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Kundenrezensionen

4,5 von 5 Sternen
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4,5 von 5 Sternen
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am 21. März 2016
Schwierig. Das war der erste Eindruck. Unlesbar. Nach zehn Seiten war ich soweit. Wirklich? Ich habe durchgehalten. Das ganze Buch über. Sozusagen als ein Kampf zwischen Wille und Irritation. Beide sind gewachsen. Von fünfzig Seiten zu weiteren fünfzig und weiter. Bis das Wachsen ein Ende hatte, ganz am Schluss der gleichförmig bedruckten Seiten. Resignation.
Absatzlos lässt es Sebald seine vierhundert Seiten dahinplätschern. Auf hohem Ross. Arrogant. Keinen Gedanken an den Leser verschwendend, an dessen Bedürfnis, mal Luft zu holen – mal kurz zu verarbeiten. Das Ross trottet. Unverzagt. Nie aufgehalten. Sein Name aber: Pindar, im Volksmund auch Rösselsprung. Vor sich her trottend, hüpft es von hier nach dort, von morgen nach gestern, von einem zum andern. Ohne Vorwarnung. Ohne zu Ende zu führen. Auswalzend dabei, gelegentlich. Oberflächlich, zumal bei Menschlichem. Tiefschürfend. Kurz synkopisch. Verquast. Verheddert. Gedanken und deren Versatzstücke eben, wie sie so durchs Hirn rinnen. Einsam. Weinselig wohl auch.
Narzisstisch zumal. Gebäude hat Sebald frequentiert und lässt sie sich durch den Kopf gehen. Wehranlagen besichtigt. Bücher gelesen. Bilder gesehen. Gegenden betrachtet. An Menschen gedacht. Und das alles lässt er sich durch den Kopf gehen. Hintropfen auf Seite für Seite. Nahtlos. Verschachtelt auch, immer wieder. Selten verschränkt. Und die Leser dürfen mit ihm mäandern.
Ein Amazon-Stern für das Aufgeschriebene. Zwei Sterne zusätzlich für die Chuzpe, damit in den Markt gelangt zu sein. Also drei Sterne. Widerwillig.
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am 11. August 2015
„Austerlitz“ ist die Geschichte eines Mannes, der als Kind kurz vor der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei von seinen Eltern, beide Prager Juden, vorsorglich nach England geschickt wird, womit er nicht nur die Heimat, sondern auch die Sprache und den Namen verliert. Er wächst auf als Adoptivkind bei einem kinderlosen Pfarrer-Ehepaar und seine leiblichen Eltern, die während dem Krieg im KZ umgebracht wurden, sieht er nie wieder. Erst im Alter von über fünfzig Jahren entschliesst er sich, nach seinen Wurzeln zu suchen. Er besucht Orte, wo seine Eltern gelebt hatten, forscht in den Archiven nach. Die Identitätssuche bildet das Rückgrat des strukturell komplexen Romans. Es ist eine irritierende Geschichte voller Bilder, Atmosphären, interessanter Gedanken und Metaphern, ein Text, der an einen irisierenden Traum erinnert. Aus Bildern, erinnerter Geschichten, exakter Reisebeschreibungen und schwarzweissen Fotos entsteht gleich einem Mosaik ein formal originelles geistiges Universum, das den Leser gefangen nimmt und nicht mehr loslässt, bis er die letzte Seite des Buches gelesen hat. Allerdings macht es Sebald dem Leser nicht leicht, man braucht anfänglich Geduld, um sich in den kunstvollen, in langen Perioden und ohne Absatz dahin schlängelnden Text hineinzulesen, um dann von ihm gleich einem Stück Treibholz im Strom der Themse mitgerissen und getragen zu werden, und kann nicht anders, als die Gedankenfülle und literarische Virtuosität dieses Romans vorbehaltlos zu bewundern.
Es handelt sich zweifellos um eines der wichtigsten Bücher der deutschen Literatur im 21. Jahrhundert.
