach Pseudogelehrsamkeit einen schlechten Namen gibt". Die herangeführten motivischen Zitate aus Chorälen Bachs und numerologischen Analysen sind wohl ziemlich an den Haaren herbeigezogen.

Diese Einwände erwähnt Kruse mit keinem Wort.
Nach eigener Aussage hat Kruse ein Sachbuch und keine wissenschaftliche Arbeit verfasst. Aber das rechtfertigt für mich nicht Voreingenommenheit (bias). Dazu sollte man bemerken, dass Kruse religiös ist und dementsprechend gerne in religiöser Weise interpretiert. Das ist im Text zwar recht offenkundig, allerdings erst nach einiger Lesezeit. Das könnte man auch offener in der Buchbeschreibung oder im Vorwort anklingen lassen. Für mich ergibt das eine interessante Perspektive auf einen religiösen Komponisten, erhöht aber die Gefahr der Voreingenommenheit.

Zudem eckt der Schreibstil immer wieder an. Zitate werden dreifach kurz nacheinander präsentiert, im Original, dann in großen Teilen zweimal wiederholt. Fachbegriffe u.a. der Gerontologie (zu deutsch unhandlich klingend "Alternsforschung") werden nicht erklärt (z.B. Generativität, Gerotranszendenz) trotz fehlendes Glossars, der halbe Ursprung des Wortes Fuge weggelassen (neben lat. "fugere" fliehen auch "fugare" - in die Flucht schlagen!) zugunsten einer Bemerkung der Unvollständigkeit, konstant Eindeutschungen englischer Fachbegriffe verwendet (statt dem ikonischen "Flow" das hässliche "Flusserleben"), einmal Zitate mit runden Klammern und ", der Verf.", einmal mit eckigen Klammern ergänzt, usw. usf., und das nur in den ersten 100 Seiten.

Die biografischen und psychologischen Ausführungen des Buchs haben mir größtenteils gut gefallen, aber da gibt es sicher auch andere Quellen, nach der Chaconne-Geschichte ziehe ich da lieber andere Texte zur Hand.

Quellen:
Alexander Silbiger: 'Bach and the chaconne', in The Journal of Musicology xvii
(1999), pp.358-85.

"[Helga Thoene's theory] stands as a monument to the kind of irresponsibility which gives the worst excesses of Bach pseudo-scholarship a bad name."
David Humphreys - Esoteric Bach (2002)
Early Music (2002) XXX (2): pp. 307-309.
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am 24. Juli 2013
„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heissen wegen seines unendlichen, unausschöpflichen Reichtums von Tonkombinationen und Harmonien!“ meinte Ludwig van Beethoven über den Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), einem der Grössten europäischer Kunst und Musik. Grossartig wie Andreas Kruse in seinem Buch ‚Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach‘ die Tiefen und Weiten, die Strömungen und Wellengänge dieses „Meeres“ Bach erkundet. Was ist das Besondere dieses Buches, das im Untertitel bescheiden ‚Psychologische Einblicke‘ heisst?

Das Buch stellt sich „die Aufgabe einer psychologischen Deutung der Biografie wie auch einzelner Werke Johann Sebastian Bachs“, so der Autor im Vorwort, der sich Bach immer wieder sehr persönlich, aber vor allem psychologisch und musikalisch annähert. Er beschreibt als Grundlage für das Schöpferische Johann Sebastian Bachs in Grenzsituationen – wie dem frühen Tod seiner ersten Frau Maria Barbara und den persönlichen Krankheitserfahrungen in den letzten Lebensjahren – seine Fähigkeit eine „innere Ordnung“ aufzubauen; eine Ordnung, die im Leben und Sterben trägt, indem sie die ‚Ordnung des Lebens‘ mit der ‚Ordnung des Todes‘ zu verbinden weiss. Es ist die Fähigkeit Bachs, sich sowohl auf die eigenen Entwicklungsnotwendigkeiten, –aufgaben und –möglichkeiten als auch die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit einzustellen. Die psychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Modelle, Themen und Konzepte, die Andreas Kruse einführt und entfaltet wie u. a. Generativität, Integrität und Transzendenz, Multimorbidität und Vulnerabilität im Alter, Palliative Care, Salutogenese und Resilienz, ermöglichen ein vertieftes Verstehen der Entwicklung Johann Sebastian Bachs über den gesamten Lebenslauf und seiner Musikwerke. Zugleich werden Einblicke in das Wesen und die Potenziale menschlicher Entwicklungs- und Reifungsprozesse gegeben.

Andreas Kruse, Professor und Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Standardwerke, Sachbücher und Beiträgen zu den Entwicklungspotenzialen und Kompetenzen im Alter, zu Fragen der Rehabilitation und Palliative Care bei älteren Menschen, zu den Menschen- und Altersbildern in anderen Kulturen, zu den ethischen Grundlagen der persönlichen Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Teilhabe im Alter. Wenn sich einer der renommiertesten Alternsforscher – der auch bei uns in der Schweiz einen hervorragenden Ruf genießt – über Jahrzehnte mit der Biographie und dem Werk Johann Sebastian Bachs auseinandersetzt, sich diesem immer wieder neu und mit grossem Respekt annähert – musikwissenschaftlich, persönlich, im eigenen Klavierspiel – dann sind die Erwartungen an ein Buch gross. Andreas Kruse übertrifft diese Erwartungen. In der Tat, dieses Buch beschreibt nicht nur die Grenzgänge des Johann Sebastian Bachs zwischen Schmerz und Verwandlung, Verlust und Neubeginn, Leben und Tod, Weltlichem und Göttlichem. Es ist selbst ein wunderbarer Grenzgang zwischen Musik und Psychologie, Philosophie und Hermeneutik, Medizin und Theologie.

Philippe Herreweghe schreibt zur Matthäus-Passion: „Die musica pathetica oder musica rhetorica (der Komponisten der Barockzeit) will berühren, den Zuhörer erschüttern, mit der mehr oder weniger zugegeben Absicht, ihn verwundbarer, und folglich empfänglicher für eine Botschaft zu machen.“
Nicht nur in der Musik Bachs werden Herz, Geist und Seele gleichermassen angesprochen, sondern auch in diesem Buch von Andreas Kruse: wahrhaftig und wunderbar, tief und weit, immer wieder berührend, menschlich, tröstend, stärkend. Nach der Lektüre dieses Buches denkt man grösser vom Menschen, weil man um die Würde menschlicher Bedürftigkeit und Gestaltungskraft weiss. Dem Vers aus einem Gedicht von Rose Ausländer (1901 – 1988) „Bach / mein Blutstrom / zum Himmel“ habe ich nach der Lektüre des Buches von Andreas Kruse aus ganzem Herzen zugestimmt. Unbedingt lesenswert.
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am 3. März 2014
Dieses Buch spricht in mehreren Stimmen, die wie in einer Fuge miteinander verflochten sind und von denen jede auf leise, unaufdringliche Weise Wichtiges zu sagen hat.

In seinem Kern handelt es von Johann Sebastian Bach. Es beschreibt seine Biographie, greift in der Familiengeschichte weit zurück, beleuchtet den Einfluss der Eltern und die musikalische Förderung durch den Vater, schildert Bachs Werdegang, die Stationen seines Lebens, seine musikalische Entwicklung, seinen Umgang mit Autoritäten, schließlich seine Sorge um die nächste Generation besonders im späten Lebensalter. Scharf und einschneidend konturiert wird dieses Leben zunächst durch den Verlust der Eltern, durch den plötzlichen und frühen Tod der geliebten Frau, durch den Verlust zahlreicher Kinder.

Über dieser Stimme, die das Leben des Komponisten erzählt, seine Wendepunkte und Marksteine hervorhebt, erhebt sich eine zweite. Man mag sie als eine psychologische Deutung ansehen, aber sie ist weit mehr, denn sie verwebt dieses Leben mit dem Sinn, den Bach selbst seinem Leben gegeben hat. Dies geschieht durch die kenntnisreiche, zutiefst musikalische Analyse solcher Stücke aus Bachs überreichem Lebenswerk, in denen Bachs Ausdrucks- und Gestaltungswille gleichermaßen kondensiert und zu seiner höchsten Form findet. Diese Stimme beschränkt sich nicht darauf, Bachs Leben in seinem Werk exemplarisch zu spiegeln, sondern sie spiegelt in der Musik Bachs innere Entwicklung, mit der er die Grenzerfahrungen seines Lebens beantwortet hat.

