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am 14. Mai 2012
'Beim Laufen habe ich mich an so vieles erinnert. An Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sei vergessen hatte, Manche Erinnerungen waren hart. Aber die meisten waren schön. Ich habe Angst, dass ich sie eines Tages, vielleicht bald, wieder verliere'.

Nicht nur körperlich, auch emotional zutiefst mitgenommen zeigt sich Harald Fry am Ende seines Fußmarsches von über 1000 Kilometern in 87 Tagen.

Er, der zu Beginn des Buches wirkte wie ein Teil einer typisch auseinandergelebten, englisch distanzierten, Familie. Seine Frau Maureen und er in getrennten Zimmern, nur das Nötigste wird gesagt, entfremdet auch von David, dem Sohn, der nicht mehr zu Hause anzutreffen ist. Der nach 45 Jahren als Handelsvertreter nun im nichtssagenden Ruhestand ist. Der sich vorwirft, Zeit seines Lebens da, wo es nötig gewesen wäre, aus seiner inneren, emotionalen Distanz, fast Starre nicht herausgekommen zu sein. Gerade in wichtigen Momenten mit seinem Sohn David. Oder auch, als seine Mutter ihn und die Familie einfach verließ.

Gedanken, die Harold zugeflogen kommen, als er sich, unvorbereitet und spontan, auf den Weg macht. Eine alte Kollegin, seit 20 Jahren nicht mehr gesehen, schreibt ihm einen Brief. Sie liegt im Sterben. Ein Mädchen an der Tankstelle, kurz vor dem letzten Briefkasten des Ortes, erzählt von der Kraft des Glaubens an Besserung.
'Man muss daran glauben, dass ein Mensch wieder gesund werden kann'.

So gibt Harold, ganz spontan, per Telefon dem Hospiz Bescheid, dass er sich auf den Weg macht und Queenie mit ihrem Sterben warten soll. Er käme zu Fuß.

Und Harold macht sich auf den Weg. In einfachen Segelschuhen, mit nur dem, was er gerade dabei hat. Trifft auf Fremde, setzt Fuß vor Fuß. Mit jedem Schritt scheint da auch etwas in ihm selber wieder zurecht gerückt zu werden. Erinnerungen kommen, schamvolle, peinvolle, schöne Erinnerungen. Erinnerungen, die er unter Schmerzen ansehen und verarbeiten muss. Und so erlebt der Leser an der Hand der Autorin einen allmählichen Gang in die Tiefe eines Menschen und seines Umfeldes und derer, denen er begegnet, der bald ahnen lässt, dass hier Geheimnisse, wichtige Dinge noch vorliegen, die erst langsam an der Oberfläche kratzen.

Kommt man zum Ende des Buches, schließt sich der Kreis, gelingt es Joyce, diese eigentlichen Dinge unglaublich überraschend zu enthüllen. In einer Art und Weise, die emotional tief berührt und fast sprachlos zurücklässt. Wie es ihr überhaupt gelingt, Seite für Seite in wunderbarer und immer treffender Sprache eine emotionale Erlebnisreise auf Papier zu bannen, die sich (auch das wieder erst ganz am Ende) tatsächlich als eine echte Pilgerreise des Glaubens (ohne jede Religiosität) darstellt.
'Wenn er den Blick immer auf die Dinge gerichtet hielt, die größer aren als er selbst, dann würde er es schaffen. Ganz sicher'.

Mit menschlichen Erkenntnissen, einer inneren Geschichten, mit Begegnungen, die immer wieder, Seite für Seite, an die Grundfesten der Substanz der Persönlichkeiten reichen. Genau beobachtetes Leben, aus dem Joyce ebenso treffsicher die dahinter liegenden Emotionen zu beschreiben versteht, diese im wahrsten Sinne des Wortes für den Leser erlebbar macht.

Was das Eigentliche ist, was Harold mit Queenie verbindet, was diese für ihn getan hat, warum er sie nun unbedingt noch einmal sehen muss, was sein eigentlicher, tiefer Schmerz ist, der ihn und seine Frau so voneinander getrennt haben und wie sich er, aber auch seine Frau Maureen durch diesen Fußweg entwickeln und verändern, innerlich wieder wie jung werden können, dies alles führt Joyce sprachlich mit fast spielerischer Leichtigkeit vor Augen, ohne je die Gefahr zu geraten, zuviel Pathos oder zu vordergründige Emotionen in den Mittelpunkt zu stellen.

