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Kundenrezensionen

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am 27. Januar 2014
Während der vergangenen zwölf Monate habe ich (nur) sechs überzeugende Erzählungen von deutschsprachigen Autoren gelesen, was keine ungewöhnliche Bilanz wäre, gäbe es nicht diesen bemerkenswerten Unterschied: Es handelte sich zur Hälfte um weibliche Autoren. Auf der Männerseite trumpften Clemens Berger ("Ein Versprechen von Gegenwart"), Thomas Glavinic ("Das größere Wunder") und Michael Köhlmeyer ("Die Abenteuer des Joel Spazierer"), aber anders als in den Jahren davor schafften genauso viele Frauen unter meine persönlichen Favoriten: Eva Menasse ("Quasikristalle"), Monika Zeiner ("Die Ordnung der Sterne über Como") - und jetzt Katharina Hartwell. Im Jahr davor gelang es nur einer Autorin, überhaupt auf meiner Leseliste zu landen, aber Juli Zehs küchentischpsychologische Tauchernovelle "Nullzeit" überzeugte mich lediglich davon, vorerst keine weiteren Romane der Absolventin des "Deutschen Literaturinstituts Leipzig" zu kaufen.

Nun also ein Debüt. Von Katharina Hartwell kann man wissen, dass sie im Jahr 2009 den renommierten Literaturpreis des Radiosenders "MDR Figaro" gewonnen hat. Drei weitere Jahre hat es gedauert, bis ihr erster Roman erschien. Und ich habe ihn gelesen. Gerne gelesen. Sehr gerne.

"Das Fremde Meer" erzählt nicht eine Geschichte, sondern zehn. Nein, genau genommen sind es elf. Da ist die im Präsens verfasste Liebesgeschichte von Marie und Jan, die die dramaturgische Klammer bildet. Marie, die Ich-Erzählerin, ist schüchtern, introviertiert, fast menschenscheu, schreibt seit Ewigkeiten an der Doktorarbeit und hat keine sehr hohe Meinung von sich, aber dann trifft sie Jan und lernt neue Seiten kennen. Neue Seiten an sich und neue Seiten des Lebens. Diese Liebe, die auf so leisen Füßen daherkommt, ist tief, aufopfernd, aber auch fragil und verletzlich. Sie ist zugleich fundamental und existentiell. Sie ist wie nichts sonst.
Und dann sind da diese zehn Geschichten, die den Roman in der Hauptsache ausmachen. Seltsam utopische, zuweilen deprimierende, fantasievolle, merkwürdige Geschichten, die (möglicherweise) in einem Land spielen, in dem es dunkle Winterwälder, geheimnisvolle Küsten, wandernde Häuser, Totenschiffe, herztote Zirkusartisten, muffige Irrenanstalten, Geisterfabriken und undurchdringliche Wolkenformationen gibt. Diese Geschichten erzählen immer von Rettungen - Rettungen in letzter Sekunde. Aber es geht auch um das Gerettetwerdenwollen. Um Dunkelheit und Hoffnung. Und, klar, um Liebe.

Ich habe noch nie ein Buch wie dieses gelesen. Es ist dem Berlin Verlag hoch anzurechnen, ein so merkwürdiges (im Wortsinn) Buch als Spitzentitel ins Programm genommen zu haben, denn "Das Fremde Meer" ist formal sperrig, fast bis zum Ende rätselhaft, folgt keiner klassischen Dramaturgie, eigentlich aber überhaupt keiner. Von der erzählerischen Schönheit der Geschichten und der stilistischen Sicherheit abgesehen besteht der Reiz scheinbar darin, das Rätsel zu ergründen, das die einzelnen Erzählungen verbindet, doch dieser Gedanke wird über die gut 560 Seiten hinweg irgendwann zur Nebensache. Das Buch verfügt über eine ... wie soll ich sagen? Eine zarte Tiefheit. Das trifft es nicht ganz, aber mir fehlen verblüffenderweise die richtigen Worte. Diese Geschichten, die ihre eigene Normalität ganz selbstverständlich, oft lakonisch, immer eindringlich und ohne jeden Zweifel vermitteln, sind einfach bewundernswert und transportieren eine auf wohltuende Weise irritierende Ästhetik. Außerdem sind sie verdammt spannend und fesselnd.

