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Kundenrezensionen

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am 4. Februar 2008
Clemens Meyer hat für seinen Erstling viel Anerkennung und einige Literaturpreise erhalten. Der Roman wird vor allem für seine Authentizität, die "Sprachgewalt" und den Umgang mit der Thematik gelobt.
In zeitlich wechselnden - und nicht immer leicht einzuordnenden - Episoden erzählt Meyer von den Leipziger Kumpels Daniel, Walter, Mark, Paul, Pitbull und Rico. Der Leser wird durch ihre Kindheit geführt, als die Jungen Pioniere waren, und erlebt sie später in der Adoleszenz oder als junge Erwachsene, rund um die Wendezeit. Daniel, Hauptfigur und Ich-Erzähler, verliebt sich als Grundschüler in die Klassenkameradin Kati, die jedoch in den Westen rübermacht; die spätere Flamme mit dem Kosenamen "Estrellita" wird ihn erst für den Chef einer konkurrierenden Bande verlassen und dann im Puff landen. Damit ist der romantische Teil des Buches weitgehend abgehakt.
Der Rest befasst sich mir Sauferei und Raucherei, mit Kämpfen, Knastaufenthalten, Tattoos, Fußball, Brüchen, Autodiebstählen und kleinen Betrügereien, den Rivalitäten zwischen den Banden und den Problemen mit Glatzen ("Reudnitzer Rechte") oder Zecken (Hausbesetzern). Es wird viel und äußerst hart geprügelt, noch viel mehr gesoffen und so gut wie pausenlos geraucht. Zwei der Freunde sterben, der eine an einer Überdosis und der andere bei einem Verkehrsunfall. Und mittendrin steht Daniel, der seine - an keiner Stelle formulierten - Hoffnungen längst aufgegeben hat, was für seine Vorbilder - allen voran Boxtalent Rico - ebenso gilt. Wenn in diesem Buch dem Titel entsprechend geträumt wird, dann bestenfalls in kleinem Maßstab. Einige einschneidende Ereignisse erzählt Meyer mehrfach, quasi in der Wunschfassung des Protagonisten und danach (vielleicht) als Realversion. Es sind mögliche Wendepunkte, aber der Spielraum ist klein. Über allem steht die Gewissheit, dass es sowieso nicht besser wird. Das Buch ist traurig und brutal; wenn es sanfte Zwischentöne gibt, befassen sich diese vor allem mit dem Verhältnis der Freunde, mit Imponiergehabe, Loyalität und Ehre. Die Erwachsenen, die in "Als wir träumten" auftreten, sind durch die Bank abgewrackte Säufer. Das Leipziger Viertel, in dem die Handlung spielt, ist trüb, schmutzig und vernachlässigt. Fast ein Kriegsgebiet.
Eine Milieustudie also - durchgängige Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, die Episoden - formal dicht an Kurzgeschichten - stehen in eher lockerer Verbindung, erzählen meistens Schlüsselerlebnisse, dienen aber keiner übergeordneten Dramaturgie im Sinne einer Entwicklung, die eben auch weitgehend fehlt. Was das Buch ausmacht, es besonders macht, sind die Authentizität und das direkte Miterleben - beides allerdings mit einer gewissen Zähigkeit einhergehend. Viele Kapitel drehen sich auf fast quälende Art um nahezu Belangloses, zudem generiert die zwar glaubwürdige, aber technisch einfache Erzählsprache eine Vielzahl von Wort- und Phrasenwiederholungen. Meyer benutzt einige Verben - wie blicken und laufen - in einer Ausschließlichkeit, die weit über Purismus hinausgeht. Das