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am 18. Januar 2014
Ian Morris' neues Buch ist wie schon sein Vorgänger ("Wer regiert die Welt"): es ist enorm gut geschrieben, leicht und spannend zu lesen, krankt aber an einer ziemlich eindimensionalen Theorie.

Der Autor gibt mit diesem Buch den Thomas Hobbes 2.0. Dieser beschrieb in seinem "Leviathan" von 1651 den Naturzustand des Menschen als Kampf aller gegen alle, eine blutige Anarchie, aus der die Menschen nur eine starke Hand, der Staat, befreien könne. Morris sieht es ähnlich, und der Krieg ist seiner Meinung nach das beste Mittel, um einen solchen Leviathan herzustellen. Seine Grundthese: "Er (der Krieg) hat die Menschheit - auf lange Sicht - sicherer und reicher gemacht. Krieg ist die Hölle; nur dass die Alternativen - wieder auf lange Sicht betrachtet - schlimmer gewesen wären." (S.14)

Ideal wäre es natürlich, wenn die Menschen sich freiwillig zu großen friedlichen Gemeinschaften zusammenschlössen, doch das, so Morris, ist eine Gutmenschen-Illusion: "Menschen geben ihre Freiheit selten auf, auch nicht ihr Recht, einander zu töten oder zu berauben, es sei denn, man zwingt sie dazu." (S.16).

Diese These ist natürlich starker Tobak, was aber nicht weiter schlimm wäre, wenn der Autor sie schlüssig begründen könnte. Sein stärkstes Argument wiederholt er im Buch immer wieder: Vor dem Aufkommen starker, handlungsfähiger Staaten (Leviathane) herrschte tribale Anarchie. Menschen leben von Natur aus in Sippen, Stämmen, Clans, die immer wieder in Konflikt geraten, was zu einer erschreckend hohen Mord- und Totschlagrate führt. Nun gibt es unter den Archäologen und Anthropologen zwei Lager: die Hobbesianer und die Rousseauisten. Letztere glauben, dass Menschen erst mit Eintritt in die Zivilisation, vor etwa 10000 Jahren, anfingen, sich massenhaft die Köpfe einzuschlagen. Beide Seiten haben ihre eigenen Statistiken, ihre "Lieblingsvölker", die die jeweilige These verkörpern, ihre eigenen Paradigma. Die Frage, welche der beiden seiten recht hat, ist weiterhin offen.

Morris selbst schießt ein grandioses Eigentor, wenn er auf Seite 283 behauptet, dass um 1415 in Europa etwa einer von 20 Menschen eines gewaltsamen Todes starb, zwischen 1815 und 1914 aber nur noch einer von 50. Dann, zwei Absätze weiter, beklagt er die "lückenhafte Datenlage" und bekennt freimütig "dass die Zahlen, die ich hin und wieder nenne, ausgesprochen spekulativ sind." Das zuzugeben ehrt den guten Mann ungemein, aber damit beraubt er sich der Grundlage seines Basisarguments, das ja eben behauptet, dass auf lange, sehr lange Sicht die Zahl der Tötungen enorm gesunken sei. Das kann man wissenschaftlich aber nur auf der Grundlage einer verlässlichen Datenlage behaupten.

Und selbst wenn das stimmt, wenn, was heute allgemein anerkannt wird, die Leute im London zu Shakespeares Zeiten viel gefährlicher lebten als heute, selbst dann ist das kein Argument für die These, dass es der K r i e g war, der diesen Rückgang bewirkte. Morris selbst unterscheidet nämlich zwischen dem "produktiven" und dem "unproduktiven Krieg". Letzterer zerstöre bestehende Staaten und führe zu weniger Leviathan.

Und hier liegt m.E. die Hauptschwäche des Buches: Morris kann zweierlei nicht plausibel machen: Erstens, dass es vor allem Kriege waren, die den historischen Rückgang der Gewalt bewirkten (da gibt es sicher noch viele andere Faktoren!). Zweitens, dass die "produktiven" Kriege die "unproduktiven" so sehr überwiegen, dass man sagen kann: Krieg ist auf lange Sicht nützlich.

Ich sehe dieses vom Autor beschriebene Muster nicht. Ich sehe Kriege, die manchmal in der Tat zu einem Leviathan führen, und dann eine lange Periode der Wohlstands und des Friedens einleiten (Beispiele wären: die Kriege der Römer gegen die Völker des Mittelmeerraumes, die zu der langen Pax Romana führten, oder der Amerikanische Bürgerkrieg, der vor 150 Jahren den Leviathan USA möglich machte.). Aber dann gibt es auch die völlig sinnlosen und sogar kontraproduktiven Kriege (30jähriger Krieg oder der Erste Weltkrieg), wo schon bestehende und funktionierende Leviathane sich gegenseitig schwächten. Denn nicht nur irgendwelche Stämme und Fürstentümer bekriegen einander, auch große Staaten, die "eigentlich" friedlich koexistieren könnten, führen Krieg und zerstören eben damit ihren Wohlstand!