Wollte man einen negativen Aspekt anmerken, dann jenen, dass "Auflösung" und Ende des Romans vergleichsweise hastig daherkommen, fast sogar ein bisschen lapidar. Aber das wäre Nörgelei auf sehr, sehr hohem Niveau, denn "Das Fremde Meer" ist ein rundum gelungener, unkonventioneller und empfehlenswerter Roman.
22 Kommentare| 15 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. Juli 2013
„Er sollte ihr aus dem Weg gehen. Er sollte sich in ihrer Nähe aufhalten. Er hat so lange befürchtet, dass sie kommen wird. Er hat so lange gehofft, das sie kommen wird“.

So wirft es Ghostboy in einer der zehn Geschichten im Buch innerlich hin und her. Er, der als Attraktion eines Zirkus versteht, zu ertrinken. Und nach Minuten erst wieder an die Oberfläche des Lebens zurückzufinden. Sein Herz aber, das ist sein Geheimnis, schlägt nicht. Weder im ertrunkenen Zustand noch im lebendigen.

„Und in der besten aller schrecklichsten Zeiten wird mein Magen zum sperrigen Kästchen voller rostiger Nägel, hinter meinen Rippen ziept und rattert es....... Ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auffliege und der rechtmäßige Gewinner seinen Gewinn einfordern wird“. Wobei „Er“ der Gewinn ist für „Sie“. So geht es Marie mit ihrer Liebe zu „ihm“.

Marie, aus ihrer gewohnten Kinderumgebung von ihrer Mutter in die Stadt befördert und innerlich wie isoliert dort, trifft später als Studentin Jan. Eine Liebe entwickelt sich, doch mit sehr ungleichen Vorzeichen. Marie ist die, die in der Außenwelt ungelenkig wirkt und sich dort unwohl fühlt im Kontakt mit Menschen. Jan ist der, der sich in der Außenwelt zurechtfindet, „den jeder irgendwie berühren möchte“, doch der innerlich wie eingekapselt wirkt. Nicht von sich erzählt, keine emotionale Sicherheit geben kann.

Marie also sucht und bohrt, hält und fragt, und spürt, dass Jan „gerettet“ werden muss. Wovor? Warum? Während Maries Lebensgeschichte im Buch vorweg erzählt wird, ist dies bei Jan zu entdecken, erst spät zu erfassen, warum er ist, wie er ist. Und was es mit dieser panischen Angst vor Spinnen auf sich hat.

Jan stellt die Zweisamkeit nicht in Frage, ist aber auch für sich selbst im Kern seines Wesens kaum erreichbar. Vielleicht, weil „der Taucher“ ihn bedroht, nicht ins Leben hinauszutreten? Vielleicht, weil in seiner inneren Welt sich ständig die „Mobile“ verrücken und er die Orientierung verloren hat? Vielleicht, weil der „Kapitän“ des Totenschiffes ihn mit aller Kraft zu fassen bekommen will und nicht klar ist, ob er überhaupt schon auf dieses Schiff gehört? Oder vielleicht, weil seine „Bleichkrankheit“ in der fest von Wolken verhüllten Stadt ihm alle Farbe genommen hat und der Weg zurück auf dem Luftschiff kaum möglich scheint?

„Mobile Stadt“, „der Taucher“, „der Kapitän“, „der Ghostboy“, „die Bleichkrankheit“, das sind einige Motive nur aus den zehn im Buch versammelten Geschichten, in welchen Hartwell in luftiger, bildkräftiger, poetischer und sehr, sehr wortkräftiger Sprache ihre Rahmenhandlung von Jan und Marie, die Rettung Jans durch Marie, immer wieder aus anderen Perspektiven wie in einem (spannenden und teils gruseligen) Märchen erzählt.

