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am 24. Februar 2010
Alice Munro, geboren 1931, gilt heute neben Philip Roth in Amerika als eine der größten lebenden kanadischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Man konnte sich neulich in einem Autorengespräch (Adam Heslett und Jonathan Franzen in 'Der Spiegel' vom 25.01.2010) nicht einigen, wer von den beiden vorrangig den Literaturnobelpreis verdient hätte, wenn er denn überhaupt einmal wieder nach Amerika / Kanada gehen sollte!
"Tanz der seligen Geister" ist ein Querschnitt aus dem Leben der kleinen, der armen und der skurrilen Leute.
Ein reisender Heilmittelverkäufer nimmt seine beiden kleinen Kinder auf eine seiner Reisen mit. Sie wissen unausgesprochen, dass sie zu Hause nichts über den Tanz mit Nora und seinem Whiskeykonsum verlauten lassen dürfen.

Szenenwechsel : In einem Dorf versammeln sich junge Paare, um eine alte Frau, die ihnen mit ihrem reichlich verkommenen alten Haus nicht ins Erscheinungsbild ihrer Siedlung passt, mit einem rechtlichem Vorwand zu vertreiben. Eine einzige unter den jungen Frauen spürt, dass hier Unrecht geplant wird. Die Geschichte endet mit dem wunderschönen Satz, den sie zu sich selber spricht: "Es gibt nichts, was du im Augenblick tun kannst, außer die Hände in die Taschen zu stecken und dir ein unvoreingenommenes Herz zu bewahren."
Alice Munro nimmt sich in ihren Geschichten der kleinen Leute, ihrer Träume und versteckten Hoffnungen an. Es sind ihre feinsinnigen Beobachtungen, die, in Sprache umgesetzt, ans Gemüt rühren. Sie weiß, was die Menschen bewegt, sie schaut in die Tiefen ihrer Seelen und lässt sie dann selber sprechen, handeln und agieren. Eine Geschichte verspricht schon die nächste mit klugen Aussagen über das Leben im Allgemeinen und hier besonders im gewöhnlichen Alltag. Die Angst und das Außenseiterum, die von der Gesellschaft Verstoßenen und Ausgeschlossenen, auch zwei alte Damen mit ihren Schrullen finden hier Beachtung ebenso wie Kinder, die schon bald hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kommen. Wie könnte das schöner heißen als in dieser Passage:"Wie die Kinder im Märchen, die gesehen haben, dass ihre Eltern mit furchterregenden Fremden einen Pakt geschlossen, die entdeckt haben, dass unsere Ängste auf nichts als der Wahrheit beruhen, die aber nach wundersamer Rettung aus Gefahr heil nach Hause kehren, artig und wohlerzogen zu Messer und Gabel greifen und vergnügt bis an ihr seliges Ende leben---wie sie, von den Geheimnissen benommen und mit Macht begabt, sagte ich nie auch nur ein Wort." S.79
So werden die Bösen und die Guten verkörpert, und alles ist wie im richtigen Leben!

Munros Kurzgeschichten reihen sich wie Perlen auf eine Schnur. Man meint, dass ein Anreiz schon genügt, um aus ihr die schönsten Geschichten hervorzulocken. Sie verzaubert uns mit ihren Wahrnehmungen. Liebe, Einfalt, Gerechtigkeit, Geiz, Bösartigkeit, Argwohn und Eifersucht: Alice Munro sieht alles und gibt es chronologisch in aussagekräftigen und poetischen Bildern zu Protokoll. Man muss die Autorin mit dem gescheiten, weisen und humorvollen Blick bewundern!

