Hier klicken May May May Hier klicken Jetzt informieren Cloud Drive Photos Learn More Hier klicken Mehr dazu Mehr dazu Shop Kindle AmazonMusicUnlimited Autorip SUMMER SS17

Kundenrezensionen

4,5 von 5 Sternen
11
4,5 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:10,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

Kein Denker entzieht sich so konsequent jedweder Kategorisierung, und hat doch einen größeren Einfluss auf die Ideengeschichte der Nachkriegszeit gehabt, als Michel Foucault. Psychiatrien, Krankenhäuser, Gefängnisse, Sex; vieles war Analyseobjekt seiner Schriften, doch keiner weiß so wirklich, wofür dieser Mensch eigentlich stand: Postmoderne, Poststrukturalismus, Post-Weiß-Der-Henker-Was?

"Die Ordnung des Diskurses" ist der Titel von Foucaults Antrittsvorlesung am Collège de France am 2. Dezember 1970 und gleichzeitig die beste Einführung in das Werk dieses Denkers überhaupt. Denn wenn es ein gemeinsames Bindeglied zwischen seinen Schriften gibt, dann sind es die Begriffe "Diskurs" und "Macht" und darauf konzentriert er sich auf den nur knapp 40 Seiten, die dieser Vortrag einnimmt.

Was ist der Diskurs? Foucault wäre nicht Foucault, wenn er eine glasklare Antwort auf diese Frage geben würde. Doch wird dieses Konzept hier deutlicher umschrieben als irgendwo sonst: "Was ist denn im Willen zur Wahrheit, im Willen, den wahren Diskurs zu sagen, am Werk, wenn nicht das Begehren und die Macht" (17). Man muss sich also innerhalb des Diskurses bewegen, um Macht ausüben zu können. Der Diskurs ist dementsprechend Grundvoraussetzung zur Machtkontrolle und somit selbst die alles beherrschende und kontrollierende Macht.

Den Diskurs selbst beschreibt Foucault als die Macht, die bestimmt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt werden darf. Er ist also nicht in erster Linie Inhalt, sondern vielmehr Voraussetzung zu dem, was überhaupt zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort artikuliert werden kann. Foucault gibt folgendes Beispiel: Mendel hatte mit seiner Annahme, dass Gene die Träger von Erbmerkmalen sind, recht. Heute wissen wir das. Doch seine Zeitgenossen nahmen ihn nicht ernst: "Mendel sagte die Wahrheit, aber er war nicht 'im Wahren' des biologischen Diskurses seiner Zeit" (25). Es genügt also nicht, im Recht zu sein. Man muss diese Wahrheit so formulieren, dass sie sich innerhalb der vom Diskurs vorgegebenen Rahmenbedingungen bewegt.

Ferner analysiert Foucault die "Ausschlussmechanismen", die die Produktion des Diskurses regulieren: Verbote, die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn, die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch. Dies geschehe mit Hilfe von Institutionen wie Psychiatrien und Gefängnissen, in denen diskursuntreue Individuen für verrückt erklärt oder weggesperrt würden.

Fazit: Foucault ist immer noch faszinierend und ungemein hilfreich, Machtmechanismen in unserer Gesellschaft erkennen zu lernen. "Die Ordnung des Diskurses" ist der beste Ausgangspunkt für alle, die sich in das Denken Foucaults einleben möchten. Der beigefügte Essay von Ralf Konersmann bietet eine sinnvolle Unterstützung zur Annäherung an den Text.
0Kommentar| 36 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 13. März 2009
In dieser Antrittsvorlesung vom 2. Dezember 1970 zu dem für ihn eingerichteten Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme, fasst Foucault grundlegende Merkmale seiner Theorie der Diskurse zusammen. Zugleich versucht er Auskunft über die Ausrichtung seiner zukünftigen Tätigkeit zu geben.

Mit Diskurs bezeichnet Foucault die Gesamtheit aller Aspekte von Kommunikation. Es ist also nicht nur der Sinn oder die Bedeutung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes gemeint, sondern die gesamte Praxis des Sprechens, des Schreibens, der Schrift. Foucault interessiert das, was am Diskurs aus dem Blick gekommen ist; und warum.

