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am 7. August 2013
Vielleicht schafft er es ja. Vielleicht gelingt ihm tatsächlich, was er sich fast beschwörend einredet in den allerletzten Zeilen dieses Romans, als er ein letztes Mal zurückblickt auf den Eingang des eindrucksvollen Anwesens in der Londoner Pepys Road, in dem er so lange gelebt hat: dass er sich ändern kann. Roger Yount, 40 Jahre alt, Ex-Investmentbanker und Noch-Millionär, ist gefeuert worden in den unruhigen Tagen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008. Das Haus, über Jahre hinweg sichtbarste Manifestation seines Erfolgs und Wohlstands, hat er verkaufen müssen, und nun zieht er mit seiner Familie aufs Land, irgendeinem diffusen Neuanfang entgegen, auf den er sich freuen will: "Es war Zeit, etwas anzupacken, etwas zu machen. Soweit war sich Roger vollkommen sicher, wenngleich ihm nicht ganz klar war, was genau er damit meinte - was genau er anpacken oder machen würde. Nun ja, irgendetwas."

Die Aufbruchsstimmung ist also da, aber sie ist fühlt sich merkwürdig hohl an. Jahrelang hat Roger das typische Leben eines hochrangigen Bankers in der Londoner City geführt: hat Handelsgewinne für seine Bank erwirtschaftet, in dem er seine Mitarbeiter mathematische Prozesse steuern lies, die er selbst nicht verstand, hat renditehungrige Kunden umworben, seinem jährlichen Bonus entgegengefiebert und sich ansonsten der Verwaltung seiner privaten Bilanzposten gewidmet: dem Millionenanwesen in der Pepys Road samt feinstem Equipment, dem Wochenend-Landsitz in Gloucestershire, den 10.000 Pfund-pro-Woche Sommerurlauben, der Privatschule, den drei Autos. Die Betreuung der beiden kleinen Söhne haben die Younts` weitgehend an Kindermädchen ausgelagert, die natürlich auch ihren Preis haben. Aber für Arabella, Rogers genuss- und konsumfreudige Ehefrau, ist die Sache klar: "Für die Betreuung kleiner Kinder musste man geschaffen sein, und sie, Arabella, war nun einmal nicht dafür geschaffen, ganz einfach." Obwohl sie, natürlich, ihre Kinder ganz "lovely" findet, nur möchte sie halt ungern zu sehr von ihnen in Anspruch genommen werden. Und dieser Roger Yount, dieser Prototyp eines City-Bankers, der jahrelang nichts anderes getan hat als auf der Welle des Turbo-Kapitalismus zu surfen, dessen Leben jede einzelne Sekunde auf die Mehrung und Verwaltung von Vermögenswerten ausgerichtet war: Er soll nun plötzlich einen Neuanfang schaffen, mit dieser Frau, ohne Millionenbonus, ohne Kinderbetreuung, ohne all die Insignien des Materialismus, mit denen er jahrelang gelebt hat?

Es ist ungemein spannend zu lesen, wie Lanchester den rapiden Abstieg eines Super-Kapitalisten schildert, und man darf zugeben, dass ein nicht unerheblicher Teil des Lesegenusses einer grimmigen Schadenfreude entspringt. Wenn Roger sich vor Entsetzen buchstäblich übergeben muss, als er erfährt, dass sein Jahresbonus praktisch ausfällt, dann gibt die Geschichte dem Leser ein wenig von der Genugtuung, die in der realen Aufarbeitung der Finanzkrise leider allzu oft ausgeblieben ist. Und wenn er gleich darauf seine Frau (die er längst hasst für ihren materialistischen Lebensstil) bestraft, indem er ihr fast genüsslich mitteilt, dass nun alle Ausgaben drastisch gekürzt werden müssten und sie nun auch eine "Mama" sein müsse - da entfährt dieser nur ein leises "Oh", und man möchte gleich einstimmen in den bösen kleinen Freudentanz, den Roger innerlich vollführt. Nein, an diesen Stellen bringt der Roman nicht die nobelsten Gefühle im Leser hervor, aber es ist ein höllisches Vergnügen, das zu lesen!