In einer schönen, bibliophilen Ausgabe hat der Dörlemann Verlag die Kurzgeschichten von Alice Munro herausgebracht, ein Genre, in dem sich die Autorin besonders auszeichnet. Die Erzählungen sind 1968 das erste Mal in Kanada erschienen und liegen mit dieser Ausgabe zum ersten Mal in der ausgezeichneten Übersetzung von Heidi Zerning auf Deutsch vor.
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Alice Munros Geschichten wirken nur auf den ersten Blick wie Familien-Anekdoten, denen Kinder schon immer begierig lauschten. Geschichten, die nur selbst erlebt sein können und später von Generation zu Generation weitergegeben werden, ohne ihre zeitlose Gültigkeit dabei zu verlieren. Sie zeigen die Welt aus der Sicht von Frauen, deren Platz vor schätzungsweise 60 Jahren noch fest vorgeschrieben war. Mit dem Vorbild der Mutter, die sich auf einer Farm oder in einem Laden abrackert, können Mädchen sich entweder zum Tanz auffordern lassen und der Rolle der Mutter nacheifern oder eine alte Jungfer werden wie die Klavierlehrerin Miss Marsalles, deren alljährliches Sommerfest für ihre Schülerinnen dem Erzählband Munros den Titel gab. Verbunden sind die Geschichten zum Teil durch die Erzählperspektive von Mädchen an der Grenze zur Pubertät, das sinnlichen Erfahren heißer Sommertage und durch die Suche der Figuren nach einem eigenen Platz in der Welt der kanadischen Provinz. Die Farmen sind hier so farblos, dass sie ungeeignet sind, um auch nur Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst zu spielen, stellt die altkluge Erzählerin der ersten Geschichte fest, die die knappe Zeit genießt, die der Vater ohne den jüngeren Bruder mit ihr als der Älteren verbringt. In der Welt von Munros Figuren sprangen unverheiratete Cousinen noch tatkräftig ein, wenn Kranke zu pflegen waren. Die Pflege der an Parkinson erkrankten Mutter kann jedoch auch die latente Eifersucht zwischen zwei Schwestern zum Ausbruch bringen, von denen eine als maximal denkbaren Ausbruch wagte, ihren Heimatort zu verlassen und mit ihrer Familie in einer anderen Stadt zu leben. (Der Friede)

In "Ausflug" stellt das Leben der Großmutter der jungen Erzählerin May die vorgegebene Rollenverteilung infrage. Die steinalte Oma, bei der das Mädchen lebt, betreibt einen Laden und verkündet stolz, dass sie weder krank war noch die Sorge anderer für sich in Anspruch genommen hat. Von Vätern, Ehemännern oder Söhnen ist in ihrem Lebensentwurf keine Rede. May kommt gerade in die Pubertät und soll in diesem Sommer nicht mehr mit den Jungen gemeinsam im Fluss baden.
--- Textauszug
"Während sie rechnete, meinte sie, ein Geräusch zu hören, als sei jemand auf dem Hof; ein wunderbares Unterfangen erfasste ihren Körper von den Fußsohlen her, so dass sie die Zehen krümmte und die Beine ausstreckte, bis sie das Ende der Couch erreichten. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, wie sich ihr Kopf anfühlte, kurz bevor sie niesen musste. Sie stand so leise wie nur möglich auf und ging behutsam über die kahlen Bretter des Hinterzimmers, die unter ihren Füßen sandig federten, zum rauhen Küchenlinoleum. Sie hatte ein Baumwollnachthemd von Hazel an, das weich und geisterhaft um sie wallte." (S. 297/298)
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"Jungen und Mädchen" ragt für mich durch Munros Beobachtungsgabe für feine Zwischentöne aus ihren fein komponierten Erzählungen noch heraus. Die Icherzählerin denkt sich gern Geschichten von sich selbst als furchtloser Heldin aus. Sie lebt mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder auf einer Farm; der Vater züchtet Füchse, um die Pelze zu verkaufen. Mit dem Wissen, dass die Mutter die Gerüche beim Abpelzen der Füchse abstoßend findet, sucht dieses Exempel einer Vatertochter ihren Platz in der Familie bei der Farmarbeit. Die Arbeit außerhalb des Hauses erscheint ihr bedeutender als die Arbeit der Mutter. Obwohl das Mädchen den Haushalt hasst, wird ihre Arbeit auf der Farm mit dem Tag beendet sein, wenn ihr jüngerer Bruder Laird alt genug ist, um mit dem Vater zu arbeiten. Es genügt nicht fleißig und zuverlässig zu sein, ein Mädchen muss so werden, wie die Mutter es erwartet, vermittelt die Entthronung durch den Bruder.

Auch in "Rotes Kleid" muss sich eine Tochter mit den Erwartungen der Mutter auseinandersetzen, die sich in dem sozialen Druck äußern, einen ansehnlichen Tanzpartner auf sich aufmerksam zu machen.
--- Textauszug
"Aber als ich die wartende Küche sah und meine Mutter in ihrem ausgeblichenen, fusseligen Paisley-Morgenrock mit ihrem müden, aber hartnäckig erwartungsvollen Gesicht, da verstand ich welch eine geheimnisvolle und bedrückende Pflicht ich hatte, glücklich zu sein, und dass ich bei dem Versuch, diese Pflicht zu erfüllen, beinahe gescheitert wäre und wahrscheinlich jedes Mal scheitern würde, ohne dass meine Mutter es ahnte." (S. 275).
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Mit dem Wissen aus Munros biografischen Erzählungen Wozu wollen Sie das wissen? Elf Geschichten aus meiner Familie lassen sich in ihrem ersten ins Deutsche übertragenen Kurzgeschichtenband (das englische Original erschien zuerst 1968) eine Reihe von biografischen Bezügen entdecken, die Munros Geschichten aus dem Leben durchschnittlicher Menschen in einem eigenen Licht erscheinen lassen.