Geschichten, in denen die äußeren Ereignisse aber nichts anderes sind als Ausformungen und erzählende Erläuterungen des inneren Zustandes beider Personen einerseits und ihrer Beziehung andererseits. Ganz deutlich ist dies erkennbar an den beiden Kindern, Junge und Mädchen, die auf zwei Inseln aufwachsen müssen. Je allein mit ihrer Mutter, den Leuchtturm der anderen Insel nur aus der Ferne zu sehen. Und doch beginnt der Kontakt, wird der Wunsch, zueinander zu kommen bei den beiden Kindern groß und wird die Gefahr dieses Zusammenkommens über das Meer, in dem „der Taucher“ auf Beute harrt, für den Leser intensiv greifbar erzählt.

Zwei Leuchttürme im Meer, die eine drängend, der andere ängstlich, die eine den Zugang suchend, der andere mit dem tiefen Wunsch, sich zu öffnen, ohne es zu können.

Beeindruckend ist es, wie Hartwell diese inneren Befindlichkeiten immer wieder neu und anders in Fiktionen ausdrückt. Wie sie sensibel die Sehnsucht, die Verschlossenheit, die Angst in Symbolen auszudrücken versteht. Eine Bildsprache, die nicht plump daherkommt, sondern wirken will und kaum in jeder Faser vom Leser einfach so entschlüsselt werden kann.

Das die zu Grunde liegende Rahmengeschichte hier abfällt, das, bei Licht betrachtet, diese Überhöhung der eigenen drängenden Nähe zum anderen oder eben diese Stille und Angst in der eigenen Person hier und da auch ein wenig nervt (warum lässt Marie den redefaulen Jan nicht einfach? Warum ist dieser nicht genervt von dem ständigen Angang? Ist das wirklich real, so etwas magisch Verbindendes zwischen Mann und Frau oder liegen hier fast Hollywood-Beziehungsraster zu Grunde?), das ist zwar „zwischen den Geschichten“ ein wenig hinderlich, vermindert aber kaum die Lesefreude und die sprachlich hervorragende Darstellung der „Innenwelten“ in den eigentlichen „Fantasie-Geschichten“.

Ein sprachlich gelungener und in seiner Symbolsprache der Innerlichkeit der beiden Liebenden im Buch anspruchsvoller, sehr intensiver und zum Versinken einladender Roman.
22 Kommentare| 20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 19. Juli 2013
... in der es ein Makel ist, nicht auf einer Insel geboren zu sein. Es gelingt mir besser als gedacht." (S.183) Dies ist Maries Reaktion auf Jans Schilderungen seiner Kindheit.

Marie und ihre Liebe zu Jan - davon handelt das Buch. Es ist eine große Liebesgeschichte, die in allen Facetten, das sind hier zehn Geschichten, erzählt wird - weniger würde nicht ausreichen. Diese Geschichten haben andere Protagonisten, es sind in Wahrheit aber doch immer wieder Marie, Jan und ihr Umfeld.

Dabei ist es ein Hochgenuss, den Ideenreichtum der Autorin , ihre Belesenheit, ihr Wissen und ihre Recherchierfähigkeiten zu genießen - vor allem jedoch ihre wunderschöne, ganz besondere Sprache.

Das Meer ist - so verrät es ja bereits der Titel - immer wieder ein entscheidender Player, doch es gibt auch andere Settings: die Salpetriére, die altehrwürdige psychatrische Klinik in Paris in einem anderen Zeitalter, in dem wir auch Blanche, der Freundin von Marie Curie - und dem Leser möglicherweise aus "Das Buch von Blanche und Marie" von Per Olov Enquist bekannt - begegnen, ein Luftschiff und die Wechselstadt. Es sind Settings, die dem Leser einerseits vertraut, andererseits aber auch wieder völlig neu vorkommen. Und immer wieder Katharina Hartwells beeindruckender Stil - Ich komme nicht umhin, hier eine Kostprobe dieser Fabulierkunst, die ihresgleichen sucht, zu hinterlassen:

"...von der Welt hat er bereits genug gesehen, die Welt ist eine zu schnelle Kutsche, die sich einem im toten Winkel nähert und wenn sie einen erfasst, weiß man nicht einmal mehr, wo oben und unten ist." (S.109), so der männliche Protagonist in "Astasia-Abasia", der Geschichte, die in der Salpetriére spielt. So auch dieses Buch - von Zeit zu Zeit wirbelt es den Leser so durch, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist - und beginnt, die Zusammenhänge in einem anderen Kontext zu sehen.

Ein stilles Buch, ein lautes Buch, ein zartes Buch, ein wildes Buch, immer wieder ist es auch ein spannendes Buch - aber vor allem ist es ein kluges, ein gekonnt konstruiertes und aufgebautes Buch, das all dies vereint. Katharina Hart hat hier ein Kunstwerk geschaffen, eine filigrane Gesamtkomposition aus Sprache, Inhalt, Recherche und Emotionen, die ihresgleichen sucht. Ich muss sagen, ich bin ehrlich froh, dass es sich hier um eine junge Autorin handelt, die ihren 30sten Geburtstag noch vor sich hat, denn das lässt mich auf weitere wunderbare, erkenntnisreiche, prägende und möglicherweise das Leben oder zumindest die Sicht darauf verändernde Werke hoffen. Hartwell schreibt vollkommen anders als jeder Autor, den ich vor ihr gelesen habe, sie hat ihren eigenen Stil, aber vor allem hat sie etwas zu sagen, sie trägt die Geschichten in sich. Das merkt man vor allem daran, dass das Buch weit entfernt davon ist, gekünstelt bzw. konstruiert zu wirken - all das kommt aus dem tiefen inneren der Autorin und fügt sich durch ihre gekonnte Feder zu einem wundersamen Gesamtkunstwerk.