ist zweifelsohne der Glaubwürdigkeit geschuldet, hat stilistische Konsequenz, liest sich aber manchmal nicht gut. Oft wünscht man sich, das Kapitel wäre endlich vorbei, etwa wenn detailliert und in den immer gleichen Worten seitenlang von Ablagen und Stößen beim Billard erzählt wird. Die Spannung, die hohe atmosphärische Dichte, das Krisenhafte der Situation - es geht parallel um die Mitschuld am Tod eines der Freunde - werden allmählich von Langeweile niedergedrückt. An einigen derartigen Stellen war ich kurz davor, den Roman beiseite zu legen.
Überhaupt hätte "Als wir träumten" gut und gerne hundertfünfzig Seiten kürzer sein können. Dafür enden einige Episoden im Nichts, und der Leser wünscht sich bis zum Schluss, etwas über ihren Fortgang zu erfahren. Vergebens.
Trotzdem ist das ein einzigartiges und sehr bemerkenswertes Buch. Ein wichtiger, vielleicht sogar ein großer Roman, der schmerzt und wütend macht, aber leider nicht nur im vom Autor beabsichtigten Sinn. Clemens Meyer hat zwar die erzählerische Grundregel "Show, don't tell" fast bis zur Perfektion getrieben, aber die mit der hohen Authentizität einhergehenden Problematiken nicht ganz gemeistert. Empfehlenswert ist die Lektüre jedoch allemal. Aber, um ehrlich zu sein: Großes literarisches Vergnügen bereitet sie nicht.
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am 2. März 2006
Ein starkes Buch, obwohl ich das nach den ersten paar Seiten noch nicht vermutete: da schien erstmal nur „Milljöh“ zu sein, Genre, Kolorit, der Sound des wilden Ostens, „Leipzig von unten“, „Eastside Story“ mit absehbarem Niedergang, mit immer mehr Suff, Kriminalität und Knastologie, und das ohne den großen Bogen einer Oliver-Twist- oder sonstigen Story. Ich dachte, das ist es also, und das muss ich nicht unbedingt ganz lesen (518 Seiten!). Großer Irrtum, und ich las glücklicherweise weiter. Clemens Meyer schreibt schnörkellos und lakonisch, scheinbar ganz im Jargon der Jugendlichen, die er da durch die Wende- und Nachwendejahre begleitet, ist dabei aber ein scharfer Beobachter mit gutem Ohr. Ich fühlte mich immer mehr an amerikanische Erzähler erinnert, und insbesondere an Mark Twain und seinen Huckleberry Finn. Die Dialoge sind Klasse, sie entwickeln sich langsam und umweghaft wie im richtigen Leben und „stimmen“ derart, daß man immer mehr davon haben will. Drehbuchautoren (besonders vom Fernsehen) sollten sich das mal gut ansehen. Die Hauptsache ist aber, daß der Autor, der sich in seinem Erzählen so rau gibt, eine überzeugende Liebe zu seinen Figuren hat und dazu an den richtigen Stellen die sensible Sprache, um das rüberzubringen. Das Leben dieser Jugendlichen ist abenteuerlich trist, aber unverwüstlich hoffnungsvoll. Man möchte immer mehr darüber lesen, wie es mit ihnen weitergeht. Mir waren am Ende 518 Seiten zu wenig.
11 Kommentar| 68 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. August 2016
Einer meiner Lieblingsautoren, ist Clemens Meyer. Er schafft es auf imposante Weise meisterhaft mit Sprache umzugehen und dabei absolut tiefgründige Geschichten zu erzählen, die die Leser sprachlos zurücklassen. In „Als wir Träumten“ widmet er sich der Jugend in der Wendezeit in der DDR.

