find Hier klicken Jetzt informieren PR CR0917 Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More TDZ Hier klicken HI_PROJECT Mehr dazu Hier Klicken Shop Kindle Unlimited AmazonMusicUnlimited Fußball longSSs17

Kundenrezensionen

4,5 von 5 Sternen
31
4,5 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:9,95 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 11. März 2017
W.G. Sebald war 1944 im Allgäu geboren und lebte seit 1970 im englischen Norwich, wo er als Dozent für neuere deutsche Literatur an der Uni lehrte. 2001 starb er bei einem Autounfall.

Der Roman „Austerlitz“ handelt von der mehrfachen Begegnung des Ich-Erzählers mit Jacques Austerlitz. Das erste Mal trifft er diesen rätselhaften Eigenbrötler in einer dunklen Bahnhofshalle, wobei der Fremde ihm entfesselt aus seinem Leben und Denken berichtet. Nach und nach entrollt sich in den zufälligen Treffen der beiden das Leben Austerlitzens in einer atemlosen, gleichwohl vollkommenen Sprache, die keine Absätze kennt und die Lektüre dadurch etwas schwierig macht, dadurch aber das Getriebene im Wesen des schwermütigen Wanderers deutlich macht: Austerlitz lebt seit vielen Jahren in London, war aber als jüdisches Flüchtlingskind in den vierziger Jahren nach Wales gekommen und bei einem Prediger und dessen Frau in lieblosen Verhältnissen aufgewachsen. Die letzte Begegnung der beiden findet in Paris statt, Austerlitz ist auf der Suche nach seinen Ursprüngen bereits der Mutter nachgereist, jetzt wird er von der Gare d’ Austerlitz zur Suche nach seinem Vater aufbrechen, der offenbar 1942 im südwestfranzösischen Camp de Gurs interniert gewesen sei. Und so findet sich bereits im Namen des Fremden jene Ruhelosigkeit und Aufbruchstimmung, die Bahnhöfen eignet.

‚Austerlitz’ handelt von der Heimatlosigkeit und dem Entwurzeltsein, angesichts gegenwärtig so vieler Flüchtlinge ein leider sehr aktueller und auch wegen der wundervollen Sprache sehr lesenswerter Roman. (11.03.17)
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 13. August 2015
Der Name des rätselhaften Fremden, den der Erzähler immer wieder in verschiedenen Städten Europas scheinbar zufällig trifft, ist Jacques Austerlitz. Nach und nach enthüllt sich dessen Lebensgeschichte, der in London lebt. Austerlitz ist aber kein Engländer, sondern ist als jüdisches Flüchtlingskind nach Wales in eine Pflegefamilie gekommen. Er wächst bei einem Prediger und dessen Frau heran und erfährt erst Jahre später seine wahre Herkunft, die erklärt, warum Austerlitz sich immer als Fremder unter Menschen fühlt.

Mit Austerlitz hat der bei einem Autounfall verstorbene W. G. Sebald einen sehr außergewöhnlichen Roman geschaffen. Der Leser begleitet Austerlitz auf seiner Suche nach seiner Herkunft quer durch Europa und dessen jüngeren Geschichte. Eine wichtige Rolle im Roman nehmen immer wieder Bauwerke und deren Architektur wie Bahnhöfe, Festungen oder Bibliotheken ein, die sehr detailreich und ausufernd beschrieben werden. Diese Bauwerke rufen bei Austerlitz Gefühle hervor und lassen ihn nach dem Kontext ihrer Entstehungsgeschichte fragen. An verschiedenen Stellen sind Fotografien abgedruckt, die wunderbar die oft melancholische Stimmung einfangen und sich gut in den Text einfügen. Im Mittelpunkt steht aber die Figur von Jaques Austerlitz, die zunächst einen sehr rätselhaften Eindruck macht. Von einem calvinistischen Prediger erzogen, arbeitete er später als Kunsthistoriker in London. Dabei scheint er mit seiner eigentümlichen Kleidung und seiner kultivierten Art aus der Zeit gefallen zu sein. Immer wieder sind es verschiedene Orte, die seine Erinnerung beflügeln und ihn dazu ermutigen, sich auf die Suche nach seiner Herkunft und Identität zu machen.

Neben der außergewöhnlichen Geschichte ist es aber auch die Sprache, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Es wird aus einer scheinbar seltsamen Perspektive erzählt: Ein namenloser Ich-Erzähler gibt in indirekter Rede das Gesprochene von Austerlitz wider. Die Sätze sind häufig eine halbe Seite oder länger und erschließen sich nicht immer beim ersten Lesen. Die gewählte Sprache ist ruhig und rhythmisch. Die detailreichen Beschreibungen der Bauwerke lassen diese vor dem inneren Auge lebendig werden. All das macht es dem Leser nicht immer einfach, dem Geschehen und den Darstellungen zu folgen und erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Wer sich nicht auf die Geschichte und den Stil einlässt, wird nur wenig Freude an diesem Buch haben.

Sebalds Austerlitz gilt zu Recht als moderner Klassiker. Ich kenne nur wenige deutsche Autoren, die so virtuos und schön schreiben können und dabei auch eine spannende Geschichte quer durch Europa erzählen. Interessierten kann ich nur empfehlen, sich Zeit zu nehmen und sich auf die Herausforderung einzulassen, die dieses Buch an sie stellt. Es lohnt sich!
0Kommentar| 4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 3. November 2013
Ein Buch wie ein Fieberwahn. Ellenlange Satzgespinste erzählen vom Fluch des Vergessens und brennend zurückkehrender Erinnerungen. Jaques Austerlitz weiß nichts mehr über seine Kindheit, lediglich dass er als Pflegekind aufgenommen wurde. Das Leben der Wissenschaft gewidmet, an Stelle des Wissens über sich selbst ("kompensatorisches Gedächtnis"). Austerlitz als Rastloser, Suchender, er weiß nur nicht, nach was.

Dabei ist die Perspektive völlig seltsam: Aus dem Blickwinkel eines namenlosen Ich-Erzählers, der das von Austerlitz Gesprochene in indirekter Rede wiedergibt. Anfangs ist dies am stärksten ausgeprägt, so dass eine Unschärfe zwischen Erzähler und Austerlitz entsteht (und mir auf den Keks geht). Später lässt das nach, der Text wird als Gedanken- und Redefluss zugänglicher. Sebald hat damit eine neue Erzählgattung begründet ("Modus der stellvertretenden Zeugenschaft, der Autor tritt zurück und lässt den Zeugen für sich selbst zeugen, der Erzähler fungiert nur als Medium" Irene Heisenberger-Leonhard).

Diejenigen, die zum Thema keinen Bezug haben, empfinden vielleicht die Rede in der Rede als aufgesetzt ("Germanistenprosa"). Meiner Meinung nach können Gefühle jedoch so stark sein, dass sie, wie hier, einen Puffer benötigen. Können Sie nachvollziehen, haben Sie einen Verlust und die Wucht wiederkehrender Erinnerungen erlebt? Eventuell gibt es vorher eine Sensibilität, bruchstückhafte Details, dann vielleicht einen Schlüsselreiz, einen Auslöser. Die Erinnerung erscheint: Das soeben noch als Realität gewusste verändert sich, neue Perspektiven tauchen auf, der Boden unter den Füßen wankt. Steht man seiner Vergangenheit unmittelbar gegenüber sind das extrem starke Gefühle, es gibt keine stärkeren Mechanismen als die in der Kindheit verlorenen Dinge (Lacan: objects petit: der unstillbare Wunsch, einen verlorenen Teil der Existenz wieder zu bekommen).

Oft werden monumentale Bauwerke mit besonderen, abgründigen Eigenschaften beschrieben. Eine Verteidigungsanlage, ein riesiger Jusitzpalast, immer wieder große Bahnhöfe. Die Gebäude besitzen abgelegene, unzugängliche Kammern - Synonyme für seine verdrängten Erinnerungen - es finden sich diverse Aspekte der Tiefenpsychologie im Buch. Zeitlinien erscheinen häufig verbogen bis umgekehrt, für Austerlitz scheint es, dass Vergangenes an den abgelegenen Orten noch existiert "es war, als sei hier die Zeit, die sonst doch unwiderruflich verrinnt, stehengeblieben, als lägen die Jahre, die wir hinter uns gebracht haben, noch in der Zukunft."

Visionen quälen ihn: Etwas ist dabei, an die Oberfläche zu drängen "für mich aber war es zu jener Zeit, als kehrten die Toten aus ihrer Abwesenheit zurück und erfüllten das Zwielicht um mich her." Schließlich die erste Erinnerung "ich erinnerte mich zum erstenmal, soweit ich zurückdenken konnte, an mich selber in dem Augenblick, in dem ich begriff, dass es in diesem Wartesaal gewesen sein musste, das ich in England angelangt war vor mehr als einem halben Jahrhundert. Der Zustand in den ich darüber geriet, weiß ich wie so vieles nicht genau zu beschreiben; es war ein Reißen, das ich in mir verspürte..." Nach immer wiederkehrenden Halluzinationen ein Zusammenbruch und zunächst Stillstand. Erst danach in der Zeit der Besserung gelangt Austerlitz ganz zufällig an Informationen, die ihn selbst als Kind widerspiegeln, ihn trifft der Blitz seiner Identität (kein Spoiler), er unternimmt eine Reise, die Reise in seine Vergangenheit. Auch hier ist nicht wirklich Frieden zu finden, immerhin jedoch seine Identität.

Kann ein Buch, das derart viel Verfall und Nemesis in sich trägt schön sein?! JA! Denn die alte Welt (Herrschaftsordnungen, Bauwerke, seine Pflegeeltern etc.) muss erst vergehen, damit die Erinnerung, sein Leben! wieder an die Oberfläche durchbrechen kann. Diese liebevoll gezeichneten Details: das geflutete Dorf, das Nachglimmen der Motte im Auge des Betrachters, Papageien in Cornwall, diverse fotografische Assoziationen, Wahrnehmungsverschiebungen - geschrieben in einer schönen Sprache wie ich sie (vielleicht außerhalb von mir nicht zugänglicher Lyrik) ganz selten finde.

Das ist Literatur von großer Kraft und Schönheit - Verdrängungsmechanismen und die Wiederkehr verschütteter Emotionen. Der Text gehört für mich zu den zeitlosen Sternstunden der Literatur - dreidimensional und intensiv! Wer sich für den Stoff interessiert und bereit ist, über ein paar Textschwurbeln hinweg zu lesen: Empfehlung!

Weiterführende Literatur: Öhlschläger: Beschädigtes Leben. Erzählte Risse., Schütte: W. G. Sebald: Einführung in Leben und Werk, Richter: Die Ästhetik und Poetik der Erinnerung in W.G. Sebalds Roman Austerlitz, Lazaj: Erinnerungsstrukturen in W. G. Sebalds "Austerlitz", Mosbach: Figurationen der Katastrophe. Ästhetische Verfahren in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn und Austerlitz
0Kommentar| 4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 11. März 2014
W. G. Sebald gilt gerade im Ausland als einer der besten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Irgendwann beschloss ich, ihn endlich zu lesen, und wählte dafür diesen Roman. Nun stehe ich jedoch vor einem Rätsel. Wie soll man dieses seltsame Buch bewerten?
Ich tat mich lange schwer. Begeistert haben mich die dichten, eigentümlichen Schilderungen, die wirklich feine Sprache Sebalds. So etwas liest man wahrlich nicht oft. Doch genauso zäh war es leider mitunter. Die eigentliche Geschichte gerät teilweise stark in den Hintergrund, dafür erfährt man, salopp gesagt, vieles über irgendwelche Gebäude und Uhren. Erst zum Ende greift die Dramaturgie und man bekommt endlich mehr Informationen über den unter einem Unstern stehenden Austerlitz.