Dieses fremde Meer ist überwältigend und tosend, manchmal ruhig, aber immer wieder schlagen die Wellen über dem Leser zusammen. Ich kann es es wirklich jedem ans Herz legen, der gute Geschichten mag, vor allem aber denjenigen, die sich gern überraschen lassen!
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am 9. September 2013
Obwohl ich sonst weder Sagen noch Märchen lesen mag, gefiel mir dieses Buch sehr gut!
Bei jeder neuen Geschichte, aus denen die Handlung verwoben wurde, steigen im Leser Assoziationen auf und er versucht, zu deuten, zu analysieren! Doch erst in der letzten Geschichte wird deutlich, welchen Sinn all dies hat!
Ein Buch für Leser, die auf der Suche nach dem Besonderen sind!
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am 28. Juli 2013
"Das fremde Meer" von Katharina Hartwell ist kein Buch, das man so eben nebenbei schnell liest, vielmehr fordert es die absolute Aufmerksamkeit des Lesers, um all die kleinen sorgfältig ausgearbeiteten Nuancen auch vollständig erfassen und den wundervollen Schreibstil, die poetische Sprache genießen zu können.
Schwierig die Beschreibung des Inhalts. Letztlich ist es die Geschichte der Beziehung zwischen Jan und Marie, die immer wieder neu in einer völlig überraschenden Art und Weise erzählt wird, an Tiefe gewinnt.
Für sich genommen hinterlassen die einzelnen Abschnitte, zehn an der Zahl, gewiss einen bleibenden Eindruck. Solch einen Ideenreichtum und fesselnden Schreibstil findet man selten. Hier aber liegt für mich das Problem, so beeindruckt und begeistert ich jedes Mal von den neu entstanden Handlungskonstruktionen ( beispielsweise die Schilderungen der Wechselstadt, in der Häuser und Gegenstände keinen festen Platz mehr haben) war, so sehr bedauert habe ich es, dass diese stets nur knapp angerissen wurden um immer wieder mit zahlreichen offenen Fragen zu enden... Gerade nach den ersten Kapiteln stellte sich mir die Frage, was der Sinn all dieser sehr düsteren und bedrückenden Erzählungen wohl sei. Zudem der allumfassende Symbolismus, die versteckten Anspielungen und offenen Fragen haben bei mir irgendwie das Gefühl geweckt, Essentielles überlesen bzw. bedeutsame Aspekte nicht verstanden zu haben. Furchtbar!
Dennoch geradezu zwanghaft musste ich immer weiter lesen, das Bedürfnis Zusammenhänge zu erschließen übermächtig und hier enttäuscht das Ende des Romans keineswegs. Gekonnt gelingt es der Autorin den vorhergegangenen Seiten einen Sinn zu verleihen, überzeugende und berührende Antworten zu präsentieren.
Ein Buch das unbestritten in Erinnerung bleiben wird und dessen Lektüre sich in jedem Fall lohnt.
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am 28. Juli 2013
"Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen." Das klingt vielversprechend romantisch - aber Vorsicht: Wer einen Roman á la Niffenegger erwartet, ist hier falsch. Happy Ends werden nicht geliefert, und auch in punkto Eros, Leidenschaft und markige Helden ist Fehlanzeige. Stattdessen erfordert Katharina Hartwells Erstling die Bereitschaft, sich zu öffnen und konventionelle Erwartungen fahren zu lassen. Wem das gelingt, bekommt als Lohn eine ganz besondere Leseerfahrung geschenkt.

Hartwell erzählt die Geschichte des verschlossenen Jan und der Außenseiterin Marie, die auch die Rahmenhandlung darstellt, die Roman"realität". Wie Marie zu der wurde, die sie ist, erfahren wir gleich zu Anfang, Jans Werden hingegen Schritt für Schritt. Der Roman kontrapunktiert die Rahmenhandlung mit Einschüben märchenhafter Geschichten, für die die Autorin tief in die Märchen- und Liederkiste greift. Zutage fördert sie unter anderem Dornröschen, Rapunzel und die zwei Königskinder, aber auch Figuren aus anderen Romanen wie z. B. Blanche aus Enquists "Blanche und Marie", und manche Geschichten lassen sich als Dystopie oder Science Fiction lesen. Alle haben jedoch etwas Magisches und eine Reihe von Elementen gemeinsam, die immer wieder auftauchen, und stellen stets andere Varianten von Jan und Maries Geschichte dar. Immer geht es um Bedrohung und Rettung, und mit fortschreitender Rahmenhandlung verflechten sich die Märchengeschichten immer mehr - was in der einen Geschichte Phantasie oder gar Lüge ist, wird in der nächsten zur "Realität" und oftmals nur durch bloße Gedanken oder Worte in die Existenz geholt. Es gibt also die Fiktion in der Fiktion in der Fiktion, und je weiter wir lesen, desto mehr ist alles mit allem verbunden. Dabei vollzieht sich von Geschichte zu Geschichte eine fast unmerkliche Wandlung: Wir sind uns nicht mehr sicher, was mit "Rettung" eigentlich gemeint ist.

Geschrieben ist das in einer exquisiten Sprache, die wunderbare Bilder und eine ganz einzigartige, melancholisch-ätherische Atmosphäre erschafft. Manche Sätze in diesem Roman sind deutlich älter als die verblüffend junge Autorin - man kann sich nur wundern und hoffen, dass dieser Roman nicht der letzte ist, den wir von ihr zu lesen bekommen.

