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am 4. September 2015
Faszinierend, packend, scharfsinnig und von wuchtiger Gewalt und doch präzise - oft schräg und bunt wie es nur Bolaño sein kann. Sehr empfehlenswert!
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am 29. März 2015
Der Deutsch-LK hat mir lange Zeit Bücher verdorben. Das dauernde Suchen nach Metaphern, Absichten, Parallelen, Gegensätzen, Strukturen und Konstruktionen war naturgemäß eher Arbeit als Spaß. Gleichzeitig hat man aber das Wissen mitgenommen, dass es all das in guten Büchern gibt, und das bedeutete, dass man die Werkzeuge eigentlich auch anwenden müsste – was wiederum jedes zu lesende Buch wieder zu mehr Arbeit als Spaß machen würde.

Bolanos „Das Dritte Reich“ zeigt, dass es auch anders geht. Die Geschichte ist seltsam, so satt, so verstörend, so packend und vor allem so rätselhaft, dass man mit Freude die Analyse en passant vornimmt, ohne es zu merken. Man spürt die saubere Konstruktion der Geschichte, die Gegensatzpaare, die Ambivalenzen, die Metaphern; alles, was man machen muss, ist innezuhalten und kurz mal nachzudenken, und schon wird man reich belohnt. Das wird man übrigens auch ohne rationale Reflexion, den Bolano zeichnet mit starken Pinselstrichen und feinen Nuancen einen Sommer in Spanien, bei dem mit jedem Tag mehr und mehr die „Fratzen des Bösen“ Spiegel(?)-Rezension) und des Wahnsinns durchscheinen; bei dem sich die Nähte der Realität lösen und eine andere Wirklichkeit sichtbar wird. Apokalypse now am Spielbrett und im spanischen Hotel.

Das Buch ließ mich irritiert und verwirrt zurück, und zwar im besten Sinne. Nicht nur muss ich noch einige Tage da dran rumdenken; ich habe auch Lust, das Netz zur Hilfe zu nehmen – das moderne Äquivalent der Interpretationshilfen meiner Jugend. Und während man die damals kaufte, um mit richtigen Inhalten gute Noten zu bekommen, mache ich das heute, um die Geschichte besser zu verstehen. Spaß statt Arbeit eben. Danke, Bolano.
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am 18. September 2011
Mit "Das Dritte Reich" legt der Hanser Verlag nun erstmalig einen aus dem Nachlass veröffentlichten Text des Exilchilenen Roberto Bolaño, 2003 viel zu früh in Barcelona gestorben, vor. Es handelt sich um einen frühen Text des Autors von "2666", der als Erneuerer nicht nur der spanischsprachigen Literatur gilt und dessen Werk sowohl Kultstatus genießt als auch in der Literaturkritik große Anerkennung findet. Nachdem der zuletzt, ebenfalls nach Bolaños Tod publizierte "Lumpenroman" ein geteiltes Echo hervorgerufen hat, durfte man dieser Veröffentlichung mit großer Spannung entgegensehen. So auch ich.

Etwas ungewöhnlich, aber ich möchte eingangs auf dieses Buch als Druckprodukt zu sprechen kommen. Ein außergewöhnlich schöner und praktischer, jackenloser Leineneinband mit einem bemerkenswert irreführenden Werbetext. Kennte ich Bolaño nicht, ich hätte dieses Buch nicht gekauft noch gelesen. Ich interessiere mich keineswegs für Strategiespiele, zumal wenn es sich um Simulationen des Zweiten Weltkriegs und derlei handelt. Bolaño tat dies offenbar, sein gutes Recht. Mitnichten aber steht das Kriegsspiel "Das Dritte Reich" (das scheint es tatsächlich zu geben) im erzählerischen Vordergrund und Kern dieses Romans, wie der Klappentext suggeriert. Lassen Sie sich also von der Kurzbeschreibung und dem Titel, von dem mir unbekannt ist, ob Bolaño ihn zu Lebzeiten tatsächlich gewählt hätte, nicht abschrecken. Oder übermäßig anziehen. Das Spiel ist wichtig, letztlich titelgebend, jedoch ...