Mir kam es beim Lesen ehrlich gesagt so vor, als wäre ich auf einen Hype hereingefallen. Sicher, das Buch möchte gar nicht unterhalten, aber ein wenig mehr Erzählfluss wäre nicht schlecht gewesen. Zudem ist mir Wochen nach dem Lesen nicht mehr viel von dieser Geschichte geblieben. Schade. Da hat mir ein John Burnside, der eine ähnliche dichte, ausgefeilte Sprache hat, besser gefallen.
66 Kommentare| 9 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 23. Februar 2009
Ein Buch, das nicht einfach zu lesen ist und dennoch - ein sehr gutes Buch!
Nicht einfach zu lesen, weil der Autor ellenlange Sätze hintereinander reiht, wobei ihm dies nicht ganz so souverän gelingt, wie z.B. Thomas Mann. Auch deshalb nicht einfach, weil diese langen Sätze ineinander fließen, ohne durch Kapitel unterbrochen, oder gar strukturiert zu werden. Schließlich nicht einfach, weil das Thema dieses Buches das düsterste Kapitel deutscher Geschichte beschreibt.
Ein gutes Buch, welches einen Ehrenplatz in meinem Bücherschrank erhalten wird. Gut, weil es einen Erzählrhythmus hat, der einen wie ein Malstrom in die Geschichte hineinzieht. Gut, weil der Autor unglaublich gebildet ist und diese Bildung mühelos an seine Leser weiter gibt. Gut, weil die Geschichte sehr kreativ aufbereitet wird, mit die Geschichte illustrierenden Schwarz-Weiss Photos. Und gut, zum Schluss, weil das Sujet sehr gelungen gewählt wurde. Nichts schildert das Unmenschliche des Nazi-Regimes besser als Biografien, in die sich der Leser hinein versetzen kann, die ihn fragen lassen "Warum?" und Wie konnte man nur?". Ein besonderer Dank gebührt dem Hanser-Verlag, der das Werk in einer sehr gelungenen Edition präsentiert. Allein das Titelphoto auf dem Einband wird man nach der Lektüre des Romans so schnell nicht vergessen.
0Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 1. April 2007
Ein nicht näher vorgestellter Erzähler trifft bei seinen architekturgeschichtlichen Streifzügen durch die Städte Mitteleuropas auf den etwas älteren Austerlitz, einen universal gebildeten sehr zurückhaltenden Menschen, mit dem sich über große Zeiträume hinweg eine intensive, zuerst sachliche, später persönliche Konversation ergibt. Man erfährt, dass der kleine Austerlitz als ein Waisenkind zunähst unbekannter Herkunft im Haushalt eines Geistlichen aufwuchs, dass er zur Schule ging, dass er dort Freunde und Gefährten traf, eine Leidenschaft für Kunst und Kultur und entwickelte und mit seinen herausragenden Begabungen zu den schönsten Hoffnungen berechtigte - wäre da nicht die Grundstimmung einer trübsinnigen Gemütsart, die dem heranwachsenden Austerlitz alle Freuden des Lebens gründlich vergällte. Schließlich kam es sogar zu einer manifesten Persönlichkeitskrise, in deren Verlauf dem Literateten und Bücherfreund Austerlitz zuerst das Schreiben und dann das Lesen entglitt, bis er von permanenter Schlaflosigkeit gepeinigt, Nacht für Nacht durch London lief, ohne zu wissen, was er eigentlich suchte. In einem dunklen Londoner Bahnhof steht er plötzlich einem fünfjährigen Waisen und zwei verhärmte Erwachsenen gegenüber und erkennt in dieser Halluzination urplötzlich die Szene seine Abkunft in London vor mehr als einem halben Jahrhundert. Doch woher kam er? Auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit beginnt Austerlitz alle Barrieren der Verdrängung beiseite zu schieben und aus dem Fundus einer sich immer weiter erschließenden Erinnerung seinen Werdegang zu rekonstruieren. Es stellt sich heraus, dass der kleine Austerlitz aus Prag stammt und dass er von seiner jüdischen Mutter im letzten Augenblick vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten im Jahre 1939 zusammen mit anderen jüdischen Kindern nach Großbritannien verschickt wurde. Einmal auf der Fährte seiner Herkunft gesetzt, forscht Austerlitz weiter, reist nach Prag, ermittelt den Wohnort seiner Kindheit, trifft seine Kinderfrau wieder und erfährt von der Verschickung seiner Mutter erst nach Theresienstadt, dann in eines der Vernichtungslager Osteuropas.

Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, die in einer ungewöhnlichen Erzählkonstruktion vor dem Leser ausgebreitet wird, aber noch viel ungewöhnlicher um nicht zu sagen: einzigartig, ist die Sprache, in der dies geschieht. Sebald ist ein Stilist allerhöchsten Grades, ein Sprachsinfoniker, dessen literarisch ausgefeilte Girlandensätze nicht nur eine ungemeine Prägnanz sondern einen fast musikalischen Rhythmus beisitzen. Ganz egal, ob die Sätze eine halbe oder dreiviertel Seite lang sind, ganz egal ob der ersten Absatz nach 173 Seiten kommt. ob das Dach eines Bahnhofs, die Fortifikation einer Festung oder der Tod einer Motte beschrieben wird, immer empfindet man Sebald Sprache als ein ungemein wirksames Mittel zur Aufschließung der Welt, als einen Wahrnehmungsverstärker und ein Medium der moralischen Sensibilisierung zugleich, mit des Sebald gelingt, Nuancen vorzuführen, wie man sie so noch nie gelesen hat. Aber Sebalds Ambition geht noch weit über die Gestaltung solcher literarischer Meisterminiaturen hinaus: Sebalds Thema ist die Erinnerung, genauer gesagt: ist die Rekonstruktion der Gegenwart aus der Erinnerung, einer Erinnerung, die sich nach noch unbekannten Regeln mal verschließt und mal öffnet und zusammen mit Einbildungskraft den Menschen zu dem macht, was er ist. Dabei waltet über allem Rekonstruierten die düstere Stimmung einer allgemeinen Sinnlosigkeit, von der man sich fast anstecken lassen könnte, wenn man liest, dass der Autor kurz nach der Vollendung dieses Meisterwerkes bei einem Verkehrsunfall zu Tode kam. Ein verstörendes Werk, das dem Leser ganz neue Horizonte der Literatur eröffnet.
0Kommentar| 39 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. Februar 2001
Was die kommende E-Literatur verbergen könnte, das hat bisher noch jedes Buch schon eingangs verraten: seinen Umfang. Durch eingestreute Fotos verraten Bücher von Sebald noch mehr, sofern man sie voreilig durchblättert. Sebald entwickelt aus einer Fülle von detektivisch Gesuchtem und traumwandlerisch Gefundenem eine geheimnisvolle Gestalt (mit Zügen von Ludwig Wittgenstein). Einen, der seine verborgene Herkunft aufdecken will - erst wie träumend, dann wie erwachend, dem Geheimnis mal näher, mal ferner. Einen, der im Nazi-Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" den Schatten seiner Mutter zu finden glaubt. In Paris den Vater: in einer wunderbaren Szene erleuchtet den Leser wie im Traum ein "endlich fügt sich alles!" Oder ist es umgekehrt? Der Leser ist wie erwacht, aber Austerlitz - so heißt der Held - Austerlitz träumt tiefer als zuvor. Mit welcher Fülle von historischen Details und Beobachtungen macht Sebald die großen Bahnhöfe in London und Paris zu Traumgebilden! Er scheint nichts zu erfinden; das Finden hat er allerdings neu erfunden. Mögen sonst Autoren über ein Fundbüro gebieten - Sebald ist von anderem Zuschnitt. Wenn auch aus der Überfülle wird manchmal etwas wie eine "erdrückende Beweislast" wird. Vielleicht wird ein zukünftiger Autor uns Lesern den Beleg zu jeder Behauptung direkt aus dem Britischen Museum und anderswoher zugleich verbergen und per Mausklick zugänglich machen.
0Kommentar| 9 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 30. Dezember 2001
„... Nach und nach entsann ich mich auch, wie es mir während der Fahrt auf einmal unwohl geworden war, wie ein Phantomschmerz sich ausbreitete in meiner Brust und wie ich dachte, ich werde jetzt sterben müssen an diesem schwachen Herzen, das ich geerbt habe, ich weiß nicht, von wem ...", sagt Austerlitz, meint der Erzähler, in Sebalds Werk (S. 378). Der Autor muß gewußt haben, wovon er sprach, denn am 14. Dezember 2001 erlitt W. G. Sebald, während er mit seinem Auto in Norwich unterwegs war, einen Schwächeanfall des Herzens, geriet mit dem Fahrzeug auf die gegenüberliegende Strassenseite, wo er mit einem Lastkraftwagen zusammenstieß, der Sebald tötete; seine Tochter, die ihn als Beifahrerin begleitet hatte, überlebte den Unfall verletzt. Sebalds Tod ist zweifelsohne ein großes Unglück auch für die deutsche Literatur.
