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Kundenrezensionen

4,6 von 5 Sternen
29
4,6 von 5 Sternen
Tiger, Tiger: Roman
Format: Gebundene Ausgabe|Ändern
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am 27. Mai 2011
Die morbide Neugier wird allemal geweckt: Es geht um den Bericht einer junge Frau über ihre Jahre dauernde Beziehung zu einem älteren Pädophilen, mit ganz konktreten Datailbeschreibungen. Aber das ist kein Buch das einfach nur von Schnuddelgeschichten Faszinierte befriedigt: Es berichtet, aus der Sicht der Betroffenen ,wie es geschehen kann, daß ein Mädchen unentrinnbar von einem solchen Mann in den Bann genommen indem er ihr das Gefühl verleiht, einzigartig zu sein, wieviel anfälliger fehlende emotionale Bindung im Elternhaus für solche Zuwendung macht, wie Eltern wegschauen und ein Stück weit auch,warum.
Das Ganze geschieht in sprachlich angemessener, differenzierter Weise, ohne haßerfüllte Häme gegenüber dem Täter.
Als Nachteil könnte angeführt werden daß nicht erklärt wird wie das Opfer es geschafft hat sich ein normales Leben danach aufzubauen, doch das wäre wohl genug Stoff für ein weiteres Buch.
Ein Buch das begreifen hilft wie geschehen kann was nicht geschehen sollte.
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am 28. April 2013
Haben Sie die Tage nach dem Erwerb des Buches etwas vor? Vergessen Sie's, Sie werden lesen. Leider handelt es sich hier nicht um Erbauungsliteratur. Ein Buch von ganz wenigen, das so gruselig ist, dass ich Bedenken habe, es vor dem Einschlafen zu lesen.

Mir ging die Frage nicht aus dem Kopf: Warum? Wie kann es sein, dass ein Mädchen sich ohne Entführung oder (häusliche) Gewalt von einem erwachsenen Mann berühren lässt? Dies ist keine Liebesgeschichte mit Altersunterschied a la Oona und Charles Chaplin, es handelt sich um ein Kind! Klar liebt das junge Mädchen mit 7, 8 Jahren Abenteuergeschichten und findet Gefallen an dem fünfzigjährigen, charmanten Spieleonkel. Er ist wohl etwas seltsam, hat aber selber Familie und Kinder. Wie nur können die Anziehungskräfte stärker sein als die Abstoßungkräfte? Warum läuft sie nicht weg als er sich erstmals entblößt? Kann man den Fluchtmechanismus von Kindern derart außer Kraft setzen? Ohne die erklärenden Worte der Autorin "er programmierte mich um" wäre es komplett unverständlich.

Das Kind lernt früh falsche Dinge von den Erwachsenen: Die einzige Freude des Vaters ist, die Pickel des Mädchens mit der Nadel zu stechen und auszudrücken. Peter der Pädophile lehrt sie verschiedene Kussarten. Das Kind findet Bestätigung nur in den Dingen, die den Erwachsenen um sie herum Freude machen. Eines der grundlegenden Bedürfnisse des Kindes neben Schlafen und Essen ist Bestätigung, Kinder sind zu fast allem in der Lage, um bemerkt und geliebt zu werden (M. Miller: Das Drama des begabten Kindes).

Wie stark ein solches Kind geprägt werden kann. Es muss ein irres Machtgefühl des Pädophilen sein! Obwohl das Kind merkt, dass es nicht gut für sie ist ("ich hatte immer wieder diese Abwesenheiten") kann es doch seine Lage nicht ändern, es ist bereits umprogrammiert. Vielleicht kommt es auch recht früh an den Punkt, wo es nicht mehr möglich ist sich der Umgebung mitzuteilen. Auch eine zweijährige Unterbindung des (visuellen) Kontakts kann die vorhandene Prägung nicht auflösen.

Im Verlauf wird deutlich, dass Peter nicht nur mit positiver Bestätigung, sondern auch mit Gewalt arbeitet um seine Machtstellung zu festigen. Nach einem Schlag folgen teilweise Unterwerfungsgesten. Das Mädchen kann diesem kranken Verhalten nicht begegnen, spaltet einen Teil des Bewußtseins ab ("manchmal krochen Erinnerungen hervor").