Der Deutsche Udo Berger, mittlerer Angestellter und leidenschaftlicher Brettspieler mit Vorliebe für strategische Kriegsspiele, verbringt den ersten gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg. Und zwar dort, wo die Deutschen, die West-Deutschen, das Geschehen findet in der Vorwendezeit statt, für gewöhnlich Urlaub machen: an der spanischen Mittelmeerküste, pauschal, Hotel am Strand, standorttreuer, erlebnisferner Tourismus in der Hochsaison. Udo war dort bereits mehrfach in seiner Kindheit, kennt das Hotel und erinnert die Chefin. Er spricht Spanisch und ist jetzt in den Zwanzigern.

Auf dem Weg, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, veröffentlicht Udo Essays und Kommentare zu Strategiespielen in Fachzeitschriften und ist als frisch prämierter Landesmeister im Olymp der deutschen Szene angekommen. Es ärgert ihn, dass seinen Beiträgen mitunter sprachliche Unzulänglichkeit vorgeworfen wird. Er entscheidet, seinen Stil und seine Reflexionsfähigkeit durch das Führen eines Tagebuches zu verbessern. Es ist dieses teils in unbeholfen-martialischer, teils in aufgesetzter Sprache geführte Tagebuch einiger hochsommerlicher Tage in den 80ern, das hier in Buchform erscheint.

Zunächst läuft alles wie erhofft, Udo und Ingeborg verstehen sich gut, rücksichtsvoll beschäftigt er sich lange kaum (!) mit dem mitgebrachten Spiel und den zu schreibenden Analysen. Obwohl nicht nach seinen Interessen, sickert der banale Spaßtouristenalltag durch die unvermeidliche "Freundschaft" mit dem Pärchen Hanna und Charly (die beiden kennt jeder von uns) in seine Pläne. Ingeborg zuliebe geht er, wenn auch mit innerer Distanz, an den Strand, in Kneipen und nachts in die örtlichen Discotheken. Eine oberflächliche Ruhe, die durch die Bekanntschaft mit Einheimischen zunehmend aus der Bahn gerät, zumindest kommt es ihm so vor. Da sind El Lobo und El Cordero (Der Wolf und das Lamm!), zwar suspekt, deren Feierlaune aber die anderen drei ansteckt. Es gibt die abweisenden Angestellten des Hotels, die attraktive Frau Else als Chefin - zu der er permanent Kontakt sucht - und ihr unsichtbarer Mann. Dann ist da noch "Der Verbrannte", ein monströs entstellter Verleiher von Tretbooten, wortkarg, geheimnisvoll, des Nachts eingebunkert in einer Festung aus, nun ja - Tretbooten. Er ist es, der Udos Interesse weckt. Da ist er, der bolañoeske Ton, vage Vermutungen, Mutmaßungen über Verschwörungen gegen ihn, das Gefühl, beobachtet zu werden, seltsame Missstimmungen, die Udo in seinem Tagebuch festzuhalten versucht. Die alkoholischen Nächte werden immer haltloser, es gibt Entgleisungen, und solche, die Udo nur vermuten kann. Als Charly beim Surfen verschwindet, ist die noch zwanghaft erhaltene Urlaubsstimmung vollends hinüber.

Ingeborg reist ab, sie und auch Udo müssen ohnehin in den nächsten Tagen wieder arbeiten. Udo bleibt, vordergründig, um die Leiche seines "Freundes" zu identifizieren, wenn sie denn gefunden wird. Nun verbindet ihn mit Charly wahrlich keine Freundschaft, seine Gründe zu bleiben sind also anderer Natur.