Und das lässt sich nun ohne jede Einschränkung für den gesamten Roman sagen. "Kapital" ist ein geradezu perfektes Buch: Unfassbar smart geschrieben, spannend wie ein Thriller, intellektuell, hochaktuell, bewegend, witzig und tiefgründig. Erzählt werden über den Zeitraum eines Jahres die Geschichten von mehr als ein Dutzend Personen, die locker miteinander verwoben sind. Den globalen Hintergrund bildet das Dräuen der Finanzkrise, die gegen Ende des Romans ausbricht; London mit seiner Mischung aus Turbo-Kapitalismus und ethnischer Vielfalt ist der Schauplatz. Die Geschichte von Roger Yount bildet das erzählerische Rückgrat des Romans, aber die anderen Erzählungen sind kaum weniger packend, und es ist unmöglich, ihnen allen hier gerecht zu werden. Mehr noch als die großen, aus dem öffentlichen Diskurs bekannten Themen wie Finanzkrise, Terrorhysterie oder Einwanderungsproblematik (obwohl hier allesamt in restlos überzeugende Geschichten eingebunden) berühren dabei die subtilen Alltagsdramen, die Lanchaster schildert. Zbigniew, ein polnischer Handwerker, lässt sich leichtfertig auf eine Affäre mit Davina ein, obwohl er nicht viel mit ihr anfangen kann - nur, der Sex ist halt so verdammt gut. Als Zbigniew Davina satt hat und sich von ihr trennen will, taucht Davina wieder bei ihm auf, ein Bild des Jammers, sagt, dass sie nicht ohne ihn leben kann. Jetzt erst merkt Zbigniew, in was für eine Falle er sich begeben hat, dass er, ohne es zu wollen, Verantwortung übernommen hat für ein fremdes Leben, die ihn zu erdrücken droht. Und die er nicht einfach wieder abgeben kann wie einen gebrauchten Pulli. Als Zbigniew diese Einsicht kommt, sitzen die beiden schweigend Hand in Hand auf einer Parkbank, inmitten des sprudelnden Londoner Lebens, während die Wände über ihn hereinbrechen. Oder Matya, das sexy ungarische Kindermädchen, von Roger in einem Notfall rekrutiert, nachdem sich Arabella Hals-über-Kopf in einen Kurzurlaub mit Freundin verabschiedet hat: Roger verguckt sich in die Frau, und als man sich innerlich schon auf eine schwüle Vater-mit-dem-Kindermädchen-Episode einrichtet, geht die Geschichte einen völlig anderen Gang. Matya erwidert Rogers Begehren keineswegs, sondern verliebt sich auf mütterliche Weise in Josh, Rogers dreijährigen Sohn, und dieser in sie. Diese Liebe zwischen einer jungen Frau und einem Kleinkind ist auf ganz einfache Weise richtig und schön - und für den Leser ist es sehr erfreulich, wenn die eigenen abgeschmackten Erwartungen so enttäuscht werden. So auch bei Smitty - ein egozentrischer, eitler Aktionskünstler mit ausgewachsener Hybris und "leckt-mich"-Attitüde, der dann aber heimlich ins Sterbezimmer seiner Großmutter schleicht, um in den letzten Stunden bei ihr zu sein. Immer wieder zeigen die Figuren in diesem Roman solche warmherzigen, zutiefst menschlichen Züge, und das gibt dem Buch über alle technische Virtuosität hinaus auch ein besänftigendes, optimistisches Strahlen. Das macht das Lesen nicht nur zu einer ästhetischen Erfahrung, sondern auch zu einer seelischen Wohltat.

Formal ist der Roman ohnehin über alle Zweifel erhaben. Lanchaster ist ein Meister der Sentenz. Immer wieder bündelt er Gedanken und Wahrnehmungen in pointenhaften Wendungen, die so gelungen und treffend sind, dass man verblüfft auflachen möchte. Man liest und fühlt sich glücklich wie ein Kind vor einem sprudelnden Becken, aus dem immer wieder die schönsten Seifenblasen aufsteigen. Die Leichtigkeit, mit der sich das liest, der Flow, der sich beim Lesen einstellt, sollte nicht zum Schluss verleiten, man habe es hier mit "einfacher" oder gar "trivialer" Literatur zu tun. Man kann es nicht oft genug sagen: Ein Text, der so verständlich und überzeugend ist, dass er beim ersten Lesen mit unmittelbarer Wucht im Bewusstsein einschlägt, der einen so in den Bann schlägt, dass man beim Lesen kaum zum Atmen kommt (oder spät abends noch einmal das Büro vom Wachmann öffnen lässt, weil man das Buch dort vergessen hat), erfordert viel mehr Begabung, Können und Anstrengung als die vermeintlich anspruchsvolle Assoziationsorgie mit Originalitätsneurose. Ambitioniert ist Lanchesters Schreibstil nur insoweit, als er auf höchstem Niveau unterhalten will. Und schwieriger geht es nicht. Hier gelingt's. Einer der besten Romane der letzten Jahre.
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TOP 500 REZENSENTam 24. Oktober 2012
Dieser opulente, facettenreiche Roman handelt vom Leben in London in den Jahren 2007 und 2008 am Vorabend und während der Wirtschaftskrise. London konzentriert sich hier auf die Pepys Road, eine Straße, in der sich ein buntes, die untere bis obere Mittelschicht repräsentierendes Sammelsurium an Bewohnern und einem Kreis von weiteren Akteuren, die in unterschiedlichster Form einen Bezug zu diesem Umfeld haben, tummelt.

