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am 28. Mai 2009
Was ist über diesen wunderbaren Autoren nicht für ein Mist geschrieben worden? Generationen von Studierenden und Schülern haben das Schreibgenie aus Prag als Autor des Eskapismus, des Schuldgefühls, des Vaterkomplexes, der negativen Theologie etc. präsentiert bekommen. Generationen von Literaturwissenschaftlern haben sich gegenseitig eingeredet, sie müssten in dieser Form über das verstörend-faszinierende Werk des Prager Rätsels Kafka urteilen, nur so sei es zu verstehen.
Das poststrukturalistisch orientierte Philosophenduo Gilles Deleuze/Felix Guattari hat diesem urdeutschen hermeneutischen Spekulierwahn den Kampf angesagt und betrachtet das Werk Kafkas in der vorliegenden Veröffentlichung aus einem völlig neuen, ungeahnten Blickwinkel, der nicht nur zu einer deutlich positiveren, weniger verklärten und von Normvorstellungen und psychoanalytischen Theorien verstellten Sicht auf den Autor und sein Werk führt, sondern sich auch als kohärente und überall in den Originaltexten nachvollziehbaren Kafka-Lektüre erweist.
Ausgangspunkt ist dabei das Deleuze/Guattarische Bild vom Rhizom: Hierarchisch gegliederte, eindeutig von a nach b weisende Strukturen im Baumformat werden demnach der Komplexität der Verhältnisse in der Welt nicht gerecht, vielmehr soll das Bild vom Rhizom, dem durch mannigfache Verbindungen zwischen allen Bestandteilen gekennzeichneten "unterirdischen Bau", als Orientierungshilfe im Umgang mit den Dingen der Welt fungieren.
In diesem Sinne liefern die Autoren mehrere Zugänge zum Werk Kafkas. Einer führt über den (titelstiftenden) Begriff der "kleinen Literatur". Als im bereits von einer deutschen Verwaltung dominierten Prag des ausgehenden Habsburger Reiches bedient sich Kafka der "großen Kultursprache" des Deutschen, um in ihr mit der Zunge des entwurzelten (wie Deleuze und Guattari es formulieren würden "deterritorialisierten") tschechischen Juden eine Form der Literatur zu entwerfen, in der alles Ausgesagte hochgradig politisch und für die gesamte Ethnie der Prager Juden von Bedeutung ist, da sich durch die räumliche Enge der jüdischen Enklave jede Stimme aus dem Volk zu einer kollektiven Aussage des Volkes verkettet.
Unter dieser Prämisse analysieren Deleuze und Guattari zunächst Kafkas Briefe, daraufhin seine Erzählungen und schließlich seine drei unvollendeten weil unendlichen Romane. Dabei betrachten sie, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt, seine Texte nicht als Entsprechung von Ausdruck und Inhalt (wie es dem Selbstverständnis einer "großen Literatur" entsprechen würde), sondern bezeichnen das Werk als eine Schreib-Maschine, die beim Sich-Ausdrücken beginnt und so einen sprachlichen Intensivstoff erzeugt, der schließlich Inhalte hinterherschleift, die mit der Ordnung der Dinge in Konflikt stehen. So "demontieren" Kafkas Texte alle Instanzen, alle Regime, alle Formen der Repression, einfach alles, was das Verlangen zurückdrängen, "reterritorialisieren", ihm die Verbindungen abschnüren will. Im "Proceß"-Roman gelingt dies am perfektesten, denn hier demonstriert Josef K., wie er sich von der leeren Hülle des "Gesetzes", das ihn "verhaftet", nicht einfangen lässt, sondern wie er sich, einfach immer dem Verlangen folgend, von einer Situation in die andere überführen lässt, in einer unendlichen Verkettung von Zuständen und Intensitätsstufen der Maschine, die Kafkas Werk darstellt. Diese unendlichen Verkettungen in Kafkas Romanen sind für Deleuze und Guattari die dritte Stufe der Entwicklung der Kafkaschen Ausdrucksmaschine dar. Die ersten beiden Stufen waren die Briefe mit ihrem Versuch, sich aus den Zwängen gesellschaftlicher Erwartungen durch möglichst einfallsreiches Schreiben an die ungeliebten Lieben zu befreien ("Der Teufelspakt") sowie die Erzählungen mit dem Versuch, dem Teufelskreis von Fliehen und Eingefangen-Werden durch das Einführen der Metamorphose, der Verwandlung zum Tier, zu entkommen ("Was Kafka in seiner Stube betreibt, ist seine Verwandlung zum Tier"). Doch beide Versuche scheitern, auch wenn sie großartige literarische Werke wie etwa den "Brief an den Vater" oder die unzähligen faszinierenden Erzählungen ("Verwandlung", "Urteil", "Strafkolonie", "Die Sorge des Hausvaters", ...) hervorbringen. Denn sie bringen die Gefahr der Reterritorialisierung, des Eingefangen-Werdens mit sich. Nur die Verkettungen der endlosen Romane können Kafka die totale und absolute Deterritorialisierung, also sozusagen die "dauerhafte Freiheit" bringen.
Diese Kafka-Lektüre ist, wie man schnell feststellt, herausfordernd, voraussetzungsreich und sehr radikal. Gerade ihre philosophische, nicht literaturwissenschaftliche Herangehensweise ist es aber, was sie so wertvoll macht. Meiner Meinung nach wird nur eine Lektüre von einer solch radikalen Offenheit bei konsequenter Ablehnung jedweder Festlegung von Kafkas Werken auf irgendeinen "höheren", transzendenten Sinn der Genialität, Vielgestaltigkeit und betörend-verstörenden Schönheit der Originaltexte gerecht. Mit dieser Lektüre einher geht nur ein Appell: nämlich der zur Rückbesinnung auf das unvoreingenommene Lesen der Primärtexte, ohne Anspruch auf Finden eines "Sinns", ohne Deutungsabsicht im Hinterkopf. Einfach genießen, was dieser Prager Büroangestellte des Nachts in seiner Stube vollbracht hat: die wohl kreativsten, geheimnisvollsten, humorvollsten und schönsten Texte in deutscher Sprache überhaupt zu schreiben.
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am 30. Mai 2013
für den der deleuze schätzt:EIN MUSS.behandelt "das Tier",bzw.die sicht-und schreibweise deleuzes dieses phänomens bei kafka,zeigt aber die verfangenheit des "ewigen Sohnes" darin zu wenig auf,eine Betrachtung des Vaters in der 2.Natur bei jakob böhme wäre hilfreich gewesen
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am 10. Juni 2003
Unter diesem Stichwort lässt sich Deleuzes und Guattaris Philosophie zusammenfassen. Das Verlangen ist stärker als das Schuldgefühl.("Proceß") Das Verlangen ist der Grund warum Kafka's Romane auseinanderlaufen.("Proceß" und noch mehr "Schloss")
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