Mit Ingeborgs Abreise und - saisonbedingt - der der meisten Touristen, verändert sich alles und auch Udo. Sein Leben in Deutschland, die Realität, rückt immer ferner, seine Motive kann oder will er auch im Tagebuch nicht formulieren. Seine Beziehung zum Verbrannten wird stärker, mit ihm verbringt er fortan die Nächte und - ja, jetzt spielt er, spielt mit dem Verbrannten eine große, vielleicht alles entscheidende Partie "Das Dritte Reich". Zwar ein Anfänger, erweist sich der Verbrannte als geschickt, von irgendwoher bekommt er Unterstützung (oder nicht?). Udos Truppen, die Alliierten, verlieren zunehmend an Boden, so auch Udo ... Charly wird gefunden, Udo bleibt. In Deutschland macht man sich Sorgen über seinen Zustand, aber das Spiel muss zu Ende gespielt werden. Von Frau Elses todkrankem Mann, den er schließlich trifft, erfährt er, dass es um nicht weniger als um Leben und Tod geht. Denn "der Verbrannte ist nicht zu unterschätzen". Was geschieht, wenn er gewinnt? Wenn er verliert?

In diesem Frühwerk Bolaños zeichnet sich einiges ab, was er später perfektionieren sollte. Ein Faustschlag, ein Kuss, Gerüchte, ein Traum ... die scheinbar grundlosen, beklommenen Stimmungen und Feindseligkeiten, versteckte Rohheit, Sex und Vergewaltigung, Verschwörung und Wahnsinn. Die Tagebuchform scheint mir für die Geschichte, für die Entwicklung Udos bestens geeignet, die Figuren sind überzeugend, allein das Brettspiel als Austragungsort für das Schicksal Udos will mir nicht gefallen. Das Spiel ist das bindende Glied zwischen ihm und dem Verbrannten, ihre Beziehung. Als Bild oder Symbol aber, als echte Parallelität zu Udo Bergers Leben hat Bolaño "Das Dritte Reich" (also: das Spiel) bewusst oder unbewusst dann doch nicht ausreichend angelegt und eingebunden - oder es ist mir entgangen. Die Beschreibungen des Spielverlaufs bleiben für mich technisch und geographisch, meinethalben militärtaktisch. Für eine echte Spielernatur scheint mir Udo Berger zudem viel zu sensitiv und aufmerksam, sogar sein weiteres Umfeld und seine Wirkung stets beobachtend und beschreibend.

Ich bin und bleibe dabei, dass Roberto Bolaño uns die waghalsigste und aufregendste Literatur der letzten Jahre hinterlassen hat, aber mit "Das Dritte Reich" wird uns nach dem "Lumpenroman" erneut ein schwächeres Werk vorgelegt. Wer sich als Einstieg in die Bolaño-Welt vor den großen Meisterwerken "2666" und "Die wilden Detektive" fürchtet (dazu gibt es allerhand Grund, der mit dem Umfang so gar nichts zu tun hat), empfehle ich "Stern in der Ferne" als Lektüre. Überflüssig zu erwähnen, dass auch ein schwächerer Bolaño absolut lesenswert ist. Fahren Sie in den nächsten Tagen in den Urlaub nach Spanien?
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am 24. Mai 2016
Udo Berger und seine Freundin Ingeborg verbringen die Ferien an der Costa Brava in dem Hotel, in dem Udo als Kind immer mit seiner Familie war. Viel hat sich nicht verändert, vor allem die Besitzerin Frau Else ist noch genau so schön wie in Udos Erinnerungen. Er verbringt seine Zeit hauptsächlich mit seinem Brettspiel, dem Wargame „Das Dritte Reich“. Währenddessen schließt Ingeborg Freundschaft mit einem anderen deutschen Paar. Lustlos lässt sich Udo ab und zu in Diskos und an den Strand mitschleifen und begegnet dort den seltsamen spanischen Aufreißern El Lobo und El Cordero sowie dem mysteriösen Verbrannten, der ein besonderes Interesse an ihm zu haben scheint. Die Ereignisse beginnen, sich zu überschlagen: Gewalt, Verschwinden, heimliche Küsse und ein unerwarteter Spielgegner – doch Udos oberste Priorität bleibt, Deutschland zum Sieg zu führen.

