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1-9 von 9 Rezensionen werden angezeigt(1 Stern). Alle 84 Rezensionen anzeigen
am 26. Februar 2014
des ersten Tyrannen Buchs packte und animierte, gleich drei weitere Winterhoffbücher zu bestellen, ist inzwischen in großen Ärger umgeschlagen. Würde ich das erste Buch noch mit 4 Sternen bewerten - ein Punkt Abzug, weil mir die konkreten Beispiele fehlen - so sind die Nachfolgewerke ein reiner Abklatsch des bereits Gesagten. Immer wieder das Gleiche, nur anders verpackt, reine Geldschneiderei!!!
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am 12. Juni 2009
obwohl der nachfolger von "warum unserer kinder tyrannen werden" sich flüssiger liest und herr winterhoff an vielen stellen die im ersten buch vermissten verständnisvollen ansätze zum umgang mit kindern formuliert, ist es doch leider wieder so, dass für mich als grundtenor bleiben: er verbleibt in seiner frühkindlichen allmachtsphantasie (die er den kindern unterstellt und bei der ich zweifele, ob es die gibt. wenn aber ja, dann fand ich sie zuerst beim autor), ergießt sich in hanebüchende ursachen - und folgespektulationen und bleibt - trotz sicherlich bester absicht, für die kinder etwas gutes zu tun - ein in seiner eigenen biographie ungeklärter mensch und in seinem speziellen falle ein "wolf im schafspelz".
hier nun im einzelnen für interessiertierte meine kritikpunkte, wobei ich das aufgrund des umfanges der nicht stimmigen dinge nur auszugsweise machen kann:

FRÜHKINDLICHE ALLMACHTSFANTASIEN des autors - vom beginn des buches an schreibt er, dass es die elterliche aufgabe ist, die kindliche psyche zu entwickeln. (S. 25 die Psyche "....muss entwickelt werden". / "es ist ein stetiges Wechselspiel, welches im Normalfall die Entwicklung des Kindes in eine positive Richtung beeinflusst"). hier zeigt er seine ansicht, dass der erwachsene derjenige ist, in dessen händen alles liegt. so ist es nicht. auch das kind ist sehr aktiv in der interaktion. dieses so verstehen und festhalten an der formulierung könnte man mir nun als haarspalterei vorwerfen, es kennzeichnet aber in meinen augen doch ein dahinterliegendes weltbild vom erwachsenen als den former und gestalter und dem kind als rezeptiven teil, der nach seiner meinung zwar nicht mit kommandos, doch aber wie ein weiches formbares wesen angepasst werden muss. (S. 24 "....Aus natürlicherweise narzisstischen Kleinkindern können beziehungsfähige Wesen heranwachsen...."). nicht nur, dass die kinder ganz aktiv zur beziehung beisteuern, sie bringen auch eigenes mit, was man eben nicht beliebig formen kann. im übrigen verändern auch die kinder die erwachsenen (in der regel und wenn man sich darauf einlässt). Hier empfiehlt sich als Gegensicht "der kompetente Säugling" von Dornes.

"....ihm nämlich mit steigendem Alter immer deutlicher macht, dass es sich in einer Gesellschaft befindet, in der das ganze Leben ausschließlich aus Beziehungen und Interaktionen mit anderen Menschen besteht." (S.25) ..... der mensch ist in keinem alter als dem der säuglings - und kleinkindzeit so auf beziehungen ausgerichtet und deshalb viel wissender, was beziehungen, unterordnung etc. anbelangt, weil er dort absolut abhängig ist vom gegenüber usw usf... diesem konzept der macht des erwachsenen entspringt auch sein postulat, kinder in keine konsequenzenreiche entscheidung mit einzubeziehen. dies schone das kind und gebe ihm seinen zustehenden entwicklungsspielraum. das stimmt natürlich bei wirklichen erwachsenenthemen existenzieller und nicht existenzieller art. aber kinder sind durchaus in der lage und entwickeln (trainieren - so sein lieblingswort dazu) entscheidungsfindung, abwägen von konsequenzen, verzicht, unvereinbarkeit von unterschiedlichen dingen etc., wenn man sie in angemessene entscheidungen einbezieht.

HANEBÜCHENE URSACHEN unter anderem postuliert er, dass der säugling im paradies lebe und bis zum alter von 10 monaten das schreien als einzige ausdrucksmöglichkeit hat. zum umfang - und facettenreichen repertoire von säuglingen siehe wiederum "der kompetente säugling", mir geht es hier um einen anderen punkt. zum einen ist die säuglingszeit schon natürlicherweise alles andere als ein paradies (geburt / schwerkraft / atmung / verdauung / einschießende motorik / zahnen / farben - später räumlich sehen / entfernungen lernen etc.), zum anderen muss man konstatieren, dass gerade in unseren breitengraden ein respektloser umgang mit den bedürfnissen des säuglings nicht selten ist (siehe konzept der feinfühligkeit von mary ainsworth). mit dieser als selbstverständlich störungsfrei angenommenen zeit bleiben wichtigste ursachen im verborgenen, was sich daran zeigt, dass er ursachen sehr im außen sucht (sprich symbiose deshalb, weil die eltern sich durch den forschritt überlastet fühlen versus eklatanter mangel an symbiose in der zeit, in der für die eltern die symbiose wichtig gewesen wäre // projektion deshalb, weil positive bestätigung im außen fehlt versus vermeidung gesunder notwendiger autorität nach eigener autoritärer erziehung, die aus der erfahrung der eigenen traumatisierung heraus um jeden preis vermieden werden soll// kinder ohne frustrationstoleranz deshalb, weil sie es nie lernen konnten versus zu früh zu stark frustrierte menschen, deren möglichkeiten der kompensation völlig überfordert waren). damit belässt er die eltern in der opferposition und ist selbst inkonsequent (denn wer macht denn den fortschritt, wer bildet gesellschaft - eben die "gesunden" erwachsenen). wenn die ursache nicht erkannt wird (z.b. lichtschalter defekt als ursache für den nicht funktionierenden computer) kann auch die lösung nicht greifen

seine bezeichnung des partnerschaftlichen stiles ist im übrigen eine euphemistische bezeichnung für respektlosigkeit und hat mit partnerschaft nichts zu tun (kinder ohne anleitung, auf sich gestellt, ohne grenzen). kein mensch in einer firma würde es als partnerschatlich bezeichnen, wenn ein neuer kollege nicht richtig eingearbeitet oder über die regeln in der firma nicht informiert würde, erst recht würde man keine krankenschwester als partnerschaftlich bezeichnen, die dem patienten waschen, anziehen und aufstehen allein überlassen würde, wenn dieser dazu nicht in der lage wäre.

"WOLF IM SCHAFSPELZ": er schreibt in diesem buch sehr viel flüssiger, lenkt an vielen stellen ein bei offensichtlich erlebtem gegenwind, macht immer wieder darauf aufmerksam, wie wichtig ein liebevoller umgang mit kindern ist: WAS genau das aber alles beinhaltet, scheint ihm selbst weder aus der erfahrung noch aus seiner fachlichen qualifikation heraus bewußt zu sein. das zeigt wiederum sein buch (in dem er zum beispiel training im sport zum zwecke des erreichens einer leistung mit kindererziehung vergleicht) und ich persönlich rate sehr zur vorsicht mit der umsetzung der von ihm propagierten dinge, die sich als wohlgemeint geben, nicht zuletzt aber den erwachsenen in der machtposition belassen, lieblos wirken und immer wieder auch inhaltlich falsch sind (z.b. betreffend das duschen .... jeder dermatologe wird davon abraten, sich täglich von oben bis unten einzuseifen, dies erst recht bei kindern, die die sog. problemzonen der erwachsenen noch nicht haben).

nichts desto trotz hat das buch wichtige dinge angesprochen und es wohl auch einem publikum zugänglich gemacht, welches zu anderer literatur nicht greift. wichtig in diesem buch ist, wenn auch nur am rande erwähnt, die analyse (oder auch therapie) der erwachsenen, wobei es eben so ist, dass arbeit mit erwachsenen (seien sie nun überfordert, neurotisiert, traumatisiert oder unreif) immer auch arbeit mit dem inneren kind ist.

alles in allem bin ich eher traurig über das buch, weil ich glaube, dass der nutzen, den es wirklich haben könnte, den schaden, den es wohl eher anrichtet, nicht aufwiegen wird.
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am 13. Januar 2010
Böse Zungen behaupten ja, Psychologen und Psychiater haben diesen Beruf nur zur Selbsttherapie gewählt, und je mehr Seiten man von Winterhoffs wildem Sammelsurium liest, um so mehr drängt sich auch hier der Gedanke auf: da will sich einer gaaaanz wichtig machen, das Rad neu erfinden und so etwas wie mediale Aufmerksamkeit einheimsen, indem er Extremfälle aus seiner Praxis auf die gesamte Kindergeneration pauschal anwendet. Er fühlt sich durch die Flut von extrem gestörten Patienten (und deren extrem gestörter Eltern) wohl zum Messias in Sachen Kindererziehung berufen, um die Menschheit vor weiteren Extremfällen zu beschützen. So gesehen müsste jeder Arzt, gleich welches Fachgebiet, tonnenweise Bücher über die medizinischen Extremfälle ihrer Praxis schreiben, tun es aber trotzdem nicht. Warum? Weil nicht jeder mit dieser selbstgefälligen und narzisstischen Art eines Winterhoff anderen Menschen eine Zwangstherapie aufs Auge drücken will.

Für all jene, die erwägen das Buch zu kaufen: lasst es bleiben, ihr legt es nach wenigen Seiten wieder weg. Geht mit euren "gestörten" Kindern für das Geld lieber ein Eis essen oder ins Kino oder in den Zoo oder macht was sonst was schönes in der Zeit, die ihr euch fürs Lesen dieses Buches reserviert hättet.
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am 8. Oktober 2010
Winterhoffs "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" ist ein beängstigend erfolgreiches Buch. Es hat bis dato über 200 Kundenbesprechungen auf Amazons Homepage erfahren und ist zu einem Beststeller unter den Erziehungsratgebern des letzten Jahrzehnts geworden. Halt: Es wollte ja kein Erziehungsratgeber sein! Auch Band 2 der Winterhoff'schen Kinderanalyse sperrt sich im Untertitel gegen die Gleichsetzung mit anderen laienpädagogischen Publikationen. Immerhin ist sein Bekenntnis zur Belehrung offenkundig geworden, verspricht der Autor doch "Auswege" aus dem selbstgeschaffenen Dilemma, dass Erziehung nicht gegen die Folgen ungenügender Erziehung helfen soll.

Um es vorweg zu nehmen: "Tyrannen müssen nicht sein" ist besser als sein Vorgänger. Vielleicht hat die Grundhaltung, im zweiten Anlauf ein Heilmittel gegen den tödlichen Kulturpessimismus der ersten Schöpfung anzubieten, den Autor toleranter gemacht - ein bisschen menschenfreundlicher und optimistischer. Vielleicht auch haben Lektor und Verlag die historisch erprobte Strategie umgesetzt, dem Weltuntergangsszenario einen widerwilligen Propheten nachfolgen zu lassen, der desto glaubhafter erscheinen muss, weil er sich ein bisschen ziert. Immerhin kann man nun einigen Passagen insoweit folgen, als Erziehung veränderlich und die psychosoziale Entwicklung von Kindern gestaltbar ist. Noch immer spricht Winterhoff allerdings von "psychischer Reife", als ob das individuelle Selbstverständnis wie Bananen in der Ethylenkammer unserer Gesellschaft alterte. Aber er nennt nun wenigstens einige zentrale Aspekte einer günstigen Erziehungshaltung, zum Beispiel "dass das Kind die Reaktionen der Eltern auf dem Boden der Beziehung Vater-Kind oder Mutter-Kind mit Affekt begleitet erlebt" (S.26), wenngleich ohne Verweis auf prominente Autoren wie John Gottman, der über das "Emotion Coaching" bereits umfangreich forschte und publizierte.

Ein Hauptmangel auch des zweiten Werks bleibt, dass Winterhoff allenfalls über marginales Wissen in der Entwicklungspsychologie verfügt und daher reihenweise falsche Aussagen insbesondere zur frühkindlichen Entwicklung macht. Nichteinmal Piaget hätte ernsthaft behauptet, dass das Schreien die einzige Ausdrucksform eines Säuglings bis zum Alter von zehn Monaten sei (vgl. S.30). Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien der letzten einhundert Jahre befasste sich mit dem differenzierten Entstehen eines individuellen Selbstverständnisses des Kindes, mit dem es sich von seiner Umgebung zu unterscheiden lernt, doch Winterhoff behauptet, das Kind würde "bis etwa zum Alter von zweieinhalb Jahren in einer Phase verbleiben, in der es respektlos gegenüber seiner menschlichen Umwelt ist, da es sich alleine auf der Welt wähnt" (S.31). Dreijährige gehen für Mama aufs Klo und Fünfjährige werfen nur für Papa den Müll in die Tonne - der Autor hat doch laut Klappentext selbst zwei Kinder, scheinbar aber jeden Blick ins Kinderzimmer vermieden, wo bereits Kleinkinder den Dingen um sie herum eine eigene Ordnung geben.

Ein humoristisches Bonbon für alle Eltern nicht-autistischer Kinder: "Etwa ab dem 14. Lebensjahr ist es Jugendlichen möglich, Fehler und Schwachpunkte bei anderen Menschen zu erkennen. Sie merken jetzt genau, wann Mitschüler, Freunde oder Lehrer sich falsch verhalten. Ab 15 gilt das ebenfalls im Bezug auf die eigenen Eltern, und erst mit 16 Jahren erkennt der Jugendliche diese Fehler auch bei sich selbst." (S.35) Nun wird Ihnen als Eltern, Lehrern und Erziehern endlich offenbar, warum der Sechsjährige trotz ihrer Erziehungsbemühungen überzufällig häufig die Öffentlichkeit des Supermarktes für Wutanfälle nutzt, der Achtjährige sich über den stotternden Klassenkameraden lustig macht und die Zehnjährige die Ursache allen Streits im Hort auf den bösen Kevin mit der ADHS-Diagnose schiebt: Weil die armen Kinderchen es nicht besser wissen! Winterhoff hat damit zugleich für die Anhebung der Strafmündigkeit auf 16 Jahre votiert, denn ist es nicht unrecht, einen Menschen für sein Handeln zu verurteilen, der die eigenen Fehler nicht zu erkennen vermag?!

Ähnlich verwegen sind seine Ausführungen zum "Kindheitsbegriff im Wandel der Zeiten" (S.36ff.). Ausführlich zitiert er Philippe Ariès, auf dessen Hauptwerk "L'Enfant et la vie familiale sous l'Ancien Régime" - im Deutschen großzügig als "Geschichte der Kindheit" übersetzt - der Titel von Winterhoffs erstem Buch anspielt. Dass sich in den 50 Jahren seit Erscheinen von Ariès philologischer Studie eine Armada von Soziologen und Historikern mit den vielfach sozialgeschichtlich nicht haltbaren Aussagen auseinandersetzte bzw. diese akzentuierte, ging an Winterhoff vorbei. Alle Gesellschaften hatten und haben einen funktionalen Begriff von Kindheit, der das Kindsein nach Bedarf ausweitet oder einengt. Lügen wir uns nicht in die eigene Tasche: Es sind ja nicht die Kinder und Jugendlichen selbst, welche Themen wie PISA-Studie und Lehrstellenmangel, Erziehungsnotstand und Jugendkriminalität auf die Tagesordnung der politischen wie auch medialen Verwertung bringen! Da ist es fast schon rührend, wie naiv Winterhoff schreibt: "Eben deshalb sehe ich hinsichtlich des Kindheitsbegriffes einen erheblichen Reflexionsbedarf, da dieser emotionale Missbrauch von der Gesellschaft ja nicht bewusst gewollt ist." (S.41) Für diese Pauschalabsolution bedanken sich die Marketingexperten zahlloser Interessengruppen, die mit tausend verschiedenen Klischees von Kindheit nicht nur Bildungs- und Gesundheitspolitik, sondern v.a. auch blendende Geschäfte machen.

Mit Befriedigung liest man hingegen folgende Sätze: "Der Schutzraum, den Kinder früher dadurch hatten, dass Eltern ihnen Entscheidungen abnahmen, die sie noch nicht treffen können, weil sie deren Tragweite nicht überblicken, ist vollkommen verloren gegangen." (S.55) Sind auch Winterhoffs Beispiele und deren Analyse im Folgenden teilweise fragwürdig, so bleibt doch die richtige Beobachtung, dass eine neue Generation von Eltern ihrem Nachwuchs vom ersten Mehrwortsatz an die Welt erklärt und auf ein immer früheres Weltverständnis der Kleinen hofft. "Nicht die Ampel ist gefährlich, sondern der Straßenverkehr!" - und für die Kinder zählt künftig allein die Gefahr, die sie kennen und erkennen können, nicht aber die Grenze, die ihnen soziale Warnsysteme zum eigenen Schutz setzen. Winterhoff ist nicht der Einzige, der zu Recht die Ausdehnung des psychologischen Persönlichkeitsbegriffs auf die pure Existenz des Menschlichen beklagt, als ob Neugeborene sich bewusst sozial vernetzten und in der Gemeinschaft präsentierten. Auf dieser Grundlage glauben mittlerweile Millionen von Eltern in Europa und den USA, ihr Kleinkind sei hochbegabt und willensstark, obschon es ihm an sozialer Einsicht, Verhaltenskontrolle und Anpassungsfähigkeit mangelt.

Sind wir ehrlich: Mit der Bewunderung für das Kind an sich ist bei vielen Eltern und Pädagogen leider auch große erzieherische Unentschlossenheit und Feigheit verbunden. Winterhoffs Kritik an der falschen Partnerschaft zwischen Erwachsenen und Kindern bekommt in "Tyrannen müssen nicht sein" endlich Fleisch und Zähne - Beispiele und ihre gesellschaftliche Einordnung, welche die Absurdität einer darauf gründenden Erziehung offenbaren. Was der Autor im Kontext der Schule als ein Abschieben der Verantwortung anprangert (vgl. S.64), ist eine Krux unseres Bildungs- und Jugendhilfesystems geworden: Eine Armee an Pädagogen, die seelenruhig mit Kindern über das Messer spricht, in das sie die großen Kleinen und kleinen Großen später laufen lassen. In Schule, Hort und Therapie gehen Kinder quasi Verträge ein, wie sie sich zu verhalten haben, anstatt eine gute Entwicklung auch schwieriger Kinder durch bindende Strukturen und einen festen Rahmen abzusichern. Jenseits von Pausenhofschneeballwurfverordnung und Hilfeplanzielvereinbarung aber lauern Ausgrenzung und Pathologisierung des Kindes.

Das betrifft nicht zuletzt die ADHS-Kinder. Winterhoff schneidet das Thema mehrfach am Rande an, überwiegend im Kontext von Schule. Auf Sei-te 87 bezeichnet er die Diagnose als "schwer zu greifen". 30 Seiten früher schreibt er zum unterschiedlichen Temperament von Kindern: "Wir haben es hier vielmehr mit charakterlichen Eigenschaften zu tun, und zwar angeborenen und vererbten Verhaltensweisen, die kaum zu beeinflussen und daher für mich als Kinderpsychiater eher von nachrangigem Interesse sind." (S.57) Das erstaunt den Fachmann und verwirrt den Laien, dachte man doch bisher, dass die Psychiatrie als ein Feld der Medizin nachgerade um die Verbindung des Körperlichen mit dem Geistigen, des Physischen mit dem Psychischen bemüht sei. Entsprechend mager ist sein Beitrag zur Therapie von Verhaltensstörungen: Würden die Eltern ihre Kinder nicht als ein Teil ihrer selbst, Lehrer und Erzieher sie nicht als Partner begreifen, so wären alle gesund und glücklich. "Auswege", wie dem Untertitel des Buches euphemistisch angefügt wurde, sind da keine erkennbar!

Am krudesten ist das Kapitel 4 "Wohin führt der Weg? Entwicklungsperspektiven unserer Gesellschaft unter dem Vorzeichen fehlender Psycheentwicklung" (S.107ff.). Es ist die eigentliche Fortsetzung der Tyrannen-Prophetie des Erstlingswerkes und leidet unter derselben fragwürdigen Begrifflichkeit, die wie ein tiefenpsychologisches "Second Life" neben der Realität aufscheint - ein Globus, an dem die Welt erklärt wird und Fallbeispiele wie die Beschreibung von Modelllandschaften anmuten. Dabei spricht Winterhoff die eine und andere Wahrheit lapidar aus, für welche manch Pädagoge zu anderer Zeit heftig kritisiert worden wäre: "Das Fehlen einer funktionierenden Gewissensinstanz ist für das gesellschaftliche Zusammenleben ebenfalls keine erfreuliche Perspektive. [...] Für die Weiterentwicklung sozialer Strukturen ist es unerlässlich, die eigene Schuld sehen und verarbeiten zu können." (S.109) Wann haben wir solche Sätze das letzte Mal im Zusammenhang mit Amok laufenden Schülern und Passanten prügelnden Jugendlichen gehört?

Einer wachsenden Zahl von Menschen in unserer Gesellschaft fehlt nicht "Psyche" - diesen Kindern wie Erwachsenen fehlen Anstand und Moral, Werte, die einst zum Segen und Leid in homogenen sozial-religiösen Strukturen tradiert wurden. Heute ist an die Stelle der Konventionalität, welche die Aufklärung vor 250 Jahren als menschlichen Fortschritt feierte, der Götze eines hemmungslosen Individualismus getreten, dessen erstes Opfer die Eltern der verwöhnten Egozentriker sind, die in immer mehr Familien heranwachsen. Diese durch falsches Lob und pädagogische Eitelkeit geschaffene Disposition des Denkens und Handelns ist kein Fixiertsein in einer "oralen Phase", sondern ein erlerntes funktionales Handeln. Eine Gesellschaft, die Angst vor ihren Kindern bekommen hat, weicht ihrer Gewalt aus und gibt ihnen schleichend Recht.

Die Tragik von Winterhoffs beiden Büchern ist nicht so sehr ihr Gegenstand selbst, sondern die Hilflosigkeit, mit der sie dem eigenen Thema begegnen. Winterhoff legt wie der biblische Thomas seine Finger in die Wunden, wie dieser jedoch zur Selbstvergewisserung und kaum zur Heilung. "Ich verstehe mich als Mahner und Wegweiser" (S.181), schreibt er im letzten Kapitel. Er kann und will allerdings nicht sehen, dass seine Bestandsaufnahme eher lähmt als hilft, dass sein Schreiben sowohl inhaltlich als auch methodisch in die Vergangenheit weist statt in die Zukunft. Kein Wunder, dass seine Werke v.a. von jenen Mittelschichteltern geschätzt werden, die keine Probleme mit ihren Kindern haben, doch voll Mitleid und Misstrauen zugleich auf den Nachwuchs der Nachbarn und die Familien der Klassenkameraden ihrer Söhne und Töchter schauen. "Tyrannen müssen nicht sein" ist ein Wohlfühlbuch für all jene, die - durchaus auch aufgrund ihrer eigenen Erziehungsleistung - nicht mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen zusammenleben müssen. Eine pädagogische oder psychologische Offenbarung ist es, wie sein Vorgänger, hingegen nicht!
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am 2. August 2009
Folgt man W.C. Fields, so wäre Herr Winterhoff sicherlich ein besonders guter Mensch. Auch dieses Buch bietet schlichtweg die Frechheiten, die er Kindern gern unterstellt. Wieso sich Kinder besonders erfolgreich entwickeln sollen, wenn man auf ihre Befindlichkeiten keine Rücksicht nimmt ist einfach rätselhaft. Und wenn das, was der Autor mit 'Psyche' bezeichnet ein langwieriges (und kurioser Weise ich-fremdes) Training erfordern sollte, hat der begeisterte Leser einiges im Erziehungsalltag zu leisten. Ich halte mich lieber an M. Buber: 'der Mensch wird am Du zum Ich', lebe meinen Kindern ein anständiges Leben vor, wir haben dabei unseren Spaß und das Abitur springt am Ende auch noch dabei raus. Am Ende bleibt nur die Empfehlung: wer Hamburgs 'Richter Gnadenlos' Ronald Schill mochte, der wird dieses Buch lieben.
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am 23. März 2009
Nur exemplarisch zu einem Punkt des Buches:

Eltern wollen von ihren Kindern geliebt werden (weshalb sie sich dann inkonsequent verhalen)

Bisher dachte ich immer es sei ein soziales Grundbedürfnis des Menschen geliebt zu werden, egal von wem, sonst funktioniert doch keine Gesellschaft.

Im Gegensatz zu Winterhoff glaube ich nicht, dass es der Wunsch nach Liebe ist, der Eltern so handeln lässt. Es ist vielmehr mangeldes Selbstbewusstsein und die ANGST davor nicht geliebt zu werden. Und wo kommt die her? Er lobt die Erziehungsmethoden der Großeltern (der 60er, 70er und 80er), die die meisten, die seine Bücher lesen, wohl am eigenen Leib erlitten haben. Aber genau diese groß gewordenen Kinder erziehen heute Winterhoffs Tyrannen. Das wäre doch eine Reflektion wert gewesen, oder?

Kinder müssen Kinder sein dürfen! (Und Eltern Eltern!) Der Meinung bin ich auch! Aber wer definiert kindsein und elternsein? Für mich bestimmt nicht Herr Winterhoff. Ein Buch zum gruseln.
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am 24. Februar 2010
die Kritik an solchen Bücher wie Bueb & Co
von Henning Köhler
ja! gegen Winterhoffs Thesen ist ein Kraut gewachsen!
nachzulesen bei der Seite des Janusz-Korczak-Institut
jk-institut.de unter winterhoff pdf-datei

kann ich nur jeden empfehlen der merkt dass irgendwas nicht stimmt an diesen Diskurs...
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am 20. März 2009
In seinem neuen Buch versucht Winterhoff in Stil und Vokabular sein Image zu ändern und in breiteren Kreisen Zustimmung zu finden. Es ist auch wirklich für jeden etwas dabei, dem er oder sie zustimmen muß. Wenn da nur nicht immer wieder Aussagen dazwischen wären, die jemandem, der sich noch ein bischen Mitgefühl für Kinder bewahrt hat, den Magen umdrehen. Denn der Inhalt bleibt der gleiche. Alter Essig in neuen Schläuchen.

Er vermeidet Begriffe, die ihn als reaktionär erkennen lassen. Er benutzt statt dessen neutrale oder gar erziehungkritische Begriffe und Parolen, deren Bedeutung er jedoch völlig verdreht. War es im ersten Buch im wesentlichen der Begriff "Psyche", den er recht eigenwillig verwendete, so sind jetzt eine ganze Reihe dazugekommen, wie "Beziehung","Liebe" oder "Intuition", bei denen man rätseln muß, was er meint, damit seine theoretischen Erklärungen nicht im Widerspruch stehen zu seinen praktischen Empfehlungen.

Beispielsweise benutzt er die Parole "Beziehung statt Erziehung", die aus der Antipädagogik von Eckhard von Braunmühl kommt. Braunmühl lehnt jede Erziehung ab, weil sie die Beziehung stört, und versteht unter Beziehung eine freundschaftliche, gleichberechtigte von Subjekt zu Subjekt. Winterhoff dagegen meint mit Beziehung eine streng hierarchische, bei der das Kind nur Objekt ist. In der Praxis eine Dressur durch ständige Kontrolle und Zurechtweisung. So empfiehlt er, Kinder bis zu 12 Jahren nicht allein duschen zulassen, und sie darauf hinzuweisen, wenn sie irgendeine Stelle noch nicht eingeseift haben oder noch irgendwo Shampoo im Haar haben. Sonst würden sie das Duschen nie richtig lernen. Erwachsene würden eine solche Behandlung als Psychoterror empfinden. Ich hätte es als Kind auch so empfunden, bloß kannte ich damals das Wort "Psychoterror" noch nicht.

Doch Winterhoff scheint keinerlei Erinnerungen an seine Kindheit und an die Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern zu haben. Sonst könnte er nicht solch abstruse Vorstellungen von Kindern haben. "Sie finden sich in der gut gemeinten Freiheit überhaupt nicht zurecht", lernen nur Eltern und Lehrern zuliebe, und sind zu nichts fähig, was ihnen Erwachsene nicht wiederholt eingetrichtern. So etwas wie Persönlichkeit fängt frühstens mit 8 Jahren an, vorausgesetzt, die Eltern tun "intuitiv", das was er für richtig hält. Alles in allem genau das Bild vom Kind, das es Erwachsenen ermöglicht, jegliche Machtausübung gegenüber Kindern zu begründen.

Das Schlimme ist, das er dieses Bild vom Kind als einzig akzeptables voraussetzt, alle anderen sind gestört bis krankhaft, gesteckt in seine Schubladen "Partnerschaftlichkeit", "Projektion" und "Symbiose". Ein ganzes langweiliges Kapitel beschäftigt er sich damit, welche "Kommunikationsstörungen" sich ergeben, wenn nicht "das Kind als Kind" in seinem Sinne gesehen wird. Daß es auch eine ganze Menge lebenstüchtige Kinder gibt, die alles andere als "Tyrannen" sind, obwohl sie bei Eltern aufgewachsen sind, die ein ihm ganz entgegengesetztes Konzept vom Kind haben, dafür ist kein Platz in seinem engstirnigen fixiertem Weltbild.

Eine solche Engstirnigkeit ist auch das Ergebnis seiner "intuitiv" angewandten Methoden. Wenn einem Kind immer wieder eingehämmert wird, was "falsch" ist und was "richtig" ist, ist jede Abweichung vom "Richtigen" so mit verborgener Angst besetzt, das Kritik daran nicht mehr zugelassen werden kann. Ohne Freiheit im täglichen Leben kann sich auch keine geistige Freiheit entwickeln. Durch die Strukturierung aller Lebensbereiche, die er für notwendig hält, um Kindern Halt und Sicherheit zu geben, bleibt den Kindern kaum Raum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und selbst zu regeln. Später gehören sie dann zu den bemitleidenswerten Geschöpfen, die nicht sagen können, ob sie hungrig oder müde sind, ohne vorher auf die Uhr zu schauen oder die sich dreckig fühlen, wenn sie sich nicht mindestens einmal täglich von Kopf bis Fuß eingeseift haben.

Winterhoff, der so viel Wert legt auf Abgegrenztheit gegenüber Kindern, ist gegenüber seinem von Eltern und Gesellschaft eingeprägten Weltbild alles andere als abgegrenzt. Man könnte sagen, er hat dazu ein symbiotisches Verhältnis, er ist unfähig dazu, sich davon abzusetzen und weiterzudenken. Da sich die Welt mit ihrem Verhältnis zu Kindern weiterentwickelt hat, passt sie nicht mehr zu seinem Weltbild, also tut er alles, damit die Welt zurückkehrt zu seinem Weltbild. Er hat damit Erfolg, weil es vielen seiner Zeitgenossen ähnlich geht, weil sie ähnlich erzogen bzw dressiert wurden.

"Tyrannen" müssen nicht sein, da hat er recht. Kinder stattdessen wieder zu Spießbürgern wie Winterhoff zu dressieren, ist aber auch nicht die Alternative. Zum Glück sind nicht nur gestörte oder spießige Seelen möglich, sondern auch freie Seelen. Dahin sollte die Richtung gehen.
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am 21. Januar 2009
Ein Stern ist noch zu viel!!

Der Autor setzt Rebellion, Selbstbestimmung und körperliche Gewalt bedingungslos gleich mit Krankheit, Frustration und Fehlentwicklung. Er plädiert für die Notwendigkeit einer Erniedrigung der tiefsten, ureigensten Gefühle und Instinkte, in der Hoffnung, aus den Kindern werden systemkonforme, ausnutzbare Stereo-Typen. Dieses Buch ist neoliberale Propaganda, hier findet demzufolge keine Ursachenforschung statt, sondern Symptom-Bekämpfung. Der Autor macht all zu unmissverständlich klar, dass Kinder die Sklaven der Sklaven bleiben sollen. Was das dann für Konsequenzen hat (tiefenpsychologisch, soziologisch, kulturell), scheint der Autor wie es heutzutage sehr sehr üblich ist, auszublenden.

Wem an der Lebendigkeit der Kinder etwas liegt, der sollte sich nicht von oberschlauen Wichtigtuern beraten (emotional und pragmatisch entmündigen) lassen und das Wesen der Kinder von einem unbefangenen Standpunkt aus betrachten (ohne zu versuchen, Kinder marktfähig zu machen). Denn Tyrannen sind nötig: sie sind der Seismograph der Befindlichkeiten, ein neuer Wille, eine neue Kraft. Diese abzutöten durch eine schmierige Pädagogik wäre eine der schädlichsten Ausdrucksformen eines konservativen, dekadenten Zeitgeists.
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