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am 11. Januar 2007
Wie immer, wenn sich jemand nicht vor Pauschalaussagen fürchtet, kann man über das Ergebnis geteilter Meinung sein, anregenden Diskussionsstoff zur gegenwärtigen Krise der (nicht nur) deutschen Befindlichkeit bietet Grünewalds Buch jedoch allemal.

Seine Kernaussage zur Lage der Nation, die Deutschen hätten sich aus dem Risiko des tatsächlichen Lebens zurückgezogen um es sich mit einem handlichen Abziehbild davon auf dem Sofa gemütlich zu machen hat er im Bild des digitalen Lebenskonzepts eingefangen: Früher glich der eigene Lebensablauf einer Vinylschallplatte: wurde einmal die Nadel aufgesetzt so war man unausweichlich dem Ablauf der analog sich vollziehenden Schicksalsfolge ausgeliefert, Abnutzungserscheinungen mit eingerechnet. Das digitale Zeitalter dagegen hat mit der gelieferten Freiheit, uns unsere 'Lieblingsstücke' immer wieder vorspielen zu lassen die natürliche Entwicklungssequenz des Lebens unterbrochen; und zwar zugunsten der Illusion immerwährenden Neuanfangs. Das Resultat: Orientierungslosigkeit, Lähmung, Angst vor Entscheidungen, Rückzug ins Private und nicht zuletzt Selbstbetäubung und Wirklichkeitsflucht mit Flasche und 'Flimmertapete'.

Viele Symbole der Gegenwartskultur werden vom Autor als Indikatoren für die herrschende Neigung, sich dem Leben wenn überhaupt, dann nur noch mit Vollkaskomentalität zu nähern: Handys als Ersatznabelschnur, das Internet und Fernsehen als Jahrmarkt der Gefühlsanlässe, Fußball, damit der ständig glattgebügelte Mann auch mal ein bisschen Abenteuer erlebt und schließlich die Komikerinflation auf allen Fernsehkanälen als Ausdruck einer vulgärrelativistischen Grundhaltung des Mainstream; nur nichts Bedeutungsschweres zulassen, Konsequenzen vermeiden, Ernsthaftigkeit beunruhigt nur. Das Leben wird mehr simuliert als gelebt.

Und wem haben wir das zu verdanken? Der indifferenten kuschelsüchtigen Jugend, die gleichzeitig alle mit ihrer abgeklärt zur Schau getragenen Coolness angesteckt hat.

So zumindest sieht es der Autor und vergisst dabei leider, dass die Jugend noch nie etwas zu sagen hatte. Es wäre vielleicht eher darüber nachzudenken, ob es nicht die Eliten sind, deren Lebenserfahrung das Grundgefühl genährt hat, es gäbe so etwas wie ein Recht auf ständigen Aufschwung. Für eine solche Sicht der Dinge stellten Zukunftsvisionen nämlich eine tatsächliche Bedrohung des Weltbildes dar.

Es hätte dem Buch auch nicht geschadet, wenn der Autor seine durchaus plausible These in einen etwas größeren Zusammenhang eingebettet hätte. Ähnliche Phänomene wie die beschriebenen gibt es auch in anderen Industriestaaten, wobei mir persönlich die Realitätsvermeidung in Japan am fortgeschrittensten zu sein scheint.

Außerdem stellt sich die Frage, ob geschichtlich gesehen die vom Autor als Stagnationsgrund genannte Minimierung von Lebensrisiken nicht letztendlich der Grund für jede Art technischen Fortschrittes und damit Zuwachses an Lebensqualität ist. Zwingend ist die Argumentation des Autors nur dann, wenn er eine Konsumentenhaltung an das Leben unterstellt, was seine oben genannte Schallplattenanalogie tatsächlich auch nahe legt.

Ärgerlich wirken vor allem in den ersten Kapiteln einige Orthographiefehler, die zu nahe an den korrekten Formen sind um als Tippfehler durchzugehen (Bummerang, projezieren).

Auch die penetranten Kalauer schaden meiner Meinung der Sache mehr als dass sie nützen ('gut unterrichtete Greise').

Der letzte Abschnitt, vom Autor offensichtlich als Trostkapitel gedacht (nach dem Motto: 'Ist alles halb so schlimm, denn wer Harry Potter Bücher liest, ist schon auf dem richtigen Weg') hätte auch weggelassen werden können. Zu gesucht und beliebig sind die Indizien für einen Bewusstseinswandel. Betrachtet er z.B. in einem früheren Kapitel die Anteilnahme an Film- und Fernsehschicksalen als Zeichen von Eskapismus, wertet er die ansteigende Lektüre von Biographien jedoch als Indiz wachsender Problembewusstheit. Will heißen: Fernsehen schlecht, Bücher gut.

Dass in einem allgemeinverständlichen Buch mit ca. 220 Seiten bisweilen Banalitäten und Redundanzen auftreten ist unvermeidbar, wenn nicht sogar im Sinne der Lesbarkeit mitunter wünschenswert. Dass allgemeine Aussagen vergröbern müssen, liegt ebenfalls auf der Hand; die Alternative wären Aufzählungen von Einzelfällen ohne vereinheitlichende Stellungnahme, postmoderne Beliebigkeit sozusagen.

Fazit: Unterhaltsame, nachvollziehbare Argumentation, wenn auch mit Längen und Redundanzen. Treibt plausible, wenn auch nicht immer konsequente Ursachenforschung verschiedenster Gesellschaftsphänomene mit leichter kulturpessimistischer Grundtendenz.

Durchaus lesenswert.
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am 13. Mai 2007
Stephan Grünwald führt seine Analysen zum seelischen Notstand der Nation auf 20.000 psychologische Tiefeninterviews zurück, die er – Psychologe und Psychotherapeut – mit seinem Beratungsinstitut über Jahre durchgeführt hat. Er zeichnet damit das Bild einer Gesellschaft, die sich im Koma des Status Quo am wohlsten fühlt, obwohl sie sehr genau weiß: Je später sie daraus erwacht, desto schlimmer.

Was Grünwald beschreibt, ist eine – im doppelten Sinne (vor dem Psychologen und dem Fernseher) auf der Couch liegende, tief verunsicherte Bevölkerung. Eine Bevölkerung, die in ihrer manisch verdrängten Sinnsuche ständig auf der Flucht vor Verbindlichkeit und letztlich sich selbst ist.

Fehlende Orientierung und Harmoniesucht sind weitere Kennzeichen, die hinter dieser Form der Unreife – ja der Verweigerung, reif werden zu wollen – stehen. Die durch Fernsehn und Internet antrainierte Multioptionalität der Lebensweise führt dazu, dass versucht wird alles weg zu zappen, was unangenehm oder verbindlich werden könnte.

Dieses Buch ist aufrüttelnd und tiefgründig in der Analyse und zeigt: Wer sich der von Grünwald beschriebenen Alltagsflucht entzieht und das Hier und Jetzt gestaltet, der wird persönlich reifen und zu jener Elite gehören, welche notwenige Veränderungen voran bringt.

Was „Runter von der Couch“ besonders packend und wertvoll sein lässt, ist die Unerschrockenheit, mit der sein Autor auch scheinbar unzeitgemäße Fragen aufgreift: Wer füllt Werbebotschaften mit Verhaltensmustern, die uns manipulieren? Wer propagiert „Gender Mainstreaming“? Warum degeneriert Toleranz so weit, dass Intoleranz schon da beginnt, wo jemand nur eine eigene Meinung vertritt? Wer definiert den „Maulkorb der political correctness?“

Diesem aufrüttelnden Buch sind zwei Nachfolgebände zu wünschen: Einen, der die Seeleningenieure der medialisierten Republik offen legt, einen anderen der sich mit der Frage beschäftigt, wie wir uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien können.

Wer Veränderungen will, muss mit dem Lesen dieses Buches beginnen.

Runter von der Couch: Willkommen in der Wirklichkeit!

Lesetipps: „Wir amüsieren uns zu Tode“, Neil Postman / „Wie können wir denn leben?“ (engl.: „How should we then live?“) Francis Schaeffer / „Worauf warten wir?“, Notker Wolf / “Gender - Politische Geschlechtsumwandlung“, Volker Zastrow und Anke Feuchtenberger / „Das Methulsalem-Komplott“& „Minimum“ von Frank Schirrmacher / „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, Karl Popper
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Uns geht es gut, wird sind zufrieden. So lautet das offizielle Ergebnis, wenn man die Menschen in Deutschland oder der Schweiz nach ihrem Befinden befragt. Ein Ergebnis, das einmal mehr zeigt, wie untauglich die Methode ist, mittels Fragebögen zu wirklichkeitsnahen Resultaten zu kommen. Denn macht man sich die Mühe, mit Menschen zu sprechen, sie im alltäglichen Verhalten zu beobachten und ihnen Raum für Gefühle zu lassen, kommt meist etwas ganz anderes heraus. Vor allem, wenn es um Bilder der eigenen Identität geht. Und weil das auch der Psychologe Stephan Grünewald weiss, geht er anders vor. Zusammen mit seinen Mitstreitern vom Institut für Kultur-, Markt- und Medienforschung, rheingold, führte er 20'000 Tiefeninterviews durch, die mehr Aufschluss über die Befindlichkeit der heutigen Gesellschaft geben. Der Titel seiner Ergebnisse lautet „Deutschland auf der Couch". Doch als Schweizer fühlte ich mich bei den meisten Analysen, Thesen und Bestandesaufnahmen einbezogen. Das Trauma des Zweiten Weltkrieges ist bei uns zwar ein anderes, führte aber zu ähnlichen Langzeitwirkungen. Der Untertitel „Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft" könnte auch der Haupttitel sein.
In acht Kapiteln legt Grünewald Belege für die Richtigkeit seiner Hauptthese vor. Und die lautet: Unsere konstruierte Vorstellung vom irdischen Paradies hindert uns daran, das Leben so anzunehmen, wie es nun mal ist. Wenn ich von Belegen spreche, so vertusche ich damit eine der grossen Qualitäten dieser notwendigen Bestandesaufnahme, denn Grünewald legt keine langweilende Studie, sondern eine mitreissende Geschichtensammlung vor. Eine Sammlung, die auf 185 Seiten das ganze Panoptikum individueller und gesellschaftlicher Ängste, Verdrängungsstrategien, Sehnsüchte und Hoffungen vorführt. Dank wissenschaftlichen Objekten verschiedener Brennweiten geraten so viele Aspekte ins Blickfeld, dass sich der Leser in seinem ganzen Dasein erkennt. Daher finde ich es schade, dass es kein Stichwortregister gibt. Aber das ist denn auch schon der einzige Mangel, den ich anzumerken habe. Denn dass der Autor sich nur an der Stelle persönlich einbringt, wo er über seine behinderte Tochter spricht, hat mit meiner eigenen Biografie mit einer behinderten Tochter zu tun. Andere Leser wird dieses sparsame Eindringen persönlicher Schicksalsgeschichten nicht stören. Aber immerhin geht es bei den in Kapitel neun skizzierten Lösungsvorschlägen gegen Seelen raubenden Stillstand auch zentral darum, sich „beherzt und uncool auf die Risiken der Entwicklung und des Schicksal einzulassen." Dazu wird man durch das liebevolle Annehmen eines behinderten Kindes automatisch gezwungen.
Die Aufgabe, die sich Stephan Grünewald stellte, ist überaus anspruchsvoll. Denn irgendwie muss er die paradoxe Situation meistern, 185 Seiten lang die Verdrängungsmechanismen einer ängstlichen, stillstehenden Gesellschaft aufzuzeigen, ohne dass diese Grünewalds messerscharfe Analyse nicht verdrängt und sich vor dem Ende des Buches ausklinkt. Vielleicht hätte er sich dazu noch einiger dramaturgischen Tricks bedienen müssen. So wie es die Regisseure der Filmepen machen, die Grünewald als Beispiele anführt.
Mein Fazit: Eine der besten, tiefsinnigsten und treffendsten Gesellschaftsanalysen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Gefiel mir noch besser als die umfangreicheren Werke von Gerhard Schulze oder Peter Sloterdijk. Auch weil man bei Grünewald weder auf zynische Statements, noch auf platte Schuldzuweisungen stösst.
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am 4. Mai 2007
Ein Buch dieser Art muss polarisieren, soll es vermutlich auch. Man stößt sich leicht an der unreflektierten Verallgemeinerung weniger Befragter auf ein ganzes Land oder der boulevardesken Kürze der Teiluntersuchungen. Ohnehin ist dieses Werk mehr Unterhaltungsliteratur als Wissenschaftsanalyse - das ist so gewollt und auch okay. Anstatt sich darüber zu mokieren, welche formalen Fehler der Autor begangen hat, sollte man sich auf die Inhalte beziehen: Sind die Aussagen treffend, ist die Kritik angemessen?

Mir persönlich scheinen die meisten Schlussfolgerungen, die getroffen werden (Rollenkonflikte, Sinnvakuum, Überforderung, Isolierung) als angemessen und richtig erfasst, vor allem im Bezug auf meine (junge) Generation. Einen Ausweg aus dieser Krise kann der Autor nicht zeigen, der Schlussteil ist de große Schwäche des Buches. Aber was davor an Untersuchungen zur Befindlichkeit eines großen Teils der Deutschen dargeboten wird, ist diskutabel und interessant und darum auch leseswert.
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am 9. Februar 2006
Deutschland? Na gut, vielleicht nicht "Deutschland", aber ich auf jeden Fall. Dann also doch "Deutschland", denn, wenn "Du Deutschland bist", dann bin ich es auch. Also nochmal: Auf dieses Buch hat Deutschland gewartet.
Endlich hat jemand, leicht verständlich und offenbar auch wissenschaftlich fundiert, erklärt, dass der "Wahnsinn", den man sich oft schon mit besten Freunden gar nicht zu besprechen traut, gar nicht so wahnsinnig ist. Gut für mich, schlecht für meinen Therapeuten ... - Scherz beseite.
Nein, im Ernst. Die eigene Orientierungslosigkeit, die man allenthalben spürt, scheint ein Zeitgeist-Phänomen zu sein und DAS Kennzeichen des modernen Menschen. Nicht mehr und nicht weniger. Gut zu wissen.
Was lernen wir eigentlich in unzähligen Therapiesitzungen, über die wir möglichst nicht öffentlich reden? Was versprechen wir uns von dem Gespräch auf der Couch, in dem wir einfach mal alles beim Namen nennen? Genau: eine Hilfe unser Leben bzw. den Alltag besser in den Griff zu bekommen. Aber wie?
Darauf hat Stephan Grünewald eine Antwort gefunden.
In seinem Buch hat er die Ergebnisse von rund 20.000 tiefenpsychologischen Interviews zusammengefasst.
Er geht dabei sehr differenziert auf jeden Lebensbereich ein: Mannsein, Frausein, jugendlich sein, Freizeitgestaltung, Fernseh-Konsum, Ernährung, Gesundheit, etc.
Und das Ganze schreibt er erfreulicherweise nett und ausgesprochen sympathisch auf. Man möchte sich gleich zu ihm auf die Couch setzen oder zumindest mal einen Kaffee mit ihm trinken und leckeren Kuchen dabei essen.
Also: Was empfiehlt er?
Wir sollen die kleinen Dinge des Alltags wieder mit Hingabe erledigen und nicht zu viel vom Leben erwarten, dann stellten sich die Leidenschaften wieder von selbst ein. Sprich: Dann käme auch die "Liebe" wieder, die Liebe und die Lust am Leben. Klingt gut.
Er hält ein Plädoyer für neue Helden: die Helden des Alltags. Auch das kommt gut. Auf der ewigen Suche nach dem Sinn, herauszufinden, dass alles was man so tagtäglich macht der eigentliche "Sinn" ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Gilt also doch: Der Weg ist das Ziel? Vielleicht.
Beste Begleiterscheinung der Lektüre: der Hinweis auf das Buch von Enja Riegel "Schule kann gelingen", in dem die Schulleiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule, die beim PISA-Test wohl mit größtem Abstand alle Schulen in D. in den Schatten gestellt hat - ihr ganzheitliches Pädagogik-Konzept vorstellt. (Sollte zur Pflicht-Lektüre werden & eine Lehrplan-Änderung in allen Ländern bewirken!)Aber dies sei nur am Rande erwähnt.
Danke, lieber unbekannter Herr Grünewald, für das schöne Buch.
Wenn ich ein "Heidenreich" in meinem Nachnamen hätte, würde ich sagen: LESEN! Lesen Sie dieses Buch! Es erfreut, es erklärt, es hilft.
In diesem Sinne: ich gehe jetzt einkaufen - mit Hingabe natürlich - freue mich auf das Abendessen und die nächsten Gespräche auf der Couch: mit meinem Therapeuten über dieses Buch.
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am 9. November 2012
Vielseitig beleuchtetes Thema zeitlos deshalb Buch noch nicht veraltet. Fluessig und verstaendlcih geschrieben. Sollte oefcter Gegenstand der oeffenlichen Diskussion werden
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HALL OF FAMEam 21. Juni 2006
°

Ein vielversprechender Titel mit aktuellen Erkenntnissen zur Lage Deutschlands und dann so was! Mit 20.000 Tiefeninterviews wirbt Grünewald für sein Buch und natürlich auch für sein 'rheingold institut'. Wann und wie diese Interviews durchgeführt wurden bleibt weitgehend unklar. Erst im Literaturverzeichnis merkt man, dass diese Interviews aus vielen verschiedenen Studien des 'rheingold instituts' bestehen, von denen einige schon viele Jahre zurückliegen.

Buch und Autor müssen sich einfach die Kritik gefallen lassen, dass hier ziemliche Augenwischerei betrieben wurde und die erhoffte Datenbasis überhaupt gar nicht zum Tragen kommt. Im laufenden Text wird immer nur ganz allgemein auf die Interviews verwiesen – der gutgläubige Leser wird sich damit schon abspeisen lassen. Auch sonst gibt’s kaum konkrete Verweise auf die weiteren Quellen.

Durchgehend nervig empfand ich die undifferenzierten Aussagen, wenn Grünewald feststellt 'DIE Deutschen sind so und so …' oder 'DIE Frauen …' - also 20.000 Interviews auf ein einziges Fazit reduziert - und danach seine Sicht der Welt als Forschungs- oder Umfrageergebnis unterjubelt. Wer so viele Interviews als Basis hat und denken kann, hat doch solche Pauschalbewertungen nicht nötig.

Unterhaltsam ist das Buch zwar, teilweise mit interessanten Perspektiven auf aktuelles Zeitgeschehen (ebay-Auktionen, verschiedene Filme, Werbekampagnen) – man findet sich als Leser also oft wieder im Buch. Die psychologischen Deutungen des Autors sollte er jedoch auch als seine Meinung darstellen und nicht als vermeintliche Fakten verkaufen. Bei der durchwegs eingängigen Schreibe nickt man als Leser sonst allzu leicht alles ab und schluckts als Wahrheit. Kritikwürdiges Buch mit guten Ansätzen und hohem Werbungsfaktor für das 'rheingold institut'. 2 bis 3 Sterne.

~
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am 22. Februar 2006
Dies ist ein Buch für alle, die sich fundiert in die Lage unserer Nation einarbeiten und sich dabei einmal auf etwas grundlegend Neues einlassen wollen. Ein Buch, das sich leicht und spannend liest, das aber zugleich auch hohe Anforderungen an seine Leser stellt, sich auf eine wirklich ungewöhnliche Perspektive einzulassen. Wer dies nicht will oder dies nur mithilfe eines Zahlenbatallions kann, der sollte die Finger davon lassen. Denn hier muss schon eine Bereitschaft da sein, einmal loszulassen und der Sicht des Autors konsequent zu folgen.

Dabei muss man sicher nicht immer und in jedem Detail seiner Meinung sein, insbesondere wenn es um persönliche Erlebnisse des Autors geht, die er immer mal wieder beispielhaft einflechtet, aber: der große Bogen ist erschlagend glaubhaft und zugleich simpel, gerade dadurch erhält er seine konzentrierte Wucht.

Auch erscheint die Zahl von 20.000 Tiefneinterviews extrem! wer sich einmal etwas näher mit diesem Feld beschäftigt hat, der wird sich fragen, wie Herr Grünewald die hat auswerten können. (Wahrscheinlich haben seine Mitarbeiter das getan...) Insofern: Hier hätte sicher eine Formulierung wie 'Aus 15 Jahren Tiefenforschung' oder 'Ein Konzentrat aus 15 Jahren Forschung' für mehr Klarheit gesorgt. Aber das sind Marginalien im Vergleich zu dem, was das Buch dann tatsächlich bietet: Einen anregenden Lesespaß mit viel Tiefgang.
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am 20. März 2006
Ich bin gefesselt von diesem Buch und hole es auch heute noch immer wieder heraus, um einzelne Passagen nochmals nachzuschlagen. Eine Lektüre, die nachdenklich stimmt, teilweise heiter ist und auf wundervolle Art, MEIN momentanes Lebensgefühl wiederspiegelt und vorallem erklärt! Ich habe auf jeder Seite ein Aha-Erlebnis gehabt und kann gesellschaftlich interessierten Menschen und solchen, die sich selbst reflektieren wollen dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Hochachtung Herr Grünewald, nicht nur für die Klarheit Ihrer Sichtweise, sondern auch für Ihre brillante Art zu formulieren!
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am 25. Mai 2006
Dies ist eines jener Bücher, dass einem wohl eher zufällig in die Hände gerät und dann Erstaunen auslöst, weil hier mit schlichten einfachen und mitunter auch augenzwinkernden Worten unsere private und inoffizielle bundesdeutsche Befindlichkeit sehr einprägsam beschrieben wird - keiner will darüber so recht sprechen, weil es irgendwie peinlich ist und wir alle darin verwickelt sind, und doch kommt man nicht umhin, die leider besorgniserregenden Beschreibungen zur Lage der Nation als Realität anzuerkennen oder vielmehr wiederzuerkennen. Nun ergeht sich der Autor aber nicht hysterisch in kulturpessimistischen Katastrophenszenarien, sondern macht Mut, sich auf das Leben, was eben nicht nur ein Zuckerlecken sein kann, mit all seinen Widrigkeiten und Herausforderungen einzulassen: kurz sich wieder darauf zu besinnen, das es so etwas wie Schicksal gibt, dem man sich stellen muß, wenn das Leben einen Sinn haben soll. In diesem Buch beschreibt der Autor, wie eine Gesellschaft - in diesem konkreten Fall die deutsche, aber das gilt wohl für die meisten Industriegesellschaften und wohl auch schon für etliche Schwellenländer - ihren gottlob immer noch real existierenden Erlebnishunger fast nur noch in den technisch perfekten Simulationsszenarien der vernetzten Medienlandschaft zu befriedigen sucht, um sich hernach, umgeben von allem nur denkbaren materiellen Komfort, in einem Alltag wieder zu finden, der als zunehmend öde und sinnlos empfunden wird. Letztlich zeigt der Autor auf, dass das Abentuer Leben in bedrohlichem Ausmaß nur noch als Simulationsorgie vor der technisch immer perfekter gewordenen Glotze "gelebt" wird. Das heißt nun nicht, dass hier die Medien verteufelt werden. Vielmehr wird erkennbar, dass sich während des vergangenen jahrzehntelangen Wohlstands die Gewichtungen des "wirklichen Lebens" und der "ästhetischen Illusion" so verschoben haben, dass unsere derzeit reale wirtschaftlich-gesellschaftliche Krise nur noch zu ängstlich-fordernder Besitzstandswahrung und Flucht in mediale Phantasien führt, statt den Gürtel enger zu schnallen und sich tapfer auf die tatsächlichen Schwierigkeiten einzulassen (und was dabei so alles passieren kann, ist gar nicht so selten spanndender und bewegender als die meisten Filme). Alles in allem also ist dies eín wertvolles und verständlich geschriebenes kleines großes Buch, verfaßt von einem Autor mit Herz und Verstand.
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