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am 9. Juli 2013
"Du mußt Dein Leben ändern“: Rilke richtet in seinem Monolog diesen Imperativ an sich selbst. Er braucht ihn auch nicht zu erklären. Dichter müssen das nicht. Sloterdijk darf ihn sich ja gern zu eigen machen, diese Aufforderung für sich spontan begreifen. Daraus aber einen Titel für ein adipöses Buch hohen philosophischen Anspruchs kreieren, ohne dann wirklich neue oder hinreichend neu erklärte Sichtweisen in all den klugen und sprachgewandten wie auch sprachkreativen Metaphern vorzulegen?... und vor allem ohne erst einmal präzise zu fragen: was ist denn das „Leben“ überhaupt? Leben selbst kann man nicht ändern - außer man tötet es - die Rahmenbedingungen vielleicht schon eher. Das muß von vornherein klar gestellt werden. Soviel Präzision muß Philosophie mindestens anbieten.
Alle Rezensenten, die sich hier äußern, haben partiell Recht : egal ob 1 oder 5 Sterne vergeben wurden. Daher gehe ich mal ganz anders vor, weil ansonsten sachlich-fachlich schon fast alles gesagt zu sein scheint.
Was gibt Sloterdijk das Recht oder auch nur den Auftrag, den ihm unbekannten LeserInnen und StudentInnen diesen Imperativ an den Kopf zu werfen.. oder meinetwegen auch vor die Füße? Weil er sich als Philosophie-Professor dazu legitimiert fühlt, sich als übergeordnetes Gewissen der Nation oder gar des Kontinents oder gleich des ganzen Planeten zu verstehen? Das war meine ganz persönliche, zugegeben sehr emotionale Ouvertüre. Geduldig habe ich dann das ganze Libretto von 714 Seiten der philosophischen Oper gelesen. Diese respektlose Äußerung erlaube ich mir in Anbetracht der Respektlosigkeit des Autors, mich aufzufordern, mein Leben zu ändern, von dem er ja keine Ahnung haben kann.
So schlimm wurde der philosophische Spaziergang durch die Jahrhunderte dann doch nicht, wenn auch strapaziös. So sehr auch Sprachbegeisterte wie ich die Kreativität von Metaphern und Wortneuschöpfungen goutieren, ja zuweilen auch amüsant finden mögen: es ermüdet sehr bald. Man hat ja schon ziemlich schnell begriffen, daß es um des Autors zentrales, wenn auch nicht so überaus neues Thema „Der Planet der Übenden“ in immer anderem Licht und unter Hinzuziehung immer anderer Philosophen und deren strebendes Bemühen geht. Man muß schon einiges Durchhaltevermögen aufbringen, bis zum Ende dabei zu bleiben: auch mit humanistischer Vorbildung harte Arbeit – ohne diese eigentlich nicht zu bewältigen. Am Ende dann aber für diese Mühe nicht belohnt zu werden, weil nichts Greifbares, Anwendbares, Umsetzbares in den Händen ... ja nicht einmal das Gegenteil davon, was wenigstens polarisierend aufregen könnte...
Die Endzeitstimmung – nun wirklich spätestens seit Jesus nicht mehr neu und m.E. eher scheinphilosophisch – kommt eher als ein Nebelstreif daher, anstelle eines reinigenden Gewitters mit Donner und Blitz, die aufwecken könnten. Dann bleibe ich doch lieber gleich bei den vom Autor bemühten Philosophen, lese dort selber nochmals nach, als sie mir dermaßen wortgewaltig interpretieren zu lassen – incl. Rilke, Kafka und immer wieder (sehr gern !!) Nietzsche. Denn alles, was uns aus dem alten Ägypten, dem alten Griechenland und auch aus dem alten Asien erhalten geblieben ist und überliefert wurde, trägt immer dann, wenn es zum ersten Mal aufscheint, den Anstoß in sich, diese Gedanken aufzugreifen und sie evtl. in das eigene individuelle Leben modifizierend zu integrieren: für jedes menschliche Individuum nach der ihm eigenen Resonanz:
„Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...“ ... und von diesem Zauber ist leider nichts zu spüren in diesem Buch. Mag ja sein, daß – wer sein Leben äußerlich längst verändert hat – sich nicht angesprochen fühlen kann. Den inneren Veränderungen, die sich weiterhin bis zum Tode vollziehen, kann das Buch kein Begleiter sein: keine konkreten, praktischen, nützlichen, exo- oder esoterischen, spirituellen, biologischen, kosmischen, interplanetaren Hinweise, die man vielleicht programmatisch aufnehmen, sie aber auch außer acht lassen, sie umstoßen oder auch nur darüber nachdenken könnte. Sieht zeitgenössische Philosophie tatsächlich so aus? Ein kluger Kopf wie Sloterdijk kann mehr, ganz sicher sehr viel mehr. ... Und so formuliert sich die Forderung an ihn ganz automatisch: übe, ändere und entwickle dich zur Freude aller, die wie du die Philosophie lieben... und laß es uns dann am eigenen praktischen und erfolgreichen Beispiel in schlichter, weiser und anrührender Sprache wissen!
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am 29. Januar 2012
Einblicke in die Welt der Sezession