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am 21. März 2001
"Austerlitz" fesselt den Leser von der ersten Seite an. Mit akribischer Genauigkeit hat W.G. Sebald Fragmente aus Lebensgeschichten, Bibliotheken und Filmen zusammengetragen. Die Atmosphäre, die Sebald in diesem Buch durch eine Kombination von Text und Bildern schafft, ist gewaltig. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Buch je mehr beeindruckt hätte als Sebalds "Austerlitz". Was für ein Autor, was für ein Stil, was für ein Buch. Man kann nur hoffen, dass Sebalds Name bald auch in Stockholm berücksichtigt wird. Was für ein Autor! Was für ein grossartiges Buch!
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am 10. Oktober 2011
Die Geschichte von Jacques Austerlitz ist das zugänglichste, leichteste und tränenreichste Werk dieses Schriftstellers, eine Wanderung rückwärts durch das Leben der Titelfigur, durch europäische Geschichtslandschaften, auf der immer wieder zwei Motive aufeinanderstoßen: die Schrecken der Geschichte und die Schönheit der Landschaften.

Jacques Austerlitz, zum Zeitpunkt des Erzählens ein rastloser Reisender kreuz und quer durch den Kontinent, gekleidet in eine Arbeitshose aus verschossener blauer Baumwolle sowie in ein 'maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett', hatte dreißig Jahre lang als Kunsthistoriker in London gearbeitet. Davor war er Schüler an einem wunderlich verstaubten Internat in England gewesen, davor Kind eines calvinistischen Predigers an der Küste von Wales. Bald aber ist J. Austerlitz unterwegs nach Prag, zu seiner eigentlichen, im Holocaust verschwundenen Familie, zu seinem eigentlichen Ich ' und unterwegs nach Theresienstadt. Denn Jacques Austerlitz, der jüdische Knabe, war kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit einem 'Kindertransport' aus der Tschechoslowakei nach England geschickt worden, um dort in der Adoption zu überleben.

Die Suche nach der persönlichen Identität scheint diesem Buch das Handlungsmodell zu liefern. Doch so einfach ist es nicht. Denn dahinter, in einem beispiellosen Amalgam aus Essay, Poesie, Tatsachenbericht und Roman, entfaltet sich der Versuch, die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als das Leben eines einzelnen Menschen zu erzählen, so nah wie möglich, so vielfältig, so disparat wie nötig.

Zusammengehalten wird dieses Unternehmen durch eine einzigartige Sprache: W. G. Sebald ist ein Meister der literarischen Vergegenwärtigung. Der ruhige Wellenschlag seiner Sätze erinnert an eine längst vergangene Kunst, die ins neunzehnte Jahrhundert zu gehören scheint. In dieser Sprache wird das Persönliche, das Private, zu etwas schlicht und einfach Vorfallenden, und das Große schrumpft, und doch verliert es nicht das Ungeheuerliche. Diese Sprache bringt alles, was sie berührt, auf mehr oder minder menschliche Maß ' auch das Unmenschliche. Darin gleicht sie dem Helden dieser Geschichte: einer seltsam ungebundene Gestalt von auswärtiger Verfassung, kultiviert, diskret und sehr fein.
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am 4. August 2009
Winfried Georg Sebald verfügt über ein magisches Erzähltalent, das die schlichteste Alltäglichkeit mit einer derartig erstaunlichen Fantasie zu beseelen vermag, die sich nur schwer begründen lässt. Er eröffnet wechselvolle episodenreiche Erzählstränge, die von unterschiedlichen Zeiten und Betrachtungsweisen durchzogen sind, von mehrere Ich-Erzählern gestaltet werden und dennoch eine Kontinuität bewahren , die zu bewundern ist.
Wie viel beeindruckender aber, dass es sich in dem Romans nicht nur um eine Alltäglichkeit oder eine ermüdende Beziehungsproblematik handelt, sondern um einen ungewöhnlichen Vorgang des Zweiten Weltkrieges, als jüdische Kinder, aus Sorge um ihr Überleben, allein auf einen Kindertransport nach England gegeben werden, deren Schicksal dann dem Einfluss der Eltern entzogen bleibt. Der die Rahmenhandlung des Romans bestimmende zweite Ich- Erzähler Austerlitz ist mit einem dieser Transporte nach England gekommen und da keine Anverwandten mehr nach dem Ende des Krieges überlebten, um nach ihm zu forschen, auch in England geblieben, immer von einer eigentümlichen Fremdheit beunruhigt, irrt er als Wissenschaftler durch die namhaften Städte Europas, sich nirgendwo heimisch fühlend. Erst als Gymnasiast erfuhr er, dass er eigentlich Jacques Austerlitz heißt und nicht Dafudd Elias, wie seine Pflegeeltern, ein eigenwilliger Prediger mit seiner Ehefrau, die ein sonderbares rigides Eheleben führten. Die Frau starb als Jacques Austerlitz 12 Jahre alt war und der Prediger Elias endete in einer psychiatrischen Anstalt. Den Aufenthalt in diesem Hause empfand Austerlitz immer als Martyrium.
