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am 31. Januar 2012
Mit "The Virgin Suicides", in der deutschen etwas ungelenk "Die Selbstmordschwestern" betitelt, ist Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides ein seltenes Kunststück gelungen: einen Roman zu verfassen, der schon auf der ersten Seite verrät, worauf es handlungstechnisch hinausläuft, und den Leser trotzdem bis zur letzten Seite und auch darüber hinaus in seinen Bann zieht. Die Ausgangssituation wie die Hauptaspekte des Handlungsstrangs sind dabei schnell zusammengefasst: ein ruhiger, bürgerlicher Vorort im dicht besiedelten Norden der USA, eine Horde braver, leicht pubertierender Jungs, die sich die Begeisterung für die Musik der Flower-Power-Bewegung in die verträumten 70er hinübergerettet haben, und eine katholische Familie, deren fünf wunderschöne Teenager-Töchter sich im Laufe eines Jahres allesamt das Leben nehmen. All das erfährt man - wie bereits erwähnt - direkt zu Beginn, und doch erfährt man gar nichts. Die Frage lautet natürlich "Warum!?" Dies in der Retrospektive zu beantworten schickt sich das Kollektiv der Dorfjungs von damals an, die in der ungewöhnlichen "Wir"-Form die Erzählerrolle im Roman übernehmen - eine Abweichung vom bekannten Stanzelschen Typenkreis mit seinen drei Erzählparadigmen ("auktorialer", "personaler" und "Ich-Erzähler"), die als Kunstgriff kein Selbstzweck ist, sondern zum von Beginn an verstörenden und verunsichernden Charakter der Erzählung beiträgt. Was ist wirklich passiert mit diesen Mädchen? Ist es tatsächlich die aus psychoanalytischer Perspektive naheliegende Melange aus dem schwächlichen Vater und der dominanten, erzkatholischen Mutter, die die fünf Schönen in die tiefste Verzweiflung treibt? Man vermutet es, doch man weiß es nicht; die Dorfjugend holt Erinnerungen hervor, die von kollektiver Verliebtheit und Faszination venebelt die Schönheit und Einzigartigkeit der Mädchen ebenso beschwören wie die Redlichkeit ihres eigenen Bemühens zu helfen und zu verstehen. Zudem tragen sie "Indizien" und "Beweisstücke" über ihren "Fall" zusammen und führen Interviews mit "Zeitzeugen" - Indikatoren einer auch nach vielen Jahren nicht nachlassenden Verstörtheit und tiefen Traurigkeit bezüglich des Schicksals ihrer Altersgenossinnen.
Nach der anfänglichen Schilderung der Situation nach dem letzten der fünf Selbstmorde, die mit einem - zumindest in der deutschen Übersetzung - genial teilnahmslos-kafkaesk anmutendem Auftaktsatz beginnt, der auf den zweiten Blick den ganzen Schrecken des beschriebenen Szenarios sehr plastisch zum Ausdruck bringt, rollt das Erzählerkollektiv das Feld von hinten auf und schildert, sofern sie dazu in der Lage sind, das Zustandekommen der Selbstmorde der Mädchen binnen eines Jahres. Ausgangspunkt sind dabei die zunächst gescheiterten, beim dritten Mal dann "endlich" erfolgreichen Suizidversuche der erst 13-jährigen jüngsten Schwester Cecilia, eines ätherischen Racheengels, der scheinbar nur gegen sich selbst vorgehen kann und zugleich die abgrundtiefe Verzweiflung antizipiert, die auch ihre älteren Schwestern heimsuchen wird. Es folgt eine Phase der scheinbaren Konsolidierung für die anderen vier, die nach einem aus Sicht der Mutter moralisch indiskutablem Ausrutscher bei einem erstaunlicherweise für die Mädchen erlaubten Schulball jäh in die totale Abschottung der Mädchen mündet und so direkt in die Katastrophe führt. Dass in diesem Zusammenhang ein typischer Mädchenschwarm als beredter Verführer herhalten muss und eine der Schwestern zur verruchten Hure stilisiert wird, sind zwei Griffe in die Klischeekiste, die Eugenides sich hätte sparen sollen; hier offenbart er eine leichte Tendenz zur "Typisierung" oder "Ettikettierung" seiner Charaktere, derer es angesichts der erzählerischen Klasse und atmosphärischen Dichte des Romans nicht bedurft hätte.