Nun setzt die dritte Stimme ein, die davon handelt, wie Bach einerseits sein ganzes Leben lang unablässig danach strebt, seine Kunst zu vervollkommnen, wie er sich andererseits seiner starken Kräfte und seiner überragenden Begabung bewusst und sicher wird und daraus sowohl die Kraft als auch den Eigensinn gewinnt, Autoritäten zu trotzen und sich Bedingungen zu schaffen, die seiner Kunst zuträglich sind. Parallel zu dieser bis ins höchste Alter unausgesetzten Arbeit an sich selbst entsteht das Bedürfnis, den geistigen, künstlerischen Gewinn des eigenen Lebens an die nächste Generation zu übergeben.

Die vierte Stimme wird hörbar, wenn zugleich mit Bachs wachsender Selbstgewissheit auch seine Demut zur Sprache kommt. Nur auf den ersten Blick erscheint diese Demut paradox. In ihr kommt zum Ausdruck, dass Bach sich durch seine Begabung in einen Dienst gestellt sieht, der die irdische Sphäre übersteigt. Diesem Dienst will er gerecht werden: Nicht der irdischen Autorität will er dienen, sondern der göttlichen, als deren Geschenk er sein Leben und seine Fähigkeiten begreift. Diesem Dienst widmet er sein Leben mit seiner Begabung; in diesen Dienst in anderer Form sieht er sich am Ende seines Lebens hinübertreten.

Nun setzt eine fünfte Stimme ein, die Bachs Leben, seine Grenzerfahrungen, seine einzigartige musikalische Kreativität und Schaffenskraft in den Zusammenhang einer höheren Ordnung stellt. Am Beispiel der Kunst der Fuge, der h-moll-Messe und einiger weiterer Bachscher Werke wird musikalisch kenntnisreich und detailliert belegt, wie die Ordnung der Welt in der immer stärkeren Verdichtung von Bachs lebenslang verfeinerter kompositorischer Kunst zum Ausdruck kommt. Im Buch wird belegt, dass Bach diese Ordnung nicht nur in der Musik sah, sondern ebenso in der Mathematik und in der Philosophie.

So wird Bach durch das Gefüge der fünf genannten Stimmen dieses Buches als ein Mensch erkennbar, der sich dem immer konzentrierteren, immer weiter verdichteten Ausdruck einer kosmischen Ordnung gewidmet hat. Kraft seiner Begabung war Bachs Ausdruck musikalisch. Er erkannte in der Musik aber dieselbe Ordnung, die schon zu seiner Zeit längst in der Mathematik sichtbar geworden war und eben auch in der Astronomie sichtbar wurde. Diese Ordnung ist streng; sie dringt zu immer größerer, immer abstrakterer Einfachheit vor. Sie ist das Gegenteil der Astrologie mit ihrem nebelhaften Raunen und ihrer menschlichen Willkür. Der Mathematiker, der Astronom kann dieselbe Ordnung mit anderen Mitteln zum Ausdruck bringen, wenn er sich nur in den Dienst dieser Ordnung stellt. Spätestens hier löst sich das Buch von Bach und weist uns einen Platz in dieser Ordnung zu, wenn wir ihn nur anzunehmen bereit sind.

Die fünfte Stimme in diesem großartig komponierten, aus einem weiten Überblick geschaffenen und aus bewundernswert tiefer psychologischer, gerontologischer, musikalischer, philosophischer und theologischer Kenntnis geschöpften Buchs verklingt mit dem einfühlsamen Hinweis auf die Selbstbildnisse des hochbetagten Rembrandt, in deren Weisheit die Dankbarkeit sichtbar wird, die ein so in den Dienst gestelltes, als Aufgabe verstandenes Leben mit sich bringt.

Dieses wunderbare Buch ist weit mehr als ein Buch über die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach. Es ist ein Buch über den Sinn, den wir unserem Leben selbst geben können, wenn wir es mit seinen Grenzsituationen, mit seinen Verlusten und Beschränkungen als Aufgabe begreifen und in den Dienst an einer höheren Ordnung stellen. Dieses Buch wird Musikern und Bach-Freunden sehr viel geben, aber es gibt weit darüber hinaus leise, bedeutsame Antworten auf zentrale Fragen unserer Existenz.
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am 23. November 2013
Johann Sebastian Bach, dessen Leben durch musikalisches Werkschaffen durchdrungen war, versuchte in der Musik die Ordnung Gottes in der Welt auszudrücken. Sein Talent fand Schutz und Gnade schon von Geburt an und fand seinen Halt im Ewigen, im musikalischen Kosmos. Seine seelischen Grenzgänge in die Emotionalität des Irdischen verarbeitete er in seiner Musik genauso wie sein Talent, die göttlichen Harmonien dem Menschen durch musikalische Geometrie und Versenkung darin erfahrbar zu machen.