Morris These nun, das die "guten" Kriege die "schlechten" bei weitem überwiegen, halte ich für Wunschdenken. Der jüdische Philosoph Theodor Lessing schrieb 1919 unter den Eindruck des bis dato größten Gemetzels der Menschheit ein Buch mit dem Titel "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen". Ich glaube, das trifft auch auf Morris zu. Auch er versucht, dem Sinnlosen einen Sinn abzupressen. Ich bin kein Pazifist. Krieg - als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln - kann sehr wohl sinnvoll sein. Aber mindestens genauso oft ist er einfach nur Elend, Blut und Tod, und sonst gar nichts. Auch auf lange Sicht nicht.
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am 15. Januar 2014
Ist der Krieg der Vater aller Dinge", wie Heraklit postulierte? Nach den Katastrophen der letzten hundert Jahre hat kaum jemand gewagt, öffentlich den Krieg zu loben. Zu dramatisch und opferreich waren die Weltkriege, Kriege, Bürgerkriege und Massaker diese Zeit. Im Gegenteil: wir alle waren gegen Krieg. Nun hat Ian Morris ein massives Plädoyer für den Krieg vorgelegt: Kriege führen häufig zu größeren Herrschaftsgebilden, in denen die Menschen friedlich ihren Verrichtungen nachgehen können. Solche Kriege nennt er produktiv".

Nun ist die These der staatenbildenden Funktion von Kriegen nicht neu. Seit Robert Carneiro ist sie in der anthropologischen Forschung eine gewichtige Theorie zum Übergang von lose zusammenhängenden Siedlungen und Städten zu großräumigen Herrschaftseinheiten, die wir Staaten nennen. Welche anderen Ursachen wir auch noch in Betracht ziehen können, Kriege spielten eine wichtige Rolle bei der Staatenbildung. Und in manchen Fällen lebten die Überlebenden besser als die vorherige Generation.

Morris argumentiert auch quantitativ: während in den Jäger/Sammler-Gruppen eine große Gefahr des gewaltsamen Ablebens (bis zu 20 Prozent) bestand, waren im 20. Jahrhundert lediglich" rund ein Prozent Kriegstote zu verzeichnen. Kriege haben also" dazu geführt, ihre eigenen Opfer zu minimieren. Diese Rechnung stimmt von beiden Enden her nicht. Es ist sehr fraglich, ob die Schätzungen (mehr liegt aus der Steinzeit nicht vor) über die gewaltsamen Tode der Jäger/Sammler so stimmen - mangels hinreichender Fossilfunde bewegen sie sich am Rande der Spekulation. Und die Kriege der Neuzeit haben nicht nur in wachsender Zahl Tote gekostet, sondern auch Schwerverwundete, zerstörte Landschaften, Angst und Unsicherheit. Zudem werden Menschen nicht nur durch Kriege getötet, sondern auch durch Diktaturen, Unterernährung, Kriminalität, Sklaverei usw.

Die These der schrittweisen Einhegung der Gewalt übernimmt Morris von Stephen Pinker (Gewalt"), der jedoch ein differenzierteres Bild der Gewaltursachen zeichnet - Morris lastet Gewalt und Krieg der Evolution an, die den Menschen (den Mann?) als Killermaschine geformt habe. Diese ,Ursachenforschung` hat eine - schlechte - Tradition. Und das Lob des Krieges ist kurzschlüssig: Morris schließt umstandslos von einem Resultat auf den Zweck, der das Resultat hervorgebracht habe. Aus anderer Sicht, aus der Sichtung der Bedingungen des Friedens etwa, würde man wahrscheinlich zu anderen Ergebnissen kommen.

Die Kurzschlüssigkeit der These ,Krieg führt zum Frieden` findet man allerdings mehr in den Zusammenfassungen und in den Interviews (etwa im SPIEGEL) als im materialen Text, in dem Morris durchaus sachkundig die säkularen Kriege der Weltgeschichte analysiert. Deshalb ist das Buch durchaus lesenswert - man muss die starke These von Morris ja nicht übernehmen. Noch immer gilt es, wie Carl Friedrich von Weizsäcker immer wieder betonte, das historisch Beispiellose zu versuchen, Kriege zu überwinden.
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am 14. November 2013
Als mir der provozierende Titel von Ian Morris' neuestem Buch zum ersten Mal ins Auge fiel, dachte ich reflexhaft, daß die Antwort doch wohl nur "Nichts!" lauten könne. Nachdem ich "Wer regiert die Welt?" mit einigem Gewinn gelesen hatte und mit Morris' unkonventioneller Herangehensweise an große Themen bereits vertraut war, hat die Lektüre des Klappentextes und eine kurze Sichtung der Inhalte mich zum Kauf motiviert.

Gewisse Parallelen zum letzten Buch blitzen bei der Lektüre gelegentlich durch, aber man kann keineswegs von einem Neuaufguß sprechen. Weit davon entfernt, Krieg per se gutzuheißen, betrachtet Morris die großen Kriege der Menschheitsgeschichte. Was wir als einzelne kriegerische Auseinandersetzungen wahrnehmen, faßt er zu größeren Gebilden zusammen. Die Zeit in der Europa die Welt erobert bezeichnet er als fünfhundertjährigen Krieg (1415 bis 1914). Die Jahre 1914 bis zum Ende des Kalten Kriegs in den 1980ern als den Krieg um Europa. Diese Komprimierung reicht auch aus um seine Grundthese eindrücklich zu untermauern.