Wirklich gut herausgearbeitet ist die Dysfunktionalität Ihrer Familie: Die Mutter ist schizophren und stark medikamentiert. Sie ist zwar lieb aber unfähig, Verantwortung für sich und die Tochter zu übernehmen. Der Vater erscheint über lange Strecken negativ. Was geschieht, wenn man einer Tochter immer nur Vorwürfe macht ("Du tust gar nichts, außer mir Kummer zu bereiten", "Du bist eine Last für dieses Haus"), Margaux kann kein Selbstbewusstsein entwickeln ("ich bin eine gesellschaftliche Null"). Sie beginnt zwar ein paar Mädchenfreundschaften, aber die Erfahrungen die sie bereits gemacht hat, entziehen sich der Kommunikation, im Innersten bleibt sie daher an Peter gebunden.

Die Schilderungen der Gedanken und Erlebniswelt, wie wirksam die Abhängigkeitsmechanismen funktionieren, ist die Stärke des Buches. Dialoge und Beziehungen der Personen untereinander werden sehr genau rekonstuiert. Alle Personen wünschen sich eine Veränderung, keiner kann dem Geflecht entfliehen. Das Einzige was über die Jahre vertieft und verfeinert wird ist die Bindung zu Peter. Das ist wirklich verstörend mitzuerleben! Auch die nonverbale Übertragungen von Verhaltensmustern von Generation zu Generation (vorsicht Spoiler) muss zu denken geben. Dinge, die Kinder - eigentlich - gar nicht wissen können: sie leben Teil-Programme der Eltern weiter, auch das ein wichtiges Thema.

Die Entwicklung nach dem 16. Lebensjahr, eventuelle Versuche der Abgrenzung werden im Buch nicht weiter ausgeführt. Erst mit Peters Tod, ihrem 22. Lebensjahr endet die Abhängigkeit. Auch hier wieder schockierend: Niemand konnte die beiden voneinander trennen! Mutter begreift nicht, der Vater hat nicht die Zeit, eine ernsthafte Trennung zu bewirken, die Sozialarbeiterin nicht, Margaux selbst am wenigsten. Was wäre passiert, wäre er nicht gestorben?

Fazit: Ich denke, dass ich einen leicht geänderten Blick bekommen habe. Pädophile, Meister der Tarnung, können sich ganz unauffällig in der Gesellschaft bewegen. Natürlich möchte ich nicht alle netten Spieleonkel unter Generalverdacht stellen. Aber etwas genauer hinschauen: "ab einem gewissen Alter halten Mädchen nicht mehr Händchen mit Ihrem Vater". Dank an die mutige Autorin für diese Offenheit.
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am 2. April 2011
Ein erwachsener Mann schleicht sich wie ein Tiger an ein kleiner Mädchen an und zerreist seine Seele. Er hat es vorher schon getan und tut es hinterher wieder. Das Opfer fuehlt sich schuldig. Es erscheint zuerst unglaublich, dass ein Opfer von Kindesmissbrauch ihr Leben beschreiben kann ohne Verdammen, Verurteilen und Wut. Margaux Fragoso tut jedoch genau das. Sie beschreibt ihr Leben mit einem Kinderfänger, der sie in ein Netz aus Nähe und Verständnis hüllt um dann ihre emotionale Abhängigkeit auszunützen. Wie in einer Fallstudie wird klar, wie dem Missbraucher dies gelang, weil ihre Eltern aus verschiedenen Gründen ihr diese menschliche Nähe nicht geben konnten. Es werden Details beschrieben, die man so genau garnicht wissen möchte. Trotzdem sind sie notwendig, weil sie zeigen, dass Kindesmissbrauch nichts mit Liebe zu tun hat, sondern mit der Sexualität von Erwachsenen und mit Macht. ('Wenn Du das nicht tust, liebe ich dich nicht mehr...').
Ich verstehe, dass manche Rezensenten irritiert sind, weil die Autorin einen (gut geschriebenen) Roman aus ihrer Biographie gemacht hat. Ich denke, es war aber notwendig, weil ihre Geschichte so öfter gelesen wird. Vielleicht sind dann mehr Leute in der Lage zu erkennen, was in ihrer Nähe vorgeht.
Trotzdem ein schönes Buch, weil das Mädchen am Ende gesunden kann und weil es einen starken Glauben an die Kraft des Lebens hinterlässt.
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TOP 500 REZENSENTam 10. Juni 2012
Inhalt:
Im Alter von 7 Jahren lernt Margaux Fragoso den 51-jährigen Peter Curran kennen. Sie kommt aus einem schwierigen Elternhaus, lebt ein trostloses Leben: die Mutter schwer psychisch krank, der Vater gewalttätig, die Wohnung schäbig, keine Freunde, keine Geschwister. Peter bietet ihr eine andere Welt, spielt mit ihr, stellt kaum Regeln auf, nimmt sie ernst, macht ihr Komplimente. Doch dann kommt es zu den ersten physischen Annäherungen und eine 15-jährige Beziehung aus Liebe, Hass, Missbrauch und Abhängigkeit entsteht.