Das Buch von Andreas Kruse nimmt in einer Trias aus Theologie, Musikwissenschaft und Psychologie genau zu diesen Fragen Stellung und geht damit weit über die bisherigen Auseinandersetzungen zu Johann Sebastian Bach hinaus. Man findet darin feinste und tiefsinnige Anwendungen von Erkenntnissen der Psychogerontologie, wobei insbesondere die hervorragend interpretierte Entwicklung Bachs am Lebensende erwähnt werden muss, stellt sie sich doch uns allen als Vorbild für die Weiten des Möglichen am Ende eines Menschenlebens dar.

Das Zusammenbringen mehrerer Einzelwissenschaften gelingt Kruse mit Hilfe der Sprache, nach Böll einer Sprache, die ein Geschenk Gottes an den Menschen ist, gleichsam aber auch Geheimnis, „denn alles Geschriebene ist gegen den Tod angeschrieben“. Wir finden auch bei B-a-c-h schließlich Name und Werk aufs Innigste sprachlich vermischt. Diese sprachliche Deutung erlaubt damit auch den Rückriff auf Plotin, den Kruse vornimmt, indem die Bach’sche Fuge als Flucht in die Heimat gedeutet wird. Bach will für uns das Göttliche erfahrbar machen. Herrlich auch, die theologisch-musikalischen Deutungen im Buch, etwa die der Chaconne oder der Motetten sowie die feinsinnigen Unterscheidungen von Johannespassion und Matthäuspassion. Dazu beeindrucken die Parallelen zu Rembrandt als 5. Evangelisten. Die geistig-seelische Dynamik Bachs erschließt uns der Altersforscher auf beeindruckende Weise. Bachs Geist in verleiblichter Form wird in der Musik aktiv tätig und in den Grenzsituationen nimmt er das Irdische auf, doch sein Ruhepunkt ist im Sein, in den Sphärenharmonien. Die letzte Grenzsituation, der Tod, ist ihm demnach auch die irdischste und göttlichste zugleich. Der kosmisch-harmonische Gesang in den Planetenbrwegungen, von dem Kepler sprach und die innermenschliche Musik verstanden als harmonische Vernunft, aber in Anteilen polyphon, gehen in Gleichklang. Das und noch viel mehr lässt sich aus diesem Buch lernen.