Biografie der Autorin unter fembio.org
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Alice Munro ist eine großartige inzwischen neunundsiebzigjährige kanadische Autorin die seit langem für den Literatur Nobelpreis gehandel wirdt. Sehr viele ihrer Kollegen halten sie für die beste nordamerikanische Schriftstellerin. In den deutschsprachigen Ländern wird sie kaum gelesen. So ist und bleibt sie immer noch der absolute Geheimtip. (siehe auch meine Rezension zu ihrem Roman "Himmel und Hölle" 01.02.2005) Jetzt hat der kleine Züricher Dörlemann Verlag den Erstling von Alice Munro, "Dance of the Happy Shades" , Erzählungen aus dem Jahr 1968, in einer großartigen Übersetzung von Heidi Zerning unter dem fast esoterischen Titel "Tanz der seligen Geister" ins Deutsche übertragen lassen.

Die Autorin lebt in einem kleinen Kaff in Ontario und sie bezieht ihr Personal für all ihre Geschichten aus diesem kleinen Dorf, das heißt die Geschichten spielen immer in einem familiären, pseudo- vertrauten Kosmos. Plötzlich taucht dann sehr raffiniert ausgerollt, aber immer einer nachvollziehbaren Logik geschuldet, etwas Unabwägbares auf, führt die betreffenden Personen an Scheidewege und wirft dabei auf eine sehr feine und subtile Art Fragen auf, die bei dem Leser während der Lektüre entstehen, denn Alice Munro selbst gibt überhaupt keine psychologischen Kommentare zur Person ab.

Die Geschichten die sie erzählt sind sehr komplex, voll mit kleinsten Details, die aber im Leben der beschriebenen Personen "Entscheidendes" bewirken können. Die Erzählerin ist eine wahre Connaiseuse ihrer Umwelt. Sie betrachtet, wie durch ein Vergrößerungsglas, sehr exakt und kritisch die Unzulänglichkeiten der menschlichen Existenzen.

Eigentlich haben die 16 Geschichten, überwiegend aus weiblichen Perspektiven erzählt kein gemeinsames Dach, kein gemeinsames Thema, keinen Plot den man neunzig Minuten erzählen kann aber sie sind durch die Art, wie sie erzählt werden miteinander verbunden. Es handelt von den kleinen Leuten aus den kleinsten Verhältnissen und es ist immer wieder erstaunlich, dass diese kleinen Leben so eine unglaubliche Größe entwickeln wenn die Autorin so simpel konstatiert welche große Bögen das Menschsein schlagen kann, wobei sie die bedeutenden Dinge bewusst klein hält.

Meisterhaft atmosphärisch dicht beschreibt Alice Monroe diese Gefühlshaushalte in denen junge Menschen eingebettet sind, einen weiblichen Kosmos zu dem Männer keinen Zugang haben. Manchmal sind es auch niederschlagende, tragische, melancholische Erzählungen, innere Katastrophen um Krankheit, Tod oder einfach die Verweigerung glücklich zu sein, weil die Welt sich in den unterschiedlichsten Lebensphasen so kompliziert gestaltet, die das Zentrum der Geschichten ausmachen. Jede Momentaufnahme der raffiniert konstruierten Geschichten ist stimmig, eben weil die Autorin so dicht am Geschehen ist.

Alice Munro ist eine großartige unglaublich kluge und Welt erfahrene Erzählerin, ihre Sprache ist präzise und unprätentiös, sie kann derartig rasant erzählen mit wunderbaren Metaphern in einer Meisterschaft die hinreißend und zugleich zutiefst irritierend ist. Es sind Geschichten die man immer wieder lesen kann, sie sind endlos in ihrem Reichtum durch ihre vielseitigen Verästelungen und jede dieser Geschichten ist so komplex wie ein Roman. Übrigens, wenn mal wieder die Frage im Raum steht,: Was können wir schenken? Nehmen sie ein Buch von Alice Munro, denn diese vielschichtigen und komplexen Geschichten kann jeder lesen.