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer sich gedrängt fühlt, sein Leben nun endlich ändern zu müssen und sich praktische Hilfe von diesem Buch verspricht, der wird sehr bald merken, dass das der falsche Griff ins Bücherregal war. Statt einer eventuell gewünschten Entscheidungshilfe, die der Titel möglicherweise suggeriert, wird der Leser vom Autor auf eine 700 Seiten lange und schwierige, aber zugegeben auch interessante Reise durch die Kulturgeschichte mitgenommen. Hier also schon die Einschränkung einer Leseempfehlung: Nur für hartnäckige Leser!

Zunächst muss der sich aber in einer ausführlichen Einleitung mit einem anderen Phänomen beschäftigen, das in der Tat eine seriöse Auseinandersetzung erfordert: Die Wiederkehr der Religion und die Behauptung vom Scheitern der Aufklärung. Sloterdijk hat sich in seinem Buch über die drei Monotheismen schon mit dieser Provokation beschäftigt, möchte aber noch einmal entschieden darlegen, dass "eine Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist, wie eine Rückkehr der Religionen" aus dem einfachen Grund, weil es keine "Religion" und keine "Religionen" gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme" (Zitat), "Anthropotechniken" genannt, "sozio-immunologische Praktiken", die kulturwissenschaftlich zu behandeln seien.

Zitat: "Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren". Anthropotechnik sei keine Biotechnik. "Wer darauf achtet, dass es heißt, "Du musst dein Leben ändern" und nicht, "Du musst das Leben ändern", hat schon im ersten Durchgang verstanden, worauf es ankommt."

Also durchstreifen wir in einer ersten Exkursion auf 144 Seiten den Planet der Übenden und begegnen dabei 1. Rilkes Erfahrung mit einem Befehl aus dem Stein, 2. Nietzsches Antikeprojekt, 3. Unthans Krüppellektionen, 4. Kafkas Artistik, 5. Ciorans buddhistischen Exerzitien, de Coubertins Olympischer Idee und Ron Hubbards Scientology.

Im eigentlichen Hauptteil des Buches geht es 527 Seiten lang um 1. Die Eroberung des Unwahrscheinlichen und das Programm für eine akrobatische Ethik, 2. Übertreibungsverfahren und die Rückzüge in die Ungewöhnlichkeit und 3. Die Exerzitien der Modernen und die Wiederverweltlichung des zurückgezogenen Subjekts. Es geht um Leben und Lehren exemplarischer Lebensartisten, "Sezessionisten", "Asketen", "Sakroathleten" und "Geistesakrobaten" vergangener Zeiten und Kulturen - auch Jesus bekommt übrigens die Qualifikation "Sakroathlet" - und ihre Wirkung auf ihre Epochen.

Aber was auch immer die Männer - es sind fast ausschließlich Männer - jener Zeiten zu ihrer epochalen "Sezession" bewogen hat, es waren andere Gründe als die, die die heutige Diskussion bewegen, die bestimmt wird durch eine technisch neue Lebenswelt und das Überlebensproblem von ca. 7 Mrd. Menschen auf der Erde bei immer prekärer werdender Ressourcenlage. Auch Sloterdijk spricht angesichts der globalen Krise von seinem Motto "Du musst dein Leben ändern" als dem aktuellen "Absoluten Imperativ", den er aber erst im letzten Kapitel auf mageren 11 Seiten näher erläutert.

Der Umfang gewisser Erdknollen

Unschwer die Einsicht, dass wir es mit nicht ganz leicht überschaubaren Lektionen zu tun bekommen, die auch nicht dadurch einfacher werden, dass Sloterdijk ein ungeheuer formulierungsfreudiger Genius ist. Im Gegenteil, seine Formulierungskunst verführt ihn gelegentlich zu Kunststücken, die das zu Klärende eher verschleiern als verdeutlichen. Ob die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln hätten, wird auch dann nicht leichter zu beweisen sein, wenn man die Antwort von der Formulierung abhängig macht, dass "der Umfang gewisser Erdknollen im negativ reziproken Verhältnis zum Intelligenzquotienten sie produzierender Agrarier stehe". Aber Sloterdijk ist überzeugt: "Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden!" (Zitat)

Wir haben es also folgerichtig bei Sloterdijk mit akrobatischer Lektüre zu tun und mühen uns auch öfter, dem in schwindelnder Höhe argumentierenden Sprachartisten hinterher zu denken. Aber nicht unbegründet beschleicht uns auch der Verdacht, dass es hier weniger um die Begründung der Notwendigkeit einer Lebensänderung geht, als vielmehr um die Vorführung des Kultur-artistischen Panoptikums, das der Autor inszenieren möchte. Das ist ja auch recht beeindruckend. Chapeau! Dass Sloterdijk ein überaus belesener und eigenständiger Kommentator ist, bedarf eigentlich keiner neuen Erwähnung.

Seine Sympathien für die "Sezessionisten" aller Zeiten - vor allem für Friedrich Nietzsche - in Ehren, aber sind sie mit ihrer - Lebensänderung - denn wirklich die "Zeitenwender", die die neuen Level schaffen? Sind sie nicht häufiger Ausdruck zeittypischer Ängste oder grotesker Sehnsüchte, Ergebnisse verquerer Wahrnehmung und missgedeuteter Argumente oder auch Konsequenzen richtiger Einsichten in konkrete Notwendigkeiten, die in den Protagonisten und ihren Jüngern ihren persönlichen Ausdruck finden?

Sind für die evolutionären oder auch revolutionären Veränderungen der Menschengeschichte nicht viel entscheidender ganz reale historische Ereignisse, Katastrophen, technische Erfindungen und erst danach die Gedanken und Theorien, die sich Menschen darüber machen? Sloterdijk gesteht dem Heute zu: "Es gibt kognitiv Neues unter der Sonne!" (Zitat) Aber gibt es heute nicht auch "faktisch Neues unter der Sonne", das eine Lebensänderung de facto provoziert? Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck als sei Menschengeschichte vor allem Ideengeschichte. Dem muss widersprochen werden. Das eigentlich Neue der modernen Naturwissenschaft ist doch nicht nur die neue physikalische Theorie, sondern die experimentelle Beweisbarkeit ihrer Thesen und ihre technische Nutzungsmöglichkeit. Sie verändert nicht nur dein Leben, sondern das Leben auf der Erde. Deswegen ist hinter die Forderung "Du sollst dein Leben ändern!" als Generalschlüssel zur Lösung unserer Lebensprobleme ein großes Fragezeichen zu machen."

Ist Peter Sloterdijk nicht ganz unvermutbar ein Vertreter einer Philosophentradition, die Ideen - "Vertikalspannung" - für wichtiger halten als die schnöden technischen Erfindungen und Realitäten, die die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens beschäftigen? Solche Präferenz sei ihm als Artisten ja durchaus erlaubt, aber er muss sich dann auch die Meinung gefallen lassen, dass Philosophie dieser Art im musealen Denker-Panoptikum ihren Platz hat und für die Bewältigung heutiger Probleme unbrauchbar ist. Der Philosoph als Museumsführer.

Welchen praktischen Wert hat zum Beispiel seine These, dass es "Religion" und "Religionen" eigentlich gar nicht gäbe, weil sie im Wesentlichen ja nur überkommene spirituelle Übungssysteme - Anthropotechniken - seien und deshalb gar nicht wiederkehren könnten? Meint er mit dieser begrifflichen Exkommunikation die von ihm ' und nicht nur von ihm ' als bedrohlich empfundene Wiederkehr der Religionen verhindern zu können? Sie kulturhistorisch nicht mehr Religionen nennen zu dürfen, hat doch mehr mit schamanischen Tabus zu tun, als mit kulturwissenschaftlicher Präzession. Dass Religion etwas mit Übung und Ausübung - mit Ritualen - zu tun hat, ist doch nichts Neues. Viel interessanter ist doch die Beobachtung, dass im Jahre 2012 wieder so viele Menschen in diese "spirituellen Übungssysteme" ihre Hoffnungen investieren und glauben, sich und der Welt einen schuldigen Dienst zu erweisen. Das Motto: "Du musst dein Leben ändern!" mutiert zur Forderung, "Du musst wieder religiöser werden!". "Aufklärung" kommt fortan wieder von der Kanzel oder der Mimbar! Das ist Fakt, auch wenn es uns noch so missfallen sollte. Gott sei's geklagt!

Einmal abgesehen davon, dass Menschen manchmal von alleine und ohne exemplarische Sezessionisten herausfinden, was ihnen gut tut, werden wir einstweilen als unverbesserliche Aufklärer die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann auch beratungsresistente Katholiken einsehen, dass der Papst kein Dalai Lama ist und intelligente Moslems kapieren, dass man den Teufel nicht steinigen kann, auch wenn man es jedes Jahr in Mekka versucht. Weitere Erkenntnisfortschritte seien nicht ausgeschlossen. Insyallah!
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am 5. Oktober 2014
Ich wünschte, es gäbe mehr von solchen Büchern, die uns frei von jeglicher Ideologie den Spiegel vorhalten und Philosophie für das Individuum im Alltag praktisch relevant machen. Peter Sloterdijk analysiert in diesem Buch die Geschichte der Menschheit unter dem Aspekt der Übung und der Vervollkommnung. Er bezieht sich dabei sowohl auf orientalische Meditationstechniken als auch auf abendländische Askese (von griechisch askein = üben). Ein Merkmal des Menschen sei es, dass er sich in all seinen Lebensdimensionen versuche zu verbessern. In diesem Zusammenhang stellt Sloterdijk auch alle Religionen, die er als "spirituelle Übungssysteme" versteht. Nicht die Religionen kämen nun zurück, sondern der Mensch als übendes Wesen. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Buch auch als ein Aufruf zu verstehen, die Arbeit an sich selbst als Individuum nicht aufzugeben. Diese moderne Entpassivierung, wie Sloterdijk sagt, ist die Grundlage für unsere Ethik und sie setzt an drei Punkten an: Leidenschaften, Gewohnheiten und Denken. Der Titel des Buches ist Rainer Maria Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos" entlehnt, das mit diesen Zeilen endet: "und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern." Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, vor allem weil Sloterdijk auch hier wieder seine eigene Sprache entwickelt und implizit an eine lange Geistesgeschichte anknüpft, die er nicht an allen Stellen für jeden explizieren kann. Ein intellektueller Spaß für philosophisch oder geschichtlich geübte oder wenigstens übende Leser.
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am 2. Februar 2013
Auch das Können muss man können. Wer eben wirklich gut sein will, muss üben. Denn alles Leben ist Übung, ewige Übung. Und wir Menschen üben stets, auch wenn wir es nicht feststellen oder beabsichtigen.
In scharfsinniger Weise gibt uns Peter Sloterdijk die Geistesgeschichte des Übens und erklärt uns zugleich das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, in dem er sich die Erde untertan gemacht, im Guten und im Schlechten, in der Emanzipation und im Völkermord. Überall haben wir uns verändert, wo wir geübt haben. Überspitzt formuliert: Was man in der Askese lernt, kann man auch in Auschwitz anwenden. Um daran anzuschließen: Sloterdijk erkennt die auf stark technisierte Ideologien basierenden Diktaturen des 20. Jahrhunderts als pervierte Auswüchse von Übungssystemen.
Sloterdijk stellt den Menschen als Menschen der Verbesserung dar. Schon Nietzsche hat seinen Übermenschen als denjenigen charakterisiert, der sich nicht mehr in der Horizontalen, sondern nur noch in der Vertikalen bewegt. Sloterdijk verwirft die Utopie des Übermenschen und entwirft die Realität des Übungsmenschen. Wer hinauf will, muss die öde Kammer des unbewussten Übens verlassen und sich in den weiten Raum der klar erkennbaren Verbesserung begeben.
Am Ende gipfelt das komplexe Werk in den simplen und unausweichlichen Vorschlag, dass die Weltverbesserung nur durch die Selbstverbesserung möglich ist. Er vermeidet dabei das zu moralische Wort der Veränderung, denn dies verlangt stets eine Wandlung vom Schlechten ins Gute. Dabei ist es nicht schlecht, was wir sind und aus uns gemacht haben. Aber es muss stetig durch Übung, die mehr ist als nur Arbeit, verbessert werden.
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am 26. Juni 2012
Sloterdijk ist mit seinen (heute!) 65 Jahren noch immer das "enfant terrible" der deutschen Philosophie. Auch im Anthropotechnik-Buch von 2010 grenzt er sich in bemerkenswerter Weise von den zumeist ungeliebten Kollegen im geisteswissenschaftlichen Betrieb ab, der seiner Ansicht nach nur noch spezialistisch um sich selber kreist. Sein eigener Ansatz lebt demgegenüber von historisch aus- und diskursüber-greifenden Sprachspielen, die in methodischer Hinsicht insbesondere als kulturanthropologisch und systemisch zu kennzeichnen sind.

Wie (fast) immer bei diesem Autor kann der Leser, der bereit ist, sich auf die manchmal allzu flotte Formulierungskunst einzulassen, von der abgebrüht-klugen, begriffs- und metaphernstarken Analyse der menschlichen Zustände auch in diesem Buch nur profitieren. Im besten Fall fühlt er sich nach dem Durchgang durch die Übungsgeschichte(n) der Gattung vielleicht aufgefordert, das titelgebende Rilke-Zitat vom zu ändernden Leben für seine eigene Lebensspanne und -spannung (horizontal-alltäglich wie vertikal-aufstrebend) neu zu durchdenken.

Die global-planetare Veränderungsperspektive, mit der Sloterdijk endet, bleibt allerdings in unscharfen Andeutungen stecken. Wie eine völkerübergreifende Ko-Immunisierungsstrategie und -praxis der beteiligten Menschen (mit dem ethischen Auftrag, ihre Lebensgrundlagen durch die richtigen "Übungen" zu retten) tatsächlich aussehen könnte, weiß auch Sloterdijk sich nicht wirklich auszumalen.

Dennoch hätte der Inhalt des Buches fünf Sterne verdient. Allerdings muss mindestens ein Stern abgezogen werden, weil die hier besprochene Kindle-Version nur so vor (vermutlich: Scanning-) Fehlern strotzt, die regelmäßig zu unverständlichen Wörtern und Formeln führen. Einfachstes Beispiel: "Platonismus" wird durchgängig "Piatonismus" geschrieben. Was hier vom Leser noch relativ leicht "zurückgerechnet" werden kann, gibt in längeren (oft auch fach-/fremdsprachlichen) Formeln unnötig lange (und vom Thema weg) zu denken. Hanebüchene Fehlleistung des Verlages. Die Kindle-Version kann NICHT zur Lektüre empfohlen werden.
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TOP 1000 REZENSENTam 12. Dezember 2010
In diesem äußerst sprachgewaltigen Buch geht es um grundsätzliche Fragen zum Menschsein und zur Zukunft des Menschen. Allerdings hätte es dazu wohl zunächst einer Klärung der Frage bedurft, was eigentlich Leben ist.

Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie geht es bei der Evolution vor allem um die Reproduktion von Kompetenzen. Ein Individuum, das seine Kompetenzen gegenüber seiner Umwelt nicht erhalten kann, scheidet aus dem evolutiven Rennen aus, da es dann nicht mehr in der Lage ist, Ressourcen aus dem Lebensraum zu beziehen, um seine Kompetenzen zu reproduzieren und seine Entropie niedrig zu halten.

Zu Beginn des Lebens lagen alle Kompetenzen ausschließlich in genetischer Form vor. Geändert werden konnten sie nur im Rahmen der Fortpflanzung, der anfänglich einzigen Form der Kompetenzreproduktion, was natürlich relativ langsam war. Hieraus zog man den (Fehl)Schluss, dass es bei der Evolution ausschließlich um die Reproduktion von (vermeintlich egoistischen) Genen geht.

Eine deutliche Beschleunigung des Evolutionsprozesses erfolgte mit dem Aufkommen der Gehirne. Nun konnten Lebewesen lernen und ihre Kompetenzen schon während ihrer Lebenszeit ändern. Das dabei Erlernte wurde durch Imitation und weitere Verfahren an die Nachkommen weitergegeben und somit reproduziert. Beispielsweise können viele Singvögel ihren Melodienpool durch regelmäßiges Üben ändern. Womit ich beim Thema des Buches wäre.

Der Mensch hat all dies zur Perfektion gebracht. Dabei beschleunigten sich die Adaptionsprozesse weiter. Beispielsweise konnte noch vor wenigen hundert Jahren ein einmal erlerntes Handwerk vielfach ein Leben lang ausgeübt werden. Heute veraltet Wissen (d.h. Kompetenzen) dagegen manchmal schon in ganz wenigen Jahren. Lebenslanges Lernen lautet jetzt die Devise. Und weil das alle tun, läuft das Leben nun so ähnlich ab wie bei den Singvogelmännchen: Lernen, Üben, Lernen, Üben etc. Würde man sich dem Prozess entziehen, verlöre man seine Kompetenzen (die nicht mehr dem aktuellen Wissen entsprächen). Immerhin bliebe einem dann noch ein Leben in der Sozialhilfe.

Allerdings sollte man dabei noch sagen, was heute nützliche menschliche Kompetenzen sind, denn das Lernen, Üben, Lernen, Üben etc. (d.h. die Kompetenzreproduktion) dürfte ja nur dann gelingen, wenn man damit auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Mit anderen Worten: Nützliche Kompetenzen sind die, die die Wirtschaft gebrauchen kann. Hat man nur solche, für die man dort aktuell keine Verwendung hat, heißt das im Allgemeinen: Sozialhilfe.

Dies mag der Autor aus der sicheren Position eines verbeamteten Hochschullehrers möglicherweise etwas anders sehen, für die allermeisten Menschen sieht es aber genauso aus. Denn längst haben die Unternehmen, die von vielen evolutionstheoretisch argumentierenden Autoren mit lebenden Organismen verglichen werden, auf der Erde das Sagen. Sie bestimmen, wohin sich unsere Welt in den nächsten Jahren entwickeln wird, zumal große kooperative Einheiten einzelnen Individuen in aller Regel weit überlegen sind.

Es ist erschreckend, dass über solche Themen so gar keine öffentliche Debatte zustande kommen will. Die im Buch formulierten erhabenen Gedanken des Autors werden meiner Meinung nach dagegen keinen Beitrag zur Bewältigung unserer anstehenden Zukunftsprobleme leisten können.
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am 18. Februar 2016
Bei diesem Buch müssen Sie philosophische Texte lieben. Wenn Sie sich darauf einlassen, dann ist dieses Buch eine wunderbare geschichtliche Aufbereitung des Menschen als übendes Wesen. Der Mensch übt um sich selbst zu erzeugen und über sich hinauszuwachsen. Das Buch öffnet eine tief gehende Welt der Veränderung und liefert bewegende Einsichten und sehr außergewöhnliche Perspektiven. Wir können es auch ein großes Buch der Inspiration nennen.
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am 14. März 2017
Was bleibt von 723 Seiten (inklusive Inhaltsverzeichnis)? „Die einzige Tatsache in der aktuellen Welt von universaler ethischer Bedeutung ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann.“ (S. 699) Als Eingeständnis des Meisterphilosophen ist das bewegend, aber als Erkenntnis nicht gerade weltbewegend. Das sage ich hier nicht in satirischer Absicht, sondern im aufrichtigen und ehrlichen Bedauern dafür, dass jahrzehntelange asketische Übungen (so kann man das Verfassen umfangreicher Bücher wohl bezeichnen) den Philosophen zu keiner höheren als dieser Erkenntnis geführt haben.
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am 13. August 2009
Sloterdijks Bücher sind philosophische Lesebücher. Da gibt es immer wieder Passagen, die mit ihrer sprachlichen Schönheit an den Lesegenuss erinnern, den mir schon vor langer Zeit so manches Buch von Ernst Bloch gegeben hat.

Ähnlich wie er ist Peter Sloterdijk belesen in der gesamten philosophischen Literatur und befindet sich auch mit seinem sonstigen Wissen auf der Höhe der Zeit. Das fordert dem Leser große Anstrengungen ab, aber wie wir das schon von seinen früheren Büchern her kennen, Sloterdijk macht es nicht einfacher, einfach weil die Situation komplex ist.

"Du musst dein Leben ändern" ist eine groß angelegte Untersuchung über die Natur des Menschen, eine monumentale philosophische Anthropologie. Ein Schwerpunkt , der immer wieder auftaucht, ist sein Bemühen, die These von der Rückkehr der Religion als ein Märchen zu entlarven. Es sei eben nicht so, so der Autor, dass die Religion zurückkehre, auch wenn es viele beobachtbare quasi religiöse Phänomene zu beschreiben gäbe. Es sei vielmehr so, dass sich in unserer Gegenwart etwas ganz Grundlegendes ereigne und sozusagen Raum schaffe: der Mensch als Übender. Der Mensch erzeugt sich als Übender immer wieder selbst, ob es nun Bauern sind, Rhetoren, Schreiber, Yogis, Models oder Musiker und der Mensch geht dabei über sich hinaus.

In ausführlichen Beispielen plädiert Sloterdijk immer wieder dafür, diese "Übungszonen der Einzelnen" auszuweiten auf die Gesellschaft. Die "Selbstbildung alles Humanen", davon ist er überzeugt, habe die Kraft, der Krise entgegenzutreten:
"Die Einsicht, dass gemeinsam Lebensinteressen höchster Stufe sich nur im Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muss sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus. Eine solche Struktur heißt Zivilisation. Ihre Ordensregeln sind jetzt oder nie zu verfassen. Sie werden die Anthropotechniken codieren, die der Existenz im Kontext aller Kontexte gemäß sind. Unter ihnen leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten, in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Lebens anzunehmen."

Was, so fragt sich der Rezensent, der Sloterdijks Aufdeckung des Märchens von der Rückkehr der Religion nach dem ,Scheitern' der Aufklärung" und seine Herabsetzung der Religion zu mißverstandenen spirituellen Übungssystemen" mit immer stärker werdender Skepsis gefolgt ist, ist das anderes, als es die humane Traditionen der großen Religionen immer schon gewollt haben ? Ernst Bloch hat auf diese rebellischen Traditionen insbesondere im Christentum immer wieder hingewiesen, und Alexander Kissler hat im letzten Jahr mit seinem bei Pattloch erschienen Buch "Der aufgeklärte Gott" überzeugende Beispiele dafür genannt.

Ich bin nicht überzeugt, dass die Religion obsolet geworden ist, aber davon, dass sie sich hin zur eigenen Aufklärung verändern muss.
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am 22. Januar 2010
Peter Sloterdijk hat über eine Phänomenologie des Übens sein Eintreten für Fleiss, Leistung und das Abmühen aufgedeckt. Das ist angesichts des eigenen Schaffensdrangs und seiner Belesenheit nicht verwunderlich. Er lässt damit seiner Generation die bunten Pluderhosen etwas herunter, in der zuweilen die kultivierte Funktions- Leistungsstörung als Evolution verstanden wird.
Daher der Aufschrei in manchem Feuilleton, der Mann sei reaktionär konservativ geworden. Die konservative Seite findet es auch nicht nur klasse, weil die Änderung eingefordert wird zu den aktuellen Krisen, also auch dezidiert der ökologischen und der wirtschaftlichen. Dabei fällt durchaus ein Name wie Hans Jonas. Das Einrichten im Gemütlichen, der unangestrengten Kunst und einer Schulerziehungskultur ohne Werte und Leistungskultur werden ebenfalls Absagen auf die Zukunftsfähigkeit erteilt. Globalisierte Herausforderungen benötigten gemeinsame Werte und die Zurückdrängung des Hegemoniellen.

Für den Rundumschlag holt er fast 700 Seiten lang aus in einer Detailierung- ja fast Apotheose- des Übens. Artistik, Askese, trainierende Übertreibung und Sport werden behandelt- auch in ihren Auswüchsen. Die vergessene Meisterschaft des lange erlernten Handwerks hat ihren Platz. Eine Aufnahme im Geistigen über 3000 Jahre von den Stoikern über die Brahmanen und östlichen Meister zu christlichen Exercicienleitern der Kirchenväter arbeitet erstaunliche Parallelen heraus.
Nitzsches philologische Kulturleistung begegnet einem ebenso wieder wie das bekannte Arsenal des Autors von Hugo Ball bis Heidegger. Der Titel des Buches, der für sich nahe am Punktabzug wäre, stammt aus einem Gedicht Rilkes, dessen furiose Interpretation alleine schon "das Eintrittsgeld" wert wäre.
Angesichts vergangener Debatten wundern die Hiebe auf die Frankfurter Schule ebenso wenig, wie die kritische Sicht zu Sartres Gulagleugnung und eigener geistiger Leistung. Man könnte noch mehr erzählen, doch lesen Sie lieber selbst! Es lohnt sich.
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