Doch dies sind Details; insgesamt gelingt es seinem "Wir"-Erzählerkollektiv, ein Kaleidoskop ihres Ortes zur Zeit der ungeheuerlichen Vorgänge zu entwerfen, in dem die etablierte Erwachsenenwelt wie so oft an den Problemen in der Nachbarschaft keinen Anteil nehmen will, während die (übrigens nicht sonderlich rebellische) Jugend mit viel Empathie und liebevollem Einfallsreichtum immer wieder versucht, das Phänomen der Lisbon-Schwestern irgendwie zu erfassen. Rührend sind dabei Szenen, die dieses adoleszente Bemühen schildern, wie etwa das Telefonat der daheim eingepferchten Schwestern und der Dorfjungs, während dem sich die beiden Gruppen gegenseitig ihre Lieblingsplatten vorspielen (von Gilbert O'Sullivans "Alone Again Naturally" über James Taylors [bzw. eigentlich ja Carole Kings ;-)] "You've got a Friend" bis hin zu Janice Ians "At Seventeen"). Der Gedanke, dass die Jungs ihnen über diese wunderbar geschmackvoll und mit dabei mit der richtigen Prise Mainstreambewusstsein ausgewählten Musik nahe sein und ihnen für einen Abend so etwas wie Trost und eine Verbindung zur Außenwelt verschaffen konnten, hat in seiner Schlichtheit angesichts des geschilderten Grauens etwas unwahrscheinlich tröstliches. Dies bleibt jedoch eine Momentaufnahme; der Trost, den die Jungs scheinbar darin suchen, ihrer Erinnerungen aufzufrischen und zu erzählen sowie die Vorgänge zur Zeit der Selbstmorde akribisch zu rekonstruieren, bleibt ihnen wie dem Leser letztendlich verwehrt. "Am Ende", so beginnt der Schlusssatz des Romans, bleibt einfach, "dass wir sie geliebt hatten und sie uns nicht hatten rufen hören [...]".
Wer sich von solch einfühlsamem Duktus und von einer leicht vernebelten sowie tief-melancholischen Atmosphäre gern anziehen lässt, und zudem ein Rätsel ohne Lösung ertragen kann, wird sich in der von Eugenides' Erzählerkollektiv gezeichnet Kleinstadtwelt der 70er wohlfühlen und wiederfinden. Sein sprachlich leicht zugänglicher und doch erzählerisch kunstvoll und innovativ gestalteter Roman darf sich durchaus als ein "Meisterwerk" der Gegenwartsliteratur feiern lassen.
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am 31. März 2015
Ich habe den Autor kennengelernt, als ich "Middlesex" gelesen habe. Von diesem Buch war ich wegen der Vielschichtigkeit der
Story hingerissen.
Nun zu den "Selbstmord-Schwestern": Auch eine vielschichtige Erzählung. Der Roman handelt von einer Familie mit 5 Töchtern, sehr ausführlich und differenziert geschildert aus der Sicht von einigen Schulfreunden oder Nachbarskindern - ausnahmslos Jungs - , die eigentlich alle in diese Mädchen vernarrt oder sogar verliebt sind, jedoch sie eigentlich gar nicht wirklich kennenlernen können, da alle 5 Mädchen sehr verschlossen sind. Die ganze Familie schottet sich eigentlich nach außen ab. Dies wird noch schlimmer, nachdem sich die erste Tochter während einer Party, die von den Eltern endlich "erlaubt" wird, auch um dieses Mädchen nach einem vorhergehenden missglückten Selbstmordversuch und der darauffolgenden Depression zu heilen, auf spektakuläre, erschreckende Weise ums Leben bringt.
Die ganze Geschichte endet darin, dass die Familie - augenscheinlich betrieben von den Eltern - sich ganz und gar abschotten, der Vater gibt seine Lehrertätigtkeit auf, die Töchter gehen nicht mehr zur Schule, die Lebensmittel werden nicht mehr eingekauft sondern geliefert, das Haus verwahrlost. Dann töten sich die verbliebenen vier Mädchen an einem Tag, jede auf andere Weise, an dem die beobachtenden Nachbarsjungen meinen, nun endlich nach langer, langer Observation einen Weg zu den Mädchen gefunden zu haben bzw. sogar von einen "Rettungsversuch" träumen.
Danach wird lange darüber spekuliert - immer aus Sicht eines der verliebten Jungs, welcher eigentlich nie mit Namen genannt wird (jedenfalls ist es mir so vorgekommen) - es werden von allen anderen Kameraden, Nachbarn etc. Fakten, Erinnerungen, Gespräche usw. gesammelt, die evtl. aufklären oder wenigstens aufhellen könnten, warum alles so gekommen ist.

Mich haben die letzten Seiten etwas gelangweilt. Aber im ganzen muss ich sagen: Eine absolut außergewöhnliche Geschichte in einer Sprachvarietät erzählt, die wirklich erstaunt. Absolut lesenswert.
Von mir "nur" 4 Sterne wegen der letzten Seiten wie oben erwähnt.
Irritierend ist das Titelbild des Romans, da die Mädchen im Roman blond sind.
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am 11. Juni 2014
Nichts Genaues weiß man nicht. Auch nicht nach der Lektüre des Buches. Aber es ist ein köstliches Schwelgen in Vermutungen, Fakten, Einsichten, Geständnissen, Wünschen, Phantasien. Hm. Falsch. Etwas weiß man nach der Lektüre ganz genau, nämlich wie Erziehung NICHT geht. Ohne den Eltern Schuld geben zu wollen. Sie haben nicht vorsätzlich ihre Töchter in den Tod getrieben. Sie wollten nur Gutes für sie. Wahrscheinlich. Hoffentlich. Wünschenswert. In dem Buch wird überaus deutlich beschrieben, wie schade es um so vieles ist, und man bekommt ein Gefühl dafür, was unausweichlich im Weg steht, mal hier, mal da, und hinterher ist man immer schlauer, oder auch nicht.
Jedenfalls werde ich dieses Buch gut aufbewahren und irgendwann noch einmal lesen. Denn schließlich war es spannend zu lesen und ich wünschte mir dauernd, es möge doch endlich etwas spektakuläres passieren, und andererseits wünschte ich mir, es würde nicht passieren, was ein ziemlich unsinniger Wunsch war angesichts des Buchtitels.
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am 28. Mai 2014
Pulitzerpreisträger Jeffrey Eugenides hat sich vor Jahren einen Namen gemacht mit seiner grossartigen Familiensaga MIDDLESEX und entsprechend hoch sind dann die Erwartungen bei der nächsten deutschen Neuerscheinung. Es muss sicher nicht diskutiert werden ob Eugenides ein grosser Erzähler ist, das ist er ohne wenn und aber. Doch das Sujet des vorliegenden Romans ist schon auf grund des Titels vorhersehbar und so verfolgt der Leser wie die 5 Schwestern aus dem Leben scheiden. Der Spannungsbogen ist dabei trotzdem extrem flach und leider auch überfrachtet mit blutleeren Passagen, die sogar die Schwestern und die Eltern zu "Papierfiguren" degradieren. Die total bigotte Mutter erhält noch ein gewisses Profil, der Vater schon viel weniger und wirkt nur schwach und kraftlos. Der Erzählton ist bemüht den literaischen Ansprüchen zu genügen, die auch immer wieder aufblitzen. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, weil die Sätze recht oft fürchterlich konstruiert daher kommen und das Lesen verkomplizieren,wo es gar nicht nötig wäre.
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am 10. Juli 2017
Habe das Buch gekauft nachdem ich den Film von Sophia Coppola gesehen habe.
Es sind 2 Paar Schuhe - während der Film sich um die Schwestern dreht, ist das Buch mehr als Gesellschaftsstudie aufgebaut. Die Schwestern sind nur Randereignisse, die Reaktionen und die Verhaltensweisen der Nachbarn steht hier im Vordergrund.

Obwohl stellenweise etwas langatmig, ein tolles Buch dass einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und die trügerische Vorstadtidylle wirft.
2 Personen fanden diese Informationen hilfreich
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am 11. August 2014
Die Geschichte wird fesselnd erzählt. Besonders begeistert mich die tolle Atmosphäre die beim Lesen des Buches aufkommt. Besonders das Ende ist sehr traurig und regt einen lange zum Nachdenken an.

Ich empfehle: Schaut euch auch den Film dazu an (The Virgin Suicides). Er ist sehr sehr nah am Buch und steht dem Buch um nicht viel nach. Entweder erst den Film oder erst das Buch, das dürfte in diesem Fall relativ egal sein und auf den persönlichen Geschmack ankommen.

Viel Spaß!
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am 7. November 2017
Ich habe das Buch innerhalb von 2 Tagen verschlungen. Es ist einfach mal was anderes, als das was in den Bestsellerlisten vertreten ist. Ein Buch das mich sehr berührt hat und an das ich oft denken muss. Wirklich ein erstaunliches Werk es hat mich sehr bewegt.
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am 3. Februar 2017
Wirklich ein super Buch. Ich kann es nur empfehlen. Ich habe es verschenkt und es kam sehr gut an. empfehlenswert!
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am 21. April 2017
Anfang fiel es mir schwer dran zu bleiben aber nachdem ich mich an den Schreibstil und die Formulierungen gewöhnt habe hat es mir sehr gut gefallen.
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am 31. August 2015
Die Geschichte selbst finde ich sehr interessant, teilweise ist es aber etwas langatmig, da über mehrere Seiten bzw. Kapitel lang nichts besonderes passiert, es lohnt sich aber das Buch bis zum Ende zu lesen. Bald werde ich mir den Film dazu ansehen.
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