Dieses außergewöhnliche Werk regt zum Nachdenken und Staunen an. Sein wesentlichster Beitrag ist es, Fenster zu öffnen, durch die Mensch, Gott und Welt mit anderen Augen gesehen werden können. Eine besonders schöne Form von Daseinserweiterung, die uns Andreas Kruse hier versucht nahe zu bringen.
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am 25. Februar 2014
Im Vorwort zu diesem aus meiner Sicht überaus gelungenen Buch kennzeichnet der Autor, Psychologe, Musiker und – nicht zuletzt – bekennender Christ, sein Anliegen als Versuch einer psychologischen Deutung der Biografie wie auch einzelner Werke Johann Sebastian Bachs. Diese soll dazu beitragen, dass die persönliche und schöpferische Entwicklung des Genies Bach, vor allem auch die bis zu seinem Lebensende erkennbare Kreativität besser verstanden werden kann und dabei gleichzeitig auf der Grundlage der Deutung von Leben und Werk Johann Sebastian Bachs dem Leser Einsichten in den Verlauf und die Gestaltbarkeit lebenslanger Entwicklung vermitteln. Das Buch versteht sich also als „Diskurs zwischen Musik und Psychologie“. Damit ist ein erheblicher Anspruch formuliert, der in der umfangreichen Literatur über Johann Sebastian Bach bei weitem noch nicht eingelöst wurde, Kruse bietet dem Leser nicht einfach „mehr vom Gleichen“, fasst nicht lediglich neu zusammen, was zuvor über Leben und Werk des großen Komponisten geschrieben wurde. 
Mich persönlich erinnert dieses Buch an die Biografien von Erikson über Gandhi und Luther sowie die Biografie von Sartre über Flaubert. Ähnlich wie diese nicht nur vor dem Hintergrund eines Interesses an biografischen Fakten, sondern auch als beeindruckende Explikationen einer umfassenden theoretischen Konzeption zu lesen sind, ist das von Kruse vorgelegte Buch für mich weit mehr als eine weitere Biografie von Johann Sebastian Bach.
Für mich ein sehr ansprechendes und bereicherndes Buch. 
Andreas Kruse nutzt in seiner Argumentation eine Vielzahl klassischer und aktueller psychologischer Theorien. Bereits im Vorwort verweist er auf Generativität, Integrität und Transzendenz als wichtige, der Arbeit zugrunde liegende Konzepte. Vor allem im ersten Kapitel, aber auch in späteren Teilen des Buches erläutert er dem Leser in differenzierter und gut verständlicher Art und Weise unter anderem Beiträge zum Verständnis von Kreativität, Lebensthemen, Erfahrungen, Offenheit und Resilienz. Wer das Buch liest, wird feststellen, dass Offenheit und Selbstgestaltung Kruse zufolge zentrale Momente des Lebensverlaufes bilden. Es sei hinzugefügt, dass das Erkennen einer göttlichen Ordnung vor dem Hintergrund der dargestellten Sichtweise lebenslanger Entwicklung keinesfalls einfach ein Motiv darstellt, sondern zugleich eben immer auch Ergebnis von Entwicklung ist. Dieses Buch wird den meisten Lesern neue Perspektiven eröffnen – sowohl auf Johann Sebastian Bach als auch auf den Alternsprozess. Und dies macht es unbedingt lesenswert.
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am 6. März 2014
Im Leben Bachs war der Tod präsent. Mit neun Jahren verliert er seine Eltern, zunächst die Mutter, wenige Monate später den Vater. Seine erste Frau starb in jungen Jahren, elf von zwanzig Kindern aus zwei Ehen überlebten ihre Kindheit nicht. „Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen“, dieser Satz durchzog Bachs Leben. Andreas Kruse berichtet von der vielfachen Begegnung Bachs mit dem Tod, auch von vielfältigen Leiden, von den Folgen einer Diabetes-Erkrankung, vom zunehmenden Verlust seines Augenlichts in den späten Jahren, von Alltagssorgen und Kränkungen noch in den letzten Lebensmonaten. Das Buch dokumentiert seinen starken Glauben. Kruse zeigt aber vor allem aufschlussreich, wie Bach seine Lebenszuversicht und seine schöpferische Kraft in Grenzsituationen gewann. Er wollte, dass sich die Ordnung Gottes in der Musik widerspiegelt und auch den Hörern hilft, die Macht des Todes zu überwinden.
Der Leser erfährt, wie Bach die Umdeutung des Todes vom biologischen Ende zum Übergang in Gottes Welt musikalisch verarbeitet. Die Interpretation vieler Werke Bachs macht den größten Gewinn des Buches aus. Ich habe einen neuen Zugang zu Bachs Musik gewonnen. Ich lese das Buch zum zweiten Mal, weil ich einzelne Stücke von Bach noch besser begreifen will. Andreas Kruse hat mir ein Leseglück beschert.
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am 4. Juni 2014
Bach-Fans aufgepasst - aber alle anderen auch: Dieses außergewöhnliche Werk zu kaufen und zu lesen ist eine goldrichtige Entscheidung, denn Sie werden begeistert sein!

Dieser Titel gehört nicht nur bei Bachfreunden, Gerontologen, Geriatern oder Psychologen auf die literarische Speisekarte an Köstlichkeiten. Dieses Buch wird ganz sicher die packen, die sich für psychologische Phänomene interessieren, die aufhorchen, wenn es um spannende Historie und interessante Phänomene geht und deren Herz für wunderbare Musik und dessen Entstehung schlägt. Vor allem aber fasziniert Kruses tiefer Einblick in das Leben, Schaffen und Werk Johann Sebastian Bachs, weil er einerseits eine neue Perspektive eröffnet, indem er auf den alternden und alten Bach schaut, andererseits aber spricht Kruse vor allem die an, die sich von ihm mitreißen lassen in seiner spürbaren Faszination für einen überaus taltentierten und bewundernswerten Menschen. In jedem Satz spürt man nicht nur Kruses Expertise und seine neue Erkenntnisse – es ist der Menschenfreund Kruse, der mit seiner unverwechselbaren Sprache, Prägnanz und Begeisterung den Funken überspringen lässt. Kruse lässt den Leser an seiner Forschung teilhaben, indem er einmal anders auf das Leben und Werk Bachs blickt. Er beschreibt die Entwicklung seiner Kreativität und Resilienz und erläutert Grenzgänze des genialen Komponisten – welche wird hier nicht verraten. Der Bach-Verehrer Kruse hat sich zwar zur Aufgabe gemacht, die Biografie Bachs psychologisch zu deuten und besonders auf die letzten Jahre zu schauen, aber es ist eben kein alleiniges Forschungsinteresse anhand eines Beispiels, sondern in Kruses Analysen steckt Verehrung gleichermaßen wie Bewunderung. Der Gerontologe hat sein besonderen Fokus auf Bachs späte Lebens- und Schaffensphasen gelegt und vermittelt damit neue und ermutigende Erkenntnisse zur Betrachtung des Alters.