Ich muss gestehen, dass ich eigentlich sehr gerne Bücher von Bolaño lese und somit auch wusste, worauf ich mich einlasse. Dennoch hat es bei diesem Roman irgendwie nicht so ganz funken wollen. Die Grundidee fand ich sehr gut, genau so wie die Ausarbeitung der Charaktere. El Lobo (zu Deutsch übrigens „der Wolf“) und sein Kumpane El Cordero („das Lamm“) sind zwielichtige Gestalten, bei denen man von Anfang an nicht weiß, ob man ihnen über den Weg trauen kann – in Anbetracht dieser Tatsache ist es sehr raffiniert vom Autor, ihnen genau diese Namen zu verpassen. Charly ist ein verachtenswertes Ekel, Udo aber manchmal auch. Sympathisch sind hier höchstens die Damen, aber die spielen nur eine nebensächliche Rolle. Der Verbrannte ist ebenfalls interessant durch seine schweigsame Art und seine vielen Geheimnisse. Auch gelungen fand ich die Entwicklung Udos, die parallel zu seiner Partie „Das Dritte Reich“ abläuft. Während er darin versunken ist, den zweiten Weltkrieg aus der Sicht Deutschlands nachzuspielen und im besten Fall den Lauf der Dinge zu verändern, verändert auch er selbst sich immer mehr und nähert sich langsam aber beständig dem Wahnsinn. Gleichsam spannend ist auch Udos Entwicklung als Spiegel zur Wahrnehmung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Wer geschichtliches Wissen besitzt, wird sich darüber freuen, die verschiedenen Stufen Deutschlands (Überlegenheit, Niedergang, Verleugnung,…) in Udo wiederzufinden.

Die Handlung plätschert ein wenig vor sich hin, aber das fand ich gar nicht schlimm, da Bolaño nun mal nicht besonders actionreich schreibt. Gestört hat mich jedoch ein wenig, dass Andeutungen gemacht wurden, die nie aufgeklärt wurden. Dies trägt nicht dazu bei, dass am Schluss wichtige Fragen offen bleiben, sondern dazu, dass man kleine Details der Geschichte nicht genau festlegen kann, und im Prinzip ist es völlig schnurz, ob man jetzt genauer Bescheid weiß oder nicht. Es gibt einige Elemente, wie zum Beispiel Udos Albträume, Tagträume und Einbildungen, die dazu führen, dass man als Leser manchmal nicht mehr genau sagen kann, was jetzt wirklich passiert ist und was nicht. Hier hätte Bolaño für mich persönlich gerne noch mehr mit der Verwischung der Realitätsgrenze spielen können, die eben auch wunderbar Udos Besessenheit von Wargames widerspiegelt. Auch das Ende fand ich eher unbefriedigend. Ich hatte gedacht, dass es auf einen völlig anderen Schluss hinausläuft und war eher enttäuscht, weil der, den ich vorfand, nichts Ganzes und nichts Halbes war.

Positiv anzumerken sei allerdings noch die Tatsache, dass der Autor über umfangreiche Kenntnisse von „Das Dritte Reich“ verfügt, da er selbst ein leidenschaftlicher Wargame-Spieler war. So wirkt es jederzeit authentisch, wenn Udo von seinen Spielzügen erzählt – auch wenn ich nicht alles verstanden habe. Ob man so etwas ständig ausgeführt haben möchte, ist wahrscheinlich Geschmackssache. Im Gegensatz zu anderen Autoren fasst sich Bolaño allerdings recht kurz. Ich lese lieber zwei Seiten über Kriegsspielstrategien als acht Seiten über eine Schachpartie oder darüber, wie das Raumschiff genau repariert wird.

Das Dritte Reich ist eines von Bolaños ersten Werken. Er schrieb das Manuskript 1989 (neun Jahre vor Die Wilden Detektive und lange vor seinem Opus Magnum 2666), es wurde jedoch erst nach seinem Tod veröffentlicht. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich es nicht so stark fand, wie seine anderen Bücher. Und vielleicht hatte Bolaño ein ganz anderes Ende geplant, aber nie geschrieben. Mit einem konsequenteren Ende und weniger Andeutungen von halbwichtigen Ereignissen hätte es mir deutlich besser gefallen, da ich von den Charakteren, insbesondere von Udos Entwicklung, sehr überzeugt war.
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am 9. Juli 2014
...was mir das Buch sagen will. Ich bin mir nicht sicher....

