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Kundenrezensionen

4,1 von 5 Sternen
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4,1 von 5 Sternen
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am 2. September 2011
Er will es noch mal wissen, der 95 Jahre alte Botaniker Kokoschkin, der verwitwet in Boston lebt. Er will noch mal wissen, woher er kommt und was aus den Stätten seiner Jugend und Kindheit, auch aus denen, die er nur beinahe aufgesucht hätte, geworden ist. Er hat sich dazu mit seinem Prager Freund Hlavacek (sprich: Chlawatscheck) in Berlin verabredet , ist nach Petersburg, Berlin und Prag gereist. Mit dem Abschied von seinem dreißig Jahre jüngeren Freund, den er 1968 wenige Tage vor dem Einmarsch der Sowjets in Prag kennen gelernt hat, setzt die Erzählung ein.

Kokoschkins Vater wurde während der Oktoberrevolution von Lenins Bluthunden ermordet; er war Minister und Vertrauter von Kerenski, dem Führer des bürgerlichen Lagers am Ende des Zaren-Regimes. Der prominente Name hilft, als seine Mutter mit ihrem noch minderjährigen Sohn zunächst in Odessa Unterschlupf sucht, wo der einflussreiche Dichter Iwan Bunin (Nobelpreis 1933) ihr zur Seite steht, später auch bei Kokoschkins Bewerbung um ein Stipendium in den USA. In Odessa tut sich Kokoschkins Mutter mit dem Dichterpaar Chodassewitsch/Berberova zusammen. Gemeinsam mit ihnen flieht sie 1920 vor den Bolschewisten über die Türkei nach Berlin. Auch Saarow und Templin sind Stationen. Kokoschkin kommt in das Templiner Internat. 1925 folgt die Mutter dem russischen Paar, das sich später trennt, nach Paris, während ihr Sohn in Berlin bleibt und 1929 ein Biologiestudium aufnimmt. Er verliebt sich bei der Aushilfsarbeit im Botansichen Garten in die Gärtnerin Aline und wohnt mit ihr zusammen bei deren Eltern, überzeugten Sozialdemokraten, bis er 1933 vor den Nazis nach Prag fliehen muss. Als die Nazis später auch die Tschechoslowakei bedrohen, bemüht Kokoschkin sich um ein Stipendium für die USA und erhält eine Zusage. Aline muss er schweren Herzens in Europa zurücklassen. Sie und ihre Familie werden das Dritte Reich nicht überleben. Kokoschkins offenbar weniger abenteuerliche US-Karriere bleibt ausgeblendet. Nur die Episode um den Prager Frühling 1968 spielt im Schlussteil des Buches noch eine Rolle, fast so, als hätte alles Dramatische im Leben des Protagonisten sich immer in Europa ereignet.

Sein Lebensbericht, der sich im Gespräch mit Hlavacek Schritt für Schritt an den Stationen der Erinnerungsreise orientiert, ist den Begegnungen Kokoschkins an Bord eines Luxusschiffs von Southampton nach New York zwischengeschaltet, wo er auf eine Gruppe höchst unterschiedlicher Amerikaner und die attraktive Olga Noborra trifft, die Kokoschkin - eingedenk des Altersunterschiedes - sehr zögerlich umwirbt.

"Kokoschkins Reise" ist auch eine Zeitreise und kann als Bilanz des 20. Jahrhunderts (aus europäischer Sicht) gelesen werden, des Zeitalters der menschenverachtenden Massenideologien. Doch keine Bitterkeit, sondern ein Ton der Altersmilde und Dankbarkeit über Freunde, die immer wieder da waren, wenn es brenzlig wurde, bestimmt dieses Buch, ein Buch wie aus einer anderen Zeit, einer Zeit, in der, wie es an einer Stelle so treffend heißt, Romane noch ohne F-Wörter auskamen und trotzdem ernst genommen wurden.

Die Stärke des Buches - neben der originellen Komposition - ist mithin auch weniger der Inhalt als besagter Ton, der ohne Sentimentalität die Erinnerungen eines betagten Mannes an sein gelebtes Leben wachruft. Ihm ist es wahrscheinlich auch zu verdanken, dass einfach gar nichts an dem Buch erfunden wirkt. Selbst das Unaufgeregte und Beschauliche der fünftägigen Rückreise, auf der aber auch wirklich gar nichts Interessantes geschieht, hat seinen Reiz. Nur bei den mitunter seitenlangen Beschreibungen von Schiffsmahlzeiten während der Überfahrt und anderen belanglosen Reisedetails (Papierband am Koffer, Rettungsweste) wird es dann doch etwas zäh. Es sei der Weisheit des Alters nachgesehen, dass sie auch hierin noch das verlöschende Leben funkeln sieht.
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am 8. September 2010
Über manchen Romanen liegt ein gewisser Zauber, den man nicht mit einer Verdichtung von außergewöhnlichen Ideen oder einem überaus intensiv betrachteten Thema durch den Autor begründen kann. Aber der Leser weiß schon lange, dass ein gutes Buch nicht zwangsläufig mit einem inhaltsreichen Spannungsbogen auskommen muss. Obwohl man ebendas eigentlich bei "Kokoschkins Reise" erwarten müsste, schließlich berichtet Schädlichs Protagonist Kokoschkin über das an Greueltaten und falschen Hoffnungen nicht geizende Zwanzigste Jahrhundert. Es gibt also viel zu erzählen.
Räte in Russland, das Ende der Weimarer Republik sowie maligne nationalsozialistische Entwicklungen und Prager Frühling 1968 sind alle Stationen von Kokoschkins Leben, der wie zufällig von einer politischen Begebenheit in die andere purzelt, vom Regen in die Traufe.

Es ist der Verdienst von Hans-Joachim Schädlich, dass wir den Exilrussen Kokoschkin aber nicht, wie infolge der Umstände zu erwarten wäre, als einen gehetzten Flüchtling wahrnehmen. Wo die Historie eine ungeahnte Eigendynamik entwickelt hat, wird der Roman gegensätzlich unaufdringlich, leise.
Es wird keine Spannung aufgebaut, wir wissen, dass der sympathische Kokoschkin durch Glück im Unglück und durch Unterstützung seiner Gönner überlebt und mit der Queen Mary 2 nach Europa fährt, um die Stationen seines Lebens und die Erinnerungen, die diese Orte bereithalten, noch einmal wachzurufen. Immer wieder wird der Vergangenheitsbezug durch die Speiseszenen an Bord des Luxusdampfers durchbrochen, seitenlang wird über Etikette diskutiert, nur um zusätzlich Geschwindigkeit herauszunehmen. Je ruhiger, desto besser. Und das Erfolgsrezept geht auf.

Womit wir wieder bei dem Zauber wären; es ist der unaufgeregte, karge Sprach- und Schreibstil Schädlichs, der den Heimatentrissenen, den Heimatsuchenden entgegen aller unter Umständen angebrachten Dramatik wie jemanden aussehen lässt, der versucht, ein gewöhnliches Leben zu führen in einer ganz und gar ungewöhnlichen Zeit.
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Vor allem in der deutschen Literatur hat die Emigration etwas Schweres. Es spricht vieles dafür, dass in einem Land, in dem der Begriff Heimat etwas Mythisches an sich hat, die gewaltsame Trennung von den Wurzeln etwas besonders Schmerzhaftes in sich birgt. Zudem sind die erzählten und noch zu erzählenden Geschichten überdeckt durch die grausame Episode des deutschen Faschismus, der eine millionenfache Vertreibung zur Folge hatte, die in den meisten Fällen verknüpft war mit einer weiter gehenden Verfolgung und möglichen Ermordung, auch in der Fremde. Daher ist die Rezeption der Emigrantenromane auch immer gefärbt von der drückenden Last des niemals vergessen Wollens und der steten Mahnung, so etwas niemals mehr zulassen Dürfens, meist durch zu große pädagogische Mahnung.

Der Roman Hans-Joachim Schädlichs ist sehr gut dazu geeignet, das Thema der politischen Emigration aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen, nämlich der einer Art liberaler Schicksalsergebenheit. Fjodor Kokoschkin ist ein russischer Emigrant, den das Schicksal von Sankt Petersburg, wo sein Vater, ein berühmter Mediziner, der der Kerenski-Regierung angehört hat, von den Bolschewiki ermordet wurde. Seine Mutter flieht mit dem kleinen Fjodor zunächst nach Odessa und von dort aus weiter nach Berlin. Ihrem Netzwerk zu bekannten Künstlern der russischen Emigration ist es zu verdanken, dass sie überlebt und sogar für ihren Sohn einen Stipendiatenplatz in einem privaten Berliner Gymnasium findet, in dem dieser es bis zum Abitur schafft. Während er noch für sein akademisches Reifezeugnis büffelt, zieht es die Mutter, zusammen mit Mitarbeitern von Maxim Gorki nach Paris, wo sie sich niederlässt und viel später nach dem Krieg in Frieden stirbt. Fjodor Kokoschkin geht nach 1934 nach Prag, wo er nur knapp der deutschen Invasion entgeht und emigriert abermals in die USA, wo er es in Boston zu einem angesehenen Botaniker bringt.

Fjodor Kokoschkin geht ein letztes Mal auf Reisen und besucht die Stationen seines Exils, meist reicht es ihm, nur die Nähe früherer Aufenthalte zu wittern, um sich wieder abzuwenden und dem nächsten Ziel zuzuwenden. Seine Rückfahrt bestreitet er auf einer Schiffspassage von Southhampton nach New York. Die Tage der Überfahrt bilden erzählerisch die Zäsuren zwischen den einzelnen Exilstationen, die für sich das Dunkle einer solchen Entwicklung illustrieren, aber kontrapunktisch immer wieder aufgehoben werden durch die Konversation des nunmehr weltläufigen Greises mit den anderen Passagieren.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, als sei die ganze Entwicklung ein Segen für Kokoschkin gewesen, der etabliert im edlen Beacon Hill Bostons residiert und auf etwas zurückblickt, dass er lange hinter sich hat. Der lakonische Erzählstil trägt dazu bei, dass das Wissen um die verheerenden Ereignisse der jüngeren Geschichte Europas nicht immer zu Beklemmung führen muss. Für einige wenige war es auch eine glückliche Fügung, so ironisch kann die Geschichte sein.
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am 12. April 2010
Kokoschkins Wiedersehens-Reise nach Alt-Europa endet in der Atlantiküberquerung während einer Septemberwoche 2005 an Bord eines Passagierdampfers von Southampton nach New York. Wie in einem Logbuch wird die sechstägige Schiffsfahrt protokolliert und gibt der Erzählung, die das komplette 20. Jahrhundert Europas umfasst, den lakonischen Rahmen. Irritierend wirken die minutiösen Auflistungen der Speisen an Bord oder das zuweilen gnadenlos banale Gespräch der zufälligen Tischgesellschaft. Doch Schädlich umreißt damit die Persönlichkeitsstruktur des 95-jährigen reisenden Greises Kokoschkin. Unsentimental und distanziert sieht er auf die Stationen seines Exils zurück - stärker scheinen ihn die Reize seiner Tischnachbarin Olga zu interessieren. Den erzählerischen Kern des Buchs machen freilich die in der Rückschau auf die Europareise vergegenwärtigten Erinnerungen seiner Flucht- und Lebensstationen aus: Als Kind flieht er vor den Bolschewisten von Petersburg nach Odessa, als Schüler lebt er in Berlin und im Internat von Templin, als Student flieht er vor den Nazis nach Prag. Der Ausgang aus Europa in die USA ist die nächste Etappe seines Exils. Kokoschkin aber kehrt im "Prager Frühling" 1968 nach Prag zurück. Wie ein Seismograph registriert er die brüchige Freiheit und ihr drohendes Ende. Am Tag vor dem russischen Einmarsch setzt er sich nach Wien ab. Die Flucht, der Ausweg des Exilanten, ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Diese letzte gelingt quasi somnambul.
Als er am 14. September 2005 auf der letzten Etappe eines langen Lebens im Hafen von New York ankommt, heißen die letzten beiden Sätze des Buchs: "Nach Boston. Nach Hause."
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am 4. September 2012
Eine Kreuzschiffreise mit der Queen Mary 2, des Ich-Erzählers Kokoschkin,
von Southhampton nach New York, ist der Anfang dieses neuen Romans von Hans-Jochachim Schädlich.

Man vermutet nicht, das es für ihn eine Reise in die Vergangenheit ist. Jedoch angenehm zu lesen, aufschlußreich und nicht rührig oder brutal, erzählt Schädlich
hier ein Zeitmonument der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hierbei geht es nicht um Abrechnung oder politischer Aufklärung, es ist ein Roman der berührt, erfreut und absolut empfehlenswert ist.

Lesen Sie los!

Anja Ciaxz
04. September 2012
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am 8. Juli 2010
Ein ganzes Jahrhundert stellt uns Autor Hans Joachim Schädlich vor: Er lässt den Protagonisten seines Romans, den Exilrussen Kokoschkin, im Jahre 2005 auf eine Schiffspassage von Europa nach New York und dabei in das Reich seiner Erinnerungen gehen, vor allem an die Schlüsselorte seines Lebens. Mit seinen 95 Jahren erinnert der alte Mann sich, erzählt leichtfüßig wie knapp seine Geschichte von Vertreibung, Flucht und Exil.

Es ein großes Konvolut an geschichtlichem Material, das Hans Joachim Schädlich in seinem neuen Roman "Kokoschkins Reise" zusammentragen hat - im Nachhinein wundert sich der Leser, dass das alles in nur sechs Kapitel und auf nicht einmal 200 - und keinesfalls eng bedruckten - Seiten passte. Ganz offenbar beherrscht Schädlich die Kunst der sprachlichen Verknappung zu poetischen, hochverdichteten Momenten innerhalb eines präzisen Erzählrahmens. Nichts Überflüssiges, nichts Ausschmückendes, kein Wort zu viel findet sich in diesem Werk, auch wenn alle Jahreszahlen stets ausgeschrieben werden. Die ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie rücksichtlos manch andere Autoren viele Hundert Seiten produzieren, auf denen der Leser fast nichts erfährt.

In bemerkenswerter zurückhaltender Distanz erzählt Schädlich vom Leben des emeritierten Biologen Fjodor Kokoschkin, der im Jahre 1910 geborenen und 1918 aus Russland fliehen musste: Während der Oktoberrevolution wird sein Vater, Mitglied der liberalen Übergangsregierung nach der Abdankung des Zaren, von den Bolschewiki ermordet.

Für den achtjährigen Fjodor und seine Mutter beginnt damit eine jahrzehntelange Odyssee: Flucht ins ukrainische Odessa, wo sie die Bekanntschaft von Iwan Bunin, dem russischen Schriftsteller und ihrem späteren Schutzherrn machen. Von dort geht es weiter in das Berlin der Weimarer Republik. Seine Mutter - immer im Dunstkreis des russischen Schriftstellers - verlässt Berlin 1925 und geht nach Paris. Nach Schule und Studium in Berlin bzw. Prag emigriert Kokoschkin selber 1934 nach Boston, wo er seitdem "zu Hause" ist.

Gefühle wie Trauer, Schmerz, Liebe blitzen zwischen den Zeilen dieses kleinen Romans immer wieder hervor wie kleine, gefasste Edelsteine, besonders anrührend auch die Mutter-Sohn-Geschichte. Brillant wahrt Schädlich die Balance zwischen dem erlebten persönlichen Schicksal und dem Weltgeschehens im 20. Jahrhundert. Am Beispiel Kokoschkins Lebens erleben wir die großen politischen Wirrnisse und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, die Heimatlosigkeit, die Flucht und das ständige Abschiednehmen.

Seinen Roman hat Schädlich in zwei Handlungsstränge aufgeteilt: In dem einen erleben wir den Romanhelden bei seiner fünftägigen Fahrt auf der "Queen Mary 2" von Southampton nach New York, im zweiten Teil begleitet der Leser ihn in erzählten Rückblenden, die immer wieder durchsetzt von gegenwärtigen Schilderungen der Unterhaltungen auf dem Schiff sind, durch sein bewegtes Leben, das im von den Bolschewiken besetzten St. Petersburg beginnt, über das nationalsozialistische Berlin schließlich zum Botaniker in die USA führt.

Das Buch wechselt dabei mit Kokoschkin und seinem Reisebegleiter Jakub Hlavacek, einem alten Bekannten aus Prager Zeiten, beständig zwischen den Zeitebenen und Wirklichkeitsausschnitten hin und her: Petersburg 1918, Petersburg 2005, Odessa 1920, Berliner in der Gegenwart und 85 Jahre zuvor, Prag von 1933 und 1968.

Schädlich weiß um die Ingredienzien eines guten Romans: Vorstellungskraft, Entwicklung und Sprache. Gelungen ist ihm die Rückschau seines sich erinnernden, erstaunlich vitalen und wachen Helden, gelungen sind seine komplexen und spielerischen Rücksprünge in die Vergangenheit des nach siebzig Jahren Emigration in seine russische Heimat zurückkehrenden Kokoschkin.

Fazit: Ein Roman, der man zwei Mal gelesen werden will.
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am 22. Mai 2010
Fjodor Kokoschkin, ein 95 jähriger Exilrusse, lebhaft in Boston USA war Zeit seines Lebens auf dem Weg in eine Welt, die ein Leben lebbarer macht. Eine (womöglich) letzte Reise nach Europa und Russland führt ihn nach vielen Jahren an Schlüsselszenen und -orte seiner Kindheit und Jugend. Gemeinsam mit seinem alten tschechischen Bekannten Hlavacek begeht er die Reise in die Vergangenheit um die Stationen seines Exils noch einmal zu besuchen. Die anschließende Schiffspassage am Rückweg von Southampton nach New York dient ihm der Reflexion der Stationen seiner Reise und seines Lebens.

Vor den Bolschewisten sind sie geflohen - 1918 nachdem der Vater, Minister der einzigen demokratischen Regierung Russlands in einem St. Petersburger Krankenhaus getötet wurde - der Junge und seine Mutter. In Odessa sind sie gerade noch angelangt, um über die Türkei weiter nach Berlin zu kommen. Sogar die kostenlose Einschulung in ein Internat gelang dem Jungen durch die Finessen seiner Mutter und ihrer Bekannten. Doch während seiner Studienzeit in Berlin wurde die politische Entwicklung der 30er Jahre für den Exilrussen untragbar, so kam er nach Prag, von wo ihm schließlich die Einreise in die USA bewilligt wurde.

Die sechs Tage der Heimreise nützt Kokoschkin nicht ausschließlich zur Reflexion, sondern auch ein wenig zur Koketterie mit der amerikanischen Architektin Olga Noborra. Die Rahmenhandlung der Schiffsreise zeigt einige amüsante Charaktere, die mit ihren Tischgesprächen die Reise unbeabsichtigt komisch gestalten. Jeder Tag für sich beginnt mit den Gepflogenheiten am Schiff und mündet in der Erinnerung, die beide Ebenen der Reise in die Vergangenheit und diese tatsächlich lebendig werden lässt.

Der Roman ist überaus gehaltvoll und tönt dennoch unbeschreiblich leise. Ohne Groll, ohne nachtragend zu sein, erlebt und erzählt Kokoschkin, in dem Bewusstsein, die Bremse selbst in der Hand zu haben (z.B. vor dem Krankenhaus in St. Petersburg). Schädlichs bestechend nüchterne Erzählweise hat mich wahrlich beeindruckt. Die Knappheit von Sprache und die Offenheit, das Direkte der Erzählung entwickeln einen unsagbaren Sog, der kaum Lesepausen zulässt.

Fazit: Ein Erlebnis versöhnlicher Vergangenheitsbewältigung!
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am 11. November 2015
Das Buch gibt wichtige Hinweise auf Personen der Vergangenheit ( Revolution in Russland, Exil etc.). Namen, von denen wir im Osten vor der Wende nichts hörten. So können wir unser Wissen immens vertiefen.
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am 28. November 2015
Die knappe und genaue Art zu erzählen, treibt die Geschichte voran und lässt dem Leser genug Raum für eigene Illustration.
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am 7. März 2011
Lieferung kam pünktlich und unversehrt an. Hab das Buch als Geschenk bestellt - der Beschenkte hat es sich selbst ausgesucht.
Sonst alles prima - wie immer bei Amazon!!!
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