Etwa in der Mitte des Buches wurde ich ungeduldig und hätte gern, bitteschön, etwas weniger Sprachschönheit und mehr Eros, Leidenschaft etcetera, kurzum etwas mehr Handfestigkeit gehabt. Trotzdem konnte ich von dem Buch nicht lassen, und mit der nächsten Geschichte hatte es mich schon wieder vereinnahmt. Gut so, denn das unerwartete! Ende ließ mich GANZ tief einatmen: Jedes einzelne Puzzleteil fiel an seinen Platz, die ungemein kunstvolle Konstruktion (Chapeau!) - die ich schon des Selbstzwecks verdächtigt hatte - ergab perfekten Sinn.

Worum geht es also in diesem Roman? Es geht um die Kraft der Worte, aus der ganze Welten erwachsen können, und vielleicht auch Rettung, was immer das sein mag. Es geht um Treue, Beharrlichkeit und den Mut der Verzweiflung. Es geht um nichts weniger als die dunklen Tiefen des Lebens, in die die Autorin schaut, ohne den Blick abzuwenden.

Begeisterte Leseempfehlung.
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am 18. Juli 2013
Jetzt stehe ich da, habe das Buch ausgelesen und muss mir überlegen, wie ich dem in einer Rezension gerecht werden kann – ich wette: gar nicht!
Wie soll man etwas in Worte fassen, was man nur selbst fühlen kann? Wie soll man etwas beschreiben, was man selbst nicht versteht, sondern jeder für sich interpretieren muss?

Der Begriff „Liebesroman“ wird diesem Buch definitiv nicht gerecht. Natürlich ist es eine Liebesgeschichte, jedoch keine, die man so schon tausendfach gelesen hat. Es ist Fantasy, Märchen, Gruselgeschichte und irgendwie alles in einem.
Es geht um Marie und Jan – zwei Seelen, die sich nicht gesucht und doch gefunden haben.
Es geht um Gefühle – gute wie negative zugleich, denn: Ängste spielen eine sehr große Rolle in diesem Roman.
Es geht um den Tod, die Vergänglichkeit und düstere Charaktere, Menschen, die in ihrer Lebensweise gefangen sind und nicht aus ihrer Haut können.
Doch hauptsächlich geht es darum, sich von einer Erzählweise fesseln, berühren und gefangen nehmen zu lassen, die mich persönlich nicht mehr los lässt.

Ich habe die Leseprobe gelesen und wusste: Dieses Buch MUSS ich lesen, weil es mich sofort in seinen Bann gezogen hat.
Jetzt, wo ich es gelesen habe sage ich: Dieses Buch sollte jeder gelesen haben, denn sonst verpasst man etwas ganz Besonderes, Außergewöhnliches, Faszinierendes, Unbeschreibliches!

Fazit:
5 Sterne sind nicht genug, für dieses Werk, aber da mir nichts anderes bleibt, gebe ich eben diese und denke mir 1000 weitere dazu.
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am 14. Juli 2015
Marie liebt Jan, damit wollen wir beginnen...

Doch ganz so einfach ist es nicht, denn diese Liebe lässt sich nicht einfach mit einem Satz beschreiben und so erzählt Marie ihre Geschichte in Form von zehn kleineren Binnenerzählungen immer und immer wieder.

Das Besondere daran ist, dass dabei mit verschiedenen literarischen Genres, wie z. B. Science Fiction oder das Märchen und Erzählformen, z. B. die seltene Form des "Du" experimentiert wird.

Was ich ebenfalls besonders schön an diesem Buch fand, ist die unglaubliche Poesie seiner Sprache, die einen sofort gefangen nimmt. Man hat das Gefühl, dass jeder Satz, jedes Wort, jede Metapher und jeder Vergleich genau so sind wie sie sollen, dass die Geschichte in sich rund und bedeutend ist, auch wenn man wirklich bis zum Schluss rätseln muss, warum Marie ihre Geschichte so "umständlich" erzählt. Aber auch dies hat seinen tieferen Sinn, wie am Ende aufgeklärt wird.