Mein Eindruck:
'Tiger, Tiger' ist sprachlich leicht zu lesen, doch emotional nur schwer auszuhalten. Margaux Fragoso erzählt bisweilen nüchtern, bisweilen zärtlich von Peter, der sie über 15 Jahre hinweg geprägt, begleitet und missbraucht hat. Ihre Schilderungen von der Beziehung zu Peter sind komplex, der Täter ist ein Mensch mit Schwächen, mit Fehlern, doch auch mit positiven Eigenschaften, der ihr - neben dem Missbrauch - Dinge bieten kann, die sie sonst im Leben vermisst. Diese Komplexität löst zugegebenermaßen Unbehagen aus, doch 'Tiger, Tiger' ist auch genau aus diesem Grunde beeindruckend, denn Margaux Fragoso beschreibt das wahre Leben: niemand ist nur böse oder nur gut.

Der Autorin ist mit 'Tiger, Tiger' eine sehr glaubwürdige Beschreibung ihres Leidens, ihrer Abhängigkeit und ihrer Liebe zu Peter gelungen, die sich glücklicherweise deutlich von den häufig schwarz-weißen Schilderungen zum Thema Missbrauch/Pädophilie abhebt. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass die detaillierten Schilderungen manchem Leser zu weit gehen und zu verstörend sind.

Mein Resümee:
Beeindruckend!
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am 21. August 2011
Margaux ist sieben, als sie Peter zum ersten Mal trifft.
"Kann ich mit Dir spielen?" fragt sie ihn, nicht ahnend, dass diese Frage ihr ganzes Leben verändern soll.
Denn Peter Curran ist 51 Jahre alt und hat eine Vorliebe für kleine Mädchen.
Und er hat leichtes Spiel, Margaux für sich einzunehmen, kommt sie doch aus schwierigen Familienverhältnissen mit einem Vater, den sie fürchtet und einer psychisch labilen Mutter.
So wird Peters Haus mit den vielen Tieren für das kleine Mädchen zu einem Paradies auf Erden, und Peter, der alles mitmacht und vor Einfallsreichtum sprüht, der beste Spielkamerad.
Die zunächst spielerischen, sexuellen Übergriffe bleiben unbemerkt...
Margaux wird zu Peters Obsession.
IDADULDFI bedeutet: "Ich Denke An Dich Und Liebe Dich Für Immer" und steht unter jedem Brief, den Margaux von Peter bekommt... 15 Jahre lang,...jeden Tag.

Margaux Fragoso hat alles aufgeschrieben. Ihr ganzes Leben, das eigentlich noch so jung ist, aber in dem schon so viel passiert ist. So viel Unglaubliches, so viel Leid.
"Tiger, Tiger" ist das schockierende Portrait eines Pädophilen, geschrieben mit der Feder seines Opfers.
Und dieses Opfer beschreibt keinesfalls ein Monster, nein, es erzählt von einem netten und charmanten Mann, einer Vaterfigur, die zu ihr hält, sich um sie sorgt.
Wir lesen die Gedanken und Worte eines kleinen Mädchens, das uns... eine Liebesgeschichte erzählt.
Eine Liebesgeschichte...?
Mein Innerstes wehrt sich gegen diesen Begriff. Kann das denn sein? Es kann.
Wir werden Zeuge des sog. "Stockholm-Syndroms".
Trotz sexuellem Missbrauchs, körperlicher Gewalt und psychischer Manipulation fühlt sich Margaux immer mehr zu Peter hingezogen, hält die "Beziehung" geheim.
Ihre Schutzmechanismen sind für sie ein Spiel.
Sie entwickelt eine emotionale Abhängigkeit von ihrem Peiniger und wird sogar krank, als sie von ihm getrennt wird.
Selbst als Erwachsene hält sie den Kontakt aufrecht.
Erst mit Peters Selbstmord endet der Leidensweg von Margaux, erst da ist es ihr möglich, sich aus seinen Klammern zu befreien.
"Seit Peters Tod war mir, als erwachte ich aus tiefem Schlaf zum Geheul eines Hundes oder Wolfs draußen in der Wildnis. Als hätte ich etwas geträumt, das von Sekunde zu Sekunde blasser wird."

