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am 13. November 2010
Anna Katharina Hahn schreibt von den kürzeren Tagen in der Halbhöhenlage im Stuttgarter Süden. Zentraler Punkt ist die (fiktive) Constantinstraße, die von unten, vom Brennpunkt Charlottenplatz, vom Rotlichtbezirk, vom Olgaeck hinauf führt zu den besten Wohngegenden. Doch auch in der Constantinstraße stehen bereits die großen Personenwagen, leuchten hell die braungelben Sandsteingebäude, die hohe, mit Stuck besetzte Räume bergen.

Jutta, die sich Judith nennt, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen hier. Ebenso Leonie mit ihren beiden Töchtern. Doch die beiden Frauen begegnen sich selten, zurückhaltend, trotz der gleichaltrigen Kinder. Die alleinerziehende Hanna taucht gelegentlich auf. Die Kinder mögen den trägen Hund von Frau Posselt, die mit ihrem Mann schon seit Jahrzehnten hier wohnt. Man trifft sich bei Nâzim, dem türkischen Händler. Auch der junge, freche Marco hängt hier mit seinem Kumpels herum. Und Männer scheinen Beiwerk.

Das hört sich alles gediegen, bekannt und banal an, die Welt scheint voller Klischees, aber heile zu sein. Die Autorin versteht es jedoch, die Risse, Brüche, die verborgenen Widersprüche in einfachen Sätzen, in reportageartigen Betrachtungen, in empathischen Rückblenden aufzuzeigen. Ihre nur scheinbar distanzierten Beschreibungen, die die unfassbare Verlorenheit, die tiefe Einsamkeit, die beständig wiederkehrenden Ängste, die unstillbaren Sehnsüchte, die zehrende Aussichtslosigkeit der Protagonistinnen in wunderschön depressiven Bilder widerspiegeln, wirken in sich treffend widersprüchlich. Hahn entlarvt sarkastisch, lakonisch und scharf ein egomanes, oberflächliches, sich immer wieder selbst inszenierendes Zeitgeistmilieu, indem sie kapitelweise die ganz persönliche Weltsicht ihrer Charaktere ausbreitet, unterbrochen von intensiv erlebten Rückblenden. Der Roman spiegelt einen heftigen Zusammenprall unterschiedlichster Werdegänge und Werte, Schichten und Geschichten, Lebensträume und Lebenslügen, Drogen und Gewalt. Ein grandioses Abbild einer globalen, tristen, freudlosen, suchenden Gesellschaft.
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am 9. Juni 2015
Judith und Leonie wohnen mit ihren Familien in gegenüberliegenden Häuser. Beider Leben unterscheiden sich grundlegend – während Judith Nur-Hausfrau ist, ihre Kinder einen Waldorf-Kindergarten besuchen und ihr Mann sich Zeit für die Familie nimmt, geht Leonie arbeiten, ihre Kinder besuchen den Kindergarten, in dem sie einen Platz bekommen haben, egal, wie das pädagogische Konzept aussieht, und ihr Mann schiebt eine Überstunde nach der anderen. Unter Judith lebt das Ehepaar Posselt, beide über 80 und immer noch glücklich miteinander. Im selben Viertel, aber unter ganz anderen Umständen, lebt Marco, knappe 13 Jahre alt, bei seiner alleinerziehenden Mutter und ihrem gewalttätigen Freund.

Der Roman schaut hinter die Fassaden und lässt uns das Leben der Protagonisten hautnah miterleben. Das geht mitunter unter die Haut, macht nachdenklich und bleibt auch nach dem Lesen noch lange haften. Jeder hat hier sein Päckchen zu tragen und hinter der Fassade sieht es oft ganz anders aus. Die Perspektiven der Erzählung wechseln, man erfährt viel über das bisherige Leben der Protagonisten und darüber, wie sie sich selbst sehen, und, da sie sich alle untereinander kennen, auch, wie jeder die Anderen wahrnimmt. Das ist sehr interessant und als Leser hinterfragt man womöglich eigene Gedankengänge.