Harold geht einen langen Weg in einer durchaus langen Geschichte, die dennoch keine Längen aufweist, bei der jede Seite und jedes Wort seinen Platz findet. Und in der Rachel Joyce tatsächlich an die Substanz ihrer Figuren, die Substanz der Dinge, die geschehen sind und letztendlich an die Substanz des Lebens selbst geht. Wo der Tod nicht ausgespart wird, der Schmerz seinen Platz findet, die Liebe alles begleitet (oft ohne ins Bewusstsein zu dringen) und das Leben sich lösen darf auch in die eigene Nichtigkeit hinein. Bis dahin, dass man wirklich daran glauben muss (und darf) dass ein Mensch sich in diesem Leben finden kann. In all den Einrahmungen, Einbildungen, im eigenen Versagen und im Anblick schmerzlicher Verluste, welche die eigene Schale hart machen.

Dieses Buch verändert nicht die Welt, aber den, der es liest. Und nach der Lektüre weiß man, dass Joyce nicht übertreibt. 'Ich habe mein Herz in diese Geschichte gelegt'. Spürbar.
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am 15. Mai 2012
Dieses Buch war nicht das, was ich angesichts des Covers erwartet hatte, aber in diesem speziellen Fall ist das gut. Denn erwartet hatte ich eher eine kleine Geschichte aus dem All-Age-Bereich, bekommen habe ich jedoch einen Roman mit Tiefgang, Ernst und Nachdenklichkeit.
Rachel Joyce erzählt in ihrem ersten Roman die Geschichte des Rentners Harold, der an einem ganz normalen Vormittag im April einen Brief von einer alten Bekannten bekommt. Er und Queenie arbeiteten für eine Weile in derselben Firma und wurden schließlich Freunde. Nun schreibt Queenie nach zwanzig Jahren, die sie keinen Kontakt mehr hatten, dass sie Krebs hat und in einem Hospiz an der schottischen Grenze ist. Es ist ein Abschiedsbrief, der Harold sehr zusetzt, da es etwas gibt, weswegen er sich in Queenies Schuld sieht. Hilflos versucht Harold, diesen Brief zu beantworten, doch mehr als ein verschämtes Dankeschön und ein kleiner Satz des Bedauerns will ihm einfach nicht gelingen. Er verabschiedet sich von seiner Frau Maureen, um diesen Brief einzuwerfen, doch je näher er dem Briefkasten kommt, desto klarer wird ihm, dass diese kleine Nachricht nicht reicht. Und so lässt er einen Briefkasten nach dem anderen hinter sich, bis er sich entschließt, ein Zeichen zu setzen und zu Fuß nach Berwick upon Tweed zu gehen. Er hinterlässt Queenie eine Nachricht, in der er sie bittet, auf ihn zu warten:

"Solange ich gehe, muss sie leben. Bitte sagen Sie ihr, dass ich sie diesmal nicht im Stich lassen werde." (S. 28)

Und so marschiert Harold los, in Hemd und Krawatte, in seinen ganz normalen Segelschuhen und ohne Gepäck, einfach so, wie er ist. Vor ihm liegt eine Strecke von knapp 1000 Kilometern und schnell wird klar, dass er diesen Fußmarsch nicht nur für Queenie macht, sondern für alles, was in seinem Leben schief lief. Er läuft für seine Frau, zu der er seit 20 Jahren nur noch ein sehr abgekühltes Verhältnis hat. Er läuft für seinen Sohn, dem er nicht der Vater war, der er sein sollte. Und er läuft auch für sich, in dem Versuch, einer lebenslangen Schüchternheit und Ängstlichkeit zu entkommen, die ihn immer lähmte. Und so ist diese Pilgerreise Harolds erster Versuch, in seinem Leben wirklich etwas zu bewegen. Zum ersten Mal ist er nicht nur stiller und duldender Zuschauer, nein, er ist Akteur. Er kommt mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch und dabei lernt er nicht nur etwas über sie, sondern auch ganz viel über sich selbst.
Harold auf dieser Reise zu folgen hat mich sehr berührt. Rachel Joyce vermittelt ihren Lesern mit sehr viel Gefühl, wie falsche Entscheidungen ein ganzes Leben prägen, aber sie lässt uns nicht ganz hoffnungslos zurück, denn sie zeigt auch, dass es immer noch möglich ist, die Notbremse zu ziehen und etwas zu ändern.
Mit "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist der Autorin ein ganz besonderer Roman gelungen, der so viel mehr zu bieten hat, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Hier geht es nicht nur um ein paar kleine Reiseanekdötchen, nein, es geht um ein ungelebtes Leben, um ein letztes Aufbäumen und den Kampf um Liebe, Treue und Loyalität, vor allem aber geht es um Vergebung. Absolut lesenswert!
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am 15. Juni 2014
Harold Fry und seine Frau Maureen leben in einem typischen, südenglischen Kleinstadtidyll mit Reihenhäuschen und kleinen Gärten. Doch ihr Alltag ist alles andere als idyllisch. Harold und Maureen leben mehr aneinander vorbei als miteinander, zu sagen haben sie sich schon lange nichts mehr und auch Sohn David lässt sich nicht mehr sehen, nur Maureen unterhält sich noch öfter mit ihm. Das alles ändert sich an dem Tag, als Harold Post von einer ehemaligen Kollegin, Queenie Hennessy bekommt, die in einem Hospiz in Schottland im Sterben liegt. Zunächst will Harold nur seine Antwort in den Briefkasten werfen, doch dann beschließt er, angeregt durch eine junge Verkäuferin in einer Tankstelle, zu Queenie nach Schottland zu laufen. Was zunächst wie eine reichliche Schnapsidee wirkt, wird für Harold bald zu einer modernen Pilgerreise ohne religiösen Hintergrund. Denn Harold läuft nicht mehr nur, um Queenie zu retten, wie er zunächst glaubt, sondern auch, um sein eigenes Lebens, das er auf dem Weg Revue passieren lässt. Um seine verpassten Chancen und die Fehler, die er gemacht hat. Seine Reise verändert jedoch nicht nur ihn, sondern auch die Menschen, denen er begegnet - und vor allem Maureen...

Um es zusammenzufassen: Ein einfach nur schönes Buch. Herrlich unaufgeregt und mit einer dazu passenden, leicht poetischen, aber nie übertriebenen Sprache erzählt. Trotz aller seiner Fehler muss man Harold nahezu von Anfang an gern haben und wünscht ihm das ganze Buch über, dass er seine Pilgerreise erfolgreich beenden wird. Es ist nicht gerade eine Geschichte, in der auf der äußerlichen Ebene viel passiert. Zentral ist das Innenleben, die charakterliche Weiterentwicklung der Figuren. Ob man will oder nicht, Harold Fry lässt einen nachdenken und es bleibt ein Eindruck des Buches, nachdem man es aus der Hand gelegt hat. (Auch wenn ich garantiert nicht in Segelschuhen nach Schottland laufen werde.)
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am 30. August 2012
Ein wunderbares Buch, das mich, jenseits der 50, sehr zum nachdenken gebracht hat. Wie schnell frisst einen der Alltag auf, wie schnell wird aus einer großen Liebe ein müdes Nebeneinander, wie sprachlos kann man werden, wenn größte Verletzungen nicht aufgearbeitet sind!
Als Harold Fry seine Pilgerreise begann, war er wortkarg doch schnell erzählte er jedem, der ihm über den Weg lief, seine Geschichte und hat so wieder gelernt, sich auszudrücken, was letzten Endes auch zum glücklichen Ende führte.
Schade fand ich nur, dass er sich nicht schneller von den Mitpilgern, die auf Profit und Publicity aus waren, gelöst hat. Großartig wurde auch Maureen und ihre Wandlung dargestellt. Wie sie dem Wahnsinn nahe mit ihrem toten Sohn kommuniziert und sich von der Außenwelt abschottet, durch das "Verlassen sein" sich aber öffnet und Veränderungen zulässt.
Sehr locker und leicht zu lesen und obwohl ich Groß Britannien bisher nicht kenne, konnte ich mir das Kleinstadt-Milieu, die steifen und wortkargen Personen, die Rituale der einzelnen Menschen sehr gut vorstellen. Es war, als sei ich ein Stück mit Harold gegangen.
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Ausgelöst durch den Brief seiner früheren Arbeitskollegin Queenie Hennessy startet der Rentner Harold Fry auf eine unwahrscheinliche Pilgerreise quer über den britischen Kontinent. Zunächst wollte er nur einen Brief in den nächsten Briefkasten werfen, doch dann läuft er daran vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter...
Queenie ist an Krebs erkrankt und Harold hat es sich in den Kopf gesetzt, dass er mit seiner Reise und dem festen Glauben ihre Krankheit aufhalten kann. Letztendlich liegen 87 Tage und 1000 Kilometer zwischen dem Aufbruch in Südengland und der schottischen Grenze, an der Queenies Hospiz liegt.

'Ich breche jetzt auf. Solange ich gehe, muss sie leben. Bitte sagen Sie ihr, dass ich sie diesmal nicht im Stich lassen werde.' S.28

Harold Fry bricht aus seinem alten Leben aus, dass in einen alltäglichen Trott und Gewohnheiten verfallen ist, seine Frau und er haben sich seit Jahren nichts mehr zu sagen, über der Entwicklung ihres Sohnes und seinen Hang zum Trinken und seiner Perspektivlosigkeit haben sie sich entzweit. Allein die Entwicklung, die Harolds Leben genommen hat, die tägliche Routine und die Eintönigkeit, die sich darin eingenistet hat, zwingen einen dazu, seine Reise Schritt für Schritt zu verfolgen, aus Angst, selbst eines Tages wie er zu enden oder aus Angst, etwas Wichtiges im Leben zu verpassen, falsche Entscheidungen zu treffen, Gelegenheiten ungenutzt verstreichen zu lassen.

'Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen.' S.45

Seine Reise beginnt gemächlich, häufig zweifelt Harold an seinem Entschluss und braucht den Zuspruch zufälliger Weggefährten, um an seinem Plan festzuhalten. Er wirft viel alten Ballast aus seinem Leben ab auf seiner Reise zu Queenie, hält aber auch an alten Gewohnheiten fest, möglicherweise, um sich selbst nicht zu verlieren, so sattelt er bis zum Schluss nicht auf Wanderschuhe um, sondern behält seine Segelschuhe, bis diese kaum noch zusammenhalten.
Die Menschen, die Harold auf seiner Reise trifft, gewinnen nicht immer die Sympathie des Lesers, trotzdem ist jeder einzelne von ihnen ein wichtiges und unverzichtbares Mosaiksteinchen auf Harolds Weg, sie spiegeln zum Teil Facetten aus seinem aktuellen Leben und seiner Vergangenheit wieder und zwingen ihn dazu vergangenes Revue passieren zu lassen und zu überdenken. Rachel Joyce stellt so viele Charaktere nur in Momentaufnahmen vor, und trotzdem berührt sie damit stärker das Herz des Lesers, als es manche Autoren mit einem ganzen Buch vermögen.
Je weiter man an Harolds Seite durch England pilgert, desto klarer wird einem, dass Harold nicht nur zu etwas hin, sondern auch vor etwas wegläuft. Im Laufe seiner Wanderschaft werden seine Frau Maureen und sein Sohn David stärker in die Geschichte involviert und es wird immer deutlicher, dass die Freundschaft zu Queenie nicht der einzige Grund ist, weshalb Harold Kilometer um Kilometer zurücklegt.
"Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" enthält unheimlich viele bemerkenswerte Textstellen und kleine Lebensweisheiten, dass man ständig beim Lesen innehalten möchte, um sich Wort für Wort zu verinnerlichen. Neben dem leichtfüßigen Schreibstil hat mir bei der Umsetzung besonders die Überschriftenauswahl der Kapitel gefallen. Rachel Joyce setzt sie immer mit einem Protagonisten aus dem Buch in Verbindung.

Fazit:
"Die unwahrscheinliche Reise des Harold Fry" ist eine tiefgründige Geschichte über Liebe, Freundschaft und Vergebung: über wirklich wichtige Dinge im Leben, die man so häufig über Nebensächlichkeiten aus den Augen verliert. Obwohl die Füße auf 1000km schwer werden und manche Themen voller Schwermut sind, gelingt es Rachel Joyce die Geschichte leichtfüßig zu erzählen und nicht nur dem namensgebenden Protagonisten ein Lächeln für die schönen Dinge im Leben auf die Lippen zu zaubern.
Rachel Joyce hat mit ihrem Debütroman eine Geschichte geschaffen, die auf viele Arten berührt, sie bringt einem zum Lachen, Weinen und Nachdenken und hallt noch lange in Gedanken nach.
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Harold Fry erhält eines Tages einen Brief von seiner alten Kollegin Queenie an die er die letzten zwanzig Jahre nicht mehr gedacht hatte. Er ist verwundert und zutiefst traurig. Queenie hat Krebs im Endstadium und wird bald sterben und wollte sich von Harold verabschieden. Kurzerhand schreibt Harold einen kurzen Brief, den er zum Briefkasten bringen will, denn weiter kann er nichts tun... doch dann entschließt er sich einfach weiterzulaufen...
Er läuft weiter bis zu Queenie, einem südlichsten Zipfel in England startet er in Kingsbridge und läuft rund 1000 km bis ins schotthische Berwick upon Tweed, wo Queenie in einem Hospital liegt.

Unterwegs schreibt er Postkarten an seine Frau, an Queenie sie solle durchhalten, er sei unterwegs und trifft auf dem Weg viele Leute die an ihn glauben und ihm auch Mut machen... doch genauso gibt es dunkle Stunden und Zweifel.

Harold kämpft sich zu Fuß vorwärts, 87 Tage lang ist er unterwegs. Viel Zeit um sich über sein Leben und Vergangenheit Gedanken zu machen, aber auch sich selbst zu verändern.
Und sein Weg hält noch viele Überraschungen parat,...

Seine Frau Maureen ist derweil erstaunt zurückgeblieben und fühlt sich verlassen, doch auch sie fängt an sich genauso Gedanken zu machen...

Die Autorin hat eine Figur geschaffen, die mit unglaublich vielen Höhen und Tiefen versehen ist. Harold, der sich aufrafft etwas ungewöhnliches zu tun, ganz aus dem Herzen raus, wie er in einem Moment empfand
und sich auf den langen beschwerlichen Weg macht. Unterwegs lernt sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen, aber auch wieder zu sich selber und Maureen finden muss. Sich selbst wieder öffnen, da er sein Herz verschlossen hat.

Harold ist einen sofort sympathisch und man fühlt mit ihm mit. Natürlich ist das keine einfach Reise und immer wieder kommen ihm Zweifel, die so gut dargestellt sind, dass man sie alle nachvollziehen kann, und was auch natürlich ist bei solch einer langen Reise. Wir Queenie warten ? Wird sie es schaffen ? Mag man nicht glauben, dass es sie retten kann, auch wenn es unmöglich erscheint ?
Es gibt viele Hindernisse auf dem Weg und seinem Leben und nach und nach erfahren wir das ganze Ausmaß, ungeahnte Wendungen und Offenbarungen... und doch war alles einfach schlüssig. Und auch das Ende ist bewegend und einfach passend !

Eine unglaublich tief berührende Geschichte, die dem Leser noch lange nachdenken lässt und noch eine Weile in Erinnerung bleiben wird. Zu Tränen rührend (welch ein Buch schafft das schon) und schwer in Worte zu fassen, was man beim lesen empfindet. Für mich persönlich an die Erinnerungen geknüpft einen geliebten Menschen verloren zu haben. Man trauert und hofft mit Harold.
Dieses Buch vermittelt soviel, ob Hoffnung, Glaube, Liebe, Freundschaft und füreinander da sein.
Eins der besten und bewegensten Bücher seit langem.

Ich glaube Leser von "Der 100jährige der aus dem Fenster stieg und verschwand" werden auch hieran gefallen finden, wenn auch nicht skuril, aber eine Geschichte mit viel Herz !
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Rachel Joyces Debutroman The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry ist eines von elf Büchern auf der diesjährigen Longlist für den Booker Prize, der am 16. Oktober vergeben wird. Es ist eher selten, dass neue englische Romane von unbekannten Autoren so schnell ins Deutsche übersetzt werden wie in diesem Fall. Doch nicht nur das: Unter dem Titel "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" hat es der Roman bis an die Spitze der deutschen Bestsellerliste geschafft und hier bei Amazon bereits mehr als 100 zumeist überschwengliche Bewertungen erhalten. Nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Begeisterung für "Harold Fry" nicht allein in der Qualität des Romans begründet liegt, sondern etwas anderes für diesen Hype verantwortlich ist.

Der Plot ist eher überschaubar: Der frisch pensionierte Harold Fry erhält einen Brief seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie Hennessy, die er das letzte Mal vor 20 Jahren gesehen hat. Sie teilt ihm mit, dass sie im Sterben liegt. Harold verfasst ein kurzes Antwortschreiben, verlässt das Haus, um dieses in den nächsten Briefkasten zu werfen. Doch dann überlegt er, doch noch ein paar Meter zum nächsten Briefkasten weiterzugehen. Und plötzlich befindet er sich auf der Wanderschaft nach Berwick, das 627 Meilen von Harolds Wohnort Kingsbridge entfernt liegt.

Auf seiner Wanderschaft wird in Rückblenden die besondere Beziehung zwischen Harold und Queenie offenbart. Selbiges passiert mit der Geschichte seiner Ehe mit Maureen und vor allem dem Schicksal ihres gemeinsames Sohnes David. Mehr und mehr nähert sich Harold dem Epizentrum seines Schmerzes und mehr und mehr nimmt Harolds Wanderung die Form einer Pilgerreise an, auf der er nach Vergebung sucht: "He understood that in walking to atone for the mistakes he had made, it was also his journey to accept the strangeness of others" (87).

Je weiter Harold und der Roman fortschreiten, desto mehr teils religiöse und teils esoterische Elemente mischen sich in die Handlung. Das Buch reiht sich somit nahtlos ein in die Masse der Erbauungsliteratur für Sinnsucher à la Hape Kerkling, die so zahlreich in den Bestsellerlisten zu finden sind. Das geht dann aber auch das eine oder andere Mal auf Kosten der Logik. Harold, der sein Leben lang völlig unfähig war Konflikte auszutragen, der zu allem ja und amen gesagt hat, der von heftigen Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird und einen Hang zum Selbstmitleid hat, soll plötzlich auf die Idee kommen, von der Südküste Englands nach Schottland zu laufen? Das ist schwer nachvollziehbar, vor allem da im Roman betont wird, dass sich der Charakter von Harold eigentlich nicht ändert.

Fazit: "Harold Fry" ist ein einfach zu lesender Roman. Die insgesamt 32 Kapitel sind kurz gehalten und wirken teilweise sehr episodenhaft mit wenig Bezug zur Gesamthandlung. Ich bin gespannt, ob es "Harold Fry" auf die Shortlist schafft. Die Jury hat in den vergangenen Jahren immer großen Wert auf sprachliche und erzählerische Qualität gelegt, die dieser Roman nicht zu bieten hat. Man darf gespannt sein...
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am 19. Mai 2012
»Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten.
Ich werde dich retten, du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und du wirst leben.«

Inhalt:
Der pensionierte Harold Fry ist zutiefst erschüttert, als einer eines morgens einen Abschiedsbrief seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie Hennessy erhält. Queenie leidet an Krebs und verbringt ihre restlichen Tage in einem Hospitz in Berwick-upon-Tweed.
Harold macht sich auf zum nächsten Briefkasten, um einen Brief für sie einzuwerfen. Ihm fallen nicht viele Worte ein, aber er möchte sich trotzdem gerne von ihr verabschieden. Aber er läuft am ersten Briefkasten vorbei, am zweiten auch ... beim dritten Briefkasten reift eine vage Idee in seinem Kopf. Eine junge Angestellte in der Tankstelle bringt zuletzt den Stein ins Rollen, denn ihre an Harold gerichteten Worte berühren ihn tief:

"Man muss glauben. Meine ich jedenfalls. Es geht gar nicht um Medizin und das ganze Zeug. Man muss daran glauben, dass der Mensch wieder gesund werden kann. Unser Geist ist viel größer, als wir begreifen. Wenn wir fest an etwas glauben, können wir alles schaffen." (Seite 23)

Und so steckt Harold seinen Brief wieder tief in die Jackentasche zurück und läuft los. Er macht sich auf den Fußweg quer durch England bis hin zu Queenie in Berwick-upon-Tweed. Denn aufgrund er Worte des jungen Mädchens ist er davon überzeugt: So lange er läuft, wird Queenie leben!
Über 1000 km in 87 Tagen legt er zurück. Der Weg wird zur Pilgerreise für Queenie - aber auch für Harold selbst, der sich selbst und auch sein Leben wieder findet....

Handlung & Charaktere:
Rachel Joyce legt mit "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" einen außergewöhnlichen und vor allem emotional tief berührenden Roman vor, der Seinesgleichen sucht und der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite auf eine sehr gefühlvolle Art und Weise fesselt.
Harolds Pilgerreise wird zur Pilgerreise des Lesers, jeden Kilometer geht man in Gedanken mit Harold, teilt sein Leid mit ihm und genießt die schönen Momente und Augenblicke mit ihm. Man taucht regelrecht in die Geschichte ein und wird ein Teil dessen.
Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Schöne Beschreibungen der Natur und bildreiche Umschreibungen der Geschehnisse sorgen für angenehmes Lesen, denn die Thematik wird dadurch sehr aufgelockert bzw. abgerundet.
Der Roman ist aus der Sicht des Erzählers geschrieben und ist von zwei Handlungssträngen durchzogen. Der erste Handlungsstrang dreht sich um den Rentner Harold Fry. Wir erfahren viel über sein Leben, das leider von vielen Schattenseiten geprägt ist. Viele schmerzliche Erfahrungen, die bis in seine Kindheit zurück reichen, belasten Harold nun im Alter mehr denn je - denn er hat sie nie verarbeitet. Dafür ist er viel zu sehr britisch-zurückhaltend erzogen worden und redselig in Hinsicht auf seine eigenen Gefühle ist er gleich dreimal nicht. Die richtigen Worte wollen ihm nie so recht einfallen, was auch sein Familienleben nicht einfach macht. Zu viel Unausgesprochenes, zu viel Unerledigtes und zu wenig Nähe und Emotionen treiben Keile in die Familie. Zu seinem Sohn Davis, der schon in früher Kindheit ein Grübler und Denker war, findet er keinen Bezug, er kann nicht recht in die Vaterrolle schlüpfen. Und seine Frau Maureen zieht sich von ihm zurück, sie entfremden. Und Harold scheint diese Entwicklung auch einfach akzeptiert zu haben. Bis zu seinem Fußmarsch ...
Der zweite Handlungsstrang handelt von eben jener Ehefrau Maureen. Sie erweckt zu Beginn einen recht unsympathischen Eindruck, der aber von ihrer Verbitterung, ihrer Verzweiflung und ihrem Kummer her rührt. Auch sie hat vieles verdrängt, was nun über sie hereinbricht und das nun verarbeitet werden will - aber es öffnet ihr auch die Augen und sie beginnt seit langem mal wieder, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und plötzlich erscheint sie auch viel sympathischer.
Von Queenie erfahren wir nur auch Harolds Gedanken. Eine Frau, die "ihren Mann gestanden" hat. Zu jenen Zeiten einen Job in der Männerwelt einer Brauerei zu haben, braucht viel Stärke, Zuversicht und Tapferkeit. Sie hat ihren Job letzten Endes für Harold geopfert, was auch ein großer Freundschaftsbeweis war. Erst der Krebs hat sie in die Knie gezwungen, den Männern konnte sie immer trotzen.
Auf Harolds Pilgerreise wird uns aber auch der ständige Lauf der Menschheit vor Augen geführt.
Einer beginnt etwas ... andere "bekommen Wind" von der Sache und schließen sich an - und eine neue Gemeinschaft entsteht. Eine Gemeinschaft, zusammengewürfelt aus den unterschiedlichsten Charakteren. Was wiederum zur Folge hat, dass es Unstimmigkeiten, Streiterein und Meinungsverschiedenheiten gibt. Splittergruppen werden gegründet und Machtgierige versuchen, das Zepter an sich zu reißen und einige bleiben einfach zurück. Willkommen Politik - selbst auf Harolds Pilgerreise ist sie zu finden.
Ein Kapitel, dass mich erschüttert hat. Die "Vermarktung" von Harold, das Einmischen der anderen in seine Reise...das Einmischen von Menschen, die gar nicht recht wussten, um was es überhaupt geht. Viele fanden vielleicht ihr eigenes, persönliches Seelenheil, aber sie raubten Harold seine Kräfte.
Ganz anders die Menschen, denen Harold zufällig begegnete, wie zum Beispiel die Ärztin, bei der Harold übernachten durfte oder der Fremde, der ihm seine Geschichte im Bahnhofs-Café erzählte - und natürlich das junge Mädchen von der Tankstelle. Diese Menschen bereicherten und beeinflussten Harold auf positive Weise.

Mein Fazit:
Harold Fry's Pilgerreise hat mich emotional tief berührt! In Gedanken bin ich mitgelaufen, habe mitgelitten, mitgetrauert - aber auch mitgelacht.
Ein ergreifendes Buch über Glauben und Hoffnung, über Freundschaft und Liebe, über Vergebung und über Selbstfindung. Ein Buch mit Tiefgang, ohne zu schwer zu werden.
Eine absolute Leseempfehlung! "Daumen hoch"

B_Jones
Buecherkaffee.blogspot.de
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"Was Sie da machen, ist der Pilgerweg des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Phantastisch! Genau solche Geschichten wollen die Leute hören." Diese Worte bekommt Harold Fry, ein frisch pensionierter 65er auf seinem langen Pilgerweg zu hören, als sein Unterfangen medienpublik wird. Ein knapper Brief von Queenie Hennessy, einer seit 20 Jahren aus den Augen verlorenen Kollegin, die im Sterben liegt, lässt ihn aus der Eintönig- und Wortlosigkeit seiner Ehe ausbrechen und etwas Unglaubliches tun. Aus einem flüchtig hingeworfenen "Tschüss dann, Maureen", das er seiner Frau zuruft, um eigentlich nur seine Antwortzeilen an Queenie in den Briefkasten zu bringen, wird ein 87 Tage dauernder und 1000 km langer Pilgerweg quer durch England. Seine Motivation: "Ich werde laufen, und sie muss weiterleben."

Wollen Leute solche Geschichten tatsächlich hören? Der Erfolg von Hape Kerkelings 2006 niedergeschriebener Jakobsweg-Selbstfindungsreise scheint dies zu bestätigen. Auch der Geschichte von Rachel Joyce, die mit ihrem literarischen Debüt den Tod ihres Vaters verarbeitet, wird mutmaßlich ein breites Lesepublikum beschienen sein. Und das nicht nur allein daher, dass der Roman weltweit in 30 Ländern erscheint. Nein: "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist ein berührendes, ein nachdenkliches Buch, das - leicht und flüssig lesbar - auf weiten Strecken sehr tiefsinnige Gedanken und Reflexionen offenbart. Während seines Marschs auf Straßen und Wegen, über Felder, Hügel und durch Täler spult vor Harolds innerem Auge sein vergangenes Leben ab. "Bilder und Gedanken, von denen nachts sein Kopf fast platzte, Bilder, die ihn wach hielten", durchströmen ihn. Letztendlich ist der Weg von Kingsbridge nach Berwick auch und vor allem eine Reise zu ihm selbst, ins Innere von Harold Fry. "Er spielte Szenen aus seinem Leben noch einmal ab, als Zuschauer, der im Draußen gefangen blieb." Dadurch befreit er sich Schritt für Schritt aus dem Schraubstock der Vergangenheit.

Solange Harold allein auf weiter Flur läuft, gelingt es Rachel Joyce den Spannungsbogen zu halten bzw. stetig aufzubauen. Sie positioniert ihren Protagonisten gekonnt in zwei Ebenen. Vieles, was sich vor seinen Augen ausbreitet, bekommt gleichermaßen eine introspektive, als auch eine auktoriale Erzählperspektive, die eines Passanten. Doch scheint nach der Hälfte der Strecke nicht nur die Kraft des Pilgers zu schwinden. Ebenso wird die Erzählstruktur zunehmend konturloser und fasert aus. Der immer mehr publicity-wirksame Pilgerweg Harold Frys verflacht das literarische Niveau des Romans. Zu vorhersehbare und mit Klischees beladene Szenen lösen die gedankenreichen und gehaltvollen Passagen der ersten zwei Drittel der Erzählung ab. Harold selbst scheint das Malheur seines Plots auf Seite 332 auszusprechen: "Wie hatte er sich einbilden können, dass diese banalen Dinge zusammengenommen etwas Größeres ergäben als die Summe ihrer Teile?" Schade.

Eines übermittelt die Lektüre trotz allem unmissverständlich: "Wir haben alle eine Vergangenheit. Wünschen uns, wir hätten so manches getan oder gelassen." Aber an "der Vergangenheit ließ sich nicht rütteln, man konnte seinen Anfängen nicht entrinnen. Nicht einmal mit Krawatte."
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TOP 500 REZENSENTam 26. Juli 2012
Bei so viel positiver Resonanz tut man sich als Rezensent üblicherweise keinen Gefallen, ein Buch zu kritisieren. Aber Für mich konnte das Buch nur wenig von dem halten, was Einband, Werbung und 5-Sterne Lobeshymnen versprachen.

Es ist die Geschichte einer gescheiterten Ehe, die den Rentner Harold auf eine gut 1000km lange Reise vom Süden Englands bis nach Schottland führt. Zu Fuß auf Segelschuhen unterwegs, pilgert er zu seiner im Sterben liegenden ehemaligen Kollegin - und entdeckt die vielen guten Seiten seines bisher als gescheitert angesehenen Lebens wieder. Die knappe Zusammenfassung einer Geschichte, die sehr wohl berühren und in Teilen auch begeistern kann. Leider in sich aber zu wenig konsistent ist und von einer Autorin niedergeschrieben wurde, die in Belletristik bis dato nicht zu Hause war.

"Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Frei" ist vor allem genau das: unwahrscheinlich. Harold ändert sich vom zurückgezogen und feigen Einsiedler zu einem Menschen, der nach wenigen Tagen alles beherrscht, um ohne Geld und Ausrüstung in der Natur zu überleben. Hilfsbereitschaft schlägt ihm allerorten entgegen und selbst die ferne Ehefrau beginnt auf einmal wieder einen liebenswerten Mann in ihm zu sehen, nachdem die lezten 2 Jahrzehnte nur Hass und Gleichgültigkeit zwischen ihnen geherrscht haben. Aber diese Verwandlung ist im Sinne der Geschichte hinnehmbar, würde sie nicht im letzten Drittel wieder ins Gegenteil zurückschlagen und das mit einer Vehemenz, die durch die Ereignisse und den Rummel um ihn nur schwer zu rechtfertigen ist.

Das Ende des Buches und das Lüften der ganzen Geschichte rund um Kindheit, Kind und Freundschaft verblüfft in Teilen positiv, ist aber letztlich sehr weichgespült oder auf gut deutsch: einfach kitschig. Besonders störend beim Lesen ist aber die Art, wie blumig und aufgeblasen die Natur beschrieben wird - sei es ein Tagesanbruch, eine Quelle am Wegesrand oder der Mond bei Morgendämmerung. Künstliche Wortspielereien, die Poesie und Tiefgang ausdrücken sollen, aber letztlich nur bemüht und anstrengend wirken, blähen den Text auf, ohne wirklich Bedeutung zu erzielen.

Der Roman ist immer noch ein ordentliches Debut, aber vor dem Hintergrund des hohen Preises für knapp 370 Seiten ist es deutlich zu wenig. Zu viele schriftstellerische Schnitzer reduzieren den Lesespaß und etwas weniger Happy End wäre dem Gesamtwerk dienlich gewesen. Schade!
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