So ist „Austerlitz", Sebalds letztes zu Lebzeiten erschienenes Werk, das literarische Vermächtnis Sebalds. Es fällt auf, dass Sebald dem Werk keine Gattungsbezeichnung gegeben hat: weder Biographie, noch Roman, noch Bericht, noch Erzählungen oder dergleichen. Wahrscheinlich sperrt sich „Austerlitz" auch gegen eine solche Ettikettierung: viele Elemente des Werks werden auf Erzählungen einer oder mehrerer realen Personen beruhen: in England leben noch heute viele während der Nazizeit ausgewanderte Juden, wie Sebald kurz vor seinem Tod meinte, und er, der aus Deutschland weggegangene Nichtjude Sebald, habe manche von ihnen dort kennengelernt. So mag dieser Roman - Germanisten mögen es herausfinden - auch zugleich das Dokument einer Freundschaft zwischen Sebald und einem „Emigranten" wie Jaques Austerlitz sein. Aber vieles wird auch der Einbildungskraft Sebalds entsprungen sein: so erinnert etwa die Verankerung der Vita Austerlitz' in Prag „prototypisch" an die Leidensgeschichte der Familie Kafka und der anderer osteuropäischer Juden.
Wie Sebald das alles schildert, wie er langsam, aber mit einer sich auch auf den Leser übertragenden stetig wachsenden Spannung, die Selbstentdeckung des Austerlitz entwickelt,
raffiniert in der für Sebald typischen Weise mit zwischen den Text eingestreuten Fotografien und Zeichnungen „belegt", die Monstrositäten der Architektur (in der Länge der Schilderungen manchmal langatmig und ausfransend) als Spiegelbild der Monstrosität und Abgründe der (nicht nur, aber vor allem) deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt, dabei aber nicht in eine Technokraten- oder Journalistensprache verfällt, sondern angemessen und getragen wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts erzählt - das ist schon meisterhaft und sucht seinesgleichen. Eine der renommiertesten literarischen Zeitschriften der Welt, das New York Book of Reviews, hat Sebalds „Austerlitz" Anfang Dezember zum wichtigsten Roman des Jahres 2001 erklärt.
Die Vergangenheit und die Zukunft als seelischen Raum darzustellen, den man betritt, mit einer Erzählung die Grenzen der Zeit zu sprengen und den Leser in diesen Raum der Vergangenheit und der angedeuteten Zukunft zu führen: diese Leseerfahrung ermöglichen in besonderer Weise W. G. Sebalds Erzählungen („Die Ausgewanderten") und daran anknüpfend, „Austerlitz".
0Kommentar| 34 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 21. Juni 2013
ich brauchte ein bisschen, mich an die Abwesenheit von Paragraphen zu gewoehnen, aber danach las ich das Buch mit wachsender Faszination, geradezu Spannung. Es ist ein tief melancholisches Buch und kreeirt eine sehr spezifische Atmosphaere. In Abwesenheit von Paragraphen punktuieren Schwarzweissfotos den Text auf ihre eigene Weise, sodass man zeitweise den Eindruck hat, ein wirkliches Leben sei hier dokumentiert. Als Studentin konnte ich Thomas Mann nicht lesen wegen der langen Saetze (das hat sich mittlerweile gegeben), aber Sebald stellt glaube ich Thomas Mann in dieser Beziehunge in den Schatten. Ein wirklich einzigartige literarische Stimme. Ich lebe seit 30 Jahren in England, wo der Autor hoch eingeschaetzt wird, und jetzt weiss ich endlich, warum! Habe gleich zwei weitere Buecher bestellt - Gedanken ueber verschiedene Autoren und Gedichte.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. Juli 2007
Das ist vielleicht das beste Buch der deutschen Gegenwartsliteratur. Vielschichtig im Inhalt, in einer wunderbaren Sprache geschrieben. Eigentlich eine Komposition, vergleichbar mit einem Werk von Johann Sebastian Bach. Die wenigen stillen Fotos aus dem Archiv des Autors illustrieren nicht, sondern berühren beim Lesen auf merkwürdige Weise. Die Vergangenheit in der Gegenwart, geknüpft an Architekturbetrachtungen von Festungsbauwerken und Bahnhöfen, Symbole für den Seelenzustand. Ein älterer Mann sucht in langsamen, traurigen Schritten seine Vergangenheit. Als Kind jüdischer Eltern zur Rettung in die Fremde verschickt beschäftigt er sich sein Leben lang nicht mit seiner Herkunft. Er ist gleichsam abgeschnitten von seiner Identität. Erst als die Zeichen aus der Vergangenheit sich mehren, macht er sich auf eine vorsichtige Suche und findet Schatten. Als er alles weiß und sich gefunden hat, endet sein Leben. Ein trauriges Buch, aber ohne Verzweiflung. Traurig ist auch, dass Sebald so spät mit dem Schreiben von solchen Büchern begonnen hat und dann so früh starb. Um so kostbarer ist alles, was er geschrieben hat. Im Marbacher Literaturarchiv kann man die Materialien Sebalds zu Austerlitz betrachten.
0Kommentar| 29 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden


Brauchen Sie weitere HilfeHier klicken