Ich habe alle Bücher von Alice Munro gelesen und empfehle auch dieses Buch emphatisch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.
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am 4. November 2014
MUNRO, Alice: „Tanz der seligen Geister“, Frankfurt 2013
Manche Kritiker nennen sie die „größte Erzählerin des 20. Jahrhunderts“. Sie ist wirklich eine großartige Erzählerin. So wie die russischen Klassiker das 19. Jahrhundert Russlands uns nahe bringen, erfährt man von Munro das ländliche Amerika des 20. Jahrhunderts. 15 Kurzgeschichten mit dem Titel der letzten Geschichte „Tanz der seligen Geister“ hat 1968 den Grundstein ihrer Bekanntheit gesetzt, der 2013 zum Literaturnobelpreis führte.
15 Erzählungen aus der Kindheit eines amerikanischen Landmädchens, das in den letzten Geschichten als Erwachsene Frau und Mutter in die Welt ihrer Kindheit zurückkehrt. Letztlich lässt sie auch die Klavierabende und das Vorspielen vor der Musiklehrerin und den Eltern wieder auferstehen, nur dass die Klavierlehrerin älter und ihr Schüler weniger geworden sind. Eine Tristesse, die aber trotzdem schön beschrieben ist.
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am 13. Dezember 2013
Es ist das zweite Buch von Alice Munro, das ich nach der Verleihung des Nobelpreises von ihr gelesen habe. "Wozu wollen Sie das wissen" von 2006 war meine Einstiegslektüre. Munro begibt sich auf Spurensuche nach ihren Vorfahren, im zweiten Teil des Buches überwiegt autobiographisches Material.
Interessant, dass bereits einige Geschichten und Personen in "Tanz der seligen Geister" einen Vorläufer haben, und man beim Lesen so eine Art Wiedererkennungseffekt hat. "Tanz der seligen Geister" ist fast 40 Jahre eher entstanden. Die Geschichten sind kürzer, haben manchmal etwas weniger elegante Spannungsmomente als in dem späteren Band. Sie lassen den Leser nicht selten mit einem Gefühl der Beklommenheit zurück. Oft fühlt man sich in Personen hineinversetzt , die am kürzeren Hebel sitzen, die im Leben zu kurz gekommen oder benachteiligt sind - trotzdem sehr lesenswert!
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am 14. November 2013
normalerweise bin ich kein fan von kurzgeschichten. Aber Alice Munro hat was zu erzählen und vor allem wie sie es erzählt- jedes wort ist stimmig , die Bilder wunderbar beschrieben- einfach große Literatur und das nicht erst nach dem nobelpreis.
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am 22. Juli 2014
A. Munro schreibt über viele Facetten der von ihr beobachteten Menschen auf einfache und verständliche Art, die mir oft den Atem stocken ließen.
Die Geschichten handeln von:
Kindern und ihrer zutragenden Lasten, pubertierenden jungen Menschen, schrulligen- aber sehr einfühlenden Gestalten, kranken Menschen- die zwangsläufig ihre eigene Sicht des Lebens entwickeln, hochbegabten behinderten Menschen und scheußlichen Taten eines psychisch Erkrankten.
Oft in Vorahnung mit einem mulmigen Gefühl erschrak ich mich dennoch, wenn das Erwartete zutraf. So in „Dimensionen“. In dieser Geschichte bringt ein Vater seine Kinder um. A. Munro beschreibt hier einen psychisch kranken Menschen, das Verhältnis zwischen ihm und seiner Frau, über Abhängigkeit, Abneigung und gleichzeitig starker Zuneigung. Der Versuch das Geschehene in einer anderen Dimension zu betrachten ist gelungen.
Häufig ist es möglich sich in ihre Gestalten hinein zu versetzten, so als ob man es gerade selbst erlebt hat.
A. Munro wühlt auf und beruhigt. Sie klagt mit leisen Tönen an und lässt verstehen. Sie verurteilt nicht, sie beschreibt.
Durch das Hören des Musikstückes von Gluck „Dance des Ombres Heureuses“ konnte ich die Geschichte „Tanz der seligen Geister“ erneut auf beeindruckende Weise nachempfinden.
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am 14. Juni 2013
Meines Erachtens der beste der Erzählbände von Alice Munro. Wann endlich bekommt diese großartige Schriftstellerin den verdienten Nobelpreis? Genial gelingt es ihr, in den kurzen Erzählungen ganze Welten entstehen zu lassen. Munro schafft es, dass man denkt....Wie, schon zuende, daraus könnte man doch einen ganzen Roman machen.....
Selten haben es Autoren geschafft, ein so feinsinniges Netz psychologischer Raster über alles zu legen, was gesagt und gehandelt wird. Unausgesprochenes erhält eine Sprache. Nach der Lektüre dieser Erzählungen sollte dem Leser eines klar sein: Die Welt, wie sie sich uns in ihrer Oberfläche darstellt, ist wie die Spitze eines Eisbergs. Unter der Wasseroberfläche liegt der größere Teil unserer Existenz, aus Zwängen, Furcht, Liebe und vielen anderen Motivationen und Hindernissen.
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am 14. Juli 2013
Ich gehöre eigentlich zu den Lesern, die von Literatur vor allen Dingen die Behandlung "grandioser Themen" erwarten: etwas Erleuchtendes über die - wie sagt man so schön: - conditio humana, über Schuld und Scham, über die westliche Gesellschaft etc.

