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am 27. August 1999
Das Buch weiß einen zu fesseln. Schnell wird man in eine originelle und erschreckende Geschichte eingeführt, die einen nicht mehr loslassen will. Allerdings wirkt dieser Effekt nicht das ganz Buch über. Nachdem die interessanten Ideen genügend ausgetrampelt wurden, scheint dem Autor nichts originelles mehr einzufallen. Ab der Mitte des Buches findet ein Wandel statt und die Geschichte fängt an sich zu wiederholen und zu wiederholen... Ein harter und schwer zu lesender Brocken, der einen Nachdenken läßt aber nicht wirklich überzeugen kann.
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am 4. Februar 2012
Ein Mann wartet in seinem Wagen vor einer roten Ampel. Die Ampel schaltet auf grün, doch der Mann fährt nicht los. Er hat ohne Vorwarnung sein Augenlicht verloren und sieht alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren und stiehlt ihm danach das Auto. Seine Frau bringt ihn mit dem Taxi zur Untersuchung in eine nahegelegene Augenarztpraxis. Innerhalb eines Tages erblinden der hilfreiche Autofahrer, der Taxifahrer, der Augenarzt und alle Patienten, die sich in dessen Wartezimmer aufgehalten haben.

Die Blindheit greift um sich wie eine Epidemie und die Regierung gerät in Panik. Die Erkrankten werden in eine leerstehende Nervenheilanstalt transportiert und dort unter Quarantäne gestellt. Soldaten, die den Befehl haben, jeden zu erschießen, der zu fliehen versucht, bewachen die Blinden. Die Frau des Augenarztes behält als Einzige ihr Augenlicht. Sie verbirgt dies jedoch und begleitet ihren blinden Mann in die Nervenheilanstalt.

Die Zahl der Opfer wächst rasant. Das Asyl ist bald überfüllt und die Versorgung der internierten Blinden bricht zusammen. Toiletten verstopfen und laufen über, die Lebensmittellieferungen gelangen nur noch sporadisch in die Klinik, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten richtig zu begraben. Zwangsläufig beginnen die gesellschaftlichen Konventionen ebenfalls zu zerfallen.

Eine Gruppe der blinden Insassen übernimmt die Kontrolle über die schwindende Lebensmittelversorgung und beutet die Bewohner der anderen Schlafsäle aus. Um Nahrungsmittel zu erhalten, müssen die anderen Bewohner die Wertgegenstände, die sich bei sich führen, an die Kontrolleure abgeben. Nachdem alle Wertgegenstände gegen Nahrungsmittel getauscht sind, verlangen die Ausbeuter, dass die Frauen sich zu sexuellen Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

José Saramogo wurde am 16. November 1922 als Sohn eines Landarbeiters geboren und ist einer der bedeutendsten Autoren Portugals. Sein Roman Hoffnung im Alentejo" wurde 1981 mit dem Preis der Stadt Lissabon ausgezeichnet. 1995 erschien sein bekanntester Roman Die Stadt der Blinden" und Saramago erhielt den Camoes-Preis, die höchste Auszeichnung für Literatur in portugiesischer Sprache. 1998 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Die Stadt der Blinden" liefert eine erschreckend detaillierte Beschreibung des Zusammenbruchs der menschlichen Gesellschaft nach einer Katastrophe. Saramago erspart seinen Figuren und dem Leser nichts. Seine Beschreibungen der unhaltbaren hygienischen Zustände in der ehemaligen Nervenheilanstalt, des Streits um die besten Schlafplätze sowie die begrenzten Nahrungsmittel und der rohen Brutalitäten wie die Massenvergewaltigung der blinden Frauen sind in ihrer Drastik bisweilen kaum zu ertragen.

Und doch ist Saramago ein unbedingter Moralist, der daran glaubt, dass es grundlegende menschliche Werte und Qualitäten gibt, die sich noch unter extremen Bedingungen bewähren. Die Frau des Arztes, die ihren Mann aus Liebe in die Quarantäne begleitet, ist so eine Lichtgestalt. Sie leiht dem Leser ihre Augen und führt ihn durch diese Hölle aus unfassbarem Schmutz und unvorstellbarer Gewaltakte, in der trotz der unerträglichen Zustände einzelne Menschen dazu fähig sind, erstaunliche Akte der Nächstenliebe zu vollbringen. Die Frau des Arztes führt die Blinden ihres Schlafsaals zur Toilette, hilft ihnen beim Ankleiden, säubert sie von Schmutz und Kot, ohne ein einziges Mal zu klagen oder ungeduldig zu werden mit diesen hilflosen Opfern der Krankheit.