Ein wenig gemahnt dieser Roman in seinem Ansatz an den Film "Short Cuts" von Robert Altman, der allerdings in L.A. spielt. Wie dort werden fragmentarische Sequenzen aus dem Leben einiger Menschen aufgeführt und wie im Film steht hier die Stadt im Hintergrund und bildet die Kulisse zur Handlung, vielmehr zu den vielschichtigen Parallelhandlungen des Romans.

Die Rentnerin Petunia, der pakistanische Lebensmittelhändler Ahmed, der Finanzhändler Roger, das hoffnungsvolle senegalesische Fußballtalent Freddy - sie alle leben im Kreise ihrer Familien in der Pepys Road, haben Träume und hegen Hoffnungen und Wünsche... und werden von unheimlichen, regelmäßig eintreffenden Karten mit der Botschaft "Wir wollen das, was Ihr habt" belästigt, denen bald weitere, ähnlich störende Aktionen folgen, um die sich das lokale Polizeipräsidium mehr oder weniger motiviert kümmert.

Doch das Leben in der Pepys Road zieht weitere Kreise: nicht nur um diese Sendungen rankt sich die Handlung: Nein, weitere Figuren, die in Zusammenhang mit dieser Straße stehen, beispielsweise der polnische Handwerker Zbigniew, das ungarische Kindermädchen Matya, Freddys Vertrauter Mickey, um nur einige zu nennen... sie alle haben ihren Auftritt, ihren Anteil an der Geschichte.

Ein mitreißendes, pralles und monumentales Buch, das trotz der vielen darin vorkommenden Figuren nie verwirrend ist und nicht eine Länge aufzuweisen hat. Obwohl viel Alltägliches beschrieben wird, ist die hier erzählte Story voll von überraschenden Entwicklungen - es fällt wirklich schwer, die Lektüre zwischendurch zu unterbrechen, zumal neben der Darstellung der Erfahrungen, der Sorgen und Nöte auch der Humor an keiner Stelle zu kurz kommt.

Der Leser spürt, dass jede einzelne Seite wichtig und bereichernd ist - denn, um es mit Zbigniew, dem polnischen Handwerker zu sagen: "Eines mußte man London lassen: Es gab ziemlich viel davon" (S.541) - und zwar jede Menge pralles Leben, mit dem der Rezipient des Romans konfrontiert, durch das er mit allen Sinnen angeregt und mit Hilfe dessen er amüsiert wird. In diesem Sinne lege ich "Kapital" jedem ans Herz, der einen sowohl anspruchsvollen als auch unterhaltsamen Roman, der gut geschrieben und ebenso gut übersetzt ist, zu genießen vermag.
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John Lanchester zeichnet ein neutrales Panorama der Bewohner Londons und schafft es, die Fakten und Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. Er prangert nicht an, dass Quentina, die Akademikerin, die wegen ihres politischen Engagements aus Simbabwe verjagt wurde und nun mit einer falschen Identität in London Knöllchen verteilt. Aber er erzählt ihrer Geschichte so realistisch und eindringlich, dass der Leser selbst zu einer moralischen Bewertung kommt.

Der Journalist John Lanchester bedient sich einer massentauglichen Sprache. Einfache, leicht verständliche Sätze prägen das 682 Seiten starke Werk und machen das an sich monumentale Werk zu einer angenehmen Lektüre. Die zahlreichen Handlungsstränge werden geschickt miteinander verwoben und am Ende verbunden, so dass trotz der zahlreichen Personen der Überblick gewahrt wird.

Darin unterscheidet sich Lanchester aber auch von Balzac, mit dem er auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe verglichen wird. Seine Figuren sind weniger detailliert gezeichnet und ihr persönlicher Hintergrund wird weniger beschrieben als dies bei Balzac und beispielsweise Tolstoi der Fall ist. Das macht seine Bücher zwar populärer, aber auch weniger epochal als beispielsweise die Werke von Jonathan Franzen.

Das Faszinierende an Lanchesters Charakteren ist ihre Durchschnittlichkeit. Sie fallen weder durch besondere Intelligenz, Schönheit oder Charakterschwächen auf, sondern sind so allgemein und gewöhnlich, dass es außer Frage steht, dass sich derartige Personen in London und anderen Metropolen finden lassen. Kapital wirkt daher wie ein Panoptikum unserer Gesellschaft, das aufzeigt, wie normale Menschen werden, wenn die Umstände so sind, wie in der westlichen Welt zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
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am 11. März 2014
Derartige Vorhaben gelingen nicht immer gut: einzelne Schicksale werden vorgestellt, weiter entwickelt und das Ganze auch noch parallel. Und zusätzlich gibt es noch ein großes Ganzes, die Klammer darüber, die ein zusätzliches Thema eröffnet, das gesellschaftskritisch rüber kommt - in mehreren Ebenen.
Pepys Road - eine Straße in London, hochgespült durch den Mittelstand, künstlich hochtupierte Lebenshaltungskosten und natürlich Neid. Das alleine gibt schon genug Stoff. Gepaart mit gesellschaftlicher Übervorsicht, Paranoia, Denunziation, Geltungsdrang und schlichtweg Angst ist das schon was, was ein Buch füllen kann. Dass dabei auch noch die verschiedensten Einzelschicksale der Bewohner (und der Wirkenden) in Pepys Road dargestellt werden ist umso interessanter und nimmt den Leser voll und ganz in den Strudel des Lebens dieser Straße mit.
Lanchester ist das zusammenfügen dieser Parallelhandlungen sehr gut gelungen. Lupenrein.
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am 15. Juni 2015
Die Bewohner einer Londoner Straße sind die Protagonisten dieses Romans. So sehr sich die Häuser von außen auch ähneln, desto unterschiedlicher ist das Leben der Personen hinter den Fassaden. Die krebskranke Oma, die ihr ganzes Leben schon in der Straße wohnt, der zum
Erfolg verdammte Broker, der der Armut Afrikas entkommende Fußballstar - geschickt versteht es der Autor Einzelschicksale zu einem großen Ganzen zu verknüpfen und so ein Spiegelbild der britischen Gesellschaft um 2008 darzustellen. SEHR unterhaltsam!
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am 1. Februar 2013
Bei diesem Buch brauchte es bei mir sehr lange, bis ich damit in Fahrt kam, etwa bis Seite 200. Doch danach gewinnen die Figuren an Profil, ich konnte sie besser einordnen und es entwickelte sich eine sehr spannende, amüsante und auch lehrreiche Reflexion der Geschichte der verschiedenen Protagonisten. Dabei fehlen auch sehr gesellschaftskritische Töne nicht.
Inzwischen ist das Buch beim weiteren Lesen grossartig geworden. Es geht nämlich im Kern um das wichtigste Kapital, das es gibt, nämlich das Leben!
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am 8. Oktober 2014
Ein kurzweiliges Buch, dem jedoch der große Spannungsbogen fehlt. Die Episoden der Beteiligten, die alle irgend etwas mit einr bestimmten Strasse/Wohngegend in London verbindet, sind sehr realistisch beschrieben und reflektieren aktuelle gesellschaftliche Problemthemen. Interessant und kurzweilig zu lesen. Für mich als "Hauptstädter", der selbst in einer Problemgegend wohnt, erst recht.
Dank Portionierung in eher kurze Kapitel auch 'zwischendurch' lesbar.
Am Ende stiehlt sich der Autor aus der Geschichte raus: Es bleibt einiges offen ... oder schafft der Autor damit die Voraussetzung für eine Fortsetzung ?
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am 5. November 2013
In KAPITAL geht es um das Leben mehrerer Anwohner der fiktiven Pepys Road in London, die alle eines Tages die ominöse Nachricht "Wir wollen, was ihr habt" in ihrem Briefkasten finden.
Die Häuser in dieser Straße wurden einst als Arbeitersiedlung gebaut, doch im Zuge der Gentrifizierung haben sich die Häuser, die Preise der Häuser und auch die Zusammensetzung ihrer Bewohner stark verändert.