Selten lese ich ein Buch, das so radikalsubjektivistisch (und manchmal geradezu pathetisch) daherkommt - und selten war ich derart beeindruckt von einem Buch, das sich so gar nicht um die gegenwärtigen Theorien um Postmoderne und Post-Postmoderne, um eine "avantgardistische" Art zu schreiben, schert und das sich vielleicht gerade in seiner so authentischen und herzerwärmenden nostalgischen Romantik so wohltuend abhebt von der Unzahl an Verunklärungsliteratur und den vielen Romanen mit ihren endlosen metafiktionalen und intertextuellen Spielereien, die oft (aber nicht immer) nur dem Narzissmus des Autors Befriedigung verschaffen sollen.

Den banalen Alltag spannend zu durchdringen, die Psychologie des provinziellen Jedermann interessant aufzubereiten, ohne gleich in die (so verlockende) postmoderne Ironie und Groteske abzugleiten - das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen.
Alice Munro beherrscht sie.

5 Sterne ohne jeden Zweifel.
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am 25. Mai 2015
Alice Munros Debütband „Tanz der seligen Geister“, 1968 erschienen, als die Autorin 37 Jahre alt war, versammelt insgesamt fünfzehn Erzählungen. Den Titel gibt die gleichnamige letzte Erzählung des Bandes. Und dieser Titel wiederum ist ein Zitat; es ist der Name eines Stücks aus der Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck, das in der letzten Erzählung eine Klavierschülerin von Miss Marsalles zum Besten gibt. Der deutsche Titel „Tanz der seligen Geister“ passt also einwandfrei.

Was mich zu den kritischen Stimmen bringt, die die Übersetzung von Heidi Zernig kritisieren. Es versteht sich von selbst, dass man Kurzgeschichten, in denen es bekanntlich auf jedes Wort, jede feinste Nuance ankommen kann, am besten in der Originalsprache liest. Im Falle von Alice Munro trifft dies doppelt und dreifach zu. Allerdings solle man, um eben alle Wörter und Schattierungen erfassen zu können, dann schon Englisch auf C2-Niveau beherrschen. C2 heißt, man sollte über (annähernd) muttersprachliche Kenntnisse verfügen. Wer das kann, liest „Dance of the happy shades“. Wer nicht, greift zur Übersetzung, und wird damit auch glücklich.

Munros Erzählungen spielen in der kanadischen Provinz und werden (rückblickend) aus den Perspektiven eines jungen Mädchens, eines Teenagers, einer jungen Frau erzählt. Die Erzählungen geschehen nicht chronologisch, sondern werden häufig rückwärts erzählt, mit Perspektivwechseln und Sprüngen zwischen Jetzt und Vergangenheit, was das Ganze ein wenig kompliziert macht. Munros Erzählung muss man mindestens zwei Mal lesen, um sie zu verstehen. Doch es lohnt sich – immer.

Wohl niemand möchte sein Leben mit den Figuren aus Munros Geschichten tauschen. Aber beim Lesen ist man mehr als Mit-Dabei mit den Figuren. Munro schafft es, mit einer Art von kritischer Melancholie die Figuren und den Leser selbst zu rütteln. Geschlechterverhältnisse sind eines ihrer großen Themen; ihr zweiter Themenkomplex ist Borniertheit, Dummheit und Unmenschlichkeit im Alltag. Wie gesagt, man sollte Munros Erzählungen mindestens zwei Mal lesen. So viel steckt da drin, dass man aus dem Nachdenken und Stauen nicht mehr herauskommt. Großes Buch, große Autorin.
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