Saramago macht es dem Leser nicht leicht, in seinen Roman hineinzufinden. Die Stadt der Blinden" beginnt sperrig. Schachtelsätze ziehen sich über zwei oder drei Seiten, der Autor scheint Absätze und Satzzeichen nicht sonderlich zu schätzen und die eingeschobenen Dialoge sind nur schwer von der Handlung zu trennen und als solche erkennbar. Die Figuren sind keine Personen, mit denen sich der Leser identifizieren kann. Sie stellen Typen dar, reduziert auf eine einzige Eigenschaft: der Arzt, die Frau des Arztes, der erste Blinde, die Frau des ersten Blinden, die junge Frau mit der Sonnenbrille, der schielende Junge, der Alte mit der Augenklappe oder die Blinde, die nicht schläft.

Das ebenso verstörende wie faszinierende Szenario und Saramagos knappe und präzise Sprache lassen den Leser die stilistischen Zumutungen schnell vergessen. Die Stadt der Blinden" ist ein beängstigender und sehr eindringlicher Roman, dessen Wirkung auch nicht durch das reichlich abrupte Ende, das kaum Erklärungen liefert, geschmälert werden kann.
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José Saramago (1922-2010) war ein portugiesischer Autor. 1998 wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Der Roman "Die Stadt der Blinden" erschien 1995.

In "Die Stadt der Blinden" geht es um eine Blindheitsepidemie, die eine namentlich nicht genannte Stadt heimsucht. Diese unrealistische Epidemie ist die Grundlage für ein Gedankenexperiment. Welche Eigenschaften würde eine solche Extremsituation in den Menschen zu Tage treten lassen? Eindrucksvoll schildert Saramago, wie einige wenige ihre beste Seite zeigen, während die meisten Abgründe offenbaren.

Im Wesentlichen ist das, was Saramago schildert, nachvollziehbar. Manches ist aber leider auch maßlos überzogen. Wenn zum Beispiel 15 Mann und weil sie eine Waffe haben, 200 andere Personen davon überzeugen, dass sie alle Frauen unter den 200 vergewaltigen dürfen und niemand dagegen aufbegehrt, ist das einfach unrealistisch. Natürlich ist das ganze eine Parabel und insofern ist es nicht ganz fair, sich über unrealistische Punkte zu mokieren aber mich hat es trotzdem gestört.

Das Hauptproblem des Romans ist aber meines Erachtens die Sprache. Grundsätzlich ist Saramago ein geübter und wortgewandter Erzähler. Formvollendete Satzgefüge, die gern mal über eine halbe Seite gehen, laden dazu ein sich in die Geschichte zu vertiefen. Allerdings hat er eine groteske Form gewählt um direkte Rede darzustellen.

"Der Blinde hob die Hände vor die Augen und bewegte sie, Nichts, als wäre ich mitten in einem Nebel, als wäre ich in ein milchiges Meer gefallen, Aber Blindheit ist nicht so, sagte der andere, Blindheit heißt es, ist doch schwarz, Aber ich sehe alles weiß, Vielleicht hat die gute Frau ja recht, es kann etwas mit den Nerven sein, die Nerven sind wirklich teuflisch, Ich weiß sehr wohl, was es ist, ein Unglück, ein Unglück, Sagen sie mir bitte, wo sie wohnen, gleichzeitig hört man, wie der Motor, ansprang."

Im Deutschen ist das eindeutig falsch. (Im Portugiesischen vermutlich auch.) Natürlich hat ein Autor immer die Freiheit von sprachlichen Konventionen abzuweichen, wenn es der Sache dienlich ist. Das ist hier aber meines Erachtens nicht der Fall und ich wage zu behaupten, dass man sich bei einem weniger renommierten Autor massiv an solchen Formulierungen stören würde.

