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am 27. Januar 2013
Das umfangreiche Werk des Historikers und Psychologen John Kerr beginnt mit den Worten: „Sigmund Freud und Carl Gustav Jung begegneten sich zum ersten Mal am 3. März 1907. Sie unterhielten sich 13 Stunden ohne Pause. Das letzte Mal begegneten sie sich beim Vierten Internationalen Psychoanalytischen Kongress am 7. und 8. September 1913 in München. Soweit wir wissen, wechselten sie bei dieser Gelegenheit kein einziges Wort.“

Diese sechs Jahre bilden den thematischen Schwerpunkt des Buches. Doch es verharrt nicht in diesem Zeitrahmen, sondern schildert mit weit ausholender Geste die Entwicklung der Psychoanalyse und ihrer Vorläuferformen von den Anfängen bis hin zum letzten bekannten Brief von Carl Gustav Jung an Sabina Spielrein, datiert auf den 7. Oktober 1919. Die Bekanntschaft der beiden reichte zurück in das Jahr 1904, als Sabina Spielrein, eine junge russische Jüdin aus begüterter Familie, mit allen Anzeichen schwerer Hysterie in die psychiatrische Burghölzli-Klinik bei Zürich eingeliefert wurde. Jung schloss die Analyse der Patientin noch im gleichen Jahr ab, und wenige Monate später begann Sabina Spielrein ihr Medizinstudium an der Züricher Universität. Für Jung entwickelte sich die Beziehung von einem Schul- zu einem Sündenfall, als Spielrein seine Geliebte wurde: ein auch heute noch schwer auslotbares Verhältnis, eine symbolbeladene Mischung aus flammender Erotik und dunkler Mystik, die wohl am besten – nomen est omen – mit psychoanalytischen Methoden zu durchleuchten wäre. Jung schrammte nur knapp an einem öffentlichen Skandal vorbei, und er musste Freud gegenüber seine Verfehlung schließlich Stück für Stück einräumen.

Ich habe das Buch bisher zweimal gelesen und werde es wohl irgendwann ein drittes Mal in die Hand nehmen: nicht weil ich von Natur aus begriffsstutzig bin oder weil der Verfasser furchtbar verknäuelte Satzkonstrukte fabriziert. Nichts von alledem: John Kerr schreibt flüssig, leicht lesbar und verwendet Fachtermini in sehr sparsamer Dosierung. Dafür besticht sein Werk mit einer überwältigenden Datenfülle, die immer neue Aspekte und Denkanstöße vermittelt. Kerr verzichtet wohlweislich darauf, das gesamte gesellschaftliche Spektrum zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzufächern. Dieser Bereich erschließt sich dem Leser eher rudimentär. Dafür lernt man jene Personen kennen, die wesentlich zur Ausbreitung und Etablierung der Psychoanalyse beitrugen (wie zum Beispiel Abraham, Binswanger, Ferenczy oder Fließ). Mit am bekanntesten ist Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie und abtrünniger Freud-Schüler, weshalb ihm der grollende Meister das Etikett „bösartiger Paranoiker“ anheftete. Von Adler ist allerdings bei Kerr nur am Rande die Rede, vermutlich deshalb, weil dieses Thema eine eigene Geschichte und somit ein eigenes Buch wert wäre.

Ähnlich dramatisch wie der Bruch mit Adler verlief für Sigmund Freud auch die Beziehung zu Jung. Anfangs reagierte Freud geradezu euphorisch, als sich die Chance bot, eine Verbindung nach Zürich zu knüpfen: Denn hinter Carl Gustav Jung stand der höchst angesehene Eugen Bleuler, Leiter der Burghölzli-Klinik und als solcher ein wichtiger Repräsentant der Züricher medizinischen Fakultät. Für Freud war es die erhoffte Möglichkeit, seine Lehre aus dem Wiener Kaffeehaus-Ambiente zu befreien und vor einem qualifizierten Fachpublikum auszubreiten. John Kerr schildert diese Entwicklung anhand der umfangreichen Korrespondenz zwischen Wien und Zürich, und er schildert auch, wie sich im Laufe der Jahre fast unmerklich ein leises Misstrauen in und vor allem zwischen den Briefzeilen einnistete. Ein erster Stein des Anstoßes war die Spielrein-Affäre, doch offenbar wusste auch Jung einige intime Dinge über seinen „geistigen Vater“, die besser unter Verschluss blieben. Es begann ein stummes Ringen mit dem stark vom Unbewussten besetzten Thema, wer in dieser komplizierten Zweierbeziehung der Analytiker und wer der Analysand sein sollte. Es war, auf einen Nenner gebracht, der Konkurrenzkampf zweier Alpha-Tiere, von denen keines „B“ sagen wollte. Je mehr sie in ihren persönlichen und wissenschaftlichen Ansichten auseinander drifteten, umso deutlicher zeichnete sich das endgültige Zerwürfnis ab. Wenn sie hingegen über dritte Personen tratschten, waren sie sich oft genug einig, besonders wenn es darum ging, einen herablassenden männlichen Chauvinismus zu zelebrieren. So wird bei Freud aus der offiziellen Briefanrede „Hochverehrtes Fräulein Spielrein“ privatissimo rasch eine „kleine Autorin“ oder einfach nur „die Kleine“, während ein anderes Mitglied des Freudschen Zirkels die abschätzige Bezeichnung „unser Doktorenweib“ umgehängt bekommt.

Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Sabina Spielrein lange Zeit als merkwürdige Schattengestalt durch die psychoanalytischen Annalen geisterte. Von ihrer Existenz zeugten lediglich ein paar Fußnotenverweise in der Fachliteratur. Erst mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Freud und Jung im Jahre 1974 gewann ihr diffuser Umriss erstmals an Konturen, und es war zu erahnen, dass ihre Rolle in der frühen psychoanalytischen Bewegung über Jahrzehnte hinweg sträflich unterschätzt worden war. Mit der zufälligen Entdeckung von Sabina Spielreins Tagebüchern und Teilen ihrer Korrespondenz entstand allmählich das Bild einer vielschichtigen und außergewöhnlichen Persönlichkeit. Inzwischen sind weitere Spielrein-Texte publiziert worden, und auch ihre Krankenakten aus der Burghölzli-Zeit liegen nun vollständig vor. Auf einige dieser Quellen musste John Kerr naturgemäß verzichten, da sein Werk im Original bereits 1993 erschien. Dennoch hatte ich manchmal das Empfinden, dass er das damals zugängliche Material nicht in vollem Umfang auswertete und entsprechende Analysen eher oberflächlich ausführte. Hier empfiehlt sich als Alternative und Korrektiv die akribisch recherchierte Spielrein-Biographie von Sabine Richebächer, die auch das gesellschaftliche Umfeld respektive den Zeitgeist mit einbezieht und diesen in anschaulich-detaillierter Weise beschreibt (in: Sabina Spielrein – Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft).

Dessen ungeachtet ist das Buch eine sehr lesenswerte monumentale Charakterstudie, deren Schwerpunkte annähernd gleichmäßig zwischen Freud und Jung aufgeteilt sind (mit leichten Platzvorteilen für Jung), während Sabina Spielrein eher die Rolle eines verbindenden Elements einnimmt. Doch sie war – besonders für ihren zeitweiligen Mentor Carl Gustav Jung – weit mehr als eine Episode, mehr als ein eigenwilliger feministischer Akzent aus der Frühzeit der Psychotherapie. Die Beziehung zu Sabina Spielrein prägte Jung für sein gesamtes späteres Leben, selbst als alle Kontakte zu ihr längst erloschen waren.

Um zum Schluss noch einmal John Kerr zu zitieren: „Während Freud dafür sorgte, dass spätere Generationen Sabina Spielreins Beitrag zur Psychoanalyse gründlich missverstanden, war Jung damit beschäftigt, sie unsterblich zu machen – allerdings unter einem anderen Namen.“ Dieser Name nimmt in Jungs Werk eine zentrale Bedeutung ein: Es ist das Bild der Anima, das Bild des inneren weiblichen Ideals, das dem Mann als jene Frau erscheint, der man gehorchen muss. Für Jung muss es ein bittersüßes Ideal gewesen sein, denn seine ganz persönliche Anima ging selbstbewusst eigene Wege und begann schließlich eine therapeutische Laufbahn als überzeugte Freudianerin.
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am 31. Mai 2013
Für mich persönlich ist dieses umfangreiche (an die 800 Seiten starke) Werk von John Kerr jeden dieser 5 Sterne wert!
„Eine gefährliche Methode“ war für mich kein Buch, das ich mal eben so „weglesen“ konnte, und das lag nicht nur an der doch recht hohen Seitenzahl, sondern vor allem an der Fülle an Information, die Kerr hier zusammengetragen hat, und die ich mir immer nur häppchenweise zukommen lassen wollte.
John Kerr hat Geschichte und Klinische Psychologie studiert, und das erweist sich aus meiner Sicht als äußerst gute Kombination, um sich dem Thema der Entstehung der Psychoanalyse zu widmen. Kerr ist Wissenschaftler durch und durch, und das macht sein umfassend recherchiertes und dicht durch Quellenangaben belegtes Buch so wertvoll. Gleichzeitig ist Kerr aber auch ein sehr guter Autor, der es mir durch seinen ansprechenden Stil und eine hilfreiche Struktur erleichterte, immer wieder zu diesem Buch zu greifen und es schließlich bis zur letzten Seite zu „schaffen“.
Obwohl ich mich durchaus schon in einer gewissen Intensität mit Sigmund Freud und seiner Psychoanalyse beschäftigt habe (mit C.G. Jung weniger), hat mir dieses Buch einen ganz neuen Blickwinkel auf die theoretischen Grundlagen und ihre Entstehung vermittelt. Noch nie ist mir so deutlich geworden, wie eng die „Erkenntnisse“ jener Zeit mit dem individuellen Leben der Personen verknüpft waren, die sie in ihren Schriften niederlegten und verbreiteten. Freud und Jung waren ohne Zweifel „herausragende Denker“, die mit unermüdlicher Schaffenskraft und enormer Kreativität an ihren Theoriegebäuden bastelten, aber ihre jeweilige „Datengrundlage“ war bei weitem nicht so überzeugend, wie die meisten Menschen, die Interesse an der „Psychoanalyse“ oder der „Analytischen Psychologie“ haben, es wohl aufgrund unserer heutigen Vorstellung von „Wissenschaft“ vermuten würden.
Die Selbstverständlichkeit, mit der persönliche Erfahrung und subjektives Erleben in einer Theorie absolut gesetzt wurden, ist aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar. Umso mehr scheint es erstaunlich, dass sich beide Richtungen in ihren Grundzügen bis zum heutigen Tag derart erfolgreich behaupten konnten (in Deutschland vor allem die Psychoanalyse als anerkannte Therapierichtung).
Ich will hiermit keine unbestrittenen Verdienste schmälern (z.B. die Anerkennung psychischer Ursachen bei bestimmten Störungen oder vor allem auch die Betonung der Bedeutung unbewusster Vorgänge), aber das Wissen um die Entstehungsgeschichte bestimmter Inhalte kann durchaus dazu dienen, sich eine kritische Haltung in Bezug auf so manche Details dieser Theorien zu bewahren.

Das zweite wichtige Thema dieses Buches betrifft die Person der russischen Psychoanalytikerin „Sabina Spielrein“, deren enger Kontakt zu Jung und Freud (und weiteren berühmten Wissenschaftlern jener Zeit) viele Jahrzehnte kaum bekannt war und erst in den letzten Jahren eine gewisse Würdigung erfährt. Ich persönlich bin auf ihren Namen zum ersten Mal in dem äußerst kritischen Buch von Jeffrey M. Masson (Die Abschaffung der Psychotherapie) gestoßen, wo der thematische Schwerpunkt allerdings vor allem auf ihrer „Affäre“ mit C.G. Jung, dessen Patientin sie zunächst war, liegt, und ihr Fall als Beispiel für sexuellen Missbrauch im Rahmen einer Therapie herangezogen wird.
John Kerrs offensichtliches Anliegen in Bezug auf Sabina Spielrein ist hingegen, ihr als weiblicher Wissenschaftlerin und erster promovierter Psychoanalytikerin den ihr gebührenden Respekt zu erweisen, zu dem Freud und Jung aus rein persönlichen Gründen nicht bereit waren.
Freud erwähnt in seinem umfangreichen Werk Spielrein ein einziges Mal in einer Fußnote und zitiert sie dort laut Kerr „missverständlich und irreführend“, was dazu führte, dass sie fälschlicherweise in einen engen Zusammenhag mit der Entdeckung des „Todestriebs“ gebracht wurde.
Kerr hierzu: „Sabina Spielreins Schicksal in der psychoanalytischen Literatur war es somit, dass sie für eine Theorie bekannt wurde, die sie in Wahrheit nie vertreten hatte.“
Dem tragischen Leben dieser besonderen Frau und Wissenschaftlerin, die fünf der größten Persönlichkeiten im Bereich der Psychologie jener Zeit kannte (neben Freud und Jung auch Piaget, Luria und Wygotskij), die 1941 mit ihren Töchtern in einer Synagoge von den Nazis erschossen wurde und schließlich in Vergessenheit geriet, setzt dieses „Vermächtnis“ Freuds in gewisser Weise die Krone auf.
Von daher ist John Kerrs Würdigung ihrer Person nur zu begrüßen.
Für mich steht Sabina Spielrein gleichzeitig stellvertretend für die (mit Sicherheit) vielen Menschen, die wie sie eine hoffnungsvolle wissenschaftliche Karriere starteten, aber nicht das Glück hatten, mit ihren Ideen überleben zu dürfen und sich einen ihnen gebührenden Namen zu machen.
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am 13. Juli 2014
Hervorragendes Buch - wenn man schon viel über Freud und sein Leben gelesen hat, so ist dieses Buch eine tolle Ergänzung.
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