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am 16. November 2013
Sein Erstling "In Stahlgewittern" hat Ernst Jünger über eine Periode von 60 Jahren ständig bearbeitet. So sind je nach Zählweise sechs, sieben oder noch mehr Fassungen bekannt. In der historisch-kritischen Ausgabe von H. Kiesel werden im Band 1 neben der Erstausgabe von 1922 auch die Ausgabe letzter Hand von 1978 und zusätzlich eingeschaltet und farblich Abgesetzt die Änderungen der Fassungen 1922,1924,1934, 1935 und 1961 parallel abgedruckt. So ist es möglich in einem Buch sämtliche Ausgaben einzeln zu lesen und/oder aber auch diese miteinander zu vergleichen, ohne dass der Lesefluss wirklich gestört ist. Durch den Farbdruck springen die Veränderungen der einzelnen Fassungen deutlich hervor. Da auch jedes Mal noch das Datum der Änderung am Rande vermerkt ist, kann man den Wandel des Werkes gut verfolgen. Insbesondere fallen die Änderungen der Jahre 1924, 1934 und 1961 ins Gewicht. Wer das Buch und seine Wandlungen also "nur" verfolgen will, kann dies mit Band 1 hervorragend tun.

Band 2 bringt ( S.123-442) nochmals ein Variantenverzeichnis, welches alle Fassungen einer Stelle zusammenfasst. Das ist für den Philologen oder Germanistik-Studenten sicher interessant, für den "normalen" Leser jedoch sehr ermüdend. Interessanter fand ich die Einleitung (S. 9-122) die neben einer Biographie Jüngers bis zum Kriegende und einer kurzen Regimentsgeschichte viele Details zur Entstehungsgeschichte des Buches umfasst (Fotos, Widmung, Titel, Fassungen... um nur einige Stichwörter zu nennen). Den Abschluss bildet ein Kapitel "Materialien" (S. 445-580) der über den Absatz und die Rezeption (mit vielen Rezensionen), einem knappen Bildteil, einem Kartenteil und ausführlichen Orts- und Sacherklärungen aufwarten kann.

Angesichts der Tatsache, dass sich der Beginn des Ersten Weltkrieges im nächsten Jahr zum hundertsten Male jährt, finde ich es angebracht, dass "In Stahlgewittern" in dieser Ausgabe neu erscheint. Wer sich mit dem Ersten Weltkrieg und insbesondere mit dem Stellungskrieg befasst, kommt meines Erachtens nicht um dieses Buch herum.

Das Jünger ein so langes Leben gegönnt war, darf man ebenfalls als Glücksfall betrachten. Denn nur so kamen die "Änderungen", nicht Wandlungen des Werks durch die Jahre zustande. Diesen Änderungen zu folgen und dabei immer das Datum der jeweiligen Änderung im Auge zu behalten, gibt meiner Ansicht nach, auch besondere Einblicke auf die Entwicklung Jüngers selbst. Für mich zwei wirklich interessante Bücher.
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am 22. Februar 2014
Die editorische Leistung Kiesels ist hoch zu schätzen, Jüngers Text wird wohl immer umstritten bleiben.
Traurig ist jedoch, wie Klett-Cotta die hochpreisige Ausgabe präsentiert: Der vermeintliche Schuber ist eine billige Hülse, die Bände sind klebegebunden statt fadenheftet, farbliche Unterscheidungen im Druck sind nur bei sehr heller Beleuchtung auszumachen.
Manche Abbildungen sind so schlecht wiedergegeben, dass man auf sie verzichten kann.
Eine zweifelsohne sehr gute Grundidee wurde durch den Verlag gelinde gesagt mittelmäßig umgesetzt.
Bei dem vergleichsweise hohen Preis ist zu hoffen, dass die editorische Leistung Kiesels wenigstens gut honoriert wird.
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TOP 500 REZENSENTam 22. November 2013
Jüngers Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" war von Anfang an umstritten und wurde von vielen sehr unterschiedlichen Seiten für ihre Zwecke ge-/missbraucht. Insbesondere die mehrfachen Änderungen waren stets Anlass für Kritik am Autor. Ihm wurde vielfach vorgeworfen, sich dem Zeitgeist anzupassen.

Aber welcher Autor würde sein Erstlingswerk nicht an den Fortschritt des eigenen Geistes anpassen wollen, wenn ihm nur (wie Jünger) fast 80 Jahre Zeit und turbulente Weltereignisse hierfür blieben ?

Wie Jünger selbst sagte, war ihm die Publikation lediglich ein willkürlicher Zeitpunkt während der Textentstehung; "Es gibt nur Fassungen. Der Stein der Weisen ist unsichtbar." Sein Ziel war es, das Werk durch Veränderung in den Status einer Zeitlosigkeit zu bringen.

Wenn man viele Werke Jüngers liest, so kann man erkennen, welchen persönlichen Wandel er durchlaufen hat. Von der Kälte in Wortwahl und Schilderung bei der Erstfassung wandelt sich das Werk über Einfügen und Rücknahme z. B. nationalistischer Töne zur Benutzung des Wortes "Trauer" in 1961 : "Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen die Trauer austragen. Sie reicht tief in die Träume hinein."

Beschränkt man sich auf die Sprache, so erkennt man die Reifung. Von der mechanisch wirkenden Erzählung über den "prosaischsten aller Kriege" aus dem Blickwinkel eines jungen Mannes, der schon vor der Volljährigkeit eine Neigung zu Risiko, Gewalt und idealisierter Männlichkeit ("Krieger") hatte und sich bei der Fremdenlegion verpflichtete, hin zu einem Ästheten der Sprachwahl, wobei dieser Aspekt insbesondere in Deutschland meistens hinter politische zurückfiel.

Die zweibändige Analyse von Prof. Kiesel ist zwar sehr umfangreich, aber dafür hat man m. E. die Sicherheit der endgültigen Betrachtung. Besser geht es nicht; besonders die optisch abgesetzten Fassungsänderungen erleichtern den Zugang zu dieser schweren Kost, deren Aktualität nicht nur im bevorstehenden 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 liegt.
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