Alles in allem eine gute Idee, die nicht immer gut umgesetzt wurde.
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am 2. Oktober 2010
Warum dieses Buch?
Die Idee hat mich fasziniert und die Bewertungen waren auch so gut. Drum.

Was mag ich?
Das Buch hat mich gefesselt. Wenn man sich richtig einliest und auf das Buch einlässt, steckt man mittendrin und kann beinah die Empfindungen der Hauptpersonen selbst fühlen. Die Atmosphäre ist durchgehend bedrückend und ich muss zugeben, dass ich manchmal auch Angst hatte zu erblinden (auch wenn das ohne Zweifel albern ist). Es zeigt aber, wie mich dieses Buch beeindruckt hat. Alle Geschehnisse, ob schön oder grausam sind recht nüchtern beschrieben, was die realistische Wirkung des Buches bestärkt. Nicht zu vergessen, der moralische Appell an die Gesellschaft.

Was mag ich nicht?
Die Sätze sind zum Teil beinah seitenlang. Wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet, sondern einfach in den normalen Text eingebaut. Dies erfordert es das Buch konzentriert zu lesen um alles aufzunehmen und nichts zu verpassen. Das Ende ist beinahe schon romantisch (entgegen der grundsätzlichen Stimmung des Buches)

Meine Empfehlung:
Wen die Geschichte interessiert, der sollte es lesen - sich aber unbedingt Zeit dafür nehmen. Es ist jedenfalls ein Buch, das man nicht vergisst - aber eben kein Buch für zwischendurch.
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am 7. Mai 2012
Lange habe ich nach einem Buch gesucht, das wirklich gut ist und den Nerv der Zeit trifft - in diesem Buch bin ich fündig geworden und es gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern.
Das Buch beschreibt eindrucksvoll wie die Blindheit wie eine gefährliche Seuche eine ganze Stadt ergreift. Kranke, vorher kerngesunde Menschen, werden plötzlich zur Gefahr und müssen isoliert werden. Unter extremen Umständen werden die Blinden wie Schwerstkriminelle behandelt, man stellt sie vollkommen auf sich allein.
Das Buch hat mich sehr beeindruckt, weil es in meinen Augen die Gefahren der Gesellschaft aufzeigt, die man mit seinem Leben eingeht - Ausgrenzung, Diskriminierung und Terror wegen Dingen wie eine Behinderung, welche den Menschen zu etwas anderem machen als es die Gesellschaft vorgesehen hat.

Definitiv empfehlenswert!
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am 26. Juli 2005
da ich die angewohnheit habe, jedes angefangene buch auch fertigzulesen, kam auch bei der stadt der blinden keine ausnahme für mich in frage. doch das lesen gestaltete sich zu einer qual. nicht vorhandene anführungszeichen und dadurch teils elendslange sätze machen das buch schwer lesbar. das weglassen jeglicher namen und ersetzen dieser durch die bereits in anderen reviews erwähnten "umschreibungen", mögen zwar die anonyme welt der blinden unterstreichen, nervten aber auf dauer gewaltig. auch das zähe voranschreite der story stellt mich hart auf die probe. "die stadt der blinden" mag von der idee und vom szenario her wirklich gut sein, die umsetzung scheitert aber an einem erzählstil, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden. und vor allem diese diskrepanz zwischen fäkalsprache und pseudo-philosophischen ansätzen sowie anspruchsvollem satzbau und trotzdem teils naiver erzählweise störte mich an saramago's buch gewaltig. schade.
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am 18. Juli 2008
Ein Mann erblindet plötzlich, am Steuer seines Autos, an einer Ampel auf Grün wartend, ihm wird geholfen, in rasantem Tempo erblinden immer mehr Menschen, bis sich die Regierung gezwungen sieht, die erblindeten Menschen von den sehenden Menschen zu trennen, die Erblindeten also in Lager zu stecken, die von Soldaten bewacht werden. José Saramago lässt den Leser an den Schicksal einer kleinen Gruppe von Menschen teilhaben, die "Namenlos"- der Augenarzt (oder auch nur der Arzt), die Frau des Arztes, die junge Frau mit der dunklen Brille, der schielende Junge, der erste Blinde und andere- bleiben. Einzig die Frau des Arztes behält aus unerklärlichen Gründen ihr Sehvermögen und bleibt bei ihrem Mann, indem sie Blindheit vortäuscht. Erst nachdem die ganze Stadt erblindet ist, gelingt der Gruppe die Flucht.
José Saramago lässt den Leser am Verfall der Moral (unter den Blinden erhebt z.B. eine "terroristische Gruppe" Anspruch auf die Herrschaft und verkauft das von ihr den anderen weggenommene Essen), ohne moralistisch zu sein, der Ethik, am Verfall des Menschseins per se teilhaben, er zeigt aber auch, dass es wohl möglich ist, in einer Situation wie dieser, Mensch zu bleiben, auch wenn die Umstände es fast unmöglich machen. Auch Liebe, und vorrangig, der Glaube an die Liebe, der ungebrochen bleibt, auch wenn man nicht sicher ist, ob man den nächsten Tag noch erleben wird. Ich denke, das ist auch genau die Botschaft (wenn man so will), die José Saramago dem Leser vermitteln will. Wenn man die Geschehnisse abstrakt betrachtet, merkt man rasch, wie sehr José Saramago mit Symbolik arbeitet. Beispiele für die gruppendynamischen Aktionen, für das Ausgrenzen von "Randgruppen", sowie für die opportunistische "Mitläufer-Täter-Rolle" findet man in den dunklen Kapiteln unserer Geschichte (und auch unserer Gegenwart) leider schnell. Großartig finde ich (anders als einige Rezensenten vor mir, die eben das als Schwachpunkt gesehen und bewertet haben), dass José Saramago gar nicht erst versucht, uns die alles erfassende Blindheit, bzw. die Nichterblindung der Frau des Arztes zu erklären, ich denke, die Ursache ist in diesem Fall nicht wichtig.
Wenn man bereit ist, diese beeindruckende und ungewöhnliche Prosa (falls "Die Stadt der Blinden" des Lesers erste Berührung mit José Saramagos Welt ist) auf sich wirken zu lassen, ist man schnell vom Sog dieser Prosa verzaubert und gefangen.
Ein beeindruckender, ein großer, ein wichtiger Roman, der zum Nachdenken anregt, ein Roman, der lange nachklingt. Ein Roman, der Stellung nimmt und kompromisslos auf seiner Linie bleibt. Ein Meisterwerk.
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am 13. Januar 1999
Ein bedrückendes Buch. In nüchternen Worten schildert José Saramago das Schicksal einer Stadt, eines ganzen Landes: Auf unerklärliche Weise erkranken zunächst wenige, bald aber immer mehr Menschen an einer "weißen" Blindheit. Die Blinden werden, aus Angst vor der Ansteckung, in einer leerstehenden Irrenanstalt interniert, wo schon bald Hunger, Krankheiten und Gewalt regieren. Der Autor konfrontiert seine Leser mit beunruhigenden Wahrheiten: Er zeigt, wie schnell aus Menschen Tiere werden, wie dünn der Lack der Zivilisation ist - aber er zeigt auch, daß es nicht hoffnungslos ist, an das Gute zu glauben.
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am 5. Juli 2009
In Jose Saramagos Buch "Die Stadt der Blinden" geht es um eine seltsame Krankheit, die die Menschen plötzlich erblinden lässt. Da diese Krankheit höchst ansteckend ist, sperrt die Regierung die bereits Erblindeten und alle, die mit ihnen in Kontakt gekommen sind in eine stillgelegte Irrenanstalt. Nach und nach kommen immer mehr Blinde hinzu und während sich die "Weiße Seuche" draußen weiter verbreitet, beginnt in der Anstalt ein Kampf um Leben und Tod...

Wenn man sich erst einmal an den ungewöhnlichen Schreibstil (Saramago benutzt keine Ausrufe-, Anführungs-, oder Fragezeichen, was manchmal verwirrend sein kann) gewöhnt hat, ist es ein unheimlich spannendes, beklemmendes und philosophisches Buch. Alles in allem: sehr empfehlenswert.

