Fashion Sale Hier klicken reduziertemalbuecher Cloud Drive Photos Erste Wahl Learn More Slop16 Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip Summer Sale 16

Kundenrezensionen

4,4 von 5 Sternen
31
4,4 von 5 Sternen
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 26. Januar 2004
Ein Sinologe, der völlig abgeschieden und weltlichen Interessen abgeneigt in seiner Bibliothek lebt, heiratet die schäbige, blauberockte und obendrein noch verblödete Haushälterin Therese, nachdem er Zeuge wurde, wie pfleglich, wie liebevoll sie eines der von ihm geliehenen Bücher behandelt.Ein Trugschluß, denn bei der Rückkehr vom Standesamt zieht die Haushälterin, Therese, ihren schrecklichen blauen Rock und alles was sie darunter trägt aus und wischt mit einem Handstreich alle auf dem Bett plazierten Bücher hinfort um Platz für ihre Bedürfnisse zu schaffen. Peter Kien, der berühmte Sinologe indes hat ein anderes Bedürfnis: Er flieht. Aufs Klo.
So beginnt dieses Buch. Wunderbar komische Szenen, die von Sarkasmus nur so triefen, Missverständnisse, die unausweichlich sind, weil Verständigung zwischen derart unterschiedlichen Menschen nicht existieren kann, ein alles wissender Erzähler, der zwischen den Köpfen seiner Figuren mit grosser Eleganz umherspringt. Das vorläufige Ende des Liedes ist die Ankunft Peter Kiens im Wiener Milieu, wo er einem mißgebildeten Gauner (Fischerle, der eingebildete Schachweltmeister, meine liebste Figur des Buches) auf den Leim geht und sein Bargeld unters Volk bringt. Als Fischerle auf der Siegerstrasse zu wandeln scheint, bringt er den Bruder Peter Kiens ins Spiel, einen in Paris lebenden berühmten Psychiater. Diser muss anreisen und versuchen, das Zerwürfnis zu lösen.
Vorweg: Für mich das Buch des Jahrhunderts. Es beschreibt Missverständnisse, Gewaltbereitschaft und die völlige Unmöglichkeit menschlichen Zusammenlebens. Nur der Psychiater kann Linderung verschaffen und angesichts der Katastrophen, die in den letzten 100 Jahren über die Menschen hereingebrochen sind, musste ich die Ereignisse der jüngeren Geschichte in dieser Handlung klar angedeutet sehen.
Doch man kann diesen Roman auch völlig anders betrachten, psychologisch, ethnologisch (man erfährt einiges über das alte China), alles stimmt. Das macht das wahrhaft bedeutende Werk aus. Ein umfangreiches Buch mit äußerst komplexer aber gradliniger Handlung liegt vor dem Leser, derzeit mein liebster Roman, fast eine Neuerfindung des Erzählens. Ein grosser Wurf, der in den 30er Jahren, als das Buch erschien, wenig Beachtung fand, aber da hatte die Welt ja andere Probleme. Durch dieses Buch (seinen einzigen Roman) gehört Canetti für mich zu den bemerkenswertesten Autoren der letzten 100 Jahre. Danke für dieses Buch.
11 Kommentar| 63 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 25. März 2013
Dr. Kien ist hochgelehrt und hochgeehrt, aber lebensabgewandt, lebt ausschließlich in der Welt seiner Bücher. Seine Haushälterin Therese, “ ich bitt Sie“, ein dummes ungebildetes Weib im gestärkten blauen Rock, ist da schon gewitzter. Ausgerechnet ihr gelingt es, Dr. Kien in eine Ehe zu locken, in dem sie ihm mit Bauernschläue eine Liebe zu Büchern vorgaukelt. Die erste Blendung dieses Buches. Ein beeindruckender Beweis für Kiens Unerfahrenheit und Weltfremdheit, sowie die irrige Interpretation von Verhaltensweisen zwischen Menschen.

So viel an Geld, wie die zur Ehefrau emporgestiegene Therese sich erhofft, ist beim Herrn Professor, jedoch nicht mehr zu holen. Der Professor, der keiner ist, da er eine ihm oft angebotene Professur stets ablehnte, um nicht seine wertvolle Lebenszeit gleich Studienzeit im Umgang mit den dummen Studenten zu vergeuden, die ohnehin nicht in der Lage sein würden, seine Lehre zu verstehen, hat den Großteil seines väterlichen Erbes in den Erwerb einer Bibliothek gesteckt, die ihresgleichen sucht, die größte in Wien ist. Sie ist des Professors Familie, sein Kind, sein gehüteter Augapfel. Was ist dagegen die Welt?

Es sind wissenschaftliche Werke, nicht etwa Romane, man ist schließlich anerkannter weltberühmter Sinologe, der Sinologe.
Es ist höchstinteressant, welche Meinung der Autor seinem Prof. Kien über Romane in den Mund legt, darüber, was Romane mit dem Leser machen. Man lerne sich in allerlei Menschen einfühlen, man löse sich in Figuren auf die einem gefallen, jeder Standpunkt werde begreiflich, man überließe sich willig fremden Zielen und verlöre für länger die eigenen aus den Augen. Romane seinen Keile, die ein schreibender Schauspieler in den Leser als geschlossene Person treibe und ließen den Leser als gespaltene Person zurück. Sie sollten von Staats wegen verboten werden.
Eine Position, die die Wirkung des geschriebenen Wortes genau kennt und die Möglichkeit zu manipulieren und zu missbrauchen offen anspricht.

Therese will repräsentieren und fängt an, “ich bin so frei“, die Wohnung nach ihrem Geschmack einzurichten. Den Professor bedrängt sie mit immer mehr Möbeln, der eigentlich nur in Ruhe an seinen Schreibtisch arbeiten will, kaum hat er noch Platz in der großen Wohnung. Der Professor überlässt ihr jedoch ohne Arg das notwendige Geld. In den Verkäufer des Möbelgeschäftes verliebt sich die ältliche, dumme, dicke Therese. Er, der Verkäufer ist ja so höflich, so zuvorkommend, „küss die Hand gnädige Frau“, er erkennt wenigstens ihre Qualitäten, die breiten Hüften, Therese ist stolz auf ihre dicken Hüften. Die sich abspielenden Szenen sind lächerlich und tragisch zugleich.

Der Professor gerät auf die Straße, weg von der prügelnden Ehefrau, und damit in die Hände des Zwerges Fischerle. Dieser, viel findiger als vorher die Ehefrau, legt es erfolgreich darauf an, die Vermögenssituation des Professors weiter zu schmälern. Er hilft ihm, die „Kopfbibliothek“ des Prof. allabendlich in einem Hotelzimmer auf ausgebreitetem Papier abzulegen, und wird auf diese Weise der vermeintlich beste Freund des Prof. Der Zwerg entpuppt sich hier als allerbester Psychologe, erkennt den Wahn des gebildeten Herrn Prof. Kien, der für diesen ein Zufluchtsort ist, ohne Schwierigkeit, kann sich ohne weiteres einfühlen und spielt das Drama mit, indem er die Züge überblickt und führt. Als Schachkenner und -liebhaber in Strategie und Taktik geübt, baut er einen regelrechten Geschäftszweig auf, der den Professor schädigt, aber ihn noch dankbar sein lässt, da es angeblich um Rettung von Büchern geht.

Ganz zum Schluss taucht der Bruder des Professors auf, der die vertrackten Angelegenheiten des Bruders, der in diesen Momenten doch nicht verrückt zu sein scheint, zwar regeln kann, aber keinen Dank erhält. Bei einem intellektuellen Gespräch läuft der Professor immer noch zu Höchstform auf. Anders als zum Beispiel auf der Polizeiwache, mit den dümmlichen Beamten, da kann er sich nicht wehren. Die Gespräche zwischen den Brüdern gestalten sich jedoch missverständlich. Am Ende ist der Professor wieder allein in seiner Wohnung und versinkt weiter in seiner Welt.

Dieses Buch ist durchweg freudlos.
Schon auf den ersten Seiten, tritt und schlägt der Prof., der einem zwar leidtun kann, aber keinesfalls sympathisch ist, einen Nachbarjungen auf der Treppe, den er zufällig als lesewilligen Geist vor einer Buchhandlung kennengelernt hatte, denn eigentlich meidet Dr. Kien persönliche Kontakte jeder Art, weil der Junge dreist genug ist, an ein gegebenes Versprechen zu erinnern.

Die einfältige Haushälterin, die es zur Ehefrau gebracht hat, ist über die anfängliche Schilderung hinaus bigott, geldgierig, anmaßend und böse.

Als nächstes lernen wir den Hausverwalter kennen, ehemaliger Polizist, geistig unbeweglich, der in seiner aktiven Zeit die Festgenommenen prügelte und sich pensioniert an Frau und Tochter schadlos hält. Als die Frau an Prügel verstirbt, muss die Tochter die Ehefrau in mehrfacher Hinsicht ersetzen. Dieser Ex-Polizist schlägt sich selber auf die Schulter, weil er mit der Erziehung der Tochter, mit der Prügelei, schon in deren zartem Alter angefangen hat.

