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am 5. Oktober 2011
Das in Deutschland vergriffene Buch vereinigt eine Reihe von Kurzgeschichten, die sich, seien wir ehrlich, fast ausschließlich um Sex drehen. Das eher prüde China räumt seinen Autoren nämlich erstaunliche Freiheiten in einem Bereich ein, wo visuelle Medien längst die Zensur-Schere zu spüren bekommen hätten, die man hier an einigen Stellen, wo sich die Autoren für meinen Geschmack zu sehr austoben, schmerzlich vermisst. Liest man diese Anthologie, gewinnt man den Eindruck, dass eine Art Wettbewerb unter den Autoren ausgebrochen ist, wer die gewagteste Szene zu Papier bringt. Diesen Preis hat ohne Zweifel Zhu Wen mit "Duanli in der alten Stadt Nanjing" verdient, eine Art Notzuchtsverbrechen am Leser: Duanli ist eine zu Geld gekommene Nymphomanin, deren Freunde, darunter der Ich-Erzähler, sich vergeblich mühen, die schwache Geschichte einem Höhepunkt zuzuführen.

Wesentlich sensibler führt Han Dong seinen geschiedenen Protagonisten mit Hilfe eines altruistischen Freundes, der seine unausgesprochenen Begierden erahnt, an die Liebesdienste einer Prostituierten heran, wofür der sexuell Ausgehungerte jedoch Nanjing verlassen und in die Wirtschaftswunderstadt Shenzhen reisen muss. Auch das Problem von Zhao Nings "Problemfrau" ist Lust auf Sex, diesmal allerdings die einer Frau, die sich mit dieser aufgeklärten Haltung den Unwillen ihrer dem traditionellen Rollenbild verhafteten Schwiegermutter einhandelt. Das leuchtende Vorbild der leiblichen Tochter der Matriarchin erweist sich jedoch in einem ebenfalls nicht jugendfreien Schlussakkord als Trug. Mit einem Paukenschlag und einem "schrillen Schrei" endet in Wang Ais gleichnamiger Kurzgeschichte das fleischliche Begehren des müßiggängerischen Ich-Erzählers, der der Gattin seines Freundes, eines blendend aussehenden Taugenichtses, nachsteigt und dafür im Dunkel eines Parks kräftig Lehrgeld zahlen muss.
Gar keinen Zugang hatte ich zu der verquasten Psycho-Studie "Gehörverlust" von Ma Lan, die die Sinnestrübung einer gelangweilten Autorin thematisiert, die zwischen zwei Männern, ihrem Freund Xiaojin, einem exzentrischen Maler, und ihrem Ehemann, laviert und deren Sinne sich in diesem Dreiecksverhältnis einzutrüben beginnen. Fast eine Dublette davon, aber konventioneller erzählt ist Wu Chenjuns klassische Ehebruchsgeschichte "Der Weg nach Huashenmiao". Diesmal ist es ein Schriftsteller, der seine Frau mit einer geheimnisvollen Malerin betrügt, die eigentlich nur die Intimität mit ihrem wesentlich älteren verstorbenen Geliebten vermisst, der wiederum mit ihr die Ehe gebrochen hatte. Der Ich-Erzähler findet sich am Ende einer symbolischen Irrfahrt in einer finsteren ländlichen Umgebung wieder: Huashenmiao.
Der durch Internetpublikationen bekannt gewordenen Autorin Anni Baby gelingt mit "Sieben Jahre" das einfühlsame Porträt einer übersensiblen jungen Frau, die in ihrer Beziehung zu einem acht Jahre älteren Mann nur sinnliche Befriedigung findet und schließlich ein Opfer ihrer Depressionen wird.
Der mit Abstand beste Erzähltext in diesem Buch ist gleich der erste: Dai Lai setzt dem international bekannten Ai Weiwei ein Denkmal und erzählt die Geschichte eines Aktionskünstlers aus Sicht seiner leidgeprüften Eltern, die schließlich den Sohn mit eigenen Waffen zu schlagen versuchen und einen Selbstmordversuch inszenieren.
Als bis zur Groteske gesteigerte Satiren ragen außerdem "Fernsteuerung" und "China Wenxueshi Building" merklich aus dem vorherrschenden Lust-und-Leid-Einerlei heraus. Li Dawei lässt in dem von ihm ersonnenen Haus für Literaturgeschichte (Wenxueshi) nicht nur einen zum Pförtner degradierten Ex-Literaturkritiker, sondern auch reihenweise Figuren der Literaturgeschichte auftreten (darunter Hamlet und Landvermesser K.) und macht sich über die erstarrten Formeln und Konventionen des staatlich regulierten chinesischen Literaturbetriebs lustig. Den skurrilsten Beitrag, zugleich ein weiteres Glanzstück, steuert Bi Feiyu bei, der ein völlig verfettetes Wohlstandskind porträtiert, dessen Gedanken einzig um die Fernbedienungen kreisen, die seinen vollautomatisierten Alltag bestimmen. Als sich bei ihm der Wunsch nach Liebe regt, sind beträchtliche anatomische Hürden zu überwinden, die Fettleibigkeit so mit sich bringt.
Der mir persönlich bekannte Nanjinger Autor Huang Fan schließlich, dem ich diesen Band verdanke, erzählt von dem Banditen Qimao, der nach zwanzig Jahren den kriminellen Kumpels von einst wiederbegegnet und sich, anders als diese, auch in Zeiten der wirtschaftlichen Blüte nicht von seiner kriminellen Vergangenheit zu lösen vermochte. Das Wiedersehen endet mit dem Verlust einer Geldbörse und einiger Dollar-Scheine.

Es drängt sich förmlich der Vergleich mit der jüngeren Anthologie Unterwegs: Literatur-Gegenwart China (2009) auf, die ich insgesamt für wesentlich gelungener halte, weil die thematische Bandbreite größer ist, während man "Das Leben ist jetzt" auch schlicht Nanjinger Stadtgeschichten (mit kleinen Ausflügen in die Nachbarstädte Hangzhou und Schanghai) hätte nennen können. In seinem aufschlussreichen Vorwort zur Lage der Literatur in China hat Herausgeber und Übersetzer Frank Meinshausen immerhin vorsorglich eingeräumt, dass seinem Vorhaben, "Stimmen aus möglichst vielen unterschiedlichen Regionen des Landes bekannt zu machen" (S. 23), deutliche Grenzen gesetzt waren, die man neben dem unoriginellen Titel wohl als entscheidende Schwäche des Buches bezeichnen muss.
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TOP 1000 REZENSENTam 27. März 2012
Ein Ziel dieser Sammlung ist es laut Vorwort, sich auch von älteren Autorinnen und Autoren wie etwa Mo Yan abzugrenzen. Wenn man diese Geschichten liest, die viel mit dem Umgang mit Prüderie in China zu tun haben - bis auf die letzte, die eine leidlich pfiffige Satire auf den modernen chinesischen Literaturbetrieb mit seinen ausländischen Einflüssen darstellt, dann kann man feststellen, dass die - mit zum Teil eher überflüssigen Endnoten versehenene - Kurzgeschichten nicht wirklich einen großen Bruch darstellen, bis auf die Tatsache, dass ländliches Erleben und brutale körperliche Gestalt eher eine untergeordnete Rolle spielen. In vielerlei Hinsicht erinnern die hier gesammelten Kurzgeschichten an die mehr oder minder künstlerischen europäischen oder auch amerikanischen Anthologien, die auch in erster Linie vom Anspruch leben - und weniger von der wirklichen Qualität der Geschichten. Wenn es ginge, würde ich hier dreieinhalb Sterne geben wollen. Einige Geschichten sind wirklich klasse, aber einige auch extrem dröge. Als Empfehlung dazu: Kann man mal angucken.
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am 30. August 2005
"Das Leben ist jetzt" ist eine auf dem deutschen Buchmarkt laengst ueberfaellige Anthologie chinesischer Gegenwartsliteratur, von Frank Meinshausen trefflich ausgewaehlt, gekonnt uebersetzt und mit einer sachkundigen Einfuehrung versehen.
Die elf Erzaehlungen von (elf) jungen, in Deutschland bisher weitgehend unbekannten und unuebersetzten chinesischen Autoren und Autorinnen (alle sind in den 60er- und 70er-Jahren geboren) handeln von den jungen Staedtern ihrer "Generation", die versuchen, in einer zunehmend materialistischen und ichbezogenen Gesellschaft ihr Leben zu gestalten bzw. (wieder) in den Griff zu bekommen, eine Gratwanderung zwischen dem Streben nach (personlicher, sexueller, kuenstlerischer) Freiheit und absoluter Orientierungslosigkeit, zwischen einem extrem hedonistischen Individualismus und dem Verlust jeglicher Beziehungen bis hin zum Verlust der Realitaet.
"Das Leben ist jetzt" bereitet groesstes Lesevergnuegen und gibt dabei spannende Einblicke in das Leben in den modernen chinesischen Grossstaedten (das sich von dem in den Grossstaedten der westlichen Welt in mancher Hinsicht gar nicht so sehr unterscheidet).
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