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Kundenrezensionen

4,6 von 5 Sternen
56
Doktor Faustus
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:12,99 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


am 16. November 2007
Doktor Faustus ist mein persönliches Lieblingswerk von Thomas Mann. War daher sehr gespannt als ich dieses Hörbuch geschenkt bekam. Ich bin nicht enttäuscht worden!

Zu aller erst muss man sagen, dass es (zum Glück!) kein reines Hörbuch ist, in dem ein Erzähler den Text einfach so runterliest. Verschiedene Sprecher und ein Erzähler führen den Hörer hörspielhaft durch das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Dies ist in meinen Augen eine sehr geschickte Art und Weise, die Aufmerksamkeit des Hörers aufrechtzuerhalten (dies hat sich ja zum Glück bei vielen größeren Hörbuchproduktionen halbwegs durchgesetzt, reine "Vorleseorgien" irgendwelcher Einzelsprecher sind für mich einfach nur zum einschlafen!).

Dramaturgisch halte ich die Umsetzung ebenfalls für sehr gelungen. Natürlich ist der Text gekürzt, sonst müssten es ja 30, 40 oder gar mehr CDs sein. Germanisten, die ins Detail gehen wollen, werden aber wohl sowieso zum Buch greifen, daher fällt dies für mich nicht negativ ins Gewicht.

Alles in allem eine sehr gelungene Umsetzung als Hörbuch/Hörspiel, die es hier bei Amazon zum fairen Preis/Leistungs Verhältnis gibt. Unterhaltung auf hohem Niveau, nicht nur für Thomas Mann Fans.
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TOP 500 REZENSENTam 1. Dezember 2007
"Doktor Faustus" erzählt die Geschichte eines Paktes, eines Paktes zwischen dem genial veranlagten Komponisten Adrian Leverkühn und dem Teufel, der es ihm erlaubt, im quasi orgiastischen Zustand ein Meisterwerk nach dem anderen zu kreieren. Der zu zahlende Preis ist hoch: "Du darfst nicht lieben" (334). Erzähler des Romans ist der Humanist und Freund Leverkühns seit Kindestagen Serenus Zeitblom, ein bodenständiger Lehrer der Altphilologie. Doch Zeitblom thematisiert nicht nur die Tragödie seines Freundes zwischen den Jahren 1885 und 1940, sondern ebenso die Tragödie seiner Zeit, der Zeit der Niederschrift seines Berichts, welche am 23.5.1943 beginnt. In Einschüben kommentiert Zeitblom die zeitpolitische Situation und ergeht sich in düsteren Vorahnungen: "Es ist aus mit Deutschland, wird aus mit ihm sein, ein unnennbarer Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch und geistig, kurz allumfassend, zeichnet sich ab, - ich will es nicht gewünscht haben, was droht, denn es ist die Verzweiflung, ist der Wahnsinn" (234).

Ist der Roman schlussendlich nur eine Metapher? Steht Leverkühn, das künstlich-geistige Genie, stellvertretend für das deutsche Volk, welches sich, gelockt durch das Versprechen von Größe und Ruhm, dem Satan aus Braunau am Inn anvertraut hat? Der Text bietet hierfür einige Anhaltspunkte, so zum Beispiel Leverkühns Bericht über seine erste Begegnung mit einer Dienerin des Teufels in Gestalt einer Prostituierten, den Zeitblom, sofern wir seinen Worten glauben schenken dürfen, nach dem Tod Leverkühns in dessen Nachlass vorfand: "Neben mir stellt sich dabei eine Bräunliche [...] Esmeralda, die streichelt mir mit dem Arm die Wange" (192). Die Betonung liegt hier wohl auf "Bräunliche".