Der Zwerg Fischerle ist ebenfalls kein Sympathieträger. Raffiniert und nur auf den eigenen Vorteil bedacht, findet er im Professor ein williges Opfer für Unterschlagung und Raub. Obwohl man ihm gegenüber wegen seiner mehrfachen Benachteiligung, seines geringen gesellschaftlichen Status und der körperlichen Versehrtheit und Entstellung, am ehesten geneigt ist, ein gewisses Verständnis entgegenzubringen.

Dieser Roman ist ganz nebenbei auch eine Fundgrube, um altehrwürdige „Beweise“ für die Zweitklassigkeit der Frau zu sammeln, die als „glattgepflegte Hauttierchen“ mit Kosmetik oder mit Männern beschäftigt, „ein Unglück, Bleigewichte am Geiste der Menschheit“ sind. Hierzu werden nicht nur Aphrodite, Penelope und Helena aus der griechischen Mythologie bemüht, nein, auch Kleopatra gibt ein gutes Beispiel, und um den Beweisbogen der weiblichen Schlechtigkeit weiter zu spannen wird auch das germanische Heldenepos, die Nibelungensaga um Kriemhild nicht ausgelassen. Die jeweils männlichen Pendants sind selbstredend edel. Weiter geht es mit Thomas von Aquin und auch Michelangelos Sixtina- Decke gibt Interpretationsspielraum für weibliche Minderwertigkeit. Dies sind beileibe nicht alle “Zeugnisse“ der weiblichen Beschaffenheit. Der Roman ist da gründlicher als diese aufgeführten Beispiele.

Das Buch hat eine einfache Sprache, Thereses Duktus gleicht dem des Hausbesorgers und anderer handelnden Personen, nur der Professor und sein Bruder heben sich ab. Sie sind gebildet. Die Masse, ist weniger gebildet. Stellt sie eine Gefahr dar? Sehr interessant in diesem Zusammenhang die Aussage „Bildung ist ein Festungsgürtel“. So wie wir das Individuum und die Masse hier erleben, scheint Bildung jedoch kein Festungsgürtel zu sein, bietet die Individualität keinen Schutz.

Canetti beschäftigt sich in seinem Roman sehr mit der sogenannten Masse. Er sieht in ihr ihr die eigentliche Triebkraft der Geschichte „ein einziger tosender Ozean, in dem jeder Tropfen lebt und dasselbe will“. In den Gedanken des Bruders, der ein psychiatrisches Krankenhaus leitet, und im gesamten Roman selbst fließen viele der Auffassungen von Sigmund Freud ein, aus „Massenpsychologie und Ich-Analyse“, wie mir scheint, oder auch von Gustave Le Bon. Mit dem Wissen der Vergangenheit scheint die Massenseele treffend charakterisiert. Es käme „ … ein durchschnittlicher Charakter der Massenindividuen zustande, … das Individuum in der Masse erlange schon allein durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht, welches es ihm gestatte , Trieben zu frönen, die sie allein notwendig gezügelt hätte, … das Verantwortungsgefühl, welches Individuen stets zurückhalte, verschwindet in der Anonymität der Masse völlig … der Mensch begeht Handlungen, die zu seinem Charakter und seinen Gewohnheiten im schärfsten Gegensatz stehen können … in der Menge ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend und zwar in so hohem Grade, dass das Individuum sehr leicht sein persönliches Interesses dem Gesamtinteresse opfert, eine Fähigkeit zu der der Mensch nur als Massenbestandteil fähig ist … alle individuellen Hemmungen entfallen und alle grausamen …destruktiven Instinkte werden geweckt, … aber auch zu Entsagung und Hingebung an ein Ideal ist die Masse fähig, wobei die intellektuelle Leistung der Masse immer tief unter der des Einzelnen steht … “ Soweit Le Bon.

Formungen von Massen erleben wir bei Canetti anschaulich, z.B. als sich plötzlich eine Massenprügelei aufschaukelt, Jeder mitprügelt, ohne zu wissen was Anlass und Grund, wer Täter, wer Opfer, und wer an den inneren Kreis des Gerangels nicht herankommt, prügelt eben einfach den vor ihm Stehenden, schließlich will man seien Frust abbauen, egal ob dieser ganz andere Ursachen hat. Bis dann plötzlich alles wieder in sich zusammenfällt, die tobenden Masse sich wieder zu einzelnen Menschen entblättert, die sich still von Dannen schleicht, wo vorher noch Anfeuerung und Beifall.