Clemens Meyer erzählt die Geschichte von einer Gruppe von Freunden, die im Leipzig der Wendezeit aufwachsen. Alle haben gemeinsam, dass sie durch die Wende, tiefgehende Veränderungen mitmachen und ihr Gleichgewicht verlieren. Sie kommen aus den unteren Schichten und gehören dem Milieu an, welches weder mit Geld, Arbeit oder Liebe gesegnet ist. Es geht um eine verlorene Jugend, die in einer Zeit voller Umbrüche aufwächst und orientierungslos zurückbleibt. Junge Menschen, die an sich Selbst zerbrechen und ihrer Wut Ausdruck verleihen.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive erzählt und bedient sich Elementen der Jugendsprache. Die Hauptperson ist der Erzähler, welcher sich durch das Leben boxt. Die Sprache ist aufwühlend und hart, genauso wie die Geschehnisse. Schon auf den ersten Seiten geht es richtig zur Sache. Man erfährt von Schlägereien, der ersten Liebe und Drogen. Zwischendurch gibt es dann auch Episoden aus der DDR Zeit, die die Erinnerungen an die Kindheit zeigen.

Der Autor wechselt in der Erzählung zwischen den verschiedenen Ereignissen und erzählt nicht chronologisch, sondern wild durcheinander. Das passt auch wunderbar zu der wilden Story. Er schafft es meisterlich diese zeitlich durchmischten Episoden, im Gesamtwerk miteinander zu verknüpfen. Als Leser bleibt man dabei manchmal kurz auf der Strecke oder versteht Zusammenhänge erst später. Trotzdem passt das wunderbar zum Buch. Wir begleiten die Jugendlichen beim Erwachsen werden zwischen Kriminalität, Gewalt und dem Abstieg. Es ist eine düstere Geschichte, in der immer die Hoffnung mitschwingt, dass es irgendwann besser wird. Stattdessen wird es immer nur schlimmer. Man fragt sich unweigerlich, was der Autor von diesen Geschichten tatsächlich wohl miterlebt hat, denn so intensiv darüber zu schreiben, wie das hier der Fall ist, ist wohl fast unmöglich ohne Erfahrungswerte. Tatsächlich ist er sogar zu der beschriebenen Zeit in Leipzig aufgewachsen. Meyer zeichnet die Charaktere tief und genau. Er baut die Story bis ins winzigste Detail aus und zeigt die vielen Facetten seiner Geschichte. Wir erfahren nicht nur die Geschichte des Ich-Erzählers, sondern bekommen auch tiefe Einblicke in die Leben seiner Freunde und allen damit verbundenen Menschen. An manchen Stellen ist es fast ein bisschen zu viel des Guten, denn es kommt wieder der selbe Hass oder die selbe Gewalt, nur in anderer Form.

Meyer schafft es nicht nur authentische Figuren zu zeichnen, sondern lässt sie auch abseits von Stereotypen leben. Gut und Böse verschwimmen. Die perspektivlosen Jugendlichen sind getrieben vom Leben und machen sich keinen großen Kopf um Moral oder Zukunft. Die Zukunft haben sie sowieso schon abgeschrieben. Die Realität ist beeinträchtigt vom Rausch. Hin und wieder korrigiert das erzählende Ich, die Version seiner Geschichte, so dass man manchmal nicht mehr weiß, welche Version nun die Richtige war.

Es gibt sie leider überall versteckt im echten Leben, diese Geschichten ohne Happy End, die Jugendlichen ohne Perspektive, welche allein am Rand der Gesellschaft leben, sich selbst und der Zerstörung überlassen. Clemens Meyer zeigt, wie schnell und rasant der Weg immer weiter abwärts führt, in die Spirale aus Hass, Zerstörung, Drogen, Gewalt und Tod.
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Meyers Romandebüt ist die ostdeutsche Antwort auf "Trainspotting" - rotzig, rauh, vulgär, desillusionierend, ein Buch voll von schmutzigem Sex, von Gewalt und Kriminalität. Und ein Buch, das einen hineinsaugt und erst auf Seite 518 wieder ausspuckt. Ein Panoptikum Leipziger Looser, das wehtut und fasziniert, denn Meyer zeichnet seine Figuren genau, quälend genau. Erzählt wird nichtchronologisch von den vergeblichen Versuchen der Protagonisten, ihren Platz im Leben zu finden. Meyer lässt sie alle scheitern, manche gar krepieren; sie zerbrechen an Alkohol, Drogen, an elterlicher Gewalt und den Rivalitäten diverser unterschiedlich orientierter Gangs. In der Bronx kann es nicht katastrophaler zugehen.

Held und Ich-Erzähler Daniel Lenz, von allen nur Danie genannt (der Nachname taucht nur zweimal auf, in Episoden aus der Schulzeit), streift mit dem Leser rastlos durch illegale Clubs, versiffte Kneipen, Puffs, Knast, Abrissviertel und Swinger-Clubs. Dass er den Leser dabei gelegentlich auf die falsche Fährte führt, wird offensichtlich, wenn er etwa den Unfalltod eines Freundes in drei aufeinanderfolgenden Versionen erzählt oder auch sonst gelegentlich verschiedene Blicke auf ein und dieselbe Handlung wirft. Dabei bleibt unklar, was tatsächlich passiert ist und wo Danie flunkert und aufträgt. Denn dass seine Helden stets dick auftragen, um Helden zu sein und sich gegen die zu behaupten, die noch dicker auftragen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Und wenn das Glück schon nicht kommen mag, wird es eben herbeigeträumt.

Der Roman beginnt, wollen wir das Geschehen zeitlich sortieren, als die DDR in den letzten Zügen liegt, und wirft Schlaglichter auf eine eigenartige Zeit totgelaufener Rituale und der mumifizierter Worthülsen, die jedem "gelernten DDR-Bürger" nur zu gut in Erinnerung sein dürften, auf eine Katastrophenschutzübung in der Schule etwa samt parteipolitischem Brimborium und Floskelgestelze oder auf die grotesk naive Teilnahme der Jungs an einer der Montags-Demos.

"Als wir träumten" - das bedeutet auch: als die Protagonisten von Drogen und Alkohol umnebelt durch ihr Leben und immer tiefer in den Dreck hinein gezogen werden. Eindrücklich ist beispielsweise die Schilderung eines der ersten Brüche von Danie und Mark, der in sinnloser Zerstörungswut endet oder die Berichte von den "selbstlosen" Hilfsaktionen bei der massenhaft Grog und Apfelschnaps trinkenden, nahezu blinden Frau Böhme, um die sich gleich mehrere Gangs prügeln, weil es dort Geld zu klauen gibt ("Hier ist besetzt, is nicht euer Revier, is unsere Alte.").

Dem Leser wird bei dieser atemlosen Innenschau nichts geschenkt. Und doch verfällt Meyer nicht in die weit verbreitete Larmoyanz so manches anderen Ostdeutschen, früher sei alles besser gewesen, denn er zeigt, dass das Scheitern der Akteure sein Wurzelwerk tief in der DDR-Vergangenheit hat. Dass der Ich-Erzähler manche DDR-Interna selbstverständlich voraussetzt und nicht mit dem Kniff oberlehrerhaften Herausgebertums in Fußnoten erklärt, wie es weiland Ingo Schulze getan hat, macht es einem Leser, der den Osten der Republik nicht kannte, vermutlich schwer. Doch seis drum: "Als wir träumten" will kein Geschichtsbuch sein, sondern ein rastloser Abriss der Zeit, als Danie und die anderen träumten von ihrem kleinen Glück und sich auch glaubten.

Aufregende Literatur präsentiert immer auch das Unerwartete, und Meyer schafft es, aus diesem Unerwarteten das Komische herauszuarbeiten. So beschreibt er, wie ausgerechnet die "hundertdreißigprozentige" Gruppenratsvorsitzende aus der DDR ausreist oder wie Danie beim Ableisten von Sozialstunden nach der Wende den Parteisekretär der Schule als ABMler wiedertrifft.

Es ist ein großer Verdienst des Autors, dass der sezierende Millieublick keine Karrikaturen oder Abziehbilder fokussiert, sondern dass er seine Protagonisten stets ernst nimmt. Völlig zu Recht war er für den Preis der Leipziger Buchmesse 2006 nominiert. Für ein unglaubliches, ein trauriges, ein komisches Buch.
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am 9. November 2014
Meyer erzählt in seinem großen Erstlingswerk einfühlsam und tiefenscharf von Leipzig, seinen Protagonisten und Charakteren und ihren Familienhintergünden und Sehnsüchten. Allein, wer nach dem letzten Kapitel noch einmal den Anfang liest, muss staunen ob der großartigen (versteckten) Komposition. Danke für den Lektüregenuss, dem man sich nicht entziehen kann und der einem andauernd eine Selbstpositionierung abverlangt.
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am 3. Februar 2009
Meyer beschreibt ein Szenario, das betroffen und Angst zugleich macht. Seine (autobiografische??) Geschichte spielt im Leipzig vor und nach der Wende und beschreibt die Orientierungslosigkeit einer Jugend ohne Hoffnung, wie sie sich in dieser Form wohl auch in westdeutschen Problemgebieten abspielt. Die schnelle Wende fordert Anpassungsfaehigkeit (und Adaption westlicher Werte), und laesst keine Zeit, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Eltern sind mit der neuen Situation voellig ueberfordert und nicht in der Lage, ihren Kindern Werte und Handlungsmuster zu vermitteln, die ein "menschenwuerdiges" Leben ermoeglichen. Das Resutat ist eine Subkultur, die mit Alkohol, Dogen und Gewalt dem Leben einen Inhalt zu entreissen sucht und dabei scheitert. Meyers Sprache ist lebendig, sein Stil aussergewoehnlich, der Inhalt fesselnd und schockierend zugleich. Betroffenheit beim Leser ist die Folge und wir muessen uns aufs Neue die Frage stellen, ob der Preis fuer die Wiedervereinigung nicht deutlich zu hoch war ... zumindest fuer den Osten ...
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am 5. April 2007
Clemens Meyer hat mich nicht restlos überzeugt. Seine seitenweisen Ergüsse über Fußball, Gewalt und Alkohol sind nicht immer von der Dichte, die einen knapp 500 Seiten lang an der Stange halten. Leider. Denn ambitioniert ist das Buch, gerade weil es die Banalität des tristen Alltags thematisiert und zeigt, dass dieser oft das größte Drama ist, das man sich vorstellen kann. Für schnelle und engagierte Leser ist das Buch sicher ein Gewinn. Für langsame Leser wie mich bedeutet es einen kleinen Kampf, den man aber mit etwas gutem Willen gewinnen kann.
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am 31. August 2012
Ich habe das Buch von Kennern empfohlen bekommen - und bin mit entsprechend großen Erwartungen eingestiegen. Es liest sich insgesamt sehr gut. Was mich persönlich jedoch enttäuschte war das praktische Fehlen eines "Spannungsbogens". Ungefähr in der Hälfte, spätestens vor dem letzten Drittel dämmert einem: mit Überraschungen oder der Aufklärung der gemachten Andeutungen ist hier nicht mehr zu rechnen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt machte mir das lesen keinen Spaß mehr - die Aneinanderreihung von Sauf-, Prügel-, Kotz-, Drogen- und Knastgeschichten und die paar Ausschnitte aus dem DDR-/ Wendealltag langweilten nur noch. Insgesamt also das Prädikat: gut lesbar, aber kein großer Wurf.
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am 6. Dezember 2011
Ich hatte Schwierigkeiten in dieses Buch hineinzufinden, kann aber nur jedem raten durchzuhalten. Es lohnt sich.
Eine Gruppe von Jugendlichen zur Wendezeit in Leipzig. Plattenbauten, Alkohol, Rechte Gangs, Linke, Schlägereien, Autos knacken und Ladendiebstahl. Zerrüttete Familien mit prügelnden Vätern und Arbeitslosigkeit. Hier ist das Leben kein Idyll und ein Ponyhof schon mal gar nicht. Die Jungs, und Mädchen, geben sich gegenseitig halt, sind mehr Familie als die Familien selbst, auf ihre Weise. Imponiergehabe, Angeberei und all das Getue, das nötig scheint um in der Gruppe gut dazustehen, oder wenigstens nicht als Weichei zu gelten, werden da nicht ausgeklammert. Freundschaft und für einander einstehen sind ein zentrales Element. Aber das unter großem Druck und schlichter Angst das Ideal des Einer für Alle, Alle für Einen" nicht immer aufgeht wird schmerzhaft klar. Geträumt wird hier nur vom irgendwie raus hier" und was anderes machen". Kleine Träume aber auch große Sehnsucht nach Geborgenheit und Zärtlichkeit, die die Realität erträglicher machen (könnten).
Clemens Meyer erzählt mit großer Ehrlichkeit und Leidenschaft die Geschichte(n) einer Jugend. Das tut er nicht chronologisch, sondern die einzelnen Episoden springen in der Zeit und zwischen Personen hin und her. Das ist spannend und beleuchtet einige Begebenheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. In ihrer Gesamtheit ergeben die Geschichten ein großes Ganzes.
Meyer hat der Geschichte die Stimme seines Protagonisten gegeben und das großartig. Hier wird nicht in Soziologen Deutsch analysiert, sondern die Dinge werden beim Namen genannt. Der Jargon hört sich richtig an. Es passt einfach wie hier gesprochen wird. Die ganze Geschichte hat einfach den richtigen Klang um glaubwürdig zu sein. Es wird uns gezeigt was passiert, große Erklärungen bekommen wir nicht.
Einige wenige Rückblenden in die frühe Jugend zu DDR Zeiten zeigen wie die strenge Ordnung zwar Halt gegeben (erzwungen) haben mag, aber auch welchen Druck sie erzeugt haben muss. Im krassen Gegensatz dazu das Leben in der Nachwendezeit, wo plötzlich alles möglich scheint, aber wo sich Orientierungslosigkeit breit macht und die Sehnsucht nach einem besseren Leben sich für viele nicht erfüllt. Aufgefangen wird hier keiner.
Die Geschichte(n) fesseln und die Charaktere wachsen einem ans Herz. Keine geringe erzählerische Leistung, denn die netten Jungs und Mädels von nebenan sind in dieser Nachbarschaft nicht zu Hause. Unbedingt lesen, deutsche Literatur die mich endlich mal wieder überzeugt hat.
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TOP 1000 REZENSENTam 24. Dezember 2006
Fünf Jungs in Leipzigs wildem Osten, erst ist es DDR, dann kommt die Wende. Aber die fünf interessiert Politik nicht, viel eher als Redefreiheit wünschen sie sich, dass Chemie Leipzig in die Bundesliga kommt. Doch dieser Traum zerplatzt wie so viele andere in diesem Viertel mit verfallenden Häusern, Trinkern und heruntergekommenen Straßen. Schon zu DDR Zeiten war hier soziales Abseits und daran ändert auch die neue Freiheit nichts.

Sie wachsen auf in einem Milieu, in dem Männer rauchen, trinken und große Sprüche machen und natürlich orientieren sie sich daran. Da ist Rico, ein Boxtalent, der beinahe Leipzigs Champion wird, aber als er zum ersten Mal einen Kampf vergeigt, hängt er die Boxhandschuhe an den Nagel. Da ist Walter, der die große neue Freiheit nutzt, um Autos zu knacken und Paul, den sie den Pornokönig nennen und alle zusammen sind sie Meister darin, in den zahlreichen neuen Läden Alk zu klauen.

Danie, eigentlich Daniel, der Ich-Erzähler, schildert, wie die fünf erwachsen werden. Das heißt, eigentlich werden sie eben nicht erwachsen, wir ahnen schnell, dass es nicht gut gehen wird und dass einer sein Halstuch der jungen Pioniere verbrennt, ist zwar das erste Mal, dass sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen, aber beileibe nicht das letzte Mal.

Eine vorhersehbare Talfahrt und haben wir das nicht schon so oft gelesen? Kennen wir dieses Milieu nicht längst? Doch Clemens Meyer lässt uns einen ganz neuen Blick darauf werfen. Er hat keine Angst vor alten Klischees, er markiert weder den Macho, heroisiert die fünf nicht, macht auch nicht auf Sozialromantik oder Anklage und schon gar nicht suhlt er sich in "arm, aber ehrlich"'-Vorstellungen, wie es Monsieur Ibrahim und all die anderen süßlichen Kitschproduzenten vormachen, in den Huren ein goldenes Herz und alle alle lieb haben.

Hier hat niemand jemand lieb. Hier will jeder kämpfen und träumt vom großen Glück, hat aber keine Vorstellungen, wie er es erreichen könnte. Für "'Folge deinen Träumen"'-Gesülze ist dies das falsche Buch.

Dafür ist es gut. Sagte ich schon, dass Clemens Meyer keine Angst vor Klischees hat? Er erzählt seine Geschichte, bricht sie in zahlreiche Szenen auf, lässt sie nicht chronologisch marschieren und trotzdem ist da ein roter Faden, eine Geschichte, eine Komposition, so gut, dass man sie gar nicht spürt. Der Autor hat auch keine Angst vor Personen, lässt die fünf und alle die anderen, Glatzen wie Zecken, Kneiper wie Lehrer vor uns erstehen und tanzt über dem verminten Gelände voller Klischees auf einem Drahtseil mit seinen Worten, dass dem Leser die Luft wegbleibt. Nicht nur einmal denkt man, jetzt, jetzt wird er abstürzen, direkt im Klischee landen, aber nein, es war nur ein Trick, er wollte uns in Spannung halten, in Wirklichkeit stolpert er nie, zu gut beherrscht er seine Tanzschritte.

Und seine Szenen! Egal, ob dramatischer Todesfall oder einfach nur Saufgelage und Rumhängen, er beschreibt die Szenen so gekonnt, kann die Stimmung einfangen, verliert sich nicht in verspielten Details, die literarisch sein wollen, dafür sitzen aber seine Bilder wie seine Worte nicht ungefähr, sondern genau.

Manch einer mag die Vorankündigung des Buches wie ich skeptisch betrachtet haben, aber die Skepsis verfliegt schnell. Hier ist ein Buch über die Wende, das endlich mal nicht der große Wenderoman sein will und den Leser mit geschwollenen Worten zudröhnt, offensichtlich formuliert, um damit Eindruck zu schinden. Meyer schindet keinen Eindruck, er braucht es nicht, weil er einfach seinen Figuren und deren Geschichte folgt. Und wir Leser folgen ihm hinein ins verfallende Leipzig der untergegangenen DDR-Chemie.

Dafür wird man nie gelangweilt. Erstaunlich wie es ein Erstling schafft, über fünfhundert Seiten seine Leser so zu fesseln, dass selbst altgediente Thrillerautoren vor Neid erblassen. Ein wenig Stephen King (Stand by me), ein wenig Bukowski, in den absurden Szenen auch ein wenig John Irving, vor allem aber Clemens Meyer, der mit kaum glaublicher Leichtigkeit einen schweren Stoff erzählt. Einen Roman von dieser Dichte habe ich dieses Jahr nicht gelesen.

(C) Hans Peter Roentgen
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