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Kundenrezensionen

3,7 von 5 Sternen
31
3,7 von 5 Sternen
Exit: Wohlstand ohne Wachstum
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:9,99 €+ 1,09 € Versandkosten


am 28. Januar 2015
Leider ist das Buch kein Beispiel dafür wie neue Werte und Einsichten in alte Denkstrukturen eindringen. Wer also erwartet einer biblischen Transformation beizuwohnen, wie der des Saulus zum Paulus, sieht sich getäuscht – Herr Miegel bleibt letztendlich seiner neoliberalen Weltsicht treu.

Ok, die ersten Kapitel des Buches sind eine mehr oder weniger brauchbare Kritik der Grenzen des Wachstums – allerdings 40 Jahre nachdem der Club of Rome damit an die Öffentlichkeit ging.

Doch die Betrachtungen Miegels im zweiten Teil des Buches, warum Wachstum zu einer alles beherrschenden Ideologie werden konnte, sind wohl mehr als eine Verschleierung der wahren Ursachen gedacht. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass der Einfluss des Finanzsystems und der Industrie auf Politik und Gesellschaft eher zu vernachlässigen ist und mit dem Wachstumszwang nicht viel zu tun hat. Schuld sind, lt. Miegel, so habe ich den Eindruck, der überbordende Wohlfahrtstaat, die unmäßigen Ansprüche der Gewerkschaften und der Bevölkerung. Vielleicht sollte Herr Miegel mal eine Woche bei LobbyControl volontieren. Ein älteres aber sehr lehrreiches Buch in diesem Zusammenhang ist Robert McNair Wilson - Monarchy or Money Power, 1934, – auch jüngere Werke, wie das von Susanne Schmidt - „Markt ohne Moral“ 2010, sind sehr informativ. So schreibt sie auf S. 145: ..dass in der westlichen Welt die Lobby des Finanzwesens die schlagkräftigste aller Lobby-Verbände ist.
Auch scheint er noch nie von Bedarfserweckung (weltweite Ausgaben für Werbung 500 Mrd. Dollar jährlich) und geplanter Obsoleszenz gehört zu haben.

Laut einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich kontrollieren nicht mehr als 147 Unternehmen, zum allergrößten Teil aus der Finanzindustrie, 40 Prozent der gesamten Weltwirtschaft. Glaubt Herr Miegel tatsächlich, dass diese geballte ökonomische Macht nicht auch politische Macht ist? Und das diese Macht nicht eingesetzt wird, um die Ziele dieser Unternehmen, Wachstum um jeden Preis, durchzusetzen? Denn diese Finanzunternehmen und ihre Anteilseigner wollen über Profit, Zinsen und Dividenden ihr Kapital vermehren und so entsteht zwangsläufig ein immenser Wachstumszwang. Und mit ein wenig Abstand und Reflexion sollte man erkennen, dass eine Wirtschaftspolitik, die beständig dafür gesorgt hat, dass ausländische Konkurrenten mit modernster Technologie und entsprechenden Krediten ausgestattet wurden und werden, nicht an Vorherrschaft im Bereich der produzierenden Industrie interessiert ist. Es geht eher um das Wachstum des Finanzsystems bis in den letzten Winkel der Erde. Der Einfluss der Geldsphäre auf die Wirtschaft wird bis heute von allen Mainstream-Ökonomen ignoriert. Vielleicht sollten sie mal die Dissertation von ex Deutsche Bank Chef Ackermann lesen. Dort schrieb er sinngemäß: "Dass die volkswirtschaftlichen Rücklagen einer Periode nie ausreichen, um die für ein Wachstum notwendigen Investitionen zu finanzieren. Deshalb müssen die Geschäftsbanken die erforderliche Finanzierung durch Kredite und Giralgeldschöpfung bereitstellen". Die von Herrn Miegel so angeprangerte Verschuldung ist also mitnichten eine dumme Angewohnheit, sondern das zentrale Grundelement des gegenwärtigen Wirtschaftssystems, ohne das es sofort kollabieren würde. Lesenswert in diesem Zusammenhang: Helmut Creutz - "Das Geld Syndrom" 2012 und Raimund Brichta - "Die Wahrheit über Geld"2013

Eins sollte Herrn Miegel doch klar sein– durch die Produktion von Waren und Dienstleistungen wird kein Geld erzeugt, es wird nur verteilt. Mit anderen Worten, nicht das Produktionssystem ist für das Geld verantwortlich, es ist das Finanzsystem. Und Geld ist kein Rohstoff, der irgendwie begrenzt ist. Geld ist ein soziales Konstrukt, ein System von Anteilscheinen an den gemeinsam erzeugten Güter und Dienstleistungen. Doch die Kontrolle über dieses System liegt nicht in demokratisch legitimierten Händen, sondern größtenteils bei privaten Personen, die ausschließlich ihre eigenen Interessen vertreten. Der Zwang zum Wachstum hat also seine Ursache in unserem Finanzsystems. Er ist nicht Folge der Ansprüche einer ungebildeten, gierigen und degenerierten Bevölkerung, die die Wirtschaft zwingt immer mehr Ressourcen zu verbrauchen, wie Herr Miegel es uns weißmachen will.
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am 25. Mai 2014
Die Quintessenz des Buches ganz kurz zusammengefasst:
Die Menschen sind mit ihrem unstillbaren Verlangen nach Mehr Schuld am Wachstumszwang. Wo früher Vaterlandsliebe und Religion den Menschen einen Sinn gegeben haben, ist heute an deren Stelle die Götze der Wohlstandsmehrung getreten. Dies führt zu einem Raubbau an Resourcen, die schon bald erschöpft sein werden. Außerdem zerstört diese Art des Wirtschaftens unsere Lebensgrundlage. Infolge der knappen werdenden Rohstoffe werden in naher Zukunft die Preise steigen. Der gewohnte Lebensstandard läßt sich dann nicht mehr halten. Gewohnte abhängige Arbeitsverhältnisse werden seltener, stattdessen müssen sich die Menschen verstärkt selbst eine eigene Existenz aufbauen. Es wird auch ganz normal sein, mehrere Jobs zu haben, die sich immer mehr mit der Freizeit verzahnen. Außerdem wird man darüber nachdenken müssen, das Alter für den Eintritt in die Rente nach oben zu schieben.

Der Sozialstaat wird aufgrund knapper werdender Mittel seine Wohltätigkeiten zurückfahren. Die Menschen werden viele Leistungen unentgeltlich selbst erbringen müssen (z.B. in der Pflege, Kultur...). Auch werden freiwillige finanzielle Zuwendungen der Bürger unabdingbar sein, damit das gesellschaftliche Leben nicht zusammenbricht. Die damit verbundene höhere Eigenverantwortung wird uns dann als gestiegener Wohlstand verkauft.

Ok, wohin die Reise gehen soll, ist klar: Die Menschen sind selbst Schuld an der Misere und werden in Zukunft mehr und länger arbeiten müssen für weniger Lohn.

Ein dickes ABER von mir:
Sicher ist eigentlich jeder bemüht, seine wirtschaftliche Situation ständig zu verbessern, trägt so durch seine Nachfrage zum Wachstum bei. Ihm aber die Alleinschuld zuzuweisen, ist eine böswillige und unverschämte Verdrehung der Tatsachen. Wie sieht denn die Realität aus in den frühindustrialisierten Ländern?

Supermärkte und Warenhäuser sind vollgestopft mit Waren. Alles gibt es im Überfluß. An so gut wie keiner Ware herrscht irgendein Mangel (zumindest was die Angebotsseite betrifft). Dafür wird man aber zu beinahe jeder Zeit und an jedem Ort von Werbung belästigt. Jede Woche 5cm Prospekte als Zeitungsbeilage, 90% alle weltweit versandten Email sind angeblich Spam-Emails, also Werbung. Im Internet gibt es persönlich zugeschnittene Werbung. Die Programme von Funk und Fernsehen sind durchseucht von Werbung, die einen ganz erheblichen Anteil der Sendezeit ausmachen. Bei den privaten Fernsehanstalten ist dies bereits ein Viertel bis ein Drittel. Diese privaten Fernsehanstalten sowie milliardenschwere Internetgiganten, wie Google, Yahoo, Facebook können fast ausschließlich von Werbung leben. Firmen geben Milliarden aus, um herauszufinden, wie Werbung noch effektiver werden kann. Jede Bank, mit der ich einmal etwas zu tun hatte, schickt mir regelmäßig Kreditangebote z.B. für eine neue Küche, ein neues Auto oder eine Reise. Also für Konsum.

Auf die (vorläufige) Spitze wurde das vor 2008 in den USA getrieben, als sogar völlig Mittellosen ohne festes Einkommen Immobilien-Kredite ausgeschwatzt wurden. Als dann die Immobilienpreise zunächst weiter stiegen, traten die Banken an diese Leute heran und legten ihnen nahe, die durch die gestiegenen Immobilienwert höhere Absicherung zu nutzen, den Kredit auszuweiten, und das so "gewonnene" Geld für Konsum auszugeben. Das Ende ist bekannt.

Sieht so eine Wirtschaft aus, die von der Konsumentenseite getrieben wird? Wohl kaum. Der Wachstumszwang kommt eindeutig von der Angebotsseite, also von Herstellern und Händlern. Die Konsumenten sind dabei nur Erfüllungsgehilfen, die mit immer weiter steigendem Werbeaufwand dazu gebracht werden müssen, ihrer Pflicht zum Konsumieren nachzukommen. Nach dem Motto: "Konsumiert, stellt keine Fragen und denkt nicht nach".

Was aber treibt die Wirtschaft dann dazu an, immer weiter zu wachsen zu müssen, wenn es nicht so sehr die Konsumenten sind? Antworten darauf liefert das Buch natürlich nicht, da es ja nicht einmal diese Tatsache anerkennt.

Dabei ist die Antwort ganz einfach: Es ist Kapital und seine Eigenschaft, sich von alleine zu vermehren. Das tut es z.B. in Form von Zinsen, Dividenden, Investment-Geschäften usw. Diesem Wachstum sind von Geld-System her keine Grenzen gesetzt. D.h. Kapital fließt immer stärker dorthin, wo bereits Kapital ist. Je größer der Haufen, desto schneller fließt es nach. Das scheint alles völlig selbstverständlich, und kaum jemand fragt sich, wo das nachfließende Kapital überhaupt herkommt. Die Antwort ist ein wenig ernüchternd: Es muss von Fleißigen erwirtschaftet werden, die für ihr Geld noch arbeiten müssen.

Wenn jetzt die Rendite des Kapitals höher ist als die Wachstumsrate der Wirtschaft, bleibt aber für die Fleißigen immer weniger übrig. D.h. entweder sinkt deren materieller Wohlstand oder sie müssen mehr arbeiten - oder beides. Diesen Effekt spüren bereits heute immer mehr Menschen. Er führt schnurstracks zur Verelendung immer größerer Bevölkerungsteile.

Soll verhindert werden, dass es diesen Menschen immer schlechter geht, ist die Wirtschaft gezwungen, so stark zu wachsen, wie das Kapital rentiert.

Das ist nicht links, das ist nicht rot, das ist einfache Mathematik. Auf Youtube gibt ein paar erhellende Videos zu dem Thema, z.B. "Der Fehler in unserem Geldsystem - einfach erklärt", die Geschichte von Robert, der im Lotto den Jackpot gewonnen hat, und sich nun Gedanken macht, wo denn die Zinsen herkommen sollen, von denen er in Zukunft leben will.

Konsequenz: Wohlstand ohne Wachstumszwang kann auf lange Sicht überhaupt nur funktionieren, wenn Rendite auf Kapital abgeschafft wird. D.h. keine Zinsen auf Vermögen, auch keine Zinsen mehr für Kredit, keine Dividenden, keine Erträge mehr durch Investment-Geschäfte.

Dass sich Kapital vermehrt, ist übrigens kein Naturgesetz, sondern wurde von Menschen so etabliert. Es gibt durchaus alternative Konzepte zum verzinsten Schuldgeldsystem, die keinen Wachstumszwang eingebaut haben und trotzdem Wohlstand für alle ermöglichen. Wie gut diese funktionieren, ist ungewiß. Gewiß ist aber, dass ein verzinstes Schuldgeldsystem, wie wir es haben, noch niemals länger als drei, vier Generationen überdauert hat, ohne einen Reset in Form von Währungsreform, Hyperinflation, Enteignungen oder Krieg.

Also sollte man über eine Alternative nachdenken dürfen.

Das Buch trägt also nicht viel zur Aufklärung bei, es nennt auch keinen echten Ausweg aus dem Wachstumszwang. Es scheint vielmehr, es will die Fleißigen schon mal auf die härteren Zeiten einstimmen, die auf sie zukommen werden. Der eigentliche Grund für den Wachstumszwang, das uferlose Anwachsen von Kapital in Händen immer weniger, wird nicht erwähnt, braucht also auch nicht gerechtfertigt oder gar in Frage gestellt zu werden. Somit trägt das Buch mit dazu bei, dass sich die Vermögenden dieser Welt noch ein paar weitere Jährchen über leistungsfreie Zuwächse freuen können, während die Fleißigen immer tiefer ins Elend getrieben werden. Das ist offensichtlich das Ziel dieses Buches.

Ich bin erstaunt, wie viele positive Bewertungen dieses Buch erhalten hat, und wie gering das Wissen um diese Zusammenhänge bei den Rezensenten ist.

Von mir gibt es für dieses Buch nur einen Stern.

Und dieser Meinhard Miegel ist auch noch Sachverständiger der Bundestags Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität".... Wundert Euch also nicht, wenn es nachher wirklich so kommt, wie in dem Buch beschrieben.

Nachtrag (31.10.2014):
Ein weiteres, schlagendes Argument dafür, dass der Verbraucher nicht Treiber des Wachtstumszwanges ist, sondern Getriebener, führen die Argumente des Herrn Miegel endgültig ad absurdum: Gebetsmühlenartig wird von der Politik ein höheres Wirtschaftswachstum als vordringliches Ziel dargestellt. Frau Merkel sagte einmal (sinngemäß): "Wir brauchen jetzt drei Dinge: Wachstum, Wachstum, Wachstum." Es gibt sogar ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Wachstums-Beschleunigungs-Gesetz. Die Frage, warum Wachstum überhaupt so dringend notwendig ist, wird öffentlich nie gestellt, geschweige denn diskutiert. Wenn tatsächlich der Verbraucher der Treiber des Wachtstumszwanges wäre, warum muss sich dann die Politik so intensiv darum kümmern? Es käme doch von ganz allein. Die Industrie brauchte doch nur die Nachfrage zu befriedigen. Hat sie damit etwa ein Problem? Nein. (Na gut, einige Apple-Fans schaffen es nicht, sich gleich am ersten Tag das neueste IPhone zu sichern. Aber ist das schon Mangelwirtschaft?)

Es ist davon auszugehen, dass Professor Miegel die echten Gründe für den Wachstumszwang (so wie ich sie sehe) sehr wohl kennt. Entweder will er sie nicht nennen, weil er selbst zu den Profiteuren des Systems gehört (also jemand ist mit hohen Kapitaleinkünften), oder es ist für einen Menschen in seiner Position schlicht unmöglich, in der Öffentlichkeit diese Gründe zu vertreten, ohne politischen und gesellschaftlichen Selbstmord zu begehen. Wahrscheinlich trifft beides zu.
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am 28. Januar 2012
Meinhard Miegel liefert mit seinem Buch eine treffende und überzeugend geschriebene Bestandsaufnahme der derzeitigen Verhältnisse. Wer sich allerdings Antworten erhofft, wie Wohlstand ohne Wachstum realisierbar wäre, den wird das Buch enttäuschen. Erst nach 200 Seiten sind Ansätze zu erkennen, die jedoch nicht über einige Allgemeinplätze hinausgehen, wie z.B. den Umbau des Arbeitslebens und das höhere Renteneintrittsalter.
Kurz gesagt: Interessant und schön zu lesen, aber ohne neue Ideen und dem Titel des Buches nicht entsprechend.
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am 23. April 2011
Die Gebiete, die Meinhard Miegel in dem Buch beleuchtet, sind recht interessant dargestellt und wirken sehr durchdacht (wiederholen sich jedoch auch meist viele Male im Buch).
Nur passen seine Argumente oft nicht zu der Forderung von 'Wohlstand ohne Wachstum'. Mehrmals betont er, dass man Wachstum im Sinne von technischem Fortschritt zur Armutsbekämpfung und zum Klimaschutz auf jeden Fall benötigt, sagt jedoch, dass mit dem BIP der Wohlstand nicht richtig erfasst wird. Die Schlussfolgerung, dass deswegen auf Wachstum verzichtet werden soll, erschließt sich mir da nicht.
Das Buch ist daher eher als Plädoyer für ein neues Wohlstandsmaß geeignet, an dem sich dann die Wachstumsziele orientieren.
Seine Versuche jedoch, daraus unbedingt herleiten zu müssen, dass Wachstum falsch ist, hat in meinen Augen nicht viel Sinn ergeben.
Daher auch nur 3 Sterne, auch wenn das Buch durchaus zum Nachdenken anregt!
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am 29. April 2011
Miegels Verdienst ist es, in diesem Buch eindringlich auf die Sackgassen hinzuweisen, in die die Menschheit durch ihre kapitalistische Wirtschaftsweise zusteuert: Das sorglose Aufbrauchen unwiederbringlich verlorener Bodenschätze; der unachtsame Umgang mit vielen Folgen, die moderne Lebensstile für die Umwelt und für zukünftige Generationen mit sich bringen; die vielfältigen Formen von Überforderungen, mit der der Einzelne und die Gesellschaft insgesamt durch eine einseitige Orientierung am wirtschaftlichen Leistungsdenken konfrontiert sind.

Dieser unheilvollen Entwicklung liegt nach Ansicht Miegels die selten in Frage gestellte Maxime des Wirtschaftswachstums zugrunde. Es sei zwar für ihn verständlich, dass Wachstum in einer bestimmten Phase der wirtschaftlichen Entwicklung tatsächlich auch zu einer Steigerung des Wohlstands geführt habe; allerdings sei man dem Irrglauben verfallen, dass Wachstum und Wohlstand grenzenlos vermehrt werden könnten. Nur so sei zu erklären, warum man beharrlich am wirtschaftlichen Wachstum festhalte - denn nur so sei auch eine Steigerung des Wohlstands zu erreichen; dieser trete gleichsam automatisch als Folge des Wachstums ein. Dabei werde aber übersehen, dass gesteigerter materieller Wohlstand nicht einfach mit Wohlstand schlechthin gleichzusetzen sei. Ab einem gewissen Lebensstandard, den die meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften erreicht haben, bedeute nämlich ein Zugewinn an materiellem Wohlstand kaum mehr ein in selbem Ausmaß gesteigertes Wohlbefinden. Dadurch wird die Mehrdimensionalität des Wohlstandsbegriffs deutlich, bei dem der materielle Aspekt nur eine, wenn auch wichtige Dimension repräsentiert.

So wichtig und richtig viele Beobachtungen von Miegel sind, so wenig überzeugend klingen seine Vorschläge zum Umbau des Wirtschaftssystems. Zunächst geht Miegel m. E. zu selbstverständlich davon aus, dass "wachstumsfokussierte Gesellschaften nur unter der Bedingung funktionieren, dass die materiellen Quellen morgen kräftiger sprudeln als heute" (57). Zwar sind materielle Ressourcen unverzichtbare Grundlage vieler Wirtschaftsbereiche, aber längst nicht aller; außerdem gibt es neben den zur Neige gehenden materiellen Quellen auch nachwachsende Rohstoffe. Wenig realistisch erscheint denn auch sein Standpunkt, dass nicht zu produziert werden brauche, was in einem gutversorgten Land die Konsumenten nicht aus eigenem Antrieb kaufen (37); das käme einer Einstellung jeglicher Exporte gleich.

Als völlig realitätsfern ist Miegels Erklärung von Tarifkonflikten anzusehen: Für ihn handle es sich hier um "Statuskriege" (54), die letztlich auf die Unersättlichkeit der um höhere Löhne kämpfenden Gruppen zurückgeführt werden könne und nur bewirken, dass sich anschließend die Preise entsprechend erhöhen - eine schlichte Verdrehung der Tatsachen, indem Ursache und Wirkung vertauscht werden: Denn höhere Preise bzw. ein Anstieg der Inflation motivieren erst diverse Gruppen für Lohnsteigerungen einzutreten, um ihren Lebensstandard halten zu können. Es verwundert daher nicht, dass Miegel nirgends darauf eingeht, wie man ohne Wirtschaftswachstum - und ohne Lohnsteigerungen - das Problem der Inflation in den Griff bekommen soll.

Überdies entsteht leicht der Eindruck, die Industrialisierung selbst sei der "Sündenfall" schlechthin in der menschlichen Entwicklungsgeschichte, wenn Miegel meint, dass ihr hervorstechendstes Merkmal der Übergang "vom intelligenten Gebrauch zum rigorosen Verbrauch der Natur" ist (69).

Miegels Analyse westlicher Gesellschaften mutet streckenweise sehr konservativ, pauschalisierend und ideologisch an: Die Menschen seien im Grunde zu materialistisch eingestellt, weshalb sie auf Kinder verzichten bzw. sich nur für eines entscheiden würden (138f); früher sei in der Familie vieles besser gewesen und es sei deshalb auch nicht so häufig zu Scheidungen gekommen (141). Da sich abzeichne, dass kontinuierliches Wirtschaftswachstum unmöglich sei, werde der Rückgang der Steuereinnahmen zu einem schrittweisen Abbau der Sozialleistungen führen müssen. Viele Aufgaben würden deshalb in Zukunft wieder die Gesellschaft bzw. insbesondere die Familien übernehmen (müssen) (206f), wie Leistungen, die "heute beispielsweise in steuerfinanzierten Horten, Kindertagesstätten oder Kindergärten erbracht werden" (208). Es ist bezeichnend, wenn Miegel hier mit keinem Wort darauf eingeht, was dies konkret für die gesellschaftliche Rolle und Aufgabe der Frau bedeuten würde!

Miegels Buch ist flüssig geschrieben und über weite Strecken auch interessant zu lesen, weil es vieles in Frage stellt, was in modernen kapitalistischen Gesellschaften als selbstverständlich gilt. Andererseits beruht die Schwäche in seiner Argumentation v. a. darin, dass sich Miegel kein Wirtschaftswachstum jenseits einer höheren Produktion von Gütern vorstellen kann. Denn auch durch eine größere Wertschätzung von Gütern und Dienstleistungen kann ökonomisches Wachstum erzielt werden (66f).
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am 17. Mai 2010
Ich kann die durchweg positiven Bewertungen der anderen Rezensenten nur bedingt nachvollziehen. Die Kritiklosigkeit mit der dieses Werk bedacht wird, weckt beinahe schon den Verdacht, dass hier Freunde der FAZ oder der Springer WELT ein "objektives" Urteil abgaben.
Zunächst zum Positiven: das Buch liest sich gut und flüssig - die erste Hälfte des Buches würde ich sogar mit 4 Sternen bewerten. Hr. Miegel fasst schlüssig und kompakt zusammen, dass Wachstum inzwischen den Status einer Ideologie bekommen hat ... ja, es hat inzwischen im Kapitalismus (dieses "Unwort" vermeidet der Autor fast durchweg - er spricht hier vom "Westen" oder von den "frühindustrialisierten Ländern") Züge des "Metaphysisch-Religiösen" angenommen und bedarf als solche keiner rationalen Begründungen mehr.
Brilliant arbeitet der Autor heraus, dass es sich lohne, "der Frage nachzugehen, warum die Völker der frühindustrialisierten und zunehmend weiterer Länder so konseqent auf massenhaften Konsum ausgerichtet sind, selbst, wenn sie dadurch ihre Lebensgrundlagen beeinträchtigen oder sogar zerstören."
Im weiteren Verlauf des Buches, je mehr man gespannt auf den Punkt wartet, in dem der Autor eine Lösung aus dem Dilemma andeutet, wird allmählich klar, in welche Richtung dieses Buch gedacht ist:
"Künftig werden sich Eltern ihrem Nachwuchs auch dann fürsorglich zuwenden müssen, wenn Eltern- und Erziehungsgeld gekürzt werden; die gute Versorgung Pflegebedürftiger muss auch bei geringerem Pflegegeld gewährleistet bleiben; Erzieherinnen müssen die ihnen anvertrauten Kinder, Ärzte ihre Patienten auch ohne Einkommenserhöhungen optimal betreuen."
Andererseits:
"Anders ist die Lage eines Managers, der für eine Weile ein vorhandenes Unternehmen mehr oder minder erfolgreich führt. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll und muss angemessen honoriert werden." ...
Er verteilt Seitenhiebe auf das bedingungslose Grundeinkommen ebenso pauschal und unseriös (ja, "ideologisch" - obwohl er eingangs des Buches genau dieser Ideologie abzuschwören scheint) wie auf die gerechtere Umverteilung, wie es in Deutschland derzeit nur von den Linken angemahnt wird.
Es geht ihm darum - und darüber gibt es zum Ende des Buches keinerlei Zweifel mehr - dass die Arbeitenden mehr arbeiten und weniger dafür verlangen: mehrere Jobs sollen normal werden, das Arbeiten über das Alter von 67 Jahren ebenfalls ...
Während er auf der einen Seite gut erkennt, dass es andere Dinge sind, die die Menschen glücklich machen, als materieller Wohlstand und dabei auch die Schlüsselrolle der Bildung hervorhebt, schreibt er doch im gleichen Atemzug: "Gebildete sind doppelt reich. Nicht nur fällt es ihnen dank ihrer Bildung oft leichter als ungebildeten materielle Güter zu erwerben. Zusätzlich haben sie immaterielle Wohlstandsquellen, die ihrem Leben Sinn und Inhalt geben." Im gleichen Sinne sind die Ungebildeten natürlich doppelt arm. D.h. die "materiellen Güter" spielen für den Autor nach wie vor die tragende Rolle - und sind anstrebenswert. Eine grundlegende Wende im Wertesystem, wie sie die erste Hälfte des Buches zwingend nahelegt und weswegen ich mir das Buch überhaupt gekauft habe, kann ich nirgendwo erkennen - im Gegenteil: Es kann für ihn nicht angehen, dass, wie seiner Meinung nach derzeit in Deutschland praktiziert, immer mehr verarmende "Leistungsträger" den ihnen zustehenden Wohlstand den "Sozialschnorrern" in ihre sozialen Hängematten werfen ... Es ist teilweise ekelerregend die zweite Hälfte des Buches zu lesen.

Zusammenfassend muss ich sagen, so gut wie das Buch begann, so wütend hat es mich am Ende gemacht. Da der Autor auch Sprecher des neoliberalen Bürgerkonvents ist, betrachte ich das Buch nicht als "Ausrutscher" oder als unzureichend durchdacht, sondern ganz klar als ein Propaganda-Buch der Neoliberalen, wie es perfider kaum geschrieben werden kann.
Daher nur einen Stern von mir (Minuspunkte gibt es ja leider nicht).
1010 Kommentare| 160 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 17. Mai 2012
Das Buch selbst ist ganz sicher ein gute Buch, profund recherchiert und mit alarmierenden Fakten.
Der Autor schafft es, trotz beißender Polemik, den Finger in die Wunde zu legen, ohne anklagend zu wirken. Eine hohe Kunst. Miegel wird den Ruf des Neoliberalen wohl nicht mehr los. Aber er zeigt in seinem Werk, dass er durchaus verstanden hat, worum es geht.
Seine Synthese ist, sagen wir, optimierungsfähig.
Dennoch bleibt es ein sehr gute Buch.

Aber das Hörbuch ist der Hammer!
Gert Heidenreich zeigt hier meisterhaft, was er kann. Seine Stimme und seine Art zu lesen träufeln diesen oft nicht leichten Inhalt geschmeidig ins Ohr, wie warmen Honig. Er schafft es, dass zehn Stunden verfliegen, wie nichts.
Und dann die Musik... einfach nur zauberhaft. Manche Themen sind so emotional und ergreifend, dass mir die Tränen in den Augen standen.
Diese meisterhafte Produktion wird durch eine überaus edle Haptik und Optik abgerundet, wie ich sie noch nie bei einem Hörbuch gesehen habe. Eine Produktionsform, die zudem sehr umweltfreundlich ist.
Mit diesem Hörbuch, das kein Schnäppchen ist, erwirbt der Käufer etwas ganz Besonderes. Immer wieder blättere ich in dem ästhetischen Booklet, schaue mit die Fotos an und freue mich an diesem Hörbuch, das ich inzwischen schon bestimmt ein dutzend Male gehört habe.
Ich kann es nur jedem empfehlen. Und sei es als ein besonderes Geschenk.
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am 18. März 2010
... dann lese dieses Buch. Miegel hat immer schon Augen geöffnet (denen, die Unbequemes an sich ranlassen wollen), diese ist der absolute Höhepunkt. Ich teile das Buch in 3 Teile:
1. Mit gnadenlosen Fakten (die in der ersten Hälfte des Buches durchaus erschlagen)seziert er zunächst das Konzept der Wachstumsgesellschaft und seiner dahinter stehenden Wertesystematik. Er betrachtet die Kernaussage "die Weltresourcen sind begrenzt" aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Er verdeutlicht an zahllosen Beispielen - gerade auch mit Bezug auf jüngste Ereignisse - das schizophrene Verhalten der Menschen, dass dem des saufenden, hurenden, rauchenden, fressenden Lebemanns ähnelt, der - aberwitzig realitätsfern - immer glaubt, es gehe schon gut aus.
2. Er zeigt viele Wertealternativen und deren Umsetzungs auf - damit dürfte er vielen Leistungsträger der Gesellschaft aus der Seele sprechen (ich habe mich immer wieder gefreut, dass viele meiner Gedanken in diesem Buch adressiert wurden).
3. Anregungen für eigenes Verhalten: nach Lesen des Buches fällt es mir nicht schwer, den geplanten Neukauf eines Fernsehers nicht zu tätitgen, mich im lokalen Umfeld menschlich zu engagieren.
Ich werde dieses Buch mindestens 10 anderen empfehlen ...
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am 8. März 2010
Für mich ein außergewöhnliches Buch. Kaum eine Facette der In-Einflussnahme auf jede erdenkbare Lebenslage die hier nicht beleuchtet wurde. Zudem erschließt sich dem Leser eine Klarheit der Problematik, die zwar jedem irgendwie bewusst ist, deren Bedeutung und Tragweite unterschätzt und vor allem nicht öffentlich, in der notwendigen Deutlichkeit diskutiert wird.

Es wäre ein Gebot der Stunde, dass Politiker aller Couleur endlich die Wahrheit ins Volk bringen und nicht blanke Polemik und Verschleierungstaktik zugunsten der eigenen Partei betreiben.

Herr Miegel stärkt mich durch die in diesem Buch behandelter Themen in der Hoffnung, dass sich erst durch Änderung unseres Wertesystems, ein grundlegender Wechsel möglich werden wird. Ich schreibe "wird", da es keine Option zu der Entwicklung gibt, sie wird schlicht und ergreifend eintreten. Somit also kein Grund sämtliche Erscheinungen rund um das Thema Wirtschaftskrise rein negativ zu belegen.
Dieses Buch verstehe ich zunächst als Kritik am Wertesystem der Gesellschaft und danach als Kritik an der betriebenen Politik des Verschweigens. In diesem Rahmen bleibt zu erwähnen, dass nach Ende des zweiten Weltkriegs für Deutschland/Österreich eine neue Kultur gefunden werden musste, die Maximierung des Wohlstands zu Gunsten des wirtschaftlichen Wachstums und zu Lasten des menschlichen Wertesystems - sie viel auf fruchtbaren Boden.
Grundlegende oder bedeutungsvolle Aussagen werden meist im großen, keinesfalls zu kurz geratenen Anhang durch Quellenangaben o.ä. belegt.
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am 16. März 2010
Vielleicht wird man in zehn oder zwanzig Jahren dieses Buch des Wissenschaftlers, Publizisten und Beraters Meinhard Miegel einmal als den Beginn einer Debatte und Entwicklung bezeichnen, die eine Wende herbeigeführt hat, eine dringend notwendige Wende von einem alten zu einem neuen Denkschema und gesellschaftlichen Paradigma.

Lange Zeit galt die Gleichsetzung von Wachstum und Wohlstand als die Garantie für die bestmögliche Entwicklung unserer Gesellschaft. Sie wurde geradezu wie ein Glaubenssatz gehandelt und wer diesen in Frage stellte, wie etwa einige Wissenschaftler schon in den siebziger Jahren im Zuge der beginnenden ökologischen Debatte, war bald ausgegrenzt.
Doch die Situation des Planeten, der Klimawandel und die Finanzkrise haben die alten Glaubenssätze dermaßen erschüttert, dass bis in die bisherigen Kreise der Wachstumsideologen hinein begonnen wird, von einer Entwicklungsstrategie unserer Gesellschaft zu sprechen, die einen qualitativen Wohlstand ohne Wachstum verspricht.

Meinhard Miegel, einer der renommiertesten Sozialwissenschaftler unseres Landes, zeigt in diesem Buch die "Exit" - Strategien auf, nachdem er überzeugend beschrieben hat, warum mehr Wachstum unseren Wohlstand nicht "mehrt, sondern verzehrt". Ein gesamtgesellschaftlicher Bewusstseinswandel ist notwendig, auf den sich aber auch der einzelne Bürger schon langsam einstellen kann.

Je eher die Individuen in ihrem eigenen Lebensumfeld und Alltag der Qualität vor der Quantität den Vorzug geben, je eher sie sich nicht nur abfinden mit einer nötigen Entwicklung, sondern sie selbst mit gestallten über ihre Arbeit, ihren Konsum und ihr Freizeitverhalten, desto schneller wird sich ein dringend nötiger Paradigmenwechsel auch von unten durchsetzen und nicht nur durch ebenso nötige politische Entscheidungen von oben.
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