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am 26. August 2007
Wie kommt die Wissenschaft zu ihren schlauen Ergebnissen? Ist es so, dass ein Wissenschaftler mit einer nachprüfbaren Hypothese beginnt, ein Experiment macht - und schon weiß er es? "Naives Märchen", sagt Ludwik Fleck dazu in seiner schon 1935 erschienenen Schrift.

Wer auf dieses Buch stößt, tut es wahrscheinlich nicht ohne Grund. Denn es findet immer noch zu wenig Beachtung, als dass es in den Bestand der "zu lesenden" Bücher eingegangen wäre. Dabei finden sich viele der wissenschaftstheoretischen Gedankengänge, die der Mediziner Ludwik Fleck an Hand der Geschichte des Krankheitsbegriffes Syphilis und deren Diagnose entwickelt hat, etwa vierzig Jahr später in Thomas S. Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" wieder (Der Physiker Thomas S. Kuhn, der sich mit der Entstehung der Quantentheorie beschäftigt hatte, sah die Fortentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse ähnlich wie Ludwik Fleck. Im Vorwort seines Werks hat er selbst darauf hingewiesen, dass "Ludwik Flecks fast unbekannte Monographie ... viele meiner eigenen Gedanken vorwegnimmt". Thomas S. Kuhn hat indessen mit der Einführung des Begriffs Paradigmenwechsel eine Bekanntheit erreicht, die Ludwik Fleck versagt blieb).

Denkkollektiv, Denkstil und wissenschaftliche Tatsache.
Während für Karl Popper ("Die Logik der Forschung") Wissenschaft logisch dadurch voranschreitet, dass Hypothesen aufstellt werden, die testbar sein müssen (sich also als falsch herausstellen könnten), geht Ludwik Fleck bereits über den von Karl Popper geforderten Maßstab für wissenschaftliches Arbeiten hinaus. Er zeigt, dass die Erlangung wissenschaftlicher Kenntnis in der Praxis weit komplizierter verläuft.

Am Beispiel der Syphilis demonstriert er, wie sich der Begriff dieser Krankheit wandelte. Grund dieser Wandlungen und der jeweils neuen Sicht lag im Wechsel der vorherrschenden Denkstile. Denkstile sind Ergebnisse der Denkkollektive, also der kollektiven Denkarbeit der beteiligten Wissenschaftler. Entsprechend gab es die Vorstellung dieser Krankheit als Strafe (Kollektivvorstellung einer religiösen Gemeinschaft), der Krankheit auf Grund des Sterneneinflusses (Vorstellungen der Astrologen), einer der Krankheiten, die man mit Quecksilber heilen kann (Metallotherapie der praktischen Ärzte), einer Krankheit auf Grund verdorbenen Blutes (Allgemeingut: "Blut ist ein ganz besonderer Saft") und zuletzt einer Krankheit, die durch Erreger hervorgerufen wird (neuzeitliche Mikrobiologie).

Als Denkstil definiert Ludwik Fleck die Bereitschaft für ein gerichtetes Wahrnehmen und entsprechendes Verarbeiten des Wahrgenommenen. Jedes Sehen ist ein stilgemäßes Sinn-Sehen, jede Abbildung ein Sinn-Bild. Gute wissenschaftliche Arbeiten erwecken solidarische Stimmung, erst nachher werden die Einzelheiten dahingehend geprüft, ob sie systemfähig sind. Wenn ja, wird die Arbeit in den Wissenschaftsbestand einbezogen und werden die Ergebnisse zur wissenschaftlichen Tatsache. Die Aussage "jemand erkennt etwas" macht also nur Sinn mit dem Zusatz "in einem bestimmten Denkstil, in einem bestimmten Denkkollektiv". So gesehen ist der Begriff 'Wandlung der Denkstile' mindestens so treffend und anschaulich wie 'Paradigmenwechsel' - und, wie ich meine, schöner.

Das populäre Sachbuch.
Viele Wissenschaftler rümpfen immer noch die Nase, wenn von Populärwissenschaft gesprochen wird. Zu Unrecht, sagt Ludwik Fleck. Zum einen geschieht Wissenschaft im öffentlichen Auftrag und Interesse. Zum anderen übernehmen Wissenschaftler auch Denkmodelle aus anderen Bereichen, die sich für sie - da sie nicht in alle Einzelheiten eingeweiht sind - als populäre Wissenschaft darstellt. "Gewissheit, Einfachheit, Anschaulichkeit entstehen erst im populären Wissen; den Glauben an sie als Ideal des Wissens holt sich der Fachmann von dort. Darin liegt die allgemeine erkenntnistheoretische Bedeutung populärer Wissenschaft." Ein klares Votum für das populärwissenschaftliche Sachbuch!

Wie Wissenschaft funktioniert: Mit Beispielen für Biowissenschaftler und Mediziner.
Ludwik Flecks Buch ist biomedizinisch-praxisbezogen, weder trocken und noch theorielastig. Es zeigt wie, und warum, trotz falscher Voraussetzungen und unreproduzierbaren ersten Versuchen erfolgreiche Wissenschaft entstehen kann. Unbedingt lesenswert!
11 Kommentar| 55 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 12. Februar 2012
Für "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" (Erstausgabe 1935) kann man eine zweifache Rezeption wahrnehmen. Lange unbeachtet, erfolgte eine erste Rezeption durch die Wissenschaftstheorie, wobei die Erwähnung des Werks im Vorwort der "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" von Thomas S. Kuhn auch hier eine wichtige Rolle spielte. Diese erste Rezeption ist in der Einleitung (Lothar Schäfer, Thomas Schnelle) der heute noch verbreiteten Suhrkamp-Ausgabe von 1980 dargestellt.

Eine zweite Rezeption erfolgte in den letzten Jahrzehnten und vermehrt in den letzten Jahren durch eine breite Öffentlichkeit, die sich (gleich einem Bibelstudium ohne Anleitung durch die Kirche) mit diesem nun als Klassiker der Wissenschaftstheorie apostrophierten Werk im Originaltext auseinandersetzt. Das Interesse der breiten Öffentlichkeit an der Wissenschaftstheorie wurde im Sinne einer Demokratisierung der Wissenschaft durch das bereits genannte Werk von Thomas Kuhn geweckt, wobei erst das durch die "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" vermittelte Konzept von Paradigmenwechsel und Inkommensurabilität der Wissenschaftstheorie über den Kreis der professionellen Wissenschaftstheoretiker hinaus Attraktivität verlieh. Jahrzehnte nach der ersten Auflage des Werks von Thomas Kuhn im Jahr 1962 wird nun das von Thomas Kuhn nur beiläufig im Vorwort erwähnte Buch Ludwik Flecks als Ideengeber des Bekehrungsbuchs von Thomas Kuhn wahrgenommen.

Fleck verwendet die Begriffe Denkkollektiv und Denkstil, wobei der Denkstil die Denkzwänge des Kollektivs umschreibt. Der Begriff des Denkkollektivs ist sehr weit gefasst und keinesfalls auf die Wissenschaften beschränkt. Neben zufälligen und momentanen Denkkollektiven, die im Grenzfall aus zwei Personen bestehen können, gibt es stabile Denkgemeinden, die sich besonders um organisierte soziale Gruppen bilden. Aufnahme in ein stabiles Denkkollektiv erfolgt in einer Lehrlingszeit, während derer eine autoritäre Gedankensuggestion stattfindet.

Stabile Denkkollektive zeichnen sich häufig durch einen esoterischen inneren Zirkel (Eingeweihte, Denkführer, Experten) und exoterische Kreise (Laien) aus. "Die Beziehung der Mehrzahl der Denkkollektivteilnehmer zu den Gebilden des Denkstils beruht auf Vertrauen zu den Eingeweihten." Über die öffentliche Meinung treten die esoterischen Kreise mit den exoterischen in Verbindung (Elite und Masse). Ist die Position der Elite stark, hält sie die Menge auf Distanz, was häufig für religiöse Denkkollektive gilt. Solche Denkkollektive haben eine Tendenz zu "Konservatismus und Starrheit". Eine stärkere Position der Masse verleiht dem Denkkollektiv demokratische Züge. Die Elite schmeichelt der öffentlichen Meinung, um das Vertrauen der Masse zu bewahren, was gemäss Fleck typisch für die heutigen (1935) naturwissenschaftlichen Denkkollektive ist. Die mehr demokratische Form des Denkkollektivs führt zur Entwicklung neuer Ideen und zum Fortschritt.

Ausgangspunkt für Flecks Überlegungen ist die Entstehungsgeschichte des heutigen Syphilisbegriffs über mehrere Jahrhunderte. Seine wissenschaftshistorischen Beispiele entstammen also der Medizin. Es werden keine abrupten Umbrüche erwähnt, die den wissenschaftlichen Revolutionen Thomas Kuhns entsprechen würden. In seiner Arbeit von 1935 verzichtet Fleck darauf, seine Positionen in damals aktuelle Entwicklungen anderer wissenschaftlicher Denkrichtungen einzuordnen. Thomas Kuhn, der historische Beispiele aus der Physik zur Belegung seiner Thesen verwendet, diskutiert hingegen im Detail alle für genau diese Diskussion erforderlichen Gesichtspunkte in Wissenschaftstheorie, Philosophie und Geschichtsschreibung. Hätte Kuhn nicht 1962 seine "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" veröffentlicht, so ist nicht auszuschliessen, dass das Werk Ludwik Flecks nie wahrgenommen worden wäre. Hier sollte allerdings vermerkt werden, dass Flecks unglückliche Lebensumstände (zuletzt Deportation nach Auschwitz und Buchenwald) ihn daran hinderten, sich selbst um die weitere Verbreitung seiner Arbeit zu bemühen.

Die durch die verständliche Aufbereitung und die in sich abgeschlossene Darstellung bedingte Rezeption durch die breite Öffentlichkeit und die damit verbundene Demokratisierung der Wissenschaftstheorie sind herausragende Leistungen beider (Flecks und Kuhns) Werke. Diese breite Öffentlichkeit kann man - um in der Sprache Flecks zu bleiben - als exoterische Kreise genau der Auffassungen dieser beiden Werke bezeichnen. Fleck wäre vermutlich durch die breite Rezeption der wissenschaftlichen Arbeiten im Original verwundert, da er davon ausgeht, dass die Information der exoterischen Kreise durch vereinfachende populärwissenschaftliche Darstellungen erfolgt.

Das Weiterleben dieser Werke in Wissenschaftstheorie und Philosophie (und in anderen Disziplinen) findet ohne breite Anhängerschaft im Elfenbeinturm statt. Aufgrund der fehlenden eigenen Einordnung Flecks ist es insbesondere für den exoterischen Kreis seines Werkes von 1935 ohne das laienunübliche intensive Studium von Zusatztexten schwierig, die Arbeit in Strömungen jener heutigen Denkrichtungen einzugliedern, die die Deutungshoheit über Flecks Werk für sich reklamieren.

Abschliessend sollen einige Bemerkungen zur seit 1980 unveränderten Suhrkamp-Auflage von "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" angebracht werden. Während man den professionellen Wissenschaftstheoretikern des Leserkreises der ersten Rezeption selbstverständlich unterstellen muss, dass sie in der Lage sind, historische medizinische Texte im lateinischen Original zu lesen, so ist es für die Rezipienten der breiten Öffentlichkeit weniger peinlich zuzugeben, dass sie nicht die geringste Ahnung haben, was in den zahlreichen lateinischsprachigen Originalzitaten des Buches vermittelt wird. Aus diesem Grunde möchte ich an den Verlag appellieren, in einer späteren Ausgabe diese häufig auftauchenden lateinischen Textstellen im Hinblick auf den nun breiteren Leserkreis in einer Fussnote zu übersetzen. Sollte danach noch Geld vorhanden sein, könnte man auch in der Einleitung die wissenschaftliche Rezeption des Textes seit 1980 noch nachtragen.

Wenn ich dem Buch nur 4 Sterne verleihe, so bezieht sich der fehlende Stern nicht auf den Originaltext von Ludwik Fleck, sondern auf die nicht zeitgemässe Herausgabe des Buches durch den Verlag. Die heutige Leserschaft unterscheidet sich erheblich vom Adressatenkreis des Werkes von 1935.
11 Kommentar| 19 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
Leider gibt es von diesem großartigen Wissenschaftstheoretiker und Arzt nur zwei mauerblümchenhafte Taschenbüchlein, die wie kleine Aschenputtel daher kommen. Dabei sind in dem Buch geniale Ideen versteckt, die zur Selbstreflexion jedes Natur-Wissenschaftlers gehören sollten. Leider erfährt man während des Studiums nichts davon, wie eine wissenschaftliche Tatsache entsteht. Wie soll sie bitteschön auch "entstehen"? Sie entsteht ja nicht in unseren Forscherköpfen, sie existiert an sich als objektive Wahrheit. Oder?? Genau hier setzt Fleck an und erklärt, was es mit Denkstilen und Denkkollektiven so auf sich hat. Nichts kann gedacht werden, was mein Denkkollektiv mir nicht erlaubt zu denken. Ja, die Erde ist eine Scheibe. Es kommt nicht darauf an, ob die Erde wirklich eine Scheibe ist. Es kommt nur darauf an, dass sich die Mitglieder meines Denkkollektivs auf die Scheibe geeinigt haben. Dies ist nicht so trivial, wie man meinen könnte. Spannend und bereichernd!
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am 7. Juli 2006
Ludwik Fleck beschreibt hier anhand einer wissenschaftshistorischen Betrachtung der Syphilis (er war Arzt) die Ursachen, die Notwendigkeit und die Folgen von Paradigmenwechseln in der naturwissenschaftlichen Methode. Thomas Kuhn, Autor des bekannteren Werks "Paradigm Shift", erwähnt Fleck in einem Nebensatz, tatsächlich scheint sein Buch im Nachhinein geradezu abgeschrieben. Erstausgabe von Flecks Werk übrigens: 1935.

Das Buch eignet sich für jeden, der in die Wissenschaftstheorie einsteigen möchte. Vieles wird hier vorweg genommen, so dass einem bei der Lektüre späterer Autoren oft ein "ah - der auch" durch denn Sinn geht.

Als Parallellektüre empfohlen: Imre Lakatos, Proofs and Refutations.
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am 24. März 2002
Fleck beschreibt, wie Wissenschaft tatsächlich vor sich geht: sie ist nicht rational oder logisch und Tatsachen sind bloß das, was von einer bestimmten Gemeinschaft als Wahrheit akzeptiert wird. Diese Gemeinschaft ist durch einen gemeinsamen Denkstil definiert, der dazu führt, daß alle Forscher das Gleiche sehen. Diese Sichtweise wird jedem Neueinsteiger indoktriniert. Ein tolles Buch für alle, die sich für den wissenschaftlichen Prozeß interessieren!
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am 18. Dezember 2009
Höchst anspruchsvoll und wiederholte Denkpausen erfordernd, aber jederzeit
lesenswert, immer noch gültig und dem gegenwärtigen Geschwafel so etlicher
Soziologen, Politologen usw. haushoch überlegen. Das Traurige ist, dass seine
Theorie auf alle Gebiete der Wissenschaft anwendbar ist und dabei alle Wiisen-
schaften gleich schlecht wegkommen. Das Buch sollte dazu genutzt werden, um
insbesondere unseren auf den Straßen gar so engagierten Studenten erst mal
objektives Denken beizubringen.
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