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am 15. Dezember 2006
Dieses kleine Buch des jüdischen Gelehrten George Steiner ist ein Kleinod unabhängigen Denkens und Philosophierens. Zehn mögliche Gründe findet Steiner in Anlehnung an die Philosophie Friedrich Schellings dafür, warum das Denken traurig macht.

Das Buch beginnt mit einer kühnen kosmischen Perspektive, die zugleich eine metaphysische ist; im Fokus aber steht, aus solcher Perspektive rückbetrachtet, die einzelne menschliche Existenz. Von dieser wird behauptet, daß ihr eine gewisse, unentrinnbare Traurigkeit anhafte, die wiederum der trübe Grund sei, aus dem Bewußtsein und Erkenntnis Kraft schöpften. Das Kosmische daran ist der Vergleich mit jener Hintergrundstrahlung, wie sie die Radioteloskope der Astronomen als Echo des großen Urknalls empfangen, mit dem das Universum, einer gültigen Theorie zufolge, entstanden sein soll. Mit anderen Worten: Der Ursprung des Alls und die unzerstörbare Melancholie allen Lebens sind nut zwei Seiten derselben Medaille.

Der geistige Vater dieser Ansicht heißt Friedrich Schelling; als Naturphilosoph und Erfinder einer sogenannten Weltseele gilt er als der Romantiker unter den Systemphilosophen des deutschen Idealismus. Auf ihn beruft sich Steiners Abhandlung von der ersten bis zur letzten Seite. Von ihm stammt die dualistische Konzeption eines Grundes, von dem das existierende Wesen sich abhebt, das heißt sowohl Gott als auch jede einzelne endliche Existenz, in der jene Traurigkeit gleichsam ebenso natürlich mitschwingt sie die erwähnten kosmischen Wellen.

Steiner bilanziert im letzten von zahn faszinierenden Gedankengängen:

"Wir sind einer nachprüfbaren Lösung des Rätsels unserer Existenz, ihrer Natur und ihres Zweckes -wenn es ihn überhaupt gibt - in diesem wahrscheinlich multiplen Universum, wir sind einer Antwort auf die Frage, ob der Tod endgültig ist oder nicht, ob es Gott gibt oder nicht, keinen Zoll näher gekommen als Parmenides oder Platon. Vielleicht sind wir weiter davon entfernt als sie. Die Versuche, diese Frage zu 'denken', sie zu 'durchdenken', um Zuflucht bei rechtfertigenden, erklärenden Lösungen zu suchen, haben unsere religiöse, philosophische, literarische, künstlerische und in hohem Maße auch die wissenschaftliche Geschichte hervorgebracht. Dieses Unternehmen hat die größten und schöpferischsten Geister der menschlichen Rasse beschäftigt - Platon, den heiligen Augustinus, Dante, Spinoza, Galileo, Marx, Nietzsche oder Freud. Es hat theologische und metaphysische Systeme von faszinierendem Scharfsinn, voll anregender Vorschläge, erzeugt. Vor der Moderne waren unsere Doktrinen, unsere Dichtung, Kunst und Wissenschaft von den drängenden Fragen nach Dasein, Sterblichkeit und Gott durchsetzt. Sich dieser Frage Stellung zu enthalten, sie zu zensieren würde bedeuten, den bestimmenden Puls, die dignitas unseres Menschseins, zu löschen. Der durch Fragen ausgelöste Schwindel setzt ein Leben ständiger Selbstprüfung in Gang.

Letztlich führt all dies jedoch nirgendwohin. Wie inspiriert dieses Denken des Seins, des Todes oder Gottes auch sein mag, es läuft auf mehr oder minder geistreiche, weitreichende oder bedeutungsvolle Bilder hinaus - man könnte gar von 'hohlem Gerede' sprechen. Was nun irgendeinen substantiellen Ertrag betrifft, so teilen der Tanz von Ureinwohnern um den Totempfahl, Thomas von Aquins Summa, Voodoorituale oder Plotin Emanationen Mythen mit und agieren sie aus, zwischen denen mehr als zufällige Analogien bestehen. Keinerlei Beweis lässt sich daraus ableiten. In der Tat gehört die Geschichte der sukzessiven Versuche, die Unsterblichkeit oder die Existenz Gottes zu beweisen, zu den eher peinlichen Chroniken der conditio humana. Die Gewandtheit des Denkens, seine unerschöpfliche Neigung zum Erzählen, führt zum beschämenden, nahezu unerträglichen Schluß, daß 'alles geht'. Für unzählige Millionen kämmt Gott seinen weißen Bart, wird Elvis Presley von den Toten auferstehen. Auf der axiomatischen Ebene ist eine Widerlegung nicht möglich. Die Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit der Wissenschaften, ihr triumphaler Fortschritt von den Hypothesen bis zur Anwendung begründen ihr Prestige und ihre wachsende Macht in unserer Kultur. In einem anderen Sinne aber machen sie auch ihre selbstherrliche Trivialität aus. Die Wissenschaft kann auf die wesentlichen Fragen, die den menschlichen Geist beschäftigen oder ihn beschäftigen sollten, keine Antwort geben. Wittgenstein hat wiederholt darauf hingewiesen. Sie kann nur die Legitimität solcher Fragen leugnen. Nach der Nanosekunde vor dem 'Big Bang' zu fragen sei, so wird uns schulmeisterlich versichert, eine Absurdität. Doch wir sind nu einmal so veranlagt, daß wir trotzdem fragen und die Annahmen des heiligen Augustins für überzeigender halten mögen als jene der String-Theorie.'

Das Buch zeugt von unabhängigem Denken in bester Tradition und wird trotz aller Vergeblichkeit nie zynisch oder gar hoffnungslos.
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am 1. Mai 2016
Dass es sich hierbei nicht um eine wissenschaftliche Analyse des Denkens handelt, würde mich nicht mal stören. Auch ist es natürlich Blödsinn, dass GS dazu nicht in der Lage wäre, denn das hat der Meister bereits in zahlreichen anderen Büchern bewiesen. Was ich allerdings wirklich schade finde, ist die Oberflächlichkeit dieses Büchleins. Dass Denken traurig macht kennt jeder der sich bemüht, weltwach durchs Leben zu gehen. Nicht ohne Grund versucht ein großer Teil der Erdbewohner genau das um jeden Preis zu vermeiden und schaut lieber jede freie Minute in die Blödmaschine Fernseher, um nicht in Verlegenheit zu kommen sich mit seinen Gedanken auseinander setzen zu müssen. Die Idee für dieses Buch ist somit schlichtweg genial. Dennoch hat mich das Ergebnis ein wenig enttäuscht. Von seinen 10 Gründen, die der Autor für die Melancholie durch Denken verantwortlich macht, unterscheiden sich manche nur minimal (z.B. 1 und 7). Viele interessante Zusammenhänge werden angesprochen und man möchte sofort wissen was es damit auf sich hat. Des Lesers Kopf saust los, doch der Autor ist schon da. Denn leider werden diese Gedanken dann nur leicht gestreift oder verklingen in düsterem Geraune. Am Ende der Kapitel werden dann doch recht plötzlich Zusammenhänge postuliert deren Entstehung man nicht wirklich begleiten durfte. Verrückterweise belegt GS dadurch letztlich seine These Nr. 8, die besagt, man wisse nie vollends was der andere tatsächlich denkt, da uns sein innerstes Labyrinth letztlich verborgen bleibe.
Tja, ein wenig traurig muss ich sagen: ich wäre gerne tiefer in Steiners Denken vorgedrungen um meines zu bereichern.
Zusammenfassend würde ich trotzdem zu diesem Büchlein raten. Denn die ein oder andere Perle findet man darin schon: die Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen von Sprache (klug und wahr), die Vorstellung, was mit einem Tausendfüßler geschieht der plötzlich anfängt über seinen nächsten Schritt nachzudenken (erheiternd und entsetzlich) und einige mehr. Dieses Buch ist wie ein Anfang. Vielleicht muss man den Rest selber erdenken?
Die reichhaltige Sprache Steiners schenkt dem Leser zudem wunderbar bildhafte Wörter wie „Hirnemissionen“ sowie nahezu poetische Ausdrücke wie „Schatten, die zwischen Denken und Tun fallen“. Und nicht zuletzt findet man in diesem Buch staunenswert viele Abstufungen eines einzigen Gefühls: der Melancholie.
Daher: Mutige vor!
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George Steiner war Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft. Entsprechend wird ihm zuweilen entweder vorgeworfen (oder zugute gehalten), dass er eher literarisch als philosophisch argumentieren würde. Das kann ich nicht unterschreiben, denn gerade dieses Essay ist in der Ergründung eines Wortes von Schelling, dass 'allem endlichen Leben' Traurigkeit 'anklebt' sehr philosophisch orientiert.

Die Art und Weise wie er schreibt ist dabei tatsächlich für einen Philosophen erstaunlich verständlich geschrieben, geradezu fesselnd und in der Argumentation gut nachvollziehbar. Ich will die 10 Argumente nicht im Einzelnen durchkauen - dieser Spaß soll dem Leser vorbehalten bleiben! -, sondern nur anmerken, dass sie auf mich wie 'Variationen' (Durs Grünbein in seinem lesenswerten Nachwort) auf die fundamentale Theorie des Deutschen Idealismus von Schelling und Hölderlin wirken. Dort befindet sich der Mensch in einem Zustand der Trennung, herausgerissen aus der ursprünglichen Einheit mit Gott. Während der Weg zu einer neuen, reflektierten Einheit im Deutschen Idealismus in dialektischer Weise vorgezeichnet wird, bleibt Steiner in dem Gefühl der Traurigkeit haften. Und er erläutert pointiert, warum dem so ist.

Ausgehend von der Grundbestimmung, dass es das Denken ist, was den Menschen ausmacht, dekliniert Steiner den Widerspruch aus hehren Ansprüchen und den Unzulänglichkeiten des Denkens in seinen 'Zehn (möglichen) Gründen' durch. Den Text durchweht dabei so etwas wie ein tiefer humanistischer Geist und eine große Liebe zur Kunst. Traurig hat er mich allerdings nicht gemacht, sondern nur nachdenklich.

Ich habe das Buch mit großer Spannung gelesen und war vor allem etwas traurig, als es schon so schnell ausgelesen war, denn der Text (ohne Nachwort) hat keine 100 Seiten in großer Schrift. Ich kannte Steiner bislang nicht, aber ich möchte unbedingt mehr von ihm lesen. So wie dieses Buch hat mich ein philosophisches Essay schon lange nicht mehr beeindruckt.
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Auf denkbar wenigen Seiten meditiert der Autor in diesem Büchlein über die Folgen dessen, was uns Menschen eigentlich kennzeichnet, nämlich das Denken. Steiner geht von einem Satz Schellings aus, dass dem Leben eine Traurigkeit anklebt, die aber dem Menschen zur Freude der Überwindung dient.

Steiner beschränkt sich eher auf die erste Feststellung Schellings und skizziert 10 Gründe, warum das menschliche Denken traurig macht. Zum Beispiel kommen wir an den entscheidenden Punkten nie zu endgültigen Ergebnissen des Denkens. Dann ist das Denken meist unkontrolliert und lässt sich leicht durch Sinnenreize ablenken.

Gedanken machen zwar so unser Wesen aus, dass wir in ihnen bei uns Zu-Hause sind. Die Gedanken gehören nur uns allein, aber trotzdem sind originelle, ganz eigene Gedanken sehr selten. Vielmehr ist das allermeiste, was wir denken, gewöhnlich und wenig originell. Denken ist allein unser Eigentum, gleichzeitig ist es gewöhnlich.
Es kann nie eine absolute Wahrheit gedacht und ausgesprochen werden und ein Großteil der Gedanken huscht unbeachtet wie ein Eisberg vorbei, der Verlust ist maßlos. Das Wesentliche kann nicht in Sprache überführt werden, was wir ausdrücken etwa mit dem Satz 'meine Liebe lässt sich nicht in Worte fassen'.
Steiner findet also genug Gründe, um melancholisch zu werden.
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am 23. Januar 2009
Bei der Lektüre dieses Bändchens fiel mir immer wieder der Gauß zugeschriebene Satz ein: Wenn Philosophen etwas Wahres sagen ist es trivial und wenn sie etwas nicht Triviales sagen ist es falsch.
Die zehn von Steiner genannten Gründe fürs Traurigsein durch Denken sind zwar nachvollziebar und gäben durchaus Anlass zur genaueren Betrachtung, jedoch hat sich der Autor dafür entschieden, weniger analytisch als literarisch vorzugehen. Das führt in diesem Fall zu einem metaphernlastigen Geschwurbel, in dem die Worte mehr um einander als um den Gegenstand kreisen.
Die große Schwäche des Buches ist die begriffliche Unschärfe. Aus dieser bezieht der Autor zwar seine literarischen Inspirationen, aussagen tun letztere jedoch nicht viel. So versäumt er es beispielsweise, überhaupt mal eine Definition von Denken zu geben. Stattdessen wirft er hier völlig verschiedene psychische Phänomene in einen Topf (Phantasien, logische Analyse, Träumereien, Ahnungen...) und weil er selber nicht genau weiß, wovon er eigentlich spricht ergeht er sich selbsttrunken in opulent-banalen Betrachtungen, denen er mit Verweis auf diverse Dichter und Denker zumindest historische Autorität verschaffen will.
Fazit: Macht einen nicht viel klüger, erweitert aber womöglich den Wortschatz.
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am 12. Juni 2009
Große Gedankenkaskaden, die nicht traurig machen, sondern den Leser ins Staunen versetzen und anregen eine eigene Welt der Gedanken entstehen zu lassen. Denn das Denken sollte gerade in der heutigen Zeit nicht aufgegeben werden.
Was unsere Gedanken dann mit uns machen, hängt vielleicht auch von unserer Seelenlage ab. Dass der große Denker George Steiner beim Schreiben seines Buches tatsächlich selbst traurig geworden ist, vermag der Leser kaum zu glauben. Denn er reißt den Leser heraus aus einer oftmals traurig machenden Welt, in die der Mensch eingespannt zu sein scheint. So wird nach der Lektüre des Buches wenigstens gesagt werden können, dass Lesen nicht unglücklich machen kann.
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am 9. August 2007
"Letztlich führt dies jedoch nirgendwohin. Wie inspiriert dieses Denken des Seins, des Todes oder Gottes auch sein mag, es läuft auf mehr oder minder geistreiche, weitreichende oder bedeutungsvolle Bilder hinaus - man könnte gar von 'hohlem Gerede' sprechen."

So, auch, bilanziert George Steiner zum Ende seines gattungsfraglichen Essays/Manifests/Traktats die zehnte Dimension jener angeblichen Traurigkeit/tristesse/tristitia des Denkens, die es im Titel trägt. - Dem weniger in philosophischer Auseinandersetzung mit dem Denken befangenen Leser (einem solchen findet sich ins Steiners Werken gewiss stets etwas Interessantes) oder einem, den die autobiographisch angehauchte Reflexion auf die zehnfache Verwurzelung des melancholischen Autorengeistes weniger anspricht, dem wird dieser Satz auf Seite 75 jedoch wie Hohn erscheinen, nachdem er immerhin auf der drittletzten Seite angekommen ist.
Steiners Buch glänzt nämlich mit klugen und scharfsinnigen Formulierungen, doch hilft das wenig, wenn sein Gegenstand so im Unklaren verbleibt. Und welchen sachlichen Grund es für diese Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Denkens auch immer geben mag - warum es mit dem melancholischen Temperament verbunden zu sein scheint, ist schließlich eine durchaus berechtigte Frage -, seine Verarbeitung in solch selbstgefälligem und schwatzhaftem Ton hat es darum gewiss nicht verdient. Bezeichnend sind jene Stellen, mehrere Dutzend an der Zahl, in denen Steiner genitivisch auf die Größen der westeuropäischen Geistesgeschichte verweist, auf Gedanken Kants, Meister Eckharts oder Einsteins, ohne das man recht weiß, was er eigentlich meint.
Überaus artifiziell ruht dieses intellektuelle Kabinettsstückchen auf einem Zitat von Schelling, das es wenigstens zehnfach variiert, an- und bespielt, aufnimmt usw. Allzu artifiziell, wenn man spätestens zum Ende von Kapitel drei feststellt, dass die Zehnzahl bloßer Selbstzweck ist, schöner Schein, nichts weiter als - wie Steiner selbst sagen dürfte - "hohles Gerede".

Grünbein schreibt in seinem Nachwort: "George Steiner gehört zu jenem altmodischen (in Wahrheit überzeitlichen) Typus Mensch, dem nicht die Künste samt Mathematik und Philosophie ein bloßer Vorwand fürs rein biologische Leben sind, sondern umgekehrt dessen einzige Rechtfertigung."
So sehr er damit Recht hat, Grünbein gleichermaßen wie Steiner, so wenig erfährt der Leser, wozu es seiner im Rahmen dieses Steinerschen Rechtfertigungsversuches bedarf.
Das Buch ist nicht schlecht, aber es führt "nirgendwohin" - notwendigerweise, wie es uns lehrt - und es zelebriert die Intellektualität seines Autors bis zum Unerträglichen: zwei Sterne.
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"Warum Denken traurig macht" ist keine wissenschaftliche Analyse des Denkens. George Steiner läßt in dem Essay literarisch und von philosophischer Qualität durchsetzt die Gedanken um das Denken kreisen, um seine Unzulänglichkeiten, um die Gründe, warum intensives Denken immer ein Hauch Melancholie umweht.
Es ist ein pures Lesevergnügen, sich seiner Sprachkraft hinzugeben. Dabei ist er stets unprätentiös, stellt nicht seine eigene Intellektualität zur Schau. Eher führt er vor Augen, daß selbst die intellektuellsten Gedanken die von ihm ausgearbeiteten zehn (möglichen) Gründe für Traurigkeit in sich tragen, ja vielleicht sogar mehr, als stumpfe, flüchtige Oberflächlichkeiten, denn alles Defizitäre wird in und an ihnen nur umso deutlicher.

Kein Gedanke ist in seiner gedachten Absolutheit wirklich vermittelbar, je tiefer, größer, abstrakter er ist, umso weniger. Wir können uns noch so sehr mühen, noch so eloquent sein und über einen noch so herausragenden Wortschatz verfügen, auch mehrsprachig (Steiner spricht fünf Sprachen fließend!), wirklich zu sagen was wir denken gelingt stets nur zum teil, nie gänzlich.
So auch umgekehrt. Der Gedanke eines Gegenüber kommt aus selben Gründen nie unversehrt bei uns an. Es ist immer Interpretation, Mutmaßung, vielleicht sogar Lüge und der eigentliche Gedanke bleibt ganz verborgen.
Ein weiterer der zehn (möglichen) Gründe warum Denken traurig macht, den Steiner anführt, ist die maßlose Verschwendung von Gedanken. Unendlich viele Gedanken durchziehen uns im Laufe des Lebens, viele trivial sicherlich, aber auch wesentliche gehen in der Gedankenflut verloren, weil sie zum falschen Zeitpunkt zusammenhangslos vorüberziehen und aufgrund der schieren Fülle ein späteres vollständiges Erinnern beinah unmöglich ist.

Letztlich schreibt Steiner nicht nur über das Denken allein, sondern im Subtext auch über die (begrenzten) Möglichkeiten der Sprache(n). Sprache ist nun mal das wesentliche Vehikel zum Transport von Gedanken, die nicht nur innerlich bleiben sollen. Und als jemand der fünf Sprachen beherrscht ist er geradezu prädestiniert ihr Scheitern zu verdeutlichen. An einigen Beispielen zeigt er grammatische Sperrigkeiten auf, die sich zwar im Deutschen und im Französischen ausdrücken lassen, im Englischen aber einfach nur sprachlich falsch sind. Eine weitere Gedanken-Blockade.

Vielleicht war die Frucht des biblischen Baumes der Erkenntnis, die Adam nebst Gattin aus dem Paradies beförderte und die Vollkommenheit vergehen und sie sterblich werden ließ, doch kein Appel, kein undefinierter erster Sündenfall, sondern schlicht der erste abstrakte Gedanke, das Endecken der Sprache mit all ihren Ungenauigkeiten. Und sie wurden nicht erst dadurch sterblich, sie erkannten lediglich ihre Sterblichkeit. Letztlich ist es das Wesentliche was Mensch von Tier unterscheidet, die Fähigkeit zur Abstraktion, das Wissen um die eigene Vergänglichkeit, samt des Wissens inhärenter Traurigkeit (mit Ausnahme vielleicht jener, die ihre Sterblichkeit als etwas erfreuliches betrachten).

George Steiner geht in seiner Abhandlung nicht trübselig voran. Frei von Bitterkeit oder Zynismus, dafür aber mit vollem sprachlichen Reichtum versucht er lediglich seine Gedanken über das Denken und seine Nebenwirkungen dem Leser näher zu bringen. Es gelingt.
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am 28. Dezember 2014
Durs Grünbein, der große Dichter, lobt in seinem Nachwort den "unbeirrbaren, rasiermesserscharfen Verstand" Steiners. Wer könnte das besser beurteilen als er? Durs Grünbein ist wahrscheinlich der ideale Leser für dieses herrliche Traktätchen. "Der Ursprung des Alls und die unzerstörliche Melancholie allen Lebens sind nur die zwei Seiten derselben Medaille." Für diesen Satz, der alles zusammenfasst, möchte ich Grünbein den Siegelring küssen, habe ich doch oft empfunden, dass allem Leben vom Nasenbär und Windhund bis hinauf zum Dichter eine Melancholie eigen ist, die durch das Adjektiv "unzerstörlich" meisterlich charakterisiert wird. Wie erfrischend das Klischee von den zwei Seiten einer Medaille abgewandelt wird! Die kosmische Strahlung des Weltalls auf der einen Seite, die Traurigkeit, die auch mir beizeiten einen Seufzer entlockt, auf der anderen, was für ein herrliches Gleichnis.

Natürlich bezieht sich Steiner, wie Grünbein rasiermesserscharf erkennt, auf Schellling: "Von ihm stammt die dualistische Konzeption eines Grundes, von dem das existierende Wesen sich abhebt, das heißt sowohl Gott als auch jede einzelne, endliche Existenz, in der jene Traurigkeit gleichsam ebenso natürlich mitschwingt wie die erwähnten kosmischen Wellen." Da wird selbst dem Dichter ob der Erhabenheit der Gedanken etwas schwindlig. Ich habe herzlich gelacht als ich las: "Das alles ist räumlich, und vor allem tiefenpsychologisch, höchst schwindelerregend, aber zusammenhängend gedacht." Ja, lieber Grünbein, so ist es. Dank sei Dir, dass Du Zeugnis ablegst, Gott, der Anfang der Welt und die noble Traurigkeit in meinem und Deinem Herzen sie hängen zusammen.

Ich teile Deine Sorgen, lieber Durs Grünbein: "Den größten Kummer macht uns (Durs, George und anderen noblen Denkern) die Überflutung mit lauter Halbgedachtem und Einflüsterungen in Form von Klischees. Sie (Durs meint die Überflutung) bewirkt, daß die Denkmaschine im Inneren eines jeden sich die meiste Zeit im Leerlauf dreht." Wie fein gedacht und noch niemals so schön ausgedrückt! Zum Glück gibt es dieses schmale Büchlein, mit dem ich mich in mein stilles Örtchen zurückziehen kann, um wenigstens während der Darmentleerung meine leerlaufende, mit Halbgedanken überflutete Denkmaschine wieder ordentlich auf Trab zu bringen. Zu diesem Gebrauch möchte ich es allen nachdenklichen Menschen, die um ein bisschen Würde ringen, wärmstens empfehlen.

Danke George Steiner, großer Meisterdenker, der über den gewöhnlichen Kitsch so weit erhaben ist, dass man eine neue Bezeichnung für die eigentümliche Sorte edlen Tiefsinns finden müsste, der so viele FAZ-Leser glücklich macht.
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am 22. September 2008
Ich will es kurz machen, da das Buch auch recht kurz gehalten ist (grosse Schrift, 125 Seiten Taschenbuchformat).

Wer Erkenntisse erwartet, möge vom Kauf Abstand nehmen. Wer über das Thema Denken aber poetische Formulierungen, interessante Metaphern erwartet, der sollte sich das Buch beschaffen. 1 Sternchen für neue, analytisch philosophische Ideen, 5 Sternchen für eine sehr geschliffene und neuartige Beschreibung des Dilemmas des Denkens. Gesamt 4 Sternchen.
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