Die fesselnde Frage, ob Bildung ein Festungsgürtel sei, lässt Canetti unbearbeitet im Raum stehen. Und wenn ja, gegen wen? Und, ist der weniger Gebildete tatsächlich zu fürchten? Der Roman biete die Alternativen gebildet und lebensunfähig/weltfremd oder wenig gebildet und dummgefährlich. So eintönig sind auch die Figuren ausgerichtet, das ist wenig.

Ich komme darauf zurück, es ist ein freudloses Buch. Canetti ist vergleichbar unfreundlich mit seinen Gestalten wie die Österreicherin Elfriede Jelinek, die an ihren Landsleuten auch nicht viel Gutes entdecken kann. Canetti versteht es nicht, seine Figuren zu beleben, die Bühne ist karg, es wirkt alles konstruiert, trostlos und bemüht. Die Personen sind eindimensional angelegt, sie erscheinen blutleer, wie Marionetten, wie künstlich erschaffene Charaktere auf der Bühne, dass sie zusammenfallen müssen, wenn der Puppenspieler nicht agiert. . Aber auch dann, zusammengesackt in der Ecke, schauen sie einen böse an und ersticken jeden Lebensmut. Schlecht sind fast alle. Ich komme mir vor wie auf einem Jahrmarkt der Absurditäten, diese Anhäufung von obskuren Figuren, alle mit negativer Ausstrahlung, lassen den Leser wie vor den Kopf geschlagen zurück. Man will das Fenster aufreißen oder einen Spaziergang an der frischen Luft machen, um die kranke Atmosphäre abzuschütteln. Nicht das die Welt nicht tatsächlich krank genug wäre, aber hier gibt es keine Aufrüttelung, keine Offenbarung, keinen Weg, keine Mobilisierung von Kräften, das Buch führt direkt in die Depression.

Canetti hat die dräuende dunkle Wolke des Nationalsozialismus wohl heraufziehen sehen, die Bücher brannten schon. Das lässt mich Canettis Weitsicht bewundern, aber nicht sein Buch.