Morris unterscheidet geschichtliche Perioden mit starken, großen Reichen und Perioden relativen Chaos'. Vor vielen Jahrtausenden, als es noch keine Staaten gab, sei das Risiko eines Menschen, durch Gewalt zu sterben, sehr groß gewesen. Nomaden bedrohten diejenigen, die bereits seßhaft geworden waren. Durch blutige Kriege seien Staatswesen gebildet worden. Nach Etablierung dieser sei das Risiko, durch Gewalt zu sterben, jedes Mal signifikant zurückgegangen. Und zwar schon vor mindestens 2.000 Jahren, als man in Rom und anderswo bloß zur Unterhaltung noch Menschen sich gegeneinander abschlachten ließ.

Das Leben vor der Gründung erster Reiche sei zwar frei und unbesteuert, aber eben mit hohem Todesrisiko verbunden gewesen, weil herumziehende Räuber und Diebe sich für den Besitz anderer interessierten. Starke Staaten hätten die Willkürrisiken reduziert, dafür dem Bürger aber einen Preis in Form von Steuern oder Frondiensten abverlangt. Aus dem nomadisierenden Räuber sei in Form von Königen oder anderer Herrscher ein stationärer Räuber geworden. Morris bezeichnet diese mit Bezug auf den Philosophen Thomas Hobbes -wie schon Steven Pinker in seinem Buch "Gewalt"- als Leviathan. Weil vorausgehender Krieg der Preis zur Errichtung gut organisierter Reiche ist, kann Morris dem Krieg -fernab der Betrachtung individueller Schicksale- positive Aspekte abgewinnen. Mit fortschreitender Lektüre fällt es immer schwerer, sich dieser Argumentationslinie zu widersetzen.

Wie schon in seinem vorangegangenen Buch versucht Morris im letzten Fünftel seines Werkes einen Blick in die Zukunft zu werfen. Der erste Weltpolizist der Neuzeit, das Vereinigte Königreich, sei im 20. Jahrhundert von den USA abgelöst worden. Um den Frieden zu sichern, werde man noch einige Zeit einen Weltpolizisten benötigen, aber Morris macht sich Sorgen, ob der jetzige und seine Gegner sich dieser Tatsache bewußt seien. Morris ist auch ein Kenner klassischer Science-Fiction-Literatur. Seine Einschätzung, daß Mensch und Technik in einigen Jahrzehnten so miteinander verschmelzen werden, daß der Kreislauf von Gewalt und Frieden dann endgültig unterbrochen wird ist zwar ermutigend, erscheint mir aber angesichts dessen, was aus vielen früheren Vorhersagen wurde, ein bißchen sehr weit hergeholt.

Mir hat das Buch trotz der fiktiven Elemente zum Schluß sehr gut gefallen. Der überaus gebildete Morris spricht viele interessante Dinge an, die einen zum Nachdenken anregen und dem Leser wichtige Impulse auch im Hinblick auf strategische Entscheidungen, Unternehmensorganisation und die Führung von Menschen geben können. Wer sehr wenig Zeit hat und schon "Wer regiert die Welt" sowie "Gewalt" von Pinker gelesen hat, kann eventuell auf diese Lektüre verzichten, obwohl man für seine Mühen ausreichend belohnt wird. Angesichts der Arbeit, die in diesem Werk steckt, verzichte ich darauf, einen Stern für die stellenweise schlampige Rechtschreibkorrektur des Textes abzuziehen.
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am 15. Mai 2015
Die Schlussfolgerung des Autors ist nicht p.c. Aber er hat Recht: Der Krieg hat uns zu besseren Menschen gemacht. Ohne Krieg würden wir immer noch in Horden von 15-30 Personen leben. Und wir würden vermutlich von der Hand anderer Menschen sterben - noch bevor uns aus anderen Gründen das Zeitliche segnete. Das Buch bietet eine Fülle von geschichtswissenschaftlichen Beispielen und Details. Ich selbst hatte es nach "Wer regiert die Welt" (vom selben Autor) gelesen. Da er einen Teil seiner Argumente auch aus diesem Buch bezieht, macht das ggf. Sinn. Aber insgesamt sollte es auch ohne die Lektüre dieses Werkes möglich sein, da er seine diesbezüglichen Argumente (verkürzt) wiederholt. Alles in allem hinterfragt man während der Lektüre seine eigene, pazifistische Einstellung: Sie ist nur möglich, weil vor uns viele, viele Menschen ihr Leben gelassen haben und wir jetzt in einer größtenteils friedlichen Gesellschaft leben können. Hier die moralische Frage: Sollen wir wirklich anderen Menschen (z.B. im Irak, in Syrien, in Afghanistan, weite Teile Afrikas) die Vorzüge der Zivilisation vorenthalten, nur weil wir uns nicht die Hände schmutzig machen wollen? Oder vielleicht allen Seiten gleichberechtigt Waffen liefern? So wie es scheint, gibt es nur einen Weg in eine friedliche, zivilisierte Gesellschaft - und der führt über Mord, Totschlag und Krieg. Schmutzigen, tödlichen Krieg, der so schrecklich ist, dass ihn niemand mehr erleben will.
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am 10. November 2014
insoweit, als es den Zeitgeist nicht scheut. Es macht ihn nicht lächerlich, es hält ihm kein "man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen" entgegen, wie das kleinere Geister als Ian Morris so sehr gerne tun, nein, es argumentiert wider den Zeitgeist, indem es ihm die ideologischen Scheuklappen mit Argumenten auszieht. Bei solchen Büchern - und sie sind leider selten genug - lese ich immer erst mal im 1-Sterne-Bereich herum, bevor ich selbst eine Rezension schreibe. Und, wie nicht anders zu erwarten, da ist er ja, der enragierte Zeitgeist, der dem Buch Menschenverachtung, Unipolarität, Antisemi, -femi, -pazi, -marxi und weitere Antibazis vorwirft, dass die Bits und Bytes ja nur so fliegen.
Es geht den Rezensenten dabei leider wie mir bei vielen Fernsehsendungen - vor lauter Wut lesen sie nicht mehr, was da steht, sondern nur noch, was sie, mit ihrer ideologischen Brille Friedensstürmend-Himmelsschwer bewaffnet, auf den Seiten dieses Buches zu sehen glauben.

Ich gebe zu, der Autor übrigens auch, das was da tatsächlich steht, ist schwer zu akzeptieren. Es ist zudem in der angelsächsischen Darstellungsweise präsentiert, d. h. es ist erzählend, als ein in ein durchaus spannendes, den Unterhaltungswert nicht verachtendes Narrativ gekleideter Informationsstrom verfasst. Ian Morris ist nicht der Erste, er wird auch nicht der Letzte amerikanische oder britische Historiker sein, der die Erfahrung machen darf, dass die Deutschen das als unwissenschaftlich ablehnen. Deutsche Wissenschaftler haben eher die Tendenz, den Beleg für den Beleg zu belegen, um nur ja zu belegen, dass sie alles belegen können. Das macht die Bücher hoch anspruchsvoll - und für den interessierten Laien schlicht unlesbar. Historiker aus dem angelsächsischen Raum haben oft die gegenteilige Tendenz - ich hau Dir meine Fakten um die Ohren, und wenn Du mir nicht glaubst, sag's laut, but at your own peril: Ich habe meine Belege in der Hinterhand, und wenn Du sagst, ich kann's nicht beweisen, und ich beweise es dann doch - geh' Dich einmachen. So kommt diese von Deutschen oft beanstandete anekdotenhafte, erzählerische Darstellung zu Stande, die dem Laien die angelsächsischen Geschichtswerke so viel lesbarer macht als die deutschen.

Man darf die angelsächsische Darstellung nun aber eben nicht mit Qualitätsmängeln gleichsetzen. Ian Morris Buch ist dafür ein schlagendes Beispiel (ich entschuldige mich besser gleich jetzt für das kriegstreiberische Adjektiv "schlagend"). Man wird dem Werk weder mit den Worten "kriegsverliebt", noch "einseitig", und schon gar nicht mit einer Verwendung des Begriffes "unipolar" gerecht, die zeigt, dass man das schöne Fremdwort leider nicht verstanden hat. Zwar bedeutet "unipolar" durchaus, dass die Welt EINEN Machtkern hat, im vorliegenden Fall den "Weltpolizisten" (erst die Briten, dann die USA). Ian Morris behauptet jedoch an keiner Stelle, dass die Welt des 20. und des jetzigen Jahrhunderts in diesem Sinne unipolar war/ist. Vielmehr geht es ihm darum, zu zeigen, dass für keine Zivilisation der Menschheitsgeschichte der Friede und ihre Zukunft jemals ganz und für alle Zeit gewonnen sind oder waren. Es gab - und gibt - da immer wen (und es wird wahrscheinlich auch immer wen geben, im Zweifel ein konkurrierendes Machtzentrum in einer eben nicht unipolaren Welt) - der wäre bereit, der Zivilisation des Tages (des Jahrhunderts, des Kontinents, der Welt etc. pp) sämtliche Schädel einzuhauen, wenn er denn könnte und dürfte.

Sehen wir dieses Prinzip mal als Mikrokosmos: 1 Dorf hat 100 Einwohner. 99 sind friedlich, ein bisschen dröge, und möchten gern ihr Ding machen. 1 ist ein Aas und möchte, warum auch immer, die anderen 99 gern unter die Erde bringen. In unseren modernen Zeiten nimmt man in solchen Momenten die Polizei, die Justiz, und das Strafrecht. In Abwesenheit all dieser zivilisatorischen Errungenschaften, z. B. in den "lawless grounds" der amerikanischen Pionierzeit, nehmen die anderen 99 einen Strick, und eine Axt, und versenken den 1 im Moor. Oder in der Prärie. Nun kann man nur hoffen, dass der 1 wirklich ein Aas WAR. Wenn die andern 99 ihn nämlich aus nicht so ehrenwerten Motiven ermordet haben, sind wir bei dem, was Ian Morris bereits in der Einleitung und dann, ausführlicher, im Ersten Kapitel als sein Verhältnis zur Staatlichkeit definiert. Er zitiert zunächst Reagans altes Bonmot (ich hasse es übrigens): Die 10 erschreckendsten Worte der englischen Sprache seien 'hy, ich komme vom Staat und will Ihnen helfen'. Morris (und ich auch) halten die Worte: ''Es gibt keinen Staat und ich bin gekommen, Sie umzubringen" für wesentlich erschreckender.
Wie Morris am Beispiel der Welt des Romans "Herr der Fliegen" beschreibt, neigt der Mensch dazu, sich das, was er haben oder durchsetzen will, notfalls mit Gewalt zu verschaffen, wobei dieses "notfalls" ein weit gespannter Begriff ist. Wer einmal z. B. in der Rolle des Schwarzen Schafes in einer Horde bis zur Blindheit selbstverliebter Weißer Schafe gewesen ist, der weiß, wie schön es ist, "notfalls" nicht die Kalashnikov aus der Tasche ziehen zu müssen, sondern das Handy, um damit die Polizei zu rufen. Die dann auch kommt, um nicht das schwarze, sondern die bösen weißen Schafe zu verhaften, auch wenn die Polizisten selber weiße Schafe sind. Gesetz ist Gesetz.

Ein schöner, altehrwürdiger Satz, Gesetz ist Gesetz. Schade, dass er über weite Strecken der Menschheitsgeschichte immer nur auf dem Papier stand. Er stand - und er wird wieder stehen, das eine der Kernaussagen von Morris Theorie, die übrigens an dieser Stelle auf ältere Philosophen zurückgeht, insbesondere auf den Briten Hobbes - immer dann auf dem Papier, wenn die Staatlichkeit abwesend war, und sich die (körperliche) Macht ungehemmt und ungezügelt durchsetzen konnte, und zwar mit (körperlicher) Gewalt. Hy, es gibt keinen Staat und ich bin gekommen Sie umzubringen! Es ist nämlich, und das legt Morris sehr schlüssig dar, der Krieg nicht der natürliche Zustand der Gewalt. Der Krieg ist nur eine sehr massierte, punktuelle Form der verschiedenen Erscheinungsformen der universell anwesenden Gewalt.

Was Morris Buch bei vielen Menschen heute so schmerzhaft gegen den Strich bürstet, dass sie schreien, sind einige liebgewonnene Trugschlüsse, von denen man sich nur schwer trennt. Dass die Abwesenheit von Krieg gleichzusetzen mit Frieden sei, um nur einen zu nennen. Und dass der Mensch ein von Natur aus vernünftiges Wesen ist. Oder dass wer die 'Freiheit' hat, alles hat. Hat er auch, aber nur, bis er Hunger kriegt oder eifersüchtig wird. Auf den reicheren Nachbarn z. B. Ohne jede abstrakte Schutzmacht, in diesem Fall Polizei und Justiz, ist anschließend nämlich einer von den beiden tot oder versklavt: Der Reiche oder der Arme. Sie bleiben jedenfalls nicht BEIDE satt und unbehelligt (und übrigens auch nicht friedlich oder frei). In einem funktionierenden Staatswesen, das beiden Grenzen setzt, und notfalls die Beachtung dieser Grenzen erzwingen kann, hätte diese Chance jedoch bestanden.

Solche Erkenntnisse schmerzen uns, weil wir heute demokratisch legitimierte Rechtssysteme HABEN, rechenschaftspflichtige Exekutiven, eingehegte, transparenzpflichtige Legislativen - ja, doch, es stimmt, wir regeln unsere Streitigkeiten friedlich (meistens), mit Verträgen (so man sich an sie hält) und mit den Mitteln des Rechtsstaats - und da liegt jetzt der Hund von Morris Buch begraben.

Es ist hier nämlich kein Buch über den Krieg geschrieben worden (das hat u. a. der von Morris reichlich zitierte Clausewitz getan), sondern über das, wodurch Kriege entstehen und was durch/nach ihnen kommt: Die Ordnung des davor/danach existierenden menschlichen Gemeinwesens, war sie vor oder nach dem Krieg besser? Besser im Sinne von mehr Chancen für mehr Menschen, friedlich zu leben und zu sterben (eben keines gewaltsamen Todes) und zu prosperieren (sich zu ernähren, zu wohnen, und nicht nur von der Hand in den Mund zu leben, sondern Zeit und Kraft für Kunst, Fortschritt, Denken zu haben). Für Letzteres muss man z. B. Handel treiben können; Subsistenzwirtschaft liefert für eine technologisch/kulturell hochentwickelte Gesellschaft nicht die nötigen Überschüsse. Gewinnbringender Handel ohne sichere Handelwege, zuverlässiges Vertragsrecht, neutrale Streitschlichter, ein Minimum an Schutz des Privateigentums und ausreichend Überschüsse für eine spezialisierte Arbeitsteiligkeit ist nicht möglich. Das alles schreit - na? Wonach wohl? Nicht gerade nach Anarchie und Catch as Catch can, oder?

Mit den Mitteln des Rechtsstaats kann ich friedlich sein und bleiben, wenn ich denn einen Rechtsstaat HABE. Da in mehrzehntausendjähriger Menschheitsgeschichte die Definition dessen was rechtens und/oder richtig ist, gewechselt hat wie zivilisierte Menschen ihre Unterhosen kann man sich nur an einer Konstante festhalten: Ich brauche zunächst mal einen Staat. In Morris/Hobbes Worten: Einen Leviathan.

Wenn nicht Bully der stärkste Dorfschläger potentiell der Potentat sein soll, dann brauche ich dafür jemanden, der bereit und in der Lage ist, dem Bully notfalls eins auf's Maul zu geben, und zwar möglichst ohne dabei selbst der nächste Bully zu werden. Ich brauche zudem den gleichen Jemand, damit der nicht nur die inneren Barbaren (Toynbee) sondern auch die äußeren abwehrt, und meine Sicherheit gewährleistet, im Idealfall auch gegenüber seiner eigenen Machtelite, falls die selbstsüchtig wird. Das ist, um mit Hobbes zu sprechen, die Geburtsstunde der Legitimität von Staatsgewalt, die Daseinsberechtigung, nein, die Daseinserfordernis von Leviathan.

Ein Blick in die Menschheitsgeschichte, den Morris übergreifend aber nicht oberflächlich unternimmt, zeigt, dass sich bisher noch kein handlungsfähiger Leviathan gebildet hat, ohne vorher seinen Anspruch mit einem Krieg durchgesetzt zu haben. Jedes Mal hätte die Menschheit/ihre betroffenen Teile die Möglichkeit gehabt, die gleiche Lösung friedlich zu erreichen. Sie hat es aber nicht GETAN! Hand auf's Herz: Wie häufig klappt's denn heute? Und wie häufig geht es schief? Die Schotten konnten abstimmen, in Jugoslawien seinerzeit hat man sich damit nicht aufgehalten, und manche stimmen ab, und es interessiert Niemanden....

Vor diesem Hintergrund ist Ian Morris Buch ebenso schmerzlich, wie es unwiderlegbar ist: Soweit nach einem Krieg - dessen Greuel und Furchtbarkeit Morris nie in Abrede stellt, auch wenn ihm das Viele unterstellen - ein größerer, leistungsfähigerer Leviathan entsteht, der mehr Menschen die o. g. positiven Lebenschancen eröffnet und die Quote derjenigen Menschen, die gewaltsam umkommen, reduziert, dann war dieser Krieg produktiv. Wenn es sich um Überfälle handelt, um Bürgerkriege die den Leviathan auf lange Sicht beseitigen oder nachhaltig schwächen, um langfristige Ruinierung von Handelsverbindungen - dann sind hinterher, und nicht nur währenddessen, mehr Menschen schlechter dran als vorher. Dann handelt es sich um einen unproduktiven Krieg. Morris beschreibt ausführlich, und belegt ausführlich, wie über Jahrhunderte hinweg produktive Kriege für das Entstehen leistungsfähiger Leviathane gesorgt haben, die ohne diese Kriege nicht hätten entstehen können.

Bemerkenswert vernachlässigt wird in vielen Rezensionen zu diesem Buch, dass Morris' These an dieser Stelle zweigleisig ist. Nicht nur hat der Krieg den Erschaffern des jeweiligen Leviathan in den Sattel geholfen. Die Erinnerung an das Grauen des Krieges macht die jeweilige Bevölkerung auch für längere Zeit friedensverliebt. Es dauert nach einem furchtbaren Krieg (dem Himmel sei Dank für kleine Gnaden!) ein bisschen bis die Leute wieder Lust haben, den Mist noch mal zu erleben. Diesen zweiten Teil von Morris These ("die Furcht vor dem Krieg") behandeln alle recht stiefmütterlich. Dabei ist er von wesentlicher Bedeutung.

Sie ist auch der Schlüssel zu Morris weiteren Thesen wenn er schließlich im 20. Jhd. und unserer heutigen Zeit ankommt. Nach dem 1 WK hatten sehr viele, nach dem 2. WK alle Europäer vom Krieg die Schnauze mehr voll als jemals eine Millionenansammlung von Menschen in der gesamten Geschichte unserer Spezies die Schnauze vom Krieg voll gehabt hat. Es wird jedem halbwegs geschichtlich Gebildeten bewusst sein, wie die Menschheit versucht hat, sich gegen noch einen verheerenden WK zu schützen: Mit mehr und stärkeren Waffen. Nach Stalingrad, nach Hiroshima, nach Dresden, nach Shanghai und Nanking - die Menschheit hat dem Krieg nicht abgeschworen, dafür hält sie ihn viel zu sehr für unvermeidlich (wer mir nicht glaubt, der möge sich die Berichterstattung, auf allen beteiligten Seiten, zur Ukrainekrise ansehen). Die Menschheit hat als ultima ratio gegen den nächsten alles verschlingenden Krieg jeweils ihren eigenen Leviathan gestärkt.

Noch nie waren die Menschen so schwer gewappnet und bewaffnet wie heute, wo sie alle beständig vom Frieden reden. Noch nie in ihrer Geschichte hatten Menschen genug Macht, um den ganzen Planeten zu vernichten, wie heute, wo sie beständig vom Schutz und Erhalt unserer schönen blauen Kugel reden. Die UNO, die EU, die NATO, die OSZE, die WTO, der Internationale Gerichtshof für Menschrechte, der Internationale Strafgerichtshof, und, und, und - noch nie war die Welt so bereit, über weltweite Organisationen nachzudenken, die Idee eines weltweit wirkungsmächtigen Gemeinwesens, EINER Menschheit auf EINEM Planeten wenighstens mal ernsthaft zu diskutieren, wie heute, wo ihr vor dem Vernichtungspotential, dass sie geschaffen hat, selbst derart graut, dass ihr die Knie schlottern.

Alle Friedensorganisationen dieser Welt sind semi-, quasi- oder richtig staatlich. Sie alle sind Leviathans Kinder und Geschwister. Und wer mir jetzt mit den NGOs kommt - ich respektiere sie aufrichtig, ich schätze sie sehr, ich bewundere sie uneingeschränkt: Und ich weiß, dass sie nur dahin gehen können (und heil wieder zurückkommen) wo, und wenn, und bis wohin ein handlungsfähiger Leviathan sie schützt. Wer sich mal die Statistiken toter, entführter, gefolterter oder eingesperrter Helfer anschaut, der weiß, wovon ich rede. Und wer mir jetzt mit der Spitzfindigkeit kommt, dass ja das Regime z. B. in Kambodscha zur Zeit der Roten Khmer ja auch ein Leviathan war - da war in Morris Buch was mit produktiv und unproduktiv, wir erinnern uns. Und mit dem Qualitätsmaßstab, dem Leviathan sich stellen muss, dem Lackmustest eines erfolgreichen Staates: Mehr Menschen mit Chancen, weniger Tote durch Gewalt, und zwar nicht nur für ein paar Wochen.

Die großen, multi- oder sogar supranationalen Leviathansprößlinge sind Teil der - nicht umsonst so genannten - Nachkriegsordnung. Als Hitler an die Macht kam, hatte sich der Völkerbund erledigt. Die Leute, die Hitler besiegten, haben die UNO geschaffen. Ich weiß, sie ist nicht perfekt, aber besser als der Völkerbund ist sie eben doch.... Charles de Gaulle hat Frankreich aus dem militärischen Teil der NATO herausgelöst. Weil er den Schutz der NATO nicht brauchte im Kalten Krieg, war ihm die Unabhängigkeit Frankreichs lieber. Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg führte Sarkozy Frankreich zurück in die Komplettmitgliedschaft in der NATO. In einer Welt der Multimilliardenkriegsbudgets kriegte Frankreich alleine kalte Füße. Ohne diese Angst vor Krieg hätte auch Sarkozy die nationale Unabhängigkeit nicht eingeschränkt.

Im 18., im 19. Jhd. - man hat in Europa lange und viel über die Segnungen des Friedens geredet. So lange die Kriege überschaubar blieben, und das blieben sie bis zum 1. WK, und keines der Völker durch Krieg in seinem Bestand gefährdet war, war die "nationale Ehre" (19. Jhd) oder ein möglicher Vorteil im Konzert der Mächte (18. Jhd), oder die "Freiheit" (ab 1789 in Frankreich und anderen Ländern) oder die "Wiederherstellung der natürlichen, rechtmäßigen Ordnung" (auch ab 1798 in England und anderen Ländern einschl. Preußen und Österreich und Rußland) allemal wichtiger als ein paar 1000 Menschenleben und ein paar verwüstete Landstriche. Immer, überall, und für die weit überwiegende Mehrheit aller Menschen. Auch hier liegt Morris völlig richtig: Von ein paar Ausnahmen, die die Regel bestätigen, gilt: Ohne Weltkriege kein Gedanke an Weltfrieden.

Und damit komme ich dann doch noch zu einem Kritikpunkt an Morris Thesen: Erstens hält die Angst vor Krieg, egal wie grausam der letzte auch war, nicht ewig an (man sehe sich das heutige Kriegsgeschrei mancher Leute in Sachen Osteuropa an), und zweitens hat eine zunehmende wirtschaftliche und sonstige Vernetzung von Menschen und ihren Gemeinwesen noch nie auf Dauer den Krieg in Schach halten können. Seit es Menschen gibt, kämpfen Vernunft und Tier gegeneinander, und ich denke es stimmt, dass Leviathan den Käfig für das Tier abgibt, aber der Käfig ist nicht ausbruchsicher.

Frankreichs und Deutschlands Wirtschaftsinteressen waren Anfang des 20. Jhds untrennbar miteinander verflochten, die britischen und deutschen Eliten waren eng miteinander verbunden, verwandt, verschwägert, das britische Empire weder strukturell noch ökonomisch, noch militärisch, noch politisch auf einen Krieg vorbereitet, Russland in schwersten inneren Zerwürfnissen, innenpolitisch teilweise handlungsunfähig, Österreich militärisch nicht up-to-date, wirtschaftlich höchst sensibel gegen Störungen der transeuropäischen Handelsströme - und sie haben ihn DOCH geführt, den 1 WK. Sie KONNTEN es einfach nicht lassen.

Dass die Menschheit es ab jetzt wird lassen können, das muss Ian Morris leider für mich mitglauben.
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am 12. März 2015
Insgesamt ein sehr lesenswert.
Sicherlich Fordert das Buch Widerspruch heraus, allerdings ist die Ansicht in meinen Augen vertretbar. Aber wie bei allen globalen Deutungen der Menschheitsgeschichte, auch andere Erklärungen sind möglich und die Zukunft kann vollständig anders aussehen. Es aber als grundsätzlich falsch zu bezeichnen fällt schwer.
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am 11. Januar 2016
Dieses Buch gehört zu den seltenen Werken, wo eine ganze Disziplin (hier die Geschichte) zu einem griffigen und leistungsfähigen Modell kondensiert wird. Mein historisches Verständnis hat sich durch diese Lektüre deutlich erweitert, vor allem ist es klarer geworden. Sicher wird man dem Autor Vereinfachungen, vielleicht sogar Verzerrungen vorwerfen, das ist im Grunde unvermeidlich. Doch auf jeder Seite des Buches wird klar, dass Morris über ein UNGEHEURES Wissen verfügt, die Breite und die Tiefe seiner Kenntnisse behindern den Lesefluss aber nicht. Das Buch ist gut geschrieben.
Wie sieht Morris's Modell der Geschichte aus?
Die Differenz von Krieg und Frieden wird unwesentlich, er schreibt ganz aus der Perspektive des Krieges. Und dabei wird nicht zwischen gerechten und ungerechten oder gewonnenen und verlorenen Kriegen unterschieden, sondern zwischen produktiven und unproduktiven. Erstere führen zur Entstehung von mächtigen Reichen (Leviatanen), letztere zerstören sie.
Zunächst waren die Menschen Nomaden und es gab nicht viele. Kriegsähnliche Handlungen kamen vor, aber sie veränderten nichts wirklich. Dann wurden die Menschen mehr und sesshaft, um die Ausbeute an Nahrungsmitteln zu vergrössern. Mit der wachsenden Bevölkerung breiteten sie sich immer weiter aus, bis sie von allen Seiten durch Ozeane oder unfruchtbare Gebiete begrenz wurden. Das Ergebnis war in Eurasien ein zehntausend Kilometer breiter Streifen von England bis China, die 'glücklichen Breiten'. Man sieht, dass Morris den noch immer verbreiteten Eurozentrismus schon im Ansatz vermeidet.
Sobald die glücklichen Breiten 'voll' sind, beginnt das Zeitalter der produktiven Kriege. Reiche entstehen, die tendenziell immer grässer werden. Im Westen Rom, weiter östlich dann Persien, Indien und China. Das geht ungefähr tausend Jahre lang. Danach folgt, ebenfalls ein Jahrtausend lang, die Ära der unproduktiven Kriege. Das kommt daher, dass sich im eurasischen Kernland eine ausgeprägte Steppe befindet, die sich sehr für die Pferdezucht eignet und eine nomadische Kriegsführung gebiert, mit der die grossen Reiche nicht richtig zurechtkommen. Diese Nomaden (die üblen 'durchziehenden Banditen' im Gegensatz zu den strategischer operierenden 'stationären Banditen') zerstören Staaten, so dass ein langes Gleichgewicht aus Aufbau und Zerstörung herrscht, das erst durch den Gebrauch des Schiesspulvers zerbrochen werden kann und dann über den Kolonialismus zu weltumspannenden Leviathanen führt.
Morris beschönigt nichts, er rechtfertigt nichts, er erklärt. Die paradoxe These, dass durch den Krieg die Welt sicherer und wohlhabender geworden ist, ist sein Leitgedanke.
Mehr will ich nicht verraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dieses Buch ohne Gewinn für sich liest.
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am 30. Oktober 2014
Wer Ian Morris liest, versteht die Welt besser... Es beeindruckt sehr, wie ein ernsthafter Wissenschaftler es zustande bringt, zum Teil überaus komplexe Zusammenhänge so unterhaltsam darzustellen wie einen Kriminalfall...
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am 20. September 2015
Der Krieg hat zwar vom Anfang der Menschheit an, die technische Entwicklung voran gebracht, die Inteligenz wachsen lassen und angeblich die Welt sicherer gemacht, ohne Krieg würden wir uns sicher heute noch mit Steinen bewerfen. Aber für Wesen, die sich so viel auf ihre Vernunft und ihren Verstand einbilden, ist es doch eine ziemlich erbärmliche und primitive Art, so zu handeln.
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am 18. August 2014
Alle Kommentatoren haben wohl nicht bis zur Seite 475 "Was wir zu tun haben ..." gelesen, wenn man von dieser Stelle aus das Buch von vorne liest bekommt man, das glatte erschauern, (2014 an meinem PC, "1983, ich mit meiner Schreibmaschine").

Hier wird der Anspruch der USA auf die globale Befriedung der Welt, und da hätten doch Partner mitzutun - ansonsten ..., ausgedrückt.

Und nun sollte mal Herr Morris ein faktenreiches Buch schreiben über das imperiale Wirken der USA (sagen wir mal beginnend mit den ersten Sternen, mit der Metzelung der Indianer, der Metzelung zw. Süd- u. Nordstaaten),in Mexiko, Korea, Afganistan etc. etc, welches zur Befriedung der Welt beigetragen hat.

S.475 mal so " und bei alledem die ganze Zeit ihre Verbündeten bei der Stange halten .... Sie müssen es schaffen, führende Politiker von der selben Qualität amtieren zu lassen, wie sie im Kalten Krieg an der Spitze waren ....

Meint er da McNamara, Kennedy, Nixon ...

Sorry, das amerikanischer Darwinismus.
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