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am 28. Dezember 2016
Tuvia Tenenbom. Ja, klar es ist witzig, es spitzbübisch, es ist locker, flockig und pieksig wie eine Akupunkturnadel. Tenenbom hält uns den Spiegel vor und ich, der ich anderthalb Jahrzehnte nicht in Deutschland war, kann ihm folgen. Meistens.

Natürlich fallen nicht nur Tenenbom diese Merkwüdigkeiten an Deutschland und den Deutschen auf, jedem müßten sie auffallen, jedem dessen Auge nicht von zuviel Fernsehen getrübt ist.

Doch wie immer wenn ich was lese versuche ich zuerst die Schwachstellen zu finden. Schwachstellen ist vielleicht nicht das richtige Wort, die Stellen, die mit meinen Erfahrungen nicht übereinstimmen.

Tuvia schreibt: Die deutsche Bundesbahn sei immer auf die Minute pünktlich. Sehr komisch, in den letzten 2 Jahren haben wir etliche Male die Bahn benutzt und hatten GRUNDSÄTZLICH Verspätungen. Von dem besoffenen Lokführer der aus dem Zug geholt werden mußte mal ganz abgesehen. Aber das sind Kleinigkeiten.

Wundern tue ich mich über etwas ganz anderes: Wie Tuvia einige Leute lobt die ich zum Kotzen finde. Sie erinnern sich doch sicherlich an diesen abgehobenen Jens Jessen von der ZEIT, der, der unter einem Leninbild posierend von den deutschen Rentnern als Spießern sprach "die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen".

Meine Frau ist Ausländerin und noch nie hat ihr ein deutscher Rentner das Leben zur Hölle gemacht, und ich bin "Rentner" und man muß schon viel Fanatsie aufbringen um in mir einen Spießer zu sehen.

Aber Tenenbom sei entschuldigt, das mit den Äußerungen Jessen's hat er wahrscheinlich nicht mitbekommen, er war ja später in Deutschland, dennoch erscheint mir die Beschreibung der ZEIT als reine Lobhudelei. Ich fühle es ganz anders: Auch dieses Blatt zementiert die Umformung der Deutschen nach 1968.

Gut, eine kleine Mäkelei noch: Vielleicht verkehre ich ja nicht mit den richtigen Leuten, aber den von Tenenbom beschriebenen hektoliterweisen Bierkonsum der Deutschen, in den Tuvia dauernd reinrennt, habe ich in den letzten 67 Jahren noch gar nicht beobachten können. Ich werde ihm eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn spendieren, dann kann er notieren was saufen ist oder eine Kneipentour durch Prag mit ihm machen.

Danach muß er soviel pinkeln, daß er einen Termin beim Urologen braucht.

Aber sonst ist das Buch klasse und seine Beobachtungen decken sich mit meinen. Besonders der deutsche Nazitick, der ihm auffällt, zu recht, ist ja das, was auch uns auf die volle Blase geht:

Deutschland gehört auf die Couch. Ja, himmelsakrament noch mal, kann man eigentlich einen Abend Gespräche führen OHNE auf Onkel Adolf und seine Untaten zu kommen? Von den Medien ganz zu schweigen, DER LÜGEL lebt seit 70 Jahren vom Aufguß, bzw, streckt er die Nazisuppe so, wie eine Hausfrau ihren Eintopf wenn unerwartete Gäste kommen.

Bleiben die Juden. Auch da haben wir, Tenenbom hat das erkannt, einen Knacks. Den kann man allerdings auch schon erkennen, wenn man nicht Tenenbom heißt. Juden und Israel, Israel und die Juden sind eine deutsche Obsession. Von Jürgen Hodentöter bis Annette Groth, von Inge Höger bis Konstantin Wecker alle stabilisieren ihr moralisches Ich mit der Beschäftigung mit den Juden.

Wobei sie es sich nehmen lassen Israel immer Ratschläge zu geben. Die sitzen da, im "Mittleren Osten" und warten darauf, sitzen da 24 Stunden am Tag und warten darauf von DEUTSCHEN gute Ratschläge zu bekommen.

Doch ich schweife ab. Zurück zu Tenebom: Jetzt, endlich bin ich allein mit ihm und er stellt mir die Fragen, (ich stelle sie mir als ob ER sie mir stellen würde):

"Friedrich, was bedeutet es Ihnen ein Deutscher zu sein, sind sie stolz darauf?"

Friedrich denkt nach und sagt:

"Stolz kann man nur auf etwas sein, was man selbst gemacht hat. Ich habe mich nicht gemacht, das waren meine Eltern. Und da bin ich glücklich, nicht in Ruanda oder Spitzbergen gemacht worden zu sein, sondern in Deutschland. Ja, ich bin gerne Deutscher!"

Aber Tuvia ist hartnäckig und hakt nach:

"Und wie denken Sie über die Deutschen, Friedrich?"

Friedrich antwortet umgehend:

"Sie sind ziemlich gut, ich meine sie WAREN ziemlich gut, früher. Als Ingenieure, als Komponisten, als Erfinder. Aber sie sind anfällig, hochgradig psychotisch, in ihrer Stringenz sich einer Idee zu verschreiben, mit Haut und Haaren, geradezu gefährlich. Dieser Perfektionismus....

Früher haben sie sortieren geübt, auf diesen Haufen die Brillen, dorthin die Goldzähne, da die Schuhe. Heute sortieren sie wieder, die Flaschen, das Plastik, den Müll. Kurzum:

Ich halte mindestens 90 Prozent meiner Landsleute für krank!"
11 Kommentar| 6 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
TOP 500 REZENSENTam 3. September 2015
Es kommt sicher nicht allzu häufig vor, dass ein Schriftsteller im Auftrag von Verlag A (Rowohlt) kreuz und quer durch Deutschland reist, um seinen Bewohnern auf den antisemitischen Zahn zu fühlen, und das Ergebnis seiner investigativen Tätigkeit dann bei Verlag B erscheint (Suhrkamp). Die Frage, ob sich Autor und Verlag sich vor allem deswegen auseinandergelebt hatten, weil Tenenbom es an der journalistischen Sorgfalt hatte mangeln lassen (so Rowohlt) oder ob das Ergebnis nicht in das politische Weltbild des Geschäftsführers passte (so Tenenbom), war Ursache einer veritablen Schlammschlacht.

"Allein unter Deutschen" ist aber auch wirklich eine buchgewordene Dreistigkeit! Seinen Gesprächspartnern verräterische Äußerungen zu entlocken, und das manchmal unter dem Tarnmantel falscher Identität - pfui! (Wobei, hier geht es eigentlich noch. In "Allein unter Juden" hat er es wesentlich frecher getrieben.) Die reflexhaften Parteinahme für die Palästinenser im Nahostkonflikt mit latentem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen - zweimal pfui! Tenenbom trifft auf eine erstaunliche Koalition von Linken, Halblinken, Mittleren, Halbrechten und Rechten, die sich da quer durch die deutsche Bevölkerung untergehakt hat und die den Juden die Alleinschuld am nahöstlichen und anderen Desastern gibt. Wobei viele lieber Israelis statt Juden sagen und auch nicht immer so viel Hass verströmen wie in Duisburg, wo er sich unter die türkische Gemeinde mischt.

Neugierig gemacht hat mich natürlich der Umstand, dass in der deutschen Ausgabe einige Gesprächspartner nicht mehr auftauchen, die in der amerikanischen Ausgabe Tenenbom noch ihr Herz ausgeschüttet hatten. Also flugs das Original besorgt und danebengelegt:

Neben den vorne im Buch aufgelisteten Kürzungen - mit dem Tillich-Interview ist dem Buch leider einer der Höhepunkte abhanden gekommen! - sind mir beim Durchblättern noch ein paar mehr aufgefallen. So erfährt man als Deutscher nicht, dass Gabriele Gysi sich gefreut hätte, wenn Nordkorea Fußballweltmeister geworden wäre, und dass das Gespräch mit ihrem Bruder Gregor nicht stattfand, weil dieser nicht über seine jüdischen Vorfahren reden wollte.

Manche Streichungen sind wegen nichtvorhandener Dummheit des Gesagten überhaupt nicht nachzuvollziehen, wie z. B. das Gespräch mit Ulrich Matthes, dem Goebbels aus dem "Untergang", oder mit Helge Schneiders spanischer Freundin. Ministerin Zülfiye Kaykin wurde gekippt, aber ihre Erläuterung, wie den 900 Moscheen in Deutschland die Themen der Freitagspredigten vorgeschrieben werden, einfach jemand anderem in den Mund gelegt. Autsch. Auch die Änderung einer Reiseroute ist einer Kürzung zu verdanken: Auf Englisch fährt er von Hellerau nach Dresden, auf Deutsch direkt nach Meißen. Alles Sachen, die mir bei nur flüchtigem Durchblättern aufgefallen sind, und die dem Connaisseur des seriösen Journalismus' etwas unangenehm aufstoßen. Das hat mit der Ablehnung durch Rowohlt aber nichts zu tun.

Was übrigens auch fehlt, ist das Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, geschrieben voller Zorn und Enttäuschung nach der Ablehnung durch Rowohlt und bevor es klar war, dass Suhrkamp das Buch ein Jahr später veröffentlichen würde. Den Kollegen von Suhrkamp war es wohl doch zu heiß, wie Tenenbom mit dem damaligen Rowohlt-Geschäftsführer ins Gericht geht. Jeder, der halbwegs Englisch kann, sollte sich deshalb das Original besorgen.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -
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am 11. Januar 2015
Durch Zufall bin ich auf Tuvia Tenenbom als Autor aufmerksam geworden. Seine Bücher "Allein unter Juden" sowie "Allein unter Deutschen" erzählt über die Realität, immer mit einem Augenzwinkern auf eine derart unterhaltsame Art, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.
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am 27. April 2017
Der Schriftsteller und Journalist aus New York reist gern durch die Welt und schaut sich fremde Länder an. Seine Erlebnisse und Betrachtungen beschreibt er dann lustig. Ich finde aber, dass die Erzählungen schnell ermüdend klingen. Gehaltvoll sind die Texte nicht immer, noch ein Buch von ihm werde ich mir nicht kaufen.
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am 16. Februar 2017
Ich habe nur die erste MP3 disc über mich ergehen lassen können. Weiter zuzuhören, konnte ich mir wirklich nicht mehr antun. Es wurde einfach unerträglich. Die grottenschlechte Übersetzung ins Deutsche hat nur zu dem Übel beigetragen. Wenn es möglich wäre, keinen Stern zu geben, wäre das meine Bewertung gewesen.
Witzig? Fehlanzeige! Vergleiche von Vulkan-Asche mit KZ-Asche oder dem Sortieren von Brillen, Zähnen und Kleidung von vergasten Menschen mit dem von Müll-Trennung ist nicht komisch. Es ist geschmacklos.
Entdeckungsreise? Fehlanzeige! Das Buch ist so banal, dass man nicht weiß ob man aus Verzweiflung lachen oder weinen soll. Gehört zu seiner Entdeckung wirklich der Besuch in einem Drogen-Abhängigen Heim und bei den Hooligans? Das hätte er auch in Amerika (seiner Heimat seit 26 Jahren) haben können.
Journalist? Keine Spur! Fast ausschließlich sind seine Fragen emotional provokativ und teilweise total zusammenhanglos bis hin zu peinlich (Frage an eine Nonne: Waren Sie schon mal verliebt?). Er macht sich lustig über Situationen (Tänzerin, die nicht tanzen kann; Sänger, die nicht singen können und Schauspieler, die nicht schauspielern können, etc) die seinen Hang, alles nach seinen Werten bewerten zu müssen, aufdecken. Das ist für mich nicht Journalismus (außer vielleicht Boulevard-Presse).
Wir erfahren detailliert, was Herr Tenenbom mag und was nicht, wen er aus der Reserve gelockt hat und wen er mit peinlichen Fragen erfolgreich in die Enge getrieben hat. Unangenehme Fragen zu stellen ist legitim and kann interessante Ergebnisse bringen. Leider werden die Ergebnisse von Herrn Tenenbom so subjektiv bewertet, dass es eher an Bild-Zeitung Stil erinnert. Wenn ihm die Antwort in sein Konzept passt, dann sieht er das als Bestätigung seiner Theorie. Wenn sie ihm nicht passt, reagiert er emotional „Ich muß hier weg!“, „Ich weiß nicht auf welchem Planeten sich die Deutschen befinden.“
Locker flockig? Weit gefehlt! Er grillt seine Befragten, warum sie sich nicht bei ihrer Familie, ihren Nachbarn und ihren Mitmenschen das Maß der Beteiligung wärend der Nazi-Zeit nachgeforscht haben. Er selbst aber verleugnet seine eigene Herkunft, Nationalität und Religion, wenn immer er Repressalien befürchtet (mal gibt er sich als Jordanier aus, mal als Nicht-Jude, etc). In jedem Interview wird zielstrebig auf die Haltung gegenüber Israel und den Juden hingesteuert. Ist die Meinung der Deutschen zu diesem Thema wirklich das einzige, was die Deutschen ausmacht? Und dann beschwert sich Herr Tenenbom, daß alles was er in Deutschland zu hören und zu sehen bekommt Juden sind.
Auch ist seine Entdeckungsreise sehr einseitig: erfolgreich findet er die dümmsten, die besoffensten und die ungebildesten Menschen und stellt das dann als repräsentatives Bild des Landes dar. Doch vielleicht ist seine stark polarisierende Frage „Mögen Sie die Juden?“ der Filter, der die Interviews so einseitig macht.
Ich habe verzweifelt nach dem Witz, nach dem Aha-Effekt oder nach dem Wissenswerten gesucht, daß diese Buch bieten soll (laut Kritiker- und Leser-Bewertungen). Aber ich war schon nicht beeindruckt von der amerikanischen „Entdeckungsreise“ (Allein unter Amerikanern). Herr Tenenbom lebte seit 26 Jahre (!) als Journalist (!!!) in New York bevor er sich zum erstenmal aufraffte, Amerika außerhalb von New York zu besuchen. Dementsprechend ist diese Buch dann auch ausgefallen. Das hätte mich eigentlich warnen sollen.
Auch scheint er nicht ganz auf dem Laufenden zu sein bezüglich Juden-Lobby in USA, Nazi-Untergrund Treiben und das Stanford-Prison-Experiment, das ganz klar seine „Erkenntnis“ widerlegt, das angeblich die „Rechtschaffenheit“ der Deutschen der Grund ist, warum die Deutschen Nazis wurden. „Ich habe schon viele rechtschaffene Menschen getroffen und die haben mich alle nicht enttäuscht in meiner Erfahrung, daß sie ganz schnell zu Tieren werden“. Da bekommt man echt Kopfschmerzen, wenn man soetwas liest.
Vielleicht schmerzen deshalb die Komentare vieler unkritischer Leser besonders, „endlich mal den Spiegel vorgehalten zu bekommen“. Schuldgefühle machen Vergangenheit nicht ungeschehen. Das können nur Taten. Dieser Wunsch, die Wunden offen zu halten und notfalls sogar aufzufrischen ist vielleicht sogar eine typisch deutsche Eigenheit. Kein Amerikaner würde das Gleiche tun für die Slaven oder die Indianer die er auf dem Gewissen hat. Kein Belgier würde sich heute noch für die Greultaten im Kongo verantwortlich machen lassen, kein Brite für seine Aktionen im Zuge der Kolonialisierung. Aber bei den Deutschen funktioniert dieser Schuldkomplex-Knopf seit über 70 Jahren tadellos und Herr Tenenbom genoss es, den zu drücken.
Ich glaube, Herr Tenenbom wäre unter Umständen vielleicht ein passabler Restaurant-Beurteiler geworden. Denn für die Menues and Speisekarten wurde eindeutig am meisten Aufwand, Zeit und Herz aufgebracht. Das er mitleidig auf die Obdachlosen, welche Flaschen aus dem Mülleimer und im Drogen-Zentrum ihren Schuss abholen, schaut, (und es beschreibt, als hätte er das noch nie in New York gesehen) während er gleichzeitig ein 3-stündiges, spendiertes Deluxe-Essen im Steigenberger Hotel Frankfurt einnimmt macht allerdings auch diese Qualifikation fraglich.
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am 12. September 2015
total cool, vieleicht ein bisschen überzogen vom herrn tenenbommmm, der mann schreibt wunderbar, warum nicht ein buch: allein unter österreichern????????
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am 20. Januar 2017
„Ich schaue mich um. Wo gibt es etwas Lustiges zu sehen?“ Ehrlicher hätte es an dieser Stelle natürlich heißen müssen: Wo gibt es etwas zu sehen, worüber ich mich lustig machen kann? Aber weiter geht’s: „Direkt vor mir spielt eine Gruppe schwarzer Sänger und Musiker irgendeine afrikanische Musik, das machen sie echt toll. Ihr Rhythmusgefühl ist fantastisch. Einige Weiße lassen es sich nicht nehmen zu tanzen. Ihrem Tanz geht allerdings jede Anmut, jedes Talent ab und ihr Rhythmusgefühl – wenn man davon überhaupt sprechen kann – ist völlig daneben. Eine der Tänzerinnen lacht die ganze Zeit über. Ich habe nie verstanden, warum schlecht Tänzer lachen, während sie wild in der Gegend herumhopsen.“

Was Anmut ist entscheidet natürlich Tuvia Tenenbom. Nicht weil es irgendeine Bedeutung hätte, sondern einfach nur um sich und seine geneigten Leser zu amüsieren. Es ist der Humor des Privatfernsehens, bei dem man sich über jemand anderen lustig macht, weil er irgendwelchen imaginierten und für wichtig gehaltenen Normen nicht entspricht. Es ist der konservative Humor alter Männer, der ausschließlich davon zehrt, sich über andere zu erheben, andere abzuwerten.

Und dann wagt eine Tänzerin es auch noch Spaß zu haben, obwohl das Ästhetikgefühl Tenenboms verletzt wurde. Wie kann man bloß als „schlechter“ Tänzer lachen und Spaß am Leben haben. Unverschämt.

Und damit ist auch das gesamte Konzept des Buches beschrieben. Was nicht in die eigene äußerst konservative Weltsicht passt, was nicht den eigenen sehr Werten entspricht wird abgewertet und lächerlich gemacht. Offensichtlich reicht das einem Großteil seiner Leser. Germanys Next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar erfreuen sich ja auch immer noch hoher Einschaltquoten.

Man kann die gesamte Bewertung des Buches auch mit einem Aphorismus beschreiben:

Wenn Peter etwas über Paul erzählt, erfahren wir mehr über Peter als über Paul.

Jede Aussage ist nicht nur einfach eine Sachaussage, sie ist auch immer zugleich eine Aussage über den Sprecher selbst. Über seine Werte und Einstellungen, über seine Weltsicht.

Besonders frappant zeigt sich das bei einer Zugfahrt die Tenenbom beschreibt. Er sitzt in einem Regionalzug und hat das Fenster komplett geöffnet. „Der Zug fährt los! Die frische Luft strömt herein! Ich bin im siebten Himmel! Doch dann beginnt die deutsche Offensive.“ Unter einer Offensive macht es Tenenbom nicht. Dabei rät er den Deutschen permanent sie sollten sich endlich vom dritten Reich und dem Nationalsozialismus lösen. Nun denn. Deutsche Offensive zieht halt immer. Für keinen Kalauer zu schade. Der deutsche Blitzkrieg besteht aus einer etwa 30jährigen Frau, die ihn bittet, das Fenster zu schließen, weil es zieht. Welch Offensive. „Sie klingt so streng, so fordernd, daß ich ihr einen Kompromiß anbiete: halboffen, halbgeschlossen.“ Denn wo käme ein Tenenbom hin, wenn er nicht die deutsche Offensive wenigstens halbwegs abwehren würde und noch genügend Provokationspotenzial übriglassen würde. Was ist schon Luftzug. Der tut doch keinem weh.

„Anderthalb Minuten später nähert sich eine andere deutsche Dame. Diese hier scheint in den frühen Zwanzigern zu sein, fit und gesund, schön und athletisch.“ Was spielt das für eine Rolle? Bedienen voyeuristischer Begierden der männlichen Leser? „Sie möchte, daß ich das Fenster schließe, denn ‚es ist zu kalt‘. Wo kommt sie her, aus der Sahara? Heute ist einer der heißesten tage des Jahres. Was stimmt nicht mit ihr? Sie verlangt, daß ich mich ihrem Befehl beuge.“ Und wer wüsste nicht, dass der Deutsche grundsätzlich befiehlt. Und was stimmt eigentlich mit Tenenbom nicht? Es ist dieser egozentrische Blick auf die Menschen, die Tenebom trifft, der das gesamte Anliegen des Buches ins Leere laufen lässt. Das ständige Verallgemeinern, Polemik, Chauvinismus und Zynismus. Die Waffen des schwachen Verstandes. Aber mit der Geste des überlegenen Intellektuellen. Tenenbom ist ein terrible simplificateur – ein schrecklicher Vereinfacher.

Und dabei wäre das Grundanliegen so wichtig gewesen und so einfach zu belegen. Denn im Kern geht es Tenenbom darin aufzuzeigen, wieviel Antisemitismus im Alltag der Deutschen immer noch existiert.

Und dass es davon noch reichlich gibt, belegen zahlreiche Studien Jahr für Jahr. Auch die Protagonisten, die er trifft, sind ja auch zu einem großen Teil genau die Klientel, die einen alltäglichen Antisemitismus leben: nämlich ein grober Querschnitt durch die Gesellschaft. Wir alle müssen uns die tradierten Stereotype bewusst macht, um nicht in alltäglichen Antisemtismus zu verfallen. Man kann sich nicht einfach aus den gesellschaftlichen (Sprach)Zwängen herausziehen.

Insofern ist das Anliegen Tenenboms wichtig und richtig. Und die aufgezeigten Fälle auch durchaus repräsentativ. Aber die Art und Weise wie Tenenbom ignorant und arrogant seinen Gesprächspartnern gegenüber auftritt, ist unerträglich. Nur gegenüber seinen Brötchengebern bei der Zeit schlägt er einen anderen Ton an. Ausgerechnet bei Helmut Schmidt und Giovanni die Lorenzo findet er nicht zu seinem abwertenden Stil. Wie wäre das auch möglich, teilen diese drei doch ganz offensichtlich die gleichen Werte.
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am 9. Mai 2016
Deutschland ist kindisch besessen von Juden, Israel und will seine schlimme Vergangenheit und die Nazis, die es an jeder Ecke gibt, nicht wahrhaben...Ich weiß nicht, auf welchem Planeten sich dieses Deutschland befindet, auf der Erde auf keinen Fall. So platt und plump ist der Normalbürger, sprich der "Deutsche" hier nicht, auch der "Nazi", von denen wir durchaus einige haben, nicht...
Dieses Buch ist nur was für Leute, die außer Schwarz und Weiß keine weiteren Farben kennen wollen, die über 100 nicht hinaus zählen wollen und sich nur für ihre Vorurteile, aber nicht für die realen Menschen vor Ort interessieren...Tuvia Tenenbom würde von mir kein Interview kriegen. Basta!
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am 1. August 2016
War Tenenbom auf der Suche nach der Antwort zu "wie sind die Deutschen?" oder was wollte er mit seiner Deutschland-Erkundungsreise bezwecken?
Ob ihm Deutschland zu wenig jüdisch ist (die ständige Fragerei: Sind Sie Jude?) oder ihm alles zu jüdisch vorkommt (Warum fragen mich alle ob ich Jude bin?) weiß ich nicht. Er gibt zwar seine persönliche Meinung zu den Deutschen ab, pauschalisiert aber insgesamt zu viel.
Er kann seinem Gegenüber clevere Fragen stellen und ihn aus der Reserve locken, aber ob er selbst jeder Hinterherfragerei etwas entgegen zu setzen hätte, bleibt fraglich.
Das Buch ist eher mäßig bis schlecht.
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am 14. Juni 2013
Eine unterhaltsame Beschreibung Deutschlands mit einer sezierenden Genauigkeit, die in Ihrer scheinbaren Objektivität höchst amüsant ist. Der rote Faden ist "die Sicht der Deutschen auf die Juden". Dies führt zu einem zum Teil etwas anstrengenden Fokus auf ein Thema, das den Autor mehr zu interessieren scheint als den Leser.
So wird oftmals die Kritik an israelischer Politik gleichgesetzt mit einem latenten Judenhass - mal berechtigt mal unberechtigt.
Abgesehen davon ist das Buch durchaus lesenswert. Es ist ein Buch bei dem ich an vielen Stellen lauthals lachen musste und meine neben mir schlafende Frau geweckt habe...
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