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am 2. September 2004
Dieses Buch, in dem es um die Erlebnisse einer jungen Frau im Berlin des 20. April bis 22. Juni 1945 geht, ist sozusagen die Umkehrung von "Das Ende" (Joachim Fest) und anderen Büchern, die aus der Distanz der politischen Geschichte die Geschehnisse am Kriegsende schildern.
Hier schreibt eine Frau aus dem Volk ein erschütterndes Tagebuch - über das Vorrücken der Russen von Straße zu Straße, während die Nazis immer noch Deserteure ihrer dem Untergang geweihten Armee öffentlich hinrichten, über den Kriegsalltag mit Kellernächten, Bomben und dem Mangel an Alltäglichem wie Wasser- und Gasversorgung, die Plünderungen und zahllosen Vergewaltigungen durch die Rote Armee. Gerade das letzte Thema dokumentiert sie mit einer innerlichen Distanz und Sachlichkeit, die erschreckt und zugleich die Authentizität des Buchs belegt - nichts ist durch Hass und Rachlust verzerrt und überzogen! Gerade dadurch bezieht dieses Buch aber auch seine Faszination, denn wie die Autorin sagt: In den Ruinen waren die Frauen das stärkere Geschlecht.
Zu Kriegsende beginnt im allgemeinen Chaos der Hunger. Sex mit Russen gegen Lebensmittel, der Mensch wird dem Menschen zum Wolf und klaut seinem Nachbarn, was ihm selbst von anderen gestohlen wurde. Auf einem Feuer aus Naziliteratur kocht man Brennnesseln mit halbfaulen Kartoffeln. Die grenzenlose Solidarität der Bombennächte löst sich auf. Zukunftsangst regiert, genährt von obskuren politischen Gerüchten. Und doch gibt es die unerschütterliche Hoffnung auf einen Neubeginn, den man zu Ende des Tagebuchs bereits ahnen kann.
Ich konnte dieses zugleich entsetzliche und anrührende Buch nicht aus der Hand legen, bis ich es ausgelesen hatte, und kann es jedem nur empfehlen.
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am 18. September 2003
... so begreift sich auch die Autorin dieses Buches, die verständlicherweise anonym bleiben will. Denn was ihr widerfuhr und was sie durchmachen mußte, steht für viele Frauen, die im Berlin um das Kriegsende herum gelebt haben. Bemerkenswert ist, daß die Autorin weder anklagt noch Rachegedanken schürt - sie schildert einfach und geradezu abgeklärt, was passiert ist mit ihr und in ihrer Hausgemeinschaft. Ein wertvolles Zeitdokument ist dieses Tagebuch, denn es macht beispielsweise begreiflich, warum so manche deutsche Frau zum "Russenliebchen" wurde - nämlich aus purem Selbsterhaltungstrieb und um sich (da sonst als Freiwild geltend) Horden von Männern vom Leib zu halten.
Es schildert die Angst, die Beschwernisse und die Ungewißheit dieser Tage - aber auch die kleinen Freuden, die es dennoch auch gibt. Die Autorin muß sich zwar preisgeben, aber gibt sich selbst nie auf, auch wenn es sie manchmal auch hart trifft. Wenn man ihr Zeitdokument liest, fühlt man sich als Längst-nach-dem-Krieg-Geborener in eine grausame Welt voller Absurditäten und Unvorstellbarkeiten versetzt, die man sich schwerlich vorstellen kann.
Dieses Buch ist wichtig, denn es schildert diesen Zeitabschnitt und seine Erscheinungen so, wie er wirklich war, aus der Sicht eines ganz normalen Menschen. Es zeigt, daß sich in der größten Not die Menschen helfen - aber es zeigt auch, wie sich in der Zeit der größten Not jeder Mensch auch selbst der nächste ist. Über allem, was die Autorin erzählt, schwebt der ständige, allgegenwärtige Hunger jener Tage.
Wer Not- und Besatzungszeiten besser verstehen will, der muß dieses Buch lesen.
Alle anderen müssen es auch.
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am 9. Juli 2003
Toll, dass der Eichborn-Verlag diesen Text nochmals verlegt hat, es ist ein wirklich absolut lesenswertes zeitgeschichtliches Dokument. Noch nie habe ich derart anschaulich und intensiv von den letzten Kriegstagen und der "Stunde Null" gelesen.
Meines Erachtens geht es in dem Buch in erster Linie um die Frage, wie Menschen in einer so extremen Zeit (ohne Regierung, ohne "Versorgung") reagieren. Sehr interessant, wie sie es tun, was alles geschieht...!
Die Autorin schreibt "leicht", ironisch, distanziert, sehr lebendig. Wenige Stichworte z.B. stellen einem plastisch eine ganze "Kellergemeinschaft" vor Augen.
Schade allerdings, dass die Entstehungsgeschichte des Textes trotz Vor- und Nachwortes weitgehend im Dunkeln bleibt, man würde sich eine textkritische Ausgabe mit Anmerkungen etc. wünschen. Ein 100%-ig authentisches Tagebuch kann das meiner Meinung nach nicht sein, es wirkt an manchen Stellen schon "geglättet", bearbeitet. Macht aber nichts, wie ein Literaturkritiker schrieb: "Die schönste Wahrheit (in einem Buch) nützt nichts, wenn sie nicht lesenswert formuliert ist." Lesenswerte Wahrheit liegt hier ohne Zweifel vor. Diese Lektüre wird man so schnell nicht mehr vergessen, und gern würde man mehr von dieser Autorin lesen!(Wie ist es ihr weiterhin ergangen?)Wer sie wohl war?
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am 19. Juli 2003
Ich habe dieses Buch paradoxerweise gleichzeitig mit Betroffenheit, als auch mit Distanz gelesen, und es fällt mir überhaupt erstmals schwer dieser Chronik hier eine Bewertung zu geben, da ich es nicht an den üblichen Massstäben für meine Bewertungen messen kann. Als tagebuchartiger Roman bekäme es bei mir 3 Sterne, Als Chronik, die verdienten 5 Sterne, deshalb unterm Strich 4 Sterne.
