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am 30. Juni 2009
Die Zeit war überfällig, dass sich deutschsprachige Philosophen kritisch mit der Diskussion um die Hirnforschung und das "neue Menschenbild" auseinandersetzen, von der in den letzten Jahren kaum ein Feuilleton verschont blieb.

Nach den etwas trockenen ersten beiden Kapiteln, in denen Janich sein "sprachkritisches Programm" vorstellt, widmet er sich schließlich der Hirnforschung. Dabei geht es erstens um ihre Objektsprache, mit welcher sich auf den Forschungsgegenstand bezogen wird (also z.B. das Gehirn, Nervenzellen), zweitens um die Parasprache, in der programmatisch und populär über Hirnforschung gesprochen wird (siehe Feuilletons) und drittens um die Metasprache, in der es um die Methoden und die Wissenschaftstheorie der Hirnforschung geht.

Diese Unterscheidung ist hilfreich, um die Unterschiede zwischen den tatsächlichen Ergebnissen der Forschung, den persönlichen Ansichten der Forscher und schließlich den Theorien verstehen zu können. Dabei erhärtet sich der Verdacht, dass so mancher Hirnforscher etwas als ein Ergebnis seiner Disziplin ausgibt, was es gar nicht ist oder womöglich gar nicht sein kann.

Besonders gut haben mir die einerseits aus der praktischen Lebenswelt gegriffenen Beispiele gefallen, andererseits auch die neurowissenschaftlichen Bezüge. Man merkt, dass sich der Philosoph eingehend mit der Materie beschäftigt hat und nicht aus dem Lehnstuhl daherredet. Janichs Kritik ist wichtig, weil auch die neurowissenschaftliche Forschung eine Sprachpraxis ist, die sich einer kritischen Analyse stellen muss -- schließlich wollen wir nicht sinnlos aneinander vorbei faseln, sondern uns gegenseitig verstehen und unser Wissen vermehren.

Wer schön länger den Verdacht hatte, dass an der Diskussion über das "neue Menschenbild" etwas faul ist, dem wird bei der Lektüre so einiges klar werden und Janich zustimmen: "Kein neues Menschenbild".
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am 8. Mai 2012
1. Einordnung des Buches
Nach der Ausgliederung der Einzelwissenschaften aus der Philosophie lassen sich (so Janich auf S. 119 des rezensierten Buches) grob zwei Reaktionen unterscheiden: Eine Art von Philosophie läuft ihren "Kindern" hinterher, betätigt sich als ancilla scientiae (Magd der Naturwissenschaft). Eine andere Art von Philosophie erinnert sich daran, dass die Kritik (im Sinne von Begriffsklärung) traditionelle Aufgabe der Philosophie ist, bemängelt ungenaue und unreflektierte Begriffsverwendung bei Wissenschaftlern und macht Vorschläge zur Klärung. Dieser bis zu Platon zurückreichenden Tradition rechnet sich auch Janich zu. "Sprachkritik ist die wichtigste Aufgabe, die die theoretische Philosophie heute übernehmen kann." (10) Auf diese Weise grenzt er sich von bloßer Philosophiegeschichtsschreibung und von der Analytischen Philosophie des Geistes ab. Diese habe, so Janich polemisch, nach der Selbstaufgabe der Analytischen Wissenschaftstheorie "ein neues Geschäft für sich erfunden, das des Rangierbetriebs zwischen Positionen, benannt als '-Ismen'." (120) Man könne bei ihr jedoch keine brauchbaren Definitionen wichtiger Begriffe wie Willensfreiheit, Kognition usw. finden.
Janich selbst vertritt einen "Methodischen Kulturalismus". Dies zeigt sich in dem Buch konkret daran, dass er immer wieder auf die kulturelle, näherhin sprachliche Verfasstheit der empirischen Forschung verweist: "Hirnforschung muß sogar in ihren harten naturwissenschaftlichen Teilen zur Kenntnis nehmen, daß sie selbst im Medium der Sprache stattfindet." (88) Aus diesen beiden Prämissen (Sprachkritik als Aufgabe der Philosophie und die sprachliche Verfasstheit der Hirnforschung) ergibt sich das Programm einer Kritik der Sprache der Hirnforschung als notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Bedingung für eine Klärung der Debatte.

2. Janichs Beschreibung des Zustands der Debatte
Hilfreich und klärend ist allein schon Janichs Unterteilung des Diskurses der Hirnforschung in einen objektsprachlichen, einen parasprachlichen und einen metasprachlichen Teil. Konkret geht es bei der Objektsprache um den "harten naturwissenschaftlichen Kern" der Hirnforschung, bei der Parasprache um die Formulierung von Programmen und um Popularisierungen, bei der Metasprache schließlich um die Methoden der Hirnforschung und ihre wissenschaftstheoretische Reflexion.
Janich erkennt durchaus das gewachsene und verbesserte empirische Wissen der Hirnforschung an (vgl. z. B. 179). Wo es jedoch um Ausflüge der Hirnforscher in den Bereich der Philosophie geht, spart er nicht mit scharfer (und häufig berechtigter) Kritik. Er spricht von einer "desolaten erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Verfassung" (88) der Hirnforschung. "Zugespitzt könnte man sagen, daß die gegenwärtige Debatte um die Hirnforschung gerade durch Ausblendung und parasprachliche Auflösung der 'harten' objekt- und metasprachlichen Gegenstände und Methoden nur noch ein werbesprachlicher Selbstdarstellungsdisput ist." (99) Der Autor wirft den Hirnforschern "Sprachvergessenheit" (74) vor und bemängelt ihr "Reflexionsdefizit, nicht über die eigene Sprache zu sprechen" (74). "Aufeinander-Einreden und Aneinander-Vorbeireden" (9) seien die vorherrschenden Formen der Kommunikation besonders in der deutschsprachigen Hirnforschungsdebatte. Die Parasprache der Hirnforschungsdebatte sei "Spielfeld auch der eitlen Kontroversen, der überzogenen Kritik an Gegenpositionen und der Schönfärbung der eigenen Ergebnisse." (100) Bei den Äußerungen der Hirnforscher über philosophische Themen seien "himmelschreiende Naivitäten sprachphilosophischer, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Art anzutreffen, die durch eine Ad-hoc-Hausmacherphilosophie nicht zu überwinden sind." (45) Hier springt Janich ein mit seinem schon länger ausgearbeitet vorliegenden Methodischen Kulturalismus und macht Klärungsvorschläge. Jedem, der sich für die Hirnforschungsdebatte interessiert und dem an sprachlicher Klarheit gelegen ist, ist deshalb das rezensierte Buch zu empfehlen ' selbst wenn er Janichs Prämissen nicht immer zustimmen kann.

3. Frag-würdige Punkte
Nicht jeder wird Janichs kulturalistischer, konstruktivistischer Philosophie zustimmen können. Es sei, so Janich, "schon die Rede von Nervenzellen nicht nur auf den Begriff der Zelle [...] angewiesen, sondern auch auf die Färbungs-, Präparier- und Mikroskopierverfahren, aus denen sich die bekannten Bilder und schematischen Darstellungen ergeben. Das heißt, 'Nervenzelle' ist kein Wort für einen Naturgegenstand (wie 'Kieselstein'), sondern für ein technisch präpariertes und isoliertes, künstliches Objekt." (46) Nervenzellen keine Naturgegenstände? Falls sich ein Hirnforscher die Mühe macht, darüber nachzudenken, wird er wohl erstmal schwer daran zu kauen haben.
Dasselbe gilt aber auch für einen Physiker oder Chemiker, der folgenden Satz liest: "Wer zum ersten Mal ein physikalisches oder chemisches Labor betritt, kann ahnen, wie groß die Erklärungskunststücke sein müssen, diese High-tech-Installationen als Natur pur, als reines Wirken von Naturgesetzen auszugeben." (54) Mithilfe einer Metapher könnte man davon sprechen, dass die Naturwissenschaften der Natur erst "Form geben": "Wie ein schönes Bild aus der Tradition der Methodischen Philosophie sagt, ist die Natur für den Naturforscher primär unstrukturiert wie homogenes Gelee, das durch Forschung auszuschöpfen, zu 'exhaurieren' sei. Erst die Form des Löffels und die Art seiner Führung bestimmt, welche Portionen entnommen werden und welche Strukturen zurückbleiben." (167) So klärt sich für Janich auch die alte Frage, warum die Natur sich mathematisch modellieren lässt: "Die hübsche Frage, warum Mathematik auf die Natur passe, ist falsch gestellt. Meßgeräte sind keine Naturgegenstände, sondern zweckmäßige technische Produkte. Ihnen sind diejenigen mathematischen Eigenschaften aufgezwungen, die nachher als 'mathematische Struktur' der Meßresultate bzw. quantitativer Sätze erkennbar werden." (152)
Es ist jedoch eine grundlegende Anfrage an Janichs Methodischen Kulturalismus zu stellen: Ist die scharfe Trennung von Natur und Kultur ontologisch haltbar? Gibt es nicht Alternativen zur dualistischen Denkweise, wie beispielsweise im Titel eines Buches von Philippe Descola angedeutet: "Jenseits von Natur und Kultur"? Ein solches "Jenseits" ist natürlich nur denkbar, wenn ' darin ist Janich zuzustimmen ' die kulturell etablierte Unterscheidung von Kultur und Natur nicht einfach aufgegeben wird.

4. Fazit
Das Buch von Peter Janich beschreibt als "große, vordringliche Aufgabe künftiger Hirnforschung [...], daß sie über die zu erklärenden Sachverhalte (wie Determiniertheit statt Willensfreiheit) keine Scheindebatten mehr führt." (113) Dies kann nach Janich nur gelingen, wenn die Hirnforschung sich ihrer sprachlichen Verfasstheit endlich bewusst wird. Eine Folge davon wäre die genaue Unterscheidung zwischen den Gegenständen selbst und der Beschreibung der Gegenstände. Nur wenn man beispielsweise Kausal- und Emergenzverhältnisse nicht als Verhältnisse zwischen Naturgegenständen, sondern als Verhältnisse zwischen Beschreibungen von Naturgegenständen auffasst, lassen sich nach Janich Begriffe wie Emergenz und das Leib-Seele-Problem klären.
Als Ergänzung zu Janich empfehle ich das Buch von Bennett und Hacker: Philosophical Foundations of Neuroscience, das es auch in deutscher Übersetzung gibt (unter dem Titel 'Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften').

Ergänzende Anmerkung: Auf S. 111 spricht Janich vom "Pascalschen Dämon". Richtig müsste es heißen: "Laplacescher Dämon".
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am 21. Februar 2011
Janich attestiert den Naturwissenschaften eine Sprachvergessenheit: "Hirnforschung muß sogar in ihren harten naturwissenschaftlichen Teilen zur Kenntnis nehmen, daß sie selbst im Medium der Sprache stattfindet" (88), schreibt er und stellt zugleich fest, wie wenig in den verschiedenen Beiträgen mit klarer Begrifflichkeit und sauberer Trennung der Ebenen, auf denen geschrieben wird, gearbeitet wird. Diese Feststellung sowie sein Grundanliegen vermag Janich in dem 192-Seiten-Buch durchaus plausibel darzustellen. Auch erfreut die Feststellung, dass "die Lebenswelt mit ihrer Alltagssprache und mit ihrer sozialen Praxis (...) durch die Wissenschaft unhintergehbar" (177) sei.

Im Zentrum des Buches stehen die Analysen von 3 wesentlichen Ebenen des Diskurses: der Objektsprache (auf der die naturwissenschaftlichen Sachverhalte dargestellt werden), der Parasprache (die Ausdruck des Selbstverständnisses, der Programme und Ansprüche beinhaltet) und der Metasprache (die Reflexion der anderen beiden Ebenen). Auf allen 3 Ebenen findet Janich klärende und präzisierende Worte, die durchaus lesenswert sind.

Das vollmundige Fazit lautet: "Die Hirnforschungsdebatte verpaßt eine Lösung des Körper-Geist-Problems, weil sie dem Dogma verfallen ist, in den exakten Wissenschaften könne es nur logische und kausale Verhältnisse geben. Wird dagegen das Treiben der Hirnforschung durch vernünftiges Handeln von Menschen mit berücksichtigt, also der Mensch nicht nur als Objekt, sondern als Subjekt der Hirnforschung miteinbezogen, kann auch die Zweckrationalität ihren Platz in der Debatte einnehmen, die sich nur gegenüber der eigenen tatsächlichen Praxis täuscht. (...) Die Hirnforschungsdebatte ist ein ideologisches Überbauphänomen, das nur die eigene zugrunde liegende Praxis mißversteht." (176) Dieses Fazit wird jedoch argumentativ nicht eingeholt.

Dass Janich wesentliche Reflexionsarbeit nicht leistet, zeigt sich in den Einzelanalysen der drei Ebenen. Letztlich behauptet er lediglich, dass die beschreibende Ebene der Naturwissenschaften nicht den Mensch insgesamt erklären könne. Sein Grundargument, dass Naturwissenschaften mit Sprache arbeiten, diese Bedingtheit aber nicht selbst reflektieren würden, leuchtet durchaus ein. Aber es genügt nicht, um den Reduktionismus zu widerlegen, dem die Schwächen der Sprache durchaus bewusst sein kann, ohne vom grundlegenden Standpunkt abrücken zu müssen.

Argumente des Reduktionismus tauchen schlichtweg keine auf, damit produziert Janich keine redliche Kritik, sondern eher ein einseitgies Plädoyer. Er betont etwa, dass die Vollzugsebene ungleich der (naturwissenschaftlichen) Beschreibungsebene sei, geht aber mit keinem Wort darauf ein, wie Reduktionisten genau die von Janich postulierten Unterschiede nivellieren wollen. Auch die Differenz von Objekt- und Subjektebene stellt er mit klingenden Beispielen dar, ohne die Reduktionsvorgehensweise zu erwähnen.

Damit bietet Janich keinen seriösen Beitrag zur Debatte. Nebenbei muss auch erwähnt werden, dass sich Janich auch von nicht-reduktiver Seite aus angreifbar macht, wenn er gegen typische philosohpsche Vertreter dafür argumentiert, dass eine klare und kontextunabhängige Begriffsdefinition möglich sei, mittels der dann Sprachprobleme zu lösen sein. Gerade die aktuellen Vertreter einer unabhängigen Subjektseite würden Janich hier widersprechen.

Völlig offen bleibt, wie sich Janich das Verhältnis von Subjekt- und Objektseite vorstellt. Sicherlich muss er in diesem Buch keine Lösung für alle Probleme bieten, es ist aber für die geringe Argumentationstiefe durchaus typisch, dass er hier nicht mehr bietet.
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am 13. Februar 2014
Peter Janich unterzieht Teile der Hirnforschung - gemeint sind vordergründig die radikaleren Vertreter dieser Wissenschaft - in seinem Essay einer Sprachkritik. Warum das notwendig ist, skizziert er gleich zu Anfang und diagnostiziert ein "Aufeinander-Einreden und Aneinander-Vorbeireden" und ganz allgemein eine "Sprachvergessenheit", die zum 'Kennzeichen der Naturwissenschaft' geworden sei. Seinen Essay teilt Janich in eine kurze grundsätzliche Einführung in die analytische Sprachphilosophie und drei weitere Abschnitte ein, in denen die Sprache der Hirnforschung auf Objekt-, Meta- und Paraebene durchleuchtet wird. Auf der Ebene der Objektsprache beklagt Janich eine zu sorglose Verwendung von banalen Alltagsbegriffen für die komplizierte Hirnphsyiologie und ihrer Bestandteile. Fachleute würden laut Janich demnach mit einer Selbstverständlichkeit über komplizierte, vielfach noch unverstandene und in Wechselwirkung mit anderen stehenden Hirnbestandteile reden, als seien diese so natürlich zugänglich wie "Kiesel an einem Flussufer oder Sonnenuntergänge."

Die Parasprache betrifft die Ziele und das Auftreten der Hirnforschung in der Öffentlichkeit. In der öffentlichen Debatte ist die Hirnforschung wie auch andere Naturwissenschaften daran interessiert, ihre Forschungsvorhaben als möglichst bedeutend und weitreichend zu deklarieren, um sich einen soliden Stellenwert, was Forschungsgelder etc. angeht, zu sichern. Einer der schwersten sprachlichen Fehler sei laut Janich die falsche Sprachformel vom Gehirn pars pro toto stellvertretend für das Ganze, d.h. den Menschen. Dieser sogenannte mereolgische Fehlschluss wird laut dem Autor prägend "für das Selbstverständnis der Hirnforscher." Dabei wird übersehen, dass es unzulässig ist, das Gehirn eines Menschen anstelle seines gesamten Wesens inklusive der anderen Körperteile und seiner kognitiven Fähigkeiten (für die er selbstverständlich sein Gehirn braucht) zu stellen.

Ähnlich sei der laxe sprachliche Umgang im 'Manifest' der Hirnforschung, in dem nach Janich mit komplizierten 'privaten' Begriffen nur so um sich geworfen werde, ohne das Ganze in einen größeren Kontext mit Erläuterungen und Begründungen zu bringen. Daher könne man sagen, dass die gegenwärtige Außendarstellung der Hirnforschung nach Janich "zugespitzt nur noch ein werbewirksamer Selbstdarstellungsdisput" sei. Anhand der Metapher eines Ölbildes wird das Kategorienproblem, das die Neurowissenschaft bei der Untersuchung von Dingen mit kulturellem Hintergrund hat, beleuchtet. So könne zwar mit allerhand technischem Gerät die Leinwand und die Farben etc. eines Bildes untersucht werden, der kulturelle Hintergrund - wem gehört das Bild, welche Intention hatte der Maler damit, in welchem Kontext ist es entstanden etc. - allerdings nicht beleuchtet werden, da dies aus grundsätzlichen Gründen nicht möglich ist. Der kulturelle Hintergrund eines Bildes ist nicht hinreichend erklärbar, da er praktisch nie abgeschlossen ist. Inhaltliche und kontextuelle Fragen können quasi beliebig fortgesetzt werden. In Bezug auf den Menschen kann das bedeuten, dass die Ziele der Hirnforschung, die die Erforschung des menschlichen Bewusstseins betreffen, schnell ziel- und sinnentleert werden können. Ein Gemälde mit Messgeräten nach dem Inhalt zu untersuchen ist ebenso unsinnig, wie das menschliche Gehirn nach dem Inhalt von Gedanken zu untersuchen. Anders sieht es bei medizinischen Projekten, die die Erforschung von Nervenleiden zum Ziel haben, aus. In der Öffentlichkeit dominiere aber eher der Teil der Hirnforschung, der mit öffentlichkeitswirksamen Themen wie der möglichen Lösung des Leib-Seele Problems von sich reden mache.

Falsch ist nach Janich weiter die teilweise in der Hirnforschung vertetene Meinung, dass nun das Gehirn durch das Gehirn erklärt werde, denn das sei ein Kategorienfehler. Vielmehr benutzt der Hirnforscher sein Gehirn und seine damit verbundenen kognitiven Fähigkeiten, um ein anderes, externes Gehirn zu untersuchen. Auch ist er bei der Untersuchung, der Vorstellung und der Diskussion der Ergebnisse seiner Arbeit an die kulturellen Gebräuche und Normen der seinigen Gesellschaft gebunden, d.h. er muss seine Ergebnisse in üblicher Form zur Diskussion stellen und auf Stringenz und Logik etc. überprüfen lassen. Bei der Rede vom Gehirn, welches das Gehirn untersucht, fallen alle diese Voraussetzungen, ohne die überhaupt keine Wissenschaft betrieben werden kann, (denn Wissenschaft wird von Menschen in einem Kontext von Normen und Gebräuchen betrieben) raus, was diese Redensart unzulässig mache. Es komme daher auch darauf an, dass die Hirnforschung sinnvolle Explananda (Erklärungsziele) besitzt, damit überhaupt klar wird, nach was sie eigentlich sucht. Die Hirnforschung übersehe vielerorts, dass sie eine Wissenschaft vom Menschen als Objekt sei, die aber gleichzeitig auch vom Menschen als Subjekt betrieben werde. Es kann im Falle der Hirnforschung daher keinen außerwissenschaftlichen "Blick von nirgendwo" auf ihre Untersuchungsgegenstände geben. Die Hirnforschung habe zwar mittlerweile ein im Vergleich zu früher sehr viel größeres empirisches Wissen über das Gehirn angehäuft, das sie maßgeblich der technischen Entwicklung verdankt, die mit Computertomografen und Ähnlichem heute viele Möglichkeiten bietet, philosophisch sei sie jedoch laut Janich beim L'Homme Machine von La Mettrie (1748) stehengeblieben. Dieser Essay ist sehr gut geeignet, um sich eine Übersicht über die Kritik an der Hirnforschung zu verschaffen, denn Janich zeigt stichhaltig die methodischen Probleme, vor welche die Hirnforschung gestellt ist und die oft einfach nur achselzuckend ignoriert werden.
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am 2. Dezember 2009
In der Zeitschrift "Gehirn & Geist" haben 2004 elf "führende" (deutsche) Neurowissenschaftler unter dem Titel "Manifest" eine meiner Meinung nach hanebüchene und höchst unwissenschaftliche Vorstellung präsentiert von dem, was die Neurowissenschaft in der näheren und ferneren Zukunft bringt. Dort wird ein neues Menschenbild gefordert. Peter Janich bezieht sich darauf und kommt im Wesentlichen zum Schluss, dass diese Neurowissenschaftler erst sauber wissenschaftlich sprechen lernen sollen, bevor sie nach einem neuen Bild des Menschen schreien. Seine Forderungen an eine wissenschaftliche Sprache sind zwar manchmal unrealistisch hart, aber trotzdem höchst lesens- und bedenkenswert.
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am 5. Dezember 2013
Der Autor sieht sich als Mitglied der in den letzten Jahren entstandenen Riege der "Neurokritiker" (anderes prominentes Beispiel: Felix Hasler), die der Meinung sind, dass sie so schlau sind und einen riesengroßen Skandal aufgedeckt hätten, nämlich dass fast alle Neurowissenschaftler "böse" sind, da sie nicht wissenschaftlich arbeiten würden und völlig überzogene Versprechungen machen würden. Dies ist aber schlichtweg faktisch falsch. Genaue wie andere Neurokritiker werden hier "die Neurowissenschaftler" oder "die Hirnforschung" (als gebe es "die eine" Hirnforschung oder "die einen" Neurowissenschaftler, da sollte Herr Janich mal selbst beim Titel angefangen Sprachkritik üben) über einen Kamm geschert. Sicher gibt es "schwarze Schafe" unter den Hirnforschern, die meinen, man könne irgendwann Emotion und Bewusstsein komplett auf der Eben von neuronalen Vorgängen erklären. Meines Wissens vertritt diese Ansicht aber so gut wie kein Hirnforscher, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Natürlich machen die Pharmaindustrie und die Neuromarketing-Industrie falsche Versprechungen, aber das ist wenig verwunderlich und auch diese Zweige der "Wissenschaft" sind nicht repräsentativ für "die Hirnforschung" insgesamt. Es wird in diesem Buch also (wie in andern neurokritischen Schriften) ein Strohmann gemalt. Nur wenige Behauptungen über "Fehler", die "die Neurowissenschaftler" vermeintlich begehen, sind belegt. Die wenigen direkten Zitate sind, wie schon erwähnt, sicherlich nicht repräsentativ. Außerdem muss man auch unterscheiden zwischen dem, was "die Hirnforscher" vermeintlich behaupten und wie dies leider oft von Journalisten oder der breiten Öffentlichkeit missverstanden wird. Doch dies tut der Autor leider nicht.

Schließlich der zweite Kritikpunkt, der zum Teil mit der Eingebildetheit Hand in Hand geht: Das Buch ist (was für ein Buch über Sprachkritik schockierend ist) sehr schlecht und diffus geschrieben. Der Autor will wohl mit seinen Satzungetümen und vermeintlich geistreicher Wortwahl beeindrucken und einschüchtern. Allerdings ist das Buch dadurch sehr schwer verständlich und eben sehr diffus. Dies ist leider weit entfernt vom klaren Stil von englischsprachigen populärwissenschaftlichen Autoren.

Schade, denn ich stimme den Neurokritikern darin dazu, dass teilweise in der Öffentlichkeit falsche Vorstellungen darüber herrschen, was die Neurowissenschaften leisten wollen und können und was nicht. Das heißt, die Öffentlichkeit muss aufgeklärt werden. Dies sollte aber durch differenziert und vor allem auch vom Sprachstil her gut und verständlich geschriebene Bücher passieren. Diese Kriterien treffen auf dieses Buch leider überhaupt nicht zu.
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