Andreas Kruse, Philosoph, Psychologe und Musiker, wirkt seit vielen Jahren als international anerkannter und höchst geschätzter Psychologe/Gerontopsychologe und leitet das Institut für Gerontologie der Universität in Heidelberg. Wir Leser können uns nur dafür bedanken, dass er sich dem Leben des Johann Sebastian Bach auf diese Art und Weise angenommen hat, denn er gewährt und ganz neue, tiefe und hochspannende Einblicke in das Werk Bachs, des genialen Ausnahmetalents.

Das Buch ist so gelungen, wie gleichsam hoch spannend, denn nicht nur der Protagonist des Buches ist ein Genie. Kruse schafft es den Spannungsbogen zwischen Wissenschaftlichkeit und persönlicher Emotionalität zu spannen und füllt ihn auf grandiose Art und Weise. Und keine Angst vor Überfrachtung an Fakten: Man kann sehr gut viel, ausdauernd, lange und immer wieder in dem Buch lesen und gegen intensive Auseinandersetzung mit "dem Stoff", der hohen Anspruch hat, ist nichts einzuwenden. Aber: Das Buch erlaubt es dem Leser auch, sich einfach zwischendurch nur einmal ein, zwei oder drei Seiten vorzunehmen - schon diese machen glücklich, denn man freut sich einfach über jede Zeile! Prädikat: begeisternd, äußerst empfehlenswert und außergewöhnlich.
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am 8. März 2014
Mit diesem Buch kommt etwas sehr mutiges in die Welt. Es ist neben all seiner musikwissenschaftlichen, psychologischen und theologischen Brillanz auch deshalb unbedingt empfehlenswert. Der Autor tritt mit dieser wissenschaftlich akkurat recherchierten Biografie aus dem Bereich seines hart erarbeiteten wissenschaftlichen Renommees heraus, gibt sich damit vollkommen unnötiger Weise aus der Hand und setzt sich der Öffentlichkeit aus.

Der Autor, dessen Denken ich aus mehreren Kongressvorträgen, aber auch Vorträgen zu anderen Anlässen sowie aus seinen fortlaufend veröffentlichten Fachartikeln kenne, gilt als einer der renommiertesten Alternsforscher. Ferner fördert Andreas Kruse mit seinem guten Namen unablässig die Implementierung einer notwendigen neuen Kultur des Alterns in den verschiedensten Bereichen der gesellschaftlichen Entwicklung. Er beschränkt sich nicht auf die theoretische Diskussion wissenschaftlicher Erkenntnisse sondern lässt sich darauf ein, seine Ideen in der realen Welt zu erproben. Und: Wer den Autor einmal persönlich kennengelernt hat, ich hatte einmal die Möglichkeit, weiß, worum es ihm geht: Um Vertrauen in die Menschen, um das unbedingte Festhalten an der für jede funktionierende Gesellschaft notwendigen Bedingung, dass alle menschlichen Belange politisch Gehör finden müssen, um im Lichte ihrer Zeit und im Lichte ihres Anspruchs gerecht betrachtet zu werden.

In diesem Buch werden die Momente des Todes nahestehender Menschen, des Verlusts, der Rückschläge und der Krankheiten im Leben des Johann Sebastian Bach nicht als Ausdruck einer als mangelhaft empfundenen Welt interpretiert sondern als Teil einer lebendigen conditio humana. Der Autor begründet stichhaltig und nachvollziehbar, weshalb davon auszugehen ist, dass hiermit eine valide Annäherung an die Mentalität des Musikers erarbeitet wurde. Das Buch konstatiert, dass diese conditio humana zum Beispiel dann gesellschaftlich produktiv verwirklicht werden kann, wenn Menschen ein gegebenenfalls auch irrationales Wagnis eingehen und bereit sind, sich dafür selbst aus der Hand zu geben. Johann Sebastian Bach tat dies vor allem durch das Mittel seiner Musik. Andreas Kruse zeigt dies am Beispiel dieses Buches.
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