Die Geschichte ist leicht zu lesende, aber sehr schwer verdauliche Kost.
Fragoso bedient sich einer schönen Sprache, die voll im Gegensatz zum Inhalt ihres Buches steht.
Sie erzählt unverblümt. Ohne Rücksicht (vor allen Dingen auf sich selbst) beschreibt sie ihr Erlebtes, selbst vor sexuellen Details macht sie keinen Halt, auch wenn ihr dies besonders schwer gefallen ist, wie sie in einem Interview erzählt.
Mit "Tiger, Tiger" publiziert die Autorin ein Tabuthema, und zwar aus erster Hand.
Sie zeigt den Täter als Menschen, was beim Leser ein gewisses Unbehagen hervorruft, aber auch viel Stoff zum Nachdenken gibt.
Denn es wird sehr deutlich, mit welchen Methoden und wie viel Manipulation ein Pädophiler vorgeht.
Womit letztendlich auch die Frage beantwortet wird, warum ein solcher Missbrauch überhaupt vor den Augen von Eltern, Nachbarn und Behörden möglich ist.

Mich hat diese Autobiographie sehr berührt und aufgewühlt.
Ich frage mich, wie viele Narben die heute 34-jährige Autorin trotzdem zurückbehalten hat...Kann man sich wirklich alles von der Seele schreiben?
Ich hoffe sehr, dass es Margaux möglich ist, mit ihrer Vergangenheit zu leben ...
...und danke ihr für den Mut, dieses Buch zu schreiben!
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am 29. April 2011
"Tiger, Tiger" besticht schon rein optisch. Das Cover ist eines der schönsten, das mir bisher unter die Augen gekommen ist. Und das waren nun wirklich nicht wenige.

Margaux Fragoso ist sieben Jahre alt, als sie in Begleitung ihrer Mutter im Freibad den 51jährigen Peter Curran kennen lernt. Peter, der in einem Haus voller Magie lebt; zumindest kommt es der kleinen Margaux so vor, als sie das erste Mal zu Besuch ist. Es gibt dort viele verschiedene Haustiere, Spielsachen, Bücher und Musik. Und vor allem schenkt dieser Peter ihr Aufmerksamkeit in rauhen Mengen. Schnell entwickelt sich das Zusammensein mit ihm als ihr persönliches Paradies, das ihr eine Flucht aus ihrem schwierigen Zuhause bietet. Ihre Eltern können ihr keine Stabilität bieten. Die psychisch kranke Mutter und der kaltherzige und manipulative Vater wecken in Margaux nur einen Wunsch: Sie will zu Peter, ihrem Peter, ihrem persönlichen Helden.

"'Ich war Peter's Religion. Niemand sonst würde sich für die zwanzig Alben mit den Fotos von mir interessieren.'" Dieser eine Satz fasst die Situation des Kindes Margaux Fragoso zusammen und zeigt, weshalb Peter eine solche Macht über sie erlangen konnte.

Und so nimmt das Drama seinen Lauf und wird zur beiderseitigen Obsession. '"Wenn Peter mich nicht sah, mich nicht bewunderte, wie konnte ich dann existieren?'" Beide versichern sich die gegenseitige Liebe; immer und immer wieder. Im Prolog ihrer Geschichte schreibt die Autorin ausdrücklich, dass sie fünfzehn Jahre lang eine Beziehung mit Peter Curran hatte bis dieser schliesslich Selbstmord beging. Was das vorliegende Buch von anderen Berichten von Missbrauchsopfern unterscheidet, ist die Art, wie das Opfer den Täter darstellt. Margaux Fragoso beschreibt ihn nicht als Monster und klagt an, sondern sie schreibt sich von der Seele, was er für sie bedeutete. Das macht diese Geschichte einzigartig und hinterlässt gleichzeitig einen faden Nachgeschmack. Beim Lesen scheint der Missbrauch zeitweise ganz weit weg zu sein, bis er dann plötzlich wieder mit voller Wucht zuschlägt. Es ist nur zu hoffen, dass sie die Aufmerksamkeit, die Wellen, die diese Veröffentlichung schlagen wird, langfristig ertragen kann. Ich wünsche es ihr jedenfalls.

Fazit: Aussergewöhnliche Biographie über einen langjährigen Missbrauch. Lesenswert!
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am 26. Dezember 2012
... ein sehr wichtiges Buch zum Thema Kindesmissbrauch, eine Autobiografie, hier fälschlich als Roman erschienen, die besser eine Autobiografie geblieben wäre; denn dann gäbe ich fünf Sterne.
So aber fehlt dem Buch schlicht die Kunstanstrengung, das Raffinement in Sprache und Handlung. Das Leben ist keine Kunst - und dies hier definitiv kein Roman.
Eine absolut lesenswerte, erschütternde und zugleich sehr aufschlussreiche Geschichte bleibt es jedoch - zumal das Opfer hier zu seiner Zuneigung zum Täter steht, was ich aus gute Grund sehr wichtig finde.
Niemand hat etwas von dem Schwarzweißschemata, mit denen derzeit so gern operiert wird. Die Täter sind Menschen, keine Monster - das macht sie ja so monströs.
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am 17. Mai 2011
Der autobiografische, romanhafte Bericht einer jungen Frau, die zwischen 7. und 18. Lebensjahr Opfer eines vierzig Jahre älteren pädosexuell orientierten Mannes war. Subtiler als in jedem anderen mir bekannten (autobiografischen oder fachpsychologischen) Buch beschreibt sie die winzigen Schritte, mit denen der Täter sich ins Vertrauen des Kindes einschleicht, wie er dessen natürliche seelische Schutzreaktionen ablenkt, aushöhlt, umdefiniert. Und was daran Gewalt ist, könnte kein Kind Außenstehenden verdeutlichen, selbst wenn es unter den Nötigungen, der emotionalen Erpressung, dem In-die-Enge-getrieben-Werden sehr bewußt leidet.
Unaufdringlich und nachempfindbar (also nicht als diagnostisches Symptom herausgehoben aus dem Geflecht der Interaktion) werden dissoziative Reaktionen des Kindes erwähnt, kompensatorische Aggressionen, Alpträume..

Aber es gibt eben auch für das Kind Angenehmes in dieser "Beziehung". Die kleine Margaux wird ernstgenommen wie im Elternhaus niemals. Die Welt der Kindheit wird anerkannt - von einem Erwachsenen! Margaux wird geliebt, angehimmelt. All die Fotos, die er von ihr macht! All die Liebesbriefe! Ihm ist sie, Margaux, wichtig wie niemand sonst! Eine eigene Welt aus Geschichten entsteht zwischen den beiden. - Nicht nur an die rituellen Küsse "zur Belohnung" gewöhnt sich Margaux: "Er brachte mich immer irgendwie dazu, weitere Berührungen zuzulassen, wenn schon eine Schwelle überschritten war. (...) Dann kam der Tag, an dem Peter mich aufforderte, auch noch den Slip auszuziehen, weil er behauptete, echte Dschungeltiere trügen keine Kleidung."

Seite für Seite lassen sich die Momente der grenzüberschreitenden Salamitaktik nachfühlen, - - an welchem Punkt hätten wir (als Kind) STOP gesagt? hätten das STOP in uns deutlich genug spüren können? - Stattdessen verdichten sich bei dem Mädchen Margaux sacht Momente von Selbsthaß. Ein weiblicher Persönlichkeitsanteil für sexuelle Situationen entsteht und "gelegentlich bestand ich darauf, Peter seinen Sex in der Rolle eines Jungen zu geben, der ein Mädchen darstellte".