Brillanter Höhepunkt des Romans ist Leverkühns Gespräch mit dem Leibhaftigen höchstselbst, in dem der Pakt geschlossen wird, dem ein philosophisches Duell auf höchstem Niveau vorangeht. Auch diesen Teil seines Berichtes hat Zeitblom nach eigenen Angaben dem Nachlass des Freundes entnommen. Zunächst die Existenz seines diabolischen Gegenübers leugnend, kontert dieser: "Du siehst mich, also bin ich dir. Lohnt es zu fragen, ob ich wirklich bin? Ist wirklich nicht, was wirkt, und Wahrheit nicht Erleben und Gefühl? Was dich erhöht, was dein Gefühl von Kraft und Macht und Herrschaft vermehrt, zum Teufel, das ist die Wahrheit" (325f.). Stärke und Macht gleich Wahrheit; dieses Credo hat auch der Bräunliche aus der österreichischen Provinz gepredigt.

Doch tut man dem Roman unrecht, würde man ihn nur auf diese Parallelen hin betrachten. Thomas Mann hat die deutsche Sprache auf ein Niveau gehoben, welches bis dato nie erreicht wurde und wohl auch nie mehr erreicht werden wird. Allein seine Darlegungen der Leverkühnschen Kompositionsart, angelehnt an die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs, sind atemberaubend. Man hat zeitweise wirklich das Gefühl, die beschriebene Musik, das Ineinandergleiten der Töne, hören zu können.

Unerreicht bleibt auch Manns Fähigkeit, die Charaktere seiner Romane gleichsam nachfühlbar und miterlebbar zu charakterisieren, so dass beim Lesen greifbare Bilder in der Vorstellung des Lesers entstehen. Vorbildlich gelungen ist dies bei Nepomuk, Leverkühns von allen geliebter Neffe, "ein Elfenprinzchen" mit seiner "zierlichen Vollendung der kleinen Gestalt mit den schlanken, wohlgeformten Beinchen; der unbeschreibliche Liebreiz des länglich ausladenden, von blondem Haar in unschuldiger Wirrnis bedecktem Köpfchens, dessen Gesichtszüge, so kindlich sie waren, etwas Ausgeprägt-Fertiges und Gütiges hatten, sogar der unsäglich holde und reine, zugleich tiefe und neckische Aufschlag der langbewimperten Augen von klarstem Blau" (608f.). So zum Leben erweckt, ergreift das tragische Schicksal des Kindes, welches Zeitblom vom ersten Kapitel an andeutet, umso mehr.

Und am Ende der Aufzeichnungen, mehr als fünf Jahre nach dem Tod Leverkühns, steht auch das Ende all dessen, wofür unser humanistischer Bildungsbürger in seinem Leben gestanden hat. Nicht so sehr der Zusammenbruch des Nazi-Regimes, welchen er eher begrüßt, sondern der absolute moralische Ruin, der für immer mit der deutschen Nation verbunden bleiben wird: "Man nenne es finstere Möglichkeiten der Menschennatur überhaupt, die hier zu Tage kommen, - deutsche Menschen, Zehntausende, Hunderttausende, sind es nun einmal, die verübt haben, wovor die Menschheit schaudert, und was nur immer auf deutsch gelebt hat, steht da als ein Abscheu und als Beispiel des Bösen" (635).