Ich persönlich finde es genial, wie die Hauptfigur sich parallel zum Erleben/Wahrnehmung Deutschlands im Verlauf des Dritten Reiches entwickelt. Am Anfang mit herrischer Überlegenheit, sich im Vollbesitz der Kräfte befindet...bis das Spiel des 2. Weltkrieges beginnt, ironischerweise gegen einen "Untermenschen"...erste Siege feiert, Helden verehrt...bis man einen Mehrfrontenkrieg beginnt, den man nach und nach verliert....und sich schließlich in Realitätsverleugnung ergeht, die eigene Niederlage nur mit Verschwörungstheorien erklären kann und sich schließlich in absolutem Verlust wiederfindet. Wenn dies das angestrebte Konstrukt war, daß sich eben am Verlauf des Spieles "Das Dritte Reich" orientiert, dann ist es eine spannende Idee.
Mag aber sein, daß dies nur meine Interpretation ist. Den Thriller, der enthalten sein soll, habe ich zumindest nicht gefunden.

Drei Sterne vergebe ich, weil die Sprache für mich auf Dauer sehr anstrengend wurde. Es wirkt doch manches gekünstelt, wenngleich durchaus anderes sehr genial beschrieben ist. Man merkt dem Buch an, daß es nicht "fertig" war...sicher hätte ein Autor hier noch länger gefeilt und diverse Unstimmigkeiten entfernt. Es ist nicht abschließend rund - und das merkt man.

FAZIT:
Wem das Konstrukt gefällt und sich ein bischen mit Geschichte auskennt, der mag den Hintergrund finden, der die Geschichte stark macht. Und der kann auch über einige Holpersteine hinwegsehen.
Wer leichte Lektüre sucht, dem sei abgeraten.
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am 2. Juni 2012
Die Geschichte des deutschen Kriegsspielmeisters ist oft komisch, verliert sich am Ende aber immer mehr.