Das alles ist jedoch nur eine Ebene dieses Buches. Nicht weniger vom Bemühen um Wahrhaftigkeit getragen, vermittelt uns die Autorin (das Opfer) tiefe Einblicke in das Seelenleben des Täters, "mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte". In den meisten geschilderten Situationen geht es synchron um dreierlei: die Wahrheit des Opfers, die zielorientierte Mißbrauchstaktik des Täters und die Wahrheit dieses pädosexuellen Mannes. Margaux Fragoso zeigt uns seine zweifellos authentische Zuneigung zu ihr, läßt uns den retardiert-kindlichen Persönlichkeitsanteil des Täters ahnen, dokumentiert seine Erzählung von eigenen traumatischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Zu spüren ist ihre tiefe Bindung zu ihm noch während des Buchschreibens, ihre Trauer über sein Leid und angesichts seines Todes.

Zweifellos spielten hier täteridentifikatorische Momente mit (das sogenannte "Stockholm-Syndrom"); unglaubwürdig wird Fragosos Täterpsychogramm dadurch nicht, und nichts davon ist täterentschuldigend gemeint. - Beziehungslebendigkeit und Liebesfähigkeit als natürlicher Aspekt unsere Menschseins sucht sich Entfaltungsmöglichkeiten; das gilt auch für Kinder. Opferbezogene Prävention bedeutet zunächst, für kindgerechte soziale Begegnungs- und Beziehungsmöglichkeiten zu sorgen. Aber das ist ein anderes Thema..
Erklärbar bei Tätern wird ein solches Nebeneinander von authentischer Zuneigung zu einem Kind und krasser mißbräuchlicher Nötigung wohl durch Erkenntnisse der neueren Säuglingsforschung über Bereiche der Selbstempfindung, die in unterschiedlichem Maße reifen bzw. retardiert oder gestört sein können (vgl. Daniel Stern) bzw. die psychotraumatologischen Konzeptionen zu dissoziativen Persönlichkeitsanteilen (van der Hart/Nijenhuis/Steele).

Der hier dargestellte Täter nimmt sich mit 66 Jahren das Leben, - weil Margaux endgültig von ihm weggeht in ihr eigenes Leben. Beim Schreiben des Buches geht es ihr unzweideutig um Prävention von pädosexuellen Taten. In ihrem Nachwort zitiert sie den Sexualtherapeuten Fred Berlin: "Wenn Menschen von Pädophilen reden, wollen sie ein Monster sehen. Doch für die öffentliche Sicherheit ist der beste Ansatz bei Pädophilie, den kranken Menschen dahinter zu behandeln. Das allein kann eine zukünftige Viktimisierung verhindern."
In diesem Buch geht es um einen pädosexuell orientierten Täter, bei dem sich deutlich ein vermutlich traumabedingter partieller Entwicklungsrückstand zeigt. Allerdings gibt es Mißbrauchstäter mit vermutlich völlig anderer Psychodynamik, - TäterInnen mit schwerwiegenden narzißtischen Störungen und komplizierter Überich-Problematik (denen es eher um Macht geht als um Sexualität), Täter mit erst in der Jugend entstandenen sexuellen Störungen (die sich schwächere Sexualobjekte suchen), sowie Täter mit bestimmten hirnorganischen Störungen. Voraussetzung für effektive Prävention ist es, diese Möglichkeiten voneinander unterscheiden zu lernen und jeweils angemessene Herangehensweisen für sie zu finden, - sowohl bei opfer- als auch bei täterorientierter Prävention.

Alice Sebold (auch eine Überlebende von sexueller Gewalt) schreibt im Klappentext: "Margaux Fragoso schafft das Undenkbare mit einfühlsamer Klarheit: Sie vermenschlicht einen Pädophilen. Und indem sie dies tut, macht sie sein Verbrechen um ein Unvorstellbares mehr bedrohlich. Das Porträt dieser Beziehung ist schockierend, enthüllend und furchtblos. Als Geschichte eines Opfers ist es ergreifend. Als literarisches Werk ist es ein Triumph."

Von Opfern sexuellen Mißbrauchs darf in keinem Fall erwartet oder gefordert werden, "Verständnis zu haben" für ihre Täter oder deren Taten bzw. einen "versöhnlichen" Kontakt mit ihnen zu suchen oder auch nur zuzulassen! So möchte ich Mißbrauchsopfern von der Lektüre dieses Buches eher abraten. Für Beratungsstellen und TherapeutInnen und Eltern ist es dagegen sehr zu empfehlen, - überhaupt für jeden Menschen, der mehr verstehen möchte von seelischen Hintergründen bestimmter pädosexueller Situationen.

TRAUMA BERATUNG LEIPZIG
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am 11. Juni 2012
Ich habe dieses Buch gekauft, da ich als Lehrer mehr zum Thema wissen wollte, jenseits einschlägiger Fachliteratur. Gut ein halbes Jahr stand es eingeschweißt in meinem Giftschrank, denn immer ließen sich angenehmere Dinge finden. Einmal jedoch den ersten Schritt getan, habe ich es in knapp 3 Tagen zu Ende gelesen, getrieben von dem Bangen um die Hauptfigur Margaux und ihre Familie.

Dem Buch wird im Feuilleton oft angekreidet, dass es den Täter zu gut wegkommen ließe - ein Grund mehr, warum ich mich schwer tat, zu beginnen. Nun jedoch erscheint mir dieser Vorwurf haltlos und auch vermessen. Wer wollte dem Opfer seine Sicht der Dinge vorschreiben, seine Gefühle und sein Erleben, zugunsten der "richtigen" Botschaft?

Mich persönlich hat das unheilvolle Schweben des Kindes zwischen Liebe für den Täter, Einsamkeit und tiefstem Schmerz besonders getroffen. Ich habe noch niemals etwas so Eindringliches und geradezu physisch Beklemmendes gelesen. Dass der Täter dabei weder dämonisiert noch in Schutz genommen wird, klärt aus meiner Sicht den Blick auf die traurige Geschichte. Es wird kein Haß geschürt, kein Zeigefinger erhoben, aber umso deutlicher ergibt sich (für mich zumindest) der Appell, Kinder uneingeschränkt zu schützen.

Hinzu kommt, dass die Autorin sehr gut mit Sprache umgehen kann. Viele ihrer Bilder und Assoziationen verblüffen und regen das Denken von einer ganz neuen Seite an.

Fazit: Dieses Buch fesselt und beklemmt auf unangenehmste Weise, doch die Geschichte sollte gelesen werden. Für mich wird der Blick auf dieses Thema nach der Lektüre nie wieder derselbe sein.
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am 25. Januar 2013
Margaux Fragosos Geschichte hat mich sehr berührt und schockiert. Als ich miterlebt habe, wie sich der fünfzigjährige Peter raffiniert der sieben- oder achtjährigen Margaux nähert und ihr heimliche Küsse abluchst, musste ich teilweise heftig das Gesicht verziehen. Es ist schon fast gruselig - nein, es ist wirklich gruselig, wie es Peter schafft, Margaux mit der Zeit immer mehr an sich zu binden und sie bereits im Kindesalter zu sexuellen Handlungen zu überreden, für die sie eigentlich viel zu jung ist.
Aber obwohl das Verhalten des Pädophilen ein unheimlich beklemmendes Gefühl bei mir auslöst, driftet Margaux Fragoso bei ihren Beschreibungen nicht in Selbstmitleidstouren oder klischeehafte Schwarzweißmalerei ab, und das ist es, was mir an "Tiger, Tiger" besonders gefallen hat.
Peter Curran ist nicht nur und vielleicht nicht einmal vordergründig der böse "Kinderschänder". Er ist ein kranker Mensch, der Angst davor hat, zu alt und unattraktiv für Margaux zu sein und der beständig versucht, sein sexuelles Interesse an Kindern vor sich selbst und vor Margaux zu rechtfertigen. Außerdem scheint er Margaux tatsächlich zu lieben - sie ist seine "Religion", auch als sie dem Kindesalter entwachsen ist. Man glaubt ihm, wenn er unter Tränen beteuert, er wolle Margaux niemals schaden und sie solle nur so weit gehen, wie sie es selbst für richtig halte.
Während man Peter beim Lesen durch Margaux' Augen wahrnimmt, befindet man sich wie sie selbst in einem Wechselbad der Gefühle: Einerseits ist Peter ein Pädophiler, der sich mit manipulativen Techniken die Zuwendungen der Autorin erschleicht, andererseits ist er auch der einzige, der Margaux die väterliche Liebe gibt, die sie im Elternhaus vermisst.
Diese Komplexität macht "Tiger, Tiger" zu einem sehr vielschichtigem, mitreißendem und nachdenklich machendem Roman mit Charakteren, die mich auch lange nach dem Lesen nicht losgelassen haben.
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