Fazit: Roman und Zeitdokument. Thomas Mann schrieb "Doktor Faustus" im amerikanischen Exil zwischen den Jahren 1943 und 1947. Ergebnis war und ist nichts weniger als ein Meisterwerk der deutschen Literatur.
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am 2. Juli 2005
Einem Roman von Thomas Mann etwas anderes als 5 Sterne zu geben wäre anmaßend.
Für die inhaltliche Bewertung des vorliegenden Werkes möge der interessierte Leser die vielfachen Rezensionen der Buchversion hier nachlesen.
Bliebe aus meiner Sicht an dieser Stelle lediglich noch folgendes hinzuzufügen:
a) Ganz gleich, was Gert Westphal vorliest, ist dies immer höchstes (Hör-) Vergnügen.
b) Ich schließe mich nicht der Meinung eines Buchrezensenten an, "Doktor Faustus" sei der beste Roman Thomas Manns. Die Buddenbrooks, der Zauberberg, besonders aber der Joseph-Roman haben meines Erachtens mehr zu bieten. Dennoch verdient auch dieser Roman allemal 5 Sterne - auf der leider nicht weiter nach oben offenen amazon-Skala.
c) Thomas Mann ist in allen seinen Werken nicht nur ein präziser Beobachter und Beschreiber auf hohem stilistischen Niveau gewesen, sondern so manches Mal in negativer Übersteigerung eben dieser Fähigkeiten auch ein Schwadroneur und Causeur. Seine Schwatzhaftigkeit fällt ganz besonders in diesem Werk auf und kann über weite Strecken die Grenze des Erträglichen überschreiten.
d) Auch in diesem Werk fällt dem aufmerksamen Leser der oftmals zu beobachtenden modulare Aufbau auf. Th. Mann versteht es, Versatzelemente, schriftstellerische Fingerübungen oder Gedankenausflüge zu gänzlich anderen Themen aus Politik, Wissenschaft oder Kunst Seiten füllend und ohne jeglichen inhaltlichen Zusammenhang in seine Werke so zu integrieren, dass es dem Leser nur sehr schwer auffällt.
e) Besonderes Vergnügen hat der Leser, dem es auch in diesem Roman gelingt, jene Abschnitte zu entdecken, die eindeutig autobiographische Züge haben oder Verarbeitungen Manns eigenen (Er-) Lebens sind.
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am 12. Dezember 2001
Thomas Mann versucht in seinem Faustus alle Geistesgeschichte und -kontroverse seiner Person, seiner Zeit und seines Volkes zusammenzuraffen und in einen teils genial-eleganten, teils gewaltsam konstruierten Zusammenhang zu drängen: Er verdichtet Genie und Wahnsinn, Nazidiktatur und Mittelalter, Autobiographie und Kulturkampf, Aberglaube und Politik, Philosophie und Musiktheorie, Religion und Gesellschaft zu einem kaum faßbar dichten großen Plan, der schließlich in Romanform gepresst wurde und in dieser auch noch Parallelen, Reflexionen und Reaktionen auf den Faust als Volksbuch und goethisches Nationalheiligtum, auf die Ansichten des Kater Murr, auf Nietzsches Leben und Werk und sein eigenes gespaltenes Selbst tragen muss. So viel Inhalt und Idee, so viel Anspielung und Konstruktion musste unbedingend noch seinen Weg in das Werk finden, in dem Mann wohl sein ganzes Dasein und Schaffen und alle Verirrungen seines Volkes in Vergangenheit und Nazigegenwart erklären und verarbeiten wollte, dass sich der Inhalt, geschweige denn der Sinn und schon gar nicht der „große Plan" in allen Aspekten und Facetten, dem Leser kaum offenbart: Der Roman ist so gut wie unlesbar. Stattdessen will er bezwungen werden: Ein stetiges, diszipliniertes Vorabreiten nicht nur durch einen Text, der sich eben durch Mann'sche Schwere und Verworrenheit auszeichnet, sonder vor allem durch seine bis zuletzt immer unklare Bedeutung, die sich nur auf Grundlage umfangreichen Vor- und Zusatzwissens, begleitender, erklärender, helfender Literatur und eines kritischen Diskurses langsam und schemenhaft erschließt. Thomas Mann hat das Werk nicht eigentlich geschrieben, sondern eben konstruiert: Es wurde über Jahre nach und nach Zusammengetragen und aus zahlreichen fremden Textstellen konstruiert. Diese endlos vielen Teile wollen wieder auseinadergenommen, einzeln betrachtet und verstanden und dann wieder zusammengesetzt werden, um einen Blick auf das Ganze zu eröffnen.
Genau hier liegt also das Besondere des Romans, das Problem und die Herausforderung: Es braucht schon ein gewisses „Siphillisches Fieber" wie das des Titelhelden, um dem Werk gerecht zu werden: Man kann nicht nur, man muss sich „festbeißen" an den unzähligen Querverbindungen, Mustern und Spiegelungen, will man mehr als nur die Schönheit der dunklen Sprache bewundern. Allerdings hat Mann seine Hinweise und Anspielungen auch großzügig gestreut, und auf jeder Seite lässt sich etwas neues entdecken, wenn man nur genau hinschaut: Nach nochmaligem Lesen des 3. Kapitels den Schlüssel zur seltsamen Stelle am Ende des 17. zu finden und dann im Kommentar zu lesen, dieses sei eine Antwort auf einen Roman des 18. Jahrhunderts, was bei Durchsicht des 5 Kapitels völlig klar wird, ist einfach ein Erlebnis, dessen Intensität nach dem persönlichen Einsatz richtet, der dem Buch zugestanden wird.
Wer solchen Eifer und Ausdauer allein aufbringt, ist umso mehr zu bewundern. Ich konnte dieses Werk nur im Verbund mit anderen und dessen neuen Ideen halbwegs fassen, zumal ich es ohne Zwang von außen wohl kaum so umfassend studiert hätte. Wer aber nur die Oberfläche betrachtet, ist zu recht enttäuscht: Ein flüssiger Gesellschaftsroman ist gewiss nicht gelungen, vielmehr ein Machwerk im eigentlichen Sinne, dass soviel will, dass man es beim besten Willen wohl nie zur Gänze durchschauen kann: Schließlich bleibt alles geradezu auf teuflische Art eben doch nur Andeutung und wage Ahnung, Gewissheit aber bleibt meist aus. Dieser Zwang zur Spekulation und die im Innersten Düstere Stimmung und Botschaft des Werkes können kaum zu einem uneingeschränkt positivem Literaturerlebnis verhelfen, doch was bleibt, ist mit Sicherheit Faszination, die sich in Abscheu oder Euphorie andere Rezensenten ausdrücken mag.
Fazit: Kein Roman zum Lesen, sondern eine Herausforderung an Ausdauer, Bildungsbürgerwissen, Kombinationsgabe und Zweckoptimismus, die sich lohnt.
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am 8. November 2006
Kein anderer Text Thomas Manns ist derart kontrovers diskutiert worden wie "Doktor Faustus". Selbst heute, Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung, stellt Manns Neubearbeitung des alten Faust-Stoffes noch eine Herausforderung dar - sowohl für den Leser als auch für die literarische Forschung. Vor dem Hintergrund der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und des zerfallenden Nazi-Deutschlands lässt Mann seinen Erzähler Serenus Zeitblom vom Leben des Komponisten Adrian Leverkühn berichten: von der frühen Syphilis-Erkrankung, dem Pakt mit dem Teufel, den großen kompositorischen Erfolgen, von einem Leben ohne Liebe und dem Ende in geistiger Umnachtung. Unter Verwendung einer virtuosen Montagetechnik baut Mann zahlreiche philosophische und kulturtheoretische Ansätze des frühen 20. Jahrhunderts in seinen Großroman ein, so etwa die Zwölftonmusik Schönbergs und deren Analyse durch Theodor W. Adorno. "Doktor Faustus" ist zugleich ein Künstler- und ein Epochenroman, eine epische Parabel von der Verstrickung des Genies in die Katastrophe des Nationalsozialismus.
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am 22. Juli 2008
Ich habe mich im Zuge eines Hauptseminars fast ein dreiviertel Jahr sowohl mit dem Roman selbst als auch mit diesem Hörspiel praktisch täglich auseinandergesetzt. Die schlechten Rezensionen zu diesem Produkt kann ich nach dieser intensiven Rezeption überhaupt nicht nachvollziehen. Die Kürzungen finde ich insgesamt sehr sinnvoll, die wesentlichen Sujets des Romans kommen noch immer voll zum tragen. Auch die Musik trägt wesentlich dazu bei, dass aus diesem Mammutwerk kein Langweiler geworden ist: Mal pompös, mal albern, mal subtil und finster, die mannigfaltigen Stimmungen des Romans werden gekonnt konterkariert. Nein, es ist keine Zwölftonmusik und kein Mahler was dargeboten wird, auch ist der Musikteppich häufig noch nichteinmal besonders anspruchvoll oder komplex. Ich verstehe ihn eher als einen modernen, leicht skurrilen Soundtrack zu diesem "Hörfilm", der seine Funktion, nämlich die Inhalte zu untermalen, vollends erfüllt.
Die opulente Sprecherriege ist ebenfalls superb! Vor allem Adrians Sprecher fährt eine beeindruckende Bandbreite schauspielerischen Könnens auf. Als sehr gelungen empfinde ich auch Zeitbloms Sprecher: Leicht verstockt, mit einem Hauch von schwulem Touch in der Stimme, ist er sogar relativ nahe bei Thomas Manns eigenem Sprachduktus.
Weil hier Gert Westphals Lesung erwähnt wurde: Im Vergleich zu dieser Fassung wirkt (der zweifellos brilliante) Westphal mit seiner monolithischen Mammutlesung, frei von jeder Musik und Spannnungsbögen, wirklich wie ein verstaubtes Fossil von vor dem Kriege.
Wie bereits erwähnt wurde, soll derjenige, der dem Buch in die Tiefe folgen will, ohnehin zum Volltext greifen. Aber warum nicht beides ergänzen? Ich empfehle dieses Hörspiel uneingeschränkt, man hat über Monate sein Vergnügen damit!
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am 3. August 2011
Faust Versionen gibt es unzählige, aber nur bei wenigen hat man den Eindruck, der Verfasser hätte selbst einen Mephistopheles gebraucht, um sein Werk zu erstellen. Hier drängt sich dieser jedoch durchaus auf; unzweifelhaft das Glanzstück Mann's. Die künstlerischen Orgien in düsteren Stunden werden eindrucksvoll geschildert, unter grandioser Ausführung musiktheoretischer Details, geschickt mit künstlerischen Sprachelementen und Analogien ausgeführt, wird hier der Pathomechanismus einer globalen Gewaltorgie, einer zutiefst denkwürdigen Epoche deutscher Geschichte, gezeichnet, ohne historische Details großartig auszuführen. Dieser "Mann" steht für die Abgründe einer ganzen Generation, vielleicht der gesamten Menschheit, sowohl in ihrer übermenschlichen Genialität als auch animalischen Bestialität. Diese Brücke, dieser Übergang, den Nietzsche forderte, scheint Mann in der Kunst seiner faszinierenden sprachlichen Stilistik verwirklicht zu haben; so wie Leverkühn die Klaviatur der Musik beherrscht, reizt Mann diejenige der sprachlichen Kunst so weit aus, dass die damit verbundene Schönheit und Faszination fast schmerzt.
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am 11. Juli 2006
Obwohl ich Thomas Manns Werke bereits seit über 15 Jahren lese und liebe hatte ich mich bis vor kurzem um den 'Dr. Faustus' gedrückt, da dessen Reputation als verkopfter Bildungsbürgerroman ja kaum zu überbieten ist.

Nachdem ich aber Liebhaber klassischer Musik und dazu geschichtsinteressiert bin, habe ich mich schließlich zur Lektüre überwunden und war nach Anfangsschwierigkeiten äußerst angetan: Zwar ist die Einführung, die Leverkühns und Zeitbloms (des Ich-Erzählers) Jugend in Thüringen schildert trotz netter Milieuschilderungen noch etwas langatmig und gespreizt geraten - Mann-Anhänger mögen mir verzeihen.

Was aber bei der Schilderung der Lehrjahre bereits beginnt und sich im weiteren Verlauf des Buches weiter steigert und entwickelt, das sind die ausdrucksstarken und feinsinning analysierten Bezüge zur Zeitgeschichte, in denen sich dem Leser oft weniger der fiktive Erzähler Zeitblom als vielmehr Thomas Mann selbst zuwendet, um von den düsteren Erfahrungen der letzten Kriegstage und dem Untergang des 3. Reichs zu berichten.

Diese Abschnitte werden gegen Ende der Geschichte (also auch gegen Kriegsende) immer länger und intensiver, wie etwa die Schilderung der Bombardements von München und Umgebung. Für mich stellen diese fast autobiographischen Passagen neben dem komplexen aber makellosen Erzählstil Manns die eigentlichen Höhepunkte dieses Romans dar!

Weiterhin faszinierend sind die viel beschworenen Parallelen zwischen fiktivem Teufelspakt des Künstlers und realem Faschismus sowie der Untergang der jeweils 'verführten' Seite - beides meisterlich miteinander verknüpft. Dagegen sollte man bei den viel gelobten musikalischen Exkursen selbst entscheiden, ob man sie detailliert lesen - oder eher überblättern möchte: Außer für Freunde klassischer Musik und hier besonders der neuen Wiener Schule bieten sie dem Laien kaum Unterhaltsames, so beachtlich Manns Fachwissen über Schönberg und Konsorten auch ist.

Insgesamt ist dieses Buch natürlich stark kopflastig und ganz sicher nicht der richtige Einstieg für an Thomas Manns Werk interessierte Leser. In Anbetracht seiner Längen und seiner doch stark formalisierten Sprache kann ich es auch nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer aber komplexen Schreibstil gewohnt ist und sich für Zeitgeschichte interessiert wird hier auf allerhöchstem Niveau brilliant unterhalten und lernt gleichzeitig mehr über Musik und deutsche Geschichte.
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am 2. Oktober 2014
  Mit "Doktor Faustus" hat Thomas Mann, der große Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1929, sein ehrgeizigstes und anspruchsvollstes Romanprojekt in Angriff genommen. Anders als bei "Buddenbrooks", "Zauberberg" und den Joseph-Romanen, die ursprünglich nur als kleine Erzählungen geplant waren und sich erst während des Schreibens, gleichsam unter der Hand, zu großen Romanen entwickelten, wusste Thomas Mann bei seinem von 1945 bis 1947 entstandenen Alterswerk von Anfang an, was er wollte: Den großen Roman über die deutsche Tragödie schreiben. Und diese Aufgabe hat Thomas Mann bravourös gemeistert.

Die deutsche Tragödie - das ist das große Thema des Romans. Wie konnte es in Deutschland, einer alten Kulturnation mit glanzvoller Geschichte, zu Hitler und zu den Schrecken des "Dritten Reichs" kommen? Thomas Mann hatte bereits 1945 in dem berühmten Vortrag "Deutschland und die Deutschen" versucht, hierauf eine Antwort zu geben, und hier wird das Thema nun eingehend in Romanform abgehandelt. Thomas Manns These, dies vorweg, ist, dass bestimmte Eigenheiten der deutschen Kultur und der deutschen Tradition, insbesondere der Irrationalismus und die Musik, verkörpert in der deutschen Romantik, an sich zum Besten und Edelsten der geistigen Welt gehören, aber dann gewissmaßen durch "Teufelslist" zum Bösen ausgeschlagen sind.

Thomas Mann liebte, das ist bekannt, die Musik über alles, insbesondere die Musik Richard Wagners. Schon in "Buddenbrooks" und im "Zauberberg" steht die Musik für das Irrationale, das Verführerische, die Flucht vor der Welt und den Kontrast zum platten bürgerlichen Leben. Was lag daher für Thomas Mann näher, als seinen Roman über die die "deutsche Tragödie" zugleich als Musikerroman zu gestalten? Und was lag näher, als für den großen, exemplarischen Roman über Deutschland an die alte und urtümlich deutsche Sage vom Dr. Faust anzuknüpfen?

Doktor Faustus ist in dem vorliegenden Roman der Komponist Adrian Leverkühn, welche 1885 geboren ist. Aus der geistigen Erstarrung der Zeit um 1900, als eine schöpferische kompositorische Tätigkeit nicht mehr möglich erscheint, weil alle Mittel schon aufgebraucht sind und Leverkühns überscharfer und kritischer Intellekt ihm die Unmöglichkeit zeigt, noch auf die altgebrachte tonale Weise zu komponieren (also in Dur- und Molltonarten), flieht Adrian Leverkühn in einen Teufelspakt der eigenen Art: Er infiziert sich bewusst mit Syphillis, um sich zu begeistern, zu enthemmen und eine ganz neuartige, geniale Musik zu schaffen. (So wird gewissermaßen Adrian Leverkühn zum Schöpfer der Zwölftonmusik, was deren wirklichen Erfinder Arnold Schönberg dazu veranlasste, die Einfügung eines klarstellenden Vermerks in Thomas Manns Roman zu verlangen.)

Das gesamte Leben Adrian Leverkühns von der Kindheit, seinem Studium und seiner Karriere als großer Komponist bis zum Zusammenbruch 1930, als er in Geisteskrankheit verfällt, wird von seinem Freund, dem Gymnasiallehrer Serenus Zeitblom, in der Rückschau erzählt. Serenus Zeitblom schreibt, das ist die Grundidee des Buchs, seine Biographie über Adrian Leverkühn in den Jahren 1943 bis 1947. Dies ermöglicht dem Autor, nicht nur seine eigenen, Serenus Zeitblom zugeschriebenen, Gedanken in das Buch einzufügen, sondern als Parallelhandlung zum Leben Adrian Leverkühns auch zeitgeschichtliche Ereignisse vom Kaiserreich bis zum zweiten Weltkrieg zu verarbeiten. (Auch der Bombenkrieg kommt vor, was zeigt, wie absurd die Behauptung ist, dass der Bombenkrieg in Deutschland bis in die jüngste Zeit "tabuisiert" worden sei.) Die geistige Situation der Zeit wird charakterisiert durch die Werke Adrian Leverkühns, der in seinen Kompositionen zivilisatorische Errungenschaft bewusst verleugnet und schließlich in seinem letzten Werk, dem Oratorium "Doktor Fausti Weheklag" , Beethovens 9. Sinfonie mit ihrem Hymnus auf die Humanität demonstrativ "zurücknimmt". Es ist eine inhumane, das Zivilisatorische bewusste verleugende, Zeit, die immer deutlicher hervortritt - in den Diskussionsabenden, an denen Serenus Zeitblom ab 1918 in München teilnimmt und in denen die geistigen Grundlagen des Faschismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus artikuliert werden, aber auch in den furchtbaren Handlungssträngen, in denen Adrian Leverkühn, so wird insinuiert, erst einen jungen Mann und dann ein Kind in den Tod schickt - weil er beide liebt, aber der Teufel hat ihm die Liebe verboten. Um ihn herum muss Kälte sein - die Kälte ist eines der zentralen Motive des Buchs.

Adrian Leverkühn ist, das muss klargestellt werden, kein Bösewicht, kein Schurke. sondern eine hochbegabter, ein hoch bedeutender, ein einsamer und zutiefst gefährdeter Mann, ein Mann, der nur eben einen furchtbar falschen Weg gegangen ist. Serenus Zeitblom, der Altphilologe, der Bewunderer der klassischen antiken Kulter und Gegner alles Irrationalen und Dämonischen (was ihn veranlasst hat, 1933 vorzeitig aus dem Schuldienst zu scheiden), liebt seinen Freund Adrian Leverkühn abgöttisch, so wie Thomas Mann Deutschland liebt, das ihn doch vertrieben und ausgebürgert hat. Ja, das Buch ist "trotz allem" ein Bekenntnis zu Deutschland. Im letzten Satz des Buchs fasst Serenus Zeitblom das Schicksal seines Freundes und das Schicksal Deutschlands ausdrücklich zusammen: "Gott sei Eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland".

Das Buch ist ungeheuer vielschichtig angelegt. Es hat tausend Bezüge zur Philosophie, zur Musiktheorie (wo sich Thomas Mann teilweise der Hilfe Theodor W. Adornos bedient hat, dessen "Philosophie der neuen Musik" wertvolle Anregungen für "Doktor Faustus" lieferte), zur Theologie, zur deutschen Gesichte und vielem anderen mehr. In der Figur des Hallenser Theologieprofessors Ehrenfried Kumpf - wie der klassische Faust studiert auch Thomas Manns Leverkühn zunächst Theologie - liefert Thomas Mann ein famoses Luther-Porträt. Luther spielte in Thomas Manns Verständnis eine wichtige Rolle in der deutschen Geistesgeschichte.

Thomas Mann, das hat er selbst bezeugt, hat das Buch mit großer Leidenschaft geschrieben. Das Bekenntnis zur deutschen Kultur zu verbinden mit einem klaren Bekenntnis zur westlichen Demokratie und mit einem klaren, unzweideutigen Nein zum Nationalsozialismus, war ihm wichtig. Zumal ihm das Bekenntnis zur Demokratie und zur westlichen Zivilisation nicht in die Wiege worden gelegt war, sondern er sich dies über längere Zeit erarbeitet hat. Bis zum Ersten Weltkrieg (vor allem in den "Betrachtungen eines Unpolitischen") feierte er die Überlegenheit des - vor allem durch Luther verkörperten - deutschen Sonderweges, der deutschen "Kultur" mit ihrer Liebe zur Musik und ihrer "Sympathie mit dem Tod" gegenüber der vermeintlich oberflächlichen westlichen, "römischen" (also vom antiken Erbe und dem Katholizismus geprägten) "Zivilisation", deren abstoßende Verkörperung für ihn der "Zivilisationsliterat" in Gestalt seines Bruders Heinrich Mann war. (Ganz ähnlich argumentieren heute Putin und seine Paladine.) Um diese geistige Tradition geht es auch in Doktor Faustus, nur wird sie hier nicht mehr positiv, sondern als geistesgeschichtliche Grundlage des Nationalsozialismus verstanden. Der Teufel ist im ganzen Buch präsent - im Leben Adrian Leverkühns, damit aber auch in der deutschen Geschichte. Der persönliche Auftritt des Teufels - Thomas Mann hat hier eine eigentümliche Vision verarbeitet, die er als junger Mann in Italien hatte und die auch schon in den "Buddenbrooks" erwähnt wird - ist der literarische Höhepunkt des Buchs. Nicht nur Adrian Leverkühn, sondern auch Deutschland ist einen Teufelspakt eingegangen - darum geht es letztlich.

Natürlich enthält "Doktor Faustus", wie bei Thomas Mann nicht anders zu erwarten, auch zahlreiche autobiografische Bezüge, bis hin zur Verarbeitung des tragischen Lebensschicksals seiner Schwestern. Mitunter hat das Buch, vor allem, wenn Serenus Zeitblom selbst spricht, aber auch einen leicht parodistischen Einschlag. Man könnte sogar sagen, dass die Einführung des biederen, langweiligen, pedantischen Serenus Zeitblom das Stilmittel ist, mit dem Thomas Mann den düsteren Stoff in einer für den Leser erträglichen Weise aufbereitet. Entgegen weitverbreiteten Gerüchten liest sich das Buch gut: Es ist mit durchgehender feiner Ironie und unbeschreiblicher Eleganz und Präszision geschrieben. Seine Neigung zu langen Schachtelsätzen parodiert Thomas Mann in der Gestalt des Serenus Zeitblom selbst auf liebenswürdige Weise.

Fazit: Einer der große Romane des 20. Jahrhunderts und eine der großen Auseinandersetzungen mit den geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus.
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am 4. Januar 2006
Ich ziehe meinen Hut sowohl vor Thomas Mann, als auch vor jedem, der das Buch ganz gelesen hat. Ich verstehe jeden, der das Buch nach den ersten Kapiteln weggelegt hat, da für jeden, der die Art des Sprache nicht mag, versteht oder einfach zu anstrengend findet, der Roman zu einer Qual wird. Andererseits ist der Roman einfach nicht für die breite Masse geschrieben. Thomas Manns "Kunst" all die in den vorigen Rezensionen genannten wichtigen Aspekte in einem Roman zusammenzufassen, diesem einen roten Faden zu verleihen und in eine Sprache zu betten, welche über fast 700 Seiten perfektionistisch und unnachahmbar ist, verleiht dem Roman den Titel "Meisterwerk". Dieses Werk zeichnet Mann nicht nur als Sprachkünstler aus, sondern auch als einen Leistungsethiker ohne gleichen aus. Seine Kenntnisse von Musiktheorie und Musikgeschichte, die er sich vor dem Schrieben des Romans durch intensives Studium aneignen musste, lassen auf einen absoluten Perfektionisten schließen. Alles in allem kann dieser Roman als das wohl perfektionistischte, anspruchvollste und langatmigste Werk Tomas Manns gelten. Wer sich aber bemüht das Buch zu lesen, zu verstehen und auch noch ein wenig Spaß daran hat, wird erkennen wie genial, wichtig und unvergleichbar dieser Roman eigentlich ist.
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