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am 22. November 2004
Was soll man zu diesem Buch sagen? Zumal man ständig denkt, es sei bereits alles, was auch nur gesagt werden könnte, bereits mehrfach gesagt worden. Zweifelsohne gehört die „Reise" zu einem der einflussreichsten Romane des zwanzigsten Jahrhundersts, um so erstaunlicher ist es, dass hier das erstemal die vollständige Übersetzung vorliegt.
Celines Meisterstück ist vor allem ein sehr moderner Roman, sowohl inhaltlich, als auch formal sprachlich (dieses ist natürlich zum Teil im zeitlichen Rahmen der Entstehung zu sehen). In Episoden führt Celine den Leser durch die Welt, durch die große wie die kleine. Jeder ist somit fast unmittelbar mit auf der „Reise", und diese beginnt unwahrscheinlich schnell (die Geschwindigkeit lässt zum Ende hin allerdings sehr nach). Man hastet über Kontinente, Meere und Gesellschaften und - was vielen Lesern besonders aufzufallen scheint - Celine verwirft fast alles.
Ferdinand Bardamu nimmt als Freiwilliger am ersten Weltkrieg teil. Doch sobald er eine Idee vom Krieg hat will er weg. Jede Art von Heldentum ist ihm suspekt, er ist feige und macht keinen Hehl daraus. Das Modell Europa wird konsequent auseinander genommen indem der Wahnsinn hinter dem Pathos sichtbar gemacht wird.
Auf relativ zufällige Weise gelangt die Hauptfigur nach Afrika, in die Kolonien - und Celine verfolgt das gleiche Schema. Auch hier findet sich nichts was erhaben wäre, nicht die Kolonialherren, die nur abscheulich sind, nicht die Ureinwohner, die ihr Schicksal verdient zu haben scheinen. Das nächste Modell: „Kolonialreich" ist zertrümmert.
Es folgt die neue Welt, Amerika. Land der Träume und unbegrenzten Möglichkeiten - doch nicht mit Celine. Innerhalb kürzester Zeit ist auch dieser Traum zum Alptraum gewendet. Soweit die große Welt, als Ferdinand Bardamu wieder nach Frankreich geht, lässt er die großen Ideen von alter und neuer Welt als Trümmerhaufen zurück.
Auf allen drei Stationen ist die Hauptfigur Leon Robinson begegnet, zurück in Europa beginnen sich die Wege der beiden (Ferdinand und Robinson) mehr zu verbinden, der Erzähler versucht von Robinson wegzukommen, was natürlich nicht dauerhaft gelingt. Dieser Robinson ist keine angenehme Figur, ganz im Gegenteil, er ist ein Gauner und wird im Laufe des Romans zum skrupellosen Mörder. Und doch zum Ende hin ist er immerhin soweit gekommen, für eine Überzeugung gerade zu stehen. Was wiederum eine Veränderung in Ferdinand Bardamu zur Folge hat.
Ich habe lange überlegt mit was ich es bei der „Reise" eigentlich zu tun habe. Es ist ein Abenteuerroman, auch eine (quasi) globale Gesellschaftskritik, schließlich am Ende wohl sogar so etwas wie ein Bildungsroman. Ob dieser vielen Ansprüche hat das Buch natürlich seine Schwächen - zum Beispiel wirkt es am Ende teilweise aufgesetzt und gezwungen moralisierend, nachdem soviel Energie darauf verwandt wurde die Moral zu diskreditieren.
Oder man liest es als Entdeckung eines unzuverlässigen Erzählers. Ferdinand Bardamu erzählt uns die Welt wie er sie sieht, und offenbar ist er nicht, oder kaum fähig etwas Schönes und Gutes wahrzunehmen, sehen wir mal von Frauenbeinen und -körpern ab. So gesehen wären wir Zeuge einer Verwirrung, eines geradezu asozialen auf der Suche nach etwas, das er wohl selber nicht kennt.
Die „Reise" ist so unwahrscheinlich reich an Ideen, Gedanken und Details. Sie ist komisch, traurig, spannend und vieles mehr - deshalb ist sie ein so wichtiger Roman.
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am 27. Februar 2000
Auf dem Umschlag der vorigen Auflage von Reise ans Ende der Nacht gab es ein Bild des ersten Weltkrieges; die französischen Auflage bevorzugten das Bild der Nacht, und das mit Recht anscheinend, da die Kapitel über Krieg nur einen kleinen Teil des Buches ausmachen: der Rest ist eine lange Reise in die Welt oder in den Unsinn. Ich würde dennoch den vorigen deutschen Umschlag bevorzugen, denn es ist gut möglich, daß das Buch auch in Frankreich nicht so gut angekommen wäre, wenn es nur den ersten Teil enthalten hätte, denn es ist dieser erste Teil, der einen Skandal verursacht hat und dem Autor ein Literaturpreis verliehen hat. Es handelt tatsächlich nicht um einen einfachen Ruf nach Pazifismus wie z.B. Im Westen nichts Neues, welches nie Deutschland beschuldigt aber den Krieg. Die ersten Kapitel von Reise ans Ende der Nacht sind so gut wie nie kränkend für den Feind (tatsächlich wird das Wort « boche » nur ein mal gebraucht, und in einem Kontext, wo es nicht beleidigend wirkt): es ist eher Frankreich, das beschuldigt wird, die Offensive gegen Deutschland geführt zu haben. Seite 95 kann man folgendes lesen: « Offenbar konnte man nicht eher schlafen, als bis das arme Belgien und das unschuldige kleine Elsass vom germanischen Joch befreit sein würden. Es wurde behauptet, dass diese fixe Idee es den Guten, Edlen unmöglich mache, zu schlafen, zu essen, sich zu paaren. » Unglaubliche Sätze, die die Gunst mancher Leser erlangen vermochte, da diese klar zeigen, dass, nach Meinung des Autors, Frankreichs Sturheit der Grund zum Krieg war, als es sich in den Kopf setzte, Belgien und Elsass-Lothringen befreien zu wollen. Man versteht seine Sichtweise, wenn man auf Seite 64 liest: « Es ist kein besonderer Schaden, wenn das Haus des Hausbesitzers abbrennt. Es findet sich schon wieder einer dazu, wenn es nicht überhaupt der selbe bleibt, ein Deutscher oder ein Franzose, ein Chinese oder ein Engländer, um bei guter Gelegenheit die Rechnung zu präsentieren... Ob in Mark oder in Francs... zahlen muss man... » . Dies ist die Meinung eines Stadtbewohners, der sich nirgendwo gebunden fühlt und bereit ist, seine Koffer zu packen und wegzuziehen ohne einen Funken Heimweh. Céline sagt ja selber, er mag die Ortschaften, und dieser Plural ist verräterisch: er fühlt sich wohl in zweifelhaften Orten, wo er andere Leute wie er selbst findet, die heute da sind und morgen dort. Seltsamerweise zeigt er eine Geistesverfassung, die er später verurteilen und den Juden vorwerfen sollte: die Heimatlosigkeit. Andererseits war Frankreich am Anfang des 20sten Jahrhundert noch ein Land von landbesitzenden Bauern, die bereit waren, zu sterben, um ihr Grundstück zu verteidigen. Der Historiker Marcel Reinhard sah im französischen Sieg von 1918 « der größte Kraftaufwand einer Rasse, um sein Land zu behalten . » Céline ist sich bewusst, dass gerade diese Leute, durch ihre Sturheit, den Frieden verhinderten. Und so kann sein Hass gegenüber dem Land erklärt werden. Ein anderer überraschender Geringschätzung: den für Frauen. In einem Land wie Frankreich, wo der « Code Napoléon » die Frauen zum Rang der ewigen Minderjährigen erniedrigte, hat der Krieg zur Emanzipation der Frauen beigetragen. Im Jahre 1932 blieb ihre gesetzliche Minderheit bestehen, aber alle merkten, dass diese nicht länger bestehen bleiben würde; was Céline überhaupt nicht passte. Seiner Meinung nach sind Frauen diejenigen, die am meisten Profit aus dem Krieg gezogen haben: sie stehen nicht an der Front und ziehen Profit aus den sexuellen Begierden der Männer, um reich zu werden. Die einzige Frau, die sein Respekt verdient, ist Molly, eine Prostituierte aus Boston, die ihm aus der Not hilft und ihn ohne Widerrede wieder gehen lässt. Durch den Inhalt seines Werkes konnte Céline einen großen Teil der Intelligenzia Frankreichs entzücken: diejenigen, für die Pazifismus an erster Stelle steht und die jedoch Frauenhasser im Grunde sind und Verachtung für die Bauern empfinden; aber es war auch ein neuer Stil, eine neue Art zu schreiben, das faszinierte. Dennoch darüber wird der deutsche Leser nicht urteilen können; der Übersetzer ist hier nicht schuldig: die Fehler sind sehr gering (Seite 125, « petite brune » wird als « die kleine Schwarze » übersetzt, was aber nicht schlimm ist); die Übersetzung ist oft so gut wie unmöglich. Es fängt schon beim ersten Satz an: « Ca a débuté comme ça » schreibt Céline, was eine richtige Herausforderung gegenüber der richtigen französischen Sprach ist: das Wort « ça » gehört zur Volkssprache, und seine Wiederholung ist noch skandalöser. In der Übersetzung steht einfach: « So hat das angefangen » was nicht schockierend wirkt. Aber was hätte man sonst schreiben können? Und die Schwierigkeiten häufen sich mit der Zeit: für das Wort « wir » z.B. wird in der Volkssprache « on » gebraucht (d.h. « man ») anstatt « nous ». Céline verwendet manchmal das eine oder das andere Wort, was immer eine bestimmte Bedeutung mit sich trägt. Aber wie soll man diese Nuancen ins Deutsche übersetzen? Man kann das selbe sagen mit der Verneinung « ne », die die Grammatik verlangt und öfters nicht gebraucht wird von Céline, und das wieder nicht ohne Grund. Dies erklärt vielleicht die Einzigartigkeit der deutschen Übersetzung: die groben Wörter, die Céline haufenweise benutzt wurden gelindert, sogar wenn eine wortwörtliche Übersetzung möglich war. Manchmal wurde der Sinn der Sätze geändert, wie z.B. Seite 125. Ist das betrug? Eher ist zu glauben, dass der Übersetzer geschätzt hat, dass grobes Vokabular und eine korrekte Grammatik nicht zusammen passen. Die Form hat etwas an Provokation verloren, der Leser kann sich also mehr auf den Inhalt konzentrieren. Hier liegt also der Vorteil: dieses Buch auf deutsch zu lesen, kann die Meinung eines Lesers ändern, der es nur auf französisch gelesen hat.
Daphné Aunis, Strasbourg
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am 7. Januar 2011
Louis Ferdinand Céline (1894-1961 Nordfrankreich) war ein Schriftsteller und praktischer Arzt. Nachdem er im ersten Weltkrieg schwer an Kopf und Armen verwundet wurde, entwickelte er eine Angstpsychose und sein Arm war zum Teil gelähmt. Ab 1925 reiste er als Seuchenspezialist im Auftrag des Völkerbundes quer durch Amerika, Europa und Afrika. Ab 1936 entwickelte er psychoseähnliche antisemitische Gedanken, die er in Pamphlete zum Besten gab, wurde 1944 deshalb zum Tode verurteilt und floh nach Deutschland. Ab 1952, wieder zurück in Frankreich und nachdem die Todesstrafe aufgehoben wurde, widmete er sich als praktischer Arzt, armen, mittellosen Patienten.

Reise ans Ende der Nacht ist zu einem großen Teil autobiographisch gefärbt. Céline schrieb dieses Buch zwischen 1928 und 1932, beendete es im 39. Lebensjahr.
Beschrieben wird in der Ich-Form sein Leben als Kriegssoldat und danach als Arzt, sowie seine Reisen nach Afrika, Amerika und Europa. Zunächst geht es um die Sinnlosigkeit und Brutalität und Lächerlichkeit des Krieges im Allgemeinen, wobei immer wieder philosophische und reflektierte Sätze darüber im Handlungsgeschehen einfließen. Während seiner Reisen nach Afrika und Amerika sieht und erfährt der Protagonist am eigenen Leib, wie roh, niederträchtig und dumm die ihn umgebenden Menschen sind. Die Einsamkeit in Afrika war zwar unerträglich, weil er wirklich keiner Menschenseele begegnete, aber die Einsamkeit unter den vielen kommerzsüchtigen Menschen in Amerika wurde für ihn noch unerträglicher. Er betätigt sich als Arzt für arme Leute, verlangt kein Honorar und wird ausgenützt. Dadurch, dass er in seinem Leben sehr viel Schlechtes erlebt, sich immer am Rande der Existenz befindet, bleibt ihm nichts anderes übrig als zu resignieren. Damit ist er aber auch nicht zufrieden, er hätte gerne ein Ideal, so wie sein Freund und Feind Robinson, schafft es aber nicht, weil er sich der Illusionen der Menschen bewusst wird, der Sinnlosigkeit aller Bestrebungen. Verzweiflung, Angst und Resignation, dies sind die Hauptthemen des Romans, darum gehts im Leben der Menschen, alles und alle gehen dem Tod entgegen, die Jugend ist nur ein "Anlaufnehmen fürs Altwerden".
Insgesamt wird der Mensch in diesem Roman als niederträchtiges, falsches, rohes, verzweifeltes, ängstliches Wesen beschrieben, wobei Céline diese Tatsache bis zum Schluss nicht wirklich wahrhaben will und immer wieder versucht, diese Niedertracht zu entschuldigen. Der Tod und der körperliche Verfall spielen auch eine wichtige Rolle. Der Körper ist für Céline nichts Schönes, im Gegenteil, er stinkt und verfault, sowie der Geist auch.

Heute gilt Ferdinand Céline neben Marcel Proust als wichtigster Schriftsteller in Frankreich, wobei Literaturwissenschaftler eher auf seine Sprache, als auf den Inhalt eingehen. Er schreibt zum Teil in französischem Jargon, in der Alltagssprache der Franzosen, in diesem Buch kommen sehr viele Redensarten aus der gesprochenen Sprache vor, so dass sich die Übersetzung ins Deutsche nicht ganz leicht gestaltete. Die neue Übersetzung durch Hinrich Schmidt-Henkel ist meiner Meinung nach eine sehr gute Übersetzung, weil man beim Lesen meint, das Buch wäre in Deutsch geschrieben worden und nicht in Französisch.
Michel Houellebecq, ein gegenwärtiger Intellektueller und Schriftsteller zitiert oft aus diesem Buch. Henry Miller und Charles Bukowski ließen sich auch von Célines Schreibweise beeinflussen.

Einige der besten und erschreckendsten Sätze aus dem Roman:

... Jahrhundert der Geschwindigkeit!, tönen sie. Wo denn? Große Umwälzungen!, erzählen sie. Wie denn? In Wahrheit bleibt alles beim Alten. Sie bewundern sich selber die ganze Zeit, fertig.

Wer hätte vorhersehen können, bevor er wirklich in den Krieg kam, zu was allem die dreckige, heldenhafte und träge Seele des Menschen imstande ist?

Also kein Irrtum? Dass wir hier aufeinander schossen, einfach so, ohne einander auch nur zu sehen, das war nicht verboten? Es gehörte zu den Dingen, die man tun darf, ohne einen Anschiss zu riskieren. Anerkannt war es sogar, empfohlen von ernsthaften Leuten, wie Loseziehen, Verlobungsfeiern, Treibjagden!

Vor den Menschen, vor ihnen allein muss man Angst haben, immer.

Die meisten Leute sterben erst im allerletzten Augenblick; andere fangen früher damit an und bereiten sich zwanzig Jahre lang drauf vor und vielleicht noch länger. Das sind die Unglücklichen auf Erden.

Eigentlich ist nur die Tapferkeit seltsam. Man soll tapfer sein mit seinem Körper?

Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel. Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.

Das Volk verlangt immer nur zu sterben, mehr nicht!

Sobald Arbeit und Kälte uns nicht mehr knechten, sobald sie uns kurz aus ihrem Schraubstock lassen, erkennt man in den Weißen das, was man von einem anmutigen Ufer erkennt, wenn das Meer sich zurückgezogen hat: die Wahrheit, stinkig-schlammige Pfuhle, wimmelndes Getier, Aas, Kot.

Die wenige Energie also, die nicht von Sumpffieber, Durst und Sonne verbraucht wurde, ging durch hasserfüllte Zänkerei dahin, so verbissene und giftige, dass viele Kolonisten schließlich an Ort und Stelle krepierten, wie Skorpione am eigenen Gift verreckt.

Die Eingeborenen muss man meist erst mit Knüppeln zur Arbeit treiben, so viel Würde haben sie sich bewahrt, während die Weißen, die die öffentlichen Bildungsinstitute durchlaufen haben, ganz von selber funktionieren.

Die Schlittenhunde von Alaska sind in der Tat sehr wertvoll. Die braucht man immer. Man pflegt sie gut. Auf die Emigranten hingegen scheißt man. Von denen gibt es immer zu viele.

Leute, die ins Bett gehen, sind ein trauriger Anblick, man sieht zu deutlich, wie egal es ihnen ist, dass die Dinge so laufen, wie es ihnen passt, man sieht deutlich, dass sein nicht versuchen, den Grund zu begreifen, warum wir auf der Welt sind. Der ist ihnen vollkommen schnurz. Sie schlafen eben, egal wie, die Leute sind eingebildet, dumm wie Brot, abgestumpft, ob Amerikaner oder sonst was. Die haben immer ein ruhiges Gewissen.

Die Wahrheit dieser Welt ist der Tod. Man muss sich entscheiden. Sterben oder lügen.

Man schwankte die ganze Zeit zwischen Benommenheit und Raserei, das war das ganze Dasein. Nichts war mehr von Belang als das fortwährende Getöse der tausend und abertausend Geräte, von denen die Menschen herumkommandiert wurden.

Das Leben lässt einem so oft nichts als Hirngespinste übrig.

Vielleicht ist es ja das, was man im Leben sucht, nur das, den größten möglichen Kummer, um man selber zu werden, bevor man stirbt.

Man rutscht auf allen Wörtern aus. Das kanns noch nicht gewesen sein. Nur noch Absichten, äußerer Schein. Der entschlossene Mensch braucht mehr.

Die Leute rächen sich für die Gefallen, die man ihnen tut.

Der Geist gibt sich mit Phrasen zufrieden, der Körper ist da anders, anspruchsvoller, der braucht Muskeln. Ein Körper ist immer etwas Wahres, darum ist er meistens auch ein trauriger und abstoßender Anblick.

Unser ganzes Unglück kommt daher, dass wir verdammt sind, so elendig viele Jahre lang Jean, Pierre oder Gaston zu sein und zu bleiben, koste es, was es wolle. Unser Leib, dieses Kostüm aus banalen, nervösen Molekülen, lehnt sich die ganze Zeit gegen diese schreckliche Zumutung des Weiterlebens auf. Unsere Moleküle wollen weg und sich zerstreuen, so schnell es nur geht, sie wollen ins Universum, die Süßen!

Das ist das Leben, ein bisschen Licht, das in der Nacht verlischt.

Schließlich ist das Leben ein prall mit Lügen gefüllter Wahn, und je ferner man sich ist, umso mehr Lügen kann man reinstopfen und umso zufriedener ist man, das ist nur natürlich und auch ganz in Ordnung so. Die Wahrheit ist nicht genießbar.
Zum Beispiel ist es heute sehr leicht, uns alles Mögliche über Jesus Christus zu erzählen. Ob Jesus Christus vor aller Augen aufs Klo ging? Ich ahne, dass seine Nummer nicht lange gelaufen wäre, wenn er öffentlich ge... hätte. Sich möglichst wenig sehen lassen, das ist die ganze Kunst, vor allem in Sachen Liebe.

Die Leute verrecken innerlich vor lauter Liebe.

Können Sie mir etwas Beruhigendes über die Zukunft unserer Vernunft sagen, Ferdinand? ... Oder auch nur über die Zukunft des gesunden Menschenverstandes? ... Was soll vom gesunden Menschenverstand denn übrig bleiben, wenn es so weitergeht wie bisher? Nichts! Das ist doch ganz klar!

Man kann den Wörtern gar nicht genug misstrauen, sie tun so harmlos, die Wörter, sie wirken absolut nicht gefährlich, so, als wären sie nur ein sachter Lufthauch, leise Töne aus Mündern, weder kalt noch warm, aber wenn sie durch Ohr eindringen, werden sie schnell von dem riesigen grauweichen Überdruss des Gehirns verschluckt. Man misstraut ihnen nicht genug, den Wörtern, und schon ist das Unglück passiert.

Unter den Wörtern verstecken sich welche, die sind wie Kieselsteinchen. Man kenn sie nicht heraus, und auf einmal kommen sie und bringen das ganze Leben ins Wanken, das ganze, mit allen Schwächen und Stärken... Dann gibt es Panik ... Eine Lawine .... Als wäre man aufgehängt, so baumelt man über den Gefühlen. ... Ein Sturm ist hereingebrochen, über einen weggefegt, viel zu stark für einen, so wild, wie man niemals für möglich gehalten hätte, dass Gefühle sein könnten ... Also, man kann den Wörtern nie genug misstrauen, so sieht für mich die Lehre aus.
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"Reise ans Ende der Nacht" umschreibt das Leben des Medizinstudenten Ferdinand Bardamu, angefangen bei Schlachten im Ersten Weltkrieg über Buschgeschichten im tiefsten Afrika und einer Galeerenfahrt Richtung Amerika bis hin zur Rückkehr nach Frankreich als Armenarzt. Bardamu erlebt in seinen Reisen Lügen, Gemeinheiten und Korruption gegenüber den Armen, er repräsentiert diese realistisch-grotesk dargestellte Welt gegenüber dem Leser als ein ekliges, direktes und nicht-schöngeredetes Ergeben. Vom Fieber in Afrika geplagt schleppt er sich als Mitläufer der Sklaven einer Galeere in Richtung kapitalistisches Amerika, um dort jedoch auch nur die Dollar-Gier der Machtinhaber zu identifizieren. Er endet als Armenarzt in Frankreich und lernt dort die fäkale Welt rund um Paris kennen, die er unumwunden dem Leser hinbreitet. Immer begleitet wird er von seinem Freund Robinson, den er im Ersten Weltkrieg kennenlernte.

Céline beschreibt verschiedene Abschnitte in Bardamus Leben, die er als "Reisen ans Ende der Nacht" betitelt. Célines Stil ist ein Gemisch zwischen Hoch- und Kunstsprache und zwischen Argot und Jargon. An Célines Stil muss man sich erst einmal gewöhnen, vor allem hat dieses Buch, das 1932 herausgebracht wurde, großes Aufsehen erregt, vor allem aufgrund der Ausdrücke, die der "Fäkalsprache" entnommen wurden und zu dieser Zeit ungewöhnlich und nicht gebräuchlich waren. Céline hat somit ein Tabu gebrochen und einen neuen Stil erschaffen, der die alten Strömungen der bisherigen Literatur unterbrach und etwas Neues erschaffen ließ. Ich kann dieses Buch in dem Sinne nur weiter empfehlen. Wer einen mal etwas anderen Schreibstil entdecken möchte, sollte zu dieser Ausgabe greifen, denn dies ist ein pures Übersetzungs-Meisterwerk! Ein Nachwort des Übersetzers ist in dieser Ausgabe ebenfalls enthalten.

~Bücher-Liebhaberin~
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am 30. Juni 2016
Lang ließ ich den Roman sacken, bevor ich hier zur Feder greife. Reise ans Ende der Nacht ist bestimmt einer der wichtigsten gesellschaftspolitischen Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts, wohl aber auch ein sehr umstrittener, nicht allein der Tatsache getrotzt, dass der Autor ein Antisemit war und dessen auch Verurteilt wurde.

"Wenn man es geschafft hat, einer tobenden internationalen Schlächterei zu entkommen, dann ist das doch ein Nachweis für Takt und Unaufdringlichkeit." S147

Ein junger Medizinstudent Ferdinand Bardamu, der Ich-Erzähler des Romans, lässt sich von Übermut treiben und meldet sich freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg. Das Überleben, das ihn dabei begleitet, wird er Zeit seines Lebens nicht mehr los. Er kommt von Wahnsinn geplagt aus den Ardennen nach Paris zurück und entscheidet sich nach seiner Genesung in den Kongo zu gehen, der damals eine Kolonie Frankreichs war. Er flieht vor zänkischen Gesellen am Schiff nach Bambola-Bragamance und gelangt schließlich nach Fort Gono zur Companie Pordurière du Petit Kongo. Was er dort erlebt ist minder schön, die Weißen Kolonialherren herrschen mit Gewalt über die schwarze Bevölkerung, die träge und faul ist und keine Gelegenheit verstreichen lässt, den Weißen übel mitzuspielen. Die Boys sind ebenso pervers wie die Franzosen, das tropische Klima und der Wald die Hölle auf Erden. Bardamu erkrankt schwer an Malaria und wird von den Schwarzen als Sklave auf ein Schiff nach Amerika verkauft. Dort angelangt hält er sich zuerst im Großstadtdschungel New York im schmetternden Widerhall ratternder Hochbahnen und unnahbaren Menschen auf, um dann in Detroit in Herrn Fords großer Autofabrik zu arbeiten. Er findet in der Prostituierten Molly eine treue Gefährtin. Die er jedoch wieder verlässt, um nach Frankreich zurückzukehren, dort sein Studium zu beenden und als Armenarzt zu arbeiten.

WAngst lässt sich nicht heilen, Lola." S85

Doch Bardamu ist kein guter Mensch. Nichts von dem was er sieht, erlebt oder tut hat ein Gewissen. Sein Erleben einer Welt des Schlechten, macht ihn um nichts besser - denn auch er ist ein Teil der faulenden Stelle in einer verfaulenden Welt.

Zurück in Frankreich lässt er sich in Rancy nieder, denn ein Leben diesseits der Seine kann er sich nicht leisten. Seine Patienten zahlen schlecht und er ist zu schwach, sein Recht einzufordern. Doch die Menschen schätzen ihn darum nur geringer. Er lebt in einer Mietskaserne, deren Hinterhöfe nicht nur jeden Gestank, sondern auch die familiären Streitgespräche verstärken. Es ist finster und feucht, als säßen die Menschen schon in der Hölle. Licht ist Luxus, den gibt es nur diesseits der Seine, dort leben die Tagmenschen. Jenseits gab es nur Nachtmenschen - Bardamu war einer der Nacht.

"In der Vorstadt kommt einem das Leben morgens am heftigsten mit der Straßenbahn entgegen." S315

Doch Rancy hat er den Rücken gekehrt, war zu üblen Bekannten nach Toulouse gereist und hat sich schließlich als Nervenarzt in der Anstalt Vigny-sur-Seine niedergelassen.

"Wenn man lange genug leben würde, wüsste man nicht mehr, wohin man gehen sollte, um sein Glück nochmal zu versuchen." S497

Seine Begleiter sind von beinahe noch schlechterem Charakter. Allen voran Léon Robinson, ein junger Mann, der ihm seit ihrer ersten Begegnung auf dem Schlachtfeld der Ardennen in jeder Lebenssituation wiederbegegnet ist. Er traf ihn im Kongo, er ist in Detroit auf seine Spuren gestoßen, er hat ihn in Rancy mit seinen kriminellen Machenschaften heimgesucht bis er sich dabei schwer verletzt hatte. Doch nicht genug, nach seiner Genesung in Toulouse, war er erneut mit einer überaus eifersüchtigen Braut in Bardamus Leben getreten.

Der Autor nimmt keine Rücksicht auf seine Leser, weder in Skrupellosigkeit seiner Protagonisten noch im Ablauf seiner Handlung. Seine Sprünge in Zeit und wechselnden Handlungen kommen zwar nach und nach und wenig abrupt, wohl aber ohne Übergang. So erfahren wir nicht, wie er von der Front zurückkam nach Paris, wie von Amerika retour nach Frankreich kam. Bardamu als Alter Ego seines Autors ist ein gebrochener Mensch, von unbeschreiblicher Härte und absolut unversöhnlich mit der Welt. Der Roman ist getragen von bitterem Zynismus, ohne auch nur entfernt an Satire zu reichen. Die heiligen Werte der Grande Nation werden hochgehalten.
Sprachlich wird in der Sekundärliteratur immer wieder auf den Wechsel von Hochsprache und Jargon hingewiesen - von zart zu hart.

"Wir sind die Lustknaben von König Elend." S12

Und auch wenn das Werk in hohem Maße bedrückt, ist es für mich eine Pflichtlektüre für jeden, der Europa und sein vergangenes Jahrhundert besser verstehen möchte. Entscheiden Sie!
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am 27. August 2003
Es ist folgendermaßen: Ich liebe "Die Reise ans Ende der Nacht" von Louis-Ferdinand Celine (politisch korrekt oder nicht, antisemitische Pamphlete hin oder her, dieser Text ist genial) über alles. Ich habe es in der "sprachlich" als auch "politisch" "entschärften" Fassung vier mal gelesen. Falsch, nicht gelesen ich habe es aufgesogen, der Mann gab mir Hoffnung, Kraft und Ziele für die es sich zu kämpfen lohnt. Nun also die Neuübersetzung eines gewissen Hinrich Schmidt-Henkel...Die alte Übersetzung ist nicht komplett. Das gebe ich zu. Aber im Vergleich zu Schmidt-Henkels Übersetzung ist sie mit absoluter Sicherheit politisch und schon zweimal sprachlich freier. Ein Übersetzer, der sich merklich bemüht, jedes Wort anders zu übersetzen als in der älteren, und größtenteils perfekt gelungenen Übersetzung(um ganz sicher nicht als politisch
oder sprachlich eingeschränkter Deutscher zu gelten) hat für meine Begriffe die Profession verfehlt. Nach meinem Verständnis sollte sich ein Übersetzer so nah als ihm oder ihr möglich in den eigentlichen Schriftsteller, seine Zeit, sein Leben und vor allem sein Denken einarbeiten, einfühlen und versuchen mitzuerleben. Dieser Roman wurde in der Sprache und im Verständnis der 90-er Jahre des letzen Jahrhunderts übersetzt und verfehlt dadurch sein Original, welches in den 30-er Jahren erschien.Wenn jemand wissen will, was dieser Louis-Ferdinand Celine in einem der besten Romane des 20. Jahrhunderts geschrieben und vor allen Dingen gemeint hat, sollte er die alte Übersetzung lesen.
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am 27. Dezember 2004
Keiner weiß genau, wohin die Reise geht. Der Weg ans Ende der Nacht ist düster, verstörend, brutal und vor allem gnadenlos. Auf den Leser kann keine Rücksicht genommen werden, denn warum sollte er mit mehr Respekt behandelt werden als die Romanwelt, durch die ein unsympathischer, ratloser Held zieht. Der Beschreibung dieses Weges ans Ende der Nacht zu folgen, ist anstrengend, nicht wirklich ein Spaß. Und trotzdem bleibt sehr viel mehr als nach den vielen, vielen Seiten anderer Bücher, die man gelesen und wieder vergessen hat. Ein gewaltiges Buch, das lange nachwirkt.
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am 14. März 2005
Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil Harald Schmidt es bei Elke Heidenreich's "Lesen!" als eines seiner Lieblingsbücher bezeichnet hat. Das wundert mich nicht, ist er doch einer der größten Zyniker, die man im deutschen Fernsehen findet.
Die Reise berichtet vom unendlichen Leid der Menschheit, es findet sich im ganzen Buch so gut wie kein positiver Gedanke. Die Sätze sind teilweise so zynisch formuliert, dass einem beim Lesen regelrecht schlecht wird. Nicht immer kann man den Gedankensprüngen des Ich-Erzählers folgen, was damit zu tun haben könnte, dass er sich teilweise im Fieberwahn befindet. Nur weiß man manchmal nicht, wann der Wahn beginnt und die Realität aufhört.
Vielleicht liegen die Verständnisprobleme auch an der Übersetzung, vom Genitiv macht der Übersetzer zumindest keinen gebrauch.
Es ist kein Genuss, dieses Buch zu lesen, trotzdem konnte ich es nicht weglegen, da einige philosophische Betrachtungen sehr überzeugend sind und mir aus der Seele sprechen.
Ich hoffe sehr, dass die Realität nicht so düster ist, wie im Buch beschrieben, manchmal fürchte ich aber, Céline könnte richtig liegen mit seiner negativen Bertrachtungsweise.
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am 21. Dezember 2014
Wer sowieso im Abgrund festsitzt, braucht dieses Werk nicht zu lesen. Alle anderen, die meinen, das Leben sei grundsätzlich eine Inszenierung nach Art der Rosamunde Pilcher, sollten den Blick in eine andere Realität wagen - oder besser nicht. Am Ende zerstört Céline ja noch die sorgsamst gepflegten Illusionen. Schließlich lebt es sich ja sehr gut im Wattekästchen. Wem das Wattekästchen zu eng und stickig ist, kann ja auf "Die Reise" gehen. Belohnt werden diese Leser und Leserinnen durch eine kraftvolle Sprache und Blicke weit jenseits gutbürgerlicher Existenzen. Dazwischen finden sich immer wieder wunderbare Textstellen, die jederzeit zitierfähig sind und vielleicht zu den dichtesten Textstellen der Weltliteratur zählen. Der Begriff "Literatur" ist als solcher ein dehnbarer. Wer sich aber auf Céline einlässt, wird zumindest eines der wesentlichen Zentren finden, die diese Kunstform so unverzichtbar für unser Kultur macht.
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am 1. August 2013
Erbarmungslos ehrlich beschreibt der Autor die Gefühlswelt seines kriegsgeschädigten Helden. Dieser ist seinen Mitmenschen nicht gerade zugeneigt, aber man kann gut verstehen, wie es dazu gekommen ist. In vielen Punkten beschreibt der Autor die Gesellschaft und die Menschen sehr treffend, aber nicht gerade wohlwollend. Für Leser, die nicht drauf stehen sich durch einen dicken Wälzer mit ausschließlich innerer Handlung zu quälen ist auch sehr viel direkte Handlung geboten. Der Held klappert fast alle Kontinente ab und erlebt alles mögliche und unmögliche. Auf Etikette und politische Korrektheit braucht man allerdings nicht zu hoffen.
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