Udo Berger ist deutscher Meister in einem Brettspiel mit dem unheilvollen Namen "Das dritte Reich." Bei diesem Spiel geht es darum, Situationen aus dem zweiten Weltkrieg nachzuspielen oder Situationen zu erstellen, in denen sich die Achsenmächte den Alliierten gegenüberstehen. Udo übernimmt immer die deutsche Seite und ist unschlagbar. "Mein Spiel ist natürlich viel komplizierter. Es erfordert einen kaltblütigen, spekulativen und kühnen Kopf."
Mit seiner Freundin Ingeborg fährt er den ersten gemeinsamen Urlaub nach Spanien, aber auch dort kann er das Spiel nicht vernachlässigen, "dass sich Ingeborg meinetwegen schämte, wegen der Vokabeln, die ich von mir gegeben hatte (Infanterieverbände, Panzerverbände, Kampfgeschwader der Luftwaffe'')." Eines Tages dann lernt er eine zwielichtige Gestalt mit dem Namen Verbrannter kennen. Mit diesem Mann, der Tretbootvermieter ist und dessen Haut zu großen Teilen verbrannt ist, beginnt er eine Partie seines Spieles und bald schon, wird ihm abgerate, das Spiel zu Ende zu spielen. "Ja, der Teufel, der Gehörnte, der Dämon, Satan, Beelzebub, Luzifer, der Leibhaftige."
Roberto Bolano (1953-2003) in Chile geboren, lebte zuletzt mit seiner Frau und den Kindern in Spanien. Dieses Werk hat er bereits im Jahre 1974 geschrieben, deshalb auch die altmodischen Namen seiner Protagonisten. Es ist auch nicht bekannt, ob der Autor das Werk so veröffentlichen wollte, wie der Übersetzter am Ende anmerkt.
Das Spiel, das Bolano in den Mittelpunkt seiner Geschichte stellt, existiert tatsächlich, ist aber in Deutschland in gewöhnlichen Spielzeugläden nicht zu erwerben.
Die Geschichte wird von Udo in Tagesbuchform erzählt, da er sich im Schreiben üben will, und so schwankt die Erzählung zwischen Präteritum und Perfekt und wirkt leicht verwirrend. Aber auch der Kriegsspielmeisters verliert sich immer mehr, er schwankt zwischen mehreren Liebschaften, Freunden und der ungewollten Arbeit. "Spiel auf deinem Gebiet, und du wirst siegen; Aber was ist mein Gebiet?"
Der Roman nimmt durch den Schreibstil und der erzählten Geschichten von Anfang gefangen, doch lässt das Leseinteresse am Ende immer mehr nach, da sich die Geschichte in vielen Nebensächlichkeiten verliert und die aufgebaute Spannung zerplatzt wie eine Seifenblase.
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VINE-PRODUKTTESTERam 9. August 2012
Der surrealistische Lyriker Roberto Bolano erhielt für sein Essay "Los dedectives salvajes" den angesehensten lateinamerikanischen Literaturpreis. Bei uns ist er eigentlich erst richtig mit dem posthum veröffentlichten Roman "2666" bekannt geworden, der als das literarische Vermächtnis des 2003 Barcelona verstorbenen 50 jährigen Bolano gilt. Jetzt ist aus seinem Nachlass ein Buch erschienen was er 1989 geschrieben hat. Es hat einen merkwürdigen Titel "Das Dritte Reich" und es ist das erste Buch das Bolano als Roman geschrieben hat. Ort des Geschehens ist die Costa Brava und worum es eigentlich überhaupt nicht geht ist das Dritte Reich. Dieses Buch war möglicherweise der erste Versuch des Autors, auszuprobieren, wie er seine Besessenheit in Literatur umsetzen konnte. Es war ein strategisches Experimentierfeld, das es ihm später in dem Roman 2666 ermöglichte, diese- von aller Welt bewunderten- darin gedanklich konstruierten tektonischen Verschiebungen glaubhaft darzustellen.

Es ist sehr viel rätselhaft in diesem Buch, aber es fokussiert sehr überzeugend die Entstehung eines Weltautors und im Gegensatz zu seinen anderen Büchern hat dieses Buch nur eine Perspektive und zwar die Ferientagebuch Perspektive des Helden Udo Berger, der wie paranoid in seinem Hotelzimmer sitzt, Es passiert nicht viel außer Krieg spielen. In anderen Romanen von Bolano würden, wie beispielsweise in "Die wilden Detektive", Unmengen nicht zu erwartender Mosaiksteinchen stimmengewaltig erscheinen und den Leser zunehmend in der Interpretation der Handlung verunsichern.

Zum Plot: Der deutsche Udo Berger verbringt seinen Urlaub an der Costa Brava, nicht am Strand, wie man annehmen könnte, sondern im Hotelzimmer. Zurückgesogen vom Strandleben, von seiner Freundin und von Tanzlokalen verbringt er die Zeit mit Kriegsspielen. Wie besessen spielt er als Brettspiel den Zweiten Weltkrieg nach und versucht ihn für die Deutschen zu gewinnen. Eines Tages, zwischen den unterschiedlichsten Strategievarianten, lernt er einen mysteriösen Mann kennen. Er ist ein Latino der vielleicht einmal in Südamerika gefoltert wurde, denn sein Gesicht ist durch Narben grausam entstellt. Er wird von allen nur der "Verbrannte" genannt. Dieser "Verbrannte" vermietet Tretboote und hat diese in gruseliger Weise zu einer Art Tretboot Festung aufgebaut, die als Metapher für einen Panzer zu sehen sind. Udo überredet ihn sein Gegner im Spiel zu werden. Er soll den Part der Alliierten übernehmen. Der "Verbrannte" nimmt die Herausforderung an. Eigentlich ist dieser Udo der Champion und man ist fest davon überzeugt, dass er seinen Gegenüber, der noch nie ein solches Spiel gespielt hat, besiegen wird. Doch als der "Verbrannte" Schlacht für Schlacht gewinnt, kippt das Spiel.
Als Leser hat man natürlich immer an den Sieg von Udo Berger geglaubt und daran das dieser den Lauf der Geschichte ändern könnte. Spiel und Tagebuchaufzeichnung haben eine Gemeinsamkeit, sie versuchen die Welt noch einmal neu zu erfinden und in dem man an den Sieg Udo Bergers glaubt, vielleicht auch zu spiegeln wieso Nazi Deutschland so lange an Hitler glaubte. War dieses Schockmoment mit Absicht eingesetzt? Vielleicht geht es darum gar nicht, denn es geht in diesem Spiel vordergründig um Sucht, um Suchtbefriedigung, denn der schreibsüchtige Egomane flieht in seinen Tagebuchaufzeichnungen auf eine rauschartige Suche nach "seiner Sprache". Einerseits ist es die platte, spröde Tagebuchsprache des deutschen Touristen, andererseits ist es die Suche nach der dichterischen Sprache, der innere Wunsch Bolanos ein Schriftsteller zu sein.