Wir lernen die älteste Bewohnerin der Straße kennen, die 82jährige Witwe Petunia Howe, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat, später dann auch ihre Tochter und den Enkel, einen Künstler, der unter dem Namen Smitty bekannt ist. Nebenan lebt der erfolgreiche Banker Roger Yount, der offensichtlich über seine Verhältnisse lebt - nicht ganz schuldlos daran seine anspruchsvolle und konsumbesessene Gattin Arabella. Der siebzehnjährige Freddy Kamo, ein angehendenr Fußballstar, ist aus dem Senegal nach London gekommen, um hier Karriere zu machen.. Auch er wohnt mit seinem Vater in einem Haus in der Pepys Road, das der Fußballverein für ihn gemietet hat. Dann ist da noch die pakistanische Familie von Ahmed Kamal, der im Haus, in dem er wohnt, einen Convenience Store betreibt. Und es geht auch um die Leute, die in der Pepys Road arbeiten: Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, den polnischen Handwerker Zbigniew und die afrikanische Politesse Quentina, die als Asylantin ihren Job nur auf illegale Weise bekommen konnte.
Wir folgen den Schicksalen dieser Leute für ein Jahr, einige werden ausführlicher behandelt als andere, aber bei allen gibt es einschneidende Veränderungen - am Ende dieses Jahres ist nichts mehr so, wie es vorher war. Und diese Veränderungen sind unter anderem bedingt durch Finanzkrise, Globalisierung, Migration und Terrorismusangst.
Der anfänglich sehr wesentlich erscheinende Handlungsstrang um die "Wir wollen, was ihr habt"-Postkarten erweist sich als weniger zentraler, wenn auch durchaus spannnender, Nebenschauplatz.
John Lanchester bietet einen faszinierenden Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten, ein bewegendes, packendes und humorvolles Kaleidoskop menschlicher Lebensentwürfe und Schicksale. Der fast 700 Seiten umfassende Schmöker unterhält größtenteils hervorragend, ein paar kleine Hänger zwischendurch fallen nicht ins Gewicht.
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am 13. Februar 2013
Das ist fast schon Faction", eine Kombination aus Unterhaltungs- und Sachliteratur. Aufgearbeitet hat der Autor Geschehnisse und Folgen der Finanzkrise: Wie wird wer wofür verantwortlich gemacht und wer kann sich aus der Affäre und damit aus dem Geschäftsleben zurück ziehen? Subjektiv leiden gerade die Großverdiener am meisten unter Verlusten, während es dem kleinen Mann" nun noch übler geht ... In der Pepys Road im Londoner Süden leben vor allem zu Geld Gekommene - doch am Rande auch normale" Menschen, in der Melting-Pot-Mischung. Wer Migrations-Hintergrund mitbringt, kann dann schon mal in die Terrorismus-Mühle geraten und kommt nur mit viel Mühe wieder heraus. In die Konsum-Mühle ist Roger Yount mit seiner Familie geraten: Die Frau ist geradezu manische Käuferin, die Zeichen der Zeit aber gleich überhaupt nicht wahrnimmt. Und wenn dann aus erwarteten 1 Million Pfund Bonus ein solcher von gerade mal 30.000 wird, sind manche Pläne perdu. Doch auf der Suche nach Glück sind auch die anderen Bewohner der Pepys-Road, ob lange ansässig (der eher aussterbende Einwohner-Teil, im Sinne des Wortes ...) oder kurz dabei, wie etwa die senegalesische Fußballhoffnung Freddy Kamo mit Vater. Mitten in einer seiner Baustellen haust der polnische Handwerker Zbingniew, dessen Hang zu Frauen auch zu interessanten Verwicklungen führt - und Pläne auch bei ihm über den Haufen wirft. Und was steckt schließlich hinter den Nachrichten, die bald regelmäßig in den Briefkästen landet, in Form von Ansichtskarten, nämlich Ansichten des jeweiligen Hauses Wir wollen, was ihr habt."? Steckt vielleicht doch ein Künstler dahinter, der noch zu erwähnen wäre? Letztlich ist vieles anders, als man denkt - und kommt auch so daher. - Schön der Titel, der natürlich bewusst an Karl Marx erinnern soll, dessen Leben und Schreiben sich ebenfalls an Ort und Stelle des Romans ereignet hat: London. Finanz-Dreh- und Angelpunkt, ob nun ohne Shard oder neuerdings mit ihm ... Fast 700 Seiten voller Ironie und britischem Witz (ja, tatsächlich andeutungsweise schwarzem Humor). Ein Metropolen-Panorama hat ttt den Roman genannt, mit spöttischem, aber auch teilnahmsvollem Blick." (U4) Erzählt von einem, der einst in Hamburg geboren wurde, im Fernen Osten aufgewachsen ist, um schließlich in England zu landen, u.a. als Restaurant-Kritiker für den Observer: Sein scharfer Blick wird in diesem Opus Magnum gut erkennbar ... Mit viel Einblick in die Zentralen der Finanz-Transaktionen, ihr Manipulieren und Augenverschließen vor crucial moments, so lange alles gut geht. Doch, wehe sie sind los gelassen
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TOP 500 REZENSENTam 23. März 2013
Die Rezension bezieht sich auf das englische Original, aber ist für Leser der deutschen Ausgabe hoffentlich auch von Interesse.

Capital erzählt von den Auswüchsen des Kapitalismus in der Hauptstadt (capital) des Kapitalismus. Ort der Handlung ist die Pepys Road im Süden Londons, und die Geschichte beginnt Ende 2007, als die Immobilienblase noch nicht als solche bezeichnet wurde, aber die ersten Dominosteine schon zu wackeln begannen.

In der Pepys Road wohnen nur Reiche. Entweder vor kurzem reich geworden, weil sie schon lange dort wohnen und sich der Wert ihrer Häuser in den letzten Jahren vervielfacht hat, oder reich genug, um sich so ein Haus in der Pepys Road leisten zu können. Da ist zum Beispiel die alte Dame, die noch in dem Haus wohnt, wo sie geboren wurde und nie woanders gelebt hat. Da ist der Bänker, dessen nicht eben geringe Einkünfte dennoch gerade ausreichen, die extravaganten Bedürfnisse seiner konsumbesessenen Gattin zu befriedigen. Da ist das siebzehnjährige Fußballwunder aus Senegal, dem eine spektakuläre Karriere beim FC Chelsea (nicht ausdrücklich genannt, aber unschwer zu erkennen) bevorsteht. Und da ist schließlich der pakistanischen Ladenbesitzer mit hübscher Frau und zwei süßen Kindern, dessen Brüdern der Spagat zwischen englischer Bürgerlichkeit und religiösem Fundamentalismus arg zu schaffen macht.

Und dann sind da die Menschen, die sich niemals ein Haus in der Pepys Road leisten könnten, die aber dennoch das Leben dort mitprägen: Der polnische Handwerker, der kaum hinter den erratischen Gestaltungswünschen seiner Auftraggeber(innen) herkommt, die ungarische Nanny, ohne die die Bänkerfamilie ihren Söhnen hilflos ausgeliefert wäre, die simbabwische Politesse, die mit diesem (illegal ergatterten) Job ihrem trostlosen Asylantenleben etwas Sinn gibt und die Strafzettel umso lieber verteilt, je teurer das Auto ist. Und schließlich ist da noch Smitty, den Enkel der alten Dame, ein geheimnisvoller Aktionskünstler, der dem mysteriösen Sprayer Banksy nachempfunden ist, und dessen künstlerische Bedeutung im wesentlichen darauf beruht, dass niemand seine Identität kennt.

Eines Tages finden die Anwohner in ihrer Post Karten mit Fotos ihrer Häuser und einem kurzen Text: "We want what you have". Damit beginnt eine merkwürdige Kampagne, die allein dadurch etwas Bedrohliches hat, dass keiner weiß, was der oder die Akteure eigentlich im Sinn haben, und die im Verlauf der Geschichte immer sinistrere Forman annimmt. Man ahnt, wer dahinter stecken könnte, dennoch bleibt es spannend bis zum Schluss. Dieser Teil der Story ist der Kitt, der die einzelnen Erzählstränge zusammenhält.

John Lanchester ist es in humorvoller und einfühlsamer Weise gelungen, alle Charaktere gleichermaßen mit Leben zu erfüllen. Eine Hauptperson gibt es deshalb nicht, und wenn, dann ist es das "capital", sowohl im Sinne des Geldes als auch der Stadt, die es beherrscht. Das Geld derjenigen, die unanständig viel davon haben und trotzdem nicht klarkommen, und derjenigen, die wenig haben, aber mit diesem Umstand zu leben gelernt haben. Alle haben einschneidende Herausforderungen zu meistern, die ihr Leben in dramatischer Weise ändern werden, und dass am Ende fast alles offen bleibt, schmälert den Lesegenuss in keiner Weise. Wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Geld allein macht nicht glücklich, aber kein Geld noch weniger, und das Leben ist dann am schönsten, wenn man endlich herausgefunden hat, was man wirklich damit anfangen möchte.
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