Sale Sale Öle & Betriebsstoffe für Ihr Auto Jetzt informieren Book Spring Store 2017 Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More HI_PROJECT Mehr dazu Mehr dazu Shop Kindle AmazonMusicUnlimited BundesligaLive wint17

Kundenrezensionen

5,0 von 5 Sternen
2
Schwarze Spiegel (Suhrkamp BasisBibliothek)
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:7,00 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime

am 22. März 2009
"Arno Schmidt? : zu schwer! Wer versteht denn sowas?"

Wenn dieser Satz aus Ihrem Munde kommen könnte, und Sie dennoch den Wunsch verspüren, sich mit einem der fortschrittlichsten und besten deutschen Schrifsteller zu beschäftigen, werden Sie mit diesem Büchlein glücklich.

Die Erzählung nimmt den Leser mit in eine 'Endzeit-Idylle'. "Bloß gut, daß Alles zu Ende war; und ich spuckte aus: Ende!" Die von Atombomben zerstörte Heidelandschaft (Arnos Wahlheimat) wird vom letzten Überlebenden seiner Art in dichterischem Wahnsinn beschrieben: sein Alltag, seine Wahrnehmungen der Natur/Welt und allerlei Gedankenspiele. Im zweiten Teil trifft er eine weitere Überlebende, doch nach kurzem Aufenthalt in seinem selbstgebauten Waldhaus zieht sie zieht weiter:

"Fort : Sie war fort ! Natürlich ! Und ich stand mit geducktem Kopf wie in einem blauen Stein. Blödes Gesicht. Inmitten Pflanzen. In der Rechten ein Paket Streichhölzer.
Gegen Morgen kam Gewölk auf (und Regenschauer), Frischer gelber Rauch wehte mich an: mein Ofen! So verließ ich den Wald und schob mich ans Haus : der letzte Mensch."

Diese Edition (Suhrkamp BasisBibliothek) ist eines der besten Einstiegswerke in Arno Schmidts Welt, sein Denken und natürlich vorallem: sein Schreiben. Denn Schmidts Werke sind komplex und eigensinnig, mit vielen Anspielungen und Verweisen auf zeitgeschichtliche sowie biographische Ereignisse und natürlich auf allerlei andere Literatur. Ohne das Wissen über diese Verweise, kann man sich nur schwer in Schmidts Texte zurechtfinden. Doch mit 50 Seiten Anhang, davon allein 25 Seiten Wort- und Sacherläuterungen, sowie Informationen über Autor und Erzählung (Entstehungs- u Rezeptionsgeschichte sowie Deutungsansätze) wird man beim Lesen nicht allein gelassen und bekommt schnell Lust auf mehr.
0Kommentar| 26 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden
am 16. Dezember 2017
„Schwarze Spiegel lagen viel umher. Zweige forkelten mein Gesicht und troffen hastig. („Hat viel geregnet“ heißts wohl auf Einfachdeutsch).“

Teil 1: ab 01.05.1960

Als Arno Schmidt 1951 SCHWARZE SPIEGEL schrieb, war die Erinnerung an den Krieg noch frisch. Anders als viele seiner Zeitgenossen hat Schmidt die Erfahrung des Krieges nie verdrängt, vor allem niemals die unfassbare Blödigkeit der Menschen hinnehmen können, die sich für Kriege begeistern lassen. Als unter Adenauer die Wiederaufrüstung begann, reagierten nur wenige Autoren mit solcher Schärfe und Wortgewalt wie er. Als Schmidt die Dystopie schrieb, war an Wiederaufrüstung freilich noch nicht zu denken.
Der namenlose Ich-Erzähler ist einer der letzten Überlebenden in Europa, der den dritten Weltkrieg 1955 (also in der nähen Zukunft) und den Einsatz von Wasserstoffbomben überlebt hat.
Auf einem Fahrrad fährt er auf überwachsenen Straßen durchs Niedersächsische und passiert Dörfer, in denen niemand mehr lebt. In den Häusern findet er die Leichen der Menschen, die während ihrer alltäglichen Verrichtungen von der Bombe überrascht wurden. Tiefer Schmerz und wütende Ironie gehen Hand in Hand, wenn das Werk des Leviathans beschrieben wird:
“In einer Kammer ein Toter : sein Gestank hatte Zwölfmannstärke : also wenigstens im Tode Siegfried“
Als er an einer alten Holzfabrik vorbeikommt, in deren Nähe sich auch ein Lager mit Nahrungsmitteln befindet, errichtet er eine eigene Hütte, ein Projekt, dass Thoreaus WALDEN nicht unähnlich ist (nur dass Thoreau das Experiment abbrechen konnte – und es auch getan hat). Er hätte auch in eines der leerstehenden Häuser einziehen können, aber der Hang zur Selbstversorgung und Autonomie ist schmidt=typisch, er ist gleichbedeutend mit dem sich Einrichten in einer eigenen, selbstkonstruierten Welt.
Arno Schmidts Welt war später sein kleines Haus in Bargfeld, vor allem aber die Welt der Literatur; die der von ihm geschätzten Autoren, vor allem auch die seines eigenen Werks, in welches sich Schmidt selbst eingeschrieben hat. Und wenn der Erzähler hier selbstironisch zugibt, dass sich Pedant und Vagant eigenwillig mischen, so dass für die Planung der Hütte Millimeterpapier vonnöten ist, dann erkennen wir auch darin den Autor Schmidt.

Zahllos sind die Stellen, in denen, mal verdeckt, mal ganz offen, Arno Schmidt dem Leser begegnet. Letzteres zum Beispiel in diesen bitter-humorigen Sätzen:
“Über die dünstende Wiese : diesmal kam ich von hinten in den Mühlenhof; das Fenster an der kleinen Treppe fiel mir beim ersten Antippen entgegen (richtig : Fenster muß ich auch noch komplett irgendwo herauslösen, und bei mir im Haidehaus wieder einsetzen !), und ich schwang mich hinein : armselige Einrichtung : ein Bett mit Bretterboden, ohne Kissen und Federbetten, bloß 5 Decken. Ein zerwetzter Schreibtisch, darauf zwanzig zusammengelaufene Bücher in Wellpappkartons als Regälchen; ein zersprungener winziger Herd (na, der hat das große nasse Loch auch nicht erheizen können !), ich tippte ihm anerkennend aufs geborstene Eisen, und sah mich mürrisch um. Papier in den Schüben; Manuskripte; „Massenbach kämpft um Europa“; „Das Haus in der Holetschkagasse“; ergo ein literarischer Hungerleider, Schmidt hatte er sich geschimpft. Allerdings lange Knochen : mußte mindestens seine 6 Fuß gehabt haben. Das ist also das Leben. Ich salutierte den beinernen Poeten mit der Flasche (…)“

Detailliert wird Planung und Ausführung des Hausbaus beschrieben, wobei Schmidts Hochachtung fürs Handwerk spürbar ist. Andererseits ist der Bedarf an Feinsinnigem nach der Apokalypse äußerst gering, Rilkes Geschichte vom lieben Gott, „Goldschmiedsprosa“, „feinsinniges Geschwafel“, taugt nur noch zum Klopapier.

Wie geht der Erzähler damit um, dass er so alleine ist, möglicherweise der letzte Überlebende des letzten großen Kriegs? Dass er, selbst wenn es weitere Überlebende auf anderen Kontinenten gäbe, diese wahrscheinlich niemals treffen wird?
Da ist zum einen die – ebenfalls für Schmidt typische – Liebe zur Natur. Ob Bäume, Büsche, Wolken oder der Mond: die Natur ist für ihn beseelt und durchaus gesellschaftstauglich. Wer SCHWARZE SPIEGEL alleine für die Naturbeschreibungen läse, würde schon reichlich belohnt.
Da sind auch die täglichen Verrichtungen, die notwendig sind, um das weitere Überleben zu sichern. Und dann gibt es die zahllosen Gedankenspiele, mit denen sich der Erzähler selbst unterhält, besser wohl, als ihn ein realer Gesprächspartner unterhalten könnte.

Was zumeist verborgen bleibt, ist die tiefe Traurigkeit, über die der Erzähler nicht spricht, die aber in Anklängen präsent ist. Traurigkeit und Wut darüber, dass die Menschheit nicht in der Lage war, trotz ihrer Möglichkeiten aus der Geschichte zu lernen und in Frieden zu leben.
Mit den Menschen, so tröstet er sich, verschwanden auch die Gesetze, der Staat und also der Krieg. So weit kann die Verzweiflung gehen, dass der Befund lautet: Und es war gut.

„Reziproke Radien>“ ist ein Bild für diese Disparatheit:
“Je weiter sich also die Geliebte entfernt : desto tiefer dringt sie in uns ein.“
Den Begriff benutzt der Erzähler sehr viel später noch einmal:
>“Die Feldflasche ? : Ja ! – (Ich habe immer nur getrunken, um die Bildkraft der Seele zu steigern; dem geschundenen Geist die irdenen Bremsklötze wegzunehmen; die Peripherie des Einheitskreises zu weiten : reziproke Radien; also doch !)“

Wie später im FAUN unternimmt der Erzähler eine Fahrt nach Hamburg, wo er die Kunsthalle aufsucht. Unterwegs stößt er in der Stadt auf Leichenberge:
“(…) dazu also hatte der Mensch seine Vernunft erhalten.“ und:
“Ich war so haß-voll, daß ich die Flinte ansetzte, in den Himmel hielt : und klaffte sein Leviathansmaul über zehntausend Spiralnebel : ich spränge den Hund an !“

Solche Zeilen rühren mich wie kaum andere; treffender lässt sich nicht beschreiben, was Schmidt unter Inkaufnahme höchster persönlicher Kosten mit seinen Büchern unternommen hat:

den Hund Leviathan ist er angesprungen, immer und immer wieder;

hat gegen Militarismus gewettert und gegeifert, als sich das deutsche Volk schon längst wieder durchs Wirtschaftswachstum und Adenauer beruhigen ließ. Schmidt ließ sich vom literarischen wie vom bundesrepublikanischen Betrieb nicht vereinnahmen und hat in den fünfziger Jahren in extremer Armut gelebt, von der das Zitat weiter oben einen greifbaren Eindruck vermittelt.

“Und wenn ich erst weg bin, wird der letzte Schandfleck verschwunden sein : das Experiment Mensch, das stinkige, hat aufgehört !“

So viel Hass und Wut, und zugleich sind Autor und Erzähler zu Momenten zartester Rührung fähig; zum Beispiel beim Betrachten eines Bildes in der Kunsthalle:

““Kinder mit Papierdrachen“ : der Eine hob die Hand. Der Andere, Ärmerchen, lief barfuß nebenher, die Bindfadenrolle unter grünem Arm, und die blaue Himmelswand, weißgefasert, hob sich übers Gras ! Ich schlug mit dem Kopf in die stille Goldluft; ich fauchte durch die Nase; ich hob die gefühllosen Hände : da ! : Da flog er !“

SCHWARZE SPIEGEL besteht aus zwei Teilen, und wir nähern uns dem Ende von Teil 1. Die Hütte ist gebaut, fast möchte man von einem Nestbau sprechen, es fehlt nur noch das Weibchen. Im zweiten Teil werden wir fast einen Schlagerfetzen hören: „Komm in meine Liebeslaube“.
Doch endet Teil 1 mit einem Kuriosum. Wie Schmidt hat auch sein Erzähler ein Faible für Mathematik, und um sich die Zeit zu vertreiben, löst er das Problem des Fermats:
„(…) das muß man sich vorstellen : ich löse das Problem des Fermat ! (Aber die Zeit verging vorbildlich dabei).“
Man sollte, wenn man Schmidt liest, damit klar kommen können, dass er nicht nur grundsätzlich alles kann, sondern auch grundsätzlich alles besser …
Inwieweit die mathematische Beweisführung auch nur annähernd Sinn ergibt, vermag ich nicht zu beurteilen, wäre für Hinweise aber dankbar.

Teil 2: ab 20.05.62

So wie der erste Teil mit einem Einsprengsel im Roman geendet hat, beginnt der zweite mit einem solchen. Der Erzähler schreibt einen langen, bösen Brief an den amerikanischen Wissenschaftler Professor Stewart, dessen Buch auszugsweise im Readers Digest veröffentlicht wurde.
Dieser fiktive Brief hätte auch außerhalb von SCHWARZE SPIEGEL als Zeitschriftenartikel (eine ganz wichtige Einnahmequelle für Arno Schmidt in den 50ern) veröffentlicht werden können, denn neben den Nachtprogrammen waren auch Schmidts Briefe polemisch, ungewöhnlich und höchst unterhaltsam zugleich.
(Nachgetragen: Tatsächlich hat Schmidt diesen Brief schon 1948 geschrieben, er sollte in der WUNDERTÜTE veröffentlicht werden, die aber erst posthum erschien.)
Herrlich das sprachliche Feuerwerk, dass abgebrannt wird und das der wehrlose Professer über sich ergehen lassen muss - zu seinem Glück wird er wohl nie von diesem Frontalangriff erfahren haben:
“USA-Kultur : so klein ist Niemand, daß er sich nicht zu Hause grande nennen ließe !“
Eine Entweder-Oder-Satzkonstruktion von Stewart wird mit dem Kommentar bedacht, sie sei sehr sinnig: “der Löwe brüllt, wenn er nicht schweigt“
Und am Ende des langen Briefes darf man sich über die Grußformel freuen:
“Möge ihre Wasserspülung stets funktionieren; in aufrichtiger Verachtung :“
Nimmt man diesen Brief als ein Überbleibsel aus der Zeitschriftenartikel-Produktion Schmidts, das er hier verwertet hat, dann ergibt sich auch ein guter Sinn für den späteren Kommentar:
“jeder muß aus Not zum Zuhälter der Musen werden.“

Nachdem das Holzhäuschen erbaut ist, hat der Erzähler wieder einige Mußestunden, die er mit Fotografieren verbringt. An dieser Stelle angekommen fragte ich mich, ob nicht einige der von Arno Schmidt in der Heide gemachten Fotos, auf denen sehr oft nur Landschaft ohne Menschen zu sehen sind, nicht wunderbar als Illustrationen für SCHWARZE SPIEGEL geeignet wären.
Bei einem seiner Spaziergänge heißt es, er ginge “wie Robinson“ am Waldrand “für sich hin“, und spätestens hier kommt nun die Vermutung auf, dass bald ein Freitag auftauchen könnte. Tatsächlich enttäusch uns Schmidt nicht.

Es treffen sich also zwei Menschen, vielleicht die letzten ihrer Art, im niedersächsischen Flachland, und was geschieht? Der Neuankömmling schießt auf den Erzähler. Die Szene wäre eines Karl May würdig, denn natürlich gelingt es unserem Helden, den Gegner durch List zu überwältigen, ohne ihn dabei allzu sehr zu verletzen. Und siehe da: es ist eine Frau, die den Weg zu unserem Erzähler gefunden hat, und sie hört auf den schönen Namen Lisa.
Man schließt einen Waffenstillstand und Lisa zieht ins Nest / Haus ein. Sie hat von ihren Reisen nichts Hoffnungsvolles zu berichten: Mitteleuropa ist menschenleer, und die ganz wenigen Menschen, die sie getroffen hat, bringen sich gegenseitig aus Eifersucht um oder sterben an Krankheiten und Infektionen.
Das passt hervorragend zum Befund des Erzählers, dass die Menschen “weder durch fremde noch eigene Erfahrungen klüger“ werden.

Die „Wohnsituation“, die beschrieben wird, weist Parallelen zu anderen frühen Romanen Schmidts auf, die das Leben der Umsiedler nach dem zweiten Weltkrieg beschreiben, ein Leben, das Schmidt mit seiner Frau nur allzu bekannt war: selbst das Nötigste ist kaum vorhanden, die Armut unbeschreiblich, und nur durch Improvisation kann man überleben.
Der Leviathan ist allgegenwärtig und wartet nur darauf, hervorbrechen zu können.
Nach einer kurzen Phase der Gewöhnung aneinander folgt das nächste Einsprengsel. Lisa hat am 22.08. Geburtstag und also Anspruch auf ein Geschenk (bei dieser Gelegenheit erfahren wir, dass der Erzähler am 18.01. Geburtstag hat, also am gleichen Tage wie Arno Schmidt). Lisa wünscht sich, dass der Erzähler ihr aus seiner Kindheit berichtet, auch wenn ihr bewusst ist, wie schmerzhaft dieser Wunsch für ihn sein muss.
Er wird erfüllt, und die Erinnerung, die sie schriftlich bekommt, ist ein Stück Biographie von Arno Schmidt, der sich an seine Zeit als Kind in Hamburg und an die Wohnung seiner Eltern erinnert. Eine ähnliche Kindheitserinnerung gibt es sehr viel später noch einmal in ABEND MIT GOLDRAND .
Lisa, deren Namen wir erfahren, und der namenlose Erzähler verbringen ungefähr drei Monate miteinander. Nur sehr wenig erfährt der Leser über diese Zeit. Man wechselt vom Sie zum Du, kommt sich näher und feiert schließlich Lisas Geburtstag.

Dann aber kommt überraschend schon der Paukenschlag:
“Immer kann ich nicht bleiben“, erklärt Lisa unvermittelt. “(…) ich muß noch mehr Menschen finden“.
Verbirgt sich mehr dahinter, dass Lisa alleine ihren Weg fortsetzen wird? Sie sei eine „Zigeunernatur“, sagt sie. Ist es das? Vielleicht auch, aber bestimmt nicht nur. Wir kennen es aus anderen Romanen Schmidts, dass das Liebesglück in der Regel nicht von Dauer ist und die Paare sich trennen. Warum also verlässt Lisa den Erzähler, den vielleicht einzigen Menschen, den sie treffen konnte in der vom Krieg verwüsteten Welt? Eben darum! Der Befund ist so kurz wie unglaublich schmerzhaft: sie ist

“entwurzelt durch 3 Kriege“
0Kommentar|War diese Rezension für Sie hilfreich? Missbrauch melden



Brauchen Sie weitere HilfeHier klicken