Es ist ein sehr autobiografisches Buch, denn man weiß, dass Bolano später seine Sprache gefunden hat. Und da ihn dieser Drang würgt, flieht er hier in die Spielsucht, spielt so etwas Grausames wie das "Dritte Reich". Die Provokation, dass hier deutsche Generäle auftreten und ein Deutscher noch einmal im Spiel die deutsche Niederlage rückgängig machen will, gibt mir als Leser doch erhebliche Rätsel auf. Es ist scheinbar auch ein Plädoyer dafür, dass es egal ist was der süchtige Spieler spielt, er flüchtet sich in eine scheinbar hermetische Welt. Erst nach der Niederlage, nachdem er durch diese schreckliche Sucht hindurch gegangen ist, beginnt er sich von diesem blindwütigen Spielen des Krieges zurück zu ziehen. Wenn auch alles bei der fokussierten Verdrängung der Vergangenheit ein wenig thesenhaft und rätselhaft bleibt, so ist es trotz aller Einwände die hier und da in der Kritik zu lesen sind, ein großartiges Buch, das vielleicht bei dem einen oder anderen Leser den Wunsch weckt, das letzte zu Lebzeiten von Bolano veröffentlichte Buch "Lumpenroman" zu lesen.
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am 21. Juni 2012
Als ich das Cover des Buches zum ersten Mal sah, wurde mir zunächst heiß, dann kalt, und schließlich traute ich meinen Augen nicht. Ein Roman des preisgekrönten chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano, welcher sich offenbar mit einem realen Wargame, also einer so genannten Konfliktsimulation, auch Kriegsspiel genannt, befasst. Wie einst Bolano, so bin auch ich ein begeisterter Anhänger das Wargame-Hobbys, und so war mir der heimliche Protagonist des Werks, die einstmals komplexeste Simulation des 2. Weltkriegs in sowohl militärischer als auch politischer Hinsicht, das Spiel "Rise And Decline Of The Third Reich", kurz, "Third Reich" oder eben "Das Dritte Reich", wohl bekannt. Ich muss diese Tatsache vorwegschicken, da sie natürlich fundamentalen Einfluss auf meine Lesemotivation und Begeisterungsfähigkeit während der Lektüre hatte.
Zur eigentlichen Handlung wurde an dieser Stelle genug verfasst. Was folgt, sind Ansichten eines Gleichgesinnten...

Erscheinen für das Gros der Leser die detaillierten Angaben Bolanos zu den Stellungen Udo Bergers Armeen und die Darlegung seiner taktischen Vorhaben lediglich Randbemerkungen oder verursachen sogar Unverständnis, so waren es genau jene Textpassagen, die mich mit angehaltenem Atem Wort für Wort mit Hochspannung verfolgen ließen. Jede Angabe in Bezug auf das Spiel, jede noch so scheinbar unbedeutende und zum dritten Mal wiederholte Auflistung der besetzten Hexagone auf der Landkarte Europas ist realiter nachvollziehbar und unterstreicht bei näherer Betrachtung Udo Bergers schleichende Niederlage sowohl fiktiv auf dem Brett als auch im realen Leben auf grausig schöne Art und Weise. Während Bolano seinen tragischen Helden eine Niederwerfung nach der anderen auf dem zum Sinnbild Bergers Innenleben gewordenen Schlachtfeld durchleben lässt, nährt sich auch Udo Bergers wirkliche Lebenssituation immer weiter dem Abgrund.
Ein für mich faszinierendes Buch. Spannend, tragisch, erotisch, obszön, tief. Mehr als einmal hat es mich gefesselt, verstört, erheitert, in seinen Bann gezogen. Fans von Bolanos Meisterwerk 2666 sollten sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein postum veröffentlichtes Erstlingswerk handelt, verfasst in den ausgehenden 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Wer an der Costa Brava Urlaub macht und ein Anhänger des anspruchsvollen Wargame-Hobbys und anspruchsvoller Literatur ist, muss dieses Werk als Strandlektüre im Gepäck haben. Die letzte Version von "Third Reich" von Avalon Hill würde ich - außer es handelt sich um einen Single-Urlaub - lieber zu Hause im Schrank stehen lassen. Wer weiß, am Ende ergeht es einem wie Udo Berger...
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am 27. Mai 2016
Udo Berger fährt mit seiner Freundin in den Urlaub nach Spanien. Dort freunden die sich mit einem anderen Pärchen an. Nebenbei will Udo eine Variante für ein Wargame ("Das dritte Reich", sichtbar von anderen Wargamnes inspiriert) ausprobieren, aber dazu kommt es erst später...
Nun, viel an konkreter oder gar spannender Handlung passiert nicht. Erzählt wird alles aus Sicht von udo, der Tagebuch führt und daher bleibt auch so manches offen - das muss einem klar sein (Das muss einem aber sowieso klar sein, wenn man Roberto Bolano liest). Das Spiel nimmt erst ab Mitte eine größere Rolle im Buch ein und wie ein anderer Kommentator richtig anmerkte, wirkt der Spielverlauf eher als Spiegel der Situation Bergers: Erst passiert nicht viel, dann Euphorie, dann zu viele Fronten und alles bricht langsam zusammen...
Wie gesagt: Das ist nett, das kann man durchaus gut lesen - aber es macht eben auch den Eindruck, als wäre hier noch deutlich mehr drin gewesen. Die Geschichte braucht eine ganze Weile, bis sie in Gange kommt, der Spielverlauf ist irgendwo vorhersehbar. Das ist unterm Strich eher schade.
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am 1. Januar 2012
Ob es nun daran liegt, dass der Roman als nicht sicher fertiges Mauskript aus dem Nachlass veröffentlicht worde ist oder sich Roberto Bolanos Stil generell so ausmacht wie in "Das dritte Reich", kann ich nicht beurteilen, weil es sich um das erste Werk des Autors handelt, das ich gelesen habe.
Ich muss mich allerdings den eher wenig enthusiastischen Kommentaren anschließen, da das Opus für mich zu viele Problematiken, die angerissen werden, ungelöst im Nebulösen belässt. Das mag man fantasieanregend finden, ich finde es eher anstrengend, wenn viele - durchaus auch verflochtene - Handlungsstränge existieren, ohne dass sich einige davon zu einem etwas größeren Ganzen zusammenfügen. Rein stilistisch kann man dem Autor (und de mortuis ja sowieso nil nisi bene...) da nichts ankreiden, die Schreibweise des fiktiven Tagebuchs passt sich der zunehmenden Verwirrung des Protagonisten (und leider auch Lesers) gut an.
Insofern, wer gerne eigene Lösungen für Romanhandlungen erfindet, kann sich mit "Das dritte Reich" glücklich schätzen, etwas weniger kreativen Lesern dürfte das Buch aber zunehmendes Unvergnügen bereiten.
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