Die Vorlesung beginnt mit der Überlegung, dass jeder etablierte Diskurs Prozeduren der Ausschließung praktiziert, welche eine stabilisierende Funktion erfüllen. Foucault unterscheidet veschiedene Mechanismen, die dem Diskurs eine mehr oder minder institutionalisierte Form geben. Doch die Repressivität dieser Praxis ist zugleich Bedingung bestimmmter voraussetzungsvollerer Formen. Der "glückliche Positivist" Foucault sieht diese "Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) daher nicht als Ausdruck einer fatalen Totalität. An Stelle des Begriffs der Einheit setzt er die (Ereignis-)Serie und betont die Diskontinuität der Diskurse wie ihrer zeitlichen und räumlichen Verschränktheit.

Foucaults Kritik gilt daher nicht nur den repressiven Formen des Diskurses sondern auch der philosophischen Tradition, welche seit Platon auf unterschiedliche Weise bestrebt war, die Realität des Diskurse einschließlich seiner Repressivität zu leugnen. Foucault stellt der Kritik die Genealogie zur Seite, die, indem sie die Entstehung der diskursiven Praxis im Detail sich aneignet, die Kontingenz und Brüchigkeit der Diskurse sowie Nischen als Hort der Veränderung aufzuzeigen fähig sein soll.

Der anschließende Essay von Ralf Konersmann geht insbesondere auf Foucaults Kritik der neuzeitlichen und modernen Subjektphilosophie ein. Er ist weniger Erläuterung als ein eigenständiger Beitrag zu den theoretischen Grundlagen der Diskurstheorie, der zugleich einen stilistischen Winkelzug dieser Antritsvorlesung als Ausdruck einer bewußten Haltung Foucaults zu seiner Theorie zu entschlüsseln sucht.

Insgesamt gibt der Text einen ersten Einstieg in die Diskurstheorie Foucaults. Die knappen Bemerkungen dieser Einführung lassen allerdings viele Fragen offen.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Foucault zu verstehen fällt- mir zumindest- die meiste Zeit ziemlich schwer. Seine Kategorien sind mir oft unverständlich, seine Argumentationen kann ich schon vom Ansatz her nur unter Mühen nachvollziehen. Im Wirrwarr genialen (?) Denkens bietet "Die Ordnung des Diskurses" allerdings einen guten Haltepunkt. Foucault präzisiert hier das, was für ihn den 'Diskurs' bestimmt, zeigt Mechanismen auf, die ihn lenken und die er wiederum selbst lenkt. Der Stand des Individuums ist ebenso Thema. Dabei blieb für mich dieser 'Diskurs' immer ein bisschen obskur, immer schon vorausgesetzt, eingesetzt, aber nicht ausdefiniert. Dennoch: Foucaults präzise Analysen bieten bei aller Abstraktion eine Basis für zahlreiche Anwendungen; Soziologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft sind nicht die einzigen, die von seinen Vorarbeiten profitieren. Gründlich erarbeitet, bietet dieses schmale Bändchen (auf knapp 50 Seiten beschränkt sich der eigentliche Text der Antrittsvorlesung) viel Stoff zum Nach- und Weiterdenken.
0Kommentar| 20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. September 1999
Das Leben als Text. So erscheint es jedenfalls in Michel Foucaults Vorlesung, die er anläßlich seiner Berufung an das Collège de France hielt. Es geht ihm um die Frage, wie das einzelne Subjekt als Teil eines Diskurses zu fassen sein könnte. Diskurs definiert er als eine Erkenntnispraxis, als das a priori, von dem Menschen bei ihrem Sprechen und Denken ausgehen. Und sprechen ist danach auch gleichzeitig immer Handeln. Jede Äußerung stabilisiert oder modifiziert den Diskurs, in dem alles gedacht wird, gleichzeitig modifiziert und stabilisiert der Diskurs alles, was gesagt und getan wird. Dieser dialektischen Beziehung ist Foucault auf der Spur. Das weist ihn als einen Denker der Postmoderne aus, insofern er nicht mehr - wie das Denken der Moderne und letztlich alle Philosophie - vom Subjekt ausgeht; das Subjekt ist aufgelöst, der Mensch lebt und agiert nicht mehr, als er gelebt und agiert wird. Und als einen Anhänger des Post-Strukturalismus, da er Sprache und Bedeutung - oder eher den Versuch dazu - als Kern menschlichen Lebens auffaßt. Ergänzt werden Foucaults Überlegungen durch einen Essay von Ralf Konersmann, der noch einmal Grundpositionen von Foucaults Denken aufzeigt und versucht, den vorliegenden Text in dessen Gesamtwerk zu verorten. Damit ist das Buch auch ein sehr guter Einstieg in Foucaults komplexe Philosophie. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
0Kommentar| 34 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 16. Dezember 2015
Als "intellektuell unredliche[n] empirisch absolut unzuverlässige[n] kryptonormativistische[n] "Rattenfänger" der Postmoderne" bezeichnete der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler den französischen Wissenschaftler Michel Foucault in seinem Buch über die "Herausforderung" der Sozialgeschichte durch die Kulturgeschichte (Wehler, Die Herausforderung der Kulturgeschichte, München 1998, S. 91). Abgesehen davon, dass Wehler Foucault als einen Vertreter der Kulturwissenschaften und diese insgesamt als Konkurrenz seiner "gesellschaftsgeschichtlichen Schule" und somit Foucault gewissermaßen als interdisziplinären "Eindringling" verstand, übte und übt der Franzose, gerade durch seine Diskurstheorie und seine Überlegungen zum Machtbegriff, nichtsdestotrotz einen enormen Einfluss auf die Geschichtswissenschaften aus. Dabei zeigt die Lektüre des Textes seines berühmten Vortrages "Die Ordnung des Diskurses", dass die dort entwickelten Überlegungen zur Funktionsweise von Diskursen, ohne, dass er dies explizit klarstellen würde, bereits sehr deutlich auf seine Vorstellungen darüber verweisen, wie Macht nach Foucault funktioniert. Mithilfe der Diskurse, so kann man den Text wohl verstehen, wird Macht ausgeübt, wird die Gesellschaft kontrolliert und einem Regelwerk unterworfen. Zugleich wirft diese Theorie der diskursiv funktionierenden Macht jedoch das Problem auf, dass dahinter die Akteure, die Macht ausüben, die handelnden Subjekte, gleichsam verschwinden. Dies muss sich jeder Historiker bewusst machen, der Foucaults Theorien für seine Arbeiten analytisch fruchtbar machen will.

Hinter Foucaults Überlegungen zu den Diskursen steht die Annahme, dass das gesamte menschliche Denken und Handeln in Diskurse eingelassen sei; die Geschichte ist somit das, was die Diskurse aus ihr machen. Diskurse bilden auf diese Weise die Gegenstände, von denen sie sprechen, sind Instanzen, die Wissen produzieren. Die Sprache bildet auf diese Weise nicht die Realitäten ab, sondern schafft diese erst.
Foucaults eingangs des Aufsatzes aufgestellte Hypothese fasst seine Überlegungen bezüglich der Wirkungsweisen von Diskursen zusammen: "Ich setze voraus, daß [sic!] in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen." (Foucuault, Ordnung, S. 10).

Die Kontrolle des Diskurses bzw. der Diskurse in der Gesellschaft geschieht durch Prozesse, welche Foucault im Folgenden im Einzelnen schildert. Dazu gehören u.a. Prozesse bzw. Systeme der Ausschließung: so kann verboten werden, über etwas zu sprechen oder bestimmte Mitglieder der Gesellschaft können als vermeintlich "Wahnsinnige" von der Teilnahme an Diskursen ausgeschlossen werden. Während diese Ausschließungsmechanismen "von außen" kommen, existieren noch diskursinterne Kontrollmechanismen, mit deren Hilfe die Diskurse selbst den Ablauf des Diskurses reglementieren können. Durch die Autoren-Funktion kann zur Verknappung des Diskurses beigetragen werden, weil alles, was geschrieben (und/oder diskutiert) wird, daran gemessen wird, von wem es geschrieben oder gesagt und geprägt worden ist. Auch durch die Organisation von Disziplinen kann der Diskurs eingeschränkt werden. Um in einem innerdisziplinären Diskurs ernst genommen zu werden, muss man sich den innerdisziplinären Regeln unterwerfen. So konnte sich, wie Foucault hervorhebt, Gregor Mendel mit seinen wegweisenden Theorien zur Vererbungslehre innerhalb der damaligen biologischen Disziplin nicht durchsetzen, sondern erst später, als sich die disziplinären Regeln, Techniken und Arbeitsweisen verschoben hatten (s. Ebd., S. 24). Durch eine Verknappung der Diskursteilnehmer kann ebenfalls eine Kontrolle über die Diskurse sichergestellt werden: Wer z.B. eine bestimmte Qualifikation für einen speziellen Diskurs nicht vorweisen kann, kann von diesem ausgeschlossen werden. Darüber hinaus können bestimmte Rituale und Verhaltensweisen festgelegt werden, die der Diskursteilnehmer mitbringen muss, um sich einzubringen. Sogenannte "Doktrinen" binden die Diskursteilnehmer an bestimmte Aussagetypen und verbieten ihnen folglich alle anderen. (Ebd., S. 29). Nicht zuletzt gab und gibt es spezielle "Diskursgesellschaften", die u.a. nach den Prinzipien der Geheimniswahrung funktionieren und bestimmte Informationen daher als nicht austauschbar festlegen. Auf diese Weise, durch diese "große[n] Prozeduren der Unterwerfung des Diskurses" (Ebd., S. 30) bleiben Informationen und Diskurse auf bestimmte Kreise beschränkt.

Foucault beschreibt hier Prinzipien der Diskursordnung, mit denen durch bestimmte Inklusions- und Exklusionsregeln Macht ausgeübt wird: "Es ist immer möglich, daß [sic!] man im Rahmen eines wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven "Polizei" gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muß[sic!]." Der Diskurs und mit ihm seine Diskursteilnehmer werden diszipliniert und die Menschen auf diese Weise beherrscht. Der Mensch kann somit immer nur innerhalb eines bestimmten, willkürlich abgesteckten Rahmens reden, handeln - und sogar denken. Foucault interessiert sich also dafür, wie durch die Diskurse und deren Reglemtierung die Möglichkeiten, etwas zu sagen, zu denken oder zu tun, bestimmt wird. Dass die menschlichen Denk- und Artikulationsmöglichkeiten von den jeweils herrschenden Sagbarkeitsregeln beeinflusst wird, leuchtet natürlich jedem ein, der sich z.B. mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hat und die weitreichenden, kontrollierenden Steuerungsmechanismen totalitärer Diktaturen kennt. Doch nicht nur dort sind die Mechanismen der Diskurskontrolle wirkmächtig; sondern überall und in jeder Gesellschaft. Überall ist in irgendeiner Weise eine Art von "diskursiver Polizei" wirksam - vermutlich wirksamer als jede imaginierte "Gedankenpolizei" sein könnte.

Zwar kann Foucault mit den skizzierten Überlegungen darüber, wie Macht durch Diskurskontrolle funktioniert (und dass sie v.a. diffuser und subtiler ausgeübt werden kann als man oft annimmt) wichtige Fingerzeige für die sozialwissenschaftliche Forschung geben. Doch seine diffusen Begrifflichkeiten verwischen mitunter die Frage nach der klaren Zuordnung von Machtausübung; und es kommt nicht von Ungefähr, dass ein vehementer Kritiker Foucaults wie der oben genannte Wehler, dem Franzosen vorwirft, den menschlichen Individuen deren (nach Wehler unbestreitbare) Rolle als "handlungsbestimmende Subjekt[e]" abzusprechen und stattdessen die sprachlichen Gebilde der Diskurse zu den eigentlichen Trägern des Handlungsgeschehens gemacht zu haben. Das Subjekt ist bei Foucault nicht mehr länger das Erlebnis- und Entscheidungszentrum von Handlungsabläufen. (vgl. Wehler, Herausforderung, S. 56- 78).

Unverkennbar hat Foucault die Geschichtswissenschaft durch seine Überlegungen geprägt. Er hat gezeigt, dass unser Denken, Sprechen und Handeln vor dem Hintergrund und innerhalb bestimmter diskursiver Regelsetzungen gesehen werden müssen, die wiederum Ausdruck bestimmter institutioneller und nicht-institutioneller Machtverhältnisse sind. Intellektuelle, politische, wissenschaftliche Diskurse - sie alle werden durch bestimmte Mechanismen gesteuert und kontrolliert bzw. steuern und kontrollieren sich selber. Beispiele für seine allgemeinen Überlegungen kann man viele finden: Fremdenfeindliche und rechtsextrem imprägnierte Beiträge zur politischen Debatte werden heutzutage aus dem politischen Diskurs ausgeschlossen, weil sie Grenzen überschreiten, die seit 1945 sukzessive gezogen worden sind. Bestimmte politische und gesellschaftliche Positionen werden oftmals als "krank" und anormal abgeschmettert und damit diskreditiert, sodass sie nicht ernsthaft diskutiert werden. Auch in der Geschichte findet man genügend Beispiele für soziale Exklusionsprozesse durch diskursive Grenzziehungen, etwa, was den Umgang mit Homosexualität vor dem Hintergrund bestimmter zeitgenössischer Normen angeht. Es ist durchaus zu vermuten, dass Foucaults eigene Homosexualität für ihn eine gewisse Wachsamkeit gegenüber solchen Ausgrenzungsphänomenen mit sich gebracht hat. Gleichwohl ist nicht zu bestreiten, dass Foucaults Überlegungen sehr allgemein, vage, unkonkret und merkwürdig akteursfern ausfallen und man folglich bei der Operationalisierung seiner Theorien für die geschichtswissenschaftliche Praxis sehr vorsichtig vorgehen muss.

Ist es aber - dies mag für eine breite Leserschaft wichtiger sein - noch ein "Klassiker", den zu lesen sich lohnt? Nun; sprachlich muss sich jeder Leser darauf gefasst machen, dass er einen Denker liest, der in der Unfähigkeit, sich klar und präzise auszudrücken, wohl von niemandem übertroffen werden dürfte. Seine Sprache ist verworren, sein Denken unsystematisch. Die angesprochenen inhaltlichen Defizite der mangelnden Konkretisierung allgemeiner Überlegungen kommen dazu. Darüber hinaus - und dass muss gegenüber allen "Foucault-Enthusiasten" mal gesagt werden - sind seine Überlegungen längst nicht so revolutionär-originell, wie man denken könnte; sie sind in vielem einfach unglaublich banal. Gleichwohl beschreibt er zutreffend wichtige Mechanismen unseres intellektuellen und gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Machtverhältnisse.

Ach ja; für alle Rechtspopulisten, die jetzt versuchen wollen, Foucault als einen prophetischen Kronzeugen zur Identifizierung der heute angeblich herrschenden "political correctness" und ihrer Exklusionsmethoden gegenüber "Andersdenkenden" zu instrumentalisieren, sei folgendes gesagt:

1. Die meisten von Euch werden Foucault ohnehin nicht verstehen - er denkt hochgestochen und ist ein Sozialwissenschaftler. Das erste könnt ihr nicht und das zweite mögt ihr doch nicht.
2. Foucault war Marxist. Mögt ihr auch nicht.
3. Foucault war schwul. Mögt ihr auch nicht.
4. Foucault wollte nie jemanden richten und beschrieb auch nie spezielle Systeme. Die von ihm identifizierten Mechanismen gab es immer, wird es immer geben und gibt es folglich überall. Daher wäre eine sich auf ihn berufende Kritik an unseren heutigen Macht- und "Diskurs"-Verhältnissen vor allem eines: Überflüssig.
0Kommentar| 5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 13. August 2011
Michel Foucaults Bedeutung lässt sich nur schwer beschreiben, ohne dabei auf die Begriffe, die Foucault (und auch Thomas S. Kuhn) verwenden und prägten, zurückzugreifen.

Ähnlich wie Ludwik Fleck beginnt Foucault damit, historische Daten über eine bestimmte wissenschaftliche Unterscheidung auszuwerten - in seinem Fall die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn. Auf der Spur der Frage, wie diese Unterscheidung zu Stande kommt und wie sie wirkt, entwirft Foucault eine begriffliche Welt, in der das Sprichwort "Wissen ist Macht" in seiner reinsten Form gilt. Basis dieses Sprichwortes ist der von der Gesellschaft zwangsläufig regulierte Diskurs, der auf das Individuum Macht auswirkt, indem er Wissen produziert.

Mit einem Wissensbegriff, der kein Wissen außerhalb der Macht zulässt und einem Machtbegriff, der ohne einen Träger der Macht auskommt, betrachtet Foucault Gesellschaft aus einem völlig anderem Blickwinkel wie die anderen Klassiker der Soziologie. Das macht es aber auch schwierig, seine begriffliche Welt zu begreifen, zumal auch der Wortlaut einiger Begriffe im wahrsten Sinne des Wortes "ungriffig" ist.

Auf kurzem Umfang und mit relativ verständlicher Sprache ermöglicht die "Ordnung des Diskurses" einen ersten Schritt in eine neue Welt.

Selbstverständlich gibt es auch Negatives über Michel Foucault und seine Diskursanalysen zu sagen, so ist sein Umgang mit empirischen Daten teilweise eher fragwürdig und auch die unorthodoxe Herangehensweise hat ihre Schattenseiten, denn sie ist nur möglich, indem etablierte Theorien und Begriffe ignoriert wurden (z.B. Max Webers Machtbegriff).

Die "Ordnung des Diskurses" ist somit der Umriss einer frische und kostbare Perspektive, doch keinesfalls der Stein der Weisen. Gerade aber im Anbetracht der eigensinnigen Begrifflichkeiten ist ein grober Umriss der perfekte Einstieg.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
TOP 1000 REZENSENTam 28. Dezember 2015
Michel Foucault, ein Name welcher mir mittlerweile zu oft über den Weg gelaufen ist, als dass ich seine Werke noch länger hätte ignorieren können. Dabei muss ich vorrausschicken, dass ich kein Student der Philosophie bin, deshalb fällt es mir teilweise schwer oder es ist mir nahezu unmöglich wirklich alles bis aufs letzte Detail oder den Kontext in welchem Foucault philosophiert in Sekundärliteratur nachzuschlagen und zu verstehen.

Wenn Philosophie eine Art ist über Wahrheit nachzudenken ist, erhoffte ich mir mit "der Ordnung des Diskurses" (49 Seiten + 38 Seiten Interpretationshilfe von Ralf Konersmann) zu verstehen, warum der Diskurs in den öffentlichen Medien, der Gesellschaft, in der Wissenschaft (auch insbesondere in der Ökonomie) also innerhalb von privilegierten, ausschließenden Gruppen so begrenzt ist, wie er ist. "Ich setzte voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskursen zu bändigen []."

Foucault schließt, dass der Diskurs die Macht ist, welcher man sich zu bemächtigen sucht. Man muss sich innerhalb des Diskurses bewegen, um die Möglichkeit zu haben Macht ausüben zu können. Das heißt aber auch, dass jedwede kritische Stimme die gegen den Diskurs, d.h. dasjenige was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt werden darf verstößt, an den Rand gedrängt wird, wie es heute bei Medien, in der Wissenschaft und in der gesamten, öffentlichen Gesellschaft der Fall ist. Das ist zunächst eine wunderbare Einsicht, denn bevor man eigenständig zu denken beginnt, man ja überall damit gehirngewaschen wird, dass wir in der freiesten aller Gesellschaften leben, in der Meinungs- und Forschungsfreiheit existieren, bei welchen es keine Tabus oder Sanktionen gibt. Foucault führt das Beispiel von Mendel an, dessen Zeitgenossen ihn nicht ernst genommen haben, auch wenn heute klar ist, dass er richtig lag. Ich würde für die heutige Zeit den Deutungshoheitsanspruch unserer Qualitätsmedien nennen, welche sich mit der Privatisierung der Altersvorsorge, der einseitigen Stellungnahme zur Ukrainekrise, sowie ihrer Merkelschen Hofberichterstattung für alle Zeit selbst disqualifiziert haben. Weiterhin wären Paradigmen, wie die Formulierung "Antiamerikanismus" zu nennen, welche bei Hinweis auf völkerrechtswidriges Verhalten der USA selbst in Deutschland auftritt, was Chomsky übrigens als Element eines autoritären Regimes beschreibt. Ganz zu schweigen von der Wissenschaft, welche i.d.R. nur Epsilon-Variationen existierenden Wissens als akzeptabel betrachtet. "Die großen wissenschaftlichen Mutationen können vielleicht manchmal als die Folgen einer Entdeckung verstanden, werden, sie können aber auch als das Erscheinen neuer Formen des Willens zur Wahrheit gesehen werden."

Um den Diskurs reinzuhalten, gibt es Kontroll- und Einschränkungsmöglichkeiten. Eines der wichtigsten ist dabei der Ausschlussmechanismus. Hierbei kommen Verbote, die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn, sowie zwischen wahren und falschen Aussagen zum tragen. Weiterhin gibt es Diskursgesellschaften, welche Diskurse aufbewahren oder produzieren, um diese dann in einem geschlossenen Raum zirkulieren zu lassen und sie nur nach bestimmten Regeln zu verteilen, so dass die Inhaber bei dieser Verteilung nicht enteignet werden. Im scheinbaren Gegensatz dazu stehen Doktringesellschaften, bei welchen man die selben Wahrheiten anerkennen muss um sich im für gültig erklärten Diskurs zu bewegen. "Die Doktrin führt eine zweifache Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen."

Ich glaube dass Foucaults Werk einige sehr wichtige Einsichten über die Funktionsweise unserer Gesellschaft und deren Machtgefüge bereithält, welche man sonst nur selbst erfährt, aber auf welche man i.d.R. durch "Heidiwelt"-Gehirnwäsche in Schule und Universität nicht vorbereitet wird.
0Kommentar| 2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 18. Juli 2007
Foucault entwirft hier noch mal in sehr knappen Zügen die wesentlichen Bedingungen seines Denkens. Auch dieses Buch dürfte uneingeweihten Lesern fremd klingen; zu neu, zu fern ist hier die Art, die Kultur zu betrachten.

Ralf Konersmann steuert dem Buch einen Essay bei, der einige der Probleme, die man mit Foucault haben kann, beleuchtet und verständlicher macht.

Es ist leicht, sich von Foucaults wundervoller Sprache in den Bann ziehen zu lassen. Umso schwieriger ist es, aus diesem Sprechen ein Modell zu ziehen, mit dem man selbst arbeiten kann und mit dem man den Spuren des Foucaultschen Denkens in der Praxis folgen kann. Denn Foucault will gerade nicht der Vernunft neue Fesseln auferlegen, sondern zu jener Beweglichkeit verhelfen, in der das Denken noch ganz Spiel ist, noch ganz ein lebendiges Verhältnis zu einem wilden Außen hat. "Die Ordnung des Diskurses" bietet hier eine gute Möglichkeit, einen Einstieg in dieses offene und zugleich strenge Denken Foucaults zu finden. Wer sich mit Foucault beschäftigen möchte, wird bei diesem Essay nicht stehen bleiben dürfen - dazu zeigt er zu wenig auf, wie Foucault selbst mit seinen Methoden an konkrete Situationen herantritt -, aber immer wieder auf ihn zurückgreifen können. Es ist ein großartiger Essay, klug, verspielt, faszinierend.
0Kommentar| 5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 11. Oktober 2013
Sehr guter Einstieg in das Denken von Michel Foucault. Da es sich um seine Antrittsvorlesung handelt, ist das Buch relativ leicht zu lesen und macht Lust, sich auch mal die "größeren" Werke vorzunehmen.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 7. Januar 2014
Inhaltlich ein Klassiker, brauch ich Nichts dazu zu sagen, außer, dass es das erste war, dass ich von Foucault gelesen habe. Es ist eine kurze Einfühung in sein Denken und hat mir weitergeholfen seinen Ansatz zu verstehen. Ganz ohne Foucault- Vorkenntnisse ist es möglicherweise etwas zu schwierig, aber das muss jeder selbst entscheiden.
Das Büchlein wurde innerhalb der angegeben Lieferzeit zugestellt, somit habe ich nichts zu beanstanden und vergebe die volle Punktzahl.
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden