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am 11. März 2016
1. Das Buch stellt den Neoliberalismus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als historische Entwicklung und Strategie dar, deren Drohpotential von weiten Teilen der Bevölkerung leider nicht verstanden wird. Insofern sollten sich sicherlich mehr Leser als bislang der Anstrengung unterwerfen, Autoren wie Streeck, Negt, Butterwegge, etc. zu rezipieren. Die Lektüre von Streeck insbesondere stellt eine Anstrengung dar.

2. Dass z. B. Steuergesetze ungerecht sind, wird an deren Auswirkungen deutlich: 'Nicht zu hohe Ausgaben (') sind Ursache der Staatsverschuldung, sondern zu niedrige Einnahmen, die darauf zurückzuführen sind, dass Wirtschaft und Gesellschaft (') ihrer eigenen Besteuerbarkeit Grenzen setzen, während sie zugleich vom Staat immer mehr verlangen. (S. 140; ähnlich S. 156). ' Leider fehlen Beispiele im Buch: Die risikolosen Gratisdarlehen, die der Staat über § 6b EStG und § 8b KStG bis zum Totalverlust den Unternehmen gewährt oder schenkt. § 8b KStG (Steuerfreiheit von Beteiligungserträgen) wurde von einem Chemiekonzern dem Genossen der Bosse = damaligem Vorsitzenden der Arbeiterpartei Anfang des 21. Jh. diktiert. Ferner das einseitig unternehmerfreundliche Erbschaftsteuergesetz, dessen Schieflage C. Butterwegge richtig, aber nicht tief genug analysiert (pars pro toto: Link auf seiner Homepage, Art. v. 22. 12. 2015); nicht zu vergessen der § 224a AO als lex 'Hochadelsfamilie XY' zur Schonung ihres Vermögens beim Erbanfall. Die Radbruchsche Formel gegen die Steuergesetze wird dabei in großen Summen von den Protagonisten auf den Steuer-CDs in Anspruch genommen, die z. T. sowieso schon auf die Steuergesetzgebung in ihrem Sinne, und sei es nur institutionell eingebunden (z. B. Funktionsträger im Chemiekonzern oder in einem Logistikunternehmen), Einfluss nehmen konnten.

3. Die Europäisierung oder Globalisierung wird deutlich herausgestellt als Strategie, nationale Demokratien zu eliminieren. Die EU, der EuGH, der IWF gibt der nationalen Regierung einen nicht demokratisch legitimierten Auftrag, der von der nationalen Regierung gegen den Willen des Volkes umgesetzt wird ' S. 190 ff. ' aktuelles Beispiel Griechenland. Diese Strategie wurde bereits von Jean Monnet, einem der honorigen?? Gründerväter der EU formuliert: 'Europas Länder sollten in einen Superstaat überführt werden, ohne dass die Bevölkerung versteht, was geschieht. Dies muss schrittweise geschehen, jeweils unter einem wirtschaftlichen Vorwand.' (zitiert nach Focus, 34/2010, Artikel von Frederick Forsyth). Auch hier wiegt die Anstrengung der Lektüre den Gewinn an Erkenntnis auf.

4. Streeck, der sich im Vorwort zu Taschenbuchausgabe selbst über seinen hohen Buchabsatz wundert, ist der Vorwurf zu machen, einen gewöhnungsbedürftigen Jargon zu schreiben. Insofern sind die Reaktionen von 'Michael Mustermann, 7. Dez. 2014' oder 'Rumpelstilzchen, 23. Okt. 2013' in der Liste der Rezensionen sehr ernst zu nehmen.
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am 15. August 2015
Wolfgang Streeck gelingt es in einer bisher in der Wissenschaft im Wortsinn "unerhörten" Weise, die weltwirtschaftliche Entwicklung in der kritischen Weiterentwicklung der Frankfurter Schule mit dem um sich greifenden Neoliberalismus in einem großen historischen Bogen kausal zu verbinden, der eine völlig neue Sicht nicht nur auf das politische Handeln der Vergangenheit, sondern auch und insbesondere der Gegenwart eröffnet; und der mit der Transformation des Staates auf mehreren Ebenen bis hin zum heutigen "Konsolidierungsstaat" einhergeht, der händeringend nach kurzfristigen Lösungen sucht, um sich aus der Misere, in die er sich reiten ließ, zu befreien, sich weitere "Zeit kaufen" zu können.

Er entwickelt dabei unter anderem die - aus meiner Sicht sehr zentrale - These von zwei konkurrierenden Referenzgruppen staatlichen (vulgo: politischen) Handelns: Dem "Staatsvolk" - den Wählern, die das politische Handeln durch ihre Wahlen demokratisch legitimieren - und dem "Marktvolk" - dem subjektivierten Neoliberalismus, der den Staat in die ökonomische Zange nimmt und ein begünstigendes Handeln "erpresst.

Ohne - oder mit nur sehr wenigen - direkten, "lauten" Worten erinnert Streeck uns - das Staatsvolk - an unsere Pflicht, dem Staat diesen Spiegel vorzuhalten und damit in eine hörbare Konkurrenz zum ökonomischen Druck des Marktvolkes zu treten.

Streecks Buch ist sicherlich keine Bettlektüre, ist aber auch weit davon entfernt, vollkommen unlesbar zu sein, wie manche Rezensenten behaupten.
Wenn man sich darauf einlässt, ist es ein wirklich beeindruckendes Buch, das mehr als die meisten anderen Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, zum Denken und reflektieren anregt, auch - oder sogar weil - es einer gewissen ideologischen Färbung nicht ganz unverschlossen bleibt.
Aber sind wir mal ehrlich: Was wäre ideologischer als der Neoliberalismus, gegen den sich dieses Buch wendet? Insofern ist m.E. auch dieses "Stilmittel" durchaus legitim!

Eine unbedingte Kaufempfehlung! Ein sehr anregendes und aufschlussreiches Buch, sowohl für den Haus- als auch für den wissenschaftlichen Gebrauch!
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am 17. August 2016
Das Buch gekaufte Zeit von Wolfgang Streeck erschien bereits 2013 zum ersten mal. Es basiert auf der Adorno-Vorlesung von Streeck aus dem Jahr 2012, die mit Adorno aber wenig zu tun hat (vgl. Streeck 2015: 49). Er analysiert in diesem Werk die gegenwärtige – nach wie vor hochaktuelle – Finanz- und Fiskalkrise in Bezug auf deren ökonomische, politische und soziale Hintergründe und Konsequenzen. Das Buch fand Beachtung in einem Ausmaß, welches auch den Autor selbst überraschte, dessen publizistische Reichweite - wie er selbst schreibt - bislang überwiegend an die spezialisierter Fachzeitschriften gebunden war. Besonders die Debatte zwischen Streeck und Habermas wurde vielbeachtet. Nun erschien das Buch in erweiterter Auflage Ende 2015 wieder, mit einem Vorwort das auf die Rezeptionsgeschichte Bezug nimmt sowie erweitert um den Aufsatz zur Geldorndung der Europäischen Währungsunion mit dem Titel „Warum der Euro Europa spaltet, statt es zu einigen“. Das Buch ist damit allemal auch 2016 wieder einen Blick wert.

Die Neoliberalisierung

Auf Grundlage einer bemerkenswerten Fülle an recherchiertem Material beschreibt Wolfgang Streeck in gekaufte Zeit die Finanzkrise 2008 ff. als Sequenz und aktuellen Höhepunkt einer polit-ökonomischen Entwicklung der gesamten kapitalistischen Welt, die Ende der 1960er Jahre einsetzte. Die ökomischen und sozialen Grundlagen, auf denen der „demokratische Kapitalismus der Nachkriegszeit“ (Streck 2015:138) beruhte, wurden durch sie auflöst und in einem stetigen Prozess durch ein neues politökonomisches System ersetzt: Der Prozess der Neoliberalisierung der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften.

Ausgangspunkt dieser Entwicklung sei eine Legitimationskrise des demokratischen Kapitalismus der Nachkriegszeit gegenüber dem Kapital in Gestalt der Besitzer und Verwalter von Kapitalvermögen gewesen, da die Grundlagen des damaligen „Gesellschaftsvertrags“ (Streeck 2015:103) – starke Gewerkschaften, Bindung des Lohnniveaus an das Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, hohe Sozialleistungen etc. – die Akkumulation von Kapital in ausreichendem Maße zunehmend erschwerten. Um ein weiteres Wirtschaftswachstum und damit den sozialen Frieden zu sichern, verfolgten – wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen und zum Teil zeitlich versetzt – sämtliche demokratischen kapitalistischen Länder dieselben finanzpolitischen Strategien: Inflation, dann Staatsverschuldung, dann Expansion privater Kredite, schließlich Ankauf von Staats. Und Bankschulden durch die Zentralbanken (vgl. Streeck 2015: 57).

All diese Maßnahmen beschreibt Streeck als Versuche „zur Pazifizierung sozialer Konflikte finanzielle Ressourcen einzusetzen, die eigentlich noch nicht vorhanden sind […]“ (Streeck 2015: 106). Das Scheitern der einen Maßnahme führte dabei unmittelbar zur nächsten, wobei jedes Mal Zeit gekauft wurde (eine wörtliche Übersetzung des Englischen Ausdrucks buying time), welche die aus einem fehlenden Wirtschaftswachstum resultierenden sozialen Konflikte verzögerte.

Die sozialstaatlichen Reformen (Kürzung von Leistungsansprüchen) in der zu Beginn der 1980er Jahre einsetzenden Ära der Staatsverschuldung, deren Fortsetzung in den 90er Jahren sowie die ebenfalls in den 90er Jahren einsetzenden Liberalisierungen der Finanzmärkte und Privatisierungen zentraler Teile der Daseinsvorsorge beschreibt Streeck als einen Prozess der Entdemokratisierung (vgl. Streeck 106ff; 70).

Die Entdemokratisierung

Die Erklärung der Finanzkrise ist für Streeck überhaupt nicht Zweck für sich, sondern nur Ausgangspunkt für seine Gerechtigkeitsvorstellung und die Anklage gegen den Neoliberalismus. Wolfgang Streeck zu Folge ist, wenn nicht gleich der gesamte Kapitalismus, so zumindest der Neoliberalismus mit einem demokratischen Staat nicht vereinbar (vgl. Streeck 2015: 132). Zumindest dann nicht, wenn, wie er weiter ausführt, „unter Demokratie ein Regime verstanden wird, das im Namen seiner Bürger mit öffentlicher Gewalt in die sich aus dem Marktgeschehen ergebende Verteilung wirtschaftlicher Güter eingreift“ (Streeck 2015: 132). Dieser Konflikt sei in letzter Instanz ein „sehr altes Spannungsverhältnis zwischen Kapitalismus und Demokratie“ (Streeck 2015: 132) das auf den unterschiedlichen Verteilungslogiken bzw. Gerechtigkeitsauffassungen der beiden beruhe: Während dem Kapitalismus das Prinzip der Marktgerechtigkeit zugrunde liege, beruhe die Demokratie auf dem Prinzip sozialer Gerechtigkeit.

Streeck versteht unter Marktgerechtigkeit „die Verteilung des Produktionsergebnisses nach der Bewertung der individuellen Leistungen der Beteiligten durch den Markt, ausgedrückt durch ihre relativen Preise“ (Streeck 2015: 133). Der Logik der Marktgerechtigkeit zu Folge ist also das Verteilungsresultat marktwirtschaftlichen Wirtschaftens per se gerecht, weil es den individuellen Leistungen entspricht. Die Vorstellung sozialer Gerechtigkeit stelle Ansprüche eines Mindestniveaus an Lebensqualität, die nicht an Leistungen gebunden sein sollen. Beide Gerechtigkeitsbilder seien normative Vorstellungen von denen keine der beiden unkontrovers sei.

Da jedoch in einem Wirtschaftssystem , das auf ungleichen Verträgen beruhe „ständig kumulative Vorteile nach dem sogenannten Matthäus-Prinzip produziert [werden]“ (Streeck 2015:136), das Eigentum sich also bei den Verwaltern des Kapitals laufend vermehrt während der von ihm ausgeschlossene Teil der Bevölkerung zum permanenten Verlierer der Verhältnisse wird, sei eine sozialstaatliche Korrektur der marktwirtschaftlichen Verteilungsergebnisse aus Sicht der sozialen Gerechtigkeit unerlässlich.

Quod erat demonstrandum

Unschwer zu erkennen geht es Streeck hier also um eine normative Rechtfertigung des Sozialstaats, ebenso wie die Vorstellung von Marktgerechtigkeit nichts anderes ist, als die normative Rechtfertigung der Akkumulation von Kapital bei Ausschluss der Mehrheit der Bevölkerung vom materiellen Reichtum der Gesellschaft. Hier ist auch die Schwäche von Sreecks zu erkennen:

Unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen können nicht die Ursache eines Spannungsverhältnisses sein. Eine Vorstellung von Gerechtigkeit ist doch zunächst nur die Rechtfertigung eines bestimmten Einzelinteresses, das – eben einem bestimmten Prinzip folgend – als allgemeines oder allgemein anzuerkennendes behauptet wird. Diese Gerechtigkeitsbilder zeugen also von unterschiedlichen Interessen, die sich entgegenstehen, also wirklich von einem Konflikt, von dem aber noch zu klären ist ob er zwischen Demokratie und Kapitalismus verläuft. Das eine Gerechtigkeitsbild verweist auf das Interesse derjenigen, die sich maximale Profitraten wünschen und die Anhäufung ihres Reichtums durch „zu hohe“ Abgaben, Löhne usw. bedroht sehen, also auf das, einem Leistungsprinzip entsprechende, gerechte Resultat marktwirtschaftlichen Wirtschaftens pochen. Die Idee der sozialen Gerechtigkeit hingegeben verweist gerade auf den Teil der Bevölkerung, der ohne Eigentum – also prinzipiell vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen – ist und in dessen Namen und zu deren Gunsten Streeck für eine staatliche Einmischung eintritt.

Die erste Gerechtigkeitsvorstellung als kapitalistisch zu bezeichnen leuchtet ein, da sie in der Tat nicht mehr besagt, als dass Kapitalismus qua definiton gerecht sei. Die andere Vorstellung – seine eigene - jedoch als die demokratische zu bezeichnen und ihr vermeintliches Gegenstück somit als nicht-demokratische ist jedoch eine konstruierte Prämisse, um auf den ideologischen Konflikt zwischen Demokratie und Kapitalismus schließen zu können, so dass nur noch zu sagen bliebe: quod erat demonstrandum.

Entlarvend wirkt hier, dass nicht aus einem allgemeinen Demokratiebegriff oder einem ihrer Prinzipien auf die Gerechtigkeitsvorstellung geschlossen wird, sondern die soziale Gerechtigkeit zuerst als demokratisches Verteilungsprinzip eingeführt wird und anschließend die passende Eingrenzung des Demokratiebegriffs eingeschoben wird: „Demokratie, verstanden im Sinne der sozialen Demokratie der Nachkriegszeit“ (Streeck 2015:138). Streeck definiert Demokratie also, indem er sie der politisch ökonomischen Situation der Aufbaujahre gleichsetzt. Bestimmte Inhalte demokratischen Regierens werden also mit der demokratischen Herrschaft selbst begriffsidentisch gesetzt.

Die historische Abweichung von der sozialen Ordnung dieser Jahre kann dann als Prozess der Entdemokratisierung betitelt werden. Dass die demokratischen Staaten selbst die Akteure dieser vermeintlichen Entdemokratisierung sind, ist ein theoretischer Wiederspruch der Streeck nicht weiter stört, den er sogar konsequent weiter verfolgt. Dass die Klasse der Eigentümer und Verwalter von Kapital sich gegen die politischen Ziele der Vollbeschäftigung und allgemeinen Teilhabe auch der Lohnabhängigen am Wirtschaftswachstum richten, sobald sie ihre Gewinne dadurch bedroht sehen versteht sich (vgl. Streeck 2015: 97). Dass sie sich jedoch auch nur als Interessenvertreter an den demokratischen Staat richten können, der aus Streecks Sicht alleine im Auftrag der sozialen Gerechtigkeit unterwegs ist, und dort auch auf offene Ohren stoßen, widerspricht jedoch dem Schema des prinzipiellen Konflikts zwischen Demokratie und Kapitalismus. Der doch eigentlich aktiven Rolle der (demokratischen) Politik im Prozess der Neoliberalisierung – von Streeck zuweilen auch als „politischer Flankenschutz“ (Streeck 2015: 102) bezeichnet – wirft Streeck vor „[…] versäumt [zu] haben, die Konterrevolution gegen den Sozialkapitalismus der Nachkriegsära als solche zu erkennen und sich ihr zu wiedersetzen“ (Streeck 2015: 153 f.) - von Versäumnis kann aber keine Rede sein, wo aktives Handeln unterwegs war

Rezensionsgeschichte

Die bisherige Rezensiongeschichte des Bandes ist groß und gleichzeitig seltsam, da diese Hauptthese seines Buches bisher kein Thema war. Besondere Aufmerksamkeit erhielt seine Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas, der in dem Artikel „Demokratie oder Kapitalismus?“ Streeck vorwirft, er wolle sich „in die nationalstaatliche Wagenburg der 60er und 70er [zurückziehen]“ (Habermas 2013: 78). Streeck wiederum weist diesen Vorwurf in seiner Replik auf Jürgen Habermas entschieden von sich: Es sei ihm nicht „um den Nationalstaat als solchen […] sondern um die demokratischen Institutionen [gegangen]“ (Streeck 2013: 87). Hier hat Streek eindeutig Recht und es mutet seltsam an, das Habermas nichts zum eigentlichen Thema schreibt. Wie die vorliegende Rezension hoffentlich zeigt, gäbe es zum Thema viel zu sagen. So bleibt Streecks Buch und seine These von der Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie auch 2016 noch unwiedersprochen, obwohl so viele Aufsätze zu seiner Kritik geschrieben wurden.

Wer sich übrigens für die ökonomischen Hintergründe der Finanzkrise interessiert und mit den Andeutungen von Streeck nicht zufrieden ist, sei auf das sehr gute Buch von Peter Decker et al. 2016 verwiesen: „Das Finanzkapital“.

Literatur

Decker, Peter / Hecker, Konrad / Patrick, Joseph 2016: Das Finanzkapital. München: Gegenstandpunkt
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am 19. Juli 2015
Es ist ein Verdienst des Autors, viele auf den ersten Blick unübersichtliche und unzusammenhängende Ereignisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen und damit den Spannungsbogen anzudeuten, der in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Europa stattgefunden hat: Von einem langsamen, aber kontinuierlichen Rückzug des Staates hin zu einer immer stärkeren Betonung wirtschaftlicher Effizienz in allen Lebensbereichen.

Griff im Nachkriegskapitalismus der Staat - z.B. durch inflationspolitische Maßnahmen - noch steuernd in die Geschicke wirtschaftlichen Lebens ein, so änderte sich dies spätestens in den 1970er und 1980er Jahren, als der Staat durch immer größere Aufnahmen von Schulden jene Illusion wirtschaftlichen Wachstums und sozial gerechter Verteilung aufrechterhielt, die seit 2008 mit der Finanzkrise spektakulär in sich zusammenfiel. Seither sehen sich viele Euro-Staaten zu einer 'inneren' Abwertung gezwungen, d. h. es müssen Produktionsleistungen verbilligt werden - z.B. durch längere Arbeitszeiten oder Kürzung von Sozialleistungen -, weil das Mittel der Geldabwertung innerhalb des Euro-Raumes für wirtschaftlich schwächere Länder nicht mehr möglich ist.

Besonders brisant ist diese Entwicklung auch unter demokratiepolitischer Sicht: Die wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden immer weniger in nationalen Parlamenten gefasst, sondern von neoliberal gesinnten Technokraten in Brüssel (vgl. in diesem Zusammenhang auch das Beispiel TTIP). Letztlich läuft die Entwicklung immer mehr auf die Unvereinbarkeit der derzeit praktizierten, neoliberalen Form des Kapitalismus und einer demokratischen Gestaltung gesellschaftlichen Lebens hinaus.

Streeck sieht pessimistisch in die Zukunft: Europa sei auf dem besten Weg, ein neoliberales Korsett für seine Mitgliedsstaaten zu schnüren, das ohne Rücksicht auf kulturelle Unterschiede nur den Profit als einzigen Wert in allen Lebensbereichen anerkennt. Als Lösung schlägt Streeck die Möglichkeit eines geordneten Ausstiegs aus dem Euro vor, denn es sei abwegig zu behaupten, dass "Europa scheitere, wenn der Euro scheitert" (Angela Merkel) - was ja tatsächlich kaum einleuchtend ist ...

Das Buch liest sich streckenweise spannend wie ein Krimi und die darin geschilderten Geschehnisse bergen auch eine Menge (halb-)krimineller Energien. Mit aller Schärfe - und nicht ohne Humor - werden die Entwicklungen des Neoliberalismus in Europa nachgezeichnet. Schade nur, dass die Gedanken sprachlich auf sehr hohem Abstraktionsniveau dargelegt werden - ein Umstand, der vermutlich dazu führt, dass die Lektüre für einen breiteren Leser_innenkreis als zu mühsam erscheint. Hätte man das nicht einfacher sagen können?
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TOP 100 REZENSENTam 4. Juli 2017
Streeck beschreibt wie Europa zum Naherholungsgebiet für Großkonzerne umgebaut wurde und wie ein technokratischer Eurofinanzminister auf die nationalen Haushalte durchgreifen und was für Widerstand dadurch provoziert würde. Selbst Wolfgang Schäuble stellt sich jetzt schon gegen die Idee quer, obwohl er in den letzten 10 Jahren als braver Erfüllungsgehilfe der Großkonzerne deren Regeln den Mittelmeerländern diktiert hat. Bundesbankpräsident Weidmann stellt sich vor, dass bei störrischen Ländern wie Griechenland dann das nationale Entscheidungsrecht auf die EU-Ebene verlagert würde, d.h. die EU kann dann neokapitalistische Szenarien am nationalen Parlament vorbei diktieren. Dies geschieht im Falle Griechenlands ja schon jetzt. So kann u darf die Reform der EU nicht weitergehen. Vielmehr müssen EU-Wirtschaftsgesetze durch das EU-Parlament demokratisch legitimiert werden, und zwar so, dass auch die Verlierern einer Abstimmung das demokratische Ergebnis respektieren.
siehe auch:Tantalus Welt: Die Überwindung nationaler Traumata
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am 26. Oktober 2014
Im Gegensatz zu vielen politisch-ökonomischen Abhandlungen, die entweder vor Polemik triefen oder pseudowissenschaftlich, aber unverständlich daherkommen, habe ich bei Streeck (nach dem etwas abschreckend intellektualisierenden 1. Kapitel) einige Zusammenhänge nachvollziehbar erklärt bekommen.
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TOP 100 REZENSENTam 24. April 2013
Der Autor zeigt, wie die Politik seit vielen Jahrzehnten immer wieder mit Geld Zeit kauft, um die Lösung der Probleme, für die man keine Antwort hat, in die Zukunft zu verschieben. Das beste Beispiel ist die derzeitige Euro-Krise. Mit immer neuen Rettungsmilliarden wird versucht, überschuldeten Krisenländern wieder auf einen wirtschaftlichen Wachstumskurs zu bringen. Doch Streek zeigt im Buch, dass diese Strategie zum Scheitern verurteilt ist, weil es der staatlichen und europäischen Wirtschaftsförderung bisher so gut wie nie gelungen ist, die Unterschiede zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Regionen zu verringern.

Doch der Autor macht auch klar, dass diese Form von Krisenmangagement nicht nur weitgehend wirtschaftlich nutzlos ist, sondern sogar die Demokratie in ganz Europa gefährdet. Denn die Souveranität von Staaten wird beschnitten, die Regierungen unterwerfen sich den Finanzmärkten und machen eine Politik gegen die eigene Bevölkerung: entweder in dem sie ihre Bürger zu Zwangssolidarität verpflichten oder indem sie ihnen schmerzhafte soziale Einschnitte abverlangen. Streek ruft daher die Bürger auf, sich gegen einen undemokratischen europäischen Einheitsstaat zu wehren - mit Hilfe der Reste ihrer nationalen Demokratien. Fazit: ein wichtiges Buch zur rechten Zeit.
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am 24. Juli 2013
Anhand seiner wissenschaftlichen Herkunft aus der Schule Adorno beurteilt er die Entwicklung in der EU, im Euro und in der Wirtschaft allgemein. Er sieht die Demokratie in Gefahr durch die Verlagerung von Kompetenzen und sog. „Marktmacht“ und warnt vor immer stärkeren Eingriffen in Renten, Sozialprogramme. Belegt durch die tägliche Entwicklung. Viele Tabellen liefern Hintergrund.
Zentralbanken werden zu gigantischen Badbanks mit angeschlossener Notenpresse. Er stellt die Frage, wie lange die Bürger dies hinnehmen.
Seine Lösung liegt in höheren Steuern, mehr Einfluss der Bürger und des Staates und vor allem Rückgabe des Rechtes auf Änderung der Währungsparität nach den Erfordernissen des Staates bis zum Schuldenschnitt zu Gunsten des Staatsvolkes und zu Lasten des Machtvolkes.

Er zeigt die Zusammenhänge zwischen den Amtsträgern bei den Staatsbanken, Goldman, der EZB und bei den Staatsregierungen und EU-Ämtern klar auf. Die EU verlangte niemals von Griechenland die Besteuerung der Reichen mit Wegzugsteuer oder der internationalen Einkünfte und Vermögen. Er fordert die Bürger auf, sich gegen einen undemokratischen europäischen Einheitsstaat zu wehren.

Meine Kritik:

Es wird nicht einbezogen:
• Die Frage, was braucht der Staat, wird nicht gestellt.(Moloch Staat) Die Ausgabenseite greift er nicht auf. Weder in der EU-Organisation, den Nordstaaten aber auch nicht in Griechenland oder der Bürokratie im Allgemeinen. Der Autor geht davon aus, dass die Ausgaben im Wesentlichen die sozial schwachen Bürger betreffen und nur hier „gespart“ werden soll. Was in der Bürokratie verschwindet oder von Unfähigen und Egomanen verschwendet wird, ist keine Thema (Stadtschloss, Flughafen BER, Hamburg, Hessen, München oder Stuttgart). Vgl. auch die Thesen von Cyrill Northcote Parkinson.

• Das Problem des Schuldenstaates an sich. Es erfolgen Ausgaben zu Lasten einer noch wehrlosen künftigen Generation. Damit wird der Widerstand der Bürger umgangen, welche die tatsächlich – für eine Deckung - notwendigen Steuern nicht hinnehmen würden und wohl zum Widerstand und Boykott schreiten würden.
Die Schlussfolgerung, dass Bürger mit geringem sozialen Status nicht zur Wahl gehen, weil sie keine Änderung erwarten ist nicht belegt. Es kann auch sein, dass uninteressierte Bürger aufgrund von Bildung und Engagement einen beruflichen Erfolg nicht erreichen konnten.

Das Buch stellt viele interessante Zusammenhänge dar und regt zum Nachdenken an. Mich hat gestört, dass das staatliche Handeln an sich nie in Frage gestellt wird. Der ganze Bereich von Macht, Klientelwirtschaft, Gier und auch einfach Selbstverwaltung und Versorgung ist kein Thema für den Autor.
Er hat einen unerschütterlichen Glauben an die mechanistische Steuerung der Gesellschaft durch den Staat. Der Kompetenzverfall der Staatsorgane ist außen vor.

Ein wichtiges Buch in der Zeit der „Rettungen“. Die Analysen sind gut und verständlich, die Schlüsse teile ich nur teilweise.
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am 16. Mai 2016
Keine Angst, dieses Buch ist zwar in einem eher ungewöhnlichen Wissenschaftler-Jargon verfasst, aber dennoch leicht lesbar. Überdies spart der Autor bei der Fülle der Kritik am westlichen Kapitalismus (oder auch: Neoliberalismus) sich selbst nicht aus: denn er ist durchaus selbstkritisch. Das Buch liest sich wie ein Abgesang auf das nunmehr seit dem Ende des 2. Weltkriegs herrschende Wirtschaftssystem des "demokratischen" Kapitalismus. Originär demokratisch war dieser allenfalls in seinen Anfängen. Heute herrscht eine Art Plutokratie, als Herrschaft der Superreichen. Doch in dem Buch wird deutlich eine Zäsur dieses Systems markiert: Das Jahr 2008. Lange kann es so nicht mehr weiter gehen...
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am 27. März 2013
Nach der Lektüre dieses Augenöffners habe ich es begriffen: Seit Ende des Weltkrieges ging es im Westen immer nur um den möglichst friedlichen Erhalt des kapitalistischen Systems. Solange bis das Konkurrenzsystem besiegt war.

Der Friede wurde anfangs durch reale Beteiligung der Lohnabhängigen an Produktivitätsfortschritten und Gewinnsteigerungen erzielt. Weil sie nicht wussten, wie gut es ihnen dabei ging, schlugen die Gewerkschaften mit immer höheren Forderungen und Streiks über die Stränge. Das Kapital trat auf die Bremse.

Fortan musste der Staat uns Arbeiter und Angestellte glauben machen, dass wir beteiligt werden: Zuerst durch Inflation, die unsere in Lohnabschlüssen erzielte Kaufkraft wieder aufzehrte. Dann kamen Reagan und Thatcher und traten auf die Inflationsbremse, in dem sie ihre Leitzinsen erhöhten. Investitionen wurden gebremst, Arbeitsplätze gingen verloren. Wir zahlten die Zeche. Die deutsche Wirtschaft suchte einen Weg, von der heimischen Nachfrage und Lohnentwicklung unabhängig zu werden: Sie setzte auf Exporte. Eine Rhetorik, der sogar SPD und einige Gewerkschaften bis heute folgen.

Der Staat sprang ein: Er finanzierte die ausgedörrten Sozialkassen auf Pump. Reagan und Thatcher, später auch Kohl wurden die Schuldenkönige der westlichen Welt. Bis auch das nicht mehr weiter ging.

Der letzte Weg für die Politik war: Nicht mehr den Staat, sondern die Bedürftigen selbst in Kreditaufnahme zu treiben. Der "Subprime" wurde durch Deregulierung ermöglicht. Die finanziell Schwachen sollten nicht merken, dass es mit ihrem Wohlstand seit Jahrzehnten abwärts ging, der Kredit wirkte als Betäubung. Bis auch das crashte.

Einen weiteren Weg gibt es nicht. Jetzt droht das Ende des friedlichen, demokratischen Kapitalismus. Die EU-Staaten werden ihre Demokratieren entmachten, indem sie Kompetenzen an eine nicht legitimierte Kommission der EU abgeben, die von einem machtlosen Parlament "kontrolliert", aber eigentlich nur beobachtet wird.

Machen wir uns auf schwierige Zeiten gefasst. Es droht der "kalte Bürgerkrieg".
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