Ich habe mich mit diesem Buch herumgeschlagen, aber trotz aller Auseinandersetzung, ich kann es nicht lieben, es gefällt mir nicht.
77 Kommentare| 22 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. Juni 2005
Die Hauptfigur in diesem Buch ist Peter Kien, ein weltfremder Sinologe der die grösste Privatbibliothek (25000 Bände) Wiens sein eigen nennen darf. Er ist als Gelehrter hoch angesehen, meidet aber Öffentlichkeit. Seine Abende verbringt er lieber indem er Kant u.a. imaginär zu sich einlädt (er kennt fast alle seine Bücher auswendig, es ist also kein Problem für ihn sich Kant als Gesprächspartner vorzustellen) und einen lauschigen Abend mit seinen Gästen zu verbringen. Trotz seins Intellekts verfällt er aber seiner dummen, raffgierigen Haushälterin und das nur, weil diese seine Bücher (die er mehr liebt als irgendetwas anderes auf der Welt) mit Samthandschuhen liest und auf Kissen bettet. Ist die Hochzeit erstmal vollzogen, interessiert sie nur noch sein Geld. Damit ist Kiens gesellschaftlicher und auch geistiger Zerfall besiegelt. Denn auch die restlichen Figuren, der brutale Hausbesorger Pfaff und der Zuhälter Fischerle, richten den Sinologen zugrunde. Er wird aus seiner Wohnung vertrieben, gibt Geld aus für immer das gleicht Bücherpaket und seine geistige Umnachtung nimmt zu. Es endet alles in einer Katastrophe.
Der Inhalt ist recht schnell erklärt, ausschlaggebend ist bei „Die Blendung" aber wohl auch mehr die Art wie Elias Canetti diese Geschichte erzählt und vor allem auch was zwischen den Zeilen steht. Er beschreibt hier einen Kampf zwischem weltfremden Bildungsideal, Raffgier und nackter Brutalität. Alle Figuren sind so überspitzt dargestellt (Redeweise, Verhalten), dass es einfach Spass macht dieses Buch zu lesen, mal muss man schmunzeln, oft ist man überrascht, manchmal geschockt. Eine wirkliche Identifikationsfigur sucht man hier vergebens. Alles klingt so unwirklich, aber doch sind alle Figuren irgendwie in ihrer Verrücktheit logisch...
Wollte der Autor dem Leser die Unversöhnlichkeit von Ideal und Wirklichkeit aufzeigen? Oder dass Intelligenz chancenlos ist gegen Gier und Brutalität? Wenn man bedenkt wann der Roman entstand (1930/31) kommt man auch nicht drum herum an eine Versinnbildlichung des kommenden Faschismus zu denken...
Ich gebe 4 Sterne, weil das Buch eigentlich grossartig ist, aber leider gegen Ende hin einige Längen aufweist. Dort wird nämlich die ein oder andere Nebenfigur die nie wieder auftaucht, teilweise seitenlang beschrieben. Ansonsten: Top!! Lesen :-)
0Kommentar| 36 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 15. September 1999
"Die Blendung" ist ein Werk zu dem ein Vergleich zu finden mir unmöglich ist.Es erzählt die zunächst harmlos scheinende Geschichte eines Sinologen welcher allein in der Welt seiner von ihm geliebten Bücher lebt.Diese Liebe allerdings findet ihren Höhepunkt in der völligen Personifikation der Bücher. Die Hauptfigur verliert sich in der von ihr erschaffenden sekundären Welt und entfremdet sich der Realität. Mit seiner angestellten Haushälterin tritt schließlich eine Bedrohung der Außenwelt an den Sinologen heran, welche ihn zugrunde richtet. Elias Canetti erschafft in seinem Buch Charaktere, welche abseits jeder Normalität liegen. Der Leser wird zwischen Mitgefühl, Faszination und Widerwillen hin-und hergerissen. Ein groteskes und absurdes Werk, welches bis an den Rand des Wahnsinns treibt. Beeindruckt von diesem Buch kann ich es weiterempfehlen, jedoch nur einem geduldigem Leser, der die Mühe nicht scheut, sich auf die anstrengenden Figuren des Buches einzulassen.Auch ist die Handlung zeitweise etwas zäh,doch wer trotz allem durchhält legt ein gutes Buch zur Seite mit dem Gefühl, aus einer anderen Welt zurückgekehrt zu sein. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
0Kommentar| 20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Der 1935 erschienene Roman „Die Blendung“ ist der einzige Roman des späteren Literaturnobelpreisträgers (1981) Elias Canetti (1905-1994). Es blieb auch das er-zählerische Hauptwerk des zu diesem Zeitpunkt 30jährigen Autors. Zunächst blieb der Roman ziemlich unbeachtet, obwohl Kritiker ihn nicht zu Unrecht neben die Prosa Kafka, Musil oder Joyce stellten und „Die Blendung“ als „Jahrhundertroman“ bezeichneten.

Protagonist des Romans ist der weltfremde Professor Peter Kien, ein Sinologe, ein hagerer Privatgelehrter der chinesischen Kulturwissenschaften, der die „bedeutendste Privatbibliothek dieser großen Stadt“ besitzt. Hier lebt er inmitten der unzähligen „spröden und schweren Werke“ wie in einem Schneckengehäuse, allein durch ein Oberlicht dringt Tageslicht herein. Seine Bücher bedeuten ihm alles, die Außenwelt mit ihren Mitmenschen ist ihm eine Last. Nur zu der wesentlich älteren Haushälterin Therese sucht er Kontakt, die sich pedantisch um den Haushalt und die Pflege seiner Bibliothek kümmern soll.

Die zwar einfältige, aber gierige Therese erfüllt ihre Pflichten den Büchern gegenüber zu Kiens Zufriedenheit. Listig weiß sie Interesse an den Büchern vorzutäuschen, womit sie Kien zur Ehe verleitet, der sie auch wirklich heiratet. Doch von Anfang an will Therese Kien aus den vier Wänden verdrängen. Es entbrennt zwischen dem ungleichen Paar ein schonungsloser Kampf um die Wohnung, in dem Kien schließlich unterliegt. Doch der Außenwelt ist er noch weniger gewachsen. Als Therese einige seiner Bücher in einem Pfandleihhaus veräußern will, zündet Kien schließlich seine 25.000 Bände umfassende Bibliothek an und verbrennt mit seinen geliebten Büchern („Als ihn die Flammen endlich erreichen, lacht er so laut, wie er in seinem ganzen Leben nie gelacht hat“).

Das vorliegende Audiobuch präsentiert das zwölfteilige Hörspiel „Die Blendung“ (Spieldauer über 10 Std.) - eine Gemeinschaftsproduktion des Bayerischen Rundfunks und des Österreichischen Rundfunks (unter der Regie von Klaus Buhlert). Insgesamt 27 Sprecher/innen (darunter Manfred Zapatka als Erzähler und Samuel Finzi als Peter Kien) machen diese komplexe und vielstimmige Geschichte hörbar, in der sich jede Figur seinen eigenen Lebensraum schafft. Das Hörbuch verdeutlicht den Kontrast zwischen der kühlen Erzählweise Canettis und dem chaotischen Leben Kiens eindrucksvoll. Da die literarische Vorlage durch genaue Beschreibungen bestimmt wird, in die die Dialoge oft wie Collagen eingebunden sind, wird auch die akustische Umsetzung des Erzählwerkes mit Musik und Stimmen untermalt. Lobenswert ist auch das 60seitige Booklet mit zahlreichen Informationen zum literarischen Werk und zur Hörspielproduktion.
0Kommentar| 5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. Februar 2012
Nachdem ich Canettis Stimmen von Marakesch gelesen haben und mich dieser opulente literarische Stil so begeister hat, habe ich mir die Blendung beschafft und bin einzig und allein begeistert. So facettenreich seine Sprache ist, wirkt sie nie aufdringlich; nie stellt er sich als Autor selbstgefällig in den Vordergrund. herrlich! lesen!
0Kommentar| 3 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. Oktober 2011
...Sie ermöglicht ein Nebeneinander von Dingen, die unmöglich wären, wenn sie einander sähen."