Soviel Kreativität bei einem Roman birgt natürlich auch immer die Gefahr der Verunsicherung des Lesers, wenn er seine Lesegewohnheiten aufgeben und sich auf das Experiment einlassen muss, um bis zum Ende, der Auflösung des Rätsels, zu gelangen. Ebenso könnte es passieren, dass die Geschichten belanglos nebeneinander stehen und dem Leser nichts zu sagen haben.

Das ist hier aber definitiv nicht der Fall! Durch geschickt eingesetzte Parallelen und dem roten Faden: Liebe, Angst und Rettung "gehören" die Geschichten einfach zueinander. Sie verschmelzen nach und nach zu einer Einheit und mit der Realität von Marie, was ich sehr faszinierend finde.

Mir haben (außer einer Geschichte) alle sehr gut gefallen und ich finde, dass das ein guter Schnitt ist. Bis zum Ende hin war ich durchgängig neugierig und gespannt auf die Auflösung und kann nur als Fazit schreiben: es hat sich gelohnt!

Mein Fazit:

Für jeden, der gerne poetische Bücher liest und sich auf Leseexperimente einlassen mag, kann ich dieses Buch uneingeschränkt und aus tiefstem Herzen empfehlen.
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am 18. Juli 2015
[...] "Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer [...]

So sieht Marie ihr Leben. Gewappnet, den Gefahren entgegen zu treten, zu retten, zu überleben, bestreitet Marie dieses Leben. Und so still und manchmal eigensinnig und unsichtbar sie ist, um so plötzlicher und direkter fällt Jan in ihr Leben. Er, der es genau so sieht. Der genau so Angst hat. Lebensläufe, die nahezu parallel sind, und die sich dann plötzlich kreuzen und dann gemeinsam parallel verlaufen. Die Geschichte von Marie und Jan wird in 10 Episoden beschrieben; die reale Episode und 9 weitere fiktive. Teils Sci-Fi, teils märchenhaft, teils an Kafka erinnernd, teils an Theodor Storm.

Als ich dieses Buch angefangen habe zu lesen, habe ich eigentlich nichts besonderes erwartet. Doch eine Liebesgeschichte. Das ist es auch. Aber es sind Geschichten, die einen traurig aber auch enorm hoffnungsvoll hinterlassen. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses Buch so unterschiedliche Genre bedient. Da gibt es das klassische Märchen, den historisch korrekten Besuch der Salpetrière aber auch die Endzeitstimmung in Science Fiction Gestalt.
Bei aller Angst sprechen sie immer auch für den Mut, die Hoffnung, die Sonne, die Rettung und das Leben. Aber sie konfrontieren auch mit den eigenen Ängsten, der Trauer, dem Tod und der eigenen Fragilität des Lebens und der Vergänglichkeit.
Katharina Hartwell vermag es durch ihre plastische Sprache den Leser in fremde Welten zu entführen. Die Szenen werden plastisch, Gefühle spürbar und fast greifbar. Manches ist surreal erdrückend und dann wieder federleicht. An einigen Stellen war so viel Witz und Ironie dabei, dass ich lachen musste. Die klassische Frauenrolle wird vollkommen auf den Kopf gestellt.
Dieses Buch ist sicher keine leichte Kost, hat mich aber so begeistert, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte - und auch wieder zur Hand nehmen werde. Ich bin sehr gespannt auf die folgenden Bücher und wage mal einfach einen Ausblick: Katharina Hartwell's Bücher werden Teil der modernen Literatur in den Schulen sein.
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am 2. März 2014
Die verschiedenen miteinander auf innerster Ebene verflochtenen Geschichten - einfach hinreißend!!! Mit Schilderungen aus tiefsten Seelenräumen des menschlichen Empfindungsreichtums - wirklich ergreifend. Archaische Bilderwelten ineinander verwoben zu einem schriftstellerischen Meisterstück!
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