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Kundenrezensionen

4,3 von 5 Sternen
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am 22. Januar 2013
In diesem Buch geht es darum, dass viele Dinge, die man heute für selbstverständlich nimmt, tatsächlich erst in den letzten paar hundert Jahren hergestellt worden sind: Der ruhig fließende Rhein, der "deutsche Wald" (im Gegensatz zum wilden Sumpfgestrüpp), die großen Talsperren etc.. Ich fand es sehr spannend zu lesen, wie einzelne Beamte oder Ingenieure für ihre Visionen gekämpft haben, wobei dann das herausgekommen ist, was wir heute einfach als "Natur" wahrnehmen. Wie anders muss doch das Leben vor diesen Veränderungen gewesen sein! Man stapfte durch unwegsame Sümpfe bzw. musste hier im Rheinland alle paar Jahre sein Dorf verlegen, weil es einfach immer wieder überschwemmt wurde. Und am neuen Ort wurde es dann nach zwei Jahren wieder überschwemmt.
Das Buch war amüsant zu lesen, wobei es nun auch wieder kein Krimi ist. Ich muss zugeben, dass ich im letzten Drittel aufgegeben habe - wobei, irgendwann werde ich das sicherlich noch einmal hervorholen und fertiglesen. Auch als Geschenk ist das Buch gut geeignet. Kaufempfehlung: Ja!
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am 13. März 2008
Es ist nun schon wieder zehn Jahre her, dass im Osten Deutschlands und in den angrenzenden Gebieten Polens und Tschechiens die Elbe, die Oder und andere Flüsse über die Ufer traten und ein wirklich verheerendes "Jahrhunderthochwasser", das ausnahmsweise diesen Superlativ einmal verdiente, große Gebiete dieser Länder überflutete. Mehr als hundert Polen und Tschechen verloren ihr Leben, Tausende Familien wurden obdachlos. In kleinerem Ausmaß spielte sich dasselbe im November 2007 an den Küsten der Nordsee ab mit der ernüchternden Erkenntnis, dass trotz aller Errungenschaften moderner Technik der Mensch offensichtlich nicht in der Lage ist, die Kräfte der natur zu beherrschen. Und doch hat er es immer wieder versucht.

Von diesen Projekten handelt dieses erstaunliche und lesenswerte, dabei überaus informative und lehrreiche Sachbuch des amerikanischen Historikers David Blackbourne, der an der Harvard Universität Europäische Geschichte lehrt und als einer der ausgewiesensten Kenner der Entwicklung des modernen Deutschland gilt.

In seinem neuen Buch versucht er am Beispiel der grundlegenden Veränderung und Umgestaltung der deutschen Landschaft seit dem 18. Jahrhundert aufzuzeigen, wie diese planvollen Projekte etwas zu tun hatten und haben mit der ureigenen deutschen Geschichte. Die Deutschen machten sich seit dieser Zeit auf zu einem regelrechten Feldzug gegen ihre Umwelt und bezwangen zielstrebig die Tier- und Pflanzenwelt, damals noch wilde Flüsse wurden begradigt und schiffbar gemacht und weite Flächen von Mooren, Sümpfen und Marschland wurden trockengelegt und wirtschaftlich nutzbar gemacht.

Von Friedrich dem Großen, der die Trockenlegung von Sumpfland als "Eroberungen von der Barbarei" bezeichnete, spannt Blackbourne den historischen und kulturgeschichtlichen Bogen über Johann Gottfried Tulla, den "Bändiger des Rheins" und den Dammbauer Otto Intze bis hin zu den Nationalsozialisten, deren Ziel die Eroberung von "Lebensraum" im Osten war.

Blackbourne zeigt minutiös auf, wie dabei Landgewinnung modernster Art und nationalsozialistische "Rassenpolitik" Hand in Hand gingen.
Dabei hatten schon früh Intellektuelle und Gelehrte darauf hingewiesen, dass diese Anstrengung zum Wohle der ganzen Menschheitsgattung unternommen würden. Schon 1780 sagte der Schotte James Dunbar: "Wir sollten lernen, gegen die Naturgewalten zu kämpfen, nicht gegen unsere eigene Gattung." Diese Ansicht setzte sich über Jahrhunderte in der deutschen Geistesgeschichte fort. Blackbourne zitiert Sigmund Freud aus dessen 1915 erschienenem Aufsatz "Zeitgemäßes über Krieg und Tod", wo Freud die Überzeugung vertrat, dass "die technischen Fortschritte in der Beherrschung der Natur" einen Glauben an die friedliche Regelung menschlicher Konflikte bestärkt hätten.

Walter Benjamin, marxistischer Kulturkritiker, stieß nach dem Ersten Weltkrieg in dasselbe Horn, als er beklagte, anstatt Flüsse zu kanalisieren, lenke die Gesellschaft den Menschenstrom in das Bett ihrer Schützengräben.

Blackbourne zeigt auf, dass die historische Wirklichkeit anders war. "Weit häufiger als wir denken, war die Entwässerung eines Sumpfes oder die Umleitung eines Flusses weniger das 'moralische Äquivalent des Krieges' ( um William James zu zitieren), als das Abfallprodukt oder die Dienerin des Krieges."
Bei der Abwägung, ob er bei seiner wissenschaftlichen Arbeit eher der pessimistischen Sicht zuneige, die die mörderischen Angriffe des Menschen als quasi-religiösen Sündenfall bewertet (vgl. die ganze Debatte in Deutschland seit etwa 1980, die Gründung von Bürgerinitiativen und den Grünen und die Diskussionskultur damals) und einer optimistischen Sicht, die die Unterwerfung der Natur als Befreiung für den Menschen bewertet, zitiert Blackbourn den amerikanischen Umwelthistoriker Richard White:
"Die Forderung nach einer Rückkehr zur Natur ist eine Pose. Sie ist ein religiöses Ritual, in dem die Reue über unsere Sünden und ein Gelöbnis, nicht mehr zu sündigen, die Wiederherstellung einer Reinheit verheißen. Manche glauben, dass Sünden vergehen. Doch Geschichte vergeht nicht."
Dies detailliert und faktenreich darzustellen, ist das große Verdienst dieses außerordentlichen Buches. Man sollte es allen mit diesen Fragen befassten Politikern, Verwaltungsbeamten und Landschaftsplanern als korrektive Lektüre auf den Dienstschreibtisch legen. Gerade weil das Buch ihre Tätigkeit differenziert beschreibt und bewertet, könnten sie großen Gewinn daraus ziehen.

Für alle anderen an deutscher Geschichte interessierte Leser ist das Buch ein Hochgenuss. Besonders hingewiesen sei auf Blackbournes Nachwort "Wo alles anfing", in dem er sich speziell mit dem Oderbruch und seiner Zukunft befasst und dabei literarische Quellen (Grass, Fontane, Christa Wolf) hinzuzieht.
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am 4. Mai 2008
Auf über 400 Seiten (plus 150 Seiten Anhang) schildert uns David Blackbourn wie die Deutschen in den letzten 250 Jahren ihre Landschaft umgestaltet haben.
Angefangen bei der Trockenlegung der Sümpfe und Moore durch Friedrich dem Großen, über Begradigungungen von Flußläufen, Talsperrenbau im Westen und Eroberung von "Lebensraum" durch die Nazis im Osten, bis zur Bekämpfung des Hochwassers im Oderbruch in den letzten Jahren reicht sein Kaleidoskop.
Blackbourn zeigt uns, daß der Eingriff in die Natur seinen Preis hat (beispielsweise durch den Rückgang der Sumpfgladiole durch Trockenlegung der Überschwemmungsgebiete im Rahmen der Rheinbegradigung innerhalb weniger Jahrzehnte).
Auch Berufe sterben aus, so z.B. bei der Rheinbegradigung: Goldwäscher, Schilfrohrschneider und Vogelsteller.
Demgegenüber steht die wirtschaftliche Prosperität. Aber auch die Natur profitiert manchmal vom Umbau: z.B. Ansteigen der Käfervielfalt im Rahmen des Talsperrenbaus.
Einige Begriffe, wie z.B. "weiße Kohle" (für Wasserkraft), waren neu für mich.
Den Terminus "hydrologisches Chinasyndrom" (für Probleme bei der Flußströmung beim Bau bayerischer Talsperren) führt Blackbourn sogar neu in die Literatur ein.
Wegen seiner lebendigen Darstellung, inklusive diverser Anektoden über die handelnden Protagonisten - meist Ingenieure, ist "Die Eroberung der Natur" ein Musterbeispiel für gelungene Geschichtsschreibung.
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am 15. Juni 2008
Als Schulgeograf muss man die Erscheinung dieses Buches, das die Nutzungs-
änderung von Räumen in Deutschland zum Thema hat, begrüßen, ist es doch
ein Bereich, der oft unter dem -oft unreflektierten- Oberbegriff
"Inwertsetzung von Räumen" betrachtet wird. Die vom Autor behandelten
Themen sind (z.B. Tullasche Rheinkorrektur) oder waren (z.B. Moorkulti-
vierung) Bestandteile des Lehrplans. Bei der Lektüre kommt aber zusehends
Ärger auf:
Wenn der Autor sagt "Außerdem wuchs in mir die Überzeugung, dass das Buch auch das enthalten sollte, was Geographen, Botaniker und Ökologen zu sagen
hatten" (S.28), dann ist das ein netter Spruch, der aber in Bezug auf die
Geografen in keiner Weise eingelöst wird. Wenn er z.B. von den glazial
überformten Gebieten Norddeutschlands redet, dann wäre ein Rückgriff auf
die Begrifflichkeit der Glazialmorphologie wie z.B. Glaziale Serie, Alt-
& Jungmoränen etc. durchaus angebracht gewesen. Wenn er die Umgestaltungen
an Oder & Rhein darstellt, hätten beispielsweise die Begriffe Prall- &
Gleithang sowie Tiefenerosion einiges präziser gefasst.
Ärgerlich sind die vielen Fehler, die sowohl im großen als auch im kleinen
Maßstab vorhanden sind:
1. Wenn die Aralsee-Katastrophe auf gewaltige sowjetische Wasserkraftan-
lagen an den Zuflüssen zurückgeführt wird (S.21), dann ist das Unsinn.
2. Die Ausführungen über die malariaträchtigen Gebiete sind interessant,
aber nicht ganz überzeugend. Was genau brachte die Malaria zum Verschwinden? Hier interessiert auch: Unter welchen Bedingungen kann die
Malaria wieder Einzug halten. Nach meiner Kenntnis haben Limnologen hier
noch keine schlüssige Antwort. Auf jeden Fall ist es Unfug, von "malaria-
trächtigem Watt des Jadebusens" zu reden.
3. Die Ausführungen, die zur Kultivierung von Geest & Moor gemacht werden
(S.176ff), sind z.T. hanebüchen. In folgendem Satz
"Eine Überweidung und die Praxis, die oberste, mit Gras bewachsene Schicht
zu entfernen, um den angebauten Feldfrüchten den Zugang zu Nährstoffen zu
erleichtern, setzten die Oberfläche dem Wind aus..."
finden sich drei Fehler:
3.1 Es wuchs nicht Gras, sondern Heide.
3.2 Die obere Heideschicht wurde abgestochen (Plaggenhieb) & in die Ställe
verbracht. Die Kot-Heideplacken-Mischung wurde dann zur Bodenver-
besserung auf die Felder gebracht. Diese wurden dadurch im Lauf der
Jahrhunderte um bis zu einem Meter erhöht (Plaggenesch).
3.3 "Zugang zu Nährstoffen erleichtern" ist Unfug. Darunter gab es keine!
Hier greift der Prozess der Podsolierung incl. Ortsteinbildung. Später
wurde in Meliorationsprogrammen der Ortstein wieder hochgepflügt.
In der Folge finden sich weitere Fehler, deren Benennung ich hier unter-
drücke. Da der Autor bei seinem großen Wurf z.T. sehr & überraschend ins
Detail geht, bleiben zusätzliche kleinere Fehler wohl nicht aus. Damit wird man - je nach Einstellung- leben können.
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am 17. Oktober 2007
Der Autor gibt interessante, aufregende und spannende Einblicke in die deutsche (Landschafts)Geschiche. Die Leserin/der Leser ist immer wieder erstaunt, welche grossen landschaftlichen Änderungen mit Muskelkraft erreicht wurden. Der Blick auf die hiesige Kulturlandschaft, aber auch auf aktuelle Veränderungen, wird geschärft. Vielleicht wertet man auch Forderungen nach dem unreflektierten Erhalt bestimmter Landschaftsbilder anders, wenn die Erkenntnis kommt, dass auch diese Gegenden schon lange von Menschenhand umstrukturiert wurden.

In jedem Fall wunderbar zu lesen.
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am 13. Juli 2012
David Blackbourn hat in seiner verdienstvollen und detaillreichen Arbeit den Blick entlang der Infrastruktur- und landschaftsbildenden Entwicklung auf die Entwicklungsgeschichte um den deutschen Raum herum gelenkt. Dieser Blickwinkel hat in ihrer Lebenszeit die Menschen oft weit mehr beschäftigt, als der eine oder andere politische Symbolakt von wenigen Momenten, der es dann eher in die klassische Geschichtsschreibung schafft, hängen daran doch Fron und Arbeit Tausender und viele Lebensgeschichten. Eindrucksvoll immer wieder auch das Aussterben von ganzen Berufs- und Erwerbszweigen, weil der Naturraum sich ändert!
Lebensleistungen wie die des Rheinbegradigers Tulla oder des Talsperrenpioniers Otto Intze werden eindrucksvoll dargestellt, ohne hinterher die Fragezeichen hinsichtlich der Umweltauswirkungen zu vergessen. Wilhelmshafen, der Jadebusen, Trockenlegungen an der Oder und in Hochmooren in Zusammenhang mit Besiedlungspolitik, etwa unter Friedrich II. von Preußen; all diese Zusammenhänge von der Erschließungsseite her anzugehen, hat etwas sehr erhellendes. Höchst eindrucksvoll ist das Kapitel über die deutschen Untaten im "Warthegau" zur Nazizeit, das das unermeßliche Leid des polnischen Volkes in Erinnerung hält. Etwas kurz und mißverständlich geraten die zwei Schlußkapitel. Vielleicht drängte die Zeit zu Fertigstellung. Die Vertreibungsthematik steht in der Gefahr, auf stramme Nazibesiedlung im Osten und deren Zurückdrängung oder die politischen Ansichten Agnes Miegels reduziert zu werden. Dies wird dem Leid und den Repressalien an jahrhundertelang friedlich in ihren Regionen integrierten Menschen nicht gerecht. Die Entwicklung der ökologischen Bewegung nach dem zweiten Weltkrieg hätte ebenso etwas mehr Raum verdient, doch: insgesamt sehr lesenswert!
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am 6. Juni 2014
ein sehr schönes Buch, welches die Geschichte von Fortschritt, Landschaft und politischer Entwicklung sehr schön in sich vereint.
Keine trockene Geschichtslektüre sondern hat einige Aha-Erlebnisse versteckt.
Sehr schöner Schreibstil, der sich angenehm fliesend liest. Schnell ist man in eine anderes Zeitalter versetzt,
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am 31. Januar 2008
Das Positive vorweg. Die eine Geschichte der deutschen Landschaft, die Blackbourn beschreibt, ist angenehm und nett zu lesen. Die Erzählung, "wie die Deutschen ihre Landschaft in den letzten 250 Jahren umgestaltet haben" (: 11 ), beginnt mit der Trockenlegung des Oderbruches im 18. Jhd. und endet mit 'ökologisch' "nachhaltigen Hochwasserschutz" (: 439), der zur Zeit, nach dem letzten Oderhochwasser 1997 propagiert wird. Dazwischen scheint alles, was irgendwie mit Wasserbau zu tun hatte und die Landschaft prägte , ge-nannt: die Rektifikation des Rheines, Küstenschutz und Militärhafenbau am Jadebusen, Moorkolonisation in Nordwestdeutschland, Dampfschiffahrt, indus-trielle Gewässerverschmutzung, Talsperrenbau, Trinkwassergewinnung mit Grundwasserabsenkung, Wasserkraftnutzung, Hochwasserschutz, völkermor-dende Raumplanung ebenso wie Partisanen schützende Sümpfe während des Ostfeldzuges und schließlich Natur- und Umweltschutz in West- wie weiterhin Umweltverschmutzung in Ostdeutschland.
Und dies alles ist bis aufs äußerste detailliert. Nichts aber auch gar nichts scheint ausgelassen. Umfangreich erscheinen die Projekte in allen Widersprü-chen, Haupt- und Nebensachen, mit beabsichtigten Folgen wie ungeplanten Rückschlagen, inklusive der sozialen wie ökologischen Wirkungen, im Guten wie im Bösen, immer unter Beachtung zeitgenössischer und rückblickender Kritik beschrieben. Zudem ist der gesellschaftlich-kulturelle Kontext mit Zitation von vielerlei Schriftstellern, Philosophen, Soziologen und Naturwissenschaft-lern wie von den jeweiligen Herrscher und Politiker hergestellt.
So beginnt beispielsweise die Erzählung der Trockenlegung des Oderbruches mit den Märchen der Gebrüder Grimm, schließt die schwere Kindheit Fried-richs des Großen ebenso wie die zeitgleich stattgefundene Weltreise Georg Forsters ein, führt die Biographien und Taten ebenso wie deren Zwänge und Nöte der bauleitenden 'Ingenieure' aus, schildert das Elend der ansässigen Bevölkerung, denen mit dem Wasser die Fischgründe und damit die Lebens-grundlage genommen wurde (bevor den Enkel ein besseres Leben als Land-wirte gegeben wart) ebenso wie die Mühen der Neusiedler, die nach entbeh-rungsreiche Anreise in den Jahrzehnten der Urbarmachung hungerten und schließt kulturell-literarisch ab mit Romantikern, die entgegen den Erfolgen der Trockenlegung allgemein die Schönheit der Natur priesen bei besonderer Er-wähnung des durch Mark Brandenburg wandernden Theodor Fontane, der die Trockenlegung als "Vernichtungskrieg" (: 88) bezeichnete.
Hierin besteht die Angenehme des Buches. Es ist eine Reihung von (meist) netten Anekdoten. Jeder findet etwas: Der volkskundlich Interessierte die schaurige Erzählung von Iffe Diercks, der sich 1717 vor einer Sturmflut im Ja-debusen mit seiner Frau auf einen Baum retten konnten jedoch, als diese dort verstarb, die Leiche mit dem von ihrem Kopfe gelosten Haar auf dem Baum befestigte, um ihr nach der Flut ein christliches Begräbnis zu ermöglichen; der Sozialhistoriker die Erzählung der Geschichte des Oder-Neusiedler Paulsen, der bereits auf der Anreise zum Oderbruch überfallen und beraubt wurde, dort durch Krankheiten sein Vieh und durch Mäuse sein Ernte verlor und schließ-lich, nachdem sein Haus bei einem Hochwasser zerstört wurde, in seine Hei-mat zurück kehrte; (dem Liebhaber von Abenteuerromanen wird die vom ame-rikanischen Autor immerwieder hergestellte Analogie zu den leidvollen Trecks in den amerikanischen Westen begeistern;) der heimatschützlerische Natur-schützer findet mit der Schilderung der frühen Mühen zur landschaftlichen Einbindung von Talsperren seine Arbeit bestätigt; während der naturschützle-rische Ökologe nach einer reicht allgemeinen Schilderung des Artenrückgan-ges durch die Rektifikation des Rheines Trost durch das gleichzeitige Entste-hen artenreicher Biotope (Altarme) findet; der kameralistische Ökonom mag den Verlust der Staateinnahmen bedauern, nachdem die Goldwäscherei infol-ge der Rheinrektifikation zum erliegen kam; der Bildungsbürger ist am einfa-chen Fischmahl Goethes erbaut, daß dieser vor der Rektifikation in einer ärm-lichen Hütte aus Holz und Schilf genoß (nicht ohne vom Verfasser auf die oh-nehin implizite Analogie zu Philemon und Baucius durch Nennung der Namen hingewiesen zu werden) und letztlich kann der Landschaftsplaner am erzähl-ten Lebenslauf von Brenckenhoff, der beauftragt die Sümpfe der Neumark und Pommerns trockenzulegen, privates Geld zuschoß und Pleite ging, eine Ana-logie zum Ruin Pückler Muskaus herstellen.

Allesamt nette Geschichten, die großteils Lokalhistorien entnommen sind. In der Zusammenstellung zu einer Landschaftsgeschichte erhalten sie mit Anfüh-rungen von Schriftstellern, Philosophen und Naturwissenschaftlern einen bil-dungsbürgerlich-kulturelle Rahmen. In Deutschland war, nach Blackbourn, "die «Eroberung der Natur» allzusehr mit der Idee einer Eroberung von anderen verbunden" (: 440). Dieses 'andere' ist jedoch ebenso anekdotisch geschildert wie die Projekte selbst. Der sozio-ökonomische Kontext, in dem die Projekte realisiert wurden, wie die Ideologie, die ihnen Zugrunde lag, ist somit allenfalls implizit zu gegen.
Auch wenn die einzelnen Geschichtchen durchaus interessant sind, besteht in ihnen auch das Ärgerliche des Buches. Die Vollständigkeit und in jeder Hin-sicht abgewogen dargestellte Anekdotensammlung täuscht in der chronologi-schen Reihung eine geschichtliche Notwendigkeit vor, die so nicht gegeben ist und die Projekte einer kritischen Betrachtung enthebt. In der chronologischen, scheinbar kritischen Reihung gehen Unterschiede und Bedeutungen verloren. In der hergestellten 'Logik der Chronologie' ist geflissentlich über die Beweg-gründe, Absichten, Kontexte hinweggesehen. So steht das Leid der von Sturmfluten betroffenen Küstenbewohner gleichermaßen neben dem der aus dem Oderbruch oder aus den Rheinniederungen vertriebenen Fischer. Die Folgen von Naturgewalten erscheinen ebenso unabwendbar schicksalhaft, wie die Folgen der ausgeführten Entwürfe zur 'Eroberung der Natur'. Dieser Art ist nichts aus der Geschichte zu lernen, außer daß sie eben stattfand und zwar chronologisch. Wie die Landschaft, deren Veränderung durch Nutzung selbst-verständlich erwähnt ist, nicht nur im (deutschen) Titel zur Natur deklariert ist, wird implizit die 'Eroberung der Natur', die Durchsetzung der Projekte als Na-tur, als eine vermeintlich natürliche, d.h. notwendig gegebene Entwicklung zu erzählt.

Letztlich, so das Resümee, wird alles Gut. So ist, wie gütlich ausgeblickt, für den beabsichtigten 'ökologisch nachhaltigen' Hochwasserschutz an der Oder geplant oberhalb des Oderbruchs grenzüberschreitenden und im europäi-schen Kontext Dörfer zu räumen, um Polder anzulegen. Zwar werden
"... Menschen, die dort leben, ... den Verlust spüren. Ihre Unsicherheit wird ein Ende haben, aber nur um den Preis einer Umsiedlung. Es wäre sehr wahrschein-lich kein Trost für sie, wenn man ihnen sagte, auch wenn es wahr ist, dass die heute verfolgte Strategie nicht nur umweltfreundlicher ist, sondern auch ein hö-heres Maß an wirklicher Sicherheit für die meisten Menschen verspricht, die an der Oder leben. Und es würde sie zweifellos ebenfalls nicht trösten, obwohl auch dies der Wahrheit entspräche, dass diese Politik nur durch ein Abkommen zwi-schen Deutschland, Polen und Tschechien unter der Schirmherrschaft der EU gelingen kann. Diese beiden Wahrheiten sollten für uns Übrige jedoch ein Grund zur Freude sein, ... ." (: 439-440).
In der anekdotischen Versammlung der Eroberungsgeschichten hat Black-bourn völlig übersehen oder bewußt ignoriert, daß genau dies in allen von im erwähnten Projekten gegeben war. Was Blackbourn als 'Grund zur Freude' fei-ert, die 'Schirmherrschaft der EU', war für alle Großprojekte grundlegend: Eine starke zentrale Staats- resp. Territorialgewalt zur Durchsetzung der Großpro-jekte gegen lokalen Widerstand. So wurde, wie auch von Blackbourn anekdo-tisch berichtet, schon die Trockenlegung des Oderbruches durch das Preußi-sche Reich gegen den lokalen Adel und die Rektifikation des Rheines bereits in internationaler Zusammenarbeit durchgesetzt. Vor allem sind die Großpro-jekte durch Vertreibung und durch leidvollen Verlust von Heimat, Besitz, Ar-beits- und Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung einerseits und durch die Verheißung eines 'besseren' (jetzt 'sicheren') Lebens für die 'Übrigen' anderer-seits gekennzeichnet. Aufmerksam, von den Anekdötchen und Geschichtchen unabgelenkt gegen den Strich gelesen, wird durch die Erzählung auch klar, daß entgegen dem immer eintreffenden Leid die Verheißungen nie eintrafen, jedenfalls nicht in der geplanten oder beabsichtigen Weise. An der Oder wird dies in einigen Jahren und dann leider leidvoll mit dem nächsten Hochwasser eintreffen und ärgerlicherweise von Planern wie Politikern in dem Jargon den Blackbourn anschlägt bedauert. Dies wird weder für die Zwangsumgesiedelten noch für die dennoch Überschwemmten tröstlich sein, obwohl oder gerade weil dies ganz besonders der Wahrheit entspräche. Und dies sollte auch für 'uns Übrige' kein Grund zur Freude sein.
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