Ein Gefühl der Betroffenheit darüber, was diese Frau, die unerkannt bleiben möchte, in den letzten Tagen des Krieges durchgemacht hat und beschreibt. Über das, was auch Millionen anderer Frauen mitgemacht und durchlitten hatten, und über das ich bisher nur wenig gelesen habe. Zuerst das Überleben in den Trümmern Berlins, dann die Rache der Sieger insbesondere durch sexuelle Gewalt und Übergriffe an Frauen, schließlich der Hunger und das verzweifelte Suchen nach Nahrung. So direkt und unverblümt habe ich das bisher noch nie gelesen und es hat mich nicht nur betroffen gemacht, sondern auch schockiert und z.T. angeekelt z.b. wenn beschrieben wird, wie verheerend es für die Frauen war, wenn gerade in der Zeit die Milch versiegt und sonstige Babynahrung nicht zu bekommen war, wenn einem zusammengebrochenen Ackergaul noch bevor er tatsächlich tot ist, aus purem Überlebenskampf das Fleisch von den Rippen geschnitten wird, wenn Frauen sich unter den Eroberern einen Leitwolf suchen, der ihnen die anderen Wölfe vom Hals hält, nach dem Motto: "Augen zu und durch!" oder: " Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." Ein Leitwolf, der aber auch hilft zu überleben, indem er Nahrungsmittel beschafft. Das Gefühl, der Frau, sich prostituieren zu müssen, nur damit sie überleben kann.....Wirklich ein harter Tobak!
Distanz zu dem Buch habe ich empfunden, weil die Autorin die schlimmsten Erfahrungen, die eine Frau nur machen kann, scheinbar unberührt, schonungslos und kaltblütig beschreibt, jede Vergewaltigung wird mit einen Synonym "VW" registriert. Da, wo mir z.b. beim Lesen des Buches von Martin Doerry über das Leben der Lilly Jahn und deren Briefe aus dem KZ an ihre Kinder die Tränen kamen, stockt mir hier der Atmen und ich bekomme eine Gänsehaut. Trotzdem, oder auch gerade deshalb bringe ich dieser Autorin meinen grössten Respekt entgegen. Sie ist frei von jeglichem Selbstmitleid und ihre "Kaltblütigkeit" nur Selbstschutz, dabei beschreibt sie Realitäten und " unfassbare Ungeheuerlichkeiten" mit einer fast gläsernen Klarheit, illusionslos und weder beschönigend noch übertreibend. Ein wichtiges Dokument, eine Chronik aus einer Zeit, die bisher nur weitgehend aus der Sicht von Männern beschreiben wurde, aber beileibe kein angenehmes Buch bei dem man sich entspannt im Sessel zurücklehnen kann!
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am 11. September 2003
Die Schreiberin dieser Aufzeichnungen möchte anonym bleiben, zumal ihre Person auch für die niedergeschriebenen Erlebnisse keine Rolle spielt.
Anonyma beschreibt in ihrem Buch, die letzten Kriegstage im Jahre 1945. Die ersten aufgeschriebenen Tage des Aprils verlebt sie zwischen Keller, ihrer Dachwohnung und dem Wasser- oder Essenholen. Als dann die Russen in ihrem Bezirk einmarschieren, verstecken sich die meisten Frauen, da sie berechtigerweise Vergewaltigungen und Schändungen befürchten. Anonyma schreibt diese Tage erst mit Zurückhaltungen auf - ohne daß einmal ein solches Wort fällt. Doch im Laufe der Tage, als auch ihr dieses Schicksal widerfährt, nennt sie doch ganz klar die Sache beim Namen. Sie verarbeitet die Dinge, die ihr passieren, mit dem Schreiben und denkt auch im Schreibeprozeß an ihre Vergangenheit zurück. Keller, Flure selbst Hauseingänge waren für Frauen nicht sicher. Die Fragen an andere Frauen, die man in den Tagen kennenlernte, gingen immer in diese Richtungen: "Wie oft?". Es ist eine erschreckende Zeit. Als die Soldaten in Berlin weniger wurden, ging es darum, Berlin wieder aufzubauen. Auch dabei mußten die Frauen mit den Händen zupacken und hatten meist nichts zu Essen. Abmagerungen waren keine Seltenheit.
Das Buch zeigt die erschreckende Szenerie der zurückgebliebenen Frauen in Berlin, als die Alliierten Einzug finden. Dabei wird nur Bezug auf die russischen Soldaten genommen. Wobei aber Anonyma von jenen Soldaten auch Situationen erfahren hat, in denen die deutschen Soldaten in Rußland Kinder geschändet und ihnen den Kopf eingeschlagen haben. Es ist ersichtlich, daß es Anonyma nicht darum geht, die Russen schlechtzumachen, sondern sie will vielmehr anhand ihres Schicksals das Leben der Frauen in den letzten Tagen zeigen. Nicht nur die Männer haben schwere Tage hinter sich bringen müssen, sondern auch die Frauen. Das Buch ist erschreckend und läßt sich nicht mal eben schnell lesen. Es bewegt und macht traurig. Es zeigt, daß wir in der heutigen Welt und gerade in Deutschland ein wunderbares Leben führen - ohne Angst vor Hunger oder dergleichen. Es ist empfehlenswert zu lesen, obgleich in Form eines Tagebuchs. Die Materie wird dem Leser nicht wie ein Sachbuch nähergebracht, sondern anhand von erlebten Emotionen und Situationen.
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am 2. Juni 2004
Dieses Buch ist gerade für mich, die in der ehemaligen DDR groß geworden ist, ein realer Einblick in die zeit der Befreiung.Keine heldenverehrung, sondern einfach die Wahrheit über Erlebnisse,wie sie zu dieser Zeit an der Tagesordnung waren und tausende Frauen erleiden mußten.Mal zum schmunzeln, mal zum Weinen, erzählt die Autorin mit einem einzigartigen Witz und Selbstironie Ihre Erlebnisse.Wirklich ein Klasse Buch,das ich völlig verschlungen habe und nur empfehlen kann.
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Passend zum Kinofilm möchte ich heute das Buch