Mich hat der Roman mit jeder Seite mehr gepackt, ich bin regelrecht darin versunken und habe eine zunehmende Spannung empfunden. Dass der Roman dann sehr offen endet, empfand ich nur kurz als ärgerlich, immerhin gibt es mir so weitere Möglichkeiten nachzudenken.

Mir hat es übrigens auch sehr gefallen, dass der Roman in Stuttgart spielt und man das sprachlich auch merken kann. Für jemand, der keine Beziehung zu diesem Ort oder der Gegend hat, könnte das aber etwas störend wirken. Anna Katharina Hahns Erzählstil, vor allem der Präsens, macht die Erzählung noch eindringlicher, ich habe teilweise fast atemlos gelesen. Das Coverbild, die Sprünge im Stuck, ist meiner Meinung nach sehr passend gewählt, das wird einem aber erst nach der Lektüre bewusst.

Insgesamt ein Buch, das bei mir noch lange nachwirken wird und das ich gerne empfehlen. Wer einfach nur eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre sucht, ist hier aber wohl fehl am Platz.
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Der hügeligen Lage Stuttgarts ist es zu verdanken, dass auch Fremde schnell wissen, wo hier "Schöner Wohnen" angesagt ist. Oben, Mitte, Unten, spiegeln auch die Einkommensverhältnisse, nicht immer und ausschließlich, dazu ist der Immobilienmarkt zu komplex, und kann als Kompass dienen. "Geschafft" haben es diejenigen, die zudem den freien Blick über den "Kessel" haben.

Dieser Roman ist ein Stuttgart-Roman, obwohl er auch in jeder anderen Stadt angesiedelt sein könnte. Stuttgart ist ein Stiefkind literarischer Orte; umso mehr freut es mich, dass die Stadt eine stets präsente Rolle in dieser Geschichte hat. Die Autorin, einst Schülerin des "Katzenstifts", kennt die - fiktive - Constantinstraße sehr genau. Sie wohnt in einer vergleichbaren Straße zwischen Olgaeck und Lehenviertel und hat ganz offensichtlich außer Talent zum Schreiben einen Blick für Gesichter hinter Fassaden. Sie könnte selbst Judith oder Leonie sein, zwei der vier Hauptfiguren dieses Romans. Leonie ist mit einem Mann verheiratet, der, aus einfachen Verhältnissen stammend, unbedingt nach oben kommen will und trotz guten Willens eben doch nicht die Kraft und die Zeit hat, sich so um seine Frau und die beiden kleinen Töchter zu kümmern, wie seine ebenfalls berufstätige Frau es gerne hätte. Beide kommen an der Tatsache, dass der Tag eben auch für sie nur 24 Stunden hat, nicht vorbei. Leonie beneidet Judith (Jutta), die Hausfrau, die man heute auf moderne Art ebenfalls abwertend Familienfrau nennt. An der ist alles Show. Den Mann, dem sie hörig war, hat sie nicht halten können, ihr Studium nicht geschafft, ihre Angst vor dem Leben mit Tablettensucht bezahlt. Dass sie heimlich auch raucht, fällt da kaum mehr ins Gewicht. Ihrer madonnenhaften Schönheit, an der mittlerweile der Zahn der Zeit nagt, hat sie es zu verdanken, dass sie sich in eine Ehe mit einem lauen Professor retten konnte. Die hat ihr das finanziell attraktive Halbhöhenlageleben beschert, zwei Söhne, die noch klein genug sind, um sich eine anthroposophische Erziehung gefallen zu lassen, und eine unendliche Leere, vermutlich Teil ihres Charakters. Seit geraumer Zeit spielt sie ihre Rolle schon, komplett mit Jahreszeitentisch, Weidenkörbchen und Tee, biologisch korrekter Kürbis-Möhrensuppe und panisch bemüht, die ängstliche Versagerin in ihr zu verbergen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich nun auch Leonie und Judith in den Vordergrund gestellt habe, obwohl es noch zwei weitere Hauptdarsteller im Buch gibt. Da ist zum einen die kleine Zeitbombe Marco, der trotz Hochhausbleibe tief unten wohnt, komplett mit einer hilf- und ziellosen Mutter, die ihr Heil in irgendwelchen Kerlen sucht. Einer davon war nicht schlecht, er hätte Marco ein Vater sein können, aber der ist zurück in seine Heimat gegangen und Marcos Mutter wollte dem "Russen" nicht in den Osten folgen. Marco aber schon, zumal er den derzeitigen Typ seiner Mutter am liebsten tot sehen würde. In seinem funktionierenden, leider mit Müll vollgestopften Hirn entwickelt er einen aus Verzweiflung geborenen Plan, mit dem er es punktgenau in die Art von Pressemeldungen schaffen wird, die das Bürgertum kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Marcos dieser Welt bestätigt.

Bleibt noch Luise, das alt gewordene Wengertermädel aus Uhlbach, das, während sie im Büro einer Schokoladenfabrik gearbeitet und die Schrecken des Krieges und Zerstörung des alten Stuttgarts erlebt hat, die Liebe ihres Lebens traf. Mit dem feschen, heimatvertriebenen Wenzel ist sie seit Jahrzehnten glücklich verheiratet. Die ungewollte Kinderlosigkeit schmerzt immer noch, aber nicht mehr so sehr, gibt es doch immer wieder Hunde und eine nette Nichte, die sich ein wenig um die alten Leutchen kümmert. Doch auch für Luise kommen in diesem Herbst kürzere Tage, man mag sich gar nicht vorstellen und weiß doch nur allzu gut, wie es mit ihr weitergehen wird.

Luise ist für mich die interessanteste Figur im Buch, auch weil sie in der Wahrnehmung der Rezensenten kaum eine Rolle spielt (und wenn, dann nur als Teil eines Paars) und somit Realität spiegelt. In einer von ewiger Jugend und schönem Schein geprägten Zeit ist sie nahezu unsichtbar geworden. Alter und Verfall verdrängen die meisten von uns und sind doch allgegenwärtig in einer alternden Gesellschaft, die Alter als (selbstverschuldeten) Makel empfindet. Dabei ist Luise die einzige der geschilderten Frauen, die eine "erfolgreiche", stabile und gute Ehe mit einem netten, attraktiven und - im Rahmen seiner Möglichkeiten - verständnisvollen Mann führt, der von ihr - und sie von ihm - nichts Unmögliches verlangt hat. Für Leonie habe ich noch Hoffnung, nicht aber für Judith, die von ihrem Ehemann und früheren Liebhaber gleichermaßen gedemütigt wird und ihr Heil in einer weiteren Schwangerschaft suchen will. Die Tendenz zum Drittkind ist in der gutbürgerlichen Gesellschaft ja seit einiger Zeit vorhanden... Und Marco? Der entkommt. Vorläufig. Prognose: düster.

Helga Kurz
28. Februar 2010
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am 15. August 2010
Ja, ich habe zwei Kinder, bin verheiratet und um die 40 Jahre alt. Und habe in diesem Buch meine Gedanken, meine Gefühle und die Schwierigkeiten meines Alltags wiedergefunden: treffend analysiert, in feiner Sprache und mit klarem Blick bitterernst beschrieben. Ja, so sieht es aus, das Leben derjenigen, die schon einen guten Teil seiner Wünsche hat erfüllen können und trotzdem immer noch auf der Suche nach dem Glück ist. Danke für dieses Buch, Anna Katharina Hahn.
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Einer der besten neueren "Romane", den ich in jüngster Zeit gelesen habe. Für die Empfehlung aus der etwas enttäuschenden Premiere der Literatursendung des ZDF "Die Vorleser" bedanke ich mich. Roman setze ich deshalb in Anführungszeichen, da die Geschichte nicht der klassischen Romanstruktur folgt, sondern eine sehr gelungene Erzählung in Szenen mit Figurenwechsel ist. Von einem literarischem Debüt sollte man hier ebenfalls nicht sprechen - das ist perfekte, reife Prosa.

Die vorgestellte kleine Welt in Stuttgart Mitte erhebt zwar nicht den Anspruch, ein gültiges Bild des Zeitgeistes zu sein - doch wer sich, wie ich, zu der Generation und dem Milieu der Hauptfiguren bekennen muss, wird sich der grausam ehrlichen Beschreibung nicht entziehen können. Nein, man selbst mag sich nicht wieder erkennen oder gar identifizieren, aber haarklein genau so findet man diese Figuren in seinem Umfeld von Freunden und Bekannten. Die vordergründige Teilnahmslosigkeit - gerne auch "lakonisch" genannt - mit der die Autorin die Geschichte erzählt, grenzt inhaltlich schon an bitteren Zynismus. Ich mag mir nicht vorstellen, wie ihre Freunde und Freundinnen auf das Lesen des Buches reagieren, wenn sie es danach noch sind. Ich selbst würde es bei vielen nicht wagen, es zu empfehlen, obwohl ich es wirklich grandios finden.

Doch das wichtigste nach der Lektüre ist letztlich, dass mich die Geschichte aufgewühlt hat und mich doch selbstkritisch fordert, schleichende bedenkliche Entwicklungen in meinem Leben zu korrigieren oder entgegen zu wirken. Nicht einfach - rauchen tue ich ja auch noch. Es gilt, wie das Buch einmal mehr deutlich macht, sich mal wieder an die eigene Nase zu packen: letztlich ist ausser uns niemand verantwortlich für die Lebensumstände, in denen wir uns befinden.
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am 20. August 2014
Über das Buch wurde schon sehr viel geschrieben. Daher erspare ich mir eine ausführliche Rezension.
Ich konnte es jedenfalls nicht mehr aus der Hand legen und hatte es daher in nur 2 Tagen durch.
Das Ende ist zwar origenell, erscheint mir aber etwas zu konstruiert.
Ein künstlicher (zwar schreibtechnisch sicher "künstlericher") Höhepunkt, aber ein paar Sätze weniger wären mir lieber gewesen.
Es vermasselt letztendich die eigentliche Botschaft. Daher nur 4 Sterne.
Dieses Buch muss zudem auf Frauen, die sich Kinder wünschen und noch keine haben, total frustrierend wirken.
Von der Lektüre würde ich diesen Frauen daher dringend abraten. Man findet sich in fast allen weiblichen Protagonisten irgendwie wieder. Schrecklich gut!
Und gerade durch die teilweise überbordernde blumige Sprache, ist das Buch spannend.Auch wenn nichts passiert und nur der Alltag beschrieben wird. Man kann dadurch vieles herauslesen, wenn man diese Sätze nicht gelangweilt überfliegt.
Besonders die nur anfangs beiläufige Erwähnung von Hannah und Mattes ist absolut herausragend in diesem Roman.
Und sehr gut recherchiert.
Ein Problem, das den meisten weitestgehend unbekannt ist, und sehr selten von Ärzten erkannt wird.
Damit habe ich fast schon zu viel verraten.
Dieses Buch sollten eigentlich Männer lesen! Vielleicht verstehen sie dann endlich die Frauen besser.
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am 20. August 2013
Bemerkenswert aufgrund der schon von vielen Rezensenten genannten unglaublichen Beobachtungsgabe und Sozialkenntnis. AK Hahn nimmt ihren Stoff und ihre Protagonisten dermaßen genau unter die Lupe, da wird jedes Detail bis zur Grobkörnigkeit herangeholt, Bonbonpapier in der Jackentasche, verlaufener Lippenstift im Mundwinkel, Brotkrümel und Schnuller unter dem Küchenschrank. Das kommt einem zum Teil nur allzu vertraut, ja banal vor, und gerade, wenn man sich fragt, ob diese Alltäglichkeiten so viel Aufmerksamkeit verdient haben, fängt der Stoff an zu schwelen, eine Rauchsäule entsteht, eine Flamme zuckt auf - und plötzlich entsteht aus den Ängsten, Depressionen, dem Neid, dem Egoismus und der Ignoranz in den Rissen der bürgerlichen Fassade ein Brand.

Am interessantesten fand ich die Figuren am Rande der Gesellschaft, die sonst Unsichtbaren, wie das Rentnerehepaar Posselt oder den vernachlässigten Teenager Marco. Hier beweist Hahn außerdem ein unwahrscheinliches Einfühlungsvermögen. Ein Rezensent hat geschrieben, die Kapitel über Luise Posselt gehörten zum Wichtigsten, was deutsche Nachkriegsliteratur hervorgebracht habe. Das hört sich zunächst vermessen an - ein wirklich "großer" "Roman" ist das schließlich auch wieder nicht -, aber ich neige dazu, das auch so zu sehen. Hier wird ein Lebensgefühl abgebildet, das sonst niemand, aber auch NIEMAND wahrnimmt, teilt oder für das auch nur große Sympathien bestehen. Ältere Menschen sind in Film, Buch, Theater, und auch im Leben so gut wie unsichtbar, oder werden als liebenswerte, gutmütige oder als nervige Alte karikiert. Aber das ernstzunehmen, sich dort einzufühlen, wie sich eine Rentnerin, eine "Veteranin" nach jahrzehntelanger Ehe, eine Frau mit Traditionen, die bald Keiner mehr kennen wird, die genau spürt, dass sie für die Jungen kaum noch existiert oder diese sich sogar ein wenig vor ihr, vor dem Alter ekeln, zu zeigen, wie diese sich fühlt - das ist anerkennenswert und Hahn überaus gut gelungen. Ich war beschämt, fasziniert, gerührt.

Gleichzeitig muss ich sagen, dass mich der Roman auch ungemein deprimiert hat, so faszinierend er ist. An dünnhäutigen Tagen ist diese Lektüre bestimmt nicht sehr bekömmlich.
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am 4. November 2009
Was ist Glück? Wie funktioniert Familie? Machen die anderen es womöglich besser als man selbst? Und wie geht man mit Bedrohungen und Versuchungen am Wegrand um? "Kürzere Tage" bringt Personen zusammen, die nicht zueinander passen, zwei gutsituierte Mütter, einen vernachlässigten Jungen aus, wie man inzwischen sagt, prekären Verhältnissen und eine ältere Dame mit einer langen, spannenden Lebensgeschichte. Glück ist bei allen ein seltener Gast, aber immerhin schaut es vorbei ... Ich habe die Lektüre sehr genossen, da die Autorin ihre Figuren nachvollziehbar zeichnet und auch das Lebensgefühl in Stuttgart -- für meine Begriffe -- stimmig wiedergibt. Ein bittersüßes Buch, zum Grübeln ebenso geeignet wie zum Schmunzeln.
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am 21. August 2014
Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber es hat mich gedanklich noch lange weiter begleitet.

Die Geschichte beginnt wunderbar voyeuristisch: Ich werde als Leserin Zeugin, wie die Hauptprotagonistin sich ihrem verbotenen und vom Ehemann geächteten Laster des Rauchens hingibt, während ihr jüngeres Kind alleine in seinem Zimmer spielt. Eine zügellose Person, ist mein erster Schluss und ich fälle ein sauberes Vorurteil, welches mir die Autorin dann aber gründlich dekonstruiert. Nein, nein, das Kind wird nicht allein gelassen, sondern soll nach fundierten pädagogischen Überlegungen den massiv-hölzern eingerichteten Raum im Sinne der Waldorf-Philosophie mit eigenen Ideen füllen. Und die Protagonistin ist auch nicht zügellos, nein, nein, sie ist geläutert. Hat sich aus vielen anderen Süchten befreit und jetzt dem ehrenwerten Leben zugewandt. Ich revidiere also mein Urteil und gehe erneut in die klug ausgelegte Falle. Kaum bin ich drin, dreht mich die Autorin im Verlauf des Romans so sachte, dass ich kaum merke, wie es geschieht um weitere 180 Grad, bis ich am Ende ein Bild erkenne, dass ich doch gar nicht sehen wollte...

Ein tolles Buch. Sauber gearbeitet, gekonnt versponnen, kunstvoll durchwirkt mit sprachlichen Finessen. Mich hat es vollkommen überzeugt, inhaltlich und stilistisch.
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am 6. Mai 2013
Gleich vorneweg: Es handelt sich nicht um einen Roman im klassischen Sinne. Ich würde es eher eine Beobachtung von Menschen, eine Momentaufnahme des Lebens betrachten.

Und genau das hat mich ungemein an diesem Buch fasziniert. Die Autorin versteht es, ihre Figuren lebendig und echt darzustellen. Man will mehr über sie wissen, man will wissen, welchen Weg ihre Leben nehmen werden.

Das Können der Autorin lässt sich am besten mit einer Textstelle ausdrücken. Es ist gleich der Anfang und der hat mich sofort in das Buch gezogen:

Zitat:
Judith rauchte hastig, mit dem Rücken gegen die Wohnungstür gelehnt. Sie läßt den Rauch tief in ihre Brust einströmen und atmet ihn durch die Nasenflügel wieder aus. Das Verlangen nach einer Zigarette, schlimmer als der Druck einer vollen Blase, beherrscht schon den ganzen Tag. Am Morgen waren die Kinder zu ihr ins Bett geschlüpft, bevor sie sich hinausschleichen konnte, um auf dem Küchenbalkon zu rauchen. Viel zu lange mußte sie auf eine günstige Gelegenheit warten. Das steinerne Gesicht, mit dem sie Tee gekocht, Müsli in Schalen gefüllt, Obst geschnitten und selbst nur an ihrer Tasse genippt hatte, kennt die Familie schon. "Die Mama ist manchmal ein Morgenmuffel", bemerkte der fünfjährige Uli. Judith macht einen inbrünstigen Lungenzug und stellt sich vor, wie sich die bläulichen Schwaden mit ihrem Blut vermischen und zum Herzen ziehen, es einhüllen und ruhiger schlagen lassen. Die Gier ebbt langsam ab, sie hat wieder Augen und Ohren für ihre Umgebung und beginnt sich zu schämen.

Bis zur Hälfte des Buches beschreibt die Autorin abwechselnd zwei Frauen, Judith und Leonie, deren Namen die jeweiligen Kapitelüberschriften sind. Beide Frauen haben kleine Kinder in etwa demselben Alter.

Judith scheint die Bilderbuchmutter zu sein, die nicht arbeiten geht, die sehr auf die Ernährung achtet, ihre Kinder in den Waldorfkindergarten schickt und die keinen Fernseher in der Wohnung duldet. Doch der Leser erfährt auch noch eine ganz andere Seite an dieser Frau.

Leonie wohnt im Haus gegenüber und betrachtet oft heimlich die Familienidylle von Judith. Leonies Mann will beruflich nach oben, ist selten zu Hause und auch sie geht arbeiten. Das schlechte Gewissen wegen ihrer zwei Mädchen ist ständig präsent.

Als Nebenfiguren tauchen in den Erzählungen Marco und Luise auf, denen später auch selbst eigene Kapitel gewidmet werden. Marco ist ein dreizehnjähriger Draufgänger und man erfährt, dass er aus einem schwierigen Umfeld kommt. Er will sich daraus befreien.

Luise ist über achtzig und wohnt mit ihrem Mann, dem schönen Wenzel, im gleichen Haus wie Judith. Man erfährt, wie sie Wenzel kennengelernt hat, warum sie ihn immer noch liebt.

Was zunächst nur lose aneinandergereihte Erzählungen sind, bekommen zunehmend mehr Berührungspunkte, die Personen haben miteinander zu tun. Allerdings bleiben die Lebensgeschichten offen, man erfährt nicht, wie es "ausgeht". Man hat die Personen ein Stück weit begleitet und den weiteren Weg machen sie ohne uns Leser.

Sprachlich empfinde ich den Roman als Juwel. Die Autorin ist eine sehr genaue Beobachterin und sie trifft den jeweils richtigen Ton.
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