"Das Buch zum Film" enthält, neben dem Roman, noch einige Bilder, Kommentare der Darsteller und des Regisseurs und Hintergrundinfos zum Film.
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TOP 1000 REZENSENTam 18. August 2006
Ganz plötzlich erblindet ein Mann in seinem Auto. Ein Hilfsbereiter bringt ihn nach Hause, nützt jedoch anschließend die Blindheit des Mannes aus und stiehlt dessen Fahrzeug. Doch auch er erblindet. In der Augenarztpraxis multiplizieren sich die Opfer und dann geht es Schlag auf Schlag. Immer mehr Menschen erblinden und schließlich reagiert das Ministerium auf die erkennbare Epidemie und kaserniert die Blinden, bald sogar schon die vermutlich Infizierten in einer alten Irrenanstalt. Einzig die Frau des Augenarztes bleibt verschont, hält diesen Vorteil jedoch lange für sich, um zunächst einfach nur ihrem Mann beizustehen, später um die Blinden einigermaßen sinnvoll zu unterstützen.

In unnachahmlicher Weise beschreibt der Nobelpreisträger Saramago ohne Umschweife und mangels jeglicher Störung durch überflüssige Satzzeichen zu verfolgen in seiner Allegorie die Entwicklung der Zufallsgemeinschaft mit ihren individuellen Schicksalen und Hoffnungen, Enttäuschungen und den sich schnell ergebenden Erniedrigungen. Es ist erschreckend, zu erfahren, wie sich Menschen verändern (können) und vermutlich wirkt das auch deshalb so stark, weil sich der Leser, die Leserin schnell selbst zu entdecken glaubt beziehungsweise erschreckt die Möglichkeit der Wesensveränderung auch bei sich erkennt.

Grausam, Ekel erregend und erschütternd bekommt man den Untergang des Menschlichen, der Verantwortung, Liebe, Seele, Zivilisation und Würde vor Augen geführt. Zudem verfolgt man die absolute Entgleisung zivilisatorischer Kraft, die völlig abstrus aus einer vormals demokratischen, aufgeklärten Gesellschaft binnen Stunden zu einer diktatorisch unterdrückten Masse mit verborgenen, aber nun aufbrechenden Perversionen mutiert. Es wird schnell deutlich, dass die genutzte Metapher des Autors greift: Blind sein bedeutet nicht nur Nichts zu sehen!

Als die zusammengepferchte Ansammlung lediglich Sehbehinderter – was prinzipiell wahrlich nicht Bedrohliches oder gar Abstoßendes darstellt – beginnt, in niedrigster Weise sich gegenseitig unter Missachtung jeglicher Grundwerte und angeeigneter oder erlernter Verhaltenskodizes zu verletzen, zu unterdrücken und zu erniedrigen, sich gegenseitig in einem aussichtslosen Kampf und menschenunwürdigen Umgang miteinander auszurotten, offenbart sich die Frau des Arztes mit ihrer Fähigkeit zu sehen als scheinbare Befreierin.

Die wieder gewonnene Freiheit ist nur eine vermeintliche, denn die vorherigen Werte und Besitztümer erweisen sich letztlich als überflüssig und wertlos, Grundbedürfnisse auf den Rücken Anderer zu befriedigen wird zum täglichen und einzigen Überlebenskampf. Die unsinnig Eingesperrten betreten das Ende der Zivilisation, das überall vorherrschende Chaos, gegen das die Sehende mit unbändiger und unerschütterlicher Kraft angeht und so überzeugend wirkt, dass sich gegen Ende ein Hoffnungsstreif am Firmament der durch Exkremente, Müll und Zerstörung gezeichneten Stadt erahnen lässt.

Die in der Geschichte versteckte oder auch offensichtliche Allegorie auf die Unmenschlichkeit im menschlichen Alltag, auf die Blindheit der Sehenden und Herrschenden, ergreift, rüttelt auf und lässt über die Grundanliegen der Gesellschaft, des Menschlichen an sich und den Sinn eines würdigen Lebens oder besser noch über die Würde eines Lebens nachsinnieren. „Die Stadt der Blinden“ ist ein einzigartiges Buch, das zu lesen Pflicht sein müsste, um die Bedeutung des menschlichen Miteinanders, den Wert der Solidargemeinschaft und die Kraft von Würde und Liebe für jede und jeden Einzelnen nachhaltig zu vermitteln. © 8/2006, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.
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