Anonyma - eine Frau in Berlin vorstellen.

1959 wurde die Geschichte zum ersten mal in einem kleinen Schweizer Verlag veröffentlicht und dann erst wieder nach dem Tode der Autorin.

Diese Tagebuchaufzeichnungen einer Frau in Berlin sind im Mai 2003 - achtundfünfzig Jahre nach ihrer Entstehung, als 221 Band der Anderen Bibliothek im Eichbornverlag, Frankfurt am Main, erschienen.
Der Text folgt mit einigen Korrekturen, der deutschen Erstausgabe, die 1959 bei Helmut Kossodo in Genf und Frankfurt/Main verlegt wurde. Das Nachwort von Kurz W. Marek wurde für die amerikanische Übersetzung geschrieben, die 1954 bei harcourt Brace und Company in New York erschienen ist. Es erscheint hier erstmals in der deutschen Orignialfassung. Das Lektorat lag in den Händen von Rainer Wieland
(Quelle: Eichborn Verlag)

Inhalt:
=====
Vorwort Seite 5
Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945
Seite 7 bis 283

Nachwort von Kurz W. Marek Seite 285
Man schreibt den 20. April und die Geschichte, die Anonyma (die Autorin möchte verständlicherweise anonym bleiben, bei dem, was sie im Buch schreibt und aufdeckt ...) geht bis zum 22. Juni 1945. Die Zeit also, also Berlin fällt, als Berlin von den Russen überfallen und diese sich der Stadt und der daran noch lebenden Menschen bemächtigt.

Gerd ist Anonymas Freund, er kehrt von der Ostfront zurück und versteht die Welt nicht mehr, alles in so anders, wie er Berlin verlassen hat.
Als Gerd aber die Tagebuchaufzeichnungen seiner Freundin in die Hände bekommt und immer wieder "Schdg." darin zu lesen bekommt, macht er sich seine Gedanken. Anonyma klärt ihn auf und nun weiß er "Schdg." steht gleichbedeutend mit Schändung !!!

Nichts ist mehr, wie es war. Diese Frau, sie ist zu der Zeit Anfang 30, von Beruf Fotojournalistin und weit in der Welt herumgekommen. Sie spricht gut Russisch und daher konnte sie sich auch mit den Soldaten verständigen.
Sie und die anderen Frauen und Mädchen müssen Plünderungs- und Vergewaltigungsorgien über sich ergehen lassen. Sie müssen hart werden, um zu überleben. Ihr Herz abschalten ....

Viele haben es nicht überlebt aber einige sind der Hölle entkommen. So auch Anonyma, und sie hat darüber berichtet, wie sie diese Zeit für sich empfunden, wie sie über alles versuchte hinwegzukommen und man kann verstehen, dass sie sich ausergebeten hat, auch über ihren Tod hinaus anonym zu bleiben.
So ehrlich und ungeschminkt, so wahr und konkret ist noch nie über dieses Thema geredet worden. Diese Tagebuchaufzeichnungen sind auf der ganzen Welt bekannt und vielgelesen.

Ich finde es unheimlich gut, dass diese Frau sich dazu entschlossen hat, der Nachwelt diese fürchterlichen Geschehnisse nicht vorzuenthalten. Man muss einfach wissen, wie schrecklich diese Zeit war, um zu begreifen, dass dies nie wieder passieren darf, um zu begreifen, was diese Menschen alles auf sich nehmen mussten, wie mutig und unverzagt sie ihr Leben meistern mussten. Es gebührt ihnen Anerkennung und Hochachtung, man kann das nicht oft genug sagen.
Ich bin von diesem Buch fasziniert und habe es mit einem Kopfschütteln und stellenweisen tränenden Augen gelesen.

Es ist sehr flüssig und zündend geschrieben. Der Leser kann sich sehr gut in die Gedanken und Gefühle der Frauen hineinversetzen. Man versucht, zu verstehen, man versucht zu realisieren, wie diese Frauen, diese schreckliche Zeit überstehen - überleben konnten.
Anonyma erzählt auch von Anatol der ein bisschen ihr Beschützer wird, den sie sich zunutze macht, um zu überleben. Sie beschreibt stellenweise die wahrhaft schrecklichen Geschehnisse bis ins Detail.

WO BLEIBT DIE MORAL ???? - werden vielleicht einige sagen, die dieses Buch lesen, aber ich finde, wo kann man Moral erwarten, wenn solche Dinge passieren - hier geht es ums nackte Überleben und das alles schildert Anonyma und ich bewundere diese Frau für ihren eisernen Willen, ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen, ihre Art, sich durch diese Zeit zu schlängeln und dies auch noch schriftlich festzuhalten.
Es sind ja nicht nur die körperlichen Qualen, die diese Frauen erleiden mussten, auch Hunger, Not, Kleidermangel, Kälte ... all dies haben sie oft ohne ihre Männer und mit ihren Kindern durchleben müssen und dann noch dies .....

Ein tolles Buch, ein Zeitzeugnis, wie es kaum besser geschrieben sein kann. Es ist berührend und zu herzen gehend, es ist wahr und schonungslos und literarisch ganz sicher ein Leckerbissen. Sie urteilt klar und nimmt kein Blatt vor den Mund, sie stempelt aber auch die Russen nicht komplett ab, sie gibt dem Leser ein komplettes Gefühls- und Gedankenbild dieser Zeit.

Ich empfehle es wärmstens.
Zum Abschluss noch eine kurze Leseprobe:
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Dienstag, 15. Mai 1945
Die übliche Hausarbeit, es ödet einen an. Oben in der Dachwohnung, die ich zum ersten Mal seit dem Russeneinmarsch wieder betrat, kramen zwei Dachdecker herum. Ihren Lohn erhalten sie in Form von Brot und Zigaretten. Kein Russe hat in die Dachwohnung gefunden. Der feine Kalkbelag auf den Dielen, der jeden Fußabdruck verrät, war unberührt, als ich die Dachdecker einließ. Mit genügend Wasser und Mundvorrat hätte ich dort oben vermutlich als unentdecktes Dornröschen verharren können. Aber darüber wäre ich mit Sicherheit verrückt geworden, so allein.

Im Rathaus müssen sich mal wieder alle Leute melden. heute war mein Buchstabe dran. Ungewohnt viele Menschen waren zur Stunde der Registrierung auf der Straße. Im vorraum war ein Mann dabei, das Adolf-Relief mit Meißel und Hammer wegzuklopfen. ....
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am 15. September 2003
Die Schreiberin dieser Aufzeichnungen möchte anonym bleiben, zumal ihre Person auch für die niedergeschriebenen Erlebnisse keine Rolle spielt.
Anonyma beschreibt in ihrem Buch, die letzten Kriegstage im Jahre 1945. Die ersten aufgeschriebenen Tage des Aprils verlebt sie zwischen Keller, ihrer Dachwohnung und dem Wasser- oder Essenholen. Als dann die Russen in ihrem Bezirk einmarschieren, verstecken sich die meisten Frauen, da sie berechtigerweise Vergewaltigungen und Schändungen befürchten. Anonyma schreibt diese Tage erst mit Zurückhaltungen auf - ohne daß einmal ein solches Wort fällt. Doch im Laufe der Tage, als auch ihr dieses Schicksal widerfährt, nennt sie doch ganz klar die Sache beim Namen. Sie verarbeitet die Dinge, die ihr passieren, mit dem Schreiben und denkt auch im Schreibeprozeß an ihre Vergangenheit zurück. Keller, Flure selbst Hauseingänge waren für Frauen nicht sicher. Die Fragen an andere Frauen, die man in den Tagen kennenlernte, gingen immer in diese Richtungen: "Wie oft?". Es ist eine erschreckende Zeit. Als die Soldaten in Berlin weniger wurden, ging es darum, Berlin wieder aufzubauen. Auch dabei mußten die Frauen mit den Händen zupacken und hatten meist nichts zu Essen. Abmagerungen waren keine Seltenheit.
Das Buch zeigt die erschreckende Szenerie der zurückgebliebenen Frauen in Berlin, als die Alliierten Einzug finden. Dabei wird nur Bezug auf die russischen Soldaten genommen. Wobei aber Anonyma von jenen Soldaten auch Situationen erfahren hat, in denen die deutschen Soldaten in Rußland Kinder geschändet und ihnen den Kopf eingeschlagen haben. Es ist ersichtlich, daß es Anonyma nicht darum geht, die Russen schlechtzumachen, sondern sie will vielmehr anhand ihres Schicksals das Leben der Frauen in den letzten Tagen zeigen. Nicht nur die Männer haben schwere Tage hinter sich bringen müssen, sondern auch die Frauen. Das Buch ist erschreckend und läßt sich nicht mal eben schnell lesen. Es bewegt und macht traurig. Es zeigt, daß wir in der heutigen Welt und gerade in Deutschland ein wunderbares Leben führen - ohne Angst vor Hunger oder dergleichen. Es ist empfehlenswert zu lesen, obgleich in Form eines Tagebuchs. Die Materie wird dem Leser nicht wie ein Sachbuch nähergebracht, sondern anhand von erlebten Emotionen und Situationen.
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am 15. August 2003
Ein wunderbares Buch, das unbedingt gelesen werden muß! Es ist erschreckend, was die Frauen dieser Generation erlebten und wie sie damit überlebten. Seit ich dieses Buch gelesen habe, ist meine Hochachtung vor ihnen noch gestiegen.
Das Buch zeigt auch, wie aus Menschen, die zu Friedenszeiten wahrscheinlich liebevolle Ehemänner und Väter sind, durch diese furchtbaren Kriege Unmenschen werden, die ihre eigene Verzweiflung an Schwächeren auslassen.
Dieses Buch fängt man an und kann nicht mehr aufhören, bevor es zu Ende ist. Danke, Anonyma, daß Du uns Deine Erlebnisse als Warnung hinterlassen hast.
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am 9. Januar 2004
Die millionenfachen Vergewaltigungen deutscher Frauen zwischen Memel und Elbe von Januar bis Mai 1945 durch die Soldaten der Roten Armee, angestachelt durch regelrechte Aufrufe dazu (der Geistesschaffende Ilja Ehrenburg wird da immer wieder zitiert), ist ein in der Neuzeit der Kriegsführung in dieser Dimension einmaliges Phänomen. Da sich aber gerade dadurch der Widerstandswille der deutschen Truppen versteifte (man lese z.B. bei Herbert Brunnegger in „Saat in den Sturm", welche Wirkung auf die Kampfmoral die Verzweiflungsschreie der Mädchen aus dem märkischen Dorf hatten, das man nach erbittertem Kampf hatte gerade räumen müssen), kam es im April zu einem Erlaß Stalins, mit dem diese Vergewaltigungen gestoppt werden sollten. Der Erlaß war zwar schon in Kraft, als die Rote Armee Berlin einzunehmen begann, aber praktisch ziemlich wirkungslos. In einer frappierend nüchternen und sachlichen Sprache schildert die Verfasserin, was sich in ihrer unmittelbaren Umgebung abgespielt und was sie selbst erlebt hat. Die Vergewaltigungen werden plastisch geschildert - nicht nur als ein Überfall, den eine Frau oder älteres Mädchen ein- oder zweimal erlitt, sondern vielmehr als eine sich wiederholende Regelmäßigkeit, bei der eine permanente Verfügbarkeit jedes weiblichen Körpers Alltag wurde. Das konnte man auch schon in anderen Erlebnisberichten lesen. Das besondere dieses Buches besteht darin, daß die Verfasserin reflektiert, wie sich unter dem Druck der alltäglichen Gewalt schon nach wenigen Tagen die Grenze zwischen Vergewaltigung und Prostitution zu verwischen beginnt. Denn nicht nur sie, die gezielt einen breitschultrigen Offizier auf sich aufmerksam macht, sondern auch andere ergreifen die Chance, die unvermeidliche sexuelle Brutalität zu einem Warentausch umzugestalten. „Essen anschlafen", nennt die Verfasserin diese Form der Zwangsprostitution. Die russischen Soldaten, die ja zu Hause auch keine wilden Tiere waren, waren bestrebt, Brot, Speck und Heringe gegen relativ geordnete Verhältnisse einzutauschen. „Und auch andere Frauen sind, wie ich höre, inzwischen genau wie ich in festen Händen und Tabu. ... Bei den beiden Sauf- und Jubelschwestern sind bloß Offiziere zugelassen, die es Nichtberechtigten oder gar Hundsgemeinen schwer verübeln, wenn sie Einbrüche in ihr Bettrevier machen. Allgemein versucht ein jeder etwas Festes, ihm Gehöriges zu finden, und ist bereit, dafür zu zahlen." Bei diesem Arrangement des Überlebens spielt der unbewaffnete deutsche Mann keine rühmliche Rolle mehr. Wenn er nicht sein Leben riskieren will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Geschehen um ihn zu ignorieren und sogar von den „Geschenken" der Sieger mitzuessen. In der Bibel (5. Buch Mose, 21. Kapitel) waren die Anweisungen für die Behandlung der Besiegten konkreter: „Und siehest Du unter den Gefangenen ein schön Weib und hast Lust zu ihr, daß Du sie zum Weibe nehmest, so führe sie in dein Haus, ... und laß ihr die Kleider ablegen, darinnen sie gefangen ist, und laß sie sitzen in deinem Hause und beweinen einen Mond lang ihren Vater und ihre Mutter; danach schlaf bei ihr." Niemand weiß, wie viele unserer Vorfahren aus solchen Verbindungen entstammen. In dem mecklenburgischen Dorf, in dem der Rezensent eine Zeit lang lebte, gab es keine Frau, die 1945 nicht vergewaltigt worden wäre. Und Jugendliche, denen man ihren Vater aus dem fernen Osten ansah. Der deutschen Armee waren jedoch in der Sowjetunion Vergewaltigungen, die als „Rassenschande" galten, untersagt gewesen. Wo kein Kläger war, war aber auch kein Richter.
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