Professor Peter Kien regiert sein Volk, seine Bücher. Er weiß alles über sie und blickt tief in deren Seelen. Dies ist seine Welt der einzigen Wahrheit; des reinen, seinen Geistes. Draußen in der Wirklichkeit regiert ein alltägliches "oberflächliches Gewirr von Lügen". Er entrinnt diesem Alltag, indem er sich vor den Menschen, vor der großen Masse verbirgt. Durch sein ignorant elitäres Denken, muss er allerdings zwangsläufig die Intensionen der "Angreifer" auf seine Welt fehl deuten. Er hat dem nichts entgegenzusetzen. Und so verfällt er, wohl ebenso zwangsläufig, in einen vermeintlichen Irrsinn. Er ist geblendet vom Wahn der Macht des Geistes. Bis dieser glühende Wahn schließlich sein gesamtes vertrocknetes Gedankenkonstrukt des Herrn über die Wahrheit in Brand steckt.
Canettis Beschreibungen erfolgen zumeist über innere Monologe und Träume. Die Figuren murmeln unentwegt vor sich hin. Man wäre doch schließlich wer, dann aber doch auch nur ein Mensch. Was soll man denn tun und es ist halt so und schuld sind immer die anderen.
Der Text hat eine nahezu "unerträgliche" Intensität. Alles wirkt grotesk und extrem zugespitzt. Eine derartige Ansammlung verkrachter Existenzen scheint schier unmöglich. Das Auftreten des Wahnsinns in dieser geballten Form schlicht unvorstellbar. Jeder in diesem Roman befindet sich im verzweifelten Versuch seiner Belanglosigkeit, seinem Untergehen in der Masse zu entfliehen. Dabei ist Jeder im Krieg mit Jedem. Einem Krieg, der mit der erbarmungslosen Grausamkeit des bornierten Kleinbürgers geführt wird. Der Paranoia des vermeintlich Normalen wird gnadenlos der Spiegel vorgehalten. Aber, wer oder was ist eigentlich normal?
So gesehen ist dieser Roman auch ein Albtraum. In der Zeit, in der man das Buch irgendwann mal zwangsläufig aus der Hand legt, trägt man es wie einen Phantomschmerz mit sich herum. Manches ist penetrant bis es weh tut. Manches skurril, so dass man sich das Lachen nicht verkneifen kann. In der Gesamtheit provoziert es unzählige Gedanken. Es scheint unmöglich, sich dem zu entziehen. Canetti hatte den Beginn einer der größten und grausamsten Verblendung der Masse schon vor Augen. Die Bücher hatten schon gebrannt. Auch dieser kranke Wahnsinn findet hier unterschwellig Einzug, denke ich.
Ein literarischer Meisterwerk, zu dem man schwer vergleichbares findet. Irrsinnig gutes Buch.
88 Kommentare| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 6. April 2016
Wie sehr wollte Canetti Schriftsteller werden! Schon seine Mutter war sich dessen nicht so sicher; erste Versuche wurden von ihr ignoriert. Mit 26 wollte Canetti es dann wissen und klemmte sich hinter ein monströses Roman-Projekt.
Das Setting zunächst ist ein großes Versprechen: Sonderlicher, weltfremder Privatgelehrter und Büchernarr entsagt sich der Mitwelt, vornehmlich den darin versammelten Menschen, heiratet seine Wirtschafterin, worauf die beiden sich bis in den Wahnsinn bekriegen; am Ende ist alles ruiniert ... Das war's auch schon - und das Versprechen wurde leider nicht erfüllt. Nein, Canetti schlägt keinen Zauberfunken aus dieser Bücherwelt und seinen Charakteren; die abstrakte Geschichte ist bereits nach wenigen Seiten durchschaut; und wie einmal auf die Bahn gebracht, musste diese Versuchsanordnung bis zum geht nicht mehr und mit einem erschreckenden Maß an Borniertheit durchexerziert werden. Doch um den Untergang Kiens mitfühlend zu erleben, ist es unbedingt notwendig, eine wie auch immer geartete Identifikation mit der Figur herzustellen. Das Schema allerdings ist starr: Die Welt der anderen wird verflucht, Kiens Kosmos bleibt unbeleuchtet; stattdessen endlose tote innere Monologe, bei denen man nie das Gefühl hat, den Charakteren Kiens oder Thereses auch nur einen Millimeter näher zu kommen. Doch niemand, nicht einmal der größte Narr ist von so stupider Beschaffenheit. Und Canetti weigert und weigert sich in das einzusteigen, was Kien in seinen Büchern und Schriften umtreibt. Dass die Inhalte, mit denen Kien sich beschäftigt, von Beginn an nicht thematisiert werden, ist sicherlich wohl abgewogen worden - und doch falsch bemessen; das Dilemma wird nicht durch seine Negation gelöst. Denn wie viel tiefer könnte man in den Kosmos der Person Kiens hinableuchten, wie viel besser könnte man seine unstillbare Gier nach dem Strukturellen begreifen, wenn sein Wesen an den Inhalten seiner Tätigkeit sich reflektierte. Es bleibt bei einer holzschnittartigen Charakterzeichnung und (peinlichen) Klischees: 'Bücher kollerten aus seinem aufgeschnittenen Herzen.' Solcherlei Träume ... Oh je! Und auch die anderen Charaktere werden nicht von warmem Blut durchpulst, sondern sind nicht mehr als schematische Funktionsträger. Nichts in diesem Buch scheint dem wirklichen Leben abgelauscht zu sein, es ist bloß ein technisches Gerippe. Und somit fehlt der Geschichte das Fluidum Vitale, das die Seele des Lesers zu erfüllen vermag; er wird nicht in die Geschichte eingeladen, sie entzieht sich ihm mit kalter Schulter. Bloß verfolgt er das hysterisch-trübe Geschehen stirnrunzelnd und kopfschüttelnd aus weiter Ferne.
Man kann die immense Arbeit, die konsequente Konstruktion respektieren (wenn sie auch für eine Fabel, für eine Metapher zu umfangreich ist), kann das alles auch schätzen - ein großer Roman allerdings bedarf der Zutaten mehr. Canetti vermochte nicht, sein sprachliches Können in klingende Literatur zu verwandeln; das Gebilde ist nicht mehr als eine schematisch symbolische und selten leblose Kopfgeburt.
Denn auch die Sprache trägt zu der Seelenlosigkeit der Geschichte bei: Lustlos und pedantisch wie seine Figuren hoppeln die kurzen - wenn auch zum Teil sehr ausgefeilten, doch nie richtig ineinandergreifenden - Sätze dahin, freudlos, mit ganz offensichtlich unterdrückter Erzähllust und bar jeden Humors. (Die dem Buch unterstellte böse Komik habe ich nicht entdecken können.) Der Text verharrt, erstarrt in seiner Form, in seinem Duktus; der Stil ist nur Selbstzweck im dauerhaften Versuch, sich gegen die Leere zu behaupten, die dahinter sich auftut. Allzu offensichtlich ist es, dass diese Sätze nicht aus einem inspirierten Erzählerherzen geflossen sind, sondern mit eisernem Willen zusammenmontiert wurden.
Was soll das alles? Man kann die romantischen Versprechen, die in dem Thema geborgen sind erfüllen oder mit ihnen jonglieren, von mir aus auch sie systematisch zersetzen, wie auch immer - aber sie so offensichtlich zu umgehen und statt ihrer sie mit quälender szenischer Pedanterie und billigem Wahnsinn zu ersetzen ist, gelinde gesagt, sehr enttäuschend.
Oder ist alles ganz anders und der Roman eine Allegorie? Hat Canetti am Ende den ihm selbst innewohnenden Dämon einen Leib gegeben und ihn gemästet zu dieser Missgestalt?
Ich habe beim Lesen dieses Buches etwas empfunden, was ich bei dieser Tätigkeit vorher so noch nie erlebt habe: Ich war auf empfindliche Weise peinlich berührt. Peinlich berührt davon, dass ein so großer Charakter, wie es Canetti zweifellos war, so etwas Erzwungenes, Misslungenes in die Welt gesetzt hat. Weltweite Anerkennung, sogar Nobelpreis zum Trotz - eine zarte und schwere Tragik ist mit dem Leben dieser Persönlichkeit verhaftet, was sich ungeschminkt in diesem Buch widerspiegelt. Canetti hat nach außen hin erreicht, was nur zu erreichen war - und hat es wohl doch selbst in seinem Innersten immer gewusst: nämlich dass er kein wirklich großer Romancier sein kann.
So bleibt am Schluss: dass 'Die Blendung' ein gescheiterter Roman ist - immerhin, irgendwie, mit Nobelpreisauszeichnung.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. November 1999
"Die Welt - ist sie nur in meinem Kopf?" - dieser Frage geht Canetti in seinem einzigen, dafür aber desto beachtenswerterem Roman nach. Und wie! Hier schreibt einer antipodisch über jemanden, dem die Realität bös mitspielt, weil er selbst so ziemlich alles an der wirklichen Welt ablehnt, die "Welt im Kopf" errichtet, die hoffnungslos wie die erstere aus den Fugen gerät - in der Internetzeit vielleicht ein noch größeres Thema als zur beschaulichen Zeit der Kienschen Gelehrsamkeit. Und deshalb sei wirklich jedem, den einmal der Stachel der Metaphysik gepiekst hat, dieser Roman empfohlen. Doch Obacht, wer sich auf Canetti einläßt, muß auch in Kauf nehmen, beabsichtigt gelangweilt zu werden. Aber so ist Welt nun mal - die im Kopf, die draußen?
0Kommentar| 9 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
" Ich bitt` Sie ! "

Birgit Minichmayr ist der Star dieses Hörspiels von Klaus Buhlert, ohne wenn und aber, auch wenn den größten Lesepart der souverän agierende Manfred Zapatka zu bewältigen hat. Minichmayr agiert hier so derb-österreichisch, wie man es von ihr auf den Bühnen des Münchner Residenztheater oder Wiener Burgtheater noch nicht gehört hat (selbst im sehr derb-groben WEIBSTEUFEL nicht). " Ich bitt`Sie !", ihr Standartsatz, wenn sie auf eine Zumutung oder falsche Beschuldigung reagiert, nur vordergründig höflich, unter dieser Schicht ist jedoch die Brutalität dieser Haushälterin Therese hörbar. Überhaupt agieren fast alle Schauspieler mit derb-österreichischen Akzent (herausragend auch Wolf Bachofner als Hausbesorger), falsche Höflichkeit, sogleich erkennbar. Vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen richtige Horrorwelten. Unterstützt wird dieser Eindruck durch Buhlerts Klangwelten, die diesesmal etwas in ihrer Rohheit an die akustischen Klangwelten der ROBERT WILSON und TOM WAITS Theaterstücke erinnern. Rohe, sentimentale Jahrmarktsmusik, in der es keine Erlösung gibt.

Es gibt keine sympathische Figuren in diesem Stück (Samuel Finzis Kien ist eine der unsympathischsten im Hörspiel!), mit Ausnahme des Erzählers, der ja nicht wirklich dazu gehört. Manfred Zapatka erledigt diesen Part gewohnt routiniert, wie er dies auch bei Buhlerts Serapionsbrüder gemacht hatte. Der Zuhörer ist froh, seine Stimme zu hören, um aus der klanglichen Brutaliät der derben und brutalen Stimmen fliehen zu könnnen.

Natürlich ist die BLENDUNG bei nur 12 CDs gekürzt, nicht immer kann man der Handlung mit ihren Sprüngen folgen (wie man auch schon in der FAZ lesen konnte), aber das schmälert den Hörgenuss nicht. Eine Sternstunde für BIRGIT MINICHMAYR !!!

( J. Fromholzer )
0Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden