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am 6. November 2015
Ist das nicht ein tolles Wort? Man findet es auf Seite 223.
Nachdem Rainald Goetz kürzlich den Büchner Preis erhielt, habe ich ihn nun erstmals gelesen. Dieser Roman aus dem Wirtschaftsleben schien mir die interessanteste seiner Schriften.
Gelangweilt habe ich mich kein bisschen. Eine Mischung aus Durchblick, mit viel Vitriol, und mancher Übertreibung, durch einen realitätsnahen Plot zusammengehalten. Sympathisch ist das nicht, aber konsistent. Witzig ist das wohl auch nicht gemeint, aber so voller Verachtung für die Welt in der wir leben, daß es schon wieder beeindruckt. Sowieso, Zitat Goetz: der böse Mensch ist witzig.

Das klingt im Tonfall sehr nach Thomas Bernhard, oder auch mal Eckard Henscheid, ist aber sprachlich nicht ganz auf deren Niveau, sondern meist recht platt, mitunter sogar daneben. Ein Fußgänger, kein Flieger, schon gar kein Wortschmied. Ist das einen Büchner wert? Ich weiß nicht. Ich hatte doch mehr erwartet. Die Bodenständigkeitsverblödetheit ist aber schon toll, oder? Warum aber muss Goetz gleich anschließend so über die Wetterau herziehen?

Der Roman soll sich auf Bertelsmann und Middelhoff im Jahr 2001/2 beziehen. Die Hauptperson, der Middelhoff-Typ, wird als arrogant asoziales Ekel, als überwiegend und zunehmend inkompetenter Blender, als drogenabhängiger Entscheidungshysteriker beschrieben. Die Behauptung, daß die Firmenkultur und die Führungsmethodik von Verachtung geprägt gewesen seien, kann ich wohl glauben. Der Konflikt zwischen der Deutschen Bank und Leo Kirch wird auch eingearbeitet, kaum verschlüsselt.

Die Manager verachten einander und verachten ihre Untergebenen, ganz so wie Goetz sie und unsere Gesellschaft verachtet. Die 'neuen Bundesländer' nach der Wende und die rot-grüne Bundesregierung kriegen ihr Fett genau so ab wie der Großkonzern, die Bank, das Beratergewerbe, die Dienstleister, die Presse, die Kunstwelt.

Bei allem bösen Willen, mit dem er ans Werk geht, kann man Goetz nicht absprechen, daß er viele Aspekte der Geschäftswelt und der Gesellschaft beneidenswert scharf erfasst hat. Verhaltensweisen der Angestelltenwelt sind mitten aus dem Leben gegriffen. Das passt schon. Aber Büchner? Vielleicht wäre doch eher der Wirtschaftsnobelpreis geeignet?
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am 30. März 2016
Dieses Buch ist so etwas wie die intellektuelle Roman-Version von The Wolf of Wall Street mit Leonardo DiCaprio über den Irrsinn spekulativer Bankgeschäfte und deren perfide Gewinnler. Wie die Hauptfigur der Scorsese-Satire ist auch Johann Holtrop, der tragikomische Held dieses in wuchtigen Satzkanonaden daherkommenden CEO-Porträts, ein hyperaktiver und aktionistischer, zu kritischer Selbstreflexion aufgrund dieser Defizite letztlich unfähiger und sich mit Aufputschmitteln ("Tradon") funktionsfähig haltender Aufsteiger, der beständig den Blick nach vorn, nie zur Seite und selten nach hinten richtet. Es sind dies, so jedenfalls legt es Rainald Goetz nahe, Charaktereigenschaften, die hochriskante Finanztransaktionen, windige Termingeschäfte und größenwahnsinnige Investitionen in Luftnummern und deren fatale Folgen für den internationalen Finanzmarkt erst möglich machen. Bei dem Medien-Konzern Assperg, um den sich hier alles dreht, scheint ' viele Analogien sprechen dafür ' Bertelsmann Pate gestanden zu haben. Dreht man den Namen um und verkürzt ihn um eine Silbe (also "Mannbert"), ergibt sich eine Assonanz zu "Assperg". Die Kirch-Krise, die Neue-Markt-Blase, die Schröder-Ära ("jetzt waren die Protagonisten dieser einstigen Aufstandsparolenjugend real an die Macht gekommen, noch in Bonn waren Schröder und ['] der Turnschuh-Fischer, der blitzschnell zum Dreireiher- und Siegelring-Fischer mutierte Suppenkasper-Fischer, als neue Chefs der rot-grünen Regierung vereidigt worden, und wie war der Stil ihres Auftretens von Anfang an gewesen: unsympathisch, angeberhaft, grobianisch [',] mega-autoritär", gebundene Ausgabe, S. 154) sowie die Diskussion um überhöhte Managergehälter (Holtrop bekommt von Assperg bei seinem Abschied eine 40-Millionen-Euro-Abfindung) und natürlich die Ereignisse von 2008 sind folgerichtig Steilvorlagen aus der Wirklichkeit, die Goetz geschickt getarnt in seine Abrechnung mit den pathologischen Wucherungen neokapitalistischer Geschäftemacherei auf Konzernebene einfließen lässt.

Im Zentrum: Johann Holtrop, Vorstandsvorsitzender der Assperg AG, ein Endvierziger im Zenit seiner persönlichen Biografie, ein "Verkäufer", der vom "Finanziellen" keine Ahnung hat. "Mit jedem Gedanken war er dem Markt zugewendet, der Welt, und schon immer war es ihm schwergefallen, die andere Seite des Betrieblichen, die nach innen auf sich selbst gerichtete Ziffernexegese [...] ernst genug zu nehmen, um sich davon in den unternehmerischen Entscheidungen steuern zu lassen" (gebundene Ausgabe, S. 84). Die Handlung setzt ein mit einer folgenreichen Personalentscheidung: Thewe, der langjährige, verdiente, allerdings durch Korruption diskreditierte Chef der Konzerntochter Arrow PC im ostdeutschen Krölpa, soll entlassen werden. Holtrop, der sowieso die meisten seiner Kollegen verachtet, hält ihn für untragbar. Thewe versucht sich zur Wehr zu setzen, sucht Verbündete an verschiedenen Stellen des Konzerns und begeht, als ihm die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens bewusst wird, Selbstmord. Schon während seiner Beerdigung wird Holtrop schmerzlich klar, da viele ihn spüren lassen, dass sie Holtrop für mitschuldig an Thewes Freitod halten, dass sein Stern im Sinken begriffen ist. Er hat eine Reihe von Fehlentscheidungen zu verantworten, wird schließlich von einem langjährigen Rivalen im Vorstand beim Konzernpatriarchen Assperg angeschwärzt. Als der ihn schließlich, wie früher zum Zeichen von Freundschaft und Verbindlichkeit, nach Mallorca einlädt, ist klar: Holtrop wird entmachtet.
Im dritten und letzten Teil des Romans gerät Holtrop, der seinen Sturz zunächst als Chance zu begreifen sucht und erst mal mit seiner Frau Pia nach Paris fährt, zusehends ins Schlingern. Er stellt ernüchtert fest, dass sich seine Frau nach den vielen Jahren seiner Arbeit im Vorstand, in denen Holtrop fast nie daheim war, längst eine eigene Existenz aufgebaut hat, in der er zum verzichtbaren Bestandteil geworden ist. Auch eine Affäre Pias mit Holtrops Kollegen Salger wird kurz angedeutet. In einem Restaurant an den Champs-Elysees rastet der gestürzte Topmanager aus und schmeißt einen Tisch um. Nach drei Monaten Psychiatrie kommt er nicht mehr auf die Beine. Den Zusammenbruch von 2008 erlebt er als gebrochene Figur am Rande mit. So jedenfalls hatte ich mir das vor der Lektüre der letzten dreißig Seiten des Romans gedacht. [WER DEN ROMAN NOCH LESEN MÖCHTE, SPRINGE JETZT BITTE ZUM LETZTEN ABSATZ.] Doch Goetz lässt seinen Helden eine zweite, noch fulminantere Karriere hinlegen, die Goetz, der den Rhythmus seines Romans nun völlig auf den Kopf stellt, im Schnelldurchgang abreißt. Die Jahre 2002 bis 2009: ein einziges rauschhaftes Staccato, kometenhafter Aufstieg aus der Asche, endgültiges Verglühen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre der Irdischen. Es ist Holtrops Finanzberater Mack, der ihn erst an eine Londoner Investmentfirma vermittelt, wo er Partner wird, ihn kurze Zeit später bei den kriselnden Lanz-Werken ins Gespräch bringt und dann, nachdem Holtrop dort zunächst Aufsichtrats- und dann Vorstandsvorsitzender geworden ist, seine horrenden Managergehälter mit satter Provision auch noch höchst spekulativ anlegt und verschiebt, immer hart am Rande der Legalität. Als Stehaufmännchen wird Holtrop zum Liebling der Medien. Doch es kommt, wie es kommen muss: Der weiterhin nicht von den nüchternen Zahlen, sondern vom Wahn eigener Übergröße gelenkte Manager manövriert das Unternehmen in die Insolvenz und muss dafür den Kopf hinhalten. Etwas theatralisch lässt Goetz den erneut aus dem Magnaten-Himmel in eine bittere Realität Gestürzten schließlich von einem Zug überrollen. Literatur darf eben auch mal ein fettes Ausrufezeichen hinter eine dem wirklichen Leben abgelauschte Karriere setzen.

Als ich mit einem befreundeten Autor über den Roman des Büchner-Preisträgers sprach, der übrigens zeitgleich mit Goetz 2012 auf der Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis stand, waren wir uns einig über die sprachliche Wucht dieses Autors, aber auch darüber, dass uns hier weniger eine Geschichte erzählt wird als vielmehr ein Psychogramm dargeboten. Denn die Geschäfte und Transaktionen, die Beschlüsse von Vorstand und Aufsichtsrat, wer was in welcher Funktion und mit welchen wirtschaftlichen Konsequenzen tut, ob Holtrop in Hongkong eine Investition in das chinesische "Star TV" anbahnt, in New York zu tun hat, in Schönhausen im Büro sitzt, auf dem Weg nach Berlin ist oder die Niederlassung in Krölpa besucht, das bleibt für den Leser so austauschbar und verwirrend wie die Konzernstruktur oder wie die vielen Namen, für die es in Dostojewski-Manier eine Liste am Buchende hätte geben müssen. Und so fremd und fern und unerreichbar wie die festlichen Eröffnungen und Empfänge, bei denen Holtrop, der Getriebene, meist fehlt, ist ihm diese Welt der großen Geschäfte. Dies alles wie auch Holtrops Privatleben (seine Ehefrau Pia und die vier Kinder werden in den letzten Kapiteln nicht einmal mehr erwähnt) spielt als Geschehen, das eine Handlung in eine bestimmte Richtung oder auf einen Höhepunkt zu treibt, kaum eine Rolle, es ist nur Hintergrundrauschen für dieses Bildnis eines Getriebenen. (Und auch darin könnte man eine Parallele zu Filmen von Martin Scorsese sehen. Der Film Casino etwa besteht eigentlich nur aus Hintergrundrauschen.) Dass Goetz seinen Helden als nahezu asexuelles Wesen zeichnet, ist eine wohltuende Abwechslung zu vergleichbaren Porträts, die natürlich auch wilde Sex-Orgien für einen unverzichtbaren Bestandteil eines solchen Lebens auf der Überholspur halten. Tatsächlich fragt man sich aber, wie ein Leben, das fast nur aus 18-Stunden-Tagen besteht, die Libido nicht verkümmern lassen soll. Die widerliche Schilderung einer obszönen Darbietung in einem Londoner Sex-Club, in den Mack seinen Schützling mitgeschleppt hat, hätte sich der Autor insofern sparen können. Die Szene wirkt in Holtrops Welt wie ein Fremdkörper.

Das sind die Mankos, die in Kauf nehmen muss, wer sich auf "Johann Holtrop" einlässt. Entschädigt wird er durch das Gefühl, die morbiden Triebkräfte dieses für den Normalsterblichen unerreichbaren Universums, auch wenn der Autor, dessen Stil sich vom allgegenwärtigen Gestus der hochmütigen Verachtung, die nicht nur seine Hauptfigur, sondern die meisten Figuren auszeichnet, spürbar hat anstecken lassen, ein bisschen besser zu verstehen. (Dieser Satz war in seiner Unübersichtlichkeit übrigens ein typischer Goetz-Satz ' da muss was abgefärbt haben!) Und da des Autors süffisant vorgetragene Philippika gegen die Verworfenheit der Potentaten in Wirtschaft und Gesellschaft selbst vor der eigenen, also der schreibenden Zunft, in Gestalt von "Spiegel"-Journalisten (vgl. Kapitel IV des dritten Teils) nicht haltmacht, diese vielmehr als "immer noch feudal beherrschte[s] und von einzelnen Lokaldiktatoren diktatorisch geführte[s] Sondergebiet der deutschen Gesamtgesellschaft" (gebundene Ausgabe, S. 294) entmystifiziert, darf man wohl davon ausgehen, dass Rainald Goetz auch sich selbst nicht für einen besseren Menschen hält als die von ihm Porträtierten, sondern einsieht, dass ihn, der hier wie einst Böll den Zeigefinger erhebt, zu viel Macht ebenfalls korrumpieren würde, und daher bereit ist, von den vielen spitzen Pfeilen, die er in seinem Roman mit beißendem Sarkasmus fortwährend in alle Richtungen abschießt, auch gelegentlich selbst getroffen zu werden. Die Überheblichkeit des Tons von "Johann Holtrop" ist dem Autor unter diesen Umständen selbstverständlich unbedingt nachzusehen.
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am 4. Mai 2013
Zwei Selbstmorde sprechen das moralische Urteil über das Wirtschaften - oder besser Verwalten - in Aktiengesellschaften am Anfang des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt.
Knackpunkt ist doch, dass hier einer anonymes Kapital zunächst mehren und verwalten soll, dabei ganz gross herauskommt und dann ganz groß scheitert. Sehen wir das nicht täglich? Und warum? Weil viele, die an die Spitze solcher Wirtschaftsgesellschaften über Schleimspuren rutschen, keine Moral und keinen Respekt gegenüber jedem anderen Menschen haben. Jede und jeder werden von ihnen nur nach dem Nutzen für das eigene Fortkommen beurteilt. Wenn aber der ganze gesellschaftliche Aufputz weg ist, steht das Leben als sinnentleert und deshalb nicht lebenswert da. Das hat Goetz ganz wunderbar und klar, sezierend herausgearbeitet.
Dass man dies in lesenswerterer Sprache hätte tun können - nun denn, jeder hat seinen Stil. Ich brauchte halt einfach länger um durch das Buch durchzukommen. Es war jedoch nicht so, dass ich es nicht hätte zu Ende lesen mögen. Die Metaphern zu Politik und Wirtschaftslenkern finde ich auch eher unterhaltsam. Sie erhöhen das Verständnis dieser so genannten Geschäftswelt. Schade ist, dass Frauen nur als "Frau von irgendwem" vorkommen. Aber auch das ist realistisch. Sie gehören nicht selbst zu den Lenkern von Konzernen. Außerdem wäre es ja putzig einem Autor eine Frauenquote vorzuschreiben. Obwohl, das würde vielleicht mal eine lustige Diskussion in den Literaturbetrieb bringen ...
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am 11. September 2013
Dieses Buch schreit mit jedem Satz: ICH WILL NICHT KONVENTIONELL SEIN. Nein, brüllt es, das will ich nicht, denn ich bin schließlich ein Roman von Rainald Goetz.
Und zwar ein schlechter.
"Johann Holtrop" erzählt, um eine Phrase zu verwenden, "vom Aufstieg und Fall" eines Managers mit diesem Namen, zugleich skizziert er den seltsamen und - vermutlich - verabscheuungswürdigen Mikrokosmos, der große Konzerne und, vor allem, deren Führungsstrukturen ausmacht. Jedenfalls, wenn man Rainald Goetz glaubt. Das ist dann auch bereits die entscheidende Frage, denn der Pseudorealismus, mit dem dieses Buch ausgestattet ist, soll darüber hinwegtäuschen, dass die reale Realität, die der Autor zeigen und kritisieren will, tatsächlich eine andere ist. Nimmt man Goetz diese Prämisse aber nicht ab, lässt man sich also nicht auf sein Kapitalismuskritikmärchen ein, ist das Buch absolut ungenießbar. Langweilig. Vorhersehbar. Zweidimensional. Und albern. Sogar äußerst albern.

Gegen Ende des ersten Romandrittels beschreibt der Autor eine Szene, in der sich ein paar Angestellte des im Mittelpunkt stehenden Konzerns Assperg treffen, um die baldige Weihnachtsfeier zu planen. Dort sitzt zunächst der IT-Verantwortliche Wonka der Kommunikationschefin Frau Rathjen gegenüber. Goetz schreibt: "Frau Rathjen machte Wonka gegenüber eine Bemerkung über die Kaputtheit des Betriebsklimas am Standort Krölpa, die von der Zentrale in Schönhausen gewollt sei. (...) Der Text von Frau Rathjen war nicht auf eine verbal explizite Resonanz hin angelegt, es reichte für diesen Text, dass der Körper irgendeines anderen Menschen, zum Beispiel der von Wonka, in Gesprächsentfernung anwesend war." (Seite 91)
Diese beiden Sätze sind typisch und deshalb exemplarisch. Gequirlter Käse, literarisches Bulls***-Bingo, maniriert und übrigens nicht nur an dieser Stelle im Hinblick auf das weitere Geschehen nahezu bedeutungslos. Goetz faselt über mehrere hundert Seiten hinweg in dieser Sprache, die keine ist, die nur Goetz spricht und niemand sonst. Das war auch schon in seinen vorigen Romanen so, von "Irre" über "Rave" bis zu eben diesem, aber in "Johann Holtrop", einem gekünstelten und völlig realitätsfernen Traktat, treibt er es auf die Spitze, dem Leser große Geduld und Toleranz abverlangend, ohne diesen Aufwand irgendwie zu belohnen.

Hauptfigur ist der titelgebende Johann Holtrop, der eine großartige Karriere hinter sich hat, aber so egozentrisch, fast egoman ist, dass er schließlich an sich selbst scheitert. Holtrop ist, wie das gesamte Buchpersonal, äußerst linear angelegt und auf sein Dasein als Manager reduziert, was vermutlich eine Reflexion der Strukturen darstellen soll. Die Menschen in Goetz' Roman sind dadurch aber Karikaturen, im Wortsinn unmenschlich - also unecht - und mit Haut und Haar Rädchen im Konzerngetriebe, nichts sonst. Sämtliche Eigenschaften beziehen sich auf den Kontext, darüber hinaus gibt es nichts. Tatsächlich absolut nichts.

Zudem suggeriert der Autor mit seinem eigenwilligen Duktus kritische Distanz, obwohl das Gegenteil davon eintritt: Kritik und Gegenstand stimmen überein, denn Goetz hat den Gegenstand so geformt, dass die Kritik passt. Sein erschöpfend - und ermüdend - detailliert skizziertes Konzernmodell dürfte in den Chefetagen real existierender Konzerne bestenfalls Lachanfälle generieren, aber keine selbstkritische Innenschau. Damit scheitert "Johann Holtrop" nicht nur literarisch, sondern auch thematisch. Ein nutzloses und ärgerliches Buch.
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am 11. Januar 2017
Aufgrund der zum Teil euphorischen Bewertungen, die dieser Roman von der Kritik bekam, waren meine Erwartungen sehr hoch. Sie wurden leider bitter enttäuscht. Ich habe mich selten mit einem Buch so schwer getan wie mit diesem. Es ist weder spannend, noch interessant, noch aufschlussreich, noch originell. Auch die Tatsache, dass es sich um einen Schlüsselroman handeln soll, verbessert die Qualität des Romans nicht. Der Autor verwendet sehr oft pseudowissenschaftliches Vokabular, das wirtschaftliche Sachverhalte mehr verschleiert als erhellt. Was mich aber am meisten gestört hat, ist die Tatsache, dass der Autor ständig gegen Rechtschreib-Normen und grammatikalische Regeln verstößt. Ich möchte an einigen Beispielen zeigen, wie sich dies im Text zeigt: RECHTSCHREIBUNG: nocheinmal; in richtung; vorallem; zuende; zukurzgekommen; dreiviertel; bescheid sagen; ersteinmal; aufwiedersehen; Hausfotograph; da Stehen; loszusein; um ihn zu stopen; Thewe stopte; zurecht bestehen. Außerdem erfindet er Wörter, die es gar nicht gibt: Knoblauchgarspagio (S. 131); gemeint ist wahrscheinlich Knoblauchgazpacho. GRAMMATIK: dass umso mehr Geld da war, je mehr gefordert wurde; verabschieden hatten müssen; die Vormittagssonne scheinte. Das Sahnehäubchen findet man aber auf Seite 321, wo er den Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit dem Verfassungs- und Steuerrechtler Paul Kirchhof verwechselt.
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am 22. Oktober 2014
Man fordert Gerechtigkeit: Zu Holzschnittartig, zu blöd, zu intrigant, zu einseitig seien die Figuren in diesem Roman gezeichnet. Gefordert wird also Gerechtigkeit und eine fein ausdifferenzierte Darstellung von Figuren und Strukturen, die im wirklichen Leben täglich tausende von Leuten übergehen - ein Glück, dass Goetz sich solcher Ausdifferenzierung, deren Forderung immer auch eine Affirmation des Bestehenden ist, nicht schuldig gemacht hat. Dass es in Firmenleitungen, Vorständen etc. auch sympathische, gebildete Menschen, gute Väter, Ehemänner, Mülltrenner gibt: geschenkt, bei dem was Goetz mit diesem Roman darstellen möchte, ist das ganz unerheblich (und nebenbei waren selbst die fiesesten Charaktere der Weltgeschichte nebenbei oft gute Ehemänner und Literaturliebhaber etc.).
Was Goetz beschreiben will und hervorragend nachzeichnet ist eine in ihrer inneren Rationalität im Ganzen vollkommen irrationalen, irren Struktur des guten alten sich immer wieder modernisierenden Kapitalismus und eben auch, dass wer darin bestehen will und muss selbst zum Irren, Irrationalen werden muss - dass er und seine Unternehmungen dabei dennoch prächtig funktionieren können, ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Und so ist es eine Freude, eine Wohltat, einen Anstachelung , wenn mit Rainald Goetz jemand dieses System und die Typen, die es hervorbringt mit angemessener Härte, Hohn und ja Einseitigkeit darstellt - alles andere wird ohnedies jeden Tag zur Erhaltung des Immergleichen medial verbreitet.
Ich selbst stand dem Roman lange misstrauisch gegenüber: Ein Unternehmerroman! - das erwartet man, auf hohem Niveau, von Ernst Wilhelm Händler (der seinerseits irgendwie ja auch auf Goetz zurückgeht), aber nun gut: Rainald Goetz hat seinen Status als avancierter Suhrkamp Autor immer gut auszunutzen gewusst um eben das zu machen, was ihn gerade beschäftigte. Gerne hätte man die zweite und dritte Fortsetzung von Irre oder eine Neuinterpretation von Kontrolliert im Bücherregal, man hat auch die Technophase gut überstanden und mit Abfall für alle daraus wohl eines der besten Internettagebücher verschlungen - nun wurde es eben ein Unternehmerroman oder vielmehr eine "Erkundung der Nullerjahre" (die ja bis heute nicht wirklich aufgehört haben).
Und siehe da: es ist gut, es sagt uns etwas über unser aller "gesellschaftliches Gehaltensein", über den scheinbar so unüberwindbaren Irrsinn, den wir Realität zu nennen gewohnt sind, es bringt einen auf und lässt einen auch oft nahezu befreit auflachen über diese gefährlichen Kasper, die da eine Welt kreieren und reproduzieren, deren Borniertheit, Kälte und Schwachsinnigkeit einen mitunter in die Verzweiflung und Resignation treiben. Das Buch geht dagegen an: Nicht durch Verharmlosung sondern durch das gute alte literarische Mittel der Überspitzung, die deutlich macht, was ist. Und dass das Irre (bei Goetz) heute nicht mehr in der psychiatrischen Klinik sondern in den Unternehmen stattfindet, scheint mir eine absolut adäquate Sichtweise: Von daher haben wir es mit diesem Roman ja dann doch mit Irre 2 zu tun.
Wer also subtile mit feiner Feder gezeichnete Portraits vielschichtiger Protagonisten möchte, der greife meinetwegen zu Thomas Mann, nur wird er dort recht wenig über unser aller Wirklichkeit erfahren. Wen hingegen der ganzen Laden - und es geht in Holtrop ja nicht um Unternehmerschelte als vielmehr um ein System, das solche Charaktere hervorbringt und benötigt (und dazu muss man gar nicht mal in die Vorstandsetagen sehen) - so richtig ankotzt, enerviert und tendenziell unerträglich scheint und genau darüber etwas wie eine Analyse des Bestehenden lesen möchte, der ist bei Rainald Goetz Johann Holtrop ganz gut bedient.
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TOP 1000 REZENSENTam 6. September 2015
Nachdem nun Rainald Goetz der Büchner-Preis zugesprochen wurde, habe ich meine Aversion gegen ihn überwunden und seinen Roman „Johann Holtrop“ gelesen – zugegeben mit viel Vorbehalten. Alles, was ich darüber las, kumulierte in dem Bild „Tröge Klischee- und Bestätigungsliteratur über die Exzesse in einer entfesselten neoliberalen Gesellschaft.“ Und das leidige ewig gleiche Fazit daraus: Der Kapitalismus korrumpiert uns letztlich alle.

Ich habe mit dieser Einschätzung fast vollkommen Recht behalten. Es ist ein Roman über die menschlichen Abgründe in der Welt der Konzerne, in der sich eine Gesellschaft bildet, die letztlich nur Egomanie, Hybris und gegenseitige Verachtung kennt. Und doch habe ich mich in einem gewaltig geirrt: Es ist nicht tröge. Das liest sich über lange Strecken alles prächtig, mächtig fies und voll eloquenter Lust am sarkastischen Zermalmen einer in ihrer Selbstgefälligkeit sich suhlenden Mischpoke von menschlich erbärmlichen Charakteren.

Dass es sich bei der Hauptfigur des Romans „Johann Holtrop“ recht unverhohlen um eine literarische Karikatur der Reizfigur in der jüngsten Geschichte der deutschen Wirtschaft Thomas Middelhoff handelt, ist unbestritten. Die biografische Fiktion zeigt, wie weit künstlerische Freiheit gehen darf, ohne sich Klagen persönlicher Diffamierung und übler Nachrede einzuhandeln.

Aus dem Roman trieft ständig die Verachtung aller über alle. Doch die blasierten Charakterzüge, die der Autor seiner Hauptfigur und anderen Nebenfiguren unterstellt, dürften für ihn im mindestens gleichen Maße gelten:

„Holtrop glaubte einschränkungslos an die Freiheit seines selbstbestimmten Handelns. Und die strukturelle Kaputtheit des Systems der Verachtung erzeugte bei ihm vorallem den Überlegenheitsgedanken: gut, dass ich weiß, dass alle kaputt sind, denn dann kann ich davon profitieren.“

In einem sehr aufschlussreichen Interview mit der Zeit offenbart Rainald Goetz, dass auch er durchaus selbst so herablassend auf die Gesellschaft blickt:

„Ich beschreibe eben nicht die gemütliche Art des Lesens, sondern ich beschreibe die reale Art des Erlebens. Und die reale Art des Erlebens ist: Da kommt einer rein, ich taxiere ihn und denke mir: oh Gott, noch so eine Ratte. So geht man durch die Welt, so orientiert man sich im Leben.“

Das literarische Vergnügen, das uns dieser Roman bereiten will, sind intellektuelle Schenkelklopfer über die alte Volksweisheit „Hochmut kommt vor dem Fall“. Die Skepsis des meist macht- und tatenlosen Intellektuellen gegenüber „Machtmenschen“ in der Wirtschaft und Politik wird hier selbstbefriedigend bestätigt, wenn Goetz seiner Figur Holtrop unterstellt:

„Er hatte Sehnsucht nach Tiefgang, genau weil er selbst keinen Zugang dazu hatte, und sehnte sich nach großen Fragen, die sich ihm nicht stellten.“

Dieses Klischee vom fehlenden tiefgründigen Denken bei vielen Machtmenschen und den daraus resultierend auch fehlenden gesunden Selbstzweifeln erklärt Goetz im Interview so:

„…, weil die Leute, die extrem stark – das habe ich auch in der Politik beobachtet – im Handeln verfasst sind und sich erfahren, nicht über Introspektion irgendwas ermitteln können. Das ist bei allen wirklichen Machern so. Da ist die Introspektion genauso unausgebildet, wie sie bei uns Schreibern überwertig ausgebildet ist.“

Da ich selbst viele Jahre im Dunstkreis von Konzernführungen tätig war, kann ich das Klischee bestätigen. Introspektion und offen ausgetauschte Selbstzweifel am Tun und Lassen sind in den Führungsetagen unangebracht. Sie sind von allen, nicht nur dem Führungspersonal, sondern von allen Konzernmitarbeitern nicht erwünscht. Keine Sachbearbeiterin, kein Lagerarbeiter respektiert nachdenkliche, abwägende und zögerliche Chefs. Alle wollen souveräne Kapitäne, die ihnen sagen, wo es langgeht. Und ich kann nur mit Hochachtung bestätigen, dass Goetz bei allem Sarkasmus den Konzernalltag sehr treffend und detailreich durchdrungen hat und beschreibt. Auch der Zynismus, dem wohl fast jede Führungskraft mit der Zeit erliegt, ist am Beispiel des so gern notwendig erachteten „guten Betriebsklimas“ sehr treffend offenbart:

„betriebsklimatische Probleme… waren zwar primär ein Unterschichtenphänomen in der Firma, aber für die Mitarbeiter unterhalb der Ebene der mittleren Führung, die faktisch aus der gehobenen Unterschicht rekrutiert wurden, war Stimmung eben alles, …Wer so anspruchsvolle Aufgaben hatte, dass es sich mit deren Inhalt und also mit seiner Arbeit selbst identifizieren konnte, brauchte kein gutes Betriebsklima, die anderen schon.“

Doch mit der Zeit wird der bissige Humor schon recht ermüdend, wenn denn alle Romanfiguren so vorgestellt werden könnten:

„der subalterne Idiot, der froh war, sich als erstes gleich ein bisschen locker lachen zu dürfen, ja, zu sollen, war leider der bei weitem häufigste Fall, …“

Und ich kann Volker Weidermann nachvollziehen, der in seiner Kritik über „Holtrop“ schrieb:

„Den ganz großen Größenwahn seines Projektes hat Goetz ja schon in den Untertitel des Romans hineingelegt: „Abriss der Gesellschaft“. Wenn man den Roman ganz gelesen hat, ist klar, dass es Goetz mit diesem Buch vor allem um die zerstörerische Lesart dieses Untertitels geht. Der Gesellschaft, die hier vorgestellt wird, kann nur durch kompletten Total-Abriss geholfen werden. Mit diesen Menschen, diesem System ist keine Hoffnung möglich.“

„Denn einen reinen Helden kennt dieses Buch natürlich doch, und das ist der Erzähler, der, mit seinen Vernichtungsnoten herumwerfend, ganz ernsthaft durch diese Romanwelt spaziert: Er ist der Einzige, der weiß, wie’s läuft, der Einzige, der weiß, wie erbärmlich alle sind. Alle, alle außer: Ich. Giftzwergprosa, jämmerlich.“

Nicht zuletzt sollte man als Leser auch bedenken, dass Rainald Goetz sich selbst auch nicht der Faszination des persiflierten „Machtmenschen“ entziehen kann. So gesteht er im Interview mit der Zeit:

„Übrigens hat der Michi Kern, ein Freund von mir, mir eine SMS geschickt: bin jetzt Middelhoff-Fan. Und da habe ich mir gedacht, ja, ich natürlich auch. Es gibt in meinem Buch Abfall, das wollte ich auch immer mal bei einer Lesung vorlesen, eine Passage, wo es über Erzählung und Märchen geht, und da kommt Middelhoff vor und da heißt es, das war 1998, dass so ein Mensch mit seinen fünf Kindern, der so ein unfassbar tolles Wirtschaftsimperium leitet, sich nebenher auch diese familiäre Beanspruchung leistet, das erfüllt mich mit unendlicher Begeisterung. Die Basis der Auseinandersetzung mit dieser Figur, der man sich so interessiert und intensiv zuwendet, ist natürlich Nähe, Faszination und Begeisterung.“
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Ich konnte diesen Lackaffen ja noch nie leiden. Mit seinen halsabschneidenden Button-Down-Hemden, der randlosen Brille, seinen Krawattennadeln und Manschettenknöpfen. Alles Dinge, die so gar nicht gehen und auch schon in den 90ern nicht gingen. Die Rede ist von Thomas Middelhoff, alias Johann Holtrop, wie der Autor ihn in seinem Schlüsselroman nennt. Ehemaliger CEO der Bertelsmann AG (im Buch Assperg AG genannt) danach Arcandor-Chef (hier: Lanz AG) und zuletzt Untersuchungshäftling in der JVA Essen. An keiner Persönlichkeit der deutschen Wirtschaft kann man den Aufstieg und Fall eines Top-Managers besser skizzieren als an Big T., wie Middelhoff in seinen Glanzzeiten genannt wurde.

Im Gegensatz zum Protagonisten kann ich den Autor Rainald Goetz gut leiden. Wie er erst neulich vor dem versammelten Hochkulturbetrieb bemerkenswert dilettantisch den Wanda-Klassiker „Bologna“ intonierte – das hatte was. Und nicht zu vergessen: seine blutige Klagenfurt Performance – legendär. Doch gelesen habe ich bisher nichts von ihm. Darum war ich auch ganz besonders gespannt auf diesen Roman aus dem Jahr 2012, dessen damalige Nicht-Nominierung zur Shortlist des Deutschen Buchpreises für allerlei böses Blut gesorgt hat. Aber das sind alte Geschichten, wie auch die von Big T.

Ja, in unserer schnelllebigen Zeit ist das alles schon sehr lange her. Man wundert sich, wie schnell man Typen wie Rolf Breuer, Mark Wössner, Josef Ackermann und Leo Kirch schon wieder vergessen hat. Alles Charaktere, die in diesem literarischen Top-Business-Drama unter anderen Namen vorkommen. Genauso wie Hubert Burda, Maria Furtwängeler, Liz Mohn, Friede Springer und Mathias Döpfner. Ich hatte meinen Spaß daran, die Romanfiguren den Real-Life Persönlichkeiten zuzuordnen. Ich freute mich, als ich im stumpenhaft daherkommenden Herrn Schwaake irgendwann Hubert Burda erkannte und dann auch wusste, dass der ihn um zwei Köpfe überragende Messmer, CEO von Gosch, niemand anderes sein kann als Mathias Döpfner, CEO von Springer.

Nicht, dass ich jemals mit einem dieser Top-Managern zu tun hatte. Ich bin da eher zwei Hierarchiestufen darunter unterwegs. Aber dieser Holtropsche Business-Typ hat mich durch mein gesamtes, bisheriges Berufsleben begleitet. Solche gab und gibt es auch im mittleren Management, nicht ganz so grandios und charismatisch wie Holtrop, aber doch vergleichbar. Das sind diese Time-System-Typen, die nichts anders kennen, als für den Erfolg zu funktionieren. Mit Vorzimmerdame und persönlichem Assistenten, mit Terminen in den USA und China und einem gelegentlichen First-Class Upgrade beim Interkontinentalflug. 150 Prozent Effektivität, der ganze Tag mit spitzem Bleistift durchgeplant, perfektes Business Outfit, morgens die Ersten und abends die Letzten im Büro. Das Leben und Denken solcher Leute besteht zu 95 Prozent nur aus Firma und persönlicher Karriereplanung. Da ist kein Platz für Familie, Freizeit oder mal ein gutes Buch.

Das alles beschreibt Götz sehr eindringlich und treffend. Obwohl der Autor keine Konzernerfahrung hat, gibt er die internen Abläufe, die kleinen und großen Intrigen, die quälend langen, ergebnislosen Meetings sehr authentisch wieder. Das gilt auch für die Management-Innensicht, die Geringschätzung der Führungskräfte füreinander. Der tägliche Kampf der Alpha-Männchen, die sich nicht zerfleischen, weil sie sich in ihrer gegenseitigen Verachtung aber auch gegenseitig tolerieren.

Dass sich das alles sogar recht fesselnd und spannend liest, liegt vor allem an der Sprache dieses Romans. Und wenn man Rainald Götz lesen sieht, weiß man auch wie er das macht. Er schreibt nicht, er komponiert Sätze. Eine Hand hält das Buch, die andere dirigiert und gibt den Rhythmus vor. Seine Sätze klingen, haben eine Melodie und transportieren die jeweilige Stimmung der Romanszene. Werden leicht und einfach, wenn auch Holtrop entspannt und in Plauderlaune ist. Dann wieder lang, kompliziert, verdichtet und verschachtelt, wenn es eng und bedrohlich wird.

Ich merke immer ob mir ein Buch gefällt, wenn ich mich auf dem Nachhauseweg schon auf die abendliche Lektüre freue. Und das habe ich bei diesem Roman definitiv getan. Es war ein rauschendes Leseerlebnis und eine bedrückende Charakterstudie. Selbst Tage danach hat mich die Frage nicht losgelassen: Muss man so sein, um Erfolg zu haben?

Über die Antwort denke ich immer noch nach.
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am 26. Januar 2016
Über den Inhalt des Buches ist ausreichend lamentiert worden. Als Konsumentin sprachhirnverwöhnender Literatur, die zu verzaubern mag, habe ich mich schwer getan, den Holtrop zu durchsteigen. Bin nur dran geblieben, weil er mir wärmstens empfohlen wurde. Wärmstens - Wärme geht dem Buch gleichwohl völlig ab. Das liegt aber an den Protagonisten und der eiskalt sezierenden, distanzierten Sprache ihres Schöpfers. JH ist kein Buch, das man nebenbei liest. Es braucht Aufmerksamkeit, Wachheit und ein wärmendes Umfeld, in welches man nach dem Lesen erschöpft zurücksinken kann. Jaaa - so ist sie halt - die pervertierte Wohlstandselite des Neuen Geldes, wo man Geld mit Geld verdient und Gier wieder Gier gebiert, gleich einer Hydra. Will man es so genau wissen? Wenn nicht - Hände weg von diesem Buch! Denn es ist mit einem Wort: Unerfreulich. Wer sich dem trotzdem stellen will, mag sich ruhig herantrauen an JH. Auch wenn man die wirtschaftlichen Hintergründe und Geflechte nicht immer voll durchdringt (JH selbst tat es ja auch nicht;-)), sind die Charakter(los)studien bitter grandios. Jetzt, nachdem ich "durch" bin und mich wieder auf ein zartschmelzendes Buchpraliné freue, bin ich doch irgendwie fasziniert und infiziert. Ich habe mir das Hörbuch (Autorenlesung) bestellt und werde mir JH noch mal ganz in Ruhe einlesen lassen. Übrigens ist es recht hilfreich, die ausführlicheren Berichte der Süddeutschen über Thomas Middelhoff vorab zu lesen - dann hat man einen ersten Einblick in die Abgründe der Protagonistenseele und durchsteigt das Eine oder Andere vielleicht etwas einfacher.
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am 13. Oktober 2012
Auf Empfehlung eines Bekannten habe ich mir Johan Holtrop im Buchhandel besorgt und musste zunächst warten, bis das Werk lieferbar war. Das Buch blickt hinter die Fasssaden eines Medienkonzerns ab Ende der 1990er Jahre hinein in die 00er Jahren am Beispiel des Aufstiegs und Falls des (mehr oder minder fiktiven) Konzernlenkers Johan Holtrop. Gegliedert ist das Werk in drei zeitlich getrennte Abschnitte - "Orte" 1998, "Taten" 2002 und "Tage" 2010. Der Roman nimmt zahlreiche Anleihen an der Realität - bei Ereignissen, bei Personen, bei der Politik, bei den Unternehmen. Neben der Sicht des Protagonisten Holtrop fügt der Autor kritische Gesellschaftsbetrachtungen ein - die wohl den "Abriss der Gesellschaft" als Untertitel unterstreichen und rechtfertigen sollen. Nun werden die Grundlagen der Gesellschaft gerade von solchen Leuten wie der Romanfigur Holtrop in der Realität (in aller Doppeldeutigkeit) wirklich abgerissen. Und Goetz fängt die Persönlichkeitsmerkmale dieser bestimmten Managergeneration so erschreckend präzise ein, als dass diese im Text eingeflochteten Zwischenbetrachtungen manchmal unnötig erscheinen. Zu bösartig agiert die Hauptfigur, als dass dessen verherrendes Wirken und die Wirkung auf die Gesellschaft dem Leser ansonsten verborgen geblieben wären. Die Bösartigkeit der Hauptfigur erscheint gut recherchiert - und meiner Erfahrung nach durchaus treffend.

Mit "Johann Holtrop" gelingt es Goetz hervorragend, die Kernmechanismen der Niedergang der alten westdeutschen Wirtschaftskultur einzufangen und zugleich aufzuzeigen, dass dieser Niedergang eine Wurzel eben auch in der westdeutschen Provinz selbst besitzt. Es ist eben nicht alles die Globalisierung schuld, sondern ein narzisstische Persönlichkeiten begünstigender Provinzialismus, der Blender nach oben spült, die zwar weltgewandt erscheinen und von Globalisierung faseln, aber bei Vertragsabschluss mit chinesischen Geschäftspartner kein Fettnäpfchen auslassen.

Die Romanfiguren mögen manchem Leser überzeichnet wirken. Doch zum einen halte ich die Überzeichnung nicht für so groß, zum anderen werden die von Goetz erarbeiteten und entdeckten Mechanismen des Untergangs der Wirtschaftskultur erst durch diese Überzeichnung wirklich deutlich. Ich interpretiere dies als ein notwendiges Stilmittel. Ein Stilmittel, das allerdings den gut recherchierten Hyperrealismus ein wenig konterkariert.

Den Roman habe ich innerhalb von vier Tagen gelesen, so sehr hat mich die Dichte der Geschichte gepackt. Rainald Goetz ist ein großes und leseneswertes Stück deutscher Gegenwartsliteratur gelungen - wäre da bloß nicht der erschreckend plumpe Schluss. Daher nur 4 Sterne.
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