Die Suche schließlich nach dem Verbleib seinen Eltern in Prag, verläuft ergebnislos. Die Mutter, hoffnungsvolle Opernsängerin, und der Vater, ein aktiver Funktionär der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Partei, hatten sich unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag getrennt. Während der Vater nach Paris geht und dort nach dem Einmarsch der Deutschen Armee offenbar deportiert wird, ereilt das gleiche Schicksal die Mutter, die nach Terezin/ Theresienstadt gebracht wird und es ebenfalls nicht überlebt.
Der Bericht, den Austerlitz über seine Nachforschungen gibt, ist von einer so prägenden Sensibilität getragen und wird durch den großartigen Erzählstil Sebalds mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit vermittelt auch ohne die bei solchen Fällen übliche Dramatik, erstaunlicher Weise ist dies jedoch der Grausamkeit der Ereignisse, unter der deutschen Besatzung in Prag, keineswegs abträglich.
Das Wachhalten der Spannung durch die stets wechselnden Ereignisse und die fesselnde Erzählkunst des Autors, lassen einen Lesegenuss entstehen, dessen Faszination dem Leser ein Rätsel bleibt.
Der Roman liest sich wie die Präsenz einer verlorenen Zeit, ein Komprimat aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als immer währende Gegenwart.
Austerlitz, geschrieben 2001 im Jahr des tödlichen Autounfalls der Autors, ist nicht nur die Schilderung eines europäischen Schicksal in Zeiten exzessiver Gewalt in formvollendeter Prosa, sondern lässt auch Fragen darüber aufkommen, was Heimat ist, welche Rolle Eltern haben, was uns die Welt bedeutet. Sebalds Roman erweckt in uns den Eindruck, dass Heimat nur in uns selbst sein kann.
Austerlitz ist einer der wenigen Romane, der von den Bitternissen des 20. Jahrhunderts berichtet, doch den Menschen im Visier hat und nicht das Verbrechen, sehr überzeugend und gleichzeitig auch kurzweilig.
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am 20. Juli 2001
W.G. Sebald erzählt unglaublich fesselnd die Lebensgeschichte des J. Austerlitz, die dieser ihm erzählte, während zugleich wieder die Geschichte und Geschichten von anderen erzählt werden. Ohne im Detail auf den Handlungsablauf einzugehen, jeder Leser und jede Leserin sollte ohne Vorinformationen sich darauf einlassen, bleibt die Garantie eines wunderbaren Leseerlebnisses. Lange nicht mehr habe ich eine solche Fülle an Informationen über uns und unsere Geschichte in den Lebensgeschichten anderer Menschen gefunden. Eine wunderbare Reise durch das Europa der Gegenwart und der letzten Jahrzehnte in einer klugen Sprache beschrieben. Sehr zu empfehlen!
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am 29. März 2004
Sebald fasziniert! Da wird eine sensationelle Sprache verwendet, die man bei andern Autoren so schnell nicht findet. Fast das ganze Buch ist eine indirekte Rede, in der der Autor Bericht erstattet, was ihm Jacques Austerlitz, der Protagonist des Buches erzählt. Da auch dieser selber teilweise wieder in indirekter Rede berichtet, kommen verschachtelte Konstruktionen zustande (".. sagte Vera, sagte Austerlitz."). Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Es gibt weder Kapitel noch Absätze. Das bedeutet, dass der Leser kaum eine Gelegenheit findet, die Lektüre zu unterbrechen. Das Buch sollte eigentlich in einem Zug durchgelesen werden. Das wiederum ist kaum möglich, denn es handelt sich nicht um einen süffig geschriebenen Krimi. Es ist zwar spannend zu lesen, aber der Leser wird gefordert, weil ihn Sebald immer wieder auf Nebenschauplätze führt, wo er sich in Einzelheiten verliert (z.B. über Architektur), gekonnt, aber den Leser fordernd.
Mir ist aufgefallen, dass der Umstand, dass das Buch nirgendwo eine Pause macht, wo die Lektüre mit Grund unterbrochen werden kann, es mir manchmal schwierig machte, mich wieder vollständig an das Gelesene zu erinnern.
Dennoch, akzeptiert man dies, ist die Sprache etwas vom herrlichsten, was das Buch bietet. Es tut sich in der Phantasie des Lesers ein ganzer Bilderbogen auf. Und die teilweise unscharfen und zu dunkeln Schwarz-weiss-Photographien wären zur Imagination der Geschenisse gar nicht nötig.
Ein anspruchvolles Werk für anspruchsvolle Leser!
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am 17. Juni 2003
Keine (Auto)biographie, kein Roman, kein Bericht ... man muss hier schon eher von Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, einer dicht gedrängten Fülle von Erinnerungsfetzen, Träumen und Bildern, bei denen der Erzähler und sein Gesprächspartner, Austerlitz, mehr und mehr verschmelzen.
Manche Bilder tauchen immer wieder auf: allen voran Bahnhöfe. Bahnhöfe spielen für Sebald persönlich und für seine Emigranten zweifellos eine wichtige Rolle, und für Austerlitz eine ganz zentrale. Vor allem die von ?ewiger Düsternis erfüllte? der Liverpool Street Station in London, die Austerlitz als den Eingang zur Unterwelt beschreibt. Hier, im Halbdämmer des Wartesaals sieht er den Priester und seine Frau auf sich zukommen, als eines jener Kinder, die mit einem Kindertransport aus Prag nach England in Sicherheit gebracht wurden, um den KZ zu entgehen. Eine Sicherheit, allerdings, die mit unsäglichen Schmerzen und Opfern verbunden war: nicht nur dem Verlust der eigenen Habseligkeiten, der Kleider, des Rucksacks usw., sondern dem Absterben der Muttersprache, der Erstarrung der Gefühle, aber auch dem Vergessen, der Selbstzensur der Gedanken, und des Verlusts des Namens und damit der eigenen Identität. Andere häufige Bilder haben zu tun mit Dämmerung bzw. der Unmöglichkeit, Dinge deutlich zu sehen: zum ersten Mal im Nocturama in Antwerpen direkt vor der ersten Begegnung des Erzählers mit Austerlitz; dann die schwindende Sehkraft des Erzählers, die zur überraschenden erneuten Begegnung mit Austerlitz im Bahnhof Liverpool Street führt; die Düsterkeit des Wartesaals im Bahnhof Liverpool Street, das Halbunkel im Hause des Predigers, von dem Austerlitz sagt, es hätte in ihm jegliches Selbstwertgefühl ausgelöscht. Immer wieder auch Hinweise auf Sprache und Sprachlosigkeit: Die Sprache, die Austerlitz fehlt, als er vom Prediger und seiner Frau mit nach Wales genommen wird; später, mit Marie in der Kirche in Norfolk, als er die Worte nicht hervorbringt, die er eigentlich sagen sollte.
Seltsam und mysteriös muten auch die zahlreichen weiblichen Randfiguren an, die wie Hüterinnen von Geheimnissen fungieren, etwa Penelope im Antiquariat, die Kreuzworträtsel löst und eine Radiosendung hört, in deren Verlauf Austerlitz sich bewusst wird, dass er mit einem Kindertransport nach England gekommen ist; die Büffetdame in Amsterdam, die sich die Fingernägel schneidet und von Austerlitz als die ?Göttin der Zeit? beschrieben wird; die strickende Wirtin; dann die Geranien gießende Frau Ambrosova im Prager Staatsarchiv, die Austerlitz die Adresse des Wohnhauses seiner Familie offenbart, und schließlich die alte Wärterin auf dem jüdischen Friedhof hinter Austerlitz? Wohnung in London. Diese weiblichen Gestalten dienen als eine Art Wegweiser, meist in die Vergangenheit, mit Ausnahme von Marie, die Austerlitz die Möglichkeit menschlicher Nähe aufzuzeigen versucht, aber scheitert.
Als Austerlitz schließlich auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Prag reist, ist es ihm, als sei er in diesen Gassen schon einmal gegangen; lange betäubt gewesene Sinne erwachen in ihm, und bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Kindermädchen findet er seine Muttersprache wieder, ?wie ein Tauber, der durch ein Wunder das Gehör wiedererlangt.?
Bezüglich seiner Gefühle widerfährt ihm keine solche Wendung, keine Genesung, obwohl sich ein Hoffnungsschimmer zeigt, als er mit Marie den Kurort Marienbad besucht: ?Tatsächlich bin ich nie zuvor in meinem Leben besser eingeschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht.? Doch die Nähe mit einem anderen Menschen bleibt ihm grausam versagt (?In Wirklichkeit ist es dann aber ganz anders gekommen.?) Marie kann den Grund dieser Unnahbarkeit nur ahnen, aber ihm nicht daraus heraus helfen. Denn Austerlitz kann nicht ausbrechen aus seinem Ausgeschlossensein (?Auch hatte ich mich nie einer Klasse, einem Berufsstand oder einem Bekenntnis zugehörig gefühlt.?), kann die Furcht vor menschlicher Nähe nicht ablegen: ?Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten ...?.
Immer wieder auch der Hinweis auf das Unbehagen in Bezug auf Deutschland, das wir vom Autor W.G. Sebald kennen. ?Deutschland ... wohl das unbekannteste aller Länder, unbekannter noch als Afghanistan oder Paraguay ...?. Der Erzähler selbst geht 1975 nach Deutschland zurück, in der Absicht, dort nach neunjähriger Abwesenheit wieder Wurzeln zu schlagen. Doch ist ihm die Heimat so fremd geworden, dass er bereits ein Jahr später wieder auf die ?Insel? zurückgeht (was auch wie eine Flucht anmutet).
Was Sebald uns hier vorlegt, ist ein wundersames Gewebe aus Wirklichkeit und Einbildung, Biographie und Autobiographie, eine Montage von Beobachtungen, Assoziationen und Schwarzweißfotos, die an tief Menschliches rührt und Geschichte auf empfindsame Weise aufarbeitet. Es ist ein Buch, das sich wohl kaum beim erstmaligen Lesen in seinem ganzen Reichtum erschließt und das man deshalb immer wieder neu lesen und entdecken kann.
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am 4. Januar 2007
"Austerlitz" ist eines der schwierigsten Bücher, die ich je in der Hand hatte. Der gesamte Text hat keinen einzigen Absatz, keine Kapitel, nur hin und wieder ein Foto als Unterbrechung, als Rastplatz für den Leser. Es ist außerdem das erste Buch, das ich mit 5 Sternen bewerte, obwohl ich es nicht zu Ende gelesen habe, weil ich einer derart dichten Erzählstruktur, die wirklich jedes Detail zur Sprache bringt, beschreibt und in allen Facetten dem Leser nahe zu bringen versucht, irgendwann nicht mehr gewachsen war. Im letzten Drittel hatte ich den Eindruck, ich lese dieses Buch nur noch um des Lesens willen. Diese Form von Lesen ist zwar ein Vergnügen, wenn man einen Sprachakrobatiker wie Sebald in Händen hält, aber letztlich nicht der einzige Grund, ein Buch zu lesen. Form und Inhalt gehören zusammen und sollten beide gleichermaßen den Leser erfreuen. Ich habe über die detailversessene, ausufernde Form den Inhalt der Geschichte oft schon nach zwei Seiten komplett verloren, sodass es eigentlich egal war irgendwann, an welcher Stelle ich das Buch zum Weiterlesen aufschlage. Dieses Versagen will ich aber nicht dem Buch anlasten, sondern meiner Erwartung und meiner Art, ein Buch zu lesen. Obwohl ich "Austerlitz" unfertig gelesen ins Regal stelle, bin ich der Meinung, dass es ein großartiges Buch ist. Es benötigt allerdings auch einen großartigen, zur höchten Konzentration fähigen Leser.
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am 22. Oktober 2016
"...ganz leise und doch zum Schwindligwerden..."

Ein stilles Buch zum Langsamlesen, zum Nachdenken, zum Zurückblättern, geistreich in Sprache und Inhalt.
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