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am 24. September 2009
Herta Müllers Atemschaukel" ist ein beeindruckendes Buch. Die aus dem heute rumänischen Banat stammende Autorin schildert darin die Erlebnisse eines bei der Deportation 17-jährigen siebenbürgisch-sächsischen Jungen. Als Vorbild für die literarische Figur dürfte der ebenfalls aus Siebenbürgen stammende Oskar Pastior gestanden haben, mit dem zusammen Müller diesen Roman eigentlich schreiben wollte. Doch verstarb der als Sprachakrobat deutschlandweit sehr geschätzte Pastior 2006. Immerhin reisten beide vorher noch in die Ukraine und besuchten das Lager, in dem Pastior fünf Jahre zwischen 1946-51 verbrachte.

Ausgehend von den gemeinsamen Gesprächen, von ihren Notizen und wohl auch von einigen Aufzeichnungen Pastiors, verfasste Müller diesen Roman, der vor kurzem für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. In etwa 60 Kapiteln schildert Müller Erlebnisse, Ereignisse und Personen im und um das Lager. Aus der Erzählperspektive des jungen Leo Auberg werden der Hunger, die Kälte, die Arbeit, die Müdigkeit usw. sehr eindrücklich geschildert. Die Bedeutung einer Geste, einer Handlung wird im Miteinander der Insassen verdeutlicht. Im Vordergrund steht dabei nicht nur, was die Menschen einander absichtlich oder gerade durch Passivität antun, sondern auch, was die Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Erniedrigungen für eine Gewalt der einzelnen Person aufzwingen. Mutig ist dabei bereits der Einstieg in das Sujet. Müllers Protagonist scheint sich über die Deportation beinahe gefreut haben, denn er konnte so der bedrückenden Enge der sächsischen Diasporagemeinschaft entkommen, in der er seine Homosexualität verbergen musste.

Der Roman ist letztlich eine einzigartige Sprachmanifestation in dem Herta Müller eigenen Stil. Die außerordentlichen Erlebnisse des zähen, langen, monotonen, pausenlosen Hungers, des Egoismus, der Niedertracht und der Einsamkeit verlangten nach einer einzigartigen Sprache, die das Besondere der Situation adäquat beschreiben kann. Herta Müller gelingt es, meiner Meinung nach, diese Sprache zu entwickeln und in einem unverwechselbaren, von Bildern, Metaphern, Anspielungen und Allegorien gesättigten (fast übersättigten) Stil und Sprache die inhumane und trostlose Lage der Insassen wiederzugeben (Hungerengel", Atemschaukel" usw.). Die Erlebnisse im Lager sind keine vorübergehenden Events", sondern das gesamte restliche Leben kennzeichnende tiefgehende Erfahrungen. Es gibt im Leben keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit vor ihnen, so das Fazit des Romans. So wie es unmöglich war, dem Lager lebendig vorzeitig zu entkommen (die Entflohenen sind gefasst worden oder umgekommen, der Himmel (die Transzendenz) bot auch keine Lösung und keinen Trost), genauso quälten die Erinnerungen die Lagerinsassen jahrzehntelang. Diese primären und sekundären Qualen in einer meisterhaften Sprache von großer Eindringlichkeit und Kraft eingefangen zu haben, ist das große Verdienst von Herta Müller. Sie soll für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sein. Dieser Roman beweist, dass sie des Preises würdig ist.
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am 10. Februar 2016
Die Autorin Herta Müller greift mit diesem Roman ein Tabuthema unserer Zeit auf – die Deportation nach Kriegsende zum Wiederaufbau des Landes in russische Arbeitslager. Sie hatte als Grundlage für dieses Buch in ihrem Heimatdorf mit Deportierten gesprochen und diese Notizen liefern den Hintergrund für Atemschaukel.

Der 17-jährige Leo Auberg stammt aus Siebenbürgen (heute Rumänien) und ist einer von den vielen Deportierten, die in ein solches Arbeitslager gebracht werden. Seit dieser Stunde weiß er, was Hunger bedeutet, dass Durst sein ständiger Begleiter wird und ein Ende dieser Tortur nicht in Sicht ist. Der Abschiedssatz seiner Großmutter bleibt ihm im Gedächtnis und hält ihn am Leben: „Ich weiß, du kommst wieder.“ – dieser Satz begleitet ihn während er mit dem Hungerengel kämpft, die Herzschaufel schwingt oder an der Tageslichtvergiftung leidet. Das Buch erzählt über das Leben im Lager, klar, sachlich, ohne Verschnörkelung und doch so treffend. Man fühlt die Schwere der Zementsäcke, die Melancholie einzelner Bewohner und dann wieder das Ringen um ein Stückchen Brot.

„Ich habe meinem Heimweh schon lange trockene Augen beigebracht. Und jetzt möchte ich noch, dass mein Heimweh auch herrenlos wird. Dann sieht es nicht mehr meinen Zustand hier und fragt nicht mehr nach denen von Zuhause. …Dann ist mein Heimweh nur der Hunger nach dem Ort, wo ich früher einmal satt war.“

Die Autorin bestürzt mit einer bildhaften Sprache, die das Entsetzen verdeutlicht. Oftmals ist man als Leser gefangen vom Alltag der Lagerinsassen, dann wieder schockiert ob der Grausamkeiten der Aufseher. Durch diese lange Zeitspanne, während der man das Leben Leo Aubergs begleiten darf, erfährt man auch über die Auswirkungen für das „Nach-dem-Lager-Leben“.

„Ich weiß, du kommst wieder“ – doch ein Teil bleibt immer zurück. Es ist nie mehr wie vorher. Die Heimkehrer können ihr Erleben nicht in Worte fassen und eine Fremdheit zum sozialen Umfeld hat sich eingeschlichen.

Das Buch hat mich fasziniert, betroffen und immer wieder gefesselt ob der Wortgewalt. Nicht einfach zu lesen, aber durchaus lesenswert.
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TOP 500 REZENSENTam 8. Oktober 2009
"Ich wollte ein Buch schreiben, und es so gut schreiben, wie ich kann. Ich wollte dem, was ich von Literatur erwarte, so gut es geht gerecht werden. Das ist Alles. Und für andere Dinge hat Literatur sich nicht zu rechtfertigen."

Herta Müller

Die mehrfach ausgezeichnete Herta Müller, hat einen Trauma-Roman verfasst, der zum deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, und der sich auf Gespräche von ehemaligen Deportierten Deutschen in Rumänien abstützt sowie mit dem ursprünglich deportierten Schriftsteller Oskar Pastior, mit dem ursprünglich der Wunsch entstand, den Roman zusammen zu schreiben, Oskar Pastior verstirbt jedoch im Oktober 2006, sodass Herta Müller diese Nachkriegsgeschichte alleine fertigstellen musste.

Erzählt wird die Geschichte des jungen siebzehnjährigen rumänendeutschen Leo Auberg, (neben vielen Einzelschicksalen, die nicht selten mit dem Tod endeten) der endlich weg wollte, aus dieser Stadt, "in der alle Steine Augen hatten", dem die Deportation gerade recht kommt. ("Ich wollte weg aus der Familie und sei es ins Lager".) Wir erleben den Protagonisten während Fünf Jahren Arbeitslager in der Ukraine, wo in einem isolierten Klima, die demütigenden Arbeitsbedingungen, die psychischen Belastungen, die erniedrigenden Verhältnissse, die Hölle in einem sowjetischen Arbeitslager, das idiotische Antreten zum Appell, und dem unendlichen Ausmass des Hungerns, "alles was ich tat, hatte Hunger", "mein Hunger und ich", eine traumatische Erfahrung, die sich in die Seele einbrennt, vom "Hungerengel" begleitet wird, ("denn man war sich nicht sicher, ob es einen Hungerengel für uns alle gibt oder jeder seinen eigenen hat.) und ein Leben lang eine Bedeutung haben sollte. "Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern."

Mit unglaublicher Sprachvirtuosität und konzentrierter Sprachgewalt, wo der Bogen vom traumatischen, zum Verspielten, bis hin zum Surrealen und Unverständlichen gehen kann, spüren wir etwas vom Potential und der Kraft und Ausdrucksmöglichkeit, dieser Autorin, die mit einer metapherartigen Sprache etwas zum Ausdruck bringt, das ich unglaublich und aussergewöhnlich halte. Sie erfindet Wörter und Satzstellungen, die wir noch nie gehört haben..."in der Früh nach dem Waschen löste sich ein Tropfen aus meinen Haaren und lief mir wie ein Tropfen Zeit in die Nase entlang in den Mund..", die Autorin schreibt selbst an einer Stelle: "Es gibt Wörter, die machen mit mir was sie wollen. Sie sind ganz anders als ich und denken anders, als sie sind. Sie fallen mir ein, damit ich denke, es gibt erst Dinge, die das zweite schon wollen, auch wenn ich das gar nicht will."

Man kann sich darüber streiten, inwiefern eine Nachkriegsverarbeitung, dessen Hintergrund, nämlich der Einmarsch der Russen in Rumänien, (Fünf Monate bevor der der Krieg beendet war) um Deutsche, die in Rumänien lebten, für den Wiederaufbau zu zwingen totgeschwiegen wurde, mit der unglaublichen Sprachvirtuosität und kunstvollen Verarbeitung dieser begabten Schriftstellerin, die übrigens in Rumänien geboren wurde, deren Mutter ,die selbst im Lager war, ihr die "Spuren des Krieges" vermacht hat, zusammenpasst oder eben nicht.

Für mich persönlich ist Herta Müller eine ausgezeichnete Schriftstellerin, die sich traut und etwas wagt, etwas riskiert. Auch wenn ihre Schrift Anstoss geben könnte, wo sich zwei Lager auftun könnten, nämlich der Literaten die die Kunst ihrer besonderen Sprachausdrucks darin sehen oder das Lager der politischen Seite, wo ein Stück deutsch-rumänische Nachkriegsgeschichte, und damit ein Stück Nachkriegsverarbeitung des zweiten Weltkriegs aufgezeigt wird.

Wer so wie ich, an der Schreibweise, der Art der Komposition und wiederholenden Schreibrhythmen, und Lust auf das literarische Neuland einer Herta Müller bekommt, wird sich nach Ihren anderen Werken umsehen, um sich von der Schreibkraft dieser für mich so aussergewöhnlichen Schriftstellerin inspirieren zu lassen, kann sich auf etwas freuen...

Für mich ist Herta Müller's Roman ein Stück Vergangenheitsbearbeitung, wo wir uns in einen Menschen hineinversetzen können, der die Brandmarkung eines Lageralltags erlebt hat, die "inneren Beschädigungen" nicht verhindern konnte, und deren Auswirkung auch viele Jahre danach nicht auszulöschen ist. Ein biographische Aufarbeitung, hinter der eine melancholische Trauer glüht, wo das Schreiben ein Schreibenmüssen, aus einer fundamentalen Ausweglosigkeit wird, wo das Sprachgenie Herta Müller genauso zu Wort kommt, wie eine gebranntmarkte Seele, die bis ins Alter an so einem Trauma leiden kann. Ein Werk das von grosser Subtilität, psychologischem Feingespür und einer Note von surrealem Anmut verfasst wurde, hinter dessen Stimme Oskar Pastior's hindurchzuschimmern scheint und massgeblich am Erfolg des neuen Buches von Herta Müller beteiligt ist...

Nachtrag:

Heute Nachmittag erfahre ich , dass Herta Müller den Literaturnobelpreis erhalten hat, heute Nacht erst, hatte ich meine Leseerfahrung verfasst, und stehe noch ganz beeindruckt vor diesem starken Buch, ich kann dieser unglaublichen Schriftstellerin zu ihrem Erfolg nur ausdrücklich mein grösstes Kompliment ausdrücken, deren Werk mich beim Lesen nachhaltig betroffen gemacht hat.
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am 4. April 2011
Ich muss gestehen, dass ich zu den Leserinnen gehöre, die "leichtere" Literatur bevorzugen, alles Bücher von Autoren, die vielleicht den einen oder anderen Preis "abgeräumt" haben, aber nie einen "Literaturnobelpreis" verdienen würden.
Dennoch habe ich mir dieses Buch gekauft und nicht nur ausgeliehen, um eine Reise in die Geschichte meiner Großeltern und Urgroßeltern anzutreten und von der Autorin mehr zu erfahren, als meine Verwandten bereit waren, von sich preiszugeben.
Ich muss zugeben,ich bin nicht weitgekommen und es lag nicht an der Sprache, den Formulierungen. Im Gegenteil, die haben das Geschriebene erst recht erlebbar gemacht und dem Grauen einen Namen und mir die Möglichkeit gegeben, überhaupt weiter zu lesen.
Ich war so erschüttert und fasziniert, wie es Hertha Müller verstand beispielweise den "Hungerengel" zu beschreiben.
Mir fehlen die Worte und ich gebe zu, dass es keine leichtverdauliche Kost ist und ich mich lieber banaleren, kurzweiligeren und phantastischeren Dingen zuwende. Zuwenden möchte. Dennoch hat das Buch einen festen Platz bei mir und ich werde, so nach und nach weiterlesen.
Es ist kein Buch, dass ich, wie sonst meine Gewohnheit, in einem "Rutsch" zu Ende lesen kann und gerade deshalb bleibt es in Erinnerung.
Die "Sterne"-Vergabe mag deshalb nicht korrekt von mir sein, aber muss es das ? So bleibt es als "Streitthema" erhalten und damit lebendig.
Und DAS ist das einzige, was zählt , weil nach und nach alle Zeitzeugen versterben werden und Niemand uns die Wahrheit mehr sagen kann. (ob wir sie hören wollen oder auch nicht)
Die Generation meines Großvaters ist zu großen Teilen stumm geblieben, bis zum Tod. Selbst jetzt erlebe ich noch alte Leute, die nur mit Licht schlafen können, doch Keiner redet über die wahren Gründe, ...auch nicht auf Nachfrage.
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am 22. März 2014
Herta Müller ist nicht einfach zu lesen - leichter ist es mit dem gut vorgetragenen Hörbuch.
Leopold aus Siebenbürgen wird mit 17 Jahren in ein Arbeitslager nach Russland gebracht und muss dort 5 Jahre überstehen. Der HUNGERENGEL wird sein treuester Begleiter. Auf ein nur das Leben erhaltendes Maß wird die Nahrung reduziert. Und alles Denken kreist um die nächste Mahlzeit. Wunderbar die Sprache der Autorin - manchmal etwas langatmig, aber treffend und zu Herzen gehend ihre Schilderung der verschiedensten Arbeiten, die der Unterernährte zu verrichten hat. "Jede Schaufel ein Gramm Brot". Sie erzählt vom Ungeziefer, dass das Leben in den Baracken zur Qual macht.
Und das Heimweh, das Leo in den ersten Jahren verfolgt. "Ich habe das Heimweh mit trockenen Augen gelernt".
Und als er nach Hause darf, kann er die Freiheit nicht annehmen, das Lager nicht vergessen.
Keine leichte Unterhaltung, sondern ein eindrucksvolles Buch, bei dem die anspruchsvolle Sprache die ganze Tragik unterstützt-
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am 11. November 2013
Das wäre interessant: Würde einer, der die Qualen des fast Verhungerns am eigenen Leib erlebt hat, dieses Buch empört weglegen, weil hier eine ein literarisches Spektakel entfacht über etwas, das sie selbst nie erlebt hat? Oder würde er die Autorin preisen, weil sie sich dem Unsäglichen im Ausdruck genähert hat wie vielleicht noch nie jemand? Sind die irrationalen, irrwitzigen und poetischen Sichtweisen auf das eigene Elend einfach parasitärer Literaten-Quatsch - oder erfassen sie tatsächlich etwas von den Bewältigungsstrategien, mit denen Internierte in Kriegs- bzw. Arbeitslagern am Ende überlebt haben?
Beides halte ich für möglich. Die Bewertung des Romans ist also eine Vertrauensfrage - eine Frage des Vertrauens in die Autorin. Ich neige dazu, ihr zu vertrauen. "Vertrauens-bildend" war dafür nicht zuletzt die akribische Recherche, mit der Herta Müller sich des Themas der russischen Internierungslager für Deutschstämmige aus Rumänien angenommen hat. Wenn sie über Seiten fast meditativ beschreibt, wie sich der allgegenwärtige Zement im Lager anfühlt, welche Arten von Kohleschlacken sich beim Schaufeln jeweils wie handhaben lassen, wie das "Entwanzen" der Betten vor sich ging, welche Rituale sich um das karge Essen im Lager entwickelten - dann wird die Realität des Lagers sichtbar, hörbar, fühlbar und geradezu schmeck-bar.
Der Text ist nur mit sehr aufmerksamem Lesen zu erfassen. Viele Schilderungen transformieren sich in die kreisende, überschießende und teilweise skurrile Bilder- und Gedankenwelt des Ich-Erzählers. Und vielleicht ist diese Schilderung dennoch authentischer als mancher "kanllharter Lagerreport".
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TOP 500 REZENSENTam 15. November 2009
Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieg begann die rumänische Regierung damit, alle im Land ansässigen Deutschen zwischen 17 bis 45 Jahre als Zwangsarbeiter nach Russland zu verschicken. Die russische Führung hatte dies gefordert, die rumänischen Kommunisten entsprachen diesem Wunsch, verboten aber später jede öffentliche Erörterung über diese Ungeheuerlichkeit. Wie viele deutschstämmige Frauen und Kinder aus dem rumänischen Siebenbürgen in den eisigen Ebenen Osteuropas umkamen, ist bis heute unbekannt. In einer Zeit, in der Vertreibung und Entrechtung der Deutschen in Mittel- und Osteuropa den deutschen Feuilletoneliten als eine gerechte Strafe für deutsche Missetaten galt, hat es auch niemanden interessiert. Erst jetzt, über 60 Jahre nach diesen Ereignissen, beginnt mit dem vorliegenden Buch die literarische Aufarbeitung dieser moralischen und menschlichen Katastrophe.
Der Roman beginnt mit der Deportierung der Siebenbürger Sachsen und ihre Verschickung in die Kohle- und Zementregionen der totalitären Sowjetunion. Die weit überwiegende Zahl der 64 kleinen Kapitel beschäftigt sich mit dem Lageralltag, gespiegelt aus der Perspektive des 17jährigen Leopold, der sich in den fünf Jahren seines Lageraufenthaltes in eine Hungerwelt eingekapselt sieht, in der alles Essbare eine existentielle Bedeutung erhält. Alles unterliegt den Imperativen der Nahrungsaufnahme, sogar die Sprache wird zu einem elastischen Weltsensor, mit dem die verschiedenen Erscheinungsformen des Hungers ausdifferenziert werden. Über allem herrscht der "Hungerengel", der Herr der Nacht und des Tages, der Stimulator des Gaumenzäpfchens", dass in der Hungerwelt des Lagers zum vermeintlich größten und transparentesten Organ wird. 800 Gramm Brot und zwei dünne Suppen erhalten die Lagerinsassen als Tagesration, die dafür bei eisiger und von Läusen aller Art geplagt, Zement transportieren, Kohlen schippen oder Kartoffeln mit bloßen Händen aus steinharter Erde ausgraben müssen. Über ihnen thronen der russische Lagerkommandant, der Kapo Tur Prikulitsch, seine geliebte Bea Zakel und die stumpfsinnige Brotausgeberin Fenja, die ihre Tage in relativ geheizten Stuben verbringen, während draußen die Menschen verhungern, verzweifeln oder sich umbringen. Wer überleben will, muss mit dem Wenigen, was er besitzt, einen möglichst ertragreichen Handel betrieben, muss in den umgebenden Dörfern betteln oder sich auf Kosten der Mitgefangenen bereichern. Manche stehlen das Brot, das sich die Mitgefangenen morgens für die kommende Nacht zurücklegen, ein Ehemann isst seiner Ehefrau solange die karge Suppenration weg, bis diese stirbt, und der Kapo verkauft einen Grossteil der die Lagerkleidung auf dem Schwarzen Markt und gibt damit die Gefangenen dem langsamen Kältetod preis.
Dergleichen Geschichten vom Hunger, vom "Brotkriminal", dem "Mörteltod", der "Abendliebe" oder der "Jackenentlausung" bilden den erzählerischen Schwerpunkt des Buches. Die Psychologie der handelnden Personen erfährt keine sonderliche Vertiefung, weil sich alles nur um den Hunger dreht. Mehr noch, wenn es überhaupt eine nennenswerte charakterliche Eigenart der Protagonisten gegeben hat, so scheint sie im Lager immer mehr zu verschwinden, je mehr sich die persönlichen Verhältnisse dem Nullzustand" annähern. Auch nach der Entlassung aus der fünfjährigen Lagerhaft bleiben die Insassen für ihr Leben gezeichnet, zur Heimatsattheit" ihrer Familien führt keine Brücke mehr, viele verfallen in Apathie, verlassen das Land oder versuchen wie Leopold ihre Erinnerungen literarisch zu bearbeiten.
Die Deutsch-Rumänin Herta Müller, deren Mutter selbst in ein Lager verschleppt wurde, hat in der Zusammenarbeit mit dem Büchner-Preisträge Oskar Pastor für diesen Roman recherchiert und ihn nach dem plötzlichen Tod Pastiors im Jahre 2006 alleine zuende geschrieben. Es ist ein bewegendes und notwendiges Buch, das zu recht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises stand. Es vermittelt die poetisch überformte Vorstellung einer gnadenlosen Hungerwelt und zugleich auch einen Eindruck davon, wie brutal und folgenlos ein ganzer Volksteil entrechtet wurde. Die Sprachschöpfungen zur Beschreibung der Lagerwelt, zahlreiche literarischen Miniaturen und die düstere Stimmung des gesamten Buches machen das vorliegende Werk zu einem bedrückenden Monument vergessenen Verbrechens. Ich habe es mit großer Anteilnahme und Gewinn gelesen, wenngleich man auch nicht verschweigen sollte, dass das nahezu vollkommen Fehlen von Handlungsführung und Psychologierung der Figuren die Lektüre ab etwa der Mitte des Werkes ein wenig mühsam macht. So faszinierend die Hungerthematik in der ersten Hälfte des Buches auch eingeführt wird, irgendwann ist sie literarisch erschöpft, ohne dass etwas Neues und Konzeptionelles geschieht. Passagenweise verwandelt sich der Roman fast in eine Art Hunger-Essay, dessen immer neue Neologismen das Werk ins Abstrakte führen. Manchmal hat man auch das Gefühl, dass die poetisch etwas überhöhte Sprache zum Thema nicht recht passen will - da ist der Sprachduktus einer Agota Kritof überzeugender.
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VINE-PRODUKTTESTERam 4. September 2009
Jeder Bericht über eine Leseerfahrung kann nur die persönlichen Vorprägungen des Lesers spiegeln. Ein höherer Anspruch wird auch hier nicht erhoben; und dennoch: Ich kann dieses Werk leider nicht weiter empfehlen.

Mich hatte der überschwängliche Enthusiasmus in den Feuilletons vor dem offiziellen Erscheinen des Romans ebenso neugierig gemacht wie der wenig bekannte historische Kontext der Erzählung. Leider blieb das Werk deutlich hinter den so geweckten Erwartungen zurück.

Die Einwände beginnen bei der sprachlichen Gestaltung. Die fast überall mit bleischwerer Bedeutung aufgeladenen Sätze erinnern eher an ein Prosagedicht als an eine epischen Darstellung. Dunkle Metaphern, unverbundene, bewusst sprunghaft gestaltete Assoziationen usw. lassen die Darstellung praktisch stillstehen und vermitteln eher verschleierte, für den Leser häufig schwer fassbare Eindrücke. Diese Sprache passt allerdings nur schwer zu diesem Thema: Wer den existenzbedrohenden Hunger so wie dieser Held erlebt hat, ergeht sich kaum in poetischen Betrachtungen zum "Meldekraut", um nur ein Beispiel zu nennen: Seine Sprache ist notgedrungen "unverblümter", weil er Einblicke gewonnen hat, die jede Lust am Spielerischen vergehen lassen. Dies zeigen die Darstellungen der selbst von ähnlichem Schicksal Betroffenen (Primo Levi, Imre Kertesz, Solschenyzin usw.). Vorliegend schafft die Sprache indes durch immer neue, kühn erdachte Metaphern eine eigentümliche Distanz zur Geschichte selbst. Das Thema indes scheint mir zu ernst für einen solchen Kunstgriff.

Auch kann sich das dargestellte Material leider nicht mit den gerade erwähnten bekannten Darstellungen messen. Mir geht es dabei nicht um ein voyeuristisches Überbieten von Schreckensszenarien, sondern um die Darstellung eines Menschenlebens dort, wo sich praktisch alles gegen es wendet. Die erwähnten Vorgänger überzeugen immer wieder durch packende Bilder für die Bewährung oder die Zerstörung des Menschlichen: Die Darstellung lebt dort auch aus der Handlung und nicht nur aus der Sprache. Das vorliegende Werk versucht hingegen für meinen Geschmack zu stark, epische Bedeutung mit sprachlich-stilistischen Mitteln zu erzwingen. Dies mag den Geschmack vieler treffen; meiner ist es leider nicht: Epische Kunst lebt für mich auch bei den Größten (z.B. Proust) immer zugleich aus der Entwicklung von Charakteren und Begebenheiten. Daran aber fehlt es im traurigen Dauermonolog des weltabgewandt-melancholischen Helden leider entschieden.

Schade, der historische Kontext und die Romanidee hatten so viel mehr versprochen!
3030 Kommentare| 304 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Herta Müller wurde im Jahr 2009 der Literaturnobelpreis zuerkannt. Sie ist eine Schriftstellerin aus Rumänien, die sich in ihren Werken mit den Folgen der kommunistischen Diktatur in ihrer Heimat beschäftigt.

Ich habe neulich das Buch“Atemschaukel“ von ihr gelesen. Es ist in der dritten Auflage im Jahre 2013 raus gekommen.

Daten zum Buch:
=============

Das Buch handelt von Leopold Auberg. Siebzehnjährig aus Siebenbürgen kommend, berichtet er sozusagen über seine Deportation in das Arbeitslager Nowo-Gorlowka in der Ukraine. Es geht politisch historisch um die Verfolgung Rumäniendeutscher zu Stalins Zeiten, wovon diese spezielle Geschichte erzählt.

Wir befinden uns im Januar 1945 in Rumänien. In der Ich-Schreibweise geschrieben erzählt Leopold, wie man ihn mitten in der Nacht holte. Es herrschten eisige Temperaturen von Minus 15 °C. Sein Schicksal gleicht dem von 60 000 Rumäniendeutschen, denen es ebenso oder ähnlich erging.

Herta Müller – das spürt man – und man kann es auch lesen – hat detailliert recherchiert und Augenzeugen zu Rate gezogen. So hat sie beispielsweise mit Oskar Pastior, dem Dichter – der leider mittlerweile verstorben ist – gesprochen, und so ihren authentischen Stoff gesammelt.
Im Jahr 2004 war die Autorin gemeinsam mit Ernest Wichner, Oskar Pastior an den Schauplätzen der Zwangsarbeiterlager in der Ukraine.

Der Roman ist in 64 Kapitel gegliedert, die den Zeitabschnitt vom Januar 1945 bis zur Ankunft zu Hause im Jahr 1950 erzählt. Den Schluss bilden ein Abriss des Lebens bis zu seiner Flucht nach Österreich und die Zeit danach.

Die Kapitel sind recht überschaubar. Nur zu Beginn sind sie etwas umfangreicher, da wird erzählt wie es zur Internierung und dem Abtransport kam und welche ersten Überlebensstrategien es gab. Leopold ist Homosexuell und auch diese Thematik wird nicht ausgespart und auch das Verhältnis zu seiner Familie wird thematisiert.

Der Lesestoff geht unter die Haut, die Art und Weise, wie Herta Müller an ihre Romanidee geht ist einmal mehr faszinierend, poetisch und literarisch kühn und zugleich hochwertig. Intelligent schreibt die Schriftstellerin, die – so kann man in diesem Roman ersehen, den Literatur-Nobelpreis zu recht erhalten hat – ergreifend echt und lebendig schreibt, in einem ihr ganz eigenen Stil, den ich sehr mag, der mich davon trägt in die Handlung und mir einen kurzweilig spannenden Lesegenuss bietet.

Ich empfehle das Buch sehr und vergebe volle Punktzahl !!!
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am 11. März 2011
Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin 2009, hat mit Atemschaukel einen der am höchsten
gelobten Romane der vergangenen Jahre verfasst. Es geht darin um die Lebensgeschichte des
Literaten Oskar Pastior, im Text Leopold Auberg genannt, der nach dem Zweiten Weltkrieg fünf
Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager interniert war.

Der Regisseur Kai Grehn hat diesen Stoff zu einem Hörspiel verarbeitet. Grehn hat bereits Die
Geschichte des Franz Biberkopf nach dem Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin vertont
und war damit 2006 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert. Mit seiner Inszenierung von
Atemschaukel hat Grehn erneut eine Nominierung für den Deutschen Hörbuchpreis für sich
verbuchen können, diesmal in der Kategorie ,Beste Fiktion'.

Grehn erzählt die Geschichte von Leopold Auberg, der mit 17 Jahren aus Rumänien in ein
sowjetisches Arbeitslager in der Ukraine verschleppt wird, aus zwei Perspektiven: Aus der Sicht des
jungen Leopold, gesprochen von dem Schauspieler Alexander Fehling (bekannt aus Kinofilmen wie
Goethe! und Inglourious Basterds) sowie aus der Perspektive des alten Leopold, 60 Jahre nach der
Haft, gesprochen von Regisseur und Schauspieler Vadim Glowna (bekannt aus Filmen wie Vier
Minuten). Einerseits vermittelt diese Teilung einen beruhigenden Grundoptimismus angesichts der
Tatsache, dass Leopold das Lager überleben wird. Anderseits zeigt diese doppelte Sicht auf das
Lager wie erschütternd dieses Ereignis für das Leben Leopolds war und dass es ihn niemals wird
loslassen können. Durch Sätze des alten Leopold, wie 'Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem
Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern', wird dem Hörer der endlose Schrecken des
Lagers bewusst.

Der Berliner Regisseur Grehn ist für die Umsetzung des Romans an die Originalschauplätze der
Geschichte gereist, um dort O-Töne aufzunehmen. Diese aufgezeichneten 'Stillen' sind
spartanisch, aber atmosphärisch in das Stück eingebettet. Sie dienen als 'Leerstellen für das
Unsagbare' und verstärken die wunderschöne, pointierte Trostlosigkeit noch, die von Herta Müllers
Sprachbildern, wie dem 'Hungerengel' und eben der 'Atemschaukel', ausgeht. Grehn sagt über die
Beschäftigung mit Herta Müllers Roman: 'Die Arbeit mit Atemschaukel war für mich beglückend
schön und schmerzhaft zugleich. Der Grund hierfür war in beiden Fällen derselbe ' die Poesie, die
Klarheit, die Dichte der Wörter, Sätze und Gedanken, die beiläufige Unausweichlichkeit, mit der sie
daherkommen und sich im Kopf einnisten und im Herzen auch'.

Jede einzelne Kürzung, so Grehn, sei für ihn qualvoll gewesen. Was für Grehn gilt, gilt ebenso für
den Hörer. Trotz der beeindruckend hohen Qualität und Intensität der Inszenierung, der Besetzung
und der Auswahl der Textpassagen, fehlt es dem Hörspiel insgesamt an Vollständigkeit. Wenn die
Jury des deutschen Hörbuchpreises die Nominierung des Hörspiels Atemschaukel damit begründet,
dass 'die Erzählung [...] trotz der Komprimierung des Materials nicht an Kraft verliert', dann
stimmt das. Aber die Kraft und die Emotion die in 88 Minuten anklingen, schreien nach einer
längeren Umsetzung. So ist der größte Makel des Hörspiels dessen Kürze. Das macht die
Produktion nicht weniger gelungen. Im Gegenteil: Der Wunsch, Atemschaukel weiter hören zu
wollen, spricht für das Stück. Die guten Dinge sind meist die, die zu früh enden.

Herta Müller. Atemschaukel. Das Hörspiel. 2 CD. 88 Min. Hörspiel Hamburg, 2010. Ca. 19,95 €.
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