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am 27. April 2006
"Der Wendepunkt" ist aufgrund seiner Fülle an Einblicke und Informationen über das Deutschland, und später fast über die gesamte westliche Welt, von 1906 bis 1945 unentbehrlich für jeden Leser. Es fängt schon überaus interessant an, mit einem Diskurs über die Kindheit der Mann-Brüder Heinrich und Thomas, geht dann weiter über die Anfangsphase der Beziehung zwischen Thomas und Katia Mann und endet dann mit der Geburt von Klaus. Nun beginnt eine farbenprächtige Geschichte, beginnend mit der Kindheit im Hause Mann, der Mutter die die Geschicke im Hause leitet, der Vater der sich eher aus allem raushält und arbeitet, sich nur zwischendurch mal einschaltet. Die Jugend in der schon klar wird, das Klaus Mann der Kunst verfallen ist, er ist nicht so wie Mitschüler und Nachbarskinder. Sehr interessant auch die Beschreibungen der Personen die im Hause Mann ein- und ausgingen wie Gerhart Hauptmann und Stefan Zweig um nur zwei zu nennen. Die ersten Reisen ins Ausland, alles ganz genau beschrieben, man kann es fast schmecken, fühlen, riechen, die ersten Veröffentlichungen, am besten unter anderem Namen, um nicht im Schatten des Vaters zu stehen. Dann irgendwann das Exil. Vielleicht der interessanteste Teil dieser Autobiographie, denn Klaus Mann beschreibt derart lebendig das Leben der Exilanten, der Künstler und Intellektuellen aus aller Welt, das man meint dabeigewesen zu sein. Überaus aufschlussreich seine kleinen Anekdoten zu Sinclair Lewis, Upton Sinclair, Andre Gide, Carson McCullers, Thomas Wolfe, Emil Jannings, Greta Garbo, Richard Strauss u.v.a. Diese Liste ist so lang, dass man meinen könnte Klaus Mann kannte sie alle! Zu Beginn der 30er Jahre startet dann leider die grosse Suizid-Welle in den Intellektuellen Kreisen und somit auch in dem Freundeskreis Klaus Manns, was diesen natürlich stark berührt und auch bei ihm erwachen Zweifel über sein Fortleben. Deutlich erkennbar ist auch die Hinwendung zur Politik. Anfangs ist er noch der unbeschwerte junge Mann der Spass am Leben hat (kann er auch haben, macht er sich ja keine Gedanken wo das Geld herkommt für die vielen Reisen), doch irgendwann gibt es kaum noch einen Brief, einen Tagebucheintrag (die beiden letzten Kapitel bestehen nur aus solchen) in dem er nicht über politische Themen schreibt.

Dies ist ein Buch von und über jemanden der als Kind den Ersten Weltkrieg mitgemacht hat (in einer fast naiven Kindlichkeit geschrieben, als wäre er tatsächlich erst acht als er es schrieb. Grossartig!), der das große Chaos der 20er Jahre erlebt hat und teilweise recht bissig-ironisch beschreibt, der früh aus Deutschland geflüchtet ist, der immer gegen den Faschismus gekämpft hat, zuerst ausschließlich in schriftlicher Form durch Herausgabe einer Zeitschrift, später dann als Soldat der US-Army, der als Deutscher geboren zu einem Weltbürger mit amerikanischer Staatsangehörigkeit werden wollte (er schrieb in seinen letzten Jahren nur noch auf englisch) und jemand der leider für sich keine Perspektive mehr gesehen hat und dann freiwillig aus dem Leben schied.

Ein Buch, das in keinem Bücherregal fehlen darf, weil es soviel hergibt, in einer Sprache mit der wohl die meisten Geschichtsbücher nicht mithalten können, denke ich.
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am 5. November 2006
Ich habe vor einigen Jahren angefangen, die Bücher Thomas Manns zu lesen und war so beindruckt, dass ich mich über die ganze Familie zu informieren begann. Dabei stieß ich dann auch auf Klaus. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass Klaus viel mehr ist als nur der Sohn von Thomas und ich verschlinge mit Faszination alle seine Werke. Der Wendepunkt ist eine wirklich bemerkenswerte Autobiografie, da man die gesamte Epoche besser verstehen lernt und und in einen geradezu persönlich anmutenden Kontakt mit berühtmen Persönlichkeiten tritt. Ich bin ganz beeindruckt, wie es Klaus Mann gelingt, so von Menschen zu schreiben, dass man wirklich meint, sie zu kennen und zu verstehen. Daneben ist die gesamte Beschreibung des deutschen Exils geradezu atemberaubend spannend. Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Auch ist es interessant im Wendepunkt wahre Begebenheiten aus dem Leben Klaus Manns zu entdecken, die so ähnlich in seinen Romanen wieder auftauchen. Da fällt mir als erstes diese halb bestürzende, halb komische Episode ein, als Klaus mit befreundeten Emigranten in einem Pariser Restaurant von einer Amerikanerein beschimpft und bespuckt wird. Dieser Zwischenfall taucht dann so ähnlich im Eingangskapitel des Vulkans auf. - Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben, denn ich liebe dieses Buch. Deshalb nur: unbedingt lesen!!!
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am 27. Mai 2000
Wer von dieser Autobiografie Klaus Manns intime Einsichten in Liebesdinge (Klaus Mann hat seine Homosexualität offen gelebt), oder tiefe Einblicke in seine Drogensucht erwartet, wird enttäuscht werden. Dies Buch ist vielmehr der Bericht über das Zeitgeschehen der zwanziger Jahre, mit Inflation und Kulturbetrieb, den heraufkeimenden Nationalsozialismus und ab 1933 dem Exil. Klaus Mann beschreibt auf den siebenhundert Seiten seine Entwicklung vom begabten, verantwortungslosen Bohemien zum politisch handelnden Menschen. So bezeichnet der Titel "Wendepunkt" vor allem die Entscheidung Klaus Manns, 1942 in die amerikanische Armee einzutreten, um gegen Deutschland zu kämpfen. Wir erfahren viel über die Künstler und Intellektuellen, die Deutschland verlassen haben, um in Frankreich, der Schweiz, aber vor allem in der USA, im Exil zu leben: ihre Probleme, Hoffnungen, Fehleinschätzugen. Was Geschichtsbücher oft nicht verständlich machen, wird in diesem Buch wie im Vorbeigehen beleuchtet. Als Klaus Mann im Juli 1942 im Tearoom eines Müchner Hotels Hitler Erbeertörtchen essen sieht, kann er nur denken, "Du willst Deutschland beherrschen? Diktator willst du sein - mit der Nase? Daß ich nicht kichere. Du kommst nie zur Macht" - so wird klarer, warum viele liberale Intellektuelle Hitler noch so lange unterschätzen konnten. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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am 4. Mai 2011
Gleichberechtigt neben den Erinnerungen "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig stehen für mich die Lebenserinnerungen Klaus Manns. Zeitlebens eine tragische Gestalt, die seit Jugendzeiten von Suizidabsichten heimgesucht wurde, erweist sich Mann als ein hoch gebildeter Kosmopolit, der im Gegensatz zum Gros der deutschsprachigen Exilschriftsteller immer den Anschluss an die einheimischen Autoren des Landes suchte, in dem er sich gerade aufhielt. Das Los des kämpferischen Antifaschisten, der im Kampf gegen Hitlerdeutschland eine Lebensaufgabe gefunden hatte und nach 1945 in ein tiefes Loch fiel und fortwährend mit Drogenproblemen zu kämpfen hatte, wurde vom Bruder Golo in den "Erinnerungen an meinen Bruder Klaus" (zu finden in dem Band Klaus Mann: Briefe und Antworten) geschildert: "1937 habe ich in Prag erlebt, wie es mit ihm stand, wenn die schurkische Quelle versagte, die Qual des Wartens, die Jagden durch die Stadt von einer Apotheke zur anderen [...]." Rastlos durchwanderte der Sohn Thomas Manns die Hotels in Europa und den USA, luxuriöse und schäbige. Im Oktober 1941 intensivierte er seine Bemühungen, in die US-Armee aufgenommen zu werden. Diese Bemühungen fallen zusammen mit schier übermächtigen Todessehnsüchten, die er seinem Tagebuch anvertraut, nur um sie später "ungefiltert" dem ohnehin nur aus, teilweise fingierten, Tagebucheintragungen und Briefen montierten Kapitel "Entscheidung" seiner Autobiografie beizufügen. Liest man die Eintragungen, so entsteht der Eindruck, Klaus Mann habe sich mit dem Mute der Verzweiflung in den Kriegseinsatz gestürzt: "15. Oktober [...] Depression hält an. 20. Oktober [...] Traurigkeit. 24. Oktober [...] Der Todeswunsch. 25. Oktober. Der Todeswunsch ' sonst nichts. 26. Oktober. Der Todeswunsch... (Wie lange erträgt man das?) 27. Oktober. Der Todeswunsch. Ich wünsche mir den Tod. Der Tod wäre mir sehr erwünscht. Ich möchte gerne sterben. Das Leben ist mir unangenehm. Ich mag nicht mehr leben. Es wäre mir äußerst lieb, nicht mehr leben zu müssen. Der Tod wäre mir entschieden angenehm. Ich wünsche mir den Tod. 1. November. Immer noch am Leben ... Die Arbeit hilft, ein wenig." (S. 600 f.) Neben solch tragischen Einschüben präsentiert der "Wendepunkt" ein schier unerschöpfliches Tableau an Persönlichkeiten, denen Mann begegnete, sei es in Europa, sei es in den USA. Sein Enthusiasmus angesichts mancher Schriftstellerkollegen und Künstler ist ansteckend, da aufrichtig und sympathisch geschrieben. Wer eine anregende und mitreißende Schilderung der (internationalen) Kulturbewegungen insbesondere während der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts, während des deutschsprachigen literarischen Exils und in der Nachkriegsepoche sucht, kommt an diesem Meisterwerk nicht vorbei. Dieser Band wurde vorzüglich ediert, umso unverständlicher, dass er, wie die anderen Werke des Autors, zurzeit nur als Taschenbuch vorliegt.
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Klaus Mann hatte auf Grund seiner illustren Herkunft Gelegenheit, mit vielen meist bedeutenden künstlerischen (manchmal auch politischen) Vertretern seiner Zeit Bekanntschaft und auch Freundschaft zu schließen. Aus heutiger Sicht war er ein ausgesprochen moderner Mensch, ein Kosmopolit, geistreich, gebildet, von hoher moralischer Sensibilität und schließlich überzeugend in seinem demokratischen Engagement. Insofern ist seine Autobiografie als kulturgeschichtlicher Bericht eines Zeitzeugen mit Gewinn zu lesen.

Nichtsdestoweniger habe ich sie ziemlich enttäuscht beiseite gelegt und die verbleibenden der über 700 Seiten schließlich immer schneller überlesen. Der Grund: Ich habe von diesem "Lebensbericht" erwartet, dass er mir Aufschluss geben würde über den schillernden Charakter seines Verfassers. Stattdessen handelt es sich um einen Zeitzeugenbericht von klassischer Ausgewogenheit, mit vielen geistreichen Schilderungen und Reflexionen, auch amüsanten oder aufschlussreichen Anekdoten, das alles in einem unaufhörlichen, wortreichen Parlando. Vielleicht wollte Klaus Mann so demonstrieren, dass er eine souveräne Kontrolle über sein Leben ausübte. Er schreibt über die Welt um sich herum mit der ständigen Tendenz zu universalen philosophischen und politischen Aussagen. Was es kaum gibt, das ist eine offene, existenzielle Selbstreflexion.

Ein Beispiel: 1937 befindet er sich plötzlich in Budapest, "wo ich eigentlich nichts zu suchen hatte" (510). Wir erfahren, dass er dort kurz vor Ausbruch des Krieges ein wahres Babel, einen moralischen Sumpf vorfindet, in dem er gleichwohl selbst sein Vergnügen sucht, ohne allerdings - wie er sagt - in Exzesse zu geraten. Vielmehr reflektiert er bei dieser Gelegenheit über die geistige Situation vor dem Krieg, dem Tanz auf dem Vulkan, über die Möglichkeit des Vergessens für den "geistig wachen Menschen". Nichts davon, dass er sich hier einer ersten Drogen-Entziehungskur unterzog, nichts davon, dass seine ständig wechselnden homosexuellen Beziehungen auch Leid und Bindungsunfähigkeit bedeuteten. So gut wie nichts auch im ganzen Buch über die problematische Beziehung zu seinem berühmten Vater. Schließlich hat man als Leser auch ständig im Hinterkopf, dass der Verfasser sich kurz nach Abschluss dieser "Autobiografie" selbst umbrachte.

Gelegentlich gibt es Einbrüche: So liebäugelt er einmal mit der Möglichkeit, über das "schöne und trübe Thema" (426) der Liebe zu schreiben. Er tut es nicht, vielleicht - so sagt er - aus Scham und Vorsicht, besonders aber nicht, weil er sich das Thema für "künstlerische Gestaltung" (426) aufheben will. Aber es bleibt beim Vorsatz, auch Jahre später: "Kann ein Roman ganz ernst, ganz aufrichtig sein? Vielleicht. Aber ich will keinen schreiben; Ich bin müde aller Masken...Ich will nicht mehr lügen... Ich will bekennen." (590f.).

Klaus Mann präsentiert sich als jemand, der zwar überall dabei war, aber immer an sich selbst vorbei schrieb. Es heißt, dass der Stil den Mann charakterisiert. Das gilt hier nur in einem sehr indirekten Sinn, denn dieser Stil sollte seinen Verfasser wohl eher verbergen.
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am 2. August 2014
Bekanntlich wird Klaus Mann in der Literaturkritik gern als „gescheiterter Sohn eines großen Schriftstellers“ dargestellt. Von diesem Klischee mag jeder halten, was er will. Möglicherweise sind seine Romane für manche Leser tatsächlich nicht sehr ergiebig. (Ich konnte zum Beispiel seinen „Mefisto“ vor lauter Langeweile wirklich nicht zu Ende lesen.) Bei diesem Buch handelt es sich aber um etwas anderes, um die Autobiographie eines Menschen, der nicht nur aufgrund bestimmter Umstände ein interessantes Leben in verschiedenen Hinsichten hatte, sondern auch die Fähigkeit, das Geschehen um ihn herum in einem breiteren Kontext begreifen, beurteilen und beschreiben zu können. Insofern ist das Buch schon allein aus historischem Interesse von Bedeutung, obwohl man Klaus Mann – im Unterschied zu vielen anderen Literaten seiner Zeit – die Kunst des Schreibens in einer kultivierten, ausdrucksreichen und zuweilen auch sehr unterhaltsamen Form nicht absprechen kann. Es ist durchaus möglich, daß er den Rang eines bedeutenden Schriftstellers erreicht hätte, wenn er länger gelebt, seine Prioritäten anders gesetzt und seine Persönlichkeit und schriftstellerische Tätigkeit hätte reifen lassen. Vielleicht fehlte ihm die Ausgeglichenheit und Geduld dazu; von einer bewußten Abgrenzung oder gar Konkurrenz zu seinem Vater kann jedenfalls – sofern man dieser Darstellung Glauben schenken kann – keine Rede sein. Wie auch immer, dieses Buch kann für viele Fragestellungen in bezug auf seine Person, Familie oder die damalige Zeit aufschlußreich sein.

In zwölf Kapiteln beschreibt Mann die einzelnen Abschnitte seines Leben, und zwar weniger aus der Sicht eines Erzählers aus späterer Zeit, der kritischen Abstand zu seiner Vergangenheit bewahrt, sondern vorwiegend tatsächlich so, wie er es damals wahrgenommen und empfunden hatte. Das ist insofern gut, indem man die jeweiligen Lebensphasen und ihre Problematik psychologisch besser nachvollziehen kann. Allerdings ergibt sich daraus auch in formaler Hinsicht eine ziemlich ungleichmäßige Darstellung: Einige Abschnitte sind lebhaft und witzig geschrieben, zuweilen mit leicht ironischen Kommentaren versehen (so etwa die über die Kindheit oder später über die Reise mit seiner Schwester Erika nach Amerika und Asien); bei anderen überwiegt wiederum eher eine düstere Stimmung (vor allem die Kapitel übel Exil nach Hitlers Machtergreifung in Europa und später in Amerika, bevor er selbst während des Krieges zum amerikanischen Soldaten geworden ist). Dementsprechend sind auch nicht alle Passagen des Buches gleich interessant und leicht zu lesen. Seine Beschreibungen des Alltagsleben, der Personen oder Ereignisse sind meistens geistreich und ziemlich zutreffend, Schilderungen darüber, was er z.B. alles in seiner Jugend gelesen hat, mit entsprechenden Kommentaren, dürften einem Leser von heute eher von geringerem Wert und Aussagegehalt vorkommen. Das trifft auch zum Teil für seine zahlreichen Charakteristiken von (damals wohl allgemein bekannten oder gar berühmten) Personen zu, mit denen er irgendwann befreundet oder im Kontakt war.

Insgesamt bietet Manns Darstellung der Künstler- Schriftstellerkreise der zwanziger und dreißiger Jahre interessante Einblicke ins Leben und Denken vieler einzelnen Personen sowie in das ganze Milieu, in dem er sich bewegte. Viele der Menschen, die er für besonders begabt, berühmt oder gar bedeutend hielt, sind nichtsdestoweniger, bis auf wenige Ausnahmen, heute (ob mit Recht oder mit Unrecht) längst vergessen. Die in diesen Kreisen ungewöhnlich hohe Selbstmordrate (in zwei Fällen handelte es sich sogar um Manns engste Freunde) ist nicht allein durch die politischen Umstände, sondern auch als psychologisches Phänomen zu erklären. Mann spricht selbst mehrere Male von einer Todessehnsucht, die auch als literarisches Motiv ziemlich beliebt gewesen zu sein scheint, folgt aber dem Beispiel seiner Freunde erst einige Jahre später.

Vom ideengeschichtlichen Interesse dürften auch seine politischen Ansichten sein, die er seit etwa der Hälfte seiner Darstellung zum Ausdruck bringt. Im Unterschied zu vielen Zeitgenossen erkannte Klaus Mann mit größter Klarheit alle zivilisations- und menschenfeindlichen Aspekte der faschistischen bzw. nationalsozialistischen Weltanschauung und lehnte sie von Anfang an entschieden und eindeutig ab. Während der italienische Faschismus nur am Rande erwähnt wird (unter Mussolini sei Italien nicht sympathisch gewesen), hatte Mann die Gelegenheit Hitler und seine Anhänger aus der Nähe zu beobachten (Hitler traf er sogar persönlich einmal in einem Münchener Kaffee) und beschrieb ihn als primitiv, falsch, widerlich und giftig. Nach dessen Machtergreifung warnte er andauernd vor der Gefahr des Hitler-Regimes für die zivilisierte Welt, freilich ohne im Exil viel Gehör zu finden, ehe die Destruktivität dessen Vorhaben tatsächlich zum Tragen kam. Daher mutet es doch ziemlich befremdlich, wenn auch angesichts des damaligen intellektuellen Zeitgeistes nicht überraschend, wie der in bezug auf den Nationalsozialismus so scharfsinnige, ansonsten eher unpolitische Kritiker angesichts der zweiten totalitären Ideologie – des Kommunismus, und dessen konkreter Verwirklichung in der damals stalinistischen Sowjetunion die gleichen beträchtlichen Wahrnehmungsdefizite aufweist wie viele seiner politisch engagierten Zeitgenossen.

Bezeichnend dafür ist seine Beschreibung des Schriftstellerkongresses in Moskau 1934, an dem er teilnahm und zu dem er anschließend eine scheinbar ambivalente Haltung annahm. Einerseits scheint er beeindruckt vom Stil und der Größe der Veranstaltung und dem „Anteil, den die Massen an den Problemen und Leistungen der Schriftsteller nahmen“, andererseits stören ihn einige Züge des Regimes, die er offensichtlich trotz der ihm gezeigten potemkinschen Dörfer dennoch wahrnahm: den Personenkult um Stalin sowie den starren Dogmatismus im Denken, der auch während des Kongresses vor allem bei den dort anwesenden unumstrittenen Autoritäten um Maxim Gorki zum Ausdruck kamen. Er versucht aber selbst die von ihm beobachteten Mängel und Unstimmigkeiten als Kinderkrankheiten eines jungen Staatswesens zu entschuldigen. Eine ähnliche, sich selbst verordnete, aber wenig überzeugende, Ahnungslosigkeit bringt er zum Ausdruck, wenn er (schon im amerikanischen Exil) über den Hitler-Stalin-Pakt erfährt und nur mit höchst unsicheren Konstrukten als eine vorübergehende Notlösung, zu der die Sowjetunion durch die „Appeasement-Politik“ des Westens gegenüber dem Faschismus gedrängt wurde, oder ähnliches wegzuerklären sucht, und scheint sichtbar erleichtert, als diese unheilige Allianz durch Hitlers Überfall auf Rußland zu Ende ist. Ähnlich unglaubwürdige Erklärungen (als eine Art strategische Vorsichtsmaßnahmen) erfindet er für die Schauprozesse oder auch den russischen Überfall auf Finnland. Seine Werturteile in bezug auf das Sowjetregime waren somit nicht durch vollständige Unwissenheit über das reale Geschehen, sondern durch die Illusion geprägt, die er sich über eine neue Weltordnung, die bei ihm zwar nicht durch die Sowjetunion allein verkörpert, aber zumindest deren wesentlicher Teil war. Die russischen Emigranten, die er schon in den zwanziger Jahren a.a. in Berlin antraf, betrachtete und beschrieb er als bloße Witzfiguren, die möglicherweise früher selbst ihre Untertanen unterdrückt hatten und später mit einigen Wertsachen geflüchtet sind, um sich ein einigermaßen angenehmes Leben fern von Mütterchen Rußland leisten zu können. Seine allgemeinen Vorbehalte gegen den Kommunismus erklärt er durch seine eigene Lebenshaltung eines unpolitischen Schriftstellers, der eher an den individuellen ästhetisch-erotisch-religiösen Aspekten des Menschen interessiert sei, die der Kommunismus als Weltanschauung nicht erfassen oder erklären kann. Ziemlich dürftig angesichts der verübten Massenverbrechen, deren Ausmaß er vermutlich nicht ahnte, die ihm jedoch kaum gänzlich verborgen bleiben konnten und es auch nicht waren. Daß er sie zu rechtfertigen suchte, zeigt nur wieder ein Beispiel für die große Widerstandskraft des hoch ansteckenden Virus, der die Wahrnehmungsfähigkeit vieler Intellektuellen einseitig ausschalten kann. Man sollte es vielleicht lieber als historisches Dokument einer Denkweise betrachten, die durch die Dominanz eines bestimmten Feindbildes stark beeinfluß wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Mann seine verzerrte Wahrnehmung später (z.B. nach Stalins Tod und den darauffolgenden teilweisen Enthüllungen seiner Verbrechen) korrigiert, wenn er weitergelebt hätte.

Einige Wahrnehmungsdefizite bezogen sich allerdings auch auf politische Sachverhalte oder Personen, die mit den Sympathien für die Sowjetunion nichts zu tun haben. Ein markantes Beispiel stellt etwa Manns Beschreibung des damaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš (von Mann völlig bedenkenlos phonetisch als „Benesch“ geschrieben), den er persönlich kannte und vermutlich schätzte. Eigentlich hätte Mann all die von ihm geäußerten auf angeblich äußerst rationalen strategischen Überlegungen beruhenden Behauptungen als äußerst irreführende Illusionen enthüllen oder zumindest später nachprüfen können. Daß Beneš in Wirklichkeit kein mit rationaler Einsicht und diplomatischer Klugheit begabter Stratege und mit Weisheit und Voraussicht zum Wohl seines Vaterlandes handelnder Staatsmann war, sondern vielmehr ein selbstgefälliger Intrigant, der mit größter Sicherheit die Situation fast immer völlig falsch einschätzte, für sich aus der Notlage aus eine fast diktatorische Vollmacht beanspruchte, dabei aber verkehrte Entscheidungen traf und die Tschechoslowakei zweimal kampflos einer fremden Macht auslieferte, was sich bald nicht als ihre Rettung, sondern eher als Verderben herausstellte, konnte Klaus Mann bei seinem Besuch nicht wissen. Seine Darstellung des klugen und verantwortungsvollen Mannes an der Spitze der tapferen Tschechoslowakei, die seiner Familie ihre Staatsangehörigkeit gewährte, mutet dennoch ziemlich befremdlich an.

Trotz aller Bedenken in bezug auf bestimmte Seltsamkeiten und zum Teil kaum nachvollziehbare Ansichten des Autors bietet das Buch eine große Menge Material zum Nachdenken oder Nachhaken und stellt in dessen Gesamtheit ein wertvolles Dokument über des Geschehen und den Zeitgeist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Es erschien ursprünglich in Amerika und wurde auf Englisch verfaßt; die deutsche Fassung weicht vom Original ab, Mann hat sie selbst fast vollständig überarbeitet und ergänzt; die letzten Kapitel bestehen nur noch aus seinen Tagebucheinträgen und schließlich Briefen an Familienangehörigen und Freunde, die dennoch ein Bild seines damaligen Lebens bieten, das er jedes Mal mit ausführlichen Überlegungen zu verschiedenen Themen kommentierte, vor allem der Zeit in der amerikanischen Armee und noch einige Zeit danach. Das Nachwort (in der Ausgabe von 1984) stammt von seinem Neffen Frido Mann.
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am 19. Mai 2016
Ich habe vor einem Jahr Klaus Manns Roman "Der Vulkan" für die Uni gelesen und war begeistert vom Schreibstil dieses, doch eher verkannten, Autoren. "Der Wendepunkt" ließt sich sogar noch besser als "Der Vulkan". Eine der wenigen literarischen Autobiographien, die mir wirklich gut gefallen hat.
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am 18. März 2011
Die Autobiographie von Klaus Mann. Man muß diese gelesen haben, um mehr von der Familiengeschichte der "Manns" zu verstehen. Eine Leseempfehlung !
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am 21. Juni 2013
Diese Buch ist wie ein völlig neues Buch und ist scheinbar nicht benutzt